Hallo Frosch,
ich hoffe mal, Du liest hier noch mit. Ich bin leider etwas spät dran mit dem was ich Dir schreiben möchte. Habe im Moment leider nicht so viel Zeit für's Forum. Aber ich wollte Dir ein wenig von meiner Geschichte erzählen.
Du warst also mit einem Mann zusammen und hast in diesen 2 Jahren nicht bemerkt, dass er Alkoholiker ist und trinkt. Meine Ex-Frau hat, ich denke mal, 15 Jahre lang nicht bemerkt, dass ich heimlich trank. Die ersten Jahre war es noch kein "Kunststück" das zu verheimlichen, denn da trank ich noch recht moderat, wenn auch schon abhängig. Später allerdings trank ist ich enorme Mengen. Ich trank viele Jahre lang ca. 4 - 6 Bier am Tag ohne dass es jemand bemerkt hat. Also auch meine Frau nicht. Dann kamen die richtig schlimmen Jahre. Da steigerte sich meine Menge noch erheblich.
Kannst Du Dir vorstellen, dass jemand 10 - 12 Bier am Tag trinkt (jeden TAG!) und oft noch zusätzlich Wein und dass die eigene Familie, die eigene Frau, das nicht mitbekommt? Schwer vorstellbar, allein der Gestank von dem Bier.
So war das bei mir aber tatsächlich. Ähnlich wie Du, fand meine Frau auch einige Male die "Überreste" meiner Trinkerei. Du kannst Dir vorstellen, dass es bei diesen Mengen gar nicht einfach ist, das alles zu besorgen und wieder zu entsorgen. Ich trank das Bier praktischerweise aus Plastikflaschen, die ich immer vor- oder nach der Arbeit im Discouter besorgt habe. Und in meinem massiven Rucksack verstaut habe. Am nächsten Morgen mussten die Flaschen dann wieder weg, vor der Arbeit irgendwie einsammeln und mitnehmen, so war das bei mir.
Es gab aber Tage, da hatte ich es am vorabend übertrieben und wusste nicht mehr genau, wo jetzt überall im weitläufigen Gelände unseres Gartens und unseres Hauses evtl. Leergut von mir rumliegen könnte. Einmal fand sie Bierflaschen unter dem Rücksitz unseres Autos. Im Auto trank ich besonders gerne, da hatte ich sogar das Reserverad ausgebaut um dort entsprechend Alkohol bunkern zu können. Glücklicherweise war das Auto ein paar Tage vorher in der Werkstatt und ich konnte das auf die "Säufer" in der Werkstatt schieben.
Irgendwie konnte ich es immer "erklären". Also ich log halt so lange und so kreativ, bis es gepasst hat. Und ich habe das immer hinbekommen. Meine Frau hat übrigens in den letzten schlimmen Jahren durchaus bemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Das unsere Ehe den Bach runter gehts usw. Sie hat auch einiges versucht um das irgendwie wieder in den Griff zu bekommen. Das es jedoch an Alkohol liegen könnte, darauf ist sie nie gekommen. Und ich trank wirklich täglich, kein Tag ohne Alkohol, immer sehr viel Alkohol. Selbst wenn ich krank war konnte ich nicht mehr ohne.
Stellst Du Dir die Frage, wie das funktionieren kann. Wie kann da jemand so lange verheimlichen. Wie "naiv" muss die Frau gewesen sein, die das nicht bemerkt hat. Tja, es ist schon oft so, dass das Umfeld längst bemerkt hat, dass jemand ein Trinker ist, noch bevor der Trinker selbst merkt was los ist. Aber es gibt eben auch die anderen Fälle. In meinem Fall war das eine über die Jahre hin aufgebaute heimliche Trinkerei. Ich trank so gut wie nie öffentlich. Ich hatte nie Alkohol zuhause (offiziell), nur im Urlaub oder wenn mal ein Anlass war, sah man mich mit Alkohol, und dann auch nur in maßen. Bis zum Schluss hatte ich mich "im Griff", torkelte nicht durch die Gegend, lallte nicht usw.
Den "Rest" habe ich mir immer gegeben, wenn meine Frau schon schlafen war. Ich war ein Meister im Optimieren meiner Trinkmenge. Ich wusste genau, wann ich zuschlagen konnte und wann ich aufpassen musste. Somit war ich auch in der Lage, 4 Bier in 10 Minuten zu trinken, wenn' s denn "sein musste". Um dann eine Stunde nix zu trinken, meinen Atem entsprechende "aufzufrischen" und die Fassada aufrecht zu erhalten. Wusste ich doch, dass ich zum Zeitpunkt x wieder zuschlagen konnte. Natürlich wurde die gesamte Familienplanung, die gesamte Freizeit nach meinem Trinkverhalten ausgerichtet. Dinge, die mir das Trinken erschwerten wurden von mir abgelehnt, aus irgendwelchen Gründen. Ich freute mich, wenn meine Frau auch mal was alleine machte, denn dann konnte ich trinken. Ich machte gerne selbst was alleine, denn da konnte ich trinken. Ich ging täglich einkaufen, denn da konnte ich trinken (offiziell wollte ich natürlich nur immer frische Ware im Haus haben).
Usw. usf. - hat funktioniert. Viele Jahre lang und ist nur aufgeflogen, weil ich mich geoutet habe. Und da wollte mir meine Ex-Frau das dann nicht glauben. Ich musste ihr also alle meine Verstecke zeigen. Ich hatte viele. Wie gesagt, der Reserveradkasten. Aber auch die Lagerstätte für unser Feuerholz hatte eine hohle Stelle, im Keller war der jetbag voll mit Bier, soger im nahegelgenen Wald (paar Meter von unserem Haus entfernt) hatte ich fast immer mehrere Sixpacks Plastikbier (manchmal auch richtige Bierkästen) stehen, mit Zweigen getarnt. Da gab's nen schönen Waldparkplatz in der Nähe von dem aus ich dann schnell zu dem getranten Bier gelangte.
All das musste ich ihr zeigen, denn sie hätte mir nicht geglaubt. Du siehst also, das geht schon. Es ist nicht so, dass Du da jetzt irgendwie was falsch gemacht hast. Du hast halt vertraut, wie meine Frau auch vertraut hat. Vielleicht hat sie sich ja sogar manchmal was gedacht, aber sie hat halt vertraut. Wie man das in einer Beziehung eigentlich auch tun sollte. Eigentlich ist Vertrauen die Basis einer jeden Beziehung.
Aber einem nassen Alkoholiker kann man kein Stück vertrauen. Er lügt und betrügt, oft kann er gar nicht anders. Doch woher soll man das wissen, wenn man damit noch keine Erfahrung hatte? Und wenn man gar nicht weiß, dass der andere ein Alki ist.
Insofern solltest Du Dir da jetzt keine Vorwürfe machen. Und wenn ich richtig gelesen habe, dann hat er ja jetzt die Beziehung beendet. Ich denke, das musst Du dann auch akzeptieren, oder? Sicher liegt Dir noch etwas an ihm, so wie Du schreibst. Vielleicht liebst Du ihn noch, aber er hat ja die Beziehung beendet, nicht Du.
Das Du ihm trotzdem gerne helfen möchtest vom Alkohol weg zu kommen, das ehrt Dich sehr. Aber da bist Du leider sehr hilflos. Sein Wille zählt. Wenn er trinken will, dann wird er trinken. Wenn er aufhören will, dann hat er zahlreiche Möglichkeiten sich dabei unterstüzten zu lassen. Nur muss er das wollen und er muss sich selbst auf den Weg begeben. Das ist nicht Deine Aufgabe. Dieses Bündel solltest Du Dir nicht aufbürden.
Ich ließ dann letztlich meine Frau und meine Kinder zurück. Ich wurde zwar trocken, trennte mich jedoch kurze Zeit später von meiner Frau. Das musste ich tun um für mich einen Neuanfang beginnen zu können. Ein neues Leben ohne Alkohol. Sie fiel in ein Loch. Wird sich ähnliche Fragen gestellt haben wie Du jetzt. Wird nicht verstanden haben, was da jetzt eigentlich passiert ist. Und ja, ich kann heute sagen, dass es genau so war. Denn ich kann heute wieder mit ihr reden. Wir können wieder miteinander, wenigstens einigermaßen und sie hat mir erzählt, dass sie sich nach meinem Outing Hilfe geholt hat. Sie hätte das alleine nicht verarbeiten können und ich war zu dieser Zeit auch nicht in der Lage, ihr in irgendeiner Form irgendwelche Antworten zu geben, die ihr geholfen hätten. Ich war zwar trocken, jedoch emotional so dermaßen im Eimer, dass ich selbst erst mal schauen musste, wie ich wieder auf die Beine komme.
Glücklicherweise hat sie es für sich in die Hand genommen und hat psychologische Hilfe gesucht. Und ich habe mir psychologische Hilfe gesucht. Und so konnte sie meine Alkoholikergeschichte und das was sie in ihr kaputt gemacht hat aufarbeiten und ich konnte meine Alkoholikergeschichte mit meinen Problemen aufarbeiten.
Wenn ich Dir etwas raten darf, dann das, dass Du Dir Hilfe suchst. Aber Hilfe für Dich, nicht für ihn. Nur für Dich. Er muss sich selbst kümmern.
Alles alles Gute wünsche ich Dir.
LG
gerchla