Guten Morgen Ben,
so, jetzt hab' ich etwas mehr Zeit.
Erst mal will ich Dir sagen, dass ich es sehr gut finde, dass Du heute beim Arzt warst. Ehrlich gesagt halte ich das für einen sehr wichtigen Schritt der auch zeigt, dass Du es jetzt wirklich ernst meinst. Und jetzt hast Du auch jemanden, zu dem Du immer gehen kannst (ohne Deine ganze Geschichte neu erzählen zu müssen), wenn Du mal eine Frage oder ein Problem hast.
Ganz wichtig ist aber, dass Du Dich dem Arzt offenbaren kannst. Wenn Euer Vertrauensverhältnis stimmt, dann kann das für Dich der Kickstart in eine trockene Zukunft sein. Ich bin damals leider erst nach ein paar Tagen zum Arzt, da war das Gröbste schon vorbei, allerdings war ich mir nicht bewusst, welches Risiko ich eingegangen bin. Und ehrlich gesagt, vielleicht wollte ich das auch nicht so wirklich wissen, denn angesprochen darauf wurde ich schon.... Zum Glück ging es gut!
Ganz kurz zu mir:
Ich bin Ende 40, Alkoholiker und lebe jetzt schon mehrere Jahre ohne Alkohol. Davor habe ich sehr viele Jahre getrunken. Anfangs eher moderat, jedoch bereits abhängig, später wurden es dann erhebliche Mengen und mein Trinkverhalten entwickelte sich so, wie man sich das gemeinhin bei einem "richtigen" Alkoholiker vorstellt. Also, ich begann z.B. dann schon morgens, vor der Arbeit mit dem Trinken, trank heimlich während der Arbeit usw. Das waren dann in etwa die letzten 2 - 3 Jahre meiner Alkoholikerkarriere. Vorher gab es unterschiedliche Stufen in meiner Sucht. Es ging los mit dem klassischen Feierabendbier, das lange Zeit auch wirklich nur das eine Bier war, jedoch schon regelmäßig, also täglich, getrunken wurde. Aus eins wurde zwei, aus zwei wurde drei usw. Irgendwann in dieser Zeit begann ich mein ganzes Trinkverhalten zu verheimlichen. D. h. ich trank offiziell so gut wie gar keinen Alkohol mehr und nahm die erforderliche Menge immer komplett heimlich zu mir.
Das wurde "notwendig", weil meine damalige Frau mich mehrmals darauf ansprach, ob ich nicht evtl. ein wenig zu viel und zu regelmäßig trinken würde. Damals trank ich noch sehr wenig, also ein bis zwei Bier vielleicht. Bevor ich heimlich trank, versuchte ich natürlich erst mal aufzuhören. Ich legte längere Trinkpausen ein. Das gefiel mir aber nicht wirklich und ich musste schon damals während dieser Pausen immer an Alkohol denken. Heute weiß ich, dass ich damals schon süchtig war. Und da ich keinen Bock mehr darauf hatte, wieder auf meinem Konsum angesprochen zu werden, fing ich mit heimlichen Trinken an. Der schreckliche Weg in meine Sucht war damit zementiert, bewusst war mir das damals allerdings überhaupt nicht.
Dein Trinkniveau hatte ich eine sehr lange Zeit. Das war für mich so die Zeit, wo ich der typische funktionierende Alkoholiker war. So 3 - 4 Bier am Tag, alles abends getrunken. Ab und an mal noch Wein dazu, aber noch nicht so große Mengen. Ich weiß nicht wie viele Jahre ich da so unterwegs war. Jedenfalls sah man mir damals meine Sucht noch nicht an, ich war noch schlank, mir tat noch nichts weh und meine Psyche hatte ich noch einigermaßen im Griff, wobei diese schon deutlich angegriffen war.
Langsam steigerte sich dann aber die Menge. Es wurden 6 - 7 Bier, 8 oder 9 usw. Es begann die Zeit, wo ich stark zu nahm, nicht mehr auf dem Bauch liegen konnte ohne dass es schmerzte. Mein Magen machte immer wieder Probleme, vom Darm will ich mal gar nicht reden. Trotzdem steigerte sich meine Trinkmenge weiter, es wurden 10 - 12 Bier am Tag, dazu noch Wein und ich fing schon morgens damit an. Da war ich dann ein Wrack, körperlich aber vor allem auch Psychisch. Diese letzten Jahre waren psychisch die Hölle. Meine Familie (Frau und 2 Kinder) litten natürlich auch darunter, auch wenn ich nach wie vor heimlich trank. Aber ich war ja quasi gar nicht mehr anwesend. Körperlich vielleicht, geistig allerdings drehte sich mein gesamten Leben nur um Alkohol.
Mit Beginn meiner Endphase begann ich ein ausgeprägtes Doppelleben zu führen. Als Führungskraft musste ich viel reisen, da war es mir ein Leichtes diese Reiseintensität noch deutlich zu erhöhen, diese Zeit jedoch in Wahrheit mit Trinken zu verbringen. Dazu gab es sogar einen eigenen Raum zu dem nur ich Zugang hatte und wo ich mir einen ordentlichen Vorrat an Alkohol angelegt hatte.
Warum schreibe ich Dir das alles? Einfach um Dir zu zeigen, wohin Dich eine fortschreitende Sucht führen kann oder ich möchte vielleicht besser sagen, führen wird. Und ich bin mir sehr sicher, dass ich mit meinem Abstieg noch lange nicht am Ende gewesen wäre. Hätte ich es nicht geschafft meine Sucht zu stoppen, wäre es ganz sicher noch tiefer gegangen. Schlimmstenfalls dann bis zu meinem bitteren Ende, und das meine ich jetzt nicht dramatisierend!
Deshalb ist es gut, dass Du JETZT die Reißleine ziehst. Mit 33 Jahren hast Du noch eine Menge Zeit vor Dir, Du solltest sie nicht mit der Befriedigung Deiner Alkoholsucht verbringen.
Jetzt mal wieder etwas praktischer für Dich:
Was habe ich gemacht. Also, wie gesagt, mit etwas Verspätung ging ich zum Arzt. Das war mal wichtig um alles Checken zu lassen aber auch um das weitere Vorgehen zu besprechen. Bereits am ersten Tag meiner Trockenheit habe ich eine SHG aufgesucht. Diese hat mich in der Anfangszeit dann fast täglich begleitet. Das war eine äußerst wichtige Erfahrung für mich, auch wenn ich dann irgendwann gemerkt habe, dass ich kein dauerhafter SHG-Besucher sein werde. Dann suchte ich professionelle Hilfe beim Psychologen, das hat leider etwas gedauert mit den Terminen, war jedoch dann auch ein wichtiger Baustein für mich.
Nebenher habe ich mich natürlich geoutet. Das geht aus meiner Sicht gar nicht anders. Vorher hatte ich oft Versuche gestartet mit dem Trinken aufzuhören. Und ich dachte: Wenn Du heimlich getrunken hast, dann kannst Du ja auch heimlich aufhören. Somit ist alles beim Alten und keiner merkt irgendwas. Eine WIN - WIN - Situation, sozusagen . Natürlich wurden bestenfall Trinkpausen aus diesen Versuchen. Das konnte gar nicht funktionieren, wie ich heute weiß.
Also outen, bei meiner Frau und meinen Kindern, bei meinen Eltern, bei meinen Geschwistern und bei den wenigen Freunden, die mir noch geblieben sind trozt meiner Sucht (für Freunde hatte ich jahrelang keine Zeit mehr, hab lieber heimlich gesoffen).
Das wären alles sehr schwere Gespräche. Ich meine, ich war ja offiziell ein liebevoller Familienvater, der beruflich zwar viel unterwegs war, jedoch auch äußerst erfolgreich. Nun erfuhren sie die Wahrheit.
Dann nahm ich noch Kontakt zu einem Mönch auf. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil ich diesen Menschen Jahre vorher mal erlebt hatte und er bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Und ich dachte: mit dem würde ich gerne mal über mich und meine Sucht sprechen, falls er dazu bereit sein sollte.
Ist eigentlich eine längere Geschichte aber ich kürze jetzt mal ab: Er war bereit und er wahr wohl derjenige, der am meisten dazu beigetragen hat, dass ich nun schon seit Jahren sehr glücklich ohne Alkohol lebe.
Nicht vergessen möchte ich meinen besten Freund, mit dem ich unzählige Gespräche geführt habe und er mir mit seiner ganz anderen, sehr pragmatischen Art ebenfalls immer wieder mal Stubser in eine andere Richtung gegeben hat.
In dieser ganzen Zeit des Trockenwerdens fiel die Trennung von meiner Frau und damit auch der "Verlust" meiner beiden von mir über alles geliebten Kinder (ich konnte sie dann nur noch am Wochende relativ kurz sehen). Die Trennung ging von mir aus, was meine emotionale Situation auch nicht gerade verbessert hat.
Mein zentrales "Problem" war die Aufarbeitung meiner Schuld, meiner vielen Lügereien, meiner Betrügereien, alles, was sich durch das heimliche Trinken und mein Doppelleben so angesammelt hatte. Damit musste ich erst mal lernen umzugehen. Und dann wollte ich meine Sucht unbedingt richtig aufarbeiten. Wichtig war für mich dann auch die Beantwortung zentraler Fragen nach dem Sinn meines Lebens. Ich wollte wissen wer ich war, wer ich eigentlich sein möchte, was ich sein möchte, was für mich eigentlich Glück bedeutet oder auch "nur" Zufriedenheit usw. usf. Da hatte ich ganz schön zu tun, wie Du Dir vielleicht vorstellen kannst.
Aber, all diese Fragen, all das Hinterfragen und das Finden der entsprechenden Antworten für mich verdeutlichte mir, wie sinnlos der Alkohol in meinem Leben war und ist. Ich begann zu verinnerlichen, dass mir dieses Zeug nie irgendwas gebracht hat. Und nein, ich habe nicht nur negative Erinnerung an Alkohol. Da gibt es schon auch einige positive, lustige, gesellige Geschichten. Jedoch, wenn ich tiefer nachdenke, alles aus den Zeiten wo ich noch nicht süchtig war....
Und heute kann ich all diese positiven, lustigen, geselligen Situationen wieder erleben - und zwar ohne Alkohol, man glaubt es kaum. Weil ich weiß, dass es das Zeug dazu gar nicht braucht, wenn man mit sich selbst im Reinen ist, keine Ängste mehr hat, keine Komplexe mehr hat oder auch gelernt hat damit umzugehen ohne es durch Alkohol zu vertuschen.
Ich kann Dich nur dazu motivieren Deine Sucht zum Stillstand zu bringen. Je nach dem , wie Deine persönliche Situation, Dein Umfeld aussieht, kann das für Dich ein mehr oder weniger starker Einschnitt werden. Du musst aber bereit sein, diesen Einschnitt zuzulassen bzw. vorzunehmen. Einfach nur den Alkohol weglassen funktioniert (leider) auf längere Sicht nicht.
Vielleicht hilft Dir der kurze Einblick in meine Geschichte etwas. Ich wünsche Dir auf jeden Fall nur das allerbeste und einen guten Austausch hier im Forum.
LG
gerchla