Liebe Juscha,
erst mal vielen Dank für den etwas tieferen Einblick in Deine aktuelle Situation.
Du hast natürlich Recht wenn Du Deinem Partner keine Schuld zuschieben möchtest weil er es ja nicht ist, der Dir das Zeug intravenös verabreicht sondern Du bist es, die den Alkohol selbst trinkt und sich dafür entscheidet. Mit dieser Haltung bist Du schon sehr weit, denn gemeinhin geben wir Alkoholiker gerne immer allen anderen die Schuld, nur uns selbst natürlich nicht.
Jetzt kommt aber ein großes ABER von mir. Ich habe die Efahrung gemacht, dass man ganz besonders am Anfang dafür sorgen sollte, möglichst alle Triggerpunkte zu beseitigen um eben seine Abstinenz nicht zu gefährden. Idealerweise findet man auch die vermeintlichen Gründe für sein Trinken heraus und beseitigt diese auch, so gut wie es möglich ist. Das mit den Trinkgründen, also warum man zum Alkohol greift bzw. zum Alkoholiker wurde ist allerdings dann im Detail noch etwas komplizierter. Aber ganz grob gesehen ist es bei Dir so, dass Dich Dein Partner aktuell dazu bringt selbst zur Flasche zu greifen.
Jetzt mal völlig unabhängig davon, ob er daran Schuld hat oder nicht. Er schafft Triggerpunkte für Dich in dem er z. B. das Bier ins Haus schleppt obwohl Du ihn gebeten hast nicht zu trinken bzw. es nicht zu tun. Also hast Du jetzt zwei Möglichkeiten: Du lernst ganz schnell, sozusagen über Nacht, damit umzugehen, dass er neben Dir weiter trinkt und all das tut was Dich aktuell so aufregt und zum trinken bringt ODER Du beseitigst diesen Triggerpunkt für Dich. Das könntest Du z. B. durch eine (räumliche) Trennung tun.
Ich denke mal das Du, solltest Du süchtig sein (so wie Du das selbst einschätzt), Punkt 1 nicht umsetzen kannst. Denn das könntest Du sonst ja bereits jetzt, wenn Du kein Alkoholproblem hättest. Bzw. Du würdest zur Kompensation Deiner Wut, Deines Frusts dann nicht zum Alkohol greifen. Also musst Du Punkt 2 angehen, irgendwie. Könnte ja auch erst mal temporär sein, bist Du mit Deiner Sucht klar kommst und Deine Baustellen abgearbeitet hast. Wobei, ob Du dann danach....?
Ok, alles Spekulation aber ich denke Du weißt was ich meine.
Auf jeden Fall solltest Du künftig nur auf Dich achten. Du wirst ja auch bemerkt haben, dass Deine Versuche etwas an seinem Trinken zu ändern, fehlgeschlagen sind. Das liegt nicht an Dir sondern das ist quasi immer so. Das ist die Sucht und (ich wiederhole mich) nur er allein könnte etwas dagegen tun, wenn er wollte. Vielleicht würde ihn ja ein sehr konsequenter Schritt Deinerseits sogar dazu bewegen. Manchmal passiert sowas, jedoch beileibe nicht immer.
Zitat
Wie kann ich den akuten Schritt schaffen???? Wie hast du den akuten Schritt geschafft??? Mit all seinen Nebenwirkungen?
Hm, also ich habe quasi spontan aufgehört, nach vorher dirversen gescheiterten Versuchen. Auch völlig ungeplant zu diesem Zeitpunkt. Ich habe dann quasi kalt entzogen, was lebensgefährlich hätte werden können (ich ging erst nach ein paar Tagen zum Arzt, da war der körperliche Entzug schon durch). Bereits am ersten Tag ohne Alkohol bin ich abends in eine SHG gegangen und diese habe ich dann die nächsten Monate fast täglich besucht. Ich ging dann zur Beratung und habe anschließend einen Termin bei Psychologen vereinbart. Hatte aber 7 Wochen Wartezeit. Aber ich hatte ja meine SHG und ich nahm mir sehr viel Zeit zum Nachdenken. Das führte sehr bald zur Trennung von meiner Familie, d. h. ich zog erst mal aus und hatte damit Gelegenheit noch mehr und für mich allein richtig zu denken.
Also ich dachte über mein Leben nach, meine Sucht, wieso weshalb warum. Wer bin ich, wie konnte es so weit kommen, wer wäre ich gerne, wo will ich hin, was erwarte ich noch vom Leben etc. Teile davon habe ich dann mit dem Psychologen besprochen. Bald bemerkte ich aber auch, dass mich meine Schuld, die ich durch das Trinken auf mich geladen hatte, beinahe erdrückte. Ich habe ja auch das Leben meiner Frau und meiner Kinder zerstört, ich bin gegangen. Sie konnten nichts dafür, ich war ja der Täter.
Da half mir der Psychologe wenig und so ging zu einem Mönch (hatte aber nichts mit Religion zu tun), den ich Jahre vorher mal kennen gelernt hatte und der mir sehr imponiert hatte. Das ist eine eigene längere Geschichte. Jedenfalls war es dieser, der mich dann wieder richtig in die Spur gebracht hat. Ich verdanke diesem Menschen sehr viel.
Wenn ich Dir mit meinem Wissen von HEUTE einen Rat geben dürfte, dann würde ich Dir sagen: Warte doch nicht bis Dezember! Diesen Termin kannst Du gerne wahrnehmen aber warte doch nicht einfach darauf sondern beginne schon jetzt Deine Sucht aktiv zu bekämpfen. Schäme Dich nicht, hab keine Angst, geh zum Arzt. Spreche mit ihm/ihr was Du tun kannst. Mach ggf. eine Entgiftung unter seiner Aufsicht, schau mal bei einer Suchtberatung vorbei und check die Lage ab. Such Dir eine SHG und schau mal ob die Leute dort zu Dir passen. Für mich war das damals der Anker überhaupt, auch wenn ich später dann gemerkt habe dass das auf Dauer nichts für mich ist. Aber am Anfang war das GENAU richtig.
Mach was, warte nicht. Und kläre Deine private Situation. Sie ist ein gefährlicher Triggerpunkt, so lese ich das jedenfalls. Und streiche die Idee einfach so weiter zu machen wie bisher. Du gäbst damit ja Dein ganzes Leben auf! Mein Gott, DEIN Leben und es kann so wunderbar sein. Ich bin heute sehr glücklich, habe wieder eine Familie und meine "alte" Familie inkl. meiner ersten Frau (bin wieder verheiratet) hat eine sehr gute Beziehung zu mir/uns. Das ging alles nur, weil ich mir mein Leben zurück geholt habe. Es dauert seine Zeit und diese solltest und musst Du Dir auch geben, aber glaube mir, es lohnt sich!
LG
gerchla