Guten Morgen Zensilein,
erst mal Herzlich Willkommen bei uns im Forum.
Ich wollte Dir eigentlich gestern schon schreiben, auf Deinen Post im Vorstellungsbereich. Bin dann aber leider nicht mehr dazu gekommen.
Mal kurz zu mir: männlich, Mitte 40, Alkoholiker, mehrere Jahre trocken, 3 Kinder - 2 davon aus erster Ehe (die u. a. auch wegen meiner Trinkerei gescheitert ist).
Ich kann Dir hier also nur aus der Sicht des Alkoholikers schreiben, nicht aus der eines Angehörigen. Und ich schreibe auch immer nur wie es bei mir war und prinzipiell nur aus meinen eigenen Erfahrungen heraus. Andere haben ganz andere Erfahrungen, aber Du kannst hier ja viel lesen und Dir dann Dein eigenes Bild machen.
Ein paar Anmerkungen zu dem was Du geschrieben hast:
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Ich entschuldige mich jetzt schon mal falls der Text lang wird, aber ich muss mir das mal von der Seele schreiben...
Dafür sind wir doch hier. Da brauchst Du Dich sicher nicht für entschuldigen
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Als wir zusammen kamen fand ich es noch nicht mal schlimm das er getrunken hat wir waren ja noch jung 19 und 18..
Ja, so ist das häufig. Vielleicht war es am Anfang ja auch noch nicht häufig, so viel und so regelmäßig. Leider suggeriert uns die Gesellschaft, dass Alkohol dazu gehört, dass es ganz normal ist, Alkohol zu trinken und mehr noch, dass diejenigen, die keinen Alkohol trinken manchmal, zumindest in bestimmten Kreisen, ausgeschlossen werden. Und ehrlich gesagt: Man ist jung, man hat Spaß und man trinkt halt auch mal Alkohol, vielleicht auch mal zu viel. Soll so sein - die meisten werden deshalb nicht automatisch zum Alkoholiker. Nur leider ist diese Krankheit so angelegt, dass es breits zu spät ist, wenn man bemerkt, dass man ein Problem hat. Dann ist der Zug schon abgefahren und es gibt leider auch kein Zurück mehr. Und leider gibt es auch keine Norm die besagt, bei wie viel Alkohol oder auch bei wie oft Alkohol man noch safe ist.
Ich kenne beispielsweise Menschen, die ewig viele Jahre fast täglich mehrere Biere getrunken haben und trotzdem (meiner Meinung nach) keine Alkoholiker wurden. Einige davon sind jetzt zu einem ganz "normalen" Trinkniveau (ab und zu mal ein Bier) zurück gekehrt. Wären sie süchtig, hätte das wohl nicht funktioniert (auch wenn es seltene Ausnahmen geben soll, mir ist noch keine begenet). Natürlich betrieben diese Menschen Alkoholmissbrauch und gesund war das sicher auch nicht. Aber die Sucht blieb aus.
Ich dagegen, trank jahrelang auf niedrigstem Niveau (1 bis max. 2 Bier am Tag auch mal mit Pausen) und war bereits süchtig. Beim Aufarbeiten meiner Sucht wurde mir das bewusst. Medizinisch gesehen war ich also jahrenlang fast in dem Bereich, wo mein Konsum noch als unbedenklich eingestuft wird - psychisch war ich aber schon abhängig.
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Am anfang hat er sich um die kinder gekümmert...
Die Sucht schreitet voran, anderes, z. B. Du oder auch die Kinder, verlieren für den Süchtigen an Bedeutung. Er ist sehr damit beschäftigt, seine Sucht zu befriedigen und muss zunehmend seine Energie dafür aufwenden. So geraden andere Dinge langsam in den Hintergrund, also z. B. auch Freunde, sonstige soziale Kontakte und irgendwann dann eben auch die eingene Familie....
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s gab Zeiten da traank er weniger und dann wieder viel aber nur Bier..
Diese Zeiten gab es bei mir auch. Es gab auch Zeiten, da trank ist Wochen oder sogar Monate lang gar nichts. Weil ich eben insgeheim erkannt hatte, dass da was nicht stimmt. Nach jeder Trinkpause wurde es bei aber schlimmer. Am Schluss war ich weder in der Lage weniger zu trinken und schon gar nicht in der Lage noch eine Trinkpause einzulegen.
Zu "er trinkt nur Bier" kann ich nur sagen: Es ist völlig egal was er trinkt - Alkohol ist Alkohol / Eine entsprechende Menge Bier hat genauso viel Alkohol wie eine Flasche Schnaps. Ich weiß nicht wie viel Bier er trinkt am Tag - ich hatte am Schluss so 10 - 12 Flaschen + Wein - ich kann das jetzt spontan nicht umrechnen ist in die entsprechende Schnapsmenge aber ich würde mal schätzen, dass das in etwa 1,5 bis 2 Flaschen Schnaps ergibt, rein von der Alkoholmenge her gesehen. Es ist wirklich egal was man trinkt. Dem Alkoholiker geht es ja immer nur um die Wirkung. Und ja, er beruhigt sich auch selbst damit, dass er sagt: Ich trinke ja NUR Bier - das ist Selbstbetrug.
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Das schlimme ist man kann mit ihm nicht reden er blockt sofort ab...Die Launen wurden bei ihm immer schlimmer wo er uns sehr verletzt hat...
Ja, das ist leider so. Eine Folge der Sucht, eine Nebenwirkung, eine Begleiterscheinung. Im Laufe der Sucht verändert sich der Süchtige, der Charakter, sein Denken und sein ganzes Wesen. Ich war als nasser Alkoholiker ein ganz anderer Mensch als ich es heute bin. Und leider ist man auch nicht sofort wieder "normal", wenn man mal nichts trinkt. Es ist ein sehr langer Prozess wieder zurück in ein normales Leben (und Denken) zu finden.
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Er hat den sinn zur Realität verloren und schiebt die schuld immer auf andere..
Kann ich von mir bestätigen. Ich lebte in einer kompletten Scheinwelt. Lügen und betrügen gehörten zu meinem Handwerkszeug. Ich war so gefangen ist meiner Scheinwelt, dass ich die tatsächliche Realität von meiner künstlich geschaffenen nicht mehr unterscheiden konnte. Es war schrecklich.
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. Auf alle fälle hab ich ihn vor die Wahl gestellt entweder er ändert sich oder er kann gehen..Er will sich nicht ändern dann hab ich gesagt er soll gehen..
Das hast Du sehr gut gemacht! 44. Und er ist gegangen - das tut weh, das kann ich sehr gut verstehen. Er hat sich für seine Geliebte, den Alkohol, entschieden und nicht für Dich und seine Familie. Dennoch war es das einzig Richtige, dass Du ihn vor die Wahl gestellt hast. Denn anderfalls wird sich für Dich und Deine Kinder nichts ändern, nichts zum Positivem verändern.
Nur er selbst kann die Entscheidung treffen nicht mehr trinken zu wollen. Nur er ganz allein ist für sein Leben verantwortlich. Nur wenn er will, kann er etwas ändern. Du kannst nichts tun außer auf Dich und Deine Familie zu achten. Sollte er sich für eine Entgiftung und eine Therapie entscheiden, dann kannst Du (wenn Du das dann noch willst) unterstützen. Aber auch nur dann. Wenn er weiter trinkt verpufft jegliche Hilfe, jegliche Energie die Du hinein steckst komplett.
Manchmal ist es so, dass so ein Ultimatum, wie Du es gestellt hast dazu führt, dass der Trinkende zur Besinnung kommt und etwas unternimmt. Manchmal.... Oft auch nicht, wie es bei Dir der Fall ist. Vielleicht ist er irgendwann später mal so weit - vielleicht gibt er sich aber auch sein Sucht hin und stürzt komplett ab. Es ist hart, aber es ist nicht Deine Verantwortung und schon gar nicht Deine Schuld. Er allein ist für sein Leben verantwortlich. Das schreibe ich Dir als Alkoholiker, der das alles kennt und erlebt hat von der anderen Seite her.
Ich wünsche Dir die Kraft, DEINEN Weg zu gehen, auf DICH und Deine Kinder zu achten und dass Du Dich abgrenzen kannst. Vielleicht wäre ja auch eine reale SHG für Anghörige etwas für Dich. Dort könntest Du Dich auch sehr gut austauschen.
Hier natürlich auch. Alles Liebe und Gute und bis bald
LG
gerchla