Hallo Belinda,
ich will mal einen Versuch wagen Dir meine Sicht der Dinge zu schreiben. Damit meine ich im großen und ganzen meinen Weg weg vom Alkohol hin zu einem abstinenten Leben.
Damit das hier kein Roman wird versuche ich mich mal auf das aus meinre Sicht wichtigste zu konzentrieren. Bevor ich damit anfange, eine kurze Vorstellung meinerseits:
Ich bin Ende 40, Alkoholiker und lebe nun schon seit mehreren Jahren ohne Alkohol. Davor war ich sehr viele Jahre lang ein heimlicher Trinker, hatte eine Familie (2 Kinder), einen guten Job und keinerlei Probleme oder Gründe weshalb ich hätte saufen müssen. Die heimliche Trinkerei begann ich irgendwann, als meine Frau mal feststellte, dass sie der Meinung sei, ich würde vielleicht etwas zu regelmäßig trinken. Zu dieser Zeit trank ich eigentlich "nur" mein Feierabendbierchen, keine Saufgelage oder so. Und so ging dann das Verheimlichen los und ich habe das bis zum bitteren Ende durchgezogen obwohl ich die letzten Jahre erhebliche Mengen Alkohol (10-12 Bier + oft noch Wein / tägl.) zu mir nahm.
Das mal, damit Du meine Situation etwas einschätzen kannst.
Glücklicherweise habe ich keine eigenen Erfahrungen mit Depressionen oder Adhs. Das vorab, ich kann Dir dazu also nicht viel bis gar nichts sagen.
Jetzt zum Eigentlichen, nämlich dazu:
Zitat
Würde gerne eure Ansätze wissen wie ihr es geschafft habt und damit umgegangen seit...
Meiner Meinung nach dient der Alkohol nur dazu etwas zu kompensieren, etwas zu kaschieren oder etwas zu verdrängen. Es gibt immer Gründe warum jemand zum Alkoholier wird oder wurde, auch wenn er selbst diese Gründe nicht sieht oder es von außen gesehen gar keine Gründe gibt.
Wer Alkohol wegen seiner Wirkung trinkt hat meiner Meinung nach auf jeden Fall auch noch ein anderes Problem das er damit beseitigen oder lindern möchte. Er tut es deshalb mit Alkohol, weil er keine anderen Wege sieht oder weil er glaubt Alkohol sei ein guter oder der einfachste Weg. Und weil es gesellschaftlich bei uns "so gelernt" ist. Ich glaube so ähnlich ist es ja bei Dir auch, Du hast das Problem der Depressionen und versuchst Dir mit Alkohol Linderung zu verschaffen.
Ich hatte keine Depressionen und auch sonst keinen offen ersichtlichen Grund und trank trotzdem Alkohol um irgendwas damit zu erreichen. Nach langer Aufarbeitung weiß ich heute, dass die Gründe für meine Sucht wohl in meiner Kindheit zu finden sind. Wenngleich ich das ohne tiefes Nachdenken und Aufarbeiten niemals so gesehen hätte.
Natürlich hatte ich, wie fast alle Alkis, zahlreiche Versuche gestartet um von dem Zeug los zu kommen. Natürlich sind diese Versuche immer früher oder später in die Hose gegagen. Ich wollte wirklich weg von dem Zeug aber meist war es dann nach ein paar Wochen wieder soweit, dass ich erneut trank.
Ich konnte es erst schaffen, als ich bereit war alles dafür zu tun. Ich wusste, dass dies für mich bedeutete, mein ganzes bisheriges Leben hinter mir zu lassen. Ich wusste, dass dies für mich bedeutete, dass nichts mehr so sein wird wie es war. Und, was am schlimmsten für mich war, ich wusste das es meiner Familie den Boden unter den Füßen wegreißen würde.
Und genau das traf dann tatsächlich auch ein. Ich outete mich als Alkoholiker, begann sofort mit zahlreichen Maßnahmen (SHG, Psychologe ect.) und begann zu überlegen, was ich mit meinem Leben eigentlich anfangen möchte. Dieses "über mich selbst nachdenken" und "über den Sinn meines Lebens" nachdenken war der Schlüssel zum Ausstieg für mich. "Nebenher" musste ich ja aber auch noch mein normales Leben weiter leben, zur Arbeit gehen, irgendwie mit meiner Familie umgehen, deren Welt komplett zusammen gebrochen war.
Mein Nachdenken führte erst mal dazu, dass ich mich von meiner Frau trennte, umzog und noch mehr Zeit zum Nachdenken hatte. Das Nachdenken tat ich alleine und zusammen mit anderen Menschen. Mein bester alter Freund war mir ein guter Begleiter, es gab einen Mönch, der mir sehr viel geholfen hat aber es gab auch die klassischen Hilfen, wie z. B. Psychologe oder SHG. Ein schöner Mix, der meine Gedanken immer wieder in andere Richtungen brachte und meine Sichtweisen immer wieder neu veränderte.
Das alles dauerte viele Monate, vielleicht sogar Jahre und dieser Prozess ist auch heute noch nicht abgeschlossen und wird es hoffentlich auch nie sein.
Die Schlüsselfragen für mich waren: Wer bin ich eigentlich? Wer möchte ich gerne sein? Wieso habe ich getrunken? Wie konnte es soweit kommen? Was ist der Sinn meines Lebens bzw. welchen Sinn möchte ich meinem Leben geben? Was möchte ich noch erreichen? Was bedeutet für mich eigentlich "glücklich sein"?
Wenn man sich diese Fragen für sich selbst beantwortet sieht man etwas klarer. Ich sah jedenfalls klarer und ich sah auch, dass ich zum Erreichen meiner Ziele alles Mögliche brauche, nur keinen Alkohol. Der hilft nämlich bei gar nix.
Und so startete ich in mein neues, wirklich fast komplett neues Leben. Das nun viel demütiger und dankbarer ist als es vorher je gewesen ist. Ich spüre jeden Tag wie gut es mir eigentlich geht und bin so dankbar dafür. Ein kurzes zurück denken an mein früheres Leben genügt und ich werde demütig und bin einfach nur glücklich, dass ich heute so leben darf.
Und damit das so bleibt, hinterfrage ich auch heute immer wieder mein Handeln, auch meine Gedanken, meine Denkweisen. Schleicht sich da möglicherweise eine alte Denkweise ein..... War das jetzt ein Verhalten wie ich es früher auch hatte.... ja? warum war das jetzt so? welche Schlüsse ziehe ich daraus.... usw. usf.
Natürlich gehört auch der Austausch mit anderen Menschen dazu. Jetzt schon lange nicht mehr nur über das Thema Alkohol und Sucht (das war Anfangs sehr wichtig), nein jetzt auch über ganz andere Themen, die mich beschäftigen, die mir bei der Entwicklung meiner Persönlichkeit wichtig erscheinen.
Ich will mal versuchen es zusammen zu fassen: Wenn Du weißt was Du vom Leben erwartest, wenn Du weißt was Glück für Dich bedeutet (und das kann sehr individuell sein), dann brauchst Du kein Suchtmittel um das zu erreichen sondern Dir wirst erkenne, dass Du Deine Ziele nur aus Dir selbst heraus erreichen kannst.
Vielleicht kann Dir so eine Denke auch bei depressiven Gedanken helfen - das ist aber nur Spekulation von mir, denn ich sagte ja, dass ich da nicht mitreden kann. Sicher ist aber, dass Dir Alkohol niemals helfen wird.
Ich wünsche Dir jedenfalls von Herzen alles alles Gute und ich hoffe sehr, dass Dich der Dialog hier weiter bringt.
LG
gerchla