Guten Morgen Hoffnungslos,
ich habe jetzt nochmal ein wenig über das nachgedacht, was Du geschrieben hast. Schön, dass Du so offen schreibst, dadurch kann können wir Deine Situation viel besser einschätzen.
Erst mal dachte ich mir, dass Du Deinen Mann dann wahrscheinlich nur ganz kurz ohne Alkoholproblem erleben durftest. Ihr seid 7 Jahre verheiratet, kennt Euch wahrscheinlich schon etwas länger und er trinkt aber nach seinen Angaben bereits seit 5 Jahren. Ich vermute mal, dass der Mann, der Dir gegenüber ein toller Mann war, aus der Zeit vor Beginn seiner Sucht stammt. Vielleicht auch aus der Zeit vor der Geburt Eures gemeinsamen Kindes. Wie Du schreibst, scheint er ja mit seiner Rolle als Familienvater nicht ganz so zu recht zu kommen. Hast Du darüber jemals mit ihm gesprochen? Also darüber, ob er mit seiner kleinen Familie und seiner Rolle darin glücklich ist? Jetzt mal völlig unabhängig vom Alkohol, meine ich. Ich glaube es könnte für Dich sehr wichtig sein, wie er das sieht.
Du schreibst, dass Du bereits vermutest hattest, dass er ein Alkoholproblem hast. D. h. er hat all die Jahre versucht seine Sucht vor Dir zu verheimlichen, hat heimlich getrunken bzw. in Deinem Beisein wahrscheinlich nur moderate Mengen und hat sich den "Rest" dann heimlich gegeben. Der hohe Wert von 3,8 Promille spricht dafür, dass er ganz tief in der Sucht hängt. Solche Werte erreicht man nicht einfach so und ein normaler Mensch, auch einer der regelmäßig zu viel trinkt, erreicht solche Werte nicht einfach so. Das ein Wert, der durchaus dazu geeignet ist, dass das ganze mal tödlich enden könnte. Bei ihm hat ja offenbar auch nicht mehr viel gefehlt.
Ich schreibe Dir das nur, damit Du Dir im Klaren darüber bist, dass es sich bei Deinem Mann höchstwahrscheinlich nicht um jemanden handelt, der gerade mal seinen Alkoholkonsum eine Zeit lang nicht im Griff hatte und der halt mal längere Zeit etwas zu viel getrunken hat. Und wenn er da raus will, dann wird er richtig an sich arbeiten müssen.
Ich erzähl Dir mal, wie das bei mir war. Ich trank weit über 10 Jahre abhängig. Ich kann Dir die genaue Dauer meiner Suchtzeit nicht sagen, denn die Übergänge waren fließend. Vielleicht waren es 12 Jahre, vielleicht 13 oder 14. Ist im Nachhinein aber auch egal. Begonnen habe ich mit dem klassischen Feierabendbierchen. Hier in Bayern wo ich lebe, ist das etwas völlig normales und ich kannte das auch meiner Familie auch gar nicht anders. Also trank ich eben mein Feierabendbier und ich begann schon bald, es wirklich sehr regelmäßig zu trinken. Jeden Abend ein Bier. An sich eine Menge, die fast noch unter "unkritisches Konsumverhalten" fällt. Das ging längere Zeit so bis mich irgendwann mal meine Frau darauf ansprach ob es denn wirklich sein muss, dass ich jeden Abend Bier trinke.
Muss es nicht, war meine Antwort und ich trank erst mal nichts mehr. Jedoch bemerkte ich schon zu diesem frühen Zeitpunkt, dass ich "mein" Bier vermisse und so schlich sich dieses Ritual wieder in mein Leben. Wieder sprach mich meine Frau an, wieder hörte ich auf. Und wieder schlich es sich ein und wieder sprach sie mich an. Das ging über einige Jahre so und das ist das, was ich immer als meine Suchtanfangszeit bezeichne. Irgendwann fasste ich dann den fatalen Beschluss, offiziell gar nichts mehr zu trinken um nicht immer mit meiner Frau diskutieren zu müssen. Von diesem Zeitpunkt an begann ich heimlich zu trinken. Diese Zeit dauerte dann etwa 10 Jahre an bis ich den Ausstieg geschafft habe.
Ich gehöre zu den ganz wenigen Alkoholikern, die das Trinken offenbar wirklich sehr gut verheimlichen konnten. Oft ist es so, dass der Alkoholiker zwar meint, er hätte alles im Griff und niemand bekommt etwas mit, jedoch wissen eigentlich alle bescheid, nur sagen tut halt meistens keiner was. Bei mir war das etwas anders. Meine Frau bestätigte mir nach meinem Outing, dass sie damit niemals gerechnet hätte.
Es war bei mir so, dass ich über die Jahre immer mehr Alkohol zu mir nehmen musst. Am Ende meiner Suchtzeit trank ich täglich zwischen 10 und 12 Bier und oft noch eine Flasche Wein dazu. Ich begann morgens vor der Arbeit, hatte am Arbeitsplatz (der eigentlich sehr alkoholfern ist) im Keller einen geheimen Raum wo ich ebenfalls trank und gab mir dann abends den Rest. Alles komplett heimlich. Nebenher habe ich mir ein richtiges Doppelleben aufgebaut. Dadurch, dass ich im Beruf sehr erfolgreich war, diente mir dieser als idealer Grund für den Aufbau dieses Doppellebens. Ich war dienstlich auch auf Reisen, kam durch Deutschland, Europa und sogar die ganze Welt. Diese Dienstreisen nahmen irgendwann erheblich zu, wobei sie dann aber nicht tatsächlich statt fanden, sondern ich z. B. im besagten Kellerloch nächtigte und vor mich hin trank. Manchmal verlängerte ich tatsächliche Reisen auch und nutzte die Zeit um zu trinken. Natürlich mimte ich in all der Zeit den sich sorgenden Familienvater. Ich hatte mittlerweile 2 wunderbare Kinder die auch wirklich über alles liebte (und noch liebe ;D ). Wenn ich also "dienstlich" unterwegs war, habe ich immer angerufen, nachgefragt wie es geht usw. Eine Geschichte erfunden wie es bei mir gerade so ist usw.
Ich schreibe Dir das hier so offen und ehrlich, damit Du Dir ein Bild davon machen kannst, wie viele Alkoholiker eigentlich so ticken. Lügen und betrügen war für mich an der Tagesordnung. Fiel mir das am Anfang meiner Sucht noch sehr schwer, war es zum Ende hin höchst professionalisiert. Ich wusste gar nicht, wie es ohne Lügen hätte funktionieren können. Das wurde dann auch insofern zum Problem, weil ich nach Jahren der Lügerei oft selbst nicht mehr wusste, was jetzt denn wahr war und was nicht. Denn irgendwann baute ja die eine Lüge auf der anderen auf. Du wirst Dir das als normaler Mensch gar nicht vorstellen können.
Und so ging es also dahin und natürlich war meine Ehe im Eimer, meine Frau spürte und wusste das auch und hat immer versucht gegenzusteuern. Da sie aber nicht wusste warum, hatte sie gar keine Chance. Wir lebten dann also jahrelang zusammen und ich habe ihr dabei ihr Leben gestohlen. Für meine Kinder wollte ich immer ein guter Vater sein und da habe ich auch alles gegeben, wozu ich noch in der Lage war. Meine Kinder waren mir immer das wichtigste in meinem Leben und doch reichte diese Liebe nicht aus, dass ich mit dem Trinken aufgehört hätte. Du siehst, diese Sucht hat es wirklich in sich.
Gründe zu trinken, die Du ja bei Deinem Mann leicht angedeutet hast, hatte ich z. B. keine. Also das stimmt so natürlich nicht ganz, aber die wahren Gründe konnte ich erst finden, nachdem ich aufgehört hatte und mich intensiv mit meiner Sucht und meinem Leben beschäftigt habe. Aber so klassische, offizielle Gründe hatte ich absolut nicht. Also ich hatte eine gute Kindheit, Schule prima, Freundeskreis super, verliebt und Familie gegründen, wunderbare gesunde Kinder bekommen, beruflich einen (für mich) Traumjob bekommen, schnell in eine Führungsposition gekommen mit einem wunderbaren Team um mich herum, keine Geldsorgen, keine gesundheitlichen Sorgen, keine Schicksalschläge etc. Dennoch rutschte ich, wie oben beschrieben, langsam in die Sucht.
Die letzten Jahre waren dann die Hölle für mich. Und natürlich auch für meine Frau, das möchte ich nicht vergessen. Während ich lange Zeit immer wieder noch versucht hatte, mal mit dem Trinken aufzuhören (natürlich heimlich, weil ja keiner was wusste und ich mir dachte das ist ja ideal), habe ich das in den letzten Jahren erst gar nicht mehr versucht. Ich konnte nicht mal mehr einen Tag ohne Alkohol aushalten. Es war schon ein großer Erfolg, wenn ich mal nur 5 Bier am Tag getrunken hatte. Jetzt bekam ich dann auch schon körperliche Symptome, nahm z. B. stark zu, hatte Schmerzen im Bauchraum usw. Psychisch war ich längst ein Wrack. Total kaputt, wobei ich immer noch in der Lage war das irgendwie zu verheimlichen. Natürlich sprachen mich immer wieder Menschen (inkl. meiner Frau) darauf an, jedoch fand ich immer gute Ausreden.
Dann kam der Tag X. Ich kam abends nach Hause, meine Frau stellte mich wegen einer schlimmen Sache zur Rede. Ich hätte es auch hier sicher wieder geschafft, mich aus dieser Situation geschickt heraus zu lügen. Doch ganz plötzlich wollte ich nicht mehr! Das war wie eine Erleuchtung. Jetzt ist es vorbei, ich will nie mehr trinken! Mir war klar, wenn ich mich jetzt oute, dann wird sich mein ganzes Leben ändern und nebenbei werde ich das Leben meiner Familie komplett über den Haufen werden.
Ich outete mich und musste meiner Frau meine geheimen Alkoholverstecke zeigen (z. B. gab es im Auto kein Reserverad mehr, weil ich das raus hatte um im Reseveradkasten Bier zu verstecken). Erst als sie diese Vorräte sah, glaubte sie mir das ich ein Alkoholproblem hatte. Bereits am nächsten Tag ging zu einer SHG, die mir besonders am Anfang ganz viel geholfen hat. Ich zog auch quasi sofort aus der gemeinsamen Wohnung aus, ich hatte die Möglchkeit dazu und ich konnte nicht mehr bei meiner Frau wohnen. Nicht das sie mich raus geschmissen hätte aber ich wollte es so. Sofort machte ich auch einen Termin bei der Beratung aus, ich machte einen Termin bei Psychologen (leider mit 7 Wochen Wartezeit) und ging dann auch zum Arzt. Und ich outete mich auch bei meiner Familie (Eltern, Geschwister und gute Freunde). Ich war so fest entschlossen nie mehr dort landen zu wollen, wo ich gerade war und ich war bereit alles dafür zu tun.
Die Trennung von meiner Familie war die Hölle für mich, vor allem wegen meiner Kinder. Mein großer war damals fast erwachsen, hatte trotzdem zu knabbern, verstand jedoch wenigstens worum es ging. Meine Kleine war im Grundschulalter und ihr gliebter Papa war weg. Die schlimmste Zeit meines Lebens war das.
Und so vergingen die Wochen und ich trank nicht, ging täglich zur Gruppe und irgendwann auch zum Psychologen. Bald merkte ich, dass mich vor allem meine enorme Schuld erdrückte. Ich merkte, dass ich es nicht schaffen werde dauerhauft trocken zu bleiben, wenn ich es nicht lerne mit dieser Schuld klar zu kommen. Und ich wurde mir darüber bewusst, dass ich mich von meiner Frau trennen muss. Das war sehr schlimm, denn sie war wahrlich keine schlechte Frau. Sie hat immer versucht unsere Ehe positiv zu gestalten und sie hat mich wirklich geliebt. Ich wusste aber: Gehe ich zurück, werde ich wieder trinken. Und das wäre das schlimmste was passieren könnte. Und zwar für ALLE Beteiligten.
Die Zeit verging, der Psychologe konnte mir nicht so recht helfen was die Belastung durch meine Schuld betraf und ich ging eigenen Wege. Ein Mönch (das ist eine längere Geschichte) halt mir dann, mit meiner Schuld klar zu kommen. Und er war es auch, der mich in vielen Gesprächen dazu "brachte" mich bei meiner Frau und Familie zu entschuldigen und um Verzeihung zu bitten. Ohne jedoch zu erwarten, diese auch zu erhalten.
Je länger ich trocken war, desto klarer wurde ich. Langsam konnte ich alle Altlasten der Trinkerzeit abbauen, alle Lügen aufklären und damit beginnen mir zu überlegen, wer ich eigentlich bin und wer ich gerne sein möchte. Und was ich mir von meinem Leben noch so erwarte. Ein langer Prozess der bis heute an dauert.
Zusammenfassend möchte ich noch sagen, dass ich heute wieder verheiratet bin mit einer wunderbaren Frau, vor zwei Jahren nochmal Papa wurde einer wunderbaren Tochter und ein sehr glückliches Leben führe. Gleichzeit ist die Beziehung zu meiner ersten Frau wieder sehr gut geworden und meine "kleine" jetzt schon fast erwachsene Tochter geht bei uns ein und aus. Sie hatte eine sehr schwere Zeit und es ist nicht zu letzt meiner ersten Frau zu verdanken, dass sie da einigermaßen unbeschadet hindurch gekommen ist. Mein großer ist ein wuderbarer Mensch und geht seine Wege. Ich bin stolz auf ihn und ich liebe ihn sehr.
Das wir heute als, ich sage jetzt mal sehr gut funktionierende Patchworkfamilie (ich mag diesen Begriff eigentlich gar nicht) so ein wunderbares Leben geniesen können, liegt zum großen Teil am Verhalten meiner ersten Frau, die sich trotz aller fürchterlichen Verletzungen die ich ihr zugefügt hatte immer korrekt mir gegenüber verhalten hat und zum anderen an mir, weil ich nicht mehr trank und ich mein Leben so verändern wollte, das ich wenigsten jetzt ein verlässlicher, immer ehrlicher Mensch war. Und natürlich auch an meiner jetzigen Frau, die immer offen war für alles was meine "alte" Familie betraf und niemals sich selbst irgendwie "zurück gesetzt" fühlte.
So, das war jetzt sehr viel aus meinem Leben und doch oft nur ganz oberflächlich angekratzt. Wenn Dich einzelne Dinge genauer interessieren, dann frag einfach nach.
Bei mir war das so, dass ich irgendwann mal eine Entscheidung treffen musste. Und ich denke, dass das bei Dir auch so ist. Ich denke Du musst Dich fragen, ob Du Dir überhaupt noch ein Leben mit Deinem Mann vorstellen kannst, bei allem was passiert ist. Meine Frau konnte das, sie hätte es gerne versucht. Ich wollte es aber nicht mehr. Bei Dir sieht die Sache vielleicht etwas anders aus.
Da hast jetzt gelesen, was ich alles getan habe um trocken zu werden und zu bleiben. Das ist natürlich nicht bei jedem gleich aber es reicht halt nicht einfach nur nichts mehr zu trinken. Ab und an mal zur Selbsthilfegruppe zu gehen wird wahrscheinlich auch nicht ausreichen. Es muss der Wille und Wunsch da sein, sein Leben wirklich komplett ändern zu wollen. Bist Du der Meinung, dass Dein Mann dazu bereit ist bzw. das er sein weiteres Leben ohne Alkohol leben möchte?
Vielleicht könnte es Dir auch helfen, wenn Du ebenfalls eine Selbsthilfegruppe besuchst. Die gibt es ja auch für Angehörige. Wenn ihr diesen Weg zusammen gehen wollt, dann wirst wahrscheinlich auch Du an Dir arbeiten müssen. Wenn Dein Mann trocken wird und bleibt, dann wird er sich verändern und mit diesen Veränderungen musst Du klar kommen und wahrscheinlich wirst auch Du Dich verändern müssen. Leider gibt es eben auch viele Beispiele wo das nicht funktioniert hat und die Beziehungen zerbrachen nachdem ein Partner mit dem Trinken aufgehört hat. Glücklicherweise gibt es aber auch viele positive Geschichten.
Ich denke es lohnt sich für eine Beziehung zu kämpfen, wenn man das Gefühl hat, dass es diese Beziehung wirklich wert ist. Das kannst nur Du entscheiden und die absolute Grundvoraussetzung ist aber immer, dass er nicht mehr trinkt und dauerhaft nicht mehr trinken möchte. Ansonsten hat das überhaupt keinen Sinn.
Was Deinen Sohn betrifft: Wir waren damals mit unserer Tochter beim Kinderpsychologen. Da gibt es bestimmt auch welche speziell für Jugendliche. Das war das beste, was wir tun konnten. Ich weiß nicht wie sie das ohne diese Hilfe durchgestanden hätte und ehrlich gesagt hat uns diese Psychologin eben auf viele wertvolle Tipps gegegeben wie wir mit der Situation umgehen können. Sie sagte z.B., dass wir unserer Tocher nur immer die absolute Wahrheit sagen sollten, also auch was unsere Trennung und meine Sucht betraf. Ich weiß nicht, ob ich das von selbst auch so gemacht hätte.
Vielleicht überlegst Du mal ob das ein Weg für Euch wäre. Damit er diese Bilder aus dem Kopf bekommt bzw. lernt damit umzugehen.
Also, das war jetzt ganz viel von mir. Eigentlich geht's ja um Dich. Ich habe das geschrieben, damit Du vielleicht ein paar Anregungen bekommst und damit Du Dich ein wenig in das Denken eines Alkoholikers hinein versezten kannst. Das geht natürlich nicht 1:1, aber was z. B. das Lügen und Betrügen und verheimlichen, versprechen und nicht halten usw. betrifft, da sind wir dann doch alle gleich.
Ich hoffe Du kannst was für Dich mitnehmen. Alles alles Gute erst mal.
LG
gerchla