Beiträge von Gerchla

    Hallo Frosch,

    ich hoffe mal, Du liest hier noch mit. Ich bin leider etwas spät dran mit dem was ich Dir schreiben möchte. Habe im Moment leider nicht so viel Zeit für's Forum. Aber ich wollte Dir ein wenig von meiner Geschichte erzählen.

    Du warst also mit einem Mann zusammen und hast in diesen 2 Jahren nicht bemerkt, dass er Alkoholiker ist und trinkt. Meine Ex-Frau hat, ich denke mal, 15 Jahre lang nicht bemerkt, dass ich heimlich trank. Die ersten Jahre war es noch kein "Kunststück" das zu verheimlichen, denn da trank ich noch recht moderat, wenn auch schon abhängig. Später allerdings trank ist ich enorme Mengen. Ich trank viele Jahre lang ca. 4 - 6 Bier am Tag ohne dass es jemand bemerkt hat. Also auch meine Frau nicht. Dann kamen die richtig schlimmen Jahre. Da steigerte sich meine Menge noch erheblich.

    Kannst Du Dir vorstellen, dass jemand 10 - 12 Bier am Tag trinkt (jeden TAG!) und oft noch zusätzlich Wein und dass die eigene Familie, die eigene Frau, das nicht mitbekommt? Schwer vorstellbar, allein der Gestank von dem Bier.
    So war das bei mir aber tatsächlich. Ähnlich wie Du, fand meine Frau auch einige Male die "Überreste" meiner Trinkerei. Du kannst Dir vorstellen, dass es bei diesen Mengen gar nicht einfach ist, das alles zu besorgen und wieder zu entsorgen. Ich trank das Bier praktischerweise aus Plastikflaschen, die ich immer vor- oder nach der Arbeit im Discouter besorgt habe. Und in meinem massiven Rucksack verstaut habe. Am nächsten Morgen mussten die Flaschen dann wieder weg, vor der Arbeit irgendwie einsammeln und mitnehmen, so war das bei mir.

    Es gab aber Tage, da hatte ich es am vorabend übertrieben und wusste nicht mehr genau, wo jetzt überall im weitläufigen Gelände unseres Gartens und unseres Hauses evtl. Leergut von mir rumliegen könnte. Einmal fand sie Bierflaschen unter dem Rücksitz unseres Autos. Im Auto trank ich besonders gerne, da hatte ich sogar das Reserverad ausgebaut um dort entsprechend Alkohol bunkern zu können. Glücklicherweise war das Auto ein paar Tage vorher in der Werkstatt und ich konnte das auf die "Säufer" in der Werkstatt schieben.

    Irgendwie konnte ich es immer "erklären". Also ich log halt so lange und so kreativ, bis es gepasst hat. Und ich habe das immer hinbekommen. Meine Frau hat übrigens in den letzten schlimmen Jahren durchaus bemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Das unsere Ehe den Bach runter gehts usw. Sie hat auch einiges versucht um das irgendwie wieder in den Griff zu bekommen. Das es jedoch an Alkohol liegen könnte, darauf ist sie nie gekommen. Und ich trank wirklich täglich, kein Tag ohne Alkohol, immer sehr viel Alkohol. Selbst wenn ich krank war konnte ich nicht mehr ohne.

    Stellst Du Dir die Frage, wie das funktionieren kann. Wie kann da jemand so lange verheimlichen. Wie "naiv" muss die Frau gewesen sein, die das nicht bemerkt hat. Tja, es ist schon oft so, dass das Umfeld längst bemerkt hat, dass jemand ein Trinker ist, noch bevor der Trinker selbst merkt was los ist. Aber es gibt eben auch die anderen Fälle. In meinem Fall war das eine über die Jahre hin aufgebaute heimliche Trinkerei. Ich trank so gut wie nie öffentlich. Ich hatte nie Alkohol zuhause (offiziell), nur im Urlaub oder wenn mal ein Anlass war, sah man mich mit Alkohol, und dann auch nur in maßen. Bis zum Schluss hatte ich mich "im Griff", torkelte nicht durch die Gegend, lallte nicht usw.

    Den "Rest" habe ich mir immer gegeben, wenn meine Frau schon schlafen war. Ich war ein Meister im Optimieren meiner Trinkmenge. Ich wusste genau, wann ich zuschlagen konnte und wann ich aufpassen musste. Somit war ich auch in der Lage, 4 Bier in 10 Minuten zu trinken, wenn' s denn "sein musste". Um dann eine Stunde nix zu trinken, meinen Atem entsprechende "aufzufrischen" und die Fassada aufrecht zu erhalten. Wusste ich doch, dass ich zum Zeitpunkt x wieder zuschlagen konnte. Natürlich wurde die gesamte Familienplanung, die gesamte Freizeit nach meinem Trinkverhalten ausgerichtet. Dinge, die mir das Trinken erschwerten wurden von mir abgelehnt, aus irgendwelchen Gründen. Ich freute mich, wenn meine Frau auch mal was alleine machte, denn dann konnte ich trinken. Ich machte gerne selbst was alleine, denn da konnte ich trinken. Ich ging täglich einkaufen, denn da konnte ich trinken (offiziell wollte ich natürlich nur immer frische Ware im Haus haben).

    Usw. usf. - hat funktioniert. Viele Jahre lang und ist nur aufgeflogen, weil ich mich geoutet habe. Und da wollte mir meine Ex-Frau das dann nicht glauben. Ich musste ihr also alle meine Verstecke zeigen. Ich hatte viele. Wie gesagt, der Reserveradkasten. Aber auch die Lagerstätte für unser Feuerholz hatte eine hohle Stelle, im Keller war der jetbag voll mit Bier, soger im nahegelgenen Wald (paar Meter von unserem Haus entfernt) hatte ich fast immer mehrere Sixpacks Plastikbier (manchmal auch richtige Bierkästen) stehen, mit Zweigen getarnt. Da gab's nen schönen Waldparkplatz in der Nähe von dem aus ich dann schnell zu dem getranten Bier gelangte.

    All das musste ich ihr zeigen, denn sie hätte mir nicht geglaubt. Du siehst also, das geht schon. Es ist nicht so, dass Du da jetzt irgendwie was falsch gemacht hast. Du hast halt vertraut, wie meine Frau auch vertraut hat. Vielleicht hat sie sich ja sogar manchmal was gedacht, aber sie hat halt vertraut. Wie man das in einer Beziehung eigentlich auch tun sollte. Eigentlich ist Vertrauen die Basis einer jeden Beziehung.

    Aber einem nassen Alkoholiker kann man kein Stück vertrauen. Er lügt und betrügt, oft kann er gar nicht anders. Doch woher soll man das wissen, wenn man damit noch keine Erfahrung hatte? Und wenn man gar nicht weiß, dass der andere ein Alki ist.

    Insofern solltest Du Dir da jetzt keine Vorwürfe machen. Und wenn ich richtig gelesen habe, dann hat er ja jetzt die Beziehung beendet. Ich denke, das musst Du dann auch akzeptieren, oder? Sicher liegt Dir noch etwas an ihm, so wie Du schreibst. Vielleicht liebst Du ihn noch, aber er hat ja die Beziehung beendet, nicht Du.

    Das Du ihm trotzdem gerne helfen möchtest vom Alkohol weg zu kommen, das ehrt Dich sehr. Aber da bist Du leider sehr hilflos. Sein Wille zählt. Wenn er trinken will, dann wird er trinken. Wenn er aufhören will, dann hat er zahlreiche Möglichkeiten sich dabei unterstüzten zu lassen. Nur muss er das wollen und er muss sich selbst auf den Weg begeben. Das ist nicht Deine Aufgabe. Dieses Bündel solltest Du Dir nicht aufbürden.

    Ich ließ dann letztlich meine Frau und meine Kinder zurück. Ich wurde zwar trocken, trennte mich jedoch kurze Zeit später von meiner Frau. Das musste ich tun um für mich einen Neuanfang beginnen zu können. Ein neues Leben ohne Alkohol. Sie fiel in ein Loch. Wird sich ähnliche Fragen gestellt haben wie Du jetzt. Wird nicht verstanden haben, was da jetzt eigentlich passiert ist. Und ja, ich kann heute sagen, dass es genau so war. Denn ich kann heute wieder mit ihr reden. Wir können wieder miteinander, wenigstens einigermaßen und sie hat mir erzählt, dass sie sich nach meinem Outing Hilfe geholt hat. Sie hätte das alleine nicht verarbeiten können und ich war zu dieser Zeit auch nicht in der Lage, ihr in irgendeiner Form irgendwelche Antworten zu geben, die ihr geholfen hätten. Ich war zwar trocken, jedoch emotional so dermaßen im Eimer, dass ich selbst erst mal schauen musste, wie ich wieder auf die Beine komme.

    Glücklicherweise hat sie es für sich in die Hand genommen und hat psychologische Hilfe gesucht. Und ich habe mir psychologische Hilfe gesucht. Und so konnte sie meine Alkoholikergeschichte und das was sie in ihr kaputt gemacht hat aufarbeiten und ich konnte meine Alkoholikergeschichte mit meinen Problemen aufarbeiten.

    Wenn ich Dir etwas raten darf, dann das, dass Du Dir Hilfe suchst. Aber Hilfe für Dich, nicht für ihn. Nur für Dich. Er muss sich selbst kümmern.

    Alles alles Gute wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla

    Liebe Britt,

    vielleicht ist das Wort "dankbar" etwas unglücklich ausgedrückt von mir. Vielleicht ist es besser, wenn ich sage: wenn ich meiner Sucht etwas Positives abgewinnen kann, dann das, dass ich jetzt dieses Leben führen darf.

    Das Du Krebs und Diabetets nicht Gutes abgewinnen kannst, das kann ich gut nachvollziehen. Jedoch unterscheiden sich diese beiden Krankheiten, besonders der Krebs, erheblich von Alkoholismus.

    Wenn man Krebs diagnostiziert bekommt, dann hat man sein Leben nicht mehr in der eigenen Hand. Dann ist erst mal die Frage: wie weit ist es? Wie schlimm? Schon gestreut? ect. / Ist er noch behandelbar, heilbar, dann kann man seines dazu tun und entsprechend unterstützen. In der Regel sind es aber die Medikamente oder die Chirurgen, ohne die man diese Krankheit nicht besiegen könnte. Hat man sie besiegt, bleibt die Angst, dass sie eben doch nicht besiegt ist. Nachsorgeuntersuchungen sind die Regel, die Beslastung ist enorm, die Angst dabei sicherlich auch. Und ich denke, die Angst bleibt immer in irgendeiner Form, auch wenn man offiziell als geheilt gilt. Ich verstehe gut, dass Du dem nichts positives abgewinnen kannst.

    Bei Diabetes ist man ebenfalls auf Medikamente angewiesen, muss mit Einschränkungen leben, je nachdem wie schlimm die Krankheit ist. Die Diabetiker die ich kenne können nicht dauerhaft ohne Medikamente leben,dürfen nicht alles essen oder nur in geringen Mengen usw. Weitere Komblikationen, wie z. B. Durchblutungsstörungen sind immer präsent. Immer die Frage, wie entwickelt sich die Krankheit weiter.

    Bei der Alkoholsucht dagegen kann man wunderbar leben, wenn man sie zum Stillstand gebracht hat. Noch nicht mal die Tatsache, dass man keinen Alkohol trinken "darf" spielt eine Rolle, denn wenn man eine zufriedene Abstinenz erreicht hat, will man gar keinen mehr trinken. Man kann also ein Leben führen, das überhaupt keine Nachteile / Einschränkungen usw. hat. Auch die Angst vor einem möglichen Rückfall verschwindet. Was bleibt ist ein gewisser Respekt (nicht Angst) vor der Sucht und damit verbunden eine gewisse Achtsamkeit. Das war's. Und eventuell, so ist es bei mir,kann man sogar von dieser Zeit lernen sein Leben so zu führen, wie man das gerne möchte.

    Das alles natürlich nur dann, wenn man eine zufriedene Abstinez erreicht und wenn man keine bleibenden Schäden durch die Sucht davon getragen hat. Das ist bei mir glücklicherweise der Fall.

    Ich denke also schon das man (auschließlich bezogen auf die Alkoholsucht) Positives aus dieser Krankheit ziehen kann. Was jedoch nicht bedeutet, dass, wenn ich für ein zweites Leben die Wahl hätte, ich mir diese Krankheit nochmal wünschen würde. Ich könnte da gut drauf verzichten. Aber es ist jetzt so wie es ist und ich hadere nicht, denn dann könnte ich nie zufrieden sein. Ich versuche aus dem Schlimmen zu lernen um es jetzt besser zu machen.

    LG
    gerchla

    Liebe Britt,

    ja, ein ganz klares Ja. Ich könnte Jubelarien über mein jetziges Leben singen (wenn ich singen könnte ;D ).

    Nun, womöglich hat das gar nicht so elementar mit meiner Trockenheit zu tun sondern eher mit dem, was ich DURCH meine Trockeheit aus meinem Leben gemacht habe. Wie ich mein Leben jetzt, da ich den Alkohol nicht mehr vermisse, verändert und für mich gestaltet habe.

    Diese Zufriedenheit oder dieses Glück können also auch nicht süchtige Menschen erleben, jedoch nur wenige, das behaupte ich jetzt mal wenn ich so in unsere Hass- und Neidgesellschaft blicke, schaffen es. Und das obwohl sie gar kein Suchtproblem haben. Ja wie kommt denn das?

    Da kann ich meiner Sucht sogar dankbar sein. Denn sie führte mich in die tiefsten Tiefen meines Lebens. Durch sie erlitt ich wirklich schlimme Qualen, tat schlimme Dinge die mich dauerhaft prägen. Durch sie erfuhr ich, was es bedeutet total am Ende zu sein, ein emotionales Wrack zu sein.

    Ich war ein Mensch, der es ohne diese Erfahrungen wahrscheinlich nie geschafft hätte sich bewusst zu machen, wie wundervoll das eigenene Leben eigentlich ist und wie man es doch selbst in der Hand hat, es immer noch ein Stück für sich besser zu machen. Sich sozusagen weiter zu entwickeln.
    Ich war mir dessen nicht bewusst! Ich war einer, der hatte überhaupt keinen ersichtiliche Grund mit dem Trinken anzufangen. Ich war jemand, der eigentlich alles in die Wiege gelegt bekommen hat, bei dem alles super lief. Aber bewusst war ich mir dessen überhaupt nicht. Ich gehörte zu denen, die das alles als selbstverständlich nahmen. Groooooßer Fehler!

    Zurück zum Thema: Entscheidend ist für mich, das man ein Bewustsein erlangt das einem erkennen lässt, dass der Alkohol im eigenen Leben überhaupt keinen Sinn mehr hat. Das man wirklich aus fester Überzeugung sagen kann: Ich vermisse nichts! Denn wenn man sich das genau überlegt, dann vermisst man ja nie den Alkohol an sich, sondern immer die Wirkung die er ausgelöst hat. Man vermisst die Stimmungen, die Gefühle, die durch ihn erzeugt wurden. Man verbindet damit positive Erinnerungen. Man verdrängt dann dabei natürlich die temporäre Wirkung.

    Ziel sollte es also sein, alle diese Gefühle, diese positiven Erlebnisse, die man mit Alkohol verbindet, auch ohne zu erreichen. Und das geht, das geht sogar sehr gut. Ich sage, das geht sogar noch viel besser! Braucht bisl Zeit, braucht Arbeit an sich selbst, braucht vielleicht auch eine Veränderung der Lebensweise, des Umfelds. Aber es geht und es ist ein fortwährender Prozess der dem eigenem Leben sehr viel Inhalt gibt.

    Insofern: Wenn man zwar abstinent lebt, jedoch (noch)nicht zufrieden damit ist, dann hat man das Ziel noch nicht erreicht. Dann muss man noch ein Stück des Weges gehen, noch ein paar Schräubchen drehen, noch ein paar Veränderungen vornehmen. Nur eines muss man nicht: dem Druck nachgeben und wieder trinken. Denn dann ist "Game over".

    Wenn ich das jetzt so schreibe, dann könnte man vielleicht das Gefühl bekommen: Na der hat halt im Lotto gewonnen und sonst gerade auch ganz viel Glück. Da kann er ja leicht tönen.

    Und das ist genau das was ich nicht mit Zufriedenheit oder Glück meine. In meinem Leben und im dem meiner Familie sind in den letzten Jahren auch wirklich schlimme Dinge passiert. Wir haben natürlich auch die vielen Alltagsprobleme die man halt einfach hat. Da ist es dem Leben ziemlich Wurscht ob man trockener Alkoholiker ist oder nicht. Entscheidend ist hier das große Ganze. Das muss man für sich stimmig machen, dann klappts auch mit der zufriedenen (idealerweise glücklichen) Abstinenz!

    LG
    gerchla

    Hallo Mia,

    ich stelle mich mal kurz vor: Ende 40, Alkoholiker, ich lebe nun schon länger ohne Alkohol. Ich trank sehr lange Zeit heimlich und ließ dabei meinr Familie emotional verhungern, wie das leider bei Angehörigen von Alkoholikern meist der Fall ist. Ich hatte damals 2 Kinder und ich habe mich, nachdem ich trocken wurde, von meiner Frau getrennt. Das nur, damit Du einen kurzen Überblick über meine Situation bekommst.

    Dir würde ich gerne mal aus der Hüfte heraus ein paar Fragen stellen:

    Liebst Du Deinen Partner? Würdest Du mit Ihm zusammen bleiben wollen, wenn er trocken werden würde? Könntest Du noch mit Ihm zusammen bleiben nach allem was Du erlebt hast? Kannst Du Dir das überhaupt vorstellen?

    Wenn Du diese Fragen mit NEIN beantwortest, dann wäre schon mal vollkommen klar was Du zu tun hast. Ich nehme aber mal an, dass Du das ein oder andere mit JA beantworten wirst.

    Du kennst Deinen Partner nun 3 Jahre. Du kennst somit nur den Alkoholiker Andreas. Der Mensch, der er vorher vielleicht mal war, der ist Dir unbekannt. Ich denke Du weißt, dass die Alkoholsucht Menschen erheblich verändert. Je länger so eine Sucht andauert, desto ausgeprägter wird das ganze. Der Charakter eines Menschen verändert sich, seine Denkweisen werden "nass", das ganze Verhalten hat nichts mehr mit dem zu tun, was vorher war. Sicherlich verändert sich nicht immer alles komplett, bestimmte Grundeigenschaften bleiben, jedoch erhalten sie durch die Sucht eine andere Ausprägung - und zwar in die eine und auch in die andere Richtung.

    Jemand, der also schon immer eher impulsiv oder leicht reizbar war, hat gute Chance das durch seine Sucht noch zu verstärken. Jemand, der eher ein ruhiger Typ war, hat gute Chancen durch den Alkohol locker und offener zu werden. Was ich Dir damit sagen will ist, dass die Sucht Charaktereigenschaften dauerhaft verändert. Denn wenn man mal süchtig ist, ist man das auch wenn man gerade nüchtern ist. Nur weil man gerade mal zufällig null Promille hat, ist man nicht anders, sondern man ist eben gerade kurz nüchtern. Hat sich vielleicht auch etwas besser im Griff, jedoch wird dieser Zustand dann sehr schnell wieder durch die Zufuhr von Alkohol verändert.

    Also, würde Dein Freund jetzt dauerhaft trocken werden und würde er tatsächlich eine Therapie machen und diese auch ernsthaft durchziehen, mit allem drum und dran und anschließend auch noch Nachsorge betreiben und künftig als felsenfest überzeugter Abstinenzler leben - er hätte dann wohl nicht mehr so viel mit dem Menschen zu tun den Du jetzt kennst und möglicherweise liebst. Darüber solltest Du auch mal nachdenken. Natürlich könnte sich alles zum Besseren wenden wenn der Alkohol endlich aus seinem Leben verschwunden ist, aber wie gesagt, es wäre dann auch ein ganz anderes Leben.

    Somit wärst auch Du gefragt, denn Du musst damit dann auch klar kommen und Du musst mit diesem "neuen" Menschen, seinen neuen Wünschen, Bedürfnissen, Eigenheiten usw. auch klar kommen. Wie sowas ausgeht ist offen. Es gibt nicht wenige Paare, die sich nachdem der Partner trocken wurde, getrennt haben. Ich weiß aber auch von in der Regel sehr langjährigen Beziehungen, wo es anschließend sehr gut und harmonisch funktioniert hat. Allerdings hat da auch der bisher nicht trinkende Partner an sich arbeiten müssen. Aber das hat sich dann auch gelohnt.

    Du siehst also, das ist alles nicht so banal. Eigentlich ist es fast schon eine Zumutung von Dir zu verlangen, Du solltest mal abwarten ob er seine Therapie macht und mindestens so lange bei íhm bleiben, bis diese schief geht. Das kann niemand von Dir verlangen und Du brauchst Dir hier auch von niemanden ein schlechtest Gewissen einreden lassen.

    Er säuft und er hört vielleicht mit dem Saufen wieder auf. Oder auch nicht. Das ist seine Entscheidung, nicht Deine. Wenn er seine Therapie daran knüpft, dass Du bei ihm bleibst, dann steht das ganze sowieso auf wackligen Beinen. Dann bleibst Du, er zieht es vielleicht sogar durch, soweit so gut. Irgendwann habt ihr Stress (das bleibt in keiner noch so guten Beziehung aus), Du funktionierst nicht so wie er will und schwupp, schon hat er wieder einen Grund zu trinken.

    So kann das nicht funktionieren. Wenn, dann muss ER das wollen und auch durchziehen. Du machst das, was Du für richtig hälst. Du hast die Verantwortung für Dich und für Dein Kind, sonst gar nix. Du entscheidest auch, ob Du Dir ein Leben mit ihm überhaupt noch vorstellen kannst. Ob Du so ein Leben überhaupt noch führen möchtest. Da spielt sicher auch eine Rolle, ob Du ihm überhaupt zutraust, dass er länger trocken bleiben kann. Du kannst das sicher etwas einschätzen. Wenn Du seine Rückfallquote bei 100 % siehst, dann ist auch klar, was Du tun solltest.

    Und mit einem trockenen Alkoholiker zusammen leben wo man das Gefühl hat, er könnte jederzeit wieder rückfällig werden ist auch kein Spaß. Ein Leben, wo man immer denken muss: oh, heute ist er schlecht drauf, hoffentlich greift er nicht zur Flasche. Oh, da muss ich jetzt aber besonders nett sein, sonst ist Gefahr in Verzug usw., das ist auch kein Leben.

    Damit eine Beziehung auch eine gute sein kann ist neben der idealerweise vorhandenen Liebe aus meiner Sicht eine Sache ganz entscheidend und das ist: VERTRAUEN - wenn Du das nicht mehr haben kannst, wenn Du keine Chance siehst diese auch jemals wieder aufzubauen, dann macht eine Beziehung für mich keinen Sinn.

    Vielleicht sind ein paar Anregungen für Dich dabei. Alles Gute und lass Dir von seinen Eltern nicht vorschreiben was Du tun sollst!

    LG
    gerchla

    Liebe Caroline, lieber Dietmar,

    darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber jetzt wo Ihr das schreibst. Ja, ich glaube nicht das diese Person ein zufriedener und glücklicher Mensch ist. Nein wirklich nicht. Eigentlich ist diese Person in ihrer sehr engen Welt gefangen. Hadert mit dem Partner und der Situation. Jetzt nicht bezogen auf den Alkoholverzicht, das scheint tatsächlich abgehakt zu sein. Jedoch grundsäztlich fühlt sich dieser Mensch als einer, der immer benachteiligt wurde und wird und dem nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wird.

    Und so war das wohl schon immer, auch zu nassen Zeiten. Dieser Mensch hat also scheinbar wirklich nur mit Trinken aufgehört ohne sonst irgendwas ernsthaft an seinem Leben zu verändern. Hat funktioniert, jedoch, das habt Ihr wirklich gut erkannt: Zufriedenheit oder gar Glück ist was anderes!

    LG
    gerchla

    Guten Morgen zusammen,

    ich denke, dass es bei diesem Thema wie bei so vielen anderen kein schwarz und weiß gibt.

    Ich persönlich habe beschlossen, dass ich bewusst keinen Alkohol mehr zu mir nehme. Nicht in Medikamenten, nicht in der Grillsoße, nicht im Kuchen also einfach gar nicht mehr. Ich trinke auch keine alkoholfreien Varianten (Bier, Sekt, Hugo, ect.) weil das eigentliche Getränk Alkohol enthält und ich nie ein Genusstrinker war. Ich war immer Wirkungstrinker und habe Angst davor, ich könnte die Wirkung vermissen. Außerdem sehe ich auch sonst keinen Grund, denn es gibt so viele Getränke die mir wirklich schmecken, da muss ich jetzt nicht unbedingt ein alkoholfreies Bier haben.

    Und natürlich ist es mir in den Jahren der Trockenheit schon passiert, dass ich Alkohol zu mir genommen habe. Oft habe ich es nach den ersten Bissen gemerkt (z. B. Apfelkuchen mit Weißwein) und dann selbstverständlich den Verzehr abgebrochen. Aber ich habe auch schon erst hinterher erfahren, dass irgendwo Alkohol drin war. Also, ich habe mich auf solche Situationen mental immer vorbereitet und für mich ist klar, dass ich wegen so eines Ereignisses nicht rückfällig werde.

    Ich versuche das für mich logisch zu begründen. Denn diese sehr geringen Mengen Alkohol können in mir nichts bewirken, so sage ich mir das jedenfalls und davon bin ich auch überzeugt. Entscheidend ist für mich hier, dass ich mich NICHT bewusst für Alkohol entscheiden habe. Das ist hier für mich der absolute Schlüssel! In dem Moment, wo mir jemand sagt, dieser oder jener Kuchen ist mit Alkohol zubereitet und ich greife trotzdem zu, weil mir das egal ist, würde ich für mich persönlich ein Problem erkennen.

    Ich kenne aber jemanden, sehr gut sogar, wo das ganz anders läuft.

    Diese Person ist Alkoholiker. Nun schon sehr lange trocken, es dürften etwa 10 Jahre sein. Diese Person hörte zu trinken auf, nachdem sie schwer gestürzt war und sich dadurch schwere Brüche zugezogen hatte - und sie hatte dabei noch Glück, es hätte auch noch schlimmer enden können.

    Aber, entgegen aller unserer Weisheiten (auch meiner Weisheiten), wie z. B. man braucht ein alkoholfreies Umfeld, man muss seine Sucht aufarbeiten, man braucht eine Strategie, nur nicht trinken funktioniert auf Dauer nicht usw., ich könnte noch einiges aufführen, was ich hier immer wieder schreibe und wovon ich auch überzeugt bin, geht dieser Mensch völlig a-typisch mit seiner Sucht um.

    Diese Person sagt, dass sie sich geschworen hat, nie mehr Alkohol zu trinken. Aber essen darf sie ihn, sagt sie. Nur nicht trinken! Schnapspralinen sind überhaupt kein Problem. Sogar ein Schnäpchsen für den Magen (wir wissen ja dass das eigentlich totaler Schwachsinn ist und sowieso nix bringt) ist, auf einen Löffel gegeben und dann "gegessen", gar kein Problem.

    Jetzt versteht mich nicht falsch. Diese Person trinkt wirklich nicht mehr. Das alles macht sie ab und an mal, wenn es sich halt gerade mal ergibt. Nicht regelmäßig und auch nicht häufig. Und selbstverständlich trinkt sie, wie sollte es anders sein, zum Essen auch alkoholfreies Bier und zum Anstossen alkoholfreien Sekt. Schon immer, so lange ich sie trocken kenne.

    Und wenn ich mich mit dieser Person über ihre Trinkerzeit unterhalte, dann kommt da nix mit Einsicht oder so. Nichts mit Selbstreflexion oder irgendwas in die Richtung. Nein, da kommt dann, dass sie ja so viel Stress hatte und dass das dann halt der einzige Ausweg für sie war. Und dass sie das anders ja nicht ertragen hätte. Auf die Frage, warum sie denn überhaupt mit dem Trinken aufgehört hat kommt sinngemäß: Der Sturz war ein Schuss vor dem Bug, eine innere Stimme sagte "Du musst aufhören" und im Krankenhaus schwor sie sich nie mehr zu trinken. Und Schwüre dürfen nicht gebrochen werden!

    Da fällt mir dann auch nicht mehr viel dazu ein!

    Und selbstverständlich hat sie einen Partner, der aktiv trinkt. Er ist kein Alkoholiker aber jemand der auf "sein" Bier nicht verzichtet. Und manchmal auch etwas zu viel trinkt, jedoch aus meiner Sicht deshalb nicht süchtig ist. Aber für einen trockenen Alkoholiker ist so ein Partner natürlich eher kontraproduktiv.

    Also, ich sage jetzt mal: Ein klarer Fall von Rückfallkanditat! Aber sie wurde nicht rückfällig, bis heute nicht. Und ich glaube ehrlich gesagt auch nicht, dass sie das in nächster Zeit wird. Es gibt überhaupt keine Anzeichen. Sie lebt ihr Leben "ganz normal", und geht mit Alkohol so um wie von mir beschrieben.

    Dieser Mensch ist für mich an absolutes Phänomen bezogen auf unsere Krankheit. Es ist jemand, der mir immer wieder bewusst macht, dass es in sicher sehr seltenen Ausnahmefällen, immer auch mal anders gehen kann. Ich sage das im vollen Bewusstsein, dass das was dieser Mensch tut, bei wahrscheinlich 95 - 99 % aller anderen Alkoholiker schief gehen würde. Nie würde ich jemanden raten sich so zu verhalten wie dieser Mensch, es widerspricht jedweder Erfahrung und wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Freifahrtschein in den Rückfall. Wieso das hier nicht so ist, das kann ich mir nicht erklären.

    Und falls jetzt der Gedanke aufkommt, dass dieser Mensch ja vielleicht kein Alkoholiker war/ist. Diesen hatte ich natürlich auch schon. Und zu 100% kann man das ja nie sagen. Jedoch trank diese Person jahrzehntelang, alle uns bekannten typischen Indikatoren für eine Sucht treffen aus meiner Sicht zu. Ich habe keine Zweifel an einer Suchterkrankung.

    Tja, das wollte ich jetzt mal los werden.

    Das beschäftigt mich immer wieder mal. Weil es so ganz anders ist als das, was ich sonst so kenne.

    LG
    gerchla

    Hallo Lali,

    schön, dass Du Deinen Urlaub alkoholfrei genießen konntest. Die Betonung liegt auf genießen! Und so war es bei Dir ja auch, Du schreibst ja von einem sehr schönen Urlaub!

    Ich war übrigens auch viele Jahre immer in Frankreich. Immer direkt am Meer und natürlich, immer mit Wein. Eigentlich trank ich ja heimlich und eigentlich trank ich ja nur Bier aus Plastikflaschen. Im Urlaub jedoch, da konnte ich auch mal ein Glas Wein trinken. Hochoffiziell sozusagen, und dabei den Sonnenuntergang genießen. Nun ja, auch dort war natürlich mein "sichtbarer" Konsum deutlich niedriger als mein tatsächlicher. Es war aber tatsächlich die einzige Zeit im Jahr, wo ich "gefahrlos" mal ein oder zwei Gläser trinken konnte ohne das ich Gefahr lief meine Tarnung auffliegen zu lassen.

    Und ich gebe zu, ich genoss das sehr! Tatsächlich bin ich, machdem ich trocken wurde, nicht mehr nach Frankreich in den Urlaub gefahren. Anfangs war mir das zu heikel, später hat sich einfach durch meine Lebensituation ein anderes Urlaubsziel ergeben. Eines, dass nicht weniger "gefährlich" ist für Menschen, die gerne trinken. Ibiza, die Partyinsel,die ich als ein wunderbares Stück Erde kennenlernen durfte, so ganz ab von typischen Klischees und Massentourismus. Aber das ist ein anderes Thema.

    Zu Deiner Frage:

    Ich bin ja nun kein Suchtexperte, nur ein süchtiger, der seine Krankheit stoppen konnte. Ich meine, solche Gedanken darf man durchaus mal haben. So wie Du das schilderst, würde ich das nicht sofort als nasse Denke einordnen. Ich glaube es kommt darauf an, wie Du daran denkst. Ob Du wirklich richtig vermisst und am liebsten sofort trinken würdest (das wäre hochgefährlich), oder ob Du Deine Gedanken sozusagen durch Deine Vergangenheit schweifen lässt und darüber nachdenkst, dass Du auch schöne Erinnerungen an Alkohol hast. Ohne dabei jedoch auch nur eine Sekunde ernsthaft daran zu denken wieder zu trinken. Es ist wichtig, dass Du nicht mehr trinken WILLST! Du darfst trinken, niemand kann Dir das verbieten. Aber Du WILLST nicht mehr, das ist enstscheidend. Und da musst Du aufpassen, dass solche Gedanken das nicht gefährden.

    Tatsächlich habe auch ich, haben wir wahrscheinlich alle auch gute Erinnerungen. Meine sind zum allergrößten Teil aus der Zeit, wo ich noch nicht süchtig war bzw. ganz am Anfang stand und es mir noch sehr gut ging. Später gab es nichts Gutes mehr.

    Ich denke, Du solltest Deine Gedanken beobachten, analysieren und schauen, ob Du Dich damit wohl fühlst. Oder ob Du das Gefühl hast, sie könnten Dich in Gefahr bringen. Wenn dem so wäre, dann solltest Du handeln. Denn es wird immer wieder Situationen in Deinem Leben geben, wo Du an Alkohol und dadurch evtl. auch an Positives erinnert wirst. Und der nächste Urlaub kommt ja auch irgendwann.

    Aber Du hast es ja auch schön gesagt: Der Alkohol hat Stimmungen, Gefühle erzeugt, er hat sie künstlich erzeugt oder er hat dabei geholfen sie zu erzeugen und zu empfinden. Jetzt liegt es doch an Dir, diese Gefühle auch ohne Alkohol empfinden zu können. Das ist doch das Ziel. Und ich sage Dir, das funktioniert sehr gut. Vielleicht hast Du das schon erleben dürfen. Ich bin recht häufig auf "meiner" Insel, weil meine Schwiegereltern dort leben. Und wir sitzten natürlich viel vor dem Haus, blicken auf's Meer, warten auf den Sonnenuntergang usw. Alles Momente, wo früher Alkohol dazu gehörte.

    Ich denk da gar nicht mehr drüber nach. Und genieße trotzdem jede Minute, es ist wunderbar. Man braucht das Zeug wirklich nicht, es dauert nur etwas, bis man diese "Gewohnheiten" ablegen kann und dann natürlich auch die Gedanken daran.

    Alles Gute und

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Roberto,

    das ist sehr interessant, dass Du die klassischen Wege zumindest ansatzweise schon mal "probiert" hast. Hast Du für Dich schon eine Erklärung gefunden, warum Du damals schon nach vier Wochen wieder zum Alkohol gegriffen hast?

    Fühlt sich das heute im Vergleich zu damals irgendwie anders bei Dir an? Ich meine damit Deinen Ausstieg, den Du ja jetzt auch wieder angehst. Ist da irgendwas anders als damals? Offenbar hast Du es ja damals auch schon ernst gemeint, immerhin hast Du richtig entzogen, bist zur Therapie und in eine SHG - vorbildlich möchte man da sagen. Dennoch war nach 4 Wochen schluss. Da wäre es bestimmt wichtig zu wissen, warum Du so schnell wieder zugegriffen hast. Denn daraus kannst Du natürlich lernen.

    Ich kann das schon auch nachvollziehen, was Du schreibst. Manchmal passen bestimmte Dinge nicht zu einem. Ich hatte damals z. B. einen Psychologen, an den ich bestimmte Erwartungen gestellt habe. Ich dachte mir, der wird mir Wege aufzeigen, wie ich mit meinen großen Schuldgefühlen klar komme. Nachdem ich nach 7-wöchiger Wartezeit dann den ersten Termin hatte, war ich mega enttäuscht. Denn er half mir vermeintlich überhaupt nicht. Er meinte, ich solle mich gefälligst benehmen wie ein erwachsener Mensch. Das traf mich damals hart, jedoch habe ich es nicht hingeworfen sondern bin weiter zu ihm.

    Im nachhinein gab es dann auch viele Dinge, die sehr gut waren und mir halfen, jedoch kapierte ich das dann meist erst viel viel später. Heute profitiere ich davon.

    Allerdings veranlasste mich dieses negative Erlebnis damals auch dazu, mir eine Alternative zu suchen. Diese konnte nicht sein, wieder mit dem saufen anzufangen. Denn trinken wollte ich nie mehr wieder in meinem Leben. Da ich aber wusste, dass eines meiner größten Probleme der Umgang mit meiner Schuld (die ich zu meiner Saufzeit reichlichst auf mich geladen hatte) ist, musste ich da was tun. Denn letztlich hatte ich Angst, dass mich diese Schuld irgendwann, wenn ich sie einfach verdränge, einholen wird und dann im schlimmsten Fall sogar wieder der Griff zur Flasche von mir erfolgen könnte.

    Ich ging zu einem Mönch. Eine lange Geschichte, die ich jetzt nicht im Detail erzählen möchte. Ich will Dir damit nur zeigen, dass es manchmal sehr individuelle Wege braucht um aus der Sucht heraus zu kommen. Besonders dann, wenn die klassischen nicht zu funktionieren scheinen. Also dieser Mönch, den ich zufällig mal Jahre vorher kennengelernt hatte, der half mir da tatsächlich heraus. Der hat mehr für zu meinem trockenen Leben beigetragen, als irgendwer sonst.

    Jedoch: auch er war "nur" ein Baustein von vielen, die ich brauchte um dauerhaft trocken zu werden. Da gab es noch viele andere, z. B. besagter Psychologe, z. B. mein bester Freund, z. B. meine SHG. Alles zusammen war die richtige Mischung für mich. Denn alle diese Bausteine ermöglichten es mir mich auf unterschiedliche Weise mit mir, meinem Leben und meiner Sucht auseinander zu setzen. Jeder hatte andere Ansichten, andere Weisheiten, andere Erfahrungen. Mein bester Freund z. B. ist da eher Pragmatiker - na klar, er hat und hatte ja nie ein Suchtproblem. Dennoch war seine Sichtweise auch sehr wichtig für mich. Die Leute der SHG waren eher sehr strikt, man könnte sagen "streng" unterwegs. Das schadete mir überhaupt nicht. Ganz besonders in der Anfangszeit war das sogar eine Grundvoraussetzung für mich.

    Also Du verstehst vielleicht was ich meine. Ich meine, es gibt viele Weg aus der Sucht, genau wie es sie hinein gibt. Aber es ist entscheidend, dass man sie geht, probiert, reflektiert, arbeitet.
    Leg Dich nicht zurück, trinke keinen Alkohol und warte was passiert. Suche selbst nach Lösungen, suche selbst nach Wegen, probiere Dinge aus, finde heraus, was es braucht das Du Dich als Mensch weiter entwickeln kannst. Dann wirst Du hier vielleicht irgendwann mal eine abgefahren Geschichte schreiben können, wie Du Deine Sucht besiegt hast.

    Es ist ein langer, ein sehr langer Weg. Gespickt mit großem Gefahren, die man nur umgehen kann, wenn man absulut wachsam ist und immer an sich arbeitet. Aber der Weg lohnt sich, das darfst Du mir glauben!

    LG
    gerchla

    Hallo Roberto,

    dann erst mal welcome back!

    Was Britt Dir geschrieben hat ist genau das, worum es geht! DU bist das wichtigste! Du musst Dich jetzt in den Mittelpunkt rücken. Was Du jetzt tust, dass tust Du für Dich! Deine Familie kann da gerne als Motivator herhalten. Sie kann Dich beflügeln Dein Vorhaben konsequent durchzuziehen. Das ist alles in Ordnung. Tun solltest Du es für Dich.

    Und wenn Du dann hoffentlich irgendwann mit der selbst im Reinen bist, wenn Du Dich selbst wieder ertragen oder sogar lieben kannst, dann wird Deine Familie, jeder einzelne davon, enorm profitieren.

    So, jetzt mal weg vom theoretisch/philosophischen hin zum Praktischen:

    Wie schauen Deine Pläne aus bzw. hast Du überhaupt einen? Wenn Du es wirklich ernst meinst, dann solltest Du jetzt Nägel mit Köpfen machen. Du hast ja nach Tipps für die ersten Tage gefragt. Hier kommen meine:

    Geh zum Arzt und oute Dich als Alkoholiker / Besprich mit ihm oder ihr das weitere Vorgehen / Je nachdem wirst Du dann stationär oder ambulant entziehen und entgehst damit den großen Gefahren eines kalten Entzugs / Sprich mit Deinem Arzt über weitere Maßnahmen, nach dem Entzug / Schließe dabei nichts aus, auch keine stationäre Therapie / Such Dir parallel eine Selbsthilfegruppe in Deiner Nähe, die Du ab sofort so oft besuchst, wie es nur möglich ist / Schreibe weiter hier im Forum

    Das wären dann mal meine Tipps für den Anfang. Wenn Du jetzt ganz viele Argumente findest, warum dieses oder jenes nicht funktioniert oder Du dieses oder jenes nicht tun kannst oder willst, dann wird es entsprechend schwieriger aus der ganzen Geschichte heraus zu kommen.

    Es ist klar, dass Du ernsthaft nicht mehr trinken willst. Gut so. Und erst mal auch wichtig, dass Du das durchhälst, wobei ich nochmals auf die Gefahren eines kalten Entzugs hinweisen möchte. Auf Dauer wird Dich "nur nichts mehr trinken" aber nicht trocken halten. Auf Dauer musst Du mehr tun als nur keinen Alkohol mehr zu trinken. Und genau dafür gibt es ja zahlreiche Hilfsangebote. Wenn man körperlich entzogen hat, was nach relativ kurzer Zeit der Fall ist, dann geht die Arbeit erst richtig an. Dann gehts an die psychische Abhängigkeit. Und diese ist fatal, das ist die eigentliche Sucht.

    Und da kommt man nur mit Willensstärke nicht gegen an, jedenfalls nicht sehr lange. Deshalb musst Du Strategien erlernen, wie Du z. B. mit plötzlichen Suchtdruck umgehen kannst. Damit es eben nicht zu einem Rückfall kommt. Langfristig geht darum, dass Du ein zufriedener (ideralerweise sogar glücklicher) Mensch wirst, der überhaupt kein Bedürfnis mehr verspürt Alkohol konsumieren zu wollen.

    Das geht! Ist jedoch ein weiter Weg der viel Selbstreflexion voraus setzt und wo man sich sehr viel mit sich und seiner Krankheit beschäftigen muss. Wenige können das alleine schaffen oder "punktueller" Hilfe (z. B. SHG), für die meisten ist der Weg über z.B. eine Therapie (geht auch ambulant) genau der Richtige. Ganz ohne Hilfe ist es sehr schwer und die Gefahr des Scheiterns sehr hoch.

    Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum und natürlich, dass Du Deinen Weg findest!

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Kerstin,

    ich glaube Du hast es noch nicht verstanden. Oder drängst es weg, willst es nicht verstehen.

    Es gibt keinen "perfekten Lösungsweg" - dieser ist ein Wunschgedanke, vielleicht vergleichbar mit dem 6er im Lotto. Es gibt nur DEINEN Weg und sonst nix.

    Entweder Du bleibst bei ihm und unterstützt ihn damit in seiner Sucht während Du gleichzeitig daran zu Grunde gehst, oder, Du nimmst endlich Dein Leben in Deine eigenen Hände. Was anderes gibt es da nicht.

    Wenn Du bleibst, dann brauchst auch nicht jammern, denn das wird Dir nichts helfen. Wenn Du bleibst musst Du halt schauen, wie Du damit zurecht kommst, dass sich Dein Vater trotz Deiner vermeintlichen Hilfe zu Tode säuft. Es tut mir sehr leid, aber so sieht es wohl aus. Hoffnung, dass sich das irgendwie anders bei Dir und Deinem Vater entwickelt kann ich aus dem was Du schreibst nicht heraus lesen. Da ist wirklich nichts, was auch nur ansatzweise nach Hoffnung klingt.

    Das tut mir sehr leid für Dich. Auf die Frage "was Ihr verbrochen habt, dass man Euch so straft" kann ich nur sagen: Ich denke Ihr habt gar nichts verbrochen. ABER: Ihr lasst es mit Euch machen, das ist das einzige was man Euch vorwerfen könnte. Und das wiederum könnt nur Ihr selbst ändern. Ihr müsst es nur wollen und Euch Hilfe für die sicher nicht einfache Umsetzung holen. Ansonsten, ich wiederhole mich, wird Euch der Süchtige mit in den Abgrund reißen.

    Und wenn er dann gestorben ist, hinterlässt er zwei Co-Abhängige Wracks, die für den Rest ihres Lebens daran zu knabbern haben. Das könnt Ihr doch nicht ernsthaft wollen?

    Mehr habe ich jetzt nicht zu sagen. Wie gesagt, lies die anderen Geschichten von Co-Abhängigen und ziehe dann eigene Rückschlüsse daraus.

    Alles Gute.

    LG
    gerchla

    Hallo Zuversicht,

    ich möchte Dir etwas Mut zusprechen. Ich bin selbst Alkoholiker und lebe nun schon länger ohne Alkohol. Ich finde es toll, dass für Anika ihre Kinder ein Grund waren, ein starker Grund waren, um mit dem Trinken aufzuhören. Das zeigt ja, dass Gründe von außen auch manchmal zum Ziel führen können.

    Es wird ja oft gesagt, dass der Alkoholiker unbedingt für sich selbst aufhören wollen muss. Das es nicht viel bringt, wenn er von "außen" dazu gezwungen wird. Und das stimmt grundsätzlich auch, aber nicht immer. Tatsächlich waren z. B. bei mir meine beiden von mir wirklich über alles geliebten Kinder nicht Grund genug, mit dem Trinken aufzuhören. Aber meine Trinkergeschichte ist auch eine ganz andere gewesen, als z. B. die von Anika oder auch die Deiner Frau. Es sieht oft auf den ersten Blick immer alles sehr ähnlich aus, ist jedoch im Detail höchstindividuell.

    Und so sind es eben oft auch die Wege heraus aus der Sucht. Es stimmt schon, am erfolgsbersprechendsten sind sicher die klassischen Wege: Der Alkoholiker sieht ein, dass ein Alkoholiker ist, das tut er, weil er seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht hat und so nicht mehr weiter leben möchte. Er beschließt seine Sucht zu bekämpfen, geht zum Arzt, entgiftet, macht eine Therapie und kümmert sich anschließend sorgsam um sein neues trockenes Leben.

    Das ist eine Variante, die so, wenn es funktioniert, sehr gut funktioniert und es ist ein Weg, den viele erfolgreich gegangen sind. Aber es gibt eben auch viele andere. Die auch erfolgreich waren, die z. B. über Druck von außen widerwillig etwas gegen die Sucht unternommen haben und erst dadruch bemerkt haben, in welcher Lage sie eigentlich sind. Um dann plötzlich festzustellen: Ja ich will da jetzt wirklich raus! Und was den persönlichen Tiefpunkt betrifft: wie der Name schon sagt ist der auch sehr individuell. Beim einen ist es der Führerscheinverlust, beim anderen der Verlust des Arbeitsplatzes, ein nächster muss in der Gosse aufwachen und ganz ganz viele erreichen diesen Punkt nie und trinken einfach bis es irgendwann mal vorbei ist.

    Das Verlassen werden durch einen Partner kann so ein Tiefpunkt sein aber es ist auch Drück von außen. Ich denke, Du hast schon sehr gute Anregungen bekommen, wie Du mit Deiner Situation weiter umgehen kannst. Ich finde es sehr gut, dass Du so klar bist. Dass Du Deiner Frau beistehen willst, es nicht einfach hinwirfst, jedoch auch weißt, dass Du notfalls die Reißleine ziehen wirst. Um Dich und natürlich auch Deine Kinder zu schützen. Ich finde Du verhälst Dich hier sehr sehr fair Deiner Frau gegenüber!

    Ich wünsche Dir, ich wünsche Euch nur das beste. Ich hoffe, Deine Frau kommt in die Spur und ihr könnt bald Euer leben zusammen mit Euren Kindern lebenswert leben!

    LG
    gerchla

    Hallo Kerstin,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Erstaunlich wie klar Du erkennst, dass Ihr (Du und Deine Mama) in der Co-Rolle fest hängt. Du weißt also ganz genau, dass Ihr beide in der Co-Abhängigkeit hängt. Alle "Symptome" die Du beschreibst sprechen auch ganz deutlich dafür. Eigentlich dreht sich doch Euer gesamtes Leben um den alkoholsüchtigen Vater!

    Das musst Du Dir mal überlegen! Das Leben von zwei Menschen dreht sich fast zu 100 % um den saufenden Vater, der noch nicht mal irgendwelche Anstalten macht oder Signale aussendet, dass er daran etwas ändern möchte. Nein, er schließt es sogar aus! Denn es war ja das schlimmste was ihm jemals passiert ist, als er damals Therapie machen "musste" und überhaupt, so einen Entzug wird er nie wieder machen. Ich finde, da macht er doch mal eine ganz klare Ansage, der Herr Papa.

    Im Gegensatz zu Dir und Deiner Mutter. Ihr macht keine klaren Ansagen sondern eiert um ihn herum und versucht es ihm so gut es geht irgendwie recht zu machen. Schön für ihn. Du denkst, Du kannst nicht gehen, weil Du ihn so wenigstens noch ein Stück weit unter Kontrolle hättest?

    Weit gefehlt würde ich mal sagen. Er hat Dich unter Kontrolle, sonst nichts. Du hast gar nichts unter Kontrolle, auch wenn Du Dir das einredest. Am allerwenigsten hast Du Dein eigenes Leben unter Kontrolle, und das finde ich ziemlich bitter. Ein uneinsichtiger alter Alkoholiker bemächtigt sich des Lebens einer jungen 26 Jährigen Frau und nimmt ihr diese Lebensphase einfach weg. Weil er saufen will und sie nicht in der Lage ist für ihr eigenes Leben die Verantwortung zu übernehmen.

    So, jetzt langst aber auch mit meiner leicht ironischen Zusammenfassung. Aber so wie ich Dich einschätze, so klar wie Du die Dinge ja eigentlich siehst, wirst Du mir wahrscheinlich recht geben, oder?

    Ich bin übrigens selbst Alkoholiker, lebe jetzt aber schon länger ohne Alkohol. Deshalb kann ich Dir auch nur sagen, dass Du (und idealerweise auch Deine Mama) nur auf Dich schauen kannst. Also nix wie weg. Das geht nicht so einfach, Du hängst zu tief drin und letztlich wirst Du sicher auch an Deine Mama denken, die dann mit ihm alleine wäre (wenn sie nicht auch geht).

    Ich verstehe das, auch wenn ein Bleiben überhaupt keine Lösung sein kann. Es wird Dich und Dein Leben kaputt machen. Ich denke Du hast ohnehin schon genug psychische Treffer abgekommen. Also bitte lass Dir helfen. Lass Dich beraten, suche Dir eine SHG für Angehörige, berate was Du tun kannst, wie Du da weg kommst.

    Du siehst die Dinge ja schon ganz klar. Du kannst nur NOCH nicht handeln. Das musst Du aber, für Dich und Dein Leben bist nur Du allein verantwortlich. Also weg da, so schnell wie möglich. Und lass Dich psychologisch dabei Begleiten, das ist alles nicht so einfach. Co-Abhängigkeit es ebenfalls eine richtige, ernste Krankheit!

    Es gibt also keine "passende" Lösung, die es allen Recht macht. Die kann es nicht geben, denn dafür müsste Dein Vater folgendes tun:
    Zum Arzt gehen und sich als Alkoholiker outen, eine Entgiftung machen, anschließend eine Therapie antreten und durchziehen, danach entsprechende Nachsorge betreiben und z. B. regelmäßig eine SHG besuchen usw. ufs. Und das alles müsste auch noch von sich aus tun WOLLEN, weil er vom Alkohol wegkommen will.

    Das was Du beschreibst klingt für mich ganz anders. Das klingt nach einen 67-jährigen der keinen wirklichen Sinn mehr in seinem Leben sieht. Der vor sich hin vegetiert und sich mit Alkohol betäubt um sich seine "letzten paar Jahre" noch einigermaßen erträglich zu machen. Jemand, der gar nicht weiß, warum er aufhören sollte mit dem Trinken und der es zwar schon mal versucht hat, jedoch nur aufgrund enormen Drucks von außen.

    Das klingt nicht nach jemanden, der die Kurve noch bekommt. Das tut mir leid, aber so hört sich das für mich an.

    Du hast also zwei Möglichkeiten: Du machst das alles weiter mit, noch ein paar Jahre (und das können durchaus noch sehr viele Jahre werden), so lange Dein Vater eben noch lebt und noch soweit klar im Kopf ist und die Kraft und Macht hat, sich zu besaufen wie er will ODER Du nimmst Dein Recht in Anspruch. Nämlich Dein Recht auf Dein eigenes Leben. Dein Vater ist für sein Leben selbst verantwortlich , so wie Du für Deines verantwortlich bist.

    Ihn kannst Du nicht ändern, Du kannst nur Dich ändern. Idealerweise sieht Deine Mama das auch so, dann soll er eben alleine trinken, wenn er das so will.

    Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum. Lies mal bei den anderen Angehörigen. Deine Geschichte ist nicht einmalig, die Geschichten der Anghörigen gleichen sich oft. Es ist so schlimm, was diese Sucht den Angehörigen an tut und es ist auch schlimm, wie lange viele Angehörige brauchen um sich lösen zu können. Ich wünsche Dir nur das allerbeste!

    LG
    gerchla

    Liebe Britt,

    ich werde Dir diese Geschichte in einer Privat Nachricht erzählen. Schau einfach mal in der nächsten Zeit in Deinen Mitteilungen nach, da wirst Du dann was von mir finden.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Sandra,

    auch von mir noch ein herzliches Willkommen bei uns im Forum.

    Ich bin Ende 40, Alkoholiker und trinke jetzt schon mehrere Jahre keinen Alkohol mehr.

    Sehr viel von dem was Du schreibst habe ich auch erlebt. Bereits wenige Tage nachdem ich aufgehört hatte Alkohol zu trinken, hatte ich das Gefühl ich könnte Bäume ausreißen. Dabei war ich zu dieser Zeit körperlich noch recht desolat beinander. Also ich hatte noch starkes Übergewicht, meine alkoholbedingten körperlichen Schäden waren ebenfalls noch vorhanden und ich hatte auch noch mit leichten Entzugserscheinungen zu kämpfen. Vor allem mit dem Einschlafen hatte ich etwas Probleme.

    Dennoch dachte ich schon nach ein paar Tagen, ich wäre körperlich superfit. So habe ich mich jedenfalls gefühlt. Und naja, verglichen zu den Zeiten wo ich nach 10 oder 12 Bier morgens aufwachte um erst mal gleich wieder das erste Bier zu trinken war ich das dann auch.

    Tja, da war dann ja aber noch die Psyche. Wie bei Dir auch. Und die hatte es tatsächlich in sich. Denn ich war vor allem in den ersten Wochen und Monaten damit beschäftigt, über mein neues Leben nachzudenken. Ich hatte das Gefühl meine Frau verlassen zu müssen um trocken bleiben zu können. Und damit meine Familie entgültig kaputt zu machen (da waren ja noch meine beiden von mir über alles geliebten Kinder). Natürlich war meine Familie schon völlig kaputt gemacht von mir, denn ich trank viele Jahre und das größtenteils heimlich. Meine Ehe ging darüber den Bach runter ohne das klar war, was mit mir eigentlich genau los ist. Alle Versuche meiner Frau unsere Beziehung irgendwie wieder auf die Spur zu bekommen scheiterten, mussten scheitern, weil es für mich ja nur noch die Flucht in den Alkohol gab.

    Um das alles aber überhaupt so aufrecht erhalten zu können, und das über viele viele Jahre, "musste" ich lügen was das Zeug hält. Also belog und betrog ich über viele Jahre meine Frau, meine Familie, mein Umfeld. Große Schuld habe ich dabei auf mich geladen. Dinge getan, die nicht zu verzeihen sind.

    In diesem Dilemma befand ich mich nun, nachdem ich nicht mehr trank. Und ich konnte mir dieses belastende Gefühl jetzt auch nicht mehr einfach wegsaufen, so wie ich das früher immer getan hatte. Ich musste jetzt aushalten und ich wollte es auch aushalten.

    Nachdem ich die Entscheidung getroffen hatte, mich von meiner Frau zu trennen, nahmen diese Schuldgefühle noch erheblich zu. Denn jetzt sah ich natürlich auch das Elend meiner Kinder, die unter dieser Trennung enorm litten. Meine Frau natürlich auch aber eben auch die Kinder, die nun so gar nichts für diesen ganzen Mist konnten. Es war die Hölle, wenn ich das mal so sagen darf. Jedoch war ich mir darüber im Klaren, dass ich diesen Weg so gehen musste, wenn ich dauerhaft trocken bleiben möchte. Es gab für mich keine Alternative.

    Aber da war natürlich die Schuld, diese bedrückende schlimme Schuld. Ich musste etwas tun um damit klar zu kommen. Ein klassischer Psychologe, den ich regelmäßig besuchte, konnte mir zu dieser Zeit damit nicht weiter helfen. Er war für andere Dinge gut, aber nicht dafür. Er meine immer, ich solle mich doch wie ein erwachsender Mensch benehmen.... Haha, der hat ja keine Ahnung, dachte ich damals.

    Ok, aber ich wusste, ich muss was tun, sonst frist mich die Schuld auf und letztlich ist mein wichtigstes, meine Trockenheit, dann über kurz oder lang auch in Gefahr.

    Ein Mönch, den ich dann aufsuchte, half mir in dieser Situation sehr. Das ist jetzt eine längere Geschichte, die ich Dir erspare. Nur so viel: Die Gespräche mit diesem Mensch halfen mir da heraus, zeigten mir Weg und vor allem auch Denkweisen auf, um mit meiner Schuld umgehen zu können. Dabei ging es nicht um Gott oder Glauben, denn ich war zu dieser Zeit gar nicht sonderlich gläubig. Er sagte mir sinngemäß, dass ich diese Schuld auf mich geladen habe, das ich das akzeptieren soll und das ich das auch sehr gerne bereuen darf. Er sagte wirklich zu mir "Du kannst da gerne Reue zeigen".

    Er sagte aber auch, dass ich kein neues Leben beginnen kann, wenn ich meine Schuld nicht als Teil meines Lebens akzeptiere. Er sagte, ich kann das jetzt nicht mehr rückgängig machen, jedoch kann ich es jetzt anders machen. Nur wenn ich meine Schuld als Teil meines Lebens akzeptiere und daraus für meine Zukunft lerne, werde ich wieder ein zufriedenes und glückliches Leben führen können.

    Also das jetzt mal sinngemäß. Er fand für mich sehr gute Worte die ich auch verstanden habe und sehr gut nachvollziehen konnte. Das ganze brauchte Zeit, viel Zeit. Monate vergingen, vielleicht sogar Jahre. Auch heute gibt es noch Situationen, wo mich meine Schuld einholt. Ich meine auf einer Gefühlsebene. Wo ich mich plötzlich zurück erinnere an schlimme Dinge die ich getan habe. Ausgelöst durch irgendwas. Jedoch kann ich dann sehr gut damit umgehen und falle nicht in ein Loch. Sondern ich verarbeite es sofort "an Ort und Stelle".

    Dazu gehört auch, dass ich mit meinem Umfeld offen über solche Dinge spreche, darüber was ich getan habe. Natürlich nicht permanent, denn damit würde ich dieses Umfeld ja überfordern. Aber immer dann, wenn es "sein muss". Das kommt auch heute, nach Jahren ohne Alkohol noch vor. Erst am Wochende hatte ich wieder ein kurzes Gespräch genau darüber mit meinem Bruder.

    Nun lebe ich heute ein ganz anderes, ein wunderbares Leben. Auch meiner Ex-Frau gegenüber verhalte ich mich heute immer fair und immer offen. Ich versuche aber nichts gut zu machen, denn das könnte ich gar nicht. Ich will nur der zu sein, der ich jetzt bin. Ein ganz anderer Mensch als damals. Ich zeige ihr, dass sie sich heute auf mich verlassen kann, dass ich helfe wenn ich ich denke, ich möchte das tun es es für notwendig halte. Ich versuche nicht meine Schuld auf den Alkohol abzuwälzen. Nie habe ich gesagt, dass ich ja eigentlich Opfer bin und gar nichts dafür kann, für das was alles passiert ist, weil ja die Sucht Schuld daran der Alkohol hatte. Nie habe ich das gesagt und ich denke das auch nicht. Denn niemand hat mich gezwungen Alkoholiker zu werden. Ich kenne einige die denken sie waren ja eigentlich die Opfer, die Opfer ihrer eigenen Sucht, jedoch nehme ich wahr, dass sie damit eigentlich nicht glücklich sind.

    Deshalb bin ich den Weg gegangen meine Vergangenheit inkl. der Schuld als Teil meines Lebens zu aktzeptieren, ich lerne darauf und heute hilft mir meine Sucht tatsächlich, ein sehr zufriedenes und für mich auch glückliches Leben führen zu können.

    Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Liebe Britt,

    ein sehr kluger Mensch hat mal sinngemäß zu mir gesagt:

    "Verändere dich selbst, arbeite an dir selbst und du wirst merken, wie sich andere dir gegenüber verändern werden". Er meinte damit, dass es keinen Sinn macht zu versuchen andere Menschen verändern zu wollen sondern das man nur an sich selbst etwas verändern kann. Als wir diese Diskussion führten ging es überhaupt nicht um Alkohol, sondern es war eine grundsätzliche Diskussion. Ich war mal wieder enttäuscht vom Verhalten meines Vaters mir gegenüber und hatte wieder mal Lust, den Kontakt abzubrechen.

    Ich durfte jetzt auch schon selbst erfahren, wie viel Wahres in dieser Aussage steckt. Wobei ich auch sagen möchte, dass das nicht immer "funktioniert" bzw. nicht per Knopfdruck. Es hängt auch sehr viel davon ab, wie man selbst Dinge wahr nimmt, wie man selbst das Verhalten anderer annimmt und damit umgeht. Und ja, vielleicht klappt es auch nicht immer, aber einen Versuch ist es wert.

    Ich finde es sehr schön, dass Du das jetzt so erleben darfst. Das sollte Dir Mut machen diesen Weg weiter zu gehen.

    Was Deine Frage bezüglich des geschützten Bereichs betrifft: Der Who is who -Bereich ist der Geschützte. Du könntest dort einen neuen Thread eröffnen und diesen hier ruhen lassen oder vielleicht kann oder will Greenfox diesen Thread auch verschieben. Ich finde es aber auch immer ganz gut und wichtig, dass im offenen Bereich viele Inhalte zu finden sind, denn da lesen ja sehr viele mit die hier nicht schreiben, trotzdem aber viel für sich selbst daraus ziehen können. Aber natürlich sollten da nur Dinge stehen, die für den Verfasser auch ok sind. Ich habe auch einige Dinge, worüber ich im offenen Bereich nicht unbedingt im Detail schreiben möchte.

    LG
    gerchla

    Hallo Sandra,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    dazu könnte ich jetzt schon einiges schreiben. Aber möchtest Du nicht vielleicht im Vorstellungsbereich einen eigenen Thread eröffnen. Dann könnten wir anderen Forumsteilnehmer uns dort mit Dir austauschen. Das ist ja hier der Thread von Britt und dann wird's recht unübersichtlich.

    Vielleicht hast Du ja auch Lust, noch etwas mehr von Dir zu berichten. Z. B. wie Deine akutelle Situation ist, ob Du aktuell trinkst oder wieder aufgehört hast usw. Wie gesagt, ich hätte schon einige Fragen aber ich möchte das jetzt nicht hier in Britts Thread machen.

    Jedenfalls gut, dass Du zu uns gefunden hast und lass' jetzt mal den Kopf nicht gleich hängen. Ich wünsche Dir einen guten Austausch bei uns im Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo Siegfried,

    nur ganz kurz:

    Deine Geschichte hier ist Gold wert. Für jeden der Ähnliches erlebt hat, für jeden, der noch am zweifeln ist und seinen Weg sucht, für alle, die nach jahrzehntelangem Alkoholkonsum nicht mehr daran glauben davon weg kommen zu können. Und auch für Leute wie mich, die beim Lesen lernen können, dass es noch ganz andere Alkoholikerkarrieren gibt als die eigene und auch ganz andere Wege um aus der Sucht heraus zu kommen.

    Ich danke Dir, dass Du hier so offen schreibst. Ich werde Dich weiter lesen.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Britt,

    Zitat

    Nein, das habe ich nicht. Es war ein sehr konstruktives Gespräch. Ich habe klar meine ICH - Botschaft zum Ausdruck gebracht:ICH will mein Leben leben...am liebsten mit dir, aber wenn nötig auch ohne dich.


    Respekt! Super. Und ich bin doch einigermaßen erstaunt, dass er bereit ist mit Dir zur Beratung zu gehen. In meinem Kopf hat sich ein anderes Bild Deines Mannes entwickelt. Daraus lerne ich mal wieder, das Dinge oft nicht so sind wie sie zu sein scheinen.

    Ich sehe das jetzt wirklich positiv. Denn es ist für mich schon ein Signal, dass er bereit ist, ich sage jetzt mal "die Argumente mit Dir auszutauschen". Und das ganze moderiert durch einen Paartherapeut. Du darfst auf jeden Fall mal gespannt sein, was da alles so kommt. Wenn ich Deine Situation richtig einschätze, dann wäre sehr viel erreicht, wenn er Deine Sucht als Krankheit verstehen würde. Und wenn er darüber "Respekt" oder vielleicht besser Achtung vor Dir und Deiner Situationen aber durchaus auch Deiner Leistung (also Deiner Abstinenz) gewinnen würde. Halt einfach ein wenig mehr Verständnis für den anderen und dessen Bedürfnisse.

    Ich bin sehr gespannt was Du berichten wirst,falls Du das möchtest natürlich. Trotzdem wieder meine Mahnung: Sei immer wachsam, bleib auf der Hut. Öffne Dich, das wird nötig sein jedoch sei Dir bewusst darüber, dass Du verletzt werden könntest. Und achte darauf, dass dann nicht Alkohol als Kompensation ins Spiel kommt. Du weißt ja, das Zeug ist teuflisch und hilft wenn, dann nur sehr temporär - um anschließend um so mächtiger zuzuschlagen.

    Ich wünsche Dir /Euch, dass Ihr über diesen Weg zu einem gemeinsamen Miteinander findet! Vielleicht ein längerer Weg, der mehrere Termine und Gespräche braucht und der vielleicht auch eine Umgestaltung Eures Alltags nötig macht, jedoch ein lohnenswerter, denn da könntet Ihr beide sehr profitieren. Und wenn es nicht funktioniert, dann wirst Du Deinen eigenen Weg gehen.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Tusnelda,

    also, ich bin da jetzt tatsächlich mit meinem Latein am Ende. Ich bin nur Alkoholiker und nur zu diesem Thema kann ich meine eigenen Erfahrungen einbringen.

    Du schreibst ja selbst, dass Du Dir selbst zu schaffen machst und das scheint wohl Dein größtes Problem zu sein. Wenn man das alles so liest was Du da schreibst, dann könnte man meinen, dass der Alkohol jetzt erst mal nicht wo wichtig ist. Und das Du jetzt nicht wirklich ernsthaft daran interesiert bist abstinent zu leben, weil Du denn Sinn ja auch nicht so richtig erkennen kannst. Das ist ok, denn es ist ja Deine Entscheidung. Nur bringt Dich da dann ein Forum für Alkoholiker wahrscheinlich nicht weiter.

    Und Du schreibst ja auch, dass Du der Meinung bist, dass Dir Psychologen nicht helfen können.

    Ein Psychologe wäre jetzt das einzige, was mir in Deinem Fall noch eingefallen wäre. Aber das hast Du ja auch schon abgehakt.

    Also, ich habe da jetzt nichts mehr zu sagen. Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Weg finden kannst und dass Du das Leben führen kannst, das Du Dir wünscht. Alles Gute.

    LG
    gerchla

    Hallo Alex,

    ok, also ist bei Deiner Frau zumindest schon mal eine Art "Grundbewustsein" dafür da, dass sie ein großes Problem hat. Und sie leugnet nicht. Mal ein erster Schritt.

    Allerdings wirst Du in dieser Geschichte schwer in die Rolle eines Co-Abhängigen "gedrückt". Da solltest Du wirklich aufpassen, denn das bedeutet, dass auch Du krank werden könntest und Du soltest Dir deshalb unbedingt helfen lassen. Ich lese das aus folgenden Aussagen von Dir heraus:

    Zitat

    Ich versuche sie dann immer runter zu bringen aber es ist immer extrem schwer. Aber sollte ich es doch schaffen und standhaft bleibe dann ist sie mir im Nachhinein auch dankbar dass ich es geschafft habe.


    und

    Zitat

    Wenn ich es aber nicht schaffe und ihr Alkohol gebe

    Du fühlst Dich also für sie verantwortlich, versuchst ihren Alkoholkonsum zu kontrollieren bzw. zu steuern und machst natürlich Dein Leben bzw. Dein Wohlbefinden von ihrem aktuellen Zustand abhängig (nüchtern = alles gut / betrunken = katastrophe für Dich, also alles tun um das zu verhindern). Das alles ist auch ein Stück weit normal, jedoch musst Du aufpassen wieviel Raum es in Deinem Leben ein nimmt. Dazu kannst Du Dich auch beraten lassen und es gibt auch SHG für Anghörige, die Dir helfen könnten besser damit umzugehen.

    Was Deine Frau betrifft:

    Alles was sie so sagt, klingt schon recht typisch nach dem üblichen Alkoholikergerede. Also:

    Zitat

    Sie sagt sie möchte immer nur ein bisschen trinken um schlafen zu können


    und

    Zitat

    Sie sagt wenn sie voll ist immer ich soll sie verlassen damit ich nicht mit untergehe. Wenn sie aber wieder nüchtern ist dann möchte sie mit mir zusammen kämpfen, nur wissen wir beide nicht wie.


    und auch

    Zitat

    Sie weiß nur, dass sie nicht in die Klinik möchte...auf der Nachbarstation gesehen was bei den Alkoholleuten abgeht und hat unheimlich viel Angst davor dort hin zu müssen.


    und

    Zitat

    Suchtberatung aber das bringt ihr nix sagt sie...

    Also stellt sich doch jetzt die Frage: "Ja was denn nun?"

    Trocken werden wollen aber nichts dafür tun? So funktioniert es leider nicht. Man kann nicht trocken "gestreichelt" werden. Leider, sonst gäbe es bestimmt nicht so viele von uns.

    Es scheint also, dass Deine Frau noch nicht ganz unten angekommen ist. Wenn sie das nämlich wäre, dann würde sie von sich aus keine "Bedingungen" stellen bzw. nicht erklären, was sie auf keinen Fall tun will. Bei mir war das so, dass ich dann zum Zeitpunkt X bereit war, alles, wirklich alles zu tun um von dem Zeug weg zu kommen. Und ich habe dann auch sofort alles mögliche in die Wege geleitet. Also Beratung, Arzt, SHG, Psychologe usw. Hätte man mir nahegelegt eine Langzeittherapie zu machen, ich hätte diese selbstverständlich gemacht. Ich kam ohne klar, jedoch nicht ohne regelmäßige ambulante Betreuung. Wege gibt es da viel, man sollte nur nichts von vorne herein ausschließen.

    Das hast jetzt aber nicht Du in der Hand. Denn das muss ja von Deiner Frau kommen. Nicht IHR müsst etwas unternehmen sondern SIE! Und das ist elementar wichtig bei der ganzen Angelegenheit. Nur wenn SIE etwas tut, aus eigener Motivation heraus, dann kannst Du sie dabei unterstützen. Ansonsten kannst Du nur auf Dich achten und Dich abgrenzen.

    Tatsächlich ist es so, dass Du ihre Sucht eher unterstützt, wenn Du ihr die Stange hälst und sie immer wieder "raus haust". Wenn sie trinken will dann soll sie trinken und dann auch die Konsequenzen spüren. Das ist ihre Entscheidung. Du musst aber klar machen, was Du willst. Vielleicht auch erst mal Dir selbst. Und Du musst für Dich und Euer Kind dann die Verantwortung übernehmen. Das könnte auch sein, dass Du Dich trennst, wenn sie nicht in die Spur kommt und weiter trinken möchte.

    Ich weiß, ich rede mich jetzt hier leicht. Das ist in der Praxis alles nicht so einfach. Aber mit Reden, mit Versprechungen usw. wird das ganz einfach immer so weiter gehen und mit der Zeit wohl noch schlimmer werden.

    Vielleicht hilft Deiner Frau auch der Gang in eine Selbsthilfegruppe, nicht wenige habe es darüber geschafft trocken zu werden. Aber sie muss halt was machen und das auch wollen. Nur sagen, dass will ich nicht und jenes nicht und bastel mir doch jetzt mal ein Modell das mich trocken macht, das funktioniert halt nicht.

    LG
    gerchla