Hallo Linda,
herzlich Willkommen hier im Forum.
Ich bin Mitte 40, Alkoholiker und ein paar Jahre trocken.
Wie die meisten hier habe ich natürlich auch versucht kontrolliert zu trinken. Wie bei den meisten hier gelang mir das, besonders am Anfang meiner Karriere, noch ganz gut, auch über längere Zeiträume hin weg. Wie Du es von Dir beschreibst war auch bei mir der Gedanke an Alkohol, an MEHR Alkohol, immer präsent. Mal weniger stark, mal stärker. Ich habe es letztlich nicht geschafft dauerhaft kontrolliert zu trinken und bin irgendwann immer wieder komplett abgestürzt. Bei mir hatte das Ende von Trinkpausen oder auch das Ende von kontrollierten Trinkphasen immer zur Folge, dass ich erst mal nachgeholt habe was ich verpasst habe und dann immer auf einem etwas höherem Trinkniveau gelandet bin als vor den Pausen. Das scheint ja bei Dir so nicht der Fall zu sein.
Jetzt möchte ich noch auf ein paar Dinge von Dir eingehen bzw. Dir meine Meinung dazu schreiben:
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Meine Frage, die ich dauernd an mich selbst richte, ist eigentlich (kurz gefasst): kann jemand wie ich, der so kontrolliert und strukturiert in allem ist, der über 25 Jahre Alkohol konsumiert, sich aber immer mehr gebessert hat, kann der wirklich abrutschen und irgendwann mittags die Flasche Korn auf dem Tisch stehen haben?
Ja, klar kann das passieren. Eigentlich wäre das sogar der klassische Weg. Ob Du dann mittags eine Flasche Korn auf dem Tisch hast oder statt dessen abends 3 Flaschen Wein trinkst bleibt offen. Entscheidend ist ja nicht was Du trinkst sondern die Menge reinen Alkohols, die Du am Ende eines typischen Tages so intus hast. Und diese Menge steigert sich in der Regel mit anhaltender Sucht. Es ist aber auch so, dass einzelne Phasen der Alkoholsucht viele Jahre, sogar Jahrzehnte andauern können. Es ist also nicht so, dass man automatisch nach 5 oder 10 Jahren von Konsum x nach Konsum y rutscht. Diese Krankheit ist sehr individuell.
Ich habe in meinem Bekanntenkreis einen Menschen, der meiner Meinung nach sicher Alkoholiker ist, der seit meiner Kindheit definitiv viel zu viel trinkt (in diesem Fall "nur" Bier) und der jetzt im mittleren Rentenalter ist. Und immer noch einfach zuviel trinkt, ab und an etwas über die Stränge schlägt und sich dann wieder eine Zeit lang einigermaßen im Griff hat (ohne komplett zu verzichten). Ich sage jetzt mal, das macht der schon sein ganzes Leben so. Ohne dass er jemals eine Flasche Korn auf dem Tisch stehen gehabt hätte. Er ist also sein Leben lang an einem Grad entlang gewandert zwischen zu viel Trinken, wieder etwas weniger trinken, dann wieder zu viel usw. Aber ist nie komplett abgestürzt. Das gibt es auch, ich habe es ja selbst mit angesehen und sehe es noch.
Aber: Glücklich wirkt er nicht auf mich. Diverse Krankheiten begleiten ihn seit vielen Jahren (z. B. schwere Gicht, Fettleibigkeit, Herz-Kreislauferkrankungen) - Aber die Handvoll Tabletten täglich werden halt mit ein paar Bier hinunter gespült. Ein Leben, wie es nicht führen möchte.... Aber ohne die Flasche Korn auf'm Tisch.
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Und noch eine Frage, die ich mir nicht beantworten kann: warum ist mein Saufdruck in den gut 11/2 Jahren der Abstinenz nicht milder geworden, sondern immer schlimmer? Ich habe von anderen immer nur gelesen, dass er besser wird.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Saufdruck nicht automatisch mit andauernder Abstinenz weniger wird. Also nicht AUTOMATISCH. Hier geht es ja um die psychische Abhängigkeit, nicht um die körperliche. Körperliche Abhängigkeit, sofern sie überhaupt besteht, ist nach dem Entzug in ein paar Tagen / Wochen Geschichte - Aber die Psyche macht ja die Sucht. Wenn Du also kontrolliert trinkst oder auch mal eine Trinkpause machst, im Hinterkopf aber immer ein Türchen offen lässt, weil Du ja nicht komplett aufhören möchtest, dann freut sich die Sucht ja schon darauf, endlich wieder ordentlich zuschlagen zu können. Mal Salopp gesagt.
Bei mir hat es erst funktioniert, als ich mir innerlich ganz sicher war nie mehr trinken zu wollen. Und bereit war dafür alles zu tun. Ich hatte und habe kaum Probleme mit Suchtdruck. Ich weiß, dass es auch andere Menschen gibt, die sehr starken Druck empfinden obwohl sie auch wirklich aufhören wollen. Damit umzugehen und diesen Zustand dauerhaft zu verändern ist dann wichtiger Teil einer Therapie - oder, je nach Typ, auch Teil der eigenen Aufarbeitung der Krankheit. Ich habe z. B. keine Therapie gemacht. Ging aber zum Psychologen und habe mir auch anderweitig noch einiges an Hilfe gesucht. Das war für mich genau der richtige Weg.
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Ich bin neidisch auf die, die einfach ein paar mal in der Woche was trinken oder auch nicht und sich gar keine Gedanken darüber machen!
Solche Gedanken sind mir völlig fremd. Warum soll ich darauf neidisch sein, wenn jemand ein paar mal in der Woche was trinkt oder trinken kann? Was hätte ich denn davon, wenn ich was trinken könnte? Welchen Vorteil brächte es mir, wenn ich ab und zu mal Alkohol trinken würde/könnte? Wäre ich dann glücklicher? reicher? schöner? attraktiver? - Wozu soll das Zeug eigentlich überhaupt gut sein? Seit ich abstinent lebe merke ich erst mal, wie überbewertet das Zeug überhaupt ist. Und wie unwichtig Alkohol eigentlich für mein eigenes Leben ist. Absolut bedeutungslos - und das meine ich ernst. Ich vermisse absolut überhaupt nichts. Auch nicht im Bezug auf mein soziales Umfeld. Lustige Abende, Spaß mit Freunden - alles ohne Alkohol nicht das geringste Problem.
Zugegeben, ich war nie Genusstrinker sondern immer Wirkungstrinker. Wobei - es gab schon den ein oder anderen Wein, der mir wirklich geschmeckt hat. Aber, es gibt so viele andere, nicht alkoholische Getränke oder auch Speisen die mir auch schmecken. Was juckt es mich denn, wenn ich auf diesen einen Genuss verzichte? Das juckt mich überhaupt nicht! Gleichzeitig gönne ich jedem sein Glas Wein, der es trinken möchte. Das ist mir total egal - weil es mir einfach nur gut geht und ich absolut nichts vermisse.
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Und noch eine Frage: warum habe ich schon morgens Saufdruck? Ich habe eigentlich nie morgens getrunken, höchstens in den schlimmsten Zeiten und das ist so lange her, das war fast ein anderes Leben.
Als das mit dem morgentlichen Saufdruck bei mir anfing und ich diesen dann irgendwann mal nachgegeben habe, das war dann endgültig der Anfang vom Ende. Da gings dann rapide bergab. Ich weiß auch noch, wann ich das erste mal vormittags getrunken habe. Es war einen Tag nach der Zeitumstellung - ich habe auf 12 Uhr mittags hingefiebert um endlich (beim Kochen) den ersten Schluck trinken können. Denn, Eisere Regel:kein Bier vor 12 Uhr (was'n Schwachsinn mein Alkihirn da produziert hat :o ). Nun war's aber erst halb 12 gewesen - aber ich sagte mir: eigentlich ist es ja schon 12.30 Uhr! Nur wegen der blöden Zeitumstellung.... Ich trank - und von da an regelmäßig. Natürlich verschoben sich die Zeiten immer mehr nach morgens. Zum Ende hin trank ich in der früh, auf dem Weg zur Arbeit meine ersten Biere....
Auf Deine Frage warum das so ist: Das ist der Lauf der Sucht...... ganz normal....
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Gar nichts trinken, also aufzuhören, ist für mich keine Option. Nein, meine Vorstellung ist ein vernünftiger Umgang mit dem Zeug. Mein Wunsch wäre ein "normaler" Umgang, aber das ist bei der Vorgeschichte natürlich undenkbar.
Deine Entscheidung! Du hast erkannt, dass Du Alkoholikerin bist willst aber weiter trinken. Niemand kann Dich daran hintern. Es gibt ja die Programme für kontrolliertes Trinken - vielleicht willst Du ja mal an so einem Programm teilnehmen. Andererseits - das was Du über Dein Trinkverhalten allgemein so schreibst klingt ja so, als würdest Du schon viele Jahre nichts anderes machen. Also kontrolliert trinken - halbe Flasche Wein und Schluss ist. Wo ist jetzt dann das Problem? Ist das nicht das was Du willst? Also nicht komplett verzichten und reduziert trinken? Vielleicht ist Dir die halbe Flasche noch zuviel, ok, dann reduzier halt noch etwas. Dann hast Du doch Dein Ziel erreicht?
Ok, der Saufdruck ist da - aber ist der nicht bei (fast) allen da, die kontrolliert trinken? Ist das nicht der Grund, warum so viele kontrollierte Trinker wieder in ihr altes Trinkverhalten zurück fallen - weil sie diesen permanenten Verzicht auf den Stoff, den sie eigentlich in viel größeren Mengen konusumieren möchten, nicht bekommen und dann irgendwann nachgeben? Ist es nicht dieser Saufdruck, der die meisten dazu bringt irgendwann zu sagen: Ich kann nicht kontrolliert trinken, deshalb will ich komplett abstinent Leben?
Wenn dauerhafte Abstinenz für Dich keine Option ist, dann versuche doch einfach mal mit professioneller Hilfe kontrolliert zu trinken - Vielleicht bist Du ja eine von jenen, die das dauerhaft schaffen. Ich kenne bisher niemanden der das geschafft hat, aber ich würde gerne mal jemanden kennen lernen. Das sind immer sehr intensive Diskussionen, die um das Thema kontrolliertes Trinken geführt werden. Und irgendwie gibt es dann meist immer niemanden, der jemanden kennt, der das dauerhaft geschafft hat. Trotzdem wird es immer wieder als eine Option dargestellt. Für mich war es keine!
Ich wünsche Dir alles Gute auf Deinem Weg und einen guten Austausch hier im Forum.
LG
gerchla