Guten Morgen Blueday,
erst mal herzlich Willkommen im Forum.
Ich bin ähnlich alt wie Du und mittlerweile schon einige Jahre trocken. Ich kann außer dem Alter kann ich noch einige Parallelen zu Deiner Geschichte feststellen. Ich will mal versuchen darauf einzugehen:
Zitat
So, nun zu mir: Ich bin 47, arbeite als Führungskraft im Vertrieb und bin allgemein sehr sportlich und achte auch auf eine weitgehend gesunde Ernährung sowie auf ein attraktives Äusseres.
Neben dem Alter bin ich auch Führungskraft (aber nicht im Vertrieb), was ich auch zu meiner Trinkerzeit schon war. Ich war auch lange Zeit schlank und anfangs auch sehr sportlich. Entsprechend habe ich mich auch ernährt, nur ein attraktives Äusseres war mir jetzt ehrlich gesagt nicht so wichtig. Das heißt nicht, dass ich herumgelaufen bin wie der letzte Mensch, ich habe dem Äußeren bei mir allerdings nie eine so große Bedeutung gegeben. Ich will damit sagen, dass ich meinen Sport gemacht habe, weil er mir Spaß gemacht hat, nicht weil ich gut aussehen wollte.
Das ging viele Jahre so, viele Jahre in denen ich bereits süchtig getrunken hatte (was ich aber erst im Nachhin verstanden habe). Mein Trinkniveau war damals mit Deinem sehr zu vergleichen. Vielleicht leicht niedriger. Ich trank jahrelang 1 - 2 Bier und diese fast täglich. Meine Feierabendbierchen. Konnten auch mal 3 werden, konnte auch mal ein Tag ohne dabei sein. Was Du von Deinen Wochenenden berichtest gab es bei mir auch. Allerdings wohl seltener. Ich war sicher nicht jedes Wochenende blau. Es waren eher die besonderen Anlässe, Einladungen bei Freunden ect. wo ich dann mal richtig betrunken war.
Und so ging das viele Jahre lang. Ich merkte körperlich überhaupt nichts, ich war immer sehr schlank und ich konnte meinen Sport gut machen (Läufer). Psychisch veränderte ich mich bereits, wobei sich das noch in Grenzen hielt. Zumindest war es so, dass mir längere Trinkpausen damals noch gut gelangen, ich aber schon damals immer an Alkohol gedacht habe.
Im Grunde hätte alles so bleiben können. Ein Trinkniveau, dass nur leicht über dem offiziell als unbedenklich geltenden Niveau lag und ansonsten eigentlich keinerlei Probleme. Wie Du Dir denken kannst, blieb es aber nicht dabei....
Irgendwann sprach mich meine Frau mal darauf an, ob ich nicht auch der Meinung wäre, dass ich etwas zu viel trinke. Sie meinte eher, ob ich nicht zu regelmäßig trinke, denn ich trank ja quasi jeden Abend meine Bierchen. Ich stimmte ihr zu und versprach einfach nichts mehr zu trinken. Ist ja kein Problem. Nun, es gelang einige Zeit, dann "schlichen" sich die Bierchen wieder in mein Leben. Wieder sprach sie mich an. Wieder versprach ich das regelmäßige Trinken sein zu lassen. Wieder gelang mir eine längere Pause. Doch dann überkam es mich wieder und ich hielt mich für ganz schlau!
Ich begann heimlich zu trinken. Das war toll! Denn ich trank nun offiziell überhaupt nichts mehr - und wurde dafür gelobt. Heimlich konnte ich mir mein Bier aber trotzdem gönnen. Super Trick!
Nun, da mich ja keiner mehr beim Trinken beobachtete, konnte ich ja auch mal etwas mehr trinken. So steigerte sich die Menge langsam. Immer wieder mal überkam mich mein schlechtes Gewissen und ich legte eine Pause ein. Aber da war ich schon längst in den Fängen der Sucht. Denn natürlich schaffte ich es nicht, heimlich aufzuhören. Und am Ende jeder Trinkpause erhöhte ich i. R. mein vorheriges Niveau. Immer war da der Gedanke: Na siehst Du, jetzt hast Du wochenlang nichts getrunken, da kannst Du gar kein Problem haben. Und ich holte nach, was ich verpasst hatte.
Zum Ende hin war ich bei 10 - 12 Bier (0,5 l) und gerne auch mal noch ne' Flasche Wein dazu. Härtere Sachen habe ich nie gemocht, allerdings ging es irgendwann auch hier dann langsam schon los. Nämlich immer dann, wenn mir die Vorräte zur Neige gingen und ich nicht mit einer Ausrede noch schnell zur Tanke fahren konnte. Du kannst Dir vielleicht vorstellen, wie hoch der logistische Aufwand ist, wenn man so eine hohe Trinkmenge heimlich konsumieren will. Besorgen des Stoffs, verstecken, trinken und vor allem auch heimlich das Leergut entsorgen. Das war Stress pur. Ich bin also davon überzeugt, dass ich sicher bald auf harten Stoff umgestieben wäre, alleine deshalb, weil ich dann leichter heimlich solche Mengen hätte trinken können.
Da war es dann übrigens auch längst vorbei mit Sport, schlanker Figur und gesunder Ernährung. Ich nahm zu wie blöd, meine Haut wurde fahl und war aufgeschwemmt. Wenn ich heute eine Foto von damals sehe, bin ich immer total erschüttert. Für mein Umfeld war das normal, denn diese Veränderung fand ja langsam statt. Körperliche Symptome stellten sich ein, Schmerzen im Bauchraum, Probleme mit dem Darm usw. Das ging auch über Jahre so und hat nicht verhindert, dass ich weiter und in zunehmenden Maße getunken hätte.
Am schlimmste jedoch war meine psychische Veränderung. Ich war ein psychisches Wrack! Wurde zum Lügner und Betrüger, nur um trinken zu können.
Ach, nach außen hin war ich ein sehr erfolgreicher und guter Familienvater. Niemand hätte vermutet, das ich ein Alki kurz vorm Endstadium bin. Job lief gut, ich stieg weiter auf und war hoch angesehen. Und eigentlich war ein todunglücklicher Mensch...
Jetzt vielleicht das Interessanteste für Dich, mein Ausstieg:
Irgendwann brach mein Kartenhaus zusammen. Ich wollte und konnte nicht mehr. Also beschloss ich endgültig die Reißleine zu ziehen und aufzuhören. Ich wusste, dass es wahrscheinlich meine letzte Chance ist irgendwie wieder auf die Beine zu kommen. Und ich wusste auch, dass ich es ganz anders machen muss als bei den vielen Trinkpausen vorher.
Also habe ich meiner Frau gegeüber geoutet. Details will ich jetzt mal stecken lassen, es war die Hölle. Dann habe ich mich bei meinem engen Umfeld goutet. Familie und Freunde. Ebenfalls sehr hart. Dieses Outing war aus meiner heutigen Sicht erst mal ein erster und enorm wichtiger Schritt. So, dann bin ich sofort, also bereits am ersten Abend ohne Bier, in eine SHG gegangen. Das war ebenfalls für mich ein komplett richtiger Schritt. Von den Erfahrungen dort profitierte ich enorm, hatte ich doch zu diesem Zeitpunkt selbst noch gar keine eigenen. Ich hatte eigentlich null Schimmer....
Dann zum Arzt und einen Termin beim Psychologen gemacht. Irgendwie war mir klar, dass ich diesen Ausstieg aus der Sucht nicht mit mir alleine ausmachen kann. Irgendwo habe ich gespürt, dass ich es nicht schaffen werde, wenn ich nur einfach nichts mehr trinke. Denn das wäre ja das Gleiche gewesen wie die vielen Male vorher. Ok, ich hatte mich vorher nicht geoutet aber trotzdem. Ich dachte immer, dass es reicht nichts mehr zu trinken und dass das durch Willenstärke auch möglich sein muss. Pustekuchen....
Ich merkte also, dass ich unbedingt aufarbeiten musste. Ich musste verstehen, warum ich getrunken habe. Nur dann erschien es mir möglich, länger abstinent bleiben zu können. Ich hatte aber gar keine Ahnung warum ich da so hinein gerutsch bin. Ich meine: schöne Kindheit, tolle Jugend, Schule wunderbar, Familie mit wunderbaren Kindern, keine finanziellen Probleme, keine Schicksalschläge, der Held im Job und einen guten engen Freundeskreis. Ach und "natürlich" keine Krankheiten, immer sehr gesund gewesen. Also wenn jemand KEINEN Grund zum Trinken gehabt hat, dann ich...
Trotzdem wurde ich zum Säufer. Da musste ich erst mal dahinter steigen. Also folgten viele Gespräche. Mit besagtem Psychologen z. B. aber auch mit meinem besten Freund. Mit einem Mönch, der mir sehr half (ist eine andere Geschichte, es ging dabei aber nicht um Glauben). Und über die Monate, über viele Monate veränderte sich mein Denken langsam wieder. Es switchte von "nass" auf "trocken" - das erreicht man nicht durch nichts mehr trinken. Dazu muss man wirklich an sich arbeiten.
Deshalb kann ich Dir aus meiner Sicht nur raten, alles an Hilfe anzunehmen was Du bekommen kannst. Das bedeutet nicht, dass Du alle Angebote auf Dauer nutzen musst. Man muss herausfinden, was für einen das Richtige ist. Mein Besuch bei der SHG z. B. , war in den ersten Monaten genau das Richtige für mich. Irgendwann merkte ich aber, dass es mich nicht mehr weiter bringt, dass ich etwas anderes brauche. Jetzt mache ich ganz andere Dinge.
Noch eins zum Sport, der Dir ja sehr wichtig zu sein scheint. Ich habe bereits einige Monate nachdem ich trocken war daran gedacht, meinen Sport wieder zu beginnen. Zumal ich innerhalb weniger Wochen nur durch die Abstinenz ewig viele Kilo verloren hatte. Da lag es mir nahe, wieder mit dem Laufen anzufangen.
Ich habe mich dann ganz bewusst dagegen entschieden. Ich wollte ERST meine Sucht aufarbeiten und dann wieder mit dem Sport beginnen. Ich hatte Angst, dass ich mit dem Sport von meiner Sucht ablenke. Denn ich wusste, dass ich dort recht schnell Erfolge haben würde. Das kannte ich aus der Vergangenheit. Ich sah für mich die Gefahr, dass mir diese Erfolge dann so wichtig werden würden, dass die anderen wichtigen Dinge an Bedeutung verlieren. Und ich mein "Glücklichsein" über den Sport definiere. Das wäre fatal für mich gewesen, hätte ich mich doch enorm davon abgelenkt meine Sucht aufzuarbeiten.
Mittlerweile habe ich meine Sport wieder. Ich laufe regelmäßig, in der Woche zwischen 50 und 60 km und das morgens vor der Arbeit. Jetzt hilft mir mein Sport, meine Gedanken zu sortieren und Anspannung und Stress erst gar nicht entstehen zu lassen. Das ist der Grund warum ich Laufe. Einmal im Jahr laufe ich mit Freunden einen Marathon und meist auch einen Halbmarathon. Das sind die einzigen "Wettkämpfe" die ich bestreite und das auch nur, weil wir sehr viel Spaß dabei haben. Dass ich dadurch keinerlei Gewichtsproblme habe, essen kann soviel ich will und einen durchtrainierten Körper habe ist schön, aber absolute Nebensache. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich nach so langer Sauferei überhaupt noch in der Lage bin diesen Sport zu machen. Oft laufe ich lächelnd über die Felder und durch den Wald und denke mir einfach nur: Was bist Du für ein glücklicher Mensch, dass Du das hier so machen kannst..... Und alles nur, weil ich nicht mehr trinke.
Zitat
Das wichtigste für mich ist, dass ich mein sportliches Ziel und meine Gesundheit nicht aus den Augen verliere.
Ich denke, es ist nicht richtig, dass als wichtigstes Ziel zu defnieren, zumindst nicht die sportlichen Ziele. Ich denke Du solltest erst mal Dein Leben wieder in den Griff bekommen. Im Moment scheint ja der Alkohol Dein Leben zu dominieren. Wenn er das weiter tut, wirst Du Dich wahrscheinlich sowohl von Deiner Gesundheit als auch von Deinen sportlichen Zielen verabschieden können.
Vielleicht war die ein oder andere Anregung für Dich dabei.
Alles Gute und eine guten Austausch wünsche ich Dir.
LG
gerchla