Guten Morgen Libelle,
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Und ich schwöre, ich mache es nicht einmal mit Absicht.
Das glaube ich Dir auf's Wort. Wenn ich an meine Trinkpausen zurück denke, dann gab es da immer einen Auslöser für so eine Pause. Das habe ich ja bereits geschrieben. In diesem Moment war ich auch immer fest davon überzeugt, dass ich "jetzt einfach mal nichts mehr trinke". Wie ebenfalls schon geschrieben, gelang mir das besonders am Anfang noch ganz gut. Auch mal längere Zeit.
Wenn ich da jetzt zurück blicke, dann frage ich mich natürlich, weshalb es nicht dauerhaft geklappt hat. Und da habe ich aus heutiger Sicht folgende Antworten: Ich war mir nicht bewusst, wie die Sucht eigentlich funktioniert / Ich habe selbst nicht 100 %ig daran geglaubt, wirklich süchtig zu sein / Ich dachte es reicht, einfach nichts mehr zu trinken / Da ich mir meiner Krankheit nicht bewusst war, kam ich nicht auf die Idee, dass ich da irgendwas aufarbeiten müsste / Da ich heimlich trank, dachte ich ich könnte auch heimlich damit aufhören und niemand wird je etwas davon erfahren / In mir keimte die Hoffnung, ich könnnte vielleicht doch irgendwann mal wieder "normal" trinken /
Das sind jetzt mal nur ein paar Gedanken zu diesem Thema. Wo war dann also der Unterschied zum meinem letzten Ausstiegsversuch? Also der Versuch, der bis zum jetzigen Zeitpunkt erfolgreich war - und das ist jetzt schon mehrere Jahre her.
Da war es folgendermaßen: Die Sucht hatte mich derart fertig gemacht, dass ich nur noch ein Wrack war - körperlich ging es noch gerade so, wobei unübersehbare Anzeichen für typische Alkoholikerkrankheiten bereits vorhanden waren. Psychisch jedoch war ich völlig fertig - lebte in meinen kranken Parallelwelten, nahm nur noch mechanisch an meiner Umwelt teil, hielt die Fassade nur noch notdürftig aufrecht, war innerlich kalt und leer.
Soweit die Ausgangssituation. Die letzten Wochen spitzten sich weiter zu, ich trank jetzt auch schon morgens auf dem Weg zur Arbeit und alles begann mir langsam egal zu werden. Das Kartenhaus fiel zusammen. Dann der Entschluss jetzt aufzuhören! Das bedeutete folgendes an "Maßnahmen" für mich (alles Dinge, die ich bei den Trinkpausen nie gemacht habe): Outing meiner Frau und meiner Kinder gegenüber, Outing meiner Familie gegenüber (Geschwister / Eltern), Outing im engsten Freundeskreis, Vernichtung aller Alkoholvorräte und Reserveren, Sofortiger Besuch einer SHG, Arztbesuch (leider hatte ich da schon kalt entzogen weil ich mir der Gefahr nicht richtig bewusst war) - das waren die ersten Maßnahmen in der ersten Woche meiner Trockenheit. Dann begann auch schon die Aufarbeitung mit Terminen beim Psychologen / zahlreichen Gesprächen mit meinem besten Freund und vielen Gesprächen mit einem Mönch, der mir wahrscheinlich am meisten bei der ganzen Angelegenheit geholfen hat (alles aber ohne religiösen Hintergrund).
Das alles ging über Monate so, viele Monate und mir ging es von Woche zu Woche besser. Die Themen in den Gesprächen veränderten sich von Anfangs eher akuten Problemen, von drängenden Fragen die ich hatte hin zu tiefer gehenden Themen. Alles hatte seine Zeit und es kam mir vor, wie ein Ritt durch mein bisherigen Leben / Denken / Verhalten.
Ich konnte nach ein paar Monaten dann auch damit beginnen mein nassen Denken, dass immer noch vorhanden war, durch ein neues "trockenes" Denken zu ersetzen. Ich idendifizierte bewusst nasse Gedanken, wenn sie auftraten und lernte gegenzusteuern. Das funktionierte Anfangs nur über den Kopf, also ganz bewusst gesteuert - je länger dieser Prozess aber andauerte (eigentlich bis heute), desto mehr änderten sich meine Gedanken und Verhaltsmuster und heute kommen sie aus dem Bauch heraus und müssen nicht mehr kopfgesteuert werden. Damit ist dann auch der Kampf vorbei!
Es war bei mir ein langer Prozess - aber auch ein schöner, denn die Erfolge stellen sich nach und nach ein und man wird sich bewusst, wie kaputt eine nasse Denke und ein nasses Verhalten eigentlich ist. Für mich ist das alles der Weg in eine zufriedene Abstinenz, also einfach in ein Leben, in dem Alkohol gar keine Rolle mehr spielt. Weg ich vom ich DARF nicht trinken hin zu ich WILL nicht trinken, weil mir der Sinn abhanden gekommen ist.
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Und lache mich nicht aus Gerchla, ich bin zwar eine erwachsen Frau, aber ich werde wohl genau sagen, was du geschrieben hast.
Oh nein, ich lache ganz bestimmt nicht. Du hast meinen Respekt dafür, dass Du jetzt doch zum Arzt gehen willst. Ich glaube fest, dass Dich das weiter bringen wird. Ich bin gespannt, was Du über diesen Besuch berichten wirst (falls Du das hier schreiben willst).
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Ich kann nicht sagen, warum es mir so schwer fällt, mich dazu zu äußern. Es ist nicht nur Scham.
Was ist schon Scham? Es ist halt einfach so, dass wir hier in einer Gesellschaft leben, wo Alkohol dazu gehört. Wo es toll ist wenn jemand möglichst viel Alkohol verträgt. Wo sich die Menschen noch nach Jahrzehnten darüber unterhalten, wie sie damals besoffen waren bei irgendeiner Gelegenheit und wie lustig es doch war. ABER - wehe dem, einer hat es nicht mehr im Griff - Wehe dem, einer schlägt zu oft über die Stränge und kann das nicht verheimlichen - wehe dem, einer sumpft richtig ab und kann seine Sucht nicht mehr verbergen - Tja, dann ist es vorbei mit der Herrlichkeit, dann ist er ein Alki, ein Versager, ein Mensch ohne Disziplin und ohne starken Charakter. Die Gesellschaft lässt ihn/sie fallen. Säuft er/sie heimlich wie ein Ochse aber keiner bekommt es mit - kein Problem, stürz er/sie aber ab......
In so einer Welt leben wir und da kann ich schon nachvollziehen, dass es einem schwer fällt darüber zu sprechen. Aber Du bist beim Arzt und Du wirst wohl nicht die erste sein, die sich dort outet. Und die Ärzte gehören i. d. R. glücklichweise auch zu denjenigen, die Alkoholismus tatsächlich als das sehen, was es ist: Eine Krankheit und keine Willensschwäche. Also, nur Mut.
Ich habe übrigens nach meinem Outing nur Anerkennung und Respekt erfahren. Dafür, dass ich den Mut hatte darüber zu sprechen.
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Und ich werde auch trotz meiner Eierei weiter durchhalten.
Das wünsche ich Dir. Und ich wünsche Dir auch, dass Du darüber hinaus einen Weg findest, der es Dir ermöglicht bald mit anderen Augen auf Deine Sucht zu blicken. Und zwar so, dass dann der Kampf unnötig wird und die Angst die Du im Moment hast verschwindet. Das Du erkennen kannst, dass ein Leben ohne Alkohol keinerlei Belastung oder Spaßbefreiung bedeutet sonder einfach nur wunderbar ist.
LG
gerchla