Beiträge von Gerchla

    Guten Morgen,

    Rina

    Ich möchte mich Deinen Worten anschließen und kann sie aus meiner eigenen Erfahrung heraus nur bestätigen. Ich war zwar nicht in der Situation, dass meine Ex-Frau oder jetzige Frau weiterhin Alkohol trinken wollten, beide tranken und trinken kaum, jedoch habe ich alles andere was Du schreibst genauso erfahren.

    Und auch ich bin nicht mehr derjenige "geworden", der ich vor der Sucht war. Das was während so einer Sucht mit einem passiert ist derart einschneidend, dass man, wenn man das Glück hat sie überwinden zu dürfen, als veränderter Mensch daraus hervor geht. Vielleicht gibt es Ausnahmen, die Menschen mit denen ich bisher sprach, sagten mir alle das sie einen grundsätzlichen Veränderungsprozess durchgemacht haben.

    Das ist auch der Grund dafür, warum ich Betroffenen immer wieder schreibe, dass es nicht damit getan ist, wenn der trinkende Partner mit dem Trinken aufhört. Die Hoffung dann denjenigen zurück zu bekommen, den man vorher kannte und geliebt hat (diese Hoffnung scheint verständlicherweise weit verbreitet), erfüllt sich in der Regel nicht. Und man "bekommt" auch nicht unbedingt den Menschen, welchen man beim trinkenden Partner in "guten Phasen" erkannt hat. Eine Abkehr von der Sucht bedeutet meist eine komplette Neuorientierung und Neuausrichtung des Lebens und auch der eigenen Persönlichkeit. Das bringt diese gewaltige Veränderung mit sich und ich denke, dass muss auch so sein. Wie gesagt, Ausnahmen mag es geben.

    Es ist also ein langer Prozess für BEIDE, für den Trinker und den/der Angehörigen. Und ich kann aus heutiger Sicht nachvollziehen, wenn Angehörige diesen Weg nicht mit gehen möchten und sich für eine Trennung entscheiden. Zumal oft ja auch Verletzungen entstanden sind und vor allem auch Vertrauen gebrochen wurde. Verletzungen zu heilen und Vertrauen wieder herzustellen halte ich für die größte Aufgabe und Herausforderung in solch einer Beziehung. Jedes Paar das diesen Weg gemeinsam geht und wieder zusammen findet hat meinen allergrößten Respekt, sie haben beide wirklich Großes vollbracht.

    LG
    gerchla

    Hallo Luise,

    ich hab' gesehen, dass Du Dich hier jetzt zwei mal zu Wort gemeldet hast. Schön, dass Du zu uns gefunden hast. Ich, und ich glaube auch viele andere, würden sich gerne mit Dir austauschen und Dir von unserer Geschichte erzählen. Wir waren alle verzweifelt und am Ende unserer Kräfte, bei mir schien es aussichtslos zu sein. Und doch bin ich heute hier und trinke schon sehr lange keinen Alkohol mehr und bin sehr glücklich mit meinem Leben. Ich hätte nie geglaubt, dass das jemals möglich sein wird.... Ich möchte Dich einfach dazu einladen, uns das zu schreiben, was Dich aktuell bedrückt, wenn Du magst. Gerne in Deinem eigenen Thread im Vorstellungsbereich. Reden (schreiben) kann ein Anfang sein. Alles alles Gute für Dich.

    LG
    Gerchla

    Hallo Laila,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum!

    Ich bin Anfang 50, Alkoholiker und trinke jetzt schon länger keinen Alkohol mehr. Ich trank vorher über 10 Jahre abhängig und die meiste Zeit davon heimlich. Das "gelang" mir so gut, dass selbst meine Familie erst am Tag meines Outings wirklich verstand, was eigentlich los war.

    Ich will Dir einfach ein paar Gedanken zu Deinem Post da lassen.

    Was Du von Deinem Partner so schreibst oder beschreibst deutet auf ein großes Alkoholproblem hin. Damit meine ich, dass die Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich süchtig ist und nicht "nur" Missbrauch betreibt, extrem hoch ist. Aufgrund Deiner Beschreibung darf man davon ausgehen, dass er Alkholiker ist. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Du eventuelle Hoffnung auf eine "Besserung" oder auf ein Zurückfinden zu einem moderaten Trinkverhalten einfach fahren lassen kannst. So wie ich Dich lese ist Dir das aber bereits bewusst.

    Wenn es also einen Weg heraus geben sollte, dann könnte dieser nur so aussehen, dass Dein Partner aktiv gegen seine Sucht vorgeht. Das würde dann also bedeuten, über welche Maßnahmen er das dann auch immer umsetzten würde, keinen Alkohol mehr für ihn, überhaupt keinen Alkohol mehr und das mit allergrößter Wahrscheinlichkeit für den Rest seines Lebens.

    Was Du jetzt vielleicht mit einem Nicken und vielleicht so gar mit Freude gerne so annehmen würdest, das wird bei ihm wahrscheinlich Panik auslösen. Ich hätte mir das jedenfalls lange, tatsächlich sogar bis zum Schluss, nicht vorstellen können. Ich hatte irgendwann eine Schwelle überschritten, wo ich auch keinen Sinn mehr darin sah, Trinkpausen einzulegen oder meinen Konsum bewusst einzuschränken. Ich war tatsächlich bereit es "laufen" zu lassen, quasi lethargisch mit dem Gedanken "es kommt wie es kommt und wenn ich mich tot saufe dann ist das halt so".

    Eine richtige Erklärung, weshalb ich völlig ungeplant von einem auf den anderen Tag aufgehört habe, kann ich Dir nicht geben. Meine Frau hatte abends auf mich gewartet, die Kinder anderweitig untergebracht und mich mit einer von ihr aufgedeckten schlimmen Lüge von mir konfrontiert. Ich wäre jederzeit in der Lage gewesen, wie so oft vorher, mich auch dieser Situation durch noch "geschickteres" Lügen, Versprechen und Ankündigen herauszumanövrieren. Aber wie vom Blitz getroffen wusste ich: Ich will nicht mehr. Ich denke, ich war einfach so müde vom ständigen Lügen und Betrügen, so dass einfach dieser Punkt, dieser persönliche Tiefpunkt für mich erreicht war und ich einfach nicht mehr wollte. Es war wie ein "klick" und dann aber auch sofort der absolute Wille und die absolute Bereitschaft ALLES dafür zu tun nicht wieder trinken zu müssen.

    Ich schreibe Dir das einfach nur deshalb, weil es so war und weil es auch mal so sein kann. Mehrere Alkoholiker die ich kenne, haben mir erzählt, dass sie ganz plötzlich wussten, dass nun der Punkt gekommen war, wo sie ernsthaft aussteigen wollten. Nicht selten gab es davor aber viele gescheiterte Versuche die dann lediglich in Trinkpausen oder in einem Rückfall endeten.

    Zusammengefasst kann man also sagen, "die Hoffnung stirbt zu letzt". Und das schreibe ich jetzt auch ganz bewusst so, dann wenn Du Dir mal die Statistiken ansiehst, dann sind es eben tatsächlich die wenigsten, die überhaupt ernsthaft versuchen etwas gegen ihre Sucht zu unternehmen. Und von jenen, die es ernsthaft versuchen, sind es wiederum nur relativ wenige, die es dann auch dauerhaft schaffen. Und das liegt m. E. sicher nicht daran, dass diese Menschen (also die, die es nicht schaffen) irgendwie "schwach" wären, sondern daran, dass diese Sucht eine verdammt gefährliche und heimtückische Krankheit ist. Ich kann von mir sagen, dass ich einfach auch verdammt viel Glück hatte. Also später dann, als der Entschluss gefasst war und ich fest entschlossen war nie mehr zu trinken. Ich hatte einfach auch ganz viel Glück, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zu treffen und bei den vielen Entscheidungen die anstanden offenbar auch immer die richtigen zu treffen.

    Zurück zu Deinem Partner: Wenn man liest was Du schreibst, ist der erste Impuls zu sagen: Nix wie weg, es scheint nicht nur perspektivlos, es ist perspektivlos.

    Nun wird es aber ja so sein, dass Du Gründe hast, weshalb Du nach wie vor mit ihm zusammen bist. Wenn auch in etwas distanzierterer Form. Und ich will Dir diese Gründe auch nicht absprechen, denn nur Du allein entscheidest, wie Du Dein Leben führen möchtest. Was ich Dir aber sagen möchte, vielleicht im Hinblick auf die Frage "Macht es überhaupt Sinn sich die Mühe zu machen, diese Beziehung vielleicht doch retten zu wollen/zu können", ist, dass bei einem Alkoholiker nur TATEN zählen.

    D. h. es wird und kann sich nur etwas ändern, wenn er aktiv tätig wird. All die Gründe, weshalb er trinken muss, all die Eingeständnisse das er weiß, dass er Alkoholiker ist, all die Versprechen oder Ankündigungen, dass er aufhören wird, all das ist aus dem Munde eines Alkoholikers völlig bedeutunglos. Natürlich auch die Hinweise, dass Du ihn zu wenig unterstützt und wenn Du ihn nur besser unterstützen würdest, dann könnte er es auch schaffen..... auch das, völlig bedeutungslos und darüber hinaus auch noch komplett falsch.

    Ein Alkoholiker, und das sage ich aus meinen Erfahrungen heraus, lebt nicht in der gleichen Welt wie der nichttrinkende Partner. Er nimmt seine Umwelt nicht so wahr, wie ein nichtsüchtiger Mensch. Er hat immer den Filter Alkohol vorgeschalten. Den hat er auch vorgeschalten wenn er nüchtern ist. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Sucht über die Jahre einen Menschen verändert, grundsätzlich verändert woraus dann dieses typische Verhalten resultiert. Genau das Verhalten, dass Du von ihm beschreibst.

    Leider ist nur er ALLEIN in der Lage, diese Situation zu verändern. Das muss er aber auch WOLLEN. Niemand von außen kann das tun. Von Außen kann erst unterstützt werden, wenn der Alkoholiker die ersten Schritte selbst getan hat und dann auch weiterhin den allergrößten Teil Arbeit selbst macht. Man kann von Außen nicht einfach trockengelegt werden, um es mal salopp zu formulieren. Das ist ein langer Weg, auch ein schwieriger Weg und als Alkoholiker lernt man sozusagen, sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und es nicht dem Alkohol abzugeben.

    Doch selbst wenn er dazu bereit wäre und das durchziehen würde, musst Du Dir darüber im Klaren sein, dass das auch für Dich enorme Veränderungen mitsich bringen würde. Du würdest aller Voraussicht nach auch nicht mehr den Partner zurück bekommen, den Du kennst oder kanntest (der er vielleicht in lichten, klaren Momenten war), sondern einen anderen Menschen den Du auch erst mal noch kennenlernen musst. Nicht selten zerbrechen langjährigen Beziehungen nachdem der trinkende Partner trocken wurde (so auch bei mir). Aber, ich will nicht zu schwarz malen, ich kenne auch einige Partnerschaften, die durch intensive gemeinsame "Arbeit" zurück zu eine guten und harmonischen Partnerschaft gefunden haben (soweit ich das von Außen beurteilen kann).

    So und nun stehtst Du da und darfst entscheiden, ob Du das alles "ertragen" möchtest oder ob Du nicht doch lieber Dein eigenes Leben leben solltest. Ohne ihn, dafür aber mit der großen Chance wieder frei zu sein und Dich weiter entwickeln zu können. Ohne all die Ängste und all die Unsicherheiten, die eine Beziehung mit einem Alkoholiker, auch mit einem (frisch) trockenen Alkoholiker, so mit sich bringen.

    Ich möchte eines noch schreiben: Mir scheint ja, Du schreibst es, dass Dich aktuell eher die Sorge um ihm, vielleicht eine Art Pflichtbewusstsein Deinerseits, ein "ich kann ich doch nicht einfach fallen lassen", dazu bringt überhaupt über eine Fortführung dieser Beziehung nachzudenken. Nun, spontan muss ich da sagen, dass ich das für keine gute Basis für eine Beziehung auf Augenhöhe halte. Was ist eigentlich mit BEIDERSEITIGER Liebe? Aber, unabhängig davon, solltest Du Dir auf jeden Fall eine Grenze setzen aber der Du dann Konsequenzen ziehst, sonst kann das in einer unendlichen Geschichte enden, in der Du, obwohl Du nicht trinkst, ebenfalls von (s)einer Sucht abhängig bist. Stichwort hier auch: Coabhängigkeit.....

    Wenn Du es nicht schon 100x mal getan hast, dann sprich mit ihm und lege ihm ultimativ Deinen Standpunkt dar (idealerweise führst Du dieses Gespräch wenn er nüchtern ist). Sage ihm wie Du das alles erlebst und wie es Dir damit geht, versuche in Ich-Botschaften zu kommunizieren. Und erkläre ihm was Du tun wirst, wenn die Sitaution so bleibt wie sie ist. Da kannst Du durchaus auch mal ein Ultimatium setzten. Es könnte also so lauten, dass Du nur bereit bist dieser Beziehung eine Chance zu geben, wenn er eine Therapie antritt. Vorher braucht er nicht auf Dich zu zählen und wenn er die Therapie auf den Sankt Nimmerleinstag verschiebt bist Du ebenfalls weg. Ich schrieb es schon: Nur TATEN zählen.

    Wenn Du dann wirklich konsequent handelst, sieht er, dass Du es ernst meinst. Manchmal, aber nur manchmal, kann konsequentes Handeln etwas beim Betroffenen auslösen. Es kann wach rütteln. Muss aber nicht. Jedoch ist es für Dich so oder so erst mal positiv. Entweder er kommt in die Spur und Du entscheidest dann, in wieweit Du ihn begleiten und eine Chance geben möchtest oder aber Du beginnst ein neues Leben. Ich denke, alles ist besser als ein Verharren in Deiner aktuellen Situation. Aber das ist nur meine Meinung, denn Du alleine entscheidest über Dein Leben. Und ich weiß, dass ich mich leicht rede, weil ich nicht in Deinen Emotionen gefangen bin. Ich habe das alles (von der anderen Seite) selbst schon durch. Die Trennung von meiner Frau und meinen Kindern (diese ging von mir aus), all die schrecklichen Gefühle, ich weiß was das bedeutet. Aber, ein Neuanfang funktioniert nur, wenn man klar ist und weiß was man will.

    Das waren meine Gedanken. Alles Gute für Dich und ich wünsche Dir, dass Du schnell die Klarheit bekommst um die richtigen Entscheidungen für Dich treffen zu können.

    LG
    gerchla

    Hallo Pfefferoni,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich bin Anfang 50, Alkoholiker und trinke jetzt schon länger keinen Alkohol mehr. Davor trank ich weit über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit davon heimlich. Ich hatte Familie (Frau und Kinder) und funktionierte bis zu meinem Ausstieg. Am Ende dann aber nur noch gerade so, wobei meine Beziehung und mein Sozialleben bereits Jahre vorher in Trümmern lag.

    Es ist mir nicht möglich, Dir hier jetzt Deine Frage zu beantworten. Also Deine Frage danach, ob diese Beziehung zukunftsfähig ist. Am Ende kannst nur Du allein entscheiden, ob Du an dieser Beziehung festhalten willst, sie vielleicht sogar vertiefen möchtest oder ob Du Dich abgrenzt oder trennst.

    Ich möchte Dir deshalb einfach nur ein paar Gedanken von mir da lassen, vielleicht helfen sie Dir dabei die Dinge für Dich besser oder klarer einschätzen zu können. Und ich möchte betonen, dass es nur Gedanken sind, also keine Ratschläge oder sonstige Aufforderungen an Dich irgendwas zu tun. Das steht mir nämlich gar nicht zu.

    Erst mal möchte ich auf diese Forumulierung von Dir eingehen:

    Zitat

    Er ist nicht körperlich abhängig, aber ich glaube, dass er psychisch abhängig ist.


    Ich nehme oft wahr, dass viele Menschen denken, erst wenn jemand körperlich abhängig ist, dann ist er "richtig" süchtig. Sprich, erst wenn jemand zu zittern anfängt (oder sonstige bekannte Symptome aufweist) wenn er keinen Alkohol mehr zur Verfügung hat, dann ist er süchtig.

    Das ist aber komplett falsch. I. d. R. tritt die psychische Abhängigkeit lange vor der körperlichen ein. Diese Tatsache führte z.B. bei mir auch dazu, dass ich mir immer wieder selbst etwas vorlog. Denn natürlich wusste ich irgendwann, dass 3 oder 4 Bier (alternativ ein paar Jahre später dann 8 - 10 Bier) viel zu viel sind und ich da ein Problem habe. Da ich es aber viele Jahre geschafft habe, immer wieder mal Trinkpausen (anfangs durchaus auch mehrere Wochen lang) einzulegen, ohne dass ich körperlich irgendwelche Symptome gespürt hätte, dachte ich mir "dann kann es ja nicht so schlimm sein".

    Und genau das ist fatal. Und genau so funktioniert die Sucht und die Sucht ist im Grunde nichts anderes als eine psychische Erkrankung. Die psychische Abhängigkeit ist also die EIGENTLICHE. Und wenn jemand aussteigt, dann entgiftet er erst mal. D. h. , er beseitigt die körperliche Abhängigkeit (wenn er eine hatte). Und das ist i. d. R. nach etwa einer Woche erledigt (+ - ein paar Tage). D. h. also, nach einer Woche ist man dann körperlich nicht mehr abhängig.

    Aaaaaaber, dann geht es ja erst richtig los. Dann beginnt ja erst die eigentliche Aufarbeitung bzw. Therapie. Dann geht es ja darum nicht mehr rückfällig zu werden, was aber ja leider nur ein relativ kleiner Anteil über einen längeren Zeitraum oder dauerhaft schafft. Die meisten schaffen den Ausstieg aus der Sucht nicht, probieren es entweder erst gar nicht oder werden innerhalb der ersten 2 Jahre rückfällig und fallen zurück in die Sucht.

    Und das tun diese Menschen nicht, weil sie körperlich abhängig waren sondern weil ihre Psyche (sprich die Sucht) sie dazu "zwingt". Es ist wirklich eine verdammt mächtige Krankheit und wer einmal eine Sucht entwickelt hat, den begeleitet sie sein ganzes Leben lang.

    Ich hatte zum Ende hin pro Tag 8 Bier (an guten Tagen), 10 Bier (war so der Schnitt) und Plus x (12 Bier oder auch einfach mal noch ne Flasche Wein obendrauf). Wie gesagt ich trank diese Mengen über einen Zeitraum von etwa 2 Jahren, meine letzten beiden Jahre, täglich. Mal bisl weniger, mal bisl mehr. Trinkpausen waren mir da schon lange nicht mehr möglich.

    Als ich dann aufhörte, von heute auf morgen, hatte ich körperlich fast keine Symptome. Ich habe die ersten Nächte ab und an mal etwas geschwitzt und ich hatte Probleme mit dem Einschlafen. Auch natürlich weil sich mein Gedankenkarussell drehte. Sonst hatte ich nichts. Damit will ich Dir nur zeigen, wie spät bei manchen Menschen die körperliche Abhängigkeit einsetzen kann.

    Zitat

    Meistens trinkt er Bier selten Hochprozentiges


    Das ist auch so eine Sache. "Er trinkt ja nur Bier".... wie oft habe ich das schon gehört oder gelesen. Als ob man erst Alkoholiker ist, wenn man zu harten Sachen greift. Das ist natürlich totaler Quatsch. Wenn Du die von mir oben beschriebenen Mengen her nimmst und in Schnaps "umrechnest" kommst Du auch locker auf eine Flasche und darüber hinaus. Es ist also völlig egal, welche Art von Alkohol man trinkt. Oft ist es so, dass Alkoholiker irgendwann mal "umsteigen", weil man dann einfach für die gleiche Wirkung nicht mehr so viel Flüssigkeit in sich reinschütten muss und weil die Be- und Entsorgungslogistik einfacher ist. Es ist leichter (besonders wenn man viel heimlich trinkt) eine Flasche Schnaps zu entsorgen als 8 Flaschen Bier.

    Zitat

    es verschafft ihm Freude und Entspannung, auch regt es seinen Appetit an, das sind seine Hauptgründe.


    Ok, also Ihr habt dann sicher schon intensiv darüber gesprochen. Denn er hat Dir ja offenbar seine "Gründe" genannt. Die Frage ist hier einfach nur, weshalb er ohne Alkohol keine Freude hat, weshalb er ohne Alkohol nicht entspannen kann und warum er ohne Alkohol keinen Appetit hat. Ich meine, beim allergrösten Teil der Menschheit braucht es keinen Alkohol um das alles "zu haben". Er braucht es und er will es. Damit macht er sich und sein Wohlbefinden von diesem Stoff abhängig....... Beurteile selbst was das bedeutet.

    Zitat

    Auch hatte er früher jeden Tag gekifft, was er größtenteils eingestellt hat.


    Was bedeutet "größtenteils"? Egal was es bedeutet, es zeigt dass ein Suchtpotenzial in ihm steckt.

    Zitat

    Er ist nie aggressiv und hat keinen Kontrollverlust.


    Ich war auch nicht aggressiv. Nie. Und ich hatte bis zum Schluss keinen Kontrollverlust. Es gab so gut wie keinen Tag, wo ich aufgrund meines Trinkens am nächsten Tag ausgefallen wäre. Es gab keinen Tag, wo ich aufgrund meines Trinkverhaltens besoffen und ausgeknockt in der Ecke gelegen wäre. Ich hatte "es" und mich immer im Griff. Nur die Menge wurde halt über die Jahre immer mehr und ich begann halt irgendwann dann schon morgens mit dem Trinken. Aber ich bin jeden Abend immer noch selbst ins Bett und am nächsten Morgen aufgestanden und in die Arbeit gegangen. Kein Kontrollverlust. Das hat meiner Frau und meinen Kindern am Ende dann aber auch nichts geholfen.... Im Gegenteil, meine Frau hat mir, nachdem ich ausgestiegen bin, mal gesagt: Ich wünschte Du hättest mich geschlagen, dann hätte ich wenigstens gewusst was ich tun muss.

    Eine Aussage, über die Du gerne mal nachdenken darfst, wenn Du das möchtest.

    Zitat

    Er ist ansonsten ein wunderbarer Mensch und ich habe starke Gefühle für ihn zumal wir auch gut zusammenpassen, da wir viele Gemeinsamkeiten haben.


    Das glaube ich Dir sehr gerne. Denn warum soll ein Alkoholiker kein toller Mensch sein können? Alkoholiker sind auch Menschen mit einem bestimmten Charakter, mit bestimmten Eigenschaften und mit all ihren Gefühlen. Du wirst nicht umsonst mit ihm zusammen sein, da bin ich mir sicher.

    Ich muss oder will aber auch ein "leider" oder "aber" hinzufügen. Wieder nur aus meiner eigenen Erfahrung heraus. Denn je länger eine Sucht andauert und je tiefer man in sie hinein rutscht, desto stärker nimmt sie von einem Besitzt und desto mehr verändert sie einen auch. Ich habe das an mir selbst erfahren. In bestimmten "Phasen" kommen bestimmte Charaktereigenschaften besonders hervor, so war das bei mir. Mit dem entsprechenden Pegel war ich superromatisch, philosophisch oder auch super selbstbewusst. Nur mal so als einfaches Beispiel. Alles Dinge, die ich sicher schon in mir hatte, die jedoch durch den Alkohol sozusagen "gepuscht" wurden. Nur, dabei blieb es dann auf die Länge gesehen leider nicht. Denn der Alkohol veränderte auf Dauer meinen Charakter, meine Wahrnehmung, mein ganzes Wesen. Am Ende blitzte der eigentliche Charakter von mir nur noch sehr selten auf und war ersetzt durch einen neuen. Einen suchtgesteuerten. Und da hatte ich irgendwann eine ganz andere Wahrnehmung, ich lebte sozusagen in einer Parallelwelt und dachte aber, dass diese die echte wäre. Das versetzte mich auch in die Lage ein ganz hervorragender Lügner zu sein, ein so guter Lügner, dass ich oft (und das stimmt wirklich) meine eigenen Lügen geglaubt habe und sie nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden konnte. Das hat alles die Sucht aus mir gemacht, weil ich sie lange genug habe gewähren lassen.

    Zitat

    Mein Hauptproblem ist das meine letzte Beziehung aufgrund von Alkohol zugrunde gegangen ist. Das hat sicherlich auch eine Narbe hinterlassen. Dadurch macht mich sein Trinkverhalten traurig.


    Hast Du mal darüber nachgedacht, weshalb Du von der einen suchtbelasteten Beziehung in die nächste gewechselt hast? War es "Zufall"? Oder könnte da mehr dahinter stecken? Hast Du Dich schon mal mit Co-Abhängigkeit beschäftigt? Wenn nein und Du interesse hast darüber etwas zu erfahren, dann google einfach mal danach. Ich möchte betonen, dass ich Dir damit nichts "unterstellen" will, das sind hier nur Gedanken die ich dazu habe. Ich weiß viel zu wenig von Dir um Dir hier irgendwas anzudichten. Aber vielleicht ist es wichtig für Dich, Dich damit zu beschäftigen.

    Zitat

    Ich erwarte ja nicht komplette Abstinenz, aber wirklich wenig Alkohol ist das nicht.


    Naja, ich nehme an, Du erwartest einfach einen "ganz normalen" Umgang mit Alkohol. Also so ganz langweilig normal halt. Ab und an mal was trinken, bei irgendwelchen Anlässen kanns auch mal mehr sein aber eben nicht regelmäßig und vor allem nicht regelmäßig zu viel.

    Nun, dazu will ich sagen, dass ein moderates oder "normales" Trinken für einen Alkoholiker schlicht nicht (mehr) möglich ist. Er MUSS trinken und zwar die Mengen, die er braucht und die seinem aktuellen "Suchtniveau" gerade entsprechen. Und er wird 1000 Gründe dafür finden das zu rechtfertigen. Und nochmal 1000 warum er das nicht ändern möchte.

    Das waren meine Gedanken.

    Vielleicht kannst Du da was für Dich mitnehmen. Mit meiner heutigen Erfahrung will ich einfach noch sagen, dass jeder Mensch für sein Leben selbst verantwortlich ist. Dein Freund für seines und wenn er trinken möchte, dann kann er das tun. Und wenn er aufhören möchte, dann liegt das ebenfalls komplett in seiner Hand. Und Du bist für Deines verantwortlich. Und auch nur für Deines und nicht für das Deines Freundes. Du allein entscheidest über Dein Leben. Welche Entscheidung die für Dich richtige ist, kann ich Dir nicht sagen.

    Alles alles Gute für Dich und wenn Du noch Fragen haben solltest, einfach fragen.

    LG
    gerchla

    Oh, so eine traurige Nachricht. Ich kannte ihn nicht bzw. hatte außer einer kurzen Begrüßung von mir damals, als er hier ankam, keinen weiteren Kontakt. Für mich war er immer die graue Eminenz im Hintergrund, die uns hier technisch bestens betreut hat. Ruhe in Frieden, lieber Henri.

    Hallo hjerti,

    es freut mich, wenn ich Dir mit meinen Gedanken ein paar Denkanstösse liefern konnte.

    Dazu möchte ich noch was sagen:

    Zitat

    ich glaube, ich muss das für mich klären, abschließen, auflösen. und wie ich das mache weiß ich (noch) nicht. ich möchte es so gern, aber es sind eben widersprüchliche gefühle in mir.


    Ich will Dir sagen, dass ich es als ganz normal und völlig verständlich empfinde, dass Du da widersrüchliche Gefühle in Dir hast. Wie gesagt, es geht hier ja nicht um irgend jemanden sondern um Deinen Papa und Deine Familie. Ganz wichtig ist, so denke ich jedenfalls, dass Du Dir selbst darüber im Klaren bist, dass Du für nicht verantwortlich bist und hier auch nicht die Verantwortung hast. Das ist leider häufig so, dass vor allem Kinder sich für die Sucht eines Elternteils die Schuld geben. Und nicht alle Kinder können sich dann davon, wenn sie erwachsen werden, lösen. Das geht dann eben wieder in die Richtung Coabhängigkeit. Oft geht es ja auch "einfach" nur darum, dass man das was man (eigentlich) weiß dann auch umsetzen kann. Also, Du weißt ja, dass Du nicht für das Leben Deines Papas oder Deiner Familienmitglieder verantwortlich bist. Dennoch zweifelst Du (ab und an oder immer wieder) daran ob das auch wirklich stimmt bzw. kannst es für Dich dann doch nicht ganz konsequent umsetzen.

    Je nachdem wie stark Dich das alles belastet und wie sehr das alles in Dein Leben, in Dein Wohlbefinden eingreift, darfst Du gerne auch darüber nachdenken, ob Du Dir hier nicht Hilfe von außen holen möchtest. Also jemanden, der Dir dabei hilft, aufzulösen, zu klären und abzuschließen. Der richtige Psychologe zur richtigen Zeit kann Gold wert sein. Ich hatte auch das Glück, die richtigen Menschen zur richtigen Zeit an meiner Seite zu haben und ich habe diese Menschen auch ganz bewusst gesucht. Das war für mich unglaublich wichtig, denn es gab einfach Dinge, mit denen ich selbst zu diesem Zeitpunkt nicht klar gekommen bin. Deshalb kann ich Dich nur ermuntern hier offen zu sein und keine Angst zu haben vielleicht auch den Weg über externe Hilfe zu gehen.

    Und es muss auch nicht immer ein Psychologe sein. Bei mir wars ein Mönch, der mich ein paar Monate begleitet hat und mich zurück in die Spur gebracht hat. Und ein guter alter Freund, der ebenfalls immer zum Reden für mich da war. Nun können wir meine Geschichte und meinen Hintergrund natürlich überhaupt nicht mit dem Deinigen vergleichen. Ich will Dir damit nur Denkanstösse geben. Reden und sich öffnen kann ganz neue Perspektiven aufzeigen.

    Alles alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla

    Hallo hjerti,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich stelle mich kurz vor: ich bin Anfang 50, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Ich trank über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit davon heimlich. Ich hatte Familie (2 Kinder) und funktionierte bis zu meinem Ausstieg. Am Ende deutlich mehr schlecht als recht.

    Ich hatte mal in einem anderen Umfeld eine Diskussion darüber, ob des den "lieben" Alkoholiker überhaupt gibt. Also den, der vielleicht der Beschreibung Deines Papas als "netten" Alkoholiker in manchen Dingen entspricht. Jemanden, der zwar alkoholkrank ist, jedoch nicht aggressiv oder böse wird sondern im Gegenteil, lieb und anhänglich. Einen Alkoholiker, der "keiner Fliege" etwas zu Leide tut und der einfach nur ein herzensguter Mensch ist. Wo man sich um Grunde "nur" Sorgen um seine Gesundheit machen muss, also die körperliche Gesundheit, jedoch keine über die Psyche des Erkrankten.

    Nun, ich war der Meinung, dass es so einen Alkoholiker nicht gibt und dass ein Alkoholiker immer seinem Umfeld Leid zufügt (sofern er eines hat), der eine mehr der eine weniger. Entschuldige diesen kleinen Anfangsmonolog von mir, er bringt Dich nicht weiter aber mich hat Deine Forumulierung "netter" Alkoholiker einfach an diese Diskussion erinnert. Denn eine der Diskussionteilnehmerinnen damals hat sich mit so einer Formulierung ("er ist ja eigentlich ein ganz lieber Alkoholiker") m. E. ihre eigene Situation (sie war die Angehörige) ordentlich schön geredet. Letztlich stellte sich dann heraus, dass sie auch einfach nur ganz schlimm gelitten hat. Obwohl er nett und lieb war, was er wohl meistens auch wirklich war.

    Das was Du von Deinem Papa hier kurz beschreibst deutet auf einen funktionierenden Alkoholiker hin. Das sind übrigens die allermeisten, und die meisten funktionieren auch bis zu ihrem Tode oder bis sie es eben schaffen aufzuhören, so wie das bei mir der Fall war. D. h., nach außen alles im Griff. Job, Familie, soziales Umfeld (mal mehr mal weniger) sind irgendwie noch vorhanden. Oft sind es jedoch die Partner, die das ganze Kartenhaus vor dem Einstürzen bewahren, oft bis zum bitteren Ende....

    Und genau dieses "aufrecht erhalten der heilen Welt" kostet die Angehörigen eine ungeheuere Kraft. In der Regel mehr Kraft als sie zur Verfügung haben. Und wenn ich Dich so lese, dann beschreibst Du im Grunde so ein ähnliches Szenario bei Deiner Familie.

    Der Dialog, den Du beschreibst, also der Dialog mit Dir selbst, also dieser hier:

    Zitat

    Zum einen meldet sich eine Stimme in mir, die sagt "du bist die mit dem klaren Blick in der Familie, du musst etwas tun", dann das Kind in mir, dass sagt "Ich will das nicht mehr, lasst mich damit in Ruhe",

    das sehe ich als einen inneren Kampf den Du führst, letztlich ein Kampf gegen eine Co-Abhängigkeit. Ich weiß nicht ob Du Dich mit Co-Abhängigkeit schon beschäftigt hast. Falls Du das noch nicht getan hast, dann kann ich Dir nur ans Herz legen, Dich damit mal zu beschäftigen. Vielleicht einfach mal googeln, mal bisl nachlesen und schauen, ob oder in wieweit Du Dich da wieder findest. Wer wirklich Co-Abhängig ist (und ich möchte Dir diese Krankheit jetzt nicht per Ferndiagnose andichten, absolut nicht) hat selbst eine ernstzunehmende Krankheit die behandelt werden sollte.

    Aber wie gesagt, ich möchte nicht andeuten, dass Du darunter leidest (aber richtig einschätzen kannst Du das mit entsprechendem Wissen dann selbst besser). Letztlich hast Du Dich ja bereits abgegrenzt, Du bist ausgezogen, bist weggezogen und Du hast (relativ) wenig (persönlichen) Kontakt. Die Gedanken die Du Dir machst halte ich für ganz normal. Es geht ja um Deinen Papa, Deine Mama und Deinen Bruder. Das ist ja nicht irgendwer und ich halte das für absolut normal, dass man (also Du) hier auch mal sein eigenes Verhalten hinterfragt und vielleicht auch mal Zweifel hat. Ich denke, die darf man auch mal haben, man darf die auch mal zulassen.

    Zitat

    Ich bin ratlos. Vielleicht ist das auch alles zuviel, ich weiß, dass fremde Menschen (also ihr :) ) nicht in mein Leben schauen könnt und eine Lösung parat habt.Ich bin ratlos. Vielleicht ist das auch alles zuviel, ich weiß, dass fremde Menschen (also ihr :) ) nicht in mein Leben schauen könnt und eine Lösung parat habt.

    Da hast Du vollkommen Recht. Wir oder in dem Fall ich, habe da natürlich keine Lösung parat. Hätte ich eine, wäre das wahrscheinlich unseriös. Denn Du gibst uns hier ja "nur" einen kleinen Einblick in Dein Leben, welches mit Sicherheit mindestens so komplex ist wie mein eigenes. Was ich Dir aber gerne schreiben kann, weil ich eigene Erfahrungen habe, ist, wie das mit "einem Alkoholiker" so funktioniert. Du stellst ja z. B. diese Frage hier:

    Zitat

    Sollte ich meinem Vater sagen, was ich von alledem halte?


    Dazu möchte ich sagen, dass es wohl nicht zielführend ist, wenn Du Deinem Papa jetzt alles mögliche an den Kopf wirfst. Ihn sozusagen mit Vorwürfen überschüttest und ihm den Spiegel vor hälst. So gut ich das verstehen könnte. Aber es könnte gut und wichtig (und auch nur fair) sein, dass Du ein ruhiges Gespräch mit ihm führst (allerdings nur wenn er nüchtern ist!) und ihm darüber berichtest, was sein Verhalten bei Dir auslöst. Wie Du Dich damit fühlst und welche Sorgen Du Dir machst. Ich -Botschaften sind da sehr wichtig, keine anklagenden Du - Botschaften.

    Ob das etwas bringt, ob das bei Deinem Papa etwas bewirkt, steht auf einem anderen Blatt. Es ist wahrscheinlicher, dass es nichts bewirkt, denn statistisch sind es eher die wenigeren, die etwas gegen ihre Sucht unternehmen und noch weniger schaffen es dann auch dauerhaft davon weg zu kommen. Aber das halte ich erst mal für zweitrangig. Wichtig ist doch, dass er wenigstens einmal (sachlich) mitgeteilt bekommen hat, wie es Dir mit seiner Sucht geht. Das er einmal ganz bewusst erfährt, welche Sorgen Du hast und was sein Trinken für Dich bedeutet. Und welche Gedanken Du Dir darüber machst. Alternativ wäre so ein Gespräch natürlich auch seitens Deiner Mama und Deines Bruders nicht das schlechteste. Ich warne allerdings vor einem Tribunal, welches ihm all seine Vergehen vorhält, so nach dem Motto: schau mal was Du angerichtet hast!

    Aber vielleicht gab es solche Gespräche ja bereits? Wenn das schon lange so geht, dann haben solche Gespräche bestimmt schon stattgefunden, oder?

    Es bleibt dann Dir überlassen, ob Du noch einmal so ein Gespräch führen möchtest. Du kannst es auch führen, um mit Dir selbst ins Reine zu kommen, um für Dich selbst Klarheit zu schaffen und um Dir selbst gegenüber sagen zu können, dass Du das getan hast, was Dir möglich war. Denn am Ende bleibt Dir nämlich nur das, was Du bereits machst, nämlich Dich abzugrenzen und nicht die Verantwortung für Deinen Vater oder Deine Mutter oder Deinen Bruder zu übernehmen. Die haben nämlich alle ihr eigenes Leben und dafür auch selbst die Verantwortung. Wie Du es für Deines hast.

    Ich kann gut verstehen, dass sich das hart anhört, oder das Du Dir denkst "na der redet sich leicht". Dennoch stehe ich zu dem was ich Dir geschrieben habe. Denn alles andere führt über kurz oder lang dazu, dass Du Dein Leben von der Sucht oder dem Verhalten Deines Vaters abhängig machst. Und ich denke, das darf nicht der Plan sein. Zumal Du auf das Verhalten Deines Papas keinen Einfluss hast. Er entscheidet ganz allein ob er trinken will oder ob er doch mal damit aufhören möchte. Die meisten wollen gar nicht aufhören und trinken so lange es eben geht. Und wer wirklich aufhören will, der findet reichlich Hilfsangebote um das dann auch tatsächlich durchziehen zu können.

    Ich hoffe, ich konnte Dir ein paar Denkanstösse geben. Du musst kein schlechtes Gewissen haben nur weil Du DEIN Leben leben möchtest. Das ist absolut ok und denke auch immer daran, dass Dein Papa es in der Hand hat an (dieser) seiner Situation etwas zu verändern. Nur er allein entscheidet ob der trinkt oder nicht.

    Alles alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla

    Hallo bajati,

    bevor ich Dir meine Gedanken schreibe stelle ich mich kurz vor:

    Ich bin Anfang 50, Alkoholiker und trinke jetzt schon lange keinen Alkohol mehr. Ich trank über 10 Jahre abhängig und die meiste Zeit davon heimlich. Ich hatte Frau und 2 Kinder und habe bis zum Schluss funktioniert.

    Meine Gedanken zu Deiner Geschichte:

    Ich halte es erst mal für völlig unerheblich, ob Dein Mann nun Alkoholiker ist oder ob er Missbrauch betreibt. Auch die Antwort auf die Frage, wie er sich jeden Tag 4 Liter Bier reinschütten kann ist im Grunde nicht wichtig. Er wird einen "Grund" dafür haben, sei es nun weil er tatsächlich süchtig ist und nicht mehr anders kann oder sei es, weil er einfach Bock darauf hat. Das ist aber im Grunde völlig egal.

    Das einzige was aus meiner Sicht hier entscheidend ist, ist, wie es Dir damit geht und was DU möchtest. Es geht um DICH und nicht um ihn. Es bringt Dir auch überhaupt nichts, wenn Du weißt das er nicht süchtig ist und er aber trotzdem weiter trinkt. Es bringt Dir auch nichts, wenn Du weißt das er süchtig ist und er aber nicht aufhören möchte oder kann.

    Du bist für DEIN Leben verantwortlich, er ist für seines verantwortlich. Was er tut, so scheint es mir, verletzt Dich zutiefst. Für ihn jedoch scheint es ok zu sein und er tut nichts illegales. Und vielleicht sieht er gar nicht was er Dir damit antut, oder er will es nicht sehen oder er kann es nicht sehen. Ich jedenfalls dachte immer, ich tue ja niemanden etwas, weil ich ja heimlich trank und nie, zumindest körperlich, aggressiv wurde. Ich dachte immer: solange es niemand weiß, schade ich damit auch niemanden. Weit gefehlt, das weiß ich heute. Aber heute funktioniert mein Hirn ja wieder normal, also einigemaßen zumindest ;D Damals war es ein Suchthirn, mit ganz anderen Maßstäben und einer komplett anderen Wahrnehmung.

    Wenn Du also bereits mit ihm gesprochen hast, wenn Du ihm bereits gesagt hast, wie es Dir damit geht und was Du Dir wünschen würdest, wenn er von Dir weiß, was seine Trinkerrei für Dich bedeutet, dann bleibt Dir letztlich nur noch, DEINE Konsequenzen aus seinem Verhalten zu ziehen. Und ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass Ihr zahlreiche Gespräche dieser Art bereits hattet. Und er genau weiß was los ist. Ich meine, Du nächtigst ja nicht umsonst im Kinderzimmer.

    Es geht also um Dich und nicht um ihn. Wenn Du etwas verändern möchtest, dann ändere Dich. Ändere Deine Denkweise und fasse auch mal Konsequenzen ins Auge, die vielleicht bisher nicht erwogen hast. Und vielleicht brauchst Du dazu auch Hilfe, also mehr als die Kommunikation hier in diesem Forum.

    Ich kenne Dein bzw. Euer Leben nicht, ich kenne nicht Deinen / Euren Hintergrund, ich "weiß" nur das, was Du hier geschrieben hast. Sicher hast Du Gründe, weshalb Du (noch) bei ihm bleibst, weshalb Du seinen Konsum erträgst und Dein Leben dadurch in den Hintergrund stellst. Und ich will Dir diese Gründe auch nicht absprechen, denn das steht mir nicht zu.

    Ich kann Dir hier nur schreiben, aus der Sicht eines Alkoholikers und ausgestattet mit meinen eigenen Erfahrungen, dass es bei einem Trinker nichts verändert, wenn der/die Angehörige sich den Kopf darüber zerbricht, warum der Trinker trinkt und es nicht einfach lässt. Es bringt auch nichts wenn sich ein Anghöriger darüber Gedanken macht, was er alles tun könnte um das Verhalten des Trinkers zu verändern. Es bringt auch nicht, wenn ein Angehöriger dem Trinker Vorwürfe macht und ihn mit Kritik überzieht, oder Alternativ ihn anfleht doch endlich etwas zu ändern und ihn gar noch mit Liebe überschüttet. Der Trinker hat immer genug und für ihn selbst auch gut nachvollziehbare Gründe, warum das was er tut, richtig ist und sozusagen so sein muss.

    Das Einzige was helfen kann, und da stütze ich mich nun nicht auf eigene Erfahrungen, sondern auf das was ich von anderen Alkoholikern erfahren habe, ist ein klares Handeln seitens der Anghörigen. Klare Ansagen und entsprechend konsequentes Handeln ist das, was den größen Erfolg verspricht. Was nicht unbedingt bedeutet, dass der Trinker dann tatsächlich mit dem Trinken aufhört (die wenigsten Alkoholiker hören mit dem Trinken auf, die meisten leben bis zu ihrem Tod damit), aber es bedeutet in jedem Fall, dass der Anghörige sich sein Leben zurück holt. Notfalls dadurch, dass er/sie den Trinkenden verlässt und ein neues, ein eigenes Leben beginnt. Manchmal führt so ein konsequentes Handeln aber auch dazu, dass der Trinkende "aufwacht", und dann doch bemerkt, was ihm eigentlich wichtig im Leben ist. Eine Garantie dafür gibt es aber natürlich nicht und es ist auch nicht so selten, dass Beziehungen scheitern, NACHDEM der trinkende Partner aufgehört hat. Denn auch dieser Prozess, also der Prozess zurück in ein Leben ohne Alkohol, ist eine große Herausforderung, nicht nur für den ehemaligen Trinker sondern auch für den Partner/die Partnerin.

    Ich hoffe, ich konnte Dir näher bringen was ich eigentlich sagen wollte. Ich wollte sagen: nicht er steht im Mittelpunkt Deines Lebens sondern DU. Du kannst Dich, Deine Einstellungen und Dein Leben verändern. Seines solltest Du ihm lassen. Wenn er es ändern möchte, dann kann er das jederzeit tun. Hilfe dazu gibt es genüg, wollen muss er aber selbst.

    Alles Gute für Dich! Und einen guten Austausch hier im Forum wünsche ich Dir.

    LG
    Gerchla

    Hallo Hoffnung2021,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Dein Nickname gefällt mir, weil er einfach Hoffnung signalisiert.

    Und die darfst Du auch haben, denn Du hast Dich dazu entschlossen, etwas gegen Deine Sucht zu unternehmen. Auch wenn Du Dich aktuell in einer Krise befindest wird es, wenn Du das möchtest, Wege heraus geben. Wege die Du auch gehen kannst und die Dich zurück in ein Leben ohne Alkohol führen.

    Bevor ich Dir weiter meine Gedanken schreibe, möchte ich mich kurz bei Dir vorstellen:

    Ich bin Anfang 50, männlich und Alkoholiker. Ich trinke jetzt schon lange keinen Alkohol mehr. Davor trank ich weit über 10 Jahre abhänig, die meiste Zeit davon heimlich. Ich hatte Familie (Frau und Kinder) und funktionierte bis zum Schluss. Jedoch stand mein absoluter Untergang kurz bevor und ich konnte ihn nur durch meinen Suchtausstieg verhindern.

    Meine Gedanken zu Dir: Ich stelle mir ähnliche Fragen wie meine beiden Vorschreiberinnen. Vor allem die Frage, was Dich daran hindert zum Arzt zu gehen. Du hast jetzt bereits so einen wichtigen Schritt gemacht. Du hast erkannt, dass Du ein gewaltiges Suchtproblem hast, Du hast beschlossen mit dem Trinken aufzuhören und Du hast es auch Deinen Lieben gesagt. Damit hast Du schon mal richtig viel ganz richtig gemacht!

    Jetzt plagen Dich Angstzustände und Du wünscht Dir (nichts sehnlicher), als dass Dir hier jemand sagt, dass es bei ihm ähnlich war und er/sie nach x Tagen/Wochen dann damit durch war. Es wäre Dir das liebste, wenn Dir hier jemand sagen würde: Mach Dir keine Gedanken, hatte ich auch und dauert genau 14 Tage und dann ist es vorbei.

    Aber so eine Aussage wirst Du hier wohl von niemanden bekommen. Das geht gar nicht und es wäre sogar verantwortunglos so etwas zu tun. Hier braucht es jemanden, der etwas davon versteht. Nun könnte man ja sagen, jemand er das selbst durchgemacht hat müsste doch ein Experte sein, einen besseren Expterten kann es doch gar nicht geben! Aber das stimmt leider nicht, denn jemand der das durchgemacht hat, kann immer nur von SICH erzählen. Was bei ihm passiert ist und wie er es erlebt. Es ist niemals 1:1 übertragbar auf jemand anderen, diese Krankheit ist viel zu inidviduell als das man sie verallgemeinern könnte. Und ich kenne auch einen Alkoholiker, der hat 8 schwere Entzüge hinter sich, immer kalt entzogen. 7 mal hatte er mehr oder weniger nur leichte Symptome, bei 8. mal gings per Notarzt in die Klinik und er hatte großes Glück überhaupt überlebt zu haben.

    Es gibt also kein Schema, an das man sich halten könnte. Es ist immer wieder auf's Neue individuell. Das einzige was Dir hier wirklich SICHERHEIT verschaffen kann, ist ein Arzt.

    AmSee hat Dir schon einiges über den Zusammenhang zwischen Alkohol und Depressionen geschrieben. Hier gilt oft das Henne-Ei-Prinzip. Will sagen: Menschen leiden unter Depressionen und beginnen deshalb zu trinken. Die Depression "wird besser" aber nur temporär. Der Mensch wird süchtig und die Depression schlägt umso mächtiger zu. Oder aber Menschen werden Alkoholkrank und entwickeln dann eine Depression, weil es auch nicht gerade lustig ist, alkoholkrank zu sein. Oft handelt es sich dabei mehr um leichtere depressive Verstimmungen, die dann quasi von selbst verschwinden, wenn der Trinker mit dem Trinken aufhört. Beides "passt" aber für mich jetzt nicht so ganz zu dem was Du von Dir beschreibst.

    Aber vielleicht merkst Du, dass Dir hier eben nur ein Arzt weiter helfen kann. Meine Spekulationen helfen Dir hier jedenfalls definitiv nicht.

    Was Deine Angst betrifft: Hier habe ich (leider) etwas Erfahrung, denn meine erste Frau litt unter einer Angststörung. Angststörungen sind ebenfalls ein häufiger "Begleiter" der Alkoholsucht. Und von dem was Du so beschreibst, könnte ich vermuten, dass es bei Dir in diese Richtung gehen könnte.

    Aber Du merkst sicher selbst, dass ich Begriffe wie "vermute" und "könnte" verwende. Auch hier kann Dir ein Arzt helfen, Dir SICHERHEIT geben. Und das ist doch genau das, was Du eigentlich jetzt möchtest und brauchst.

    Völlig unabhängig davon ob Du jetzt tatsäschlich unter einer Angststörung leiden solltest oder ob Depressionen bei Dir eine Rolle spielen oder ob das ganze tatsächlich "nur" ein Spuk von kurzer Dauer ist der mit dem Entzug zusammen hängt: Wenn Du wirklich dauerhaft vom Alkohol weg willst, und ich glaube das möchtest Du, dann wäre es sehr wichtig, dass Du Dich einem Arzt gegenüber öffnest. Denn es ist gut und wichtig, dass Du jemanden an der Hand hast, der Dich psychologisch begleitet. Alkoholsucht ist eine psychische Erkrankung und man kann sie in der Regel nicht dauerhaft damit "besiegen", in dem man "einfach" nur nichts mehr trinkt.

    Da brauchts eben viel mehr als nur nicht mehr zu trinken. Ich will da jetzt erst mal nicht tiefer darauf eingehen, weil ich glaube, dass Du gerade andere Probleme hast und Dir hier keinen Vortrag von mir anhören möchtest. Mir ist es nur wichtig Dir zu sagen, dass Hilfe von Außen (akut bei Dir jetzt: Hilfe durch einen Arzt) ein wichtiges und zentrales Element bei der Suchtüberwindung ist.

    Und Du hast jetzt so eine große Chance da raus zu kommen, einfach weil Du schon ganz wichtige Schritte gegangen bist. Nutze diese Chance jetzt, geh jetzt sofort zum Arzt und öffne Dich dort. Besprich das weitere Vorgehen und vor allem: VERTRAUE und hab keine Angst.

    Ich wünsche Dir von Herzen alles alles Gute und dass Du die richtigen Entscheidungen für Dich treffen kannst. Wenn Du Fragen hast, wir sind hier und beantworten sie Dir gerne. Nur eine genaue (und vor allem richtige) Diagnose Deines Gesundheitszustandes (auch Deiner psychischen Gesundheit) kann es zumindest von mir leider nicht geben.

    Bleib dran und hole Dir Hilfe!

    LG
    gerchla

    Hallo Ina,

    schön, dass Du nach wie vor ohne Alkohol lebst. Und vielen Dank, dass Du uns davon berichtest! 44. Ich freue mich sehr für Dich.

    Was Deine Träume betrifft: Da kann ich Dir leider nichts brauchbares aus eigener Erfahrung berichten. Ich kann Dir nur sagen, dass ich das auch schon hatte, jedoch jetzt schon lange nicht mehr. Ich habe das gar nicht als so schlimm empfunden, es überwiegte bei mir immer das (befreiende) Gefühl, dass es nur ein Traum war. Vielleicht bin ich auch nicht der Typ, der sich dann Gedanken darüber macht, dass es etwas "tieferes" bedeuten könnte. Also so in Richtung: träume ich das, weil ich doch wieder trinken möchte? Oder bedeuet dieser Traum, dass ich kurz vor einem Rückfall stehe?

    Solche Gedanken hatte ich nie und ich glaube, ich würde sie mir so auch jetzt nicht machen. Ich weiß ja, wo ich stehe. Natürlich ist mir bewusst, dass Träume eine Bedeutung haben und dass das Unterbewusstsein hier eine Rolle spielt. Ich habe z.B. ab und an mal Träume, wo es um Situationen geht, die ich während meiner Trinkerzeit im Rahmen meines Doppellebens hatte. Das waren fürchterlich Dinge damals und sehr sehr belastend. Ich träume da dann also nicht davon, dass ich Alkohol trinke, aber eben davon, dass ich wieder in diesem alten Leben stecke, mit all den Lügen die mich damals umgaben.

    Nun, das sind keine schönen Träume, aber es bleiben Träume und ich sehe mich absolut nicht auf dem Weg zurück in diese Zeit. Ich denke einfach, dass bestimmte Lebenssituationen in unserem Unterbewusstsein solche Träume auslösen. Wenn "man" es genau wissen möchte, müsste man sich wohl mit der Traumdeutung beschäftigen. Aber, für mich ist alles gut so wie es ist.

    Wie gesagt, das bringt Dich jetzt sicher nicht weiter. Aber vielleicht bekommst Du ja noch Antwort von jemanden, der ähnliche Erfahrungen hat wie Du und mehr dazu sagen kann.

    Alles Gute für Dich und lass mal ab und an was hören.

    LG
    gerchla

    Hallo Topolino,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich bin Anfang 50, Alkoholiker und trinke jetzt schon lange keinen Alkohol mehr. Und ich bin heute ein sehr glücklicher Mensch, obwohl mir die aktuelle Situation vor allem beruflich sehr zu schaffen macht. Ich trank über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit davon heimlich. Ich hatte Familie (Frau und 2 Kinder) und funktionierte bis zum Schluss. Jedoch stand mein totaler Untergang kurz bevor (da war ich übrigens in Deinem Alter) , nur die Tatsache dass ich den Absprung geschafft habe, hat mich gerettet.

    Kurze Vorstellung, damit Du weißt wer Dir schreibt.

    Ich will jetzt auch nicht viele Worte machen. Einfach nur:

    Zitat

    Nun stehen viele Entscheidungen an.


    Ja, das stimmt und Du hast vollkommen Recht! Aber die wichtigste Entscheidung, wahrscheinlich die wichtigste Entscheidung Deines Lebens, die hast Du bereits getroffen! Du hast Dich dazu entschieden Deiner Sucht den Kampf anzusagen! Dazu kann ich Dir nur gratulieren!

    Zitat

    Keine idealen Ausgangspunkte ich weiss.


    Mein Weg begann damit, dass ich mich kurz nach meinem Outig von meiner Frau und damit auch von meinen von mir über alles geliebten Kindern getrennt habe. Ich stand vor den Trümmern meines Lebens. Ich ging durch die Hölle, emotionale Hölle (wobei ich hier betonen möchte, dass meine Familie durch eine noch viel schlimmere Hölle ging, weil sie die Opfer waren und ich der Täter). Sollte ich jemals einen Grund gehabt haben zu saufen, dann wäre das zu diesem Zeitpunkt der Fall geswesen. Ich tat es aber nicht, weil ich plötzlich wusste, dass genau das mich hierher geführt hatte. Ich wollte endlich mein Leben zurück, ich wollte irgendwann mal wieder fröhlich sein können, auch wenn ich mir das damals überhaupt nicht vorstellen habe können.

    Du siehst, ich hatte auch keine idealen Ausgangspunkte und wenn Dir hier noch andere schreiben, dann wirst Du merken: Schlimmer geht immer!

    Zitat

    Vielleicht werde ich mich auch spirituellen Themen öffnen müssen.


    Müssen? Wieso müssen? Meinst Du das tut weh? Am Ende geht es doch nur darum das zu tun, was Dir hilft diese verdammt mächtige Sucht zu überwinden. Und glaube mir, sie ist unglaublich mächtig, aber ich denke, dass hast Du bereits am eigenen Leib erfahren.

    Sollte Dir also Spirituallität helfen, sollte sie Dir etwas geben, Dich weiter bringen, dann ist das doch wunderbar. Wenn nicht, dann kümmere Dich um andere Hilfen. Was ich Dir in jedem Fall empfehlen kann, weil ich es bei mir selbst so erlebt habe, sei unbedingt offen für jede Art von Hilfe. Probiere aus, schließe nicht von vorneherein Dinge aus. Das kannst Du immernoch tun, wenn Du entsprechend (negative) Erfahrungen gesammelt hast. Habe ich auch so gemacht.

    Tja, am Ende war es bei mir dann ein Mönch, der mir bei meinem Weg heraus aus der Sucht wie ein Anker war. Der mich begleitet hat und mir das Laufen neu gelernt hat. Ein Mönch, zu dem ich ging, weil mir mein Psychologe (aus meiner damaligen Sicht) nicht helfen konnte und obwohl ich mit dem Glauben überhaupt nichts am Hut hatte. Aber ich war offen, ich wollte es schaffen und dieser Mönch war sozusagen mein Mentor, über viele Monate hinweg.

    Zitat

    Wenig erbaulich es aber es ist der Anfang eines Weges


    Ja, jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Und jeder Schritt ist wichtig, der erste jedoch der wichtigste, denn ohne ihn, geht die Reise erst gar nicht los. Und den hast Du getan! Jetzt bleib dran und wenn Du Fragen hast, dann immer her damit.

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles alles Gute und eine guten Austausch hier im Forum!

    LG
    Gerchla

    Hallo Kampfratte,

    schön das Du wieder mal hier schreibst. Ich will ganz ehrlich sagen, dass ich erst mal schauen musste, "wer Du eigentlich bist", bzw. mit welchem Anliegen Du damals hier im Forum warst. Es ist häufiger so, dass Hilfesuchende nur ganz kurz hier sind und dann andere Wege gehen. Und "man" weiß natürlich nie, welche Wege sie dann letztlich gegangen sind. Umso schöner, dass Du Dich mal wieder gemeldet hast, auch wenn der Grund jetzt nicht so schön ist.

    Ich will Dir einfach nur ein paar von meinen Gedanken zu Deinen Zeilen da lassen, ohne Anspruch darauf, dass das was ich denke auch richtig sein muss:

    Im Grunde dreht es sich bei Dir/Euch aktuell ja gar nicht um seinen (möglichen) Alkoholkonsum. "Offiziell" trinkt er nicht mehr und wenn ich das richtig lese, dann "kannst" Du ihm auch nicht das Gegenteil "nachweisen". Aber ich will gleich dazu sagen, dass ich denke, dass es darum auch gar nicht (mehr) geht.

    Denn was Du schilderst deutet einfach darauf hin, dass Du grundsätzlich an dieser Beziehung zweifelst und mehr noch, sogar unter dieser Beziehung leidest. Laut Deiner Schilderungen ist sein Verhalten Dir gegenüber in den unterschiedlichsten (Lebens-)Bereichen für Dich nicht in Ordnung. Und wenn Du mich jetzt fragen würdest, was ich in Deiner Situation tun würde (also wenn ich z. B. mit meiner Frau in einer solchen Situation stecken würde),dann kann ich Dir darauf eine klare Antwort geben: Ich würde erst mal das Gespräch suchen, offen, ehrlich und auf Augenhöhe. Ich würde mir sicher auch überlegen und auch mit meiner Frau darüber sprechen, ob es nicht sinnvoll wäre, einen Paartherapeuten mit einzuschalten. Von der Reaktion meiner Frau würde ich dann abhängig machen, wie ich weiter vorgehe.

    Ich könnte mir vorstellen, dass das für Dich/Euch auch ein Weg wäre. Vorausgesetzt Du hast das nicht schon alles durch. Ich nehme an, Du hast es zumindest schon versucht, denn Du schreibst ja, dass Gespräche eine Einbahnstraße sind.

    Ich will ehrlich sein und Dir sagen, dass das was Du aktuell über Deine Situation schreibst, für mich nichts mit einer (auch nur einigermaßen) funktionierenden Beziehung zu tun hat. Und schon gar nichts mit einer Beziehung auf Augenhöhe. Es liest sich so, als ob er "sein Ding" macht und Du bestenfalls schmückendes Beiwerk sein darfst. Aber nur so lange Du nicht nervst.

    Und da muss ich sagen: Auch wenn er tatsächlich nicht mehr trinken sollte (wo Du ja Zweifel geäußert hast), legt er das Verhalten eines Trinkers an den Tag. Kann also gut sein, dass da bei ihm heimlich was geht, kann aber auch sein, dass er vom Kopf her "nass" ist. Da stelle ich mir dann immer die Frage, wie lange es dauert, bis auch "der Rest" (wieder) nass wird.

    Aber das ist im Grunde völlig egal, denn es geht ja einfach nur um Dich und um Dein Leben. Egal ob er jetzt trinkt oder nicht, es scheint so zu sein, dass Du an seinem Verhalten nichts verändern kannst, weil er das nicht möchte/zulässt. Und es scheint so zu sein, dass ihm Dein Wohlbefinden nicht wichtig genug zu sein scheint. Jedenfalls nicht so wichtig, dass er wenigstens mal richtig mit Dir spricht oder gar mit Dir zusammen überlegt wie ihr Eure Bezeihung verbessern könnt. Und da ist es dann auch schon gleichgültig, ob er jetzt trocken ist oder ob er aktuell doch wieder trinkt.

    Sollte er tatsächlich wieder trinken hättest Du zwar eine "Erklärung", jedoch stündest Du dann auch vor einem gewaltigen Vertrauensbruch. Wie mir überhaupt scheint, dass das Thema "Vetrauen" bei Euch ein großes Thema ist. Und am Ende, so jedenfalls meine Meinung, lebt jede GUTE Beziehung von gegenseitigem Vertrauen. Wenn man seinem Partner (dauerhaft) nicht mehr vertrauen kann, dann wird's meiner Meinung nach schwierig.....

    Meine Vorschreiber haben's Dir ja schon ihre Meinung geschriebe, der ich mich im Grunde anschließen möchte. Ich könnte jetzt nur noch ergänzen, dass Du vielleicht ein "ulitmatives" Gespräch anstreben könntest (jedoch nur, wenn Du das überhaupt noch willst), Deine "Bedingungen" (Wünsche / Grenzen, etc.) nochmal deutlich formulierst aber auch bereits die Konsequenzen klar forumulierst, wenn sich nichts ändert. Du solltest diese Konsequenzen dann aber auch ziehen, wenn sich tatsächlich nichts ändert.

    Ich bin mir nicht sicher, ob Du auch in der Lage bist diese Konequenzen, welche wohl auf eine Trennung hinaus laufen würden, dann tatsächlich auch zu ziehen. Ob Du das dann auch tatsächlich willst... Vielleicht wäre es an der Stelle auch wichtig, dass Du Dir für Dich selbst Hilfe suchst, also Hilfe von Außen und jenseits dieses Forums hier. Vielleicht steckst Du in einer Art Co-Abhängigkeitsbeziehung fest, was auf Dauer fatale Folgen für Dich haben könnte. Ich schreibe das so, weil alles was Du beschreibst eigentlich (zumindest für mich) darauf hindeutet, dass Du diese Beziehung längst hättest aufgeben sollen. Du steckst ja schon relativ lange in dieser Situation fest und am Ende bist Du diejenige die leidet, während er sich offenbar ganz gut abgrenzen kann. Er macht halt sein Ding, Du nicht. Und, naja, im Grunde waren ja schon zu Beginn Eurer Beziehung ernste Zweifel angebracht, was Du aber scheinbar für Dich anders bewertet hast. Du hattest ja wirklich Bedenken, schon damals und hattest jetzt einige Jahre Zeit, diese entweder als ausgeräumt zu betrachten oder aber als bestätigt zu sehen. Was aber scheinbar passiert ist, ist, dass Du Dich "einfach" in diese Beziehung begeben hast und sie "laufen lassen" hast.

    Ohne den Punkt zu definieren, ab den Du die Reißleine ziehst. Und obwohl Du vorher gezweifelst hast und wusstest, dass da Probleme auf Dich zu kommen könnten. Deshalb nochmal mein Appell an Dich, Dich mit dem Thema Co-Abhängigkeit zu beschäftigen. Das ist eine sehr ernst zunehmende Krankheit die durchaus in der Lage ist, jemand komplett kauptt zu machen. Bitte lass' Dir da unbebingt helfen, sollte es in diese Richtung bei Dir gehen.

    Ich hoffe, ich konnte Dir ein paar Denkanstösse geben. Ich wünsche Dir viel Kraft und von Herzen, dass Du die richtigen Entscheidungen für Dich treffen kannst.

    LG
    gerchla

    Hallo MrEmp,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich stelle mich mal kurz vor: ich bin Anfang 50, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Ich trank weit über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit davon heimlich. Ich hatte Familie (Frau und 2 Kinder) und konnte meine Sucht bis zum Schluss verheimlichen. Man könnte auch sagen, ich war ein Meister im Lügen. Ich habe bis zum Schluss funktioniert und der absolute Totalabsturz stand jedoch kurz bevor. Nur die Tatsache, dass ich es dann tatsächlich geschafft habe aufzuhören hat mich davor bewahrt.

    Ich will einfach mal auf ein paar Aussagen von Dir eingehen, vielleicht helfen Dir meine Gedanken dabei, die Deinigen etwas zu strukturieren

    Zitat

    Sie verliert sich alle 2 Tage in einem Vollrausch. Der Tag "frei" ist meist ganz schön.


    D. h., Du kennst Deine Freundin im nüchternen oder besser "trockenen Zustand" quasi gar nicht. Denn wenn sie sich abschießt und dann einen Tag lang erholt, baut sie einfach nur den Restalkohol ab um dann sofort wieder loszulegen. Damit hängt sie leider wirklich ganz tief in der Sucht und wie Du ja selbst schreibst, fallen auch die "Erholungstage" bereits ab und an aus.... Nun, ich kenne das von mir. Lange war es so, dass ich, vor allem wenn ich am Vortag für meine Verhältnisse zu viel getrunken hatte, am nächsten Tag gar nichts trank. Manchmal auch 2 Tage nichts. Am Anfang viel mir das noch relativ leicht bzw. ich musste mich gar nicht dazu zwingen, ich hatte einfach keine Lust auf das Zeug. Aber mit zunehmender Dauer und zunehmender Gewöhung änderte sichd das.

    Du darfst also davon ausgehen, dass das was Du jetzt bei Deiner Freundin erlebst, "nur" eine Phase in ihrer Suchtgeschichte ist. Die Sucht wird sich auch bei ihr weiter entwicklen und sie entwickelt sich nicht zurück. Darüber solltest Du Dir im Klaren sein.

    Zitat

    und muss mich mit einer verschobenen Wahrnehmung herumschlagen


    Das ist leider eine "Nebenwirkung" dieser Krankheit. Und auch das wird nicht besser mit Andauern der Sucht. Ich spreche hier wieder nur aus meiner eigenen Erfahrung. Es ist leider so, dass der Trinker sich auch selbst belügt. Wahrscheinlich muss er /sie das auch tun, weil er / sie sonst das ganze Drama gar nicht aushalten könnte. Bei mir war das so, dass ich komplett in eine Parallelwelt abgeglitten bin. Natürlich ging das nicht von jetzt auf gleich sondern es war ein Prozess, der viele Jahre angedauert hat.

    Wenn ich heute auf diese Welt zurück blicke, dann bestand sie auch aus verschobenen Wahrheiten, zum allergrößten Teil jedoch bestand sie aus Lügen. Aus Lügen, die ich selbst in die Welt gesetzt hatte und die sich dann sozusagen verselbständigt hatten. Es ist wahnsinnig schwer das jemanden zu erklären, der selbst nicht betroffen ist oder besser war. Bei mir war das so, dass ich am Ende oft nicht mehr wusste, ob es sich bei meinen Ausagen um Lügen oder Wahrheit handelte. Ich bin derart in diese Scheinwelt eingetaucht, quasi mit ihr verschmolzen, dass ich auch meist nicht mehr wusste, was eigentlich tatsächlich die Realität ist.

    In seltenen Momenten blitzte diese tatsächliche Realität mal auf. Sie war dann aber derart unterträglich für mich (Stichwort Schuldgefühle), dass ich sofort zum Alkohol greifen musste. Und so dachte ich wirklich fast bis zum Schluss, dass ich ja niemanden etwas "täte", weil ja niemand wusste das ich trank. Dass jedoch meine Familie entsetzlich litt, weil sie ja meine Veränderung spürten, weil ich emotional komplett abwesend war, weil immer wieder Lügen von mir aufgedeckt wurden die ich dann aber wieder mit noch größeren Lügen "gerade bog", das kapierte ich gar nicht.

    Das ist nun sicher nicht komplett vergleichbar mit der Situation die Du mit Deiner Freundin hast. Alles was ich Dir damit sagen möchte: Sie lebt in einer anderen Welt. Einer Welt, in die Du keinen Zutritt hast. Egal was Du machst, Du kommst da nicht rein.

    Zitat

    Leider glaube ich, dass ich auch - Schritt für Schritt - einen Rahmen geschaffen zu haben in dem das alles "ok" ist.


    Für den Fall, dass Du Dir hier Vorwürfe machen solltest möchte ich Dir sagen: Deine Freundin ist für ihr Leben selbst verantwortlich. Sie entscheidet ALLEINE was sie damit machen möchte. Sie ist diejenige, die es in der Hand hat. Wenn sie trinken möchte, dann kann sie trinken. Wenn sie damit aufhören möchte, dann kann sie auf zahlreiche Hilfsangebote zurück greifen und den Weg aus der Sucht antreten. Egal was Du machst oder in der Vergangenheit gemacht hast: Sie hat das Glas zum Mund geführt und getrunken. Ich nehme jetzt mal nicht an, dass Du sie mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen hast, um es mal bildlich zu sagen. Es war und ist also ihre Entscheidung, egal welche Rahmenbedingen um sie herum waren oder sind. Du bist da raus, wie Du überhaupt hier komplett raus bist. In diesem Stück hast Du bestenfalls eine unbedeutende Nebenrolle... Leider.

    Zitat

    Ihr ist bewusst dass sie Alkoholsüchtig ist (ihr Vater ist es schließlich auch).


    Gut, dann ist das auch geklärt. Sie weiß es und sie sagt es sogar selbst. Vielleicht auch kombiniert mit einer Packung Selbstmitleid und dem Hinweis, dass das ja so kommen musste, weil ja der Vater auch Akoholiker ist/war. Das zeigt aber doch auch nochmal ganz deutlich, dass sie aktuell nicht vor hat, etwas an dieser Situation zu ändern. Es ist wie es ist, so kommt das bei mir an. Und es ist logisch, das es so ist. Und ändern möchte sie nichts.... Zumindest lese ich da nichts aus Deinen Zeilen heraus. Bleibt mir nur wieder zu sagen: das ist ihre Entscheidung und ihre Verantwortung.

    Zitat

    suhlt sie sich eher im Selbstmitleid welches ihr anscheinend auch die Berechtigung gibt weiterzutrinken - "alle anderen sind schuld", der typische Teufelskreis.


    Hier beschreibst Du ja nochmal dieses ganz typische Verhalten eines Alkoholikers. Kenne ich von mir auch sehr gut. Das hat auch etwas mit der von mir weiter oben beschriebenen Parallel- und Scheinwelt zu tun. Die Realität wird ausgeblendet, sie muss ausgeblendet werden, sonst ist das alles gar nicht zu ertragen. Ja, sie ist KRANK, schwer krank, nichts andere bedeutet das. Aber diese Krankheit unterscheidet sich eben von den meisten anderen. Sie kann nämlich erst mal nur vom Kranken selbst bekämpft werden, von Außen ist an sie nicht heran zu kommen. In aller Regel ist das so, wobei natürlich entsprechende "äußerliche" Ereignisse beim Betroffen etwas auslösen können. Z. B. den oft zitierten "Klick" auslösen, der dann ganz plötzlich dazu führt, dass der Betroffene sich helfen lassen möchte oder einfach soweit ist, dass er sagt: jetzt ist Schluss. Bei mir war das übrigens so, völlig ungeplant.

    Leider kann man dieses Ereignis nicht bewusst herbei führen. Es gibt keine Formel dafür und bei den allermeisten Alkoholikern tritt dieses Ereignis oder auch einfach nur die Erkenntniss jetzt aufhören zu wollen, gar nicht ein. Es sind nur die wenigsten der Alkoholiker, die überhaupt offensiv etwas gegen ihre Sucht unternehmen und von denen die es tun, sind es wiederum nur relativ wenige, die es dann auch tatsächlich dauerhaft schaffen. Will sagen, auf so ein Ereignis bei Deiner Freundin zu hoffen oder gar zu warten, hat großes Potenzial für eine never ending story.... leider.

    Zitat

    ielleicht aber auch nicht? Die nicht-betrunkene Freundin mag ich sehr gerne (selbst wenn da auch nicht alles perfekt läuft). Es fühlt sich an als wäre ich in einer Beziehung mit zwei verschiedenen Menschen.


    Das hast Du sehr schön formuliert. Die "nicht betrunkene Freundin"... Das hat aber nichts mit einer "trockenen" Freundin zu tun, das möchte ich Dir auch nochmal schreiben. Sollte Deine Freundin wirklich irgendwann mal aufhören wollen (was ich ihr wirklich sehr wünsche) und sollte sie es dann auch tatsächlich schaffen, dann hast Du es aller Voraussicht nach mit einem anderen Menschen zu tun. Denn wenn sie z. B. mit Hilfe einer Therapie in ein Leben ohne Alkohol starten sollte, dann wird sie sich verändern, sehr verändern. Das muss ja auch so sein, denn sonst käme sie da ja nicht raus. D. h. auch Du wirst Dich verändern oder wenigstens anpassen "müssen", wenn Du mit ihr weiter zusammen leben möchtest.

    Es ist nicht so selten, dass sich Paare getrennt haben, nachdem der trinkende Partner trocken wurde. Die meisten die ich gesprochen/gelesen habe, berichten davon, dass es ein langer Weg war und dass auch der nicht trinkende Partner bereit sein musste, die Beziehung neu zu "erlernen". Das schreibe ich jetzt nur um Dir zu zeigen, dass nicht alles einfach gut wird, wenn sie zum trinken aufhören würde. Ich will aber auch sagen, dass ich Paare kenne, die nachdem sie diesen Weg gemeinsam gegangen sind, heute (zumindest soweit ich das beurteilen kann) eine sehr gute Beziehung miteinander haben. Es war aber bei allen ein Prozess der oft sehr lange andauerte. Am Ende geht es ja auch darum, Vertrauen neu zu erlernen. Nur Du selbst kannst wissen und entscheiden, ob Du überhaupt bereit wärst, diesen langen Prozess mit Deiner Freundin zu gehen, sollte sie tatsächlich irgendwann mal etwas gegen ihre Sucht unternehmen wollen.

    Zitat

    Wenn ihr einen Tipp habt, gerne.


    Hier hast Du von meinen Vorschreiberinnen ja bereits viele wertvolle Meinungen erhalten. Ich möchte Dir nur nochmal sagen, dass Du sehr aufpassen solltest, dass nicht auch Dein Leben von ihrer Sucht dominiert wird. Ich denke, im Moment ist das der Fall. Vielleicht magst Du Dich ja auch mal mit dem Thema "Co-Abhängigkeit" beschäftigen. Einfach mal googeln und schauen, ob Du Dich da wiederfindest. Wenn ja, dann scheue Dich nicht davor, Dir professionelle Hilfe zu suchen.

    Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass Du die Verantwortung für DEIN Leben übernimmst und Deiner Freundin ihres lässt. Dazu hast Du aber ja schon von meinen Vorschreiberinnen sehr viel geschrieben bekommen und wenn ich das jetzt wiederhole wird es dadurch auch nicht richtiger. Wenn Du nicht dauerhaft unter ihrer Sucht leiden willst, dann bleibt Dir nur, Deinen eigenen Weg zu gehen. Und das hat dann auch nichts mit im Stich lassen zu tun sondern ist sozusagen Selbstschutz. Und sollte sie tatsächlich mal etwas gegen ihre Krankheit unternehmen, also so richtig aktiv (nicht nur ankündigen oder reden), dann bleibt es Dir immernoch unbenommen, sie dann dabei zu unterstützen. Falls Du diesen langen und nicht einfachen Weg dann auch noch gehen möchtest. Das ist allein Deine Entscheidung.

    Ich hätte Dir gerne viel Positiveres geschrieben, bitte glaube mir das. Aber ich kann hier nur das schreiben, was ich selbst erlebt habe und was ich in mittlerweile sehr vielen Gesprächen mit anderen Betroffen an Erfahrungen gesammelt habe. Ich wünsche Dir (und auch Deiner Freundin) nur das allerbeste. Dir, dass Du den richtigen Weg für Dich finden kannst und ihr, dass sie wach wird und den Kampf gegen ihre Sucht aufnimmt und sich damit ihr Leben zurück holt.

    LG
    Gerchla

    Hallo Randy,

    ich möchte Dir noch ein paar Gedanken da lassen.

    Zitat

    Zusammenfassend ist das wichtigste wohl erst einmal "Strecke machen"! Und Abstand zum Suchtmittel zu bekommen.


    Ja, das ist gut zusammen gefasst. Wichtig ist es aber auch zu wissen, dass "nur" nicht mehr trinken auf Dauer nicht ausreicht. Das wohl auch der Grund, weshalb die "klassischen" Suchtausstiegsmodelle für ein guter Start sind. Damit meine ich den Weg über einen Arzt und/oder Suchtberatung in eine Therapie, stationär oder ambulant. Dort passiert dann natürlich mehr als nur nicht mehr trinken.

    Trotzdem sind ist der Anteil jener, die es dann tatsächlich schaffen eher ernüchternd. Aber für viele ist es einfach ein guter Weg, ein guter Start in ein Leben ohne Alkohol. Es geht natürlich auch anders, ich hatte z. B. auch keine klassische Therapie und ich kenne auch viele, die keine hatten. Manche wurden komplett mit Hilfe einer Selbsthilfegruppe trocken. Jeder darf hier seinen eigenen Weg finden und nicht wenige probieren mehrere Wege aus, bevor sie es dann schaffen von dem Zeug weg zu kommen.

    Was ich aber noch sagen möchte: Auch wenn ich keine klassische Therapie hatte, habe ich mehr gemacht als nur nicht mehr zu trinken. Das habe ich Dir ja in meinen vorherigen Posts schon geschrieben. Im Grunde habe ich mir meine Therapien selbst zusammen geschustert. Und hatte das Glück, das es funktioniert hat. Ich war damals aber auch absolut bereit, z. B. eine stationäre Therapie zu machen. Es gab bei mir nichts, was ich ausgeschlossen hätte. Im Grunde hat sich das alles, wohl auch bedingt durch meine am Ende dann doch ganz spontane Entscheidung mit dem Trinken aufzuhören, so ergeben wie es dann eben gekommen ist.

    Ich bin bereits am Tag 1 ohne Alkohol in eine SHG gegangen. Dort war ich erst mal sehr gut aufgehoben, hatte gute Ansprechpartner, kam gut voran und lernte viel. Parallel folgte dann, nach längerer Wartezeit, auch eine Betreuung durch einen Psychologen, welche aber nicht meinen "Erwartungen" entsprach so dass ich mir andere Hilfe suchen wollte und auch gesucht habe. Da gab dann eines das andere und ich kam immer weiter voran, so dass irgendwann der Gedanke an eine "normale" Therapie immer kleiner wurde bzw. verschwand. Es hat auch so gut funktioniert.

    Wie stehtst Du denn zu diesem Thema? Käme eine Therapie für Dich in Frage?

    Zitat

    Der Mensch vergisst/verdrängt halt auch schnell.


    Genau darum kümmert sich die Sucht. Das nutzt sie schamlos aus und sie befeuert es noch. Darum eben auch die alte Weisheit, dass nur nichts trinken nicht ausreicht.

    Zitat

    Aber wenn ich hier mal mit Ehrlich sein anfange, kann ich mir im Moment nicht vorstellen hier alle Karten auf den Tisch zu legen.
    Ich bin mir nicht sicher ob ich damit nicht mehr kaputt mache bzw. mir zu meinem grundsätzlichen Problem noch weitere Baustellen aufmache.


    Ich kann und will nicht so anmaßend sein, dieser Aussage von Dir zu widersprechen. Was ich aber sagen möchte, ist, dass mir genau diese Gedanken auch (jahrelang) gemacht habe. Was ich sagen will: ich konnte mir nicht vorstellen, meiner Frau bestimmte Dinge jemals zu erzählen. Es gab mehrere Dinge, die ich ganz gewiss mit ins Grab nehmen wollte. Auch weil ich dachte, dass ich damit bei anderen (z.B. bei meiner Frau und meinen Kindern) fürchterliches Leid anrichten würde. Und dass das niemals passieren dürfte.

    Fatal war allerdings, dass mit andauernder Sucht immer noch mehr solche Tabudinge dazu kamen. Oder die vorhandenen immer noch größer und schlimmer wurden. Weil es halt einfach nicht geschafft habe heimlich mit dem Trinken aufzuhören, weil es einfach nicht funktioniert hat, weil die Sucht einfach nicht umsonst so eine verdammt gefährliche und heimtückische Krankheit ist und nicht umsonst nur so verdammt wenige überhaupt dauerhaft von dem Zeug weg kommen.

    Ich habe gelernt: Wäre ich zu einem viel früheren Zeitpunkt ehrlich gewesen, hätte mich geoutet und alles gebeichtet, es wäre sicher auch schlimm gewesen. Aber nichts gegen das was dann am Ende bei mir passiert ist. Und ich habe auch gelernt: Für mich gibt es keine Alternative zur Ehrlichkeit.

    Zitat

    Ich bin fest davon überzeugt das wenn ich die Probleme aus meinem früheren Leben endlich mal aufarbeite schon viel erreicht ist.


    Ich kann mir gut vorstellen, dass das auch ein ganz wichtiger Punkt für Dich ist. Aber denkst Du, wenn Du das aufgearbeitet hast, wird alles gut werden? Glaubst Du, dass Du dann nicht mehr trinken musst und dass Du dann ein "ganz normales Leben" ohne Alkohol führen kannst. Ohne dass Du Deine Frau darüber tiefer informiert hast, ohne dass Du Dich Deines näheren Umfelds gegenüber geoutet hast? Ohne das halt einfach alle wichtigen Menschen wissen: Der Randy ist Alkoholiker und trinkt jetzt keinen Alkohol mehr!

    Ich habe übrigens AUSSCHLIEßLICH positive Rückmeldungen nach meinen Outings bekommen. Jetzt natürlich nicht an dem Tag, wo ich es gesagt habe. Da waren ausnahmslos alle völlig schockiert und teilweise sprach- und auch hilflos. Aber als sie merkte, da tut sich jetzt was bei mir, da passiert was, der meint es ernst, da erfuhr ich nur Zuspruch und Unterstützung. Und diese hätte ich ganz sicher auch von meiner Frau erfahren, wenn ich mich nicht getrennt hätte. Zumindest hat sie mir das so gesagt und ich habe keinen Grund daran zu zweifeln.

    Und genau diesen Zuspruch und diese Unterstützung, die kann einen ganz schön tragen. Die kann echt helfen, wenn es mal darauf ankommt. Wenn man mal nicht so gute Tage hat. Ich weiß auch nicht wie ich es sagen soll. Vielleicht so: Jedes Geheimnis das man mit sich herum trägt, jede Heimlichkeit, die man vor Menschen hat, die einen eigentlich wichtig sind, stellen eine (psychische) Belastung dar. Ich war so froh, als wirklich alles ausgesprochen und erzählt war. Ich hab das auch nicht alles am ersten Tag hinbekommen. Und ich habe einige Dinge, wirklich schlimme Dinge, auch ein paar Tage vor mich hergeschoben. Aber ich wusste immer, dass ich sie erzählen muss. Dass ich die Chance nutzen muss, wirklich komplett neu anzufangen. Kompletter Reboot sozusagen, erst dann war ich frei um den schwierigen Kampf gegen den Alkohol und auch den Aufbau eines Lebens in komplett anderer Form bestehen zu können.

    Zitat

    Dennoch hätte ich auf psych. Ebene schon viel früher Hilfe gebraucht!


    Bestimmt wäre früher besser gewesen. Aber Du kannst es auch jetzt noch angehen. Vielleicht kann das ja dann wirklich der Einstieg für Dich sein in ein Leben ohne Alkohol. Es scheint dann ja auch doch so zu sein, dass Du den Alkohol genutzt hast um Deine Vergangenheit zu verdrängen. Und da hilft er ja auch ganz gut, aber eben nur temporär und mit den entsprechenden "Nebenwirkungen", die Du jetzt auszubaden hast.

    Wenn Du es jetzt schaffst, erst mal "Strecke" zu machen, wie Du so schön schreibst. Und gleichzeitig dann beginnst (mit Hilfe) Deine Vergangenheit aufzuarbeiten (was nur Sinn macht und Erfolg haben kann, wenn Du nicht trinkst), dann tust Du ja genau das, was so wichtig ist: Du machst dann mehr als nur nicht mehr zu trinken! Du versuchst dann, an die Gründe heran zu kommen. Du schaust dann genauer hin.

    Alles Gute weiterhin für Dich. Lass das erste Glas stehen!

    LG
    gerchla

    Hallo Randy,

    ich nochmal.

    Ok, dann bist Du in gleiche Falle getappt wie ich. Bei war es nämlich ähnlich. Meine Frau sprach mich auch an, mehrmals, auf meinen Konsum. Welcher zu diesem Zeitpunkt noch auf einem sehr niedrigen Niveau war. Aber eben schon regelmäßig. Das machte ihr Sorgen, nachvollziehbar, aus heutiger Sicht. Und ich war damals, bei 1 bis max. 2 "Feierabendbieren" bereits süchtig. Das weiß ich heute, das war mir damals nicht so recht bewusst.

    Erst gelang es mir spielend, wirklich nichts mehr zu trinken.Aber irgendwann machte ich mir dann wieder ein Bier auf. Was sie nicht kommentierte. Und ich zum Anlass nahm in immer kürzeren Intervallen "mein" Bier zu trinken. Bis sie mich wieder ansprach. Das ging ein paar mal so und irgendwann, trank ich dann "mein" Bier z. B. mit Kollegen in der Arbeit bevor ich nach Hause fuhr. Nur dieses eine Bier, nicht mehr. Bei uns gab's ne Runde, wo ein paar Leute regelmäßig ein Feierabendbier miteinander tranken und dabei quatschten. Nach der Arbeit und auch nicht in epischer Länge.

    Aber schon hier begann das Lügen, was mich als zentrales Element durch meine Sucht begleitete. Denn ich musste meiner Frau ja erklären, warum ich ne halbe oder dreiviertel Stunde später nach Hause komme.... Und so ging es dahin.

    Und weißt Du wie ich mit meinem Suchtausstieg begann? Mit einem Outing! Ich sagte meiner Frau, völlig ungeplant, dass ich Alkoholiker bin. Ich kam damals aus der Arbeit nach Hause und meine Frau konfrontierte mich mit einer meiner Lügen. Ich wäre damals sicher in der Lage gewesen, mich durch noch geschickteres Lügen aus dieser Situation heraus zu winden. Wie ich es vorher oft getan hatte. Ganz plötzlich wusste ich aber: Nein, dieses mal nicht. Jetzt ist Schluss! Und ich sagte ihr, dass ich Alkoholiker bin. Sie glaubte mir kein Wort und meinte, das wäre doch wieder eine meiner Geschichten. So ging ich mit ihr raus zum Auto und zeigte ihr den Ort, wo normalerweise das Reserverad untergebracht ist. Er war voll mit (Plastik-)Bierflaschen, ich zeigte ihr unser Holzlager im Garten, welches ausgehöhlt war und mit Weinflaschen gefüllt (Wein deshalb, weil die im Winter nicht so schnell auffrierern und es war Winter als ich mich outete), ich zeigte ihr den Jetbag im Keller, der voll war mit Plastikbiersixpacks.

    Und weißt Du was. Es war zentral wichtig, dass ich genau das getan habe. Denn vorher hatte ich mir immer ein Hintertürchen offen gehalten. Niemand wusste das ich trank (erklären, wie ich das verheimlichen konnte sogar vor meiner Familie kann mir manchmal selbst nicht), also merkte auch niemand, wenn ich nach einer Trinkpause wieder damit weiter machte. Jetzt aber war alles anders. Jetzt war es raus! Es war schrecklich, weil ich die Zukunftspläne meiner Frau damit pulverisierte (ich trennte mich kurz darauf auch von ihr), aber es war in gewisser Weise befreiend, weil ich wusste, dass ich jetzt nicht mehr zurück kann.

    Wie sieht es diesbezüglich bei Dir aus? Deinen Zeilen entnehme ich, dass Du eine (geringe) Menge "offiziell" trinkst und den "Rest" dann heimlich. Fatal, fatal für alles. Vor allem für Deine Psyche und Dein Selbstwertgefühl. Du schreibst ja selbst, dass Du Dich schämst. Das war bei mir nicht anders bzw. am Ende war mir das auch wurscht. Am Ende dachte ich so einen Schwachsinn wie "ich tue ja niemanden was, ich schade ja nur mir selbst". Irre, wie sich das Hirn und die Wahrnehmung mit zunehmender Suchtdauer verändern. Irre, wie man in eine eigenen Parallelwelt, eine parallele Wahrnehmung abgleitet.

    Wenn Du es wirklich ernst meinst, ich meine so WIRKLICH ernst, dann lege unbedingt die Karten auf den Tisch. Alles andere bleibt nur rumgeeire. Diese Sucht ist zu mächtig, als das man sichihrer heimlich entledigen könnte. Wirklich, ich spreche aus eigener Erfahrung und reichlichen Versuchen das zu tun.

    Sprich mit Deiner Frau, sag ihr genau was Sache ist. Hole dabei alle Leichen aus dem Keller ( was glaubst Du was ich alles gebeichtet habe, die schlimmsten Schandtaten) wenn Du dort welche hast. Hole sie deshalb heraus, weil wenn Du sie unten lässt, dann belasten sie Dich weiter und gerade am Anfang ist das hochgefährlich und kann Dich zurück in die Sucht treiben. Aber vielleicht hast Du ja gar nichts zu beichten, "außer" das Du trinkst. Bei mir war das anders. da hatte sich ne Menge angesammelt. Heimlich aufgelöste Sparverträge die wir als Altervorsorge geplant hatten und die ich verprasst hatte, waren da noch die harmlosen Sachen.

    Aber das alles kam auf den Tisch. Nein, das war nicht lustig, es war einer der schlimmsten Momente in meinem Leben. Noch schlimmer war es, als ich (wir) unseren Kindern "reinen Wein" ::) einschenkten.

    Es folgten dann, aber erst nach paar Tagen und Wochen, weitere Outings. Bei meinen Geschwistern und auch bei meinen Eltern. Da "durfte"ich dann auch gleich noch beichten, dass ich nicht nur Alki bin sondern mich auch von meiner Frau getrennt habe. Ich glaube ich muss nicht betonen, wie schwer das alles für mich war. Aber absolut notwendig, das weiß ich heute. Und heute weiß ich auch, dass es für meine Frau, meine Familie, noch viel schlimmer war als für mich. Ich war Täter, nicht Opfer.
    Dann kam noch ein guter Freund dran, jener der mir dann später auch viel geholfen hat. Das war's dann erst mal. Hinz und Kunz muss man es m. E. nicht auf die Nase binden aber alle die einem wichtig sind und sich im näheren Umfeld befinden sollten Bescheid wissen. Es dient im Grunde nur dem Selbstschutz und nimmt der Sucht ein Hintertürchen.

    Ehrlichkeit ist also ganz wichtig. Anderen gegenüber aber natürlich auch sich selbst gegenüber. Ich musste das dann auch erst lernen. Denn ich log ja weit über 10 Jahre täglich. Und ich meine damit jetzt nicht die kleinen Notlügen. Und natürlich war lügen auch nach meinem Ausstieg erst mal das erste was mir in den Sinn kam, wenn ich auf eine unangenehme Situation traf (und davon gabs am Anfang reichlich). Ganz bewusst habe ich dann diese Reaktion (also das lügen wollen) übersteuert und mich zur Ehrlichkeit gezwungen. Klingt verrückt, hat aber funktioniert und heute gehört es zu meinen Grundwerten immer ehrlich zu sein und nicht zu lügen. Wegen dieser Erfahrungen aus meiner Suchtzeit.

    Wenn Du also wirklich weg willst von dem Zeug, dann lag alles auf den Tisch. Aber ich wiederhole mich.

    Das wollte ich Dir jetzt unbedingt noch schreiben. Vielleicht hilft es Dir irgendwann mal.

    LG
    gerchla

    Hallo Randy,

    herzlich Willkommen hier im Forum. Schön, dass Du Dich entschieden hast aktiv dabei zu sein.

    Ich bin Anfang 50 und war mit 40 so ziemlich genau an dem Punkt an dem Du jetzt auch stehst. Wenngleich man unsere Suchtkarrieren, nachdem was ich aus Deiner Vorstellung heraus lese, nicht direkt vergleichen kann. Ich trank fast meine ganze Trinkerzeit komplett heimlich und ich trank am Ende, so die letzten 2 - 3 jahre täglich, selbst wenn ich krank war. Pausen, wie Du sie beschreibst, waren mir nicht mehr möglich und ich sah auch gar keinen Sinn mehr darin. Vorher habe ich das ähnlich versucht, wie Du das von Dir schreibst. Trinkpausen, kontrolliertes Trinken, erst ab einer bestimmten Uhrzeit anfangen, usw., lauter so Sachen. Ich meine fast, dass das die meisten Alkoholiker, sofern sie sich ihrer Sucht bewusst werden und gegensteuern wollen, irgendwie probieren.

    In der Regel läuft es dann so ab, dass man es eine Zeit lang hinbekommt, dann die Sucht aber so ihre Tricks auspackt (können unterschiedlichster Art sein) und schupp, geht es weiter und man dreht die nächste Schleife. Und je tiefer man rein rutscht, desto schwerer wird es dann selbst mal die kleineren Trinkpausen durchzuhalten. So war jedenfalls meine Erfahrung.

    Wenn Du also mal süchtig bist, dann bleibt m. E. nur eine Alternative. Und das ist der komplette Verzicht auf Alkohol. Tja, hört sich vielleicht logisch an, ist aber in der Praxis das große Problem. Wie Du ja gerade selbst am eigenen Leib erfährst. Und ich durfte das ebenfalls am eigenen Leib erfahren.

    Ich kann Dir jetzt hier nicht sagen, wie Du es schaffst diese Sucht zu überwinden. Ich würde es gerne, sehr gerne aber ich kann es nicht. Ich weiß ja noch nicht mal selbst so ganz genau, warum ich plötzlich am Tag X (völlig ungeplant) beschlossen habe: Jetzt ist es vorbei - und das war es dann auch, bis zum heutigen Tag und hoffentlich für den Rest meines Lebens.

    Ich kann Dir aus meiner Erfahrung nur sagen, dass es zuerst mal darauf ankommt, nichts mehr zu trinken. Damit will sagen, dass erst mal elementar wichtig ist, längere Zeit von dem Zeug weg zu bleiben, also nicht zu konsumieren. Das "darf" dann durchaus ein kämpfen sein, ein kämpfen dafür, keinen Alkohol mehr zu trinken. Je länger Du nicht trinkst, desto mehr beginnst Du Dich zu verändern. Man beginnt ganz langsam, Dinge anders wahr zu nehmen, ganz langsam verändert sich die eigene Denkweise und man gewinnt ganz langsam wieder die Kontrolle über sich selbst. Vorher hatte die Sucht die komplette Kontrolle und man (vor allem die Gedanken) waren komplett suchtgesteuert.

    Leider geht das nicht von heute auf morgen. Es dauert eine Weile und es ist leider nicht so, dass man nach ein paar Wochen ohne Alkohol bereits komplett "umgestellt" wäre. Mit zunehmender Dauer des eigenen Lebens ohne erneute Alkoholzufuhr wird man aber langsam in die Lage versetzt, Dinge mal tiefer zu durchdenken. Nun hast Du hier ja schon gelesen, dass nicht jeder die Gründe für seine Sucht finden muss um dauerhaft von dem Zeug weg zu kommen. Ich möchte aber auch sagen, dass das was ich hier schreibe meine Erfahrungen sind. Kann gut sein, dass andere das anders erlebt haben.

    Ich kann und will hier aber nur von mir schreiben. Und mir hat es sehr geholfen, mich mit den Gründen meiner Sucht zu beschäftigen. Ich wollte wissen, wieso mir das passieren konnte und warum ich da so tief hinein gerutscht bin. Vielleicht auch deshalb, weil ich zunächst mal keine offensichtlichen Gründe erkennen konnte. Da war eigentlich nichts, was so eine Suchtkarriere klassischerweise "gerechtfertigt" hätte. Mir ging es nicht schlecht, ich hatte keine Schicksalsschläge zu verkraften, ich hatte einen super Job und eine tolle Familie.... Warum also? Mag sein, dass das der Grund war, warum ich da genauer hinschauen wollte.

    Über diesen Prozess, und das war ein Prozess über Wochen, sogar Monate, kam ich immer mehr an den Punkt, dass ich mir die Frage stellte, was ich eigentlich mit meinem Leben so anfangen möchte. Klar hätte ich sagen können, ich will halt ohne Alkohol leben weils mir mit so beschissen ging und ich das nie mehr so erleben möchte. Aber das reichte mir nicht, auch wenn das natürlich ein zugkräftiges Argument war, welches mir sicher in den Anfangswochen als Motivation diente. Ich wollte wirklich nie mehr so die Kontrolle über mein Leben verlieren.

    Aber erst als ich begann, nach meinem Sinn zu suchen, als ich begann mir Fragen zu stellen wie "Wo willst Du eigentlich hin mit Deinem Restleben?", "Wer möchte ich eigentlich sein?", "Was will ich mal von meinem Leben sagen, wenn ich vor der Kiste stehe?", "Was sehe ich selbst denn jetzt eigentlich als Sinn meines Lebens", da veränderte sich nochmal massiv etwas bei mir. Denn da wurde mir nach und nach bewusst, dass bei der Beantwortung dieser Fragen der Alkohol außen vor war. Er konnte mir hier nirgendwo helfen, war zu nichts mehr nütze. Als ich mir klar darüber wurde, wo ich hin wollte, was ich noch erreichen wollte (und das mir der Alkohol dabei zu keiner Zeit helfen kann), begann ein Prozess des "immer zufriedener werdens", auch des immer klarer werdens.

    Zusammengefasst könnte man vielleicht sagen, ich begann mit mir selbst ins Reine zu kommen.

    Heute bin ich mit mir im Reinen, das kann ich so sagen. Und nicht das Du jetzt denkst, ich hätte das alles alleine im stillen Kämmerlein so hinbekommen. Nein, es war ein langer Prozess, und ich hatte viel Hilfe von außen. Wie Du war ich beim Psychologen, ich hatte einen engen Freund, mit dem ich sehr viel gesprochen habe und dann noch einen Mönch, der mich über Monate begleitet hat und wohl am meisten Anteil an meinem Suchtausstieg hatte. Und natürlich hatte ich viele Zweifel ob das alles richtig ist, es gab viele Weichen, die ich glücklicherweise richtig gestellt habe und ich musste viele Entscheidungen treffen. Bei mir ging es gut aus.

    So dabei will ich es mal belassen. Wichtig ist erst mal nicht mehr zu trinken, damit sich Deine Denkweise "umstellen" kann. Und dann, ja dann muss jeder seinen eigenen Weg finden.

    Alles Gute für Dich und einen guten Austausch hier im Forum wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla

    @ichso

    Zitat

    Wie wunderbar, oder? Es geht mir ziemlich fast genauso - wenn uns das jemand in den ersten Tagen erzählt hätte... "Ja, nee, is klaa..." habe ich wahrscheinlich (noch scham- und schuldzerfressen) damals gedacht.


    Liebe ichso, das kann ich genaus so uneingeschränkt unterschreiben. NIEMALS, wirklich NIEMALS hätte ich damals gedacht, dass ich da so "heraus" komme. Mir ging es teilweise so schlecht, gerade in Bezug auf die Schuld, dass es wirklich Zeiten gab, wo ich dachte, das bekomme ich bestimmt nicht hin. Nie mehr werde ich eine funktionierende Beziehung zu meinen Kindern aufbauen können, sie werden dauerhaften Schaden nehmen, meine erste Frau wird mich für immer hassen, nie über das hinweg kommen was ich ihr angetan habe und ich werde nie eine "normale" Beziehung zu meiner "alten" Familie haben können. Zum Glück habe ich nicht aufgegeben und auch immer versucht zu zeigen, dass ich ohne Alkohol ein anderer Mensch bin bzw. ein anderer Mensch werden möchte. Gleichzeitig habe ich das Glück gehabt, immer die richtigen Menschen zur richtigen Zeit an meiner Seite zu haben. Ich möchte sagen, dass ich ganz viiiiieeeel Glück gehabt habe, alleine wenn es darum ging die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.

    Das ich heute eine gute Beziehung selbst zu meiner ersten Frau habe, nochmal eine Familie gründen durfte, nochmal Papa wurde und nochmal ein (wunderbares :) ) Kind ins Leben begleiten darf, das wäre absolut unverstellbar gewesen. Dass es jetzt doch so ist, dafür bin ich unglaublich dankbar und diese Dankbarkeit, die verschwindet auch nicht. Ich spüre sie jeden Tag.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Sunny,

    Zitat

    Wie geht es dir in letzter Zeit ?


    Da Du mir eine Frage gestellt hast möchte ich natürlich auch darauf antworten.

    Die Frage ist sehr allgemein gehalten und ich könnte einfach mit "gut" antworten. Ich weiß nicht, ob Du sie "einfach so" gestellt hast oder ob Du sie auf irgendetwas beziehst, beispielsweise darauf, wie es mir im Bezug auf Alkohol geht oder darauf, wie ich mit der aktuellen Pandemiesituation klar komme. Das sind jetzt die zwei Dinge, die mir gerade so in den Sinn kommen.

    Ich will meine Antwort nicht in die Länge ziehen und Dir einfach sagen:

    Seit ich weiß, was ich eigentlich will in- und mit meinem Leben, spielt der Alkohol für mich keine Rolle mehr. Ich kann mich an keine Situation erinnern, wo ich Sehnsucht oder gar Druck nach dem Zeug gehabt hätte. In meinem Alltag ist er komplett raus. Nun, so ganz stimmt das natürlich nicht, denn ich bin ja hier aktiv und hier spielt er ja eine Rolle, sogar die Hauptrolle. Hier bin ich, weil ich meine Erfahrungen teilen möchte und weil es einer meiner Lebensziele ist, anderen Menschen zu helfen (nicht nur im Bezug auf Suchtausstieg), wenn es mir möglich ist und wenn es Sinn macht. Letzteres bedeutet für mich, dass ich niemanden "meine Hilfe" aufdränge sondern sie anbiete (draußen im "richtigen" Leben), oder meine Meinung zu äußere, wenn es gewünscht wird.

    Speziell hier im Forum bedeutet es, dass ich von mir erzähle, was ich erlebt habe, was ich alles getan habe und wie es mir damit ergangen ist. Wenn jemand etwas für sich mitnehmen kann, super. Wenn nicht, dann ist es eben so.

    Zusammengefasst: Mit dem Alkohol, meiner Trinkervergangenheit und meinem jetzigen Leben ohne Alkohol bin ich im Reinen. Mir geht es sehr gut und ich möchte mich als glücklichen Menschen bezeichnen. Mir fehlt nichts, schon gar nicht der Alkohol.

    Zur Pandemie:
    Ich arbeite in einem Bereich, der von dieser Pandemie schwer getroffen ist und wo aller Voraussicht nach langfristige negative Auswirkungen bleiben werden. Auch wenn diese ganze Geschichte mal vorbei sein sollte. Da ich in der Führungsebene unseres Unternehmens tätig bin habe ich große Verantwortung, auch für andere Menschen, für mein Team. Ich tue alles, was in meiner Macht steht, um uns einigermaßen gut durch diese Zeit zu bringen und dafür, dass wir für die Zukunft gut aufgestellt sind. Ich habe noch nie so viel gearbeitet wie ich es aktuell tue und ich habe auch noch nie so viel Verantwortung gespürt (beruflich gesehen) wie das aktuell der Fall bei mir ist.

    Trotzdem hadere ich nicht, ich nehme es so wie es ist, denn ich kann das alles nicht verändern. Was ich aber tun kann, ist damit so umzugehen, dass es sowohl mir als auch meinem Team so gut geht, wie es eben aktuell möglich ist. Das ist nicht immer einfach, manchmal gibt es richtig besch....ene Tage aber das Leben (auch das berufliche) besteht eben nicht nur aus tollen Tagen. Diese hatten wir reichlich und ich bin zuversichtlich, dass diese auch wieder kommen werden.

    Zusammengefasst: beruflich sind die Zeiten gerade schwer, trotzdem fühle ich mich "getragen" und in der Lage da gut durch zu kommen. An Alkohol, um mal wieder zum eigentlichen Thema hier im Forum zurück zu kommen, habe bezüglich der "Bewältigung" meiner aktuellen beruflichen Stresssituation zu keiner Millisekunde gedacht.

    Ich bin dankbar, dass es so ist.

    Alles Gute für Dich! Ich hoffe es geht Dir weiter gut und wünsche Dir, dass Du all Deinen Pläne verwirklichen kannst.

    LG
    gerchla

    Hallo Thomas,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Schön, dass Du Dich dazu entschieden hast hier aktiv mitzuschreiben.

    Ich bin Anfang 50, Alkoholiker und trinke jetzt schon lange keinen Alkohol mehr. Davor trank ich weit über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit heimlich. Ich hatte damals Familie, also Frau und 2 Kinder und konnte meinen Konsum verheimlichen. Obwohl ich zum Ende hin dann wirklich erhebliche Mengen an Alkohol zu mir nahm.

    Nach Deinem ersten Post dachte ich mir noch "erstaunlich, dass er es scheinbar geschafft hat in eine Art kontrolliertes Trinken zurück zu finden". Und ich habe mich gefragt, was Dich so belastet, wenn Du keinen Kontrollverlust mehr hast und in größeren Abständen ab und an mal "handelsübliche" Mengen trinkst. Es hat mich natürlich sehr erstaunt, weil ich das in dieser Forum tatsächlich noch nie von jemanden gehört oder erzählt bekommen habe.

    Nach Deinem zweiten Post jedoch sehe ich jetzt viel klarer. Du trinkst nicht ab und zu mal was sondern regelmäßig. Zwar (noch) nicht täglich aber offenbar immer am Wochenende und die Tage werden mehr. Da tut sich also was, wenn ich das mal so schreiben darf. In die falsche, aber, aufgrund Deiner Suchterkrankung, logische Richtung. Leider. Und Du trinkst heimlich, auch etwas ganz fatales, wie ich aus reichlich eigener Erfahrung weiß. Es scheint mir so, als stündest Du gerade am Anfang eines Neustarts, aber eben nicht in Richtung Abstinenz sondern genau in die andere Richtung. Deshalb ist es m. E. ganz hervorragend, dass Du Dich jetzt damit beschäftigst und dem ganzen einen Riegel vorschieben möchtest.

    Und ich denke jetzt gerade an ein Gespräch zurück, dass ich vor einiger Zeit mit einem Bekannten (ebenfalls Alkoholiker, aktuell trocken) geführt habe. Er hat mir erzählt, dass er 10 Jahre trocken war und dann wieder angefangen hat. So ähnlich wie Du das auch schilderst. Und auch er hat erst mal nur ein Bier getrunken und dann wochenlang nichts mehr. Und auch bei ihm kamen genau die gleichen Gedanken auf wie Du sie von Dir schilderst. Und er hat fast 3 Jahre ohne Probleme kontrollieren können, auch wenn es, wie er selbst sagt, ganz langsam etwas mehr wurde. Aber alles noch "im grünen Bereich", wo sich ein Außensstehender keine Gedanken machen würde. Und dann kamen ein paar Probleme, nach seinen eigenen Angaben noch nicht mal richtig schlimme sondern eigentlich durchaus lösbare, und bei ihm brachen alle Dämme.

    Er trank dann wieder jahrelang exzessiv, nach 10 Jahren komplett ohne und fast 3 Jahren moderat, bis er irgendwann dann nochmal den Absprung geschafft hat.

    Was ich damit sagen will: Du machst das jetzt genau richtig! Hinschauen und überlegen, wie Du ganz weg kommen kannst von dem Zeug.

    Nun bin ich (leider) nicht in der Lage Dir zu sagen wie das jetzt geht. Also, wie es funktioniert, dass Du auf die zwei Bier und den Picollo dauerhaft verzichten kannst. Ich könnte jetzt sagen: "Mensch, die zwei Bier und der Picollo, das ist doch im Grunde nichts. Lass sie doch einfach auch noch weg und verabschiede Dich von dieser Gewohnheit". Ich weiß aber natürlich, dass Du das sicher längst getan hättest, wenn es denn so einfach für Dich wäre.

    Deshalb möchte ich mich der Frage von AmSee anschließen. Aus welchem Grund trinkst Du am Wochenende diese 2 Bier und den Picollo? Was gibt Dir das? Ich denke, Du wirst eine Wirkung spüren, wenn Du das Zeug in 1 Stunde runter kippst, so habe ich das jedenfalls gelesen. Auf eine Stunde gesehen ist das keine "normale" Menge mehr sondern ich empfinde es schon als recht sportlich. Ich denke, Du wirst es spüren, wirst die Wirkung spüren.

    Kannst Du sagen, was Du damit bezwecken möchtest? Geht es darum, mal für kurze Zeit abschalten zu können? Und wenn ja, weshalb willst Du Dich betäuben?

    Sind jetzt viele Fragen und viele auch spekulativ, denn vielleicht ist es ganz anders oder Du empfindest es ganz anders.

    Ich bin jemand, der hier im Forum oft über den Sinn des Lebens schreibt und darüber, dass man mit sich selbst im Reinen sein sollte. Ich weiß nicht, ob ich Dich damit erreichen kann. Bei mir war das so, dass ich mich nach meinem Ausstieg mit diesen Themen besschäftigt habe. Ich wollte natürlich wissen, warum ich da hinein gerutscht bin. Weshalb ich Alkohol missbraucht habe und was ich tun kann um künftig ein Leben ohne Alkohol zu führen.

    Am Anfang stieß ich auf die "oberflächlichen" Gründe, also Stress, auch war ich gerne mal anders als ich eigentlich war und ich nutzte den Alkohol auch um locker zu werden. Wie gesagt, alles so Dinge, die wahrscheinlich auf die meisten erst mal zu treffen. Das reichte mir aber nicht, denn ich merkte irgendwann, dass andere Menschen auch Stress haben, andere Menschen auch Probleme haben (noch viel gößere als ich sie damals hatte) und trotzdem deswegen nicht trinken. Also ging ich tiefer und fand langsam heraus, dass bei mir ein paar grundsätzliche Dinge nicht gepasst haben. Ich will darauf jetzt nicht in die Tiefe eingehen, denn das würde jetzt den Rahmen sprengen.

    Jedenfalls wurde mir klar, dass ich mir mal Gedanken darüber machen muss, wer ich eigentlich bin und wer ich eigentlich sein möchte. Was der Sinn meines Lebens ist und wie ich diesen erreichen kann. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich mich selbst eigentlich gut so finde, wie ich bin und ob ich mich selbst eigentlich liebe. Mit dem Ergebnis, dass es da noch "Optimierungsbedarf" bei mir gibt und ich überlegte, wie ich das "optimieren" könnte.

    Ich schreibe das jetzt mal so, auch wenn ich merke, dass es sich ziemlich sülzig anhört. Ich kann es nur gerade nicht anders formulieren und das waren tatsächlich die Dinge, die mich lange, sehr lange, beschäftigt haben.

    Ich fand dann zu all meinen offenen Fragen auch Antworten, das war wunderbar. Ich wusste dann, wo ich hin will, wer ich sein will und was mein (Lebens-)Sinn ist. Und natürlich wusste ich, dass ich NICHTS von dem was ich erreichen wollte, erreichen kann, wenn ich Alkohol trinke. Gleichzeitig verlor der Alkohol aber auch mehr und mehr an Bedeutung, je mehr ich mit mir und meinem eingeschlagenen Lebensweg voran schritt. Ich wurde immer ruhiger und immer zufriedener. Und auch immer dankbarer diesen Weg so gehen zu dürfen.

    Was will ich Dir damit jetzt also sagen? Ich möchte Dich im Grunde einfach nur dazu ermutigen, bei Dir selbst genau hinter die Kulissen zu blicken. Wo willst Du hin? Wo siehst Du den Sinn Deines Lebens? Wer möchtest Du sein und bist Du derjenige schon? Und welche Rolle hat dabei der Alkohol? Was brauchst Du um zufrieden zu sein, um nicht den Wunsch zu verspüren etwas durch Alkohol manipulieren zu wollen?

    Ok, war jetzt bisl viel Psychozeugs, ich kann mich heute nicht so gut ausdrücken. Ich lass es aber jetzt mal stehen, vielleicht ist die ein oder andere Anregung für Dich dabei. Ich habe diesen Prozess damals übrigens nicht selbst einfach so "ins Leben" gerufen. Ich war verzweifelt, ich dachte ich müsste an meiner Schuld zerbrechen (ich trennte mich nach meinem Ausstieg von meiner Familie, alle litten fürchterlich darunter) und hatte große Angst, dass ich darüber auch scheitern könnte. Ein Mönch und ein sehr guter Freund waren meine großen Hilfen damals. Vor allem mit dem Mönch habe ich viele Stunden gesprochen, immer wieder und von meinem Freund habe ich dann wieder anderen Input bekommen. Irgendwann kam dann meine jetzige Frau dazu, der ich dann auch viel über mein Inneres erzählt habe, wobei ich immer darauf geachtet habe sie nicht zu sehr zu belasten.

    Es war ein Prozess und das ist es heute noch. Den Gedanken in irgendeiner Form irgendwie und irgendwann mal wieder Alkohol zu trinken habe ich, seit ich diesen Weg gehe, nie gehabt. Dafür bin ich sehr sehr dankbar.

    Alles Gute für Dich und einen guten Austausch hier im Forum wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla

    Liebe Sunny,

    es freut mich wirklich sehr, dass Du mit meinen Zeilen etwas anfangen kannst / konntest.

    Und es motiviert mich sozusagen, noch auf ein paar Dinge einzugehen, die Du in Deinem letzten Post geschrieben hast. Ich mach' einfach mal.

    Zitat

    Und das heute sogar ganz ohne Suchtdruck und das verdanke ich Menschen wie euch allen.
    Ich danke euch dass ihr eure Lebenserfahrung mit mir geteilt habt und ich bin wirklich beeindruckt.


    Es ist schön zu lesen, dass Du heute bzw. gestern gut durch den Tag gekommen bist. Es ist auch schön zu lesen mit wie viel Zuversicht und Begeisterung Du das jetzt alles angehen möchtest. Es ist gut, dass Du so in diesen Prozess hinein startest, so positiv wie das Deine Zeilen vermuten lassen.

    Und ich möchte jetzt keinesfalls den Spielverderber geben oder den Showstopper. Ich möchte Dir einfach nur sagen, im Grunde wiederholen was ich bereits schrieb, dass es ein langer Weg, ein Prozess ist, wenn man aus dieser Sucht heraus kommen möchte. Es ist schon so, dass es dem einen vielleicht etwas einfacher fällt, dem anderen schwerer. Und leider schaffen es am Ende dann nur sehr wenige dauerhaft weg zu kommen von dem Zeug. Eine sehr individuelle Angelegenheit ist dieser Suchtausstieg, wie auch die Sucht selbst. Ich vergleiche die Alkoholsucht manchmal mit einem Fingerabdruck. Auf den ersten Blick sehen die alle ziemlich ähnlich aus. Jedoch ist es tatsächlich so, dass jeder Fingerabdruck einmalig ist. Und so ist es im Grunde auch mit der dieser Sucht und auch mit dem Ausstieg.

    Natürlich ähneln sich die Wege und die Methoden, dennoch muss jeder einzelne seinen eigenen Weg finden, spätestens dann, wenn er/sie z. B. nach einer Therapie wieder im Alltagsleben zurück ist, wenn die normalen Probleme des Lebens auf einen einprasseln, wenn es Einschläge gibt, also so richtige. Wenn halt das ganz normale Leben um einen herum tobt, man aber nicht mehr die Betäubungsdroge Alkohol zur Verfügung hat bzw. diese nicht mehr nutzen möchte.

    Nun weiß ich nicht, was Du genau vor hast. Ich möchte Dir einfach nur sagen, dass es sehr wichtig ist, dass Du Dir einen Plan machst. Und wenn es irgendwie geht, dann lass Dir dabei helfen. Finde heraus, was hilfreich für Dich ist und vielleicht auch, was Dich nicht weiter bringt. Wenn ich mal wieder kurz von mir berichten darf: Ich ging bereits am ersten Tag ohne Alkohol in eine SHG (ist aktuell etwas schwierig), was mir sehr sehr viel gebracht hat. Ob das ein Format für Dich ist, das weiß ich nicht. Ob Du dort die "richtigen" Menschen triffst, ich weiß es nicht. Das kannst nur Du selbst heraus finden. Suchberatung ist sicher auch ne gute Adresse, wo Du mal vorbei schauen kannst.

    Bei mir war es dann so mit meiner SHG, dass ich nach einiger Zeit merkte, jetzt wirds irgendwie schwierig für mich. Jetzt komme ich nicht mehr weiter, jetzt "bekomme" ich nicht mehr das, was ich eigentlich brauche. Und so "zog" ich weiter, überlegte mir, was mir helfen könnte. Ich hatte z. B. ganz große Probleme mit der Schuld, die ich durch mein Trinken auf mich geladen hatte. Ich spürte, dass ich da "ran" muss, weil ich sonst daran zerbrechen könnte. Mit so einer Problematik hast Du wahrscheinlich überhaupt nichts zu tun, Du hast keine Kinder die Dich im Suff ertragen mussten, Du hast keine Frau /Mann, den Du nach fast 20 Ehejahren verlassen hast. Aber deshalb heißt es noch lange nicht, dass Du nicht andere Dinge hast, die aus Deiner Sicht genauso wichtig, evtl. auch genauso belastend sind, wie das bei mir der Fall war.

    Mir half damals ein Mönch, der über viele Monate mein Begleiter wurde, zu dem ich oft gegangen bin, mit dem ich viele Gespräche geführt habe. So kam ich zurück in die Spur, so wurde mir langsam klar, was ich eigentlich will, wer ich gerne sein möchte. Dazu kam dann noch ein guter Freund, der mir ebenfalls immer zur Seite stand. Als ich das wusste, wer ich gerne sein möchte, wie ich gerne sein möchte, da konnte ich dann auch damit beginnen so zu werden. Dauert alles und ist ein Prozess, ich denke einer, der nie abgeschlossen sein wird. Und das ist, ehrlich gesagt, auch gut so.

    Hast Du eine Vertrauensperson, mit der Du über alles sprechen kannst? Über Deine Sucht, Deine Ängste, Deine Sorgen, alles was Dich belastet.

    Ich will Dir sagen, dass es ganz wichtig ist, dass Du Dich mit den Dingen beschäftigst. Höre nicht nur auf mit dem Trinken sondern beginne gleichzeitig damit , Dich zu entwickeln (in Deinem Tempo). Nach und nach und Schritt für Schritt. Dann kommst Du voran, dann erreichst Du Deine Ziele.

    Warum schreibe ich das jetzt so? Naja, weil ich mir ein bisschen "Sorgen" mache, dass Du das jetzt zu "entspannt" siehst. Kann mir egal sein, könnte ich jetzt sagen, ich kenne Dich ja nicht mal. Aber ich bin ja hier um meine Erfahrungen zu teilen und natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn Du irgendwann mal in ein paar Jahren hier schreiben würdest, dass Du ein zufriedenes Leben ohne Alkohol führst. Darum will ich einfach nochmal schildern, was bei mir damals so wichtig war. Ich wusste das damals auch nicht so richtig, aber heute kann ich da natürlich gut drauf blicken und gut sagen, was mir geholfen hat und was nicht. Und heute weiß ich auch, warum meine Trinkpausen, auch meine lange Trinkpause, gescheitert sind.

    Es waren eben genau die Dinge von denen ich Dir oben geschrieben habe, die ich NICHT gemacht habe. Bei Dir sind vielleicht andere Dinge wichtig, ich will nur Denkanstösse geben.

    Zitat

    Die Gefahr eines 'Rückfalls' macht mit ziemliche Angst, jedoch hoffe ich das mentale Stärke reichen wird um diesen zu verhindern.


    Weißt Du, dass ist auch so ein Satz, der mich dazu bewogen hat, Dir hier nochmal zu schreiben. Klar, die Hoffnung stirbt zuletzt, wie man so schön sagt. Und ich wünsche Dir, dass Deine mentale Kraft ausreicht um ALLES zu erreichen was Du im Leben erreichen möchtest. Bei dieser Sucht ist es aber m. E. und meinen Erfahrungen nach auch sehr wichtig, dass man ein paar Notfallpläne auf Lager hat. Dass Du Dir wirklich einen Plan machst, was Du GENAU machst, wenn z. B. der Druck kommt und immer größer wird.

    Wen Du z. B. anrufen kannst, jemand der über alles genau Bescheid weiß. Dass Du z. B. sofort Deine Laufschuhe anziehst und losjoggst, ohne Geld in der Tasche und erst wieder zurück kommst, wenn Du platt bist. Dass Du erst mal einen Liter Wasser in Dich hineinschüttest, etc. Auch hier gibt es unterschiedliche Tipps und Methoden die helfen, akuten Druck erst mal zu überstehen. Hast Du Dich damit schon beschäftigt? Wenn nein, dann tue es bitte, es hilft Dir im Notfall sehr. Denn wenn Du wieder trinkst, dann stellst Du alles wieder auf Null. Dann geht's, wenns gut läuft, wieder von vorne los und wenns schlecht läuft, gehts mit der Sucht weiter bis Du vielleicht irgendwann doch mal wieder die Kraft hast, einen Ausstieg zu versuchen.

    Zitat

    Und ich denke jetzt mit 25 ist genau der richtige Zeitpunkt um darüber nachzudenken wie das weitere Leben OHNE Alkohol auszusehen hat.


    Naja, das ist nett geschrieben. Umso früher, umso besser. Desto mehr Lebenszeit ohne Alkohol bleibt Dir. Desto weniger brauchst Du Angst haben, irgendwann auch mal die körperlichen Folgen des Alkoholkonsums zu spüren zu bekommen.

    Zitat

    Die meisten meiner Freunde oder Menschen die mir wichtig sind trinken fast gar nichts und wenn dann sehr bedacht.
    Das kann auch Glück für mich bedeuten.


    Und das sind dann doch prima Stardbedingungen. Du brauchst Dein Umfeld, Deinen Freundeskreis offenbar nicht grundlegend verändern. Das ist schön und kann es Dir vielleicht auch etwas erleichtern. Das freut mich für Dich.

    So, auch wenn das jetzt vielleicht etwas "schwammig" rüber kam, was ich Dir geschrieben habe. Mir war es wichtig, Dir das nochmal zu schreiben. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du da raus kommst. Mir war einfach nochmal wichtig Dir zu schreiben, dass diese Sucht einfach verdammt mächtig ist, auch verdammt hinterhältig. Du darfst sie NIEMALS unterschätzen. Sie hat unglaublich viele Tricks auf Lager und packt manches davon erst nach Wochen, Monaten oder sogar Jahren aus und dazu noch völlig unerwartet. Sie lauert immer darauf doch wieder zuschlagen zu können. Und gerade am Anfang ist sie sehr erfinderisch und sehr überzeugend mit ihren Argumenten. Sie kann Dir super erklären, warum Du ja doch keine Alkoholikerin sein kannst und dass Du ruhig mal wieder ein Glas trinken kannst.

    Darauf solltest Du vorbereitet sein und wenn Du dann noch Deinen Weg findest und weißt, wo Du hin möchtest mit Deinem Leben, dann kann das mit einem Leben ohne Alkohol auch wunderbar funktionieren.

    Darf ich abschließend noch fragen, wie es Dir heute geht? Wie es Dir ergangen ist? Ebenfalls alles im grünen Bereich, wie gestern?

    Alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla