Hallo Dirk,
ein verspätetes herzlich Willkommen von mir.
Ich habe jetzt ein wenig Deinen Thread nachgelesen. Gut, dass Du Nägel mit Köpfen machen willst.
Ich bin Ende 40, Alkoholiker und lebe jetzt aber schön länger ohne Alkohol.
Das Thema Outing ist glaube ich, für jeden trockenen Alkoholiker ein recht zentrales Thema. Wem sage ich es, wem nicht. Sage ich es überhaupt jemanden oder ziehe ich das alles lieber alleine durch usw.
Ich habe in meiner Trinkerkarriere, die zum größten Teil heimlich verlief und damit meine ich richtig heimlich, also auch vor meiner Familie, mehrere Versuche gestartet mit dem Trinken aufzuhören. Diese Versuche habe ich alle auch wiederum heimlich gestartet, denn da ja keiner wusste das ich trinke erschien es mir recht praktisch, einfach heimlich damit aufzuhören. Für mich eine WIN/WIN Situation. Ich muss mich nicht outen und meine Familie muss sich keine Sorgen darüber machen, dass sie einen Alki in ihrer Mitte hat.
Tatsächlich schaffte ich dann auch recht lange Trinkpausen. Eine davon war viele Monate lang. Nun gab es bei mir, im Gegensatz zu Dir, kaum Menschen, die mich fragten warum ich keinen Alkohol mehr trinke. Zwar wurde ich ab und an von Arbeitskollegen/innen mal angesprochen, Freunde fragten auch mal nach, aber ich war ja nicht als einer bekannt, der regelmäßig trank. Diese Fragen kamen dann eher bei typischen Anlässen wie Betriebsfeiern oder beim gemeinsamen Besuch eines Weihnachtsmarktes oder so. Da reichte es dann, wenn ich sagte, dass ich gerade keinen Alkohol trinke.
Ich hatte also eigentlich gar keinen Druck von außen mich erklären zu müssen. Ich hätte also eigentlich wirklich recht bequem heimlich mit dem Trinken aufhören können. Wie Du Dir denken kannst ging das immer in die Hose. Irgendwann griff ich wieder zur Flasche. Meine monatelange Pause beendete ich z. B. dadurch, dass mein neuer Nachbar, den ich gar nicht kannte, mir spontan von Gartenzaun zu Gartenzaun ein Biermischgetränk angeboten hat. Welches ich völlig entspannt und ohne nennen von Gründen ablehen hätte können. Da wäre nichts passiert, wir kannten uns noch nicht mal und er hätte mich auch sehr gut als jemanden kennen lernen können, der keinen Alkohol trinkt.
Aber ich nahm das Getränk und trank es. Denn ich hatte ja auch nicht zu befürchten, dass irgendjemand zu mir sagt: ich dachte Du bist Alkohliker? Bist Du rückfällig geworden? Denn es war ja alles heimlich.
Als ich dann irgendwann tatsächlich Ausstieg aus der Sucht, wollte ich das anders machen. Und da stand dann für mich erst mal mein Outing ganz am Anfang. Nach wie vor hatte ich meine Trinkerei gut verheimlicht. Zwar hatte ich schon starke körperliche Einschläge zu verzeichnen, die allesamt alkoholbedingt waren, jedoch war ich bis zum Ende trotz erheblicher Trinkmengen in der Lage gewesen, dass zu vertuschen bzw. anderweitig zu begründen.
Das bedeutete aber, dass ich jetzt erst mal meine Familie vor den Kopf stossen musste. Sie erfuhren als erste was los war. Also meine Frau und meine Kinder. Meiner Frau musste ich erst mal meine ganzen Verstecke zeigen bevor sie mir glaubte, was ich ihr erzählte. Der Reserveradkasten vom Auto, der kein Reserverad mehr enthielt sondern dutzende von Plastikbierflaschen hat sie dann erst mal überzeugt. Aber ich konnte auch noch ein paar andere ganz nette Verstecke anbieten.
Soweit so schlecht. Dann waren meine Eltern dran. Zwar bin und war ich kein Geschäftsführer einer eigenen GmbH, jedoch ein beruflich recht erfolgreicher Mensch im gehobenen Management, auch mit viel Personalverantwortung und einem wirklich spannenden und sehr interessanten Aufgabengebiet. Und so war ich bekannt in meiner Familie. Als erfolgreicher Mensch, der die Karriereleiter erklommen hat und bei dem immer alles rund läuft. Ein Mensch, der Europa- und Weltweit unterwegs ist, Vorträge hält und einfach ganz toll ist. Das war ich in den Augen der meisten Menschen. Dazu noch ein guter Familienvater mit einer guten Ehe.
Nun erfuhren sie, dass ich Alkoholiker war der ständig gelogen und betrogen hat. Auch meine Geschwister erfuhren das und auch meine (wenigen noch verbliebenen) engsten Freunde.
Das war's dann aber erst mal. Einem größeren Kreis habe ich das erst mal nicht offenbart und ich sah zunächst auch keinen Grund, das z. B. bei mir in der Arbeit zu kommunizieren. Und zwar deshalb nicht, weil es dort aus meiner Sicht keine Trigger für mich gab. Es gab keine oder kaum Situationen, wo ich in der Arbeit mit meinen Kollegen oder wie auch immer mit Alkohol konfrontiert gewesen wäre. Weihnachtsfeiern und co. mal ausgenommen, die ich anfangs ja aber auch mal ausfallen lassen konnte.
Mit der Zeit jedoch (damit meine ich über Jahre gesehen) bemerkten meine Kolleginnen und Kollegen, vor allem aber mein eigenes Team, dass ich zu keiner Gelegenheit mehr etwas Mittrank. Und irgendwann wurde ich dann auch mal von den Leuten angesprochen. Ungefähr so: "sag mal, mir ist aufgefallen Du trinkst ja überhaupt nie mehr was mit. Warum eigentlich?"
Darauf antworte ich sinngemäß etwa so: "Erinnerst Du Dich noch, wie ich vor letztes Jahr / vor x Jahren ausgesehen habe?" (ich war dick, aufgedunsen, sah blass und krank aus, hatte über 25 kg mehr auf den Rippen etc.) - darauf erfolge immer ein "ja klar, Du hast echt schlecht ausgesehen und bist jetzt ein ganz anderer Mensch".
Und sagte ich: "siehst Du, damals war ich an einem Punkt wo ich eine Entscheidung treffen musste. So weiter leben oder mein Leben komplett ändern. Ich entschied mich für komplett ändern und dazu gehört auch, dass ich seither keinen Alkohol mehr trinke, und zwar gar keinen mehr. Ich habe damals recht viel und auch regelmäßig getrunken und für mich gab es nur zwei Optionen: Einfach so weitermachen oder mein Leben ändern. Du siehst ja wie es mir heute geht."
Sinngemäß habe ich das so im Laufe der Zeit fast allen engern Mitarbeitern und Kollegen erzählt wenn die Sprache darauf kam. Ich habe ihnen nie gesagt "ich bin Alkoholiker und trinke deshalb nichts mehr" oder noch schlimmer "darf deswegen nichts mehr trinken". Ich habe das immer ganz bewusst nicht getan, wobei ich sicher bin, dass sich die meisten genau das denken.
Einige wenige haben das dann auch mal angesprochen, also so: "glaubst Du dass Du Alkoholiker bist?" - Ich darauf (wieder sinngemäß): "es könnte sein, aber ich weiß es nicht 100%ig. Ich wüsste es nur, wenn ich wieder Alkohol trinken würde. Aber mittlerweile ist ein Leben ohne Alkohol für mich so normal, dass ich gar keinen Sinn mehr für mich darin erkennen kann Alkohol trinken zu können, somit stellt sich diese Frage für mich überhaupt nicht".
Nun, ich erntete immer Zustimmung. Ich hatte und habe nie Probleme damit. Heute ist es einfach ganz normal, völlig normal, dass ich keinen Alkohol trinke. Niemad fragt da noch nach oder reagiert irritiert.
Übrigens habe ich mich damals ganz bewusst gegen Lügen entschieden. Das lag daran, dass Lügen meine gesamte Alkoholikerkarriere begleitet hatte, in der Endphase sogar dominiert hatte. Jedes noch so kleine Problem versuchte ich "weg zu lügen". Ich war ein Meisterlügner und ich hatte es so "drin", dass ich automatisch immer erst mal daran dachte, welche Geschichte ich jetzt erzählen könnte um aus irgend einer Nummer heraus zu kommen. Zu sagen wie es eigentlich tatäschlich ist, also die Wahrheit, kam mir gar nicht in den Sinn. Bei meinem Outing hatte ich dann auch einen Berg, wirklich einen riesen Berg an Lügen zu beichten und diese belgeiteten mich dann auch lange in die erste Zeit meiner Trockenheit. Und da schwor ich mir: Ich lüge nicht mehr, jedenfalls nicht mehr bei elementaren Dingen. Aber selbst auf kleine und harmlose Notlügen versuche ich so gut es geht zu verzichten. Das ist für mich ein wichtiger Teil meines neuen Lebens.
So war das bei mir.
Alles Gute für Deinen Weg und einen guten Austausch wünsche ich Dir.
LG
gerchla