Hallo Ailin,
herzlich Willkommen bei uns im Forum.
Ich stelle mich mal kurz vor: Ich bin Ende 40, Alkoholiker, Vater von 3 Kindern (zu meiner nassen Zeiten waren es 2) und lebe jetzt schon mehrere Jahre ohne Alkohol.
Ich will mal versuchen auf einige Deiner Fragen einzugehen bzw. Dir meine Erfahrungen mitteilen.
Zitat
Ich habe ihn gefragt, ob er neben seiner Aggression seinen Kindern jetzt auch noch einen Alkoholiker als Vater antun will.
Dazu möchte ich erst mal sagen, dass ich nicht denke, dass er seinen Kindern absichtlich irgendwas antun oder zumuten möchte. Würde mich wundern. Ich vermute auch mal, dass er Dir das nicht antun wollte. Ich denke, das zeigt seine Reaktion des in sich zusammen sackens, dass er sich einfach nur schämt für seine Sucht und auch für das was er Euch damit antut. Dass er sich als Versager fühlt, als ein Gescheiterter, als jemand, der es an die Wand gefahren hat. Diese Sucht hat nichts mit wollen zu tun, denn dann wäre sie keine Sucht wenn sie mit dem Willen kontrolierbar wäre. Es hat damit zu tun, dass er nicht mehr anders kann. Er ist süchtig = er ist krank = da kommt er so einfach nicht mehr raus.
Aber um eines auch gleich mal klar zu stellen: Das heißt für mich nicht, dass er nicht schuld wäre oder das er nichts dafür kann. Schließlich wird ihn niemand dazu gezwungen haben Alkohol zu trinken und darüber zum Alkoholiker zu werden. Das heißt für mich nicht, dass Du ihn bemittleiden musst und größtes Verständnis aufbringen sollst. Nein, beileibe nicht. Es soll Dir einfach nur erklären, dass er im Moment nicht so kann wie er vielleicht möchte oder wie es für andere gut wäre. Es ist gut für Dich, wenn Du verstehst was im Hirn eines nassen Alkoholikers passiert. Dann kannst Du Dich besser schützen, die Dinge für Dich besser einordnen.
Zitat
Kann man das so gut verstecken, dass ich es davor nicht gemerkt habe?
Ja, kann man. Ich habe ca. 15 Jahre lang abhängig getrunken. Meine Frau hat nichts davon bemerkt. Meine Ehe wurde in den letzten Jahren meiner Trinkerei immer schlechter, meine Frau hat auch alles mögliche versucht um irgendwie an mich ran zu kommen, um irgendwie diese langjährige Ehe (die durchaus eine Liebesheirat war) zu retten. Sie hat ja gemerkt, dass alles den Bach runter geht. Sie wusste nur nicht warum.
Und jetzt sage ich Dir, dass ich die letzten Jahre pro Tag zwischen 10 und 12 Bier plus oft noch ner Flasche Wein getrunken habe. Heimlich, wohl gemerkt. Hätte meine Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort nach Plastikbierflaschen gesucht, wie wäre wahrscheinlich vor Entsetzen umgekippt. Aber wer sucht schon im Reserveradkasten des Autos nach Bierflaschen?
Bei mir fing das ganz harmlos an. Und auch noch ganz öffentlich, ohne Geheimhaltung. Ich begann irgendwann "mein" Feierabendbierchen zu trinken. Erst nur ab und zu, dann irgendwann fast täglich. Nur eins, mehr trank ich bestenfalls mal, wenn wir abends irgendwo auf einer Feier waren. Irgendwann wurde das dann ein Thema für meine Frau, die mich ansprach weil ich ja wirklich täglich ein Bier trank. Ich versprach ihr das zu lassen bzw. nur noch ab und an mal ein zu trinken und tat das dann auch. Doch irgendwann war ich dann doch wieder bei einem Bier täglich. Wieder sprach sie mich an, wieder änderte ich mein Trinkverhalten. Schon damals fiel mir das nicht leicht, schon damals war ich im Grunde abhängig, auf jeden Fall aber stark gefährdet. Ich wusste es nur nicht.
Nun dieses "Spielchen" machten wir ein paar mal. Bis ich irgendwann hochoffiziell verkündetete, dass ich erst mal gar nix mehr trinke. Und da begann ich dann heimlich zu trinken. Wie Du es von Euch beschreibst, war bei uns im Haus bis zum Schluss offiziell fast kein Alkohol zu finden. Da stand nie ein Bierkasten rum (weil ich trank ja nix), da standen nur ein paar geschenkte Schnapsflaschen im Regal (auf Schnaps bin ich nie umgestiegen, wäre aber sicher irgendwann auch noch gekommen). Ich trank auch auf Veranstaltungen usw. nur sehr moderat, also offiziell. Um mir mein Level zu holen ging halt mal auf die Toiliette, wo ich aber in Wahrheit schnell zum Auto lief um 2 oder 3 Bier auf ex aus meinem Reserveradkasten in mich hinein zu schütten. Zurück auf der Veranstaltung nippte ich dann an meinem offiziellen Bier weiter.
Also Du siehst, da geht schon einiges. Wobei ich sagen muss, dass es äußerst selten ist, dass jemand seine Sucht derart verheimlich kann und auch über so eine lange Zeit, wie das bei mir der Fall war. Unterschiedliche Umstände haben das ganze begünstigt (leider), so dass ich dieses Spielchen spielen konnte. Auf jeden Fall musste ich meiner Frau bei meinem Outing (das ich selbstentschieden habe) meine Vorräte zeigen, sie hat mir nämlich nicht geglaubt.
Wie Du Dir denken kannst, funktioniert das alles nur mit lügen und betrügen. Das beantwortet vielleicht Deine Frage, was Du eigentlich noch glauben kannst. Ich würde da mal sagen: Gar nix. Niemand lügt besser als ein nasser Alkoholiker. Schauspielerisch sind nasse Alkoholiker ebenfalls höchst begabt. Ich habe mir im Laufe meiner Trinkerzeit ein sehr umfangreiches Doppelleben aufgebaut. Details will ich jetzt hier gar nicht erzählen aber es war sehr umfangreich. Ein normaler Mensch würde nicht glauben, dass so etwas überhaupt möglich ist. Das alles funktioniert nur mit ganz vielen Lügen, mit viel Betrügen, mit Tarnen und Täuschen.
D.h. also, ein nasser Alkoholiker kann Dir erzählen was er will. Er kann Dir versprechen was er will, er kann schwören und vor Dir auf die Knie fallen: Du kannst es nicht glauben. Er kann auch mal durchaus die Wahrheit sagen, aber zumindest bei mir war der Anteil der wahren Geschichten der deutlich geringere. Es ging so weit, dass ich irgendwann selbst nicht mehr wusste was stimmte und was nicht. Und wenn man Lügen auf vorangegangen Lügen aufbaut, dann entsteht da irgendwann ein gewaltiges Kartenhaus. Und wenn man sich in diesem Kartenhaus dann nicht mehr so genau auskennt, weil man selbst nicht mehr weiß was stimmt und was nicht, dann kann ganz schön in Stress geraten. So war das bei mir mehrmals, wo ich dann nur durch äußerst kreative erneute Lügen und schauspielerischen Glanzleistungen den Kopf aus der Schlinge bekam.
Du kannst Dir vorstellen, wieviel Stress das für den Trinker bedeutet. Und wie kompensiert der Trinker diesen Stress? Genau, er trinkt ihn weg. Mehr Stress = mehr trinken = Sucht verfestigt sich bzw. wird immer schlimmer.
Zitat
Er hätte seinen Konsum runtergefahren, würde nur noch am Wochenende und auch nicht mehr alleine trinken. Und würde nie Trinken, wenn er Auto fahren müsste.
Was Du davon halten kannst: siehe oben.
Als ich trocken wurde, trennte ich mich von meiner Frau. Damit "verlor" ich auch meine beiden Kinder, zumindest was den täglichen Umgang betraf. Nun wollte ich sie aber ja sehen, etwas mit ihnen machen. Ich liebte (und liebe) meine Kinder über alles (trotzdem konnte ich übrigens ihnen zuliebe nicht mit dem Trinken aufhören = da siehst Du mal wie stark die Sucht ist).
Meine Ex-Frau hat mir verboten mit den Kindern Auto zu fahren. Obwohl ich ja bereits trocken war. Aber woher sollte sie wissen dass das stimmt? Also durfte ich meine Kinder nur mit dem Zug abholen. Oder ich musste etwas im unmittelbaren Umfeld mit ihr machen oder später, als mein großer dann den Führerschein hatte, hat er mir seine Schwester gebracht und sie wieder geholt.
Und ich sage Dir: Recht hat sie gehabt, meine Ex-Frau. Vollkommen Recht. Genau richtig hat sie das gemacht. Ich wurde nicht rückfällig, bin jetzt viele Jahre trocken aber er hätte das denn wissen bzw. voraussehen können?
Es dauerte seine Zeit, bis wieder Vertrauen zwischen meiner Ex-Frau und mir wachsen konnte. Als sie sah wie ich mich körperlich und auch charakterlich veränderte, als sie mitbekam, dass ich mittlerweile an Marathonläufen teilnehme, das mein ganzes Verhalten sich grundlegend geändert hat und dass ich auch wieder in einer neuen Beziehung glücklich war, da hat sie vertraut, dass ich die Sucht wirklich überwunden habe. Und seither fahre ich natürlich auch wieder mit meiner Tochter Auto. Und mittlerweile natürlich auch mit der kleinen Schwester meiner Tochter 
Das hat gedauert, diese Zeit sollte man sich aber nehmen.
Ich finde Dietmar hat die Situation in der Du gerade steckst, recht gut auf den Punkt gebracht. Da bist einerseits Du, der so hintergangen wurde, vor einer gescheiterten Beziehung steht und jetzt irgendwie damit klar kommen muss UND da sind andererseits die Kinder, die ihren Papa sicher lieben und wo es eben auch eine Regelung geben muss.
Was Dich betrifft, so will ich Dir den Denkanstoss geben, mal darüber nachzudenken, Dir Hilfe von außen zu holen. Also jenseits diess Forum. Meine Ex-Frau hat einen Psycholgen aufgesucht, der/die hat ihr sehr geholfen das alles zu verarbeiten. Und eben auch viele Tipps gegeben, wie das mit mir und den Kindern ablaufen könnte. Mittlerweile haben meine Ex-Frau und ich ein recht gutes Verhältins. Wir können wieder sehr gut miteinander reden (besser als in den letzten Jahren unserer Ehe) und wir natürlich auch mal darüber gesprochen. Sie hat mir das erzählt. Ich glaube es könnte Dir helfen, wenn Du den richtigen Psychologen findest, sehr helfen. Das ist ja nichts banals, ich denke auch bei Dir sind Lebensträume einfach so geplatzt. Wir haben übrigens damals auch für unsere Tochter Hilfe gesucht und sind mit ihr gemeinsam zum Kinderpsychologen. Auch etwas, was evtl für Dich bzw. Deine Kinder hilfreich sein könnte. Was Kinder da durchmachen ist enorm und nicht zu unterschätzen. Meiner Tochter ging es damals sehr schlecht, wirklich sehr sehr schlecht.
Das mit dem Umgang der Kinder ist sicher nicht so einfach. Die Frage ist, ob Dein Ex jetzt tatsächlich einfach weiter säuft. Wenn ja, dann musst Du das irgendwie regeln. Er ist da dann ja sowieso nicht mehr zurechnungsfähig. Ich kenne von Bekannten, dass es auch einen Umgang mit Begleitpersonen gibt. D.h. der Vater darf seine Kinder sehen, auch mehrere Stunden mit ihnen verbringen, jedoch ist immer eine Begleitperson dabei. Bei so etwas kann Dich das Jugendamt beraten. Das ist also jetzt gerade eine nicht ganz einfache Situation.
Mich hätte es damals bestimmt sehr getroffen, wenn meine Frau das Jugendamt eingeschaltet hätte. Auch wenn ich das aus heutiger Sicht durchaus verstehen könnte. Wir konnten uns aber anderweitig einigen, weil ich auf das Auto fahren verzichtet habe und Anfangs meine Tochter auch nur ein paar Stunden gesehen habe, kein Übernachten oder so. Und dann wusste ich ja, dass ich trocken bin und ich tat auch alles dafür trocken zu bleiben. Und mir war auch klar, dass ich nachdem was ich verbrochen hatte, erst mal wieder Vertrauen aufbauen muss. Und dafür tat ich dann auch alles.
Wie das jedoch bei Deinem Ex ist, das kann ich natürlich nicht sagen. Wein und Schnaps im Urlaub, ja mein Gott, das klingt jetzt leider nicht sehr vielversprechend. Du kannst ihn ja mal fragen, was er denn jetzt so macht bezüglich seiner Sucht, ich meine natürlich ganz sachlich ohne Vorwürfe ect.. Ob er einen Psychologen besucht, ob er eine Therapie macht, ob er in eine Selbsthilfegruppe geht usw. Schau mal wie der dann reagiert. Wobei Du ja jetzt weißt, dass ein nasser Alkoholiker ein brillanter Lügner ist. Du hast hier also eine nicht ganz einfache Situation.
Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum und alles Gute für Deine Zukunft und ich hoffe, dass Du gute und richtige Entscheidungen treffen kannst.
LG
gerchla