Guten Morgen poepinna,
ich habe darüber nachgedacht, was ich Dir zu Deiner Frage schreiben könnte. Ich selbst bin Alkoholiker, ähnlich alt wie Du und habe das Glück, dass ich so etwas wie Du nicht habe erleben müssen. Zwar trank und trinkt mein Vater auch solange ich denken kann, jedoch scheint er einer von den Fällen zu sein, die auch nach jahrzehntelangem Alkoholmissbrauch immer irgendwie an der Kante zur Sucht entlang schrammen. Ohne jemals richtig in die selbige abzurutschen.
Es gab Zeiten, als ich im Jugendalter war, die schlimmer waren. Dann gab es wieder Zeiten, wo ich das Gefühl hatte, er würde jetzt deutlich weniger bzw. mit mehr Pausen trinken. Das was Du von Deiner Mutter beschreibst, also das komplette abschießen mit Alkohol, das Saufen bis nix mehr geht, das kenne ich von ihm nur ganz selten. Wie gesagt, als ich Jugendlicher war gab es mal so eine Phase, wo er fast täglich richtig betrunken war, wo es dann auch viel Streit mit meiner Mutter gab, Teller flogen usw. Aber durch diese Krise sind sie irgendwie durchgegangen.
Mein Verhältnis zu ihm ist trotzdem nicht einfach. Und es wurde noch etwas komplizierter nachdem ich mich als Alkoholiker geoutet hatte und seither selbst nichts mehr trinke. Das ist nun schon eine längere Zeit her und wir (er und ich) haben noch niemals richtig über meine Sucht gesprochen. Alle Ansätze meinerseits diesbezüglich wurden und werden von ihm weggebügelt. Er ignoriert meine Sucht quasi komplett was sich z. B. auch darin äußert, dass er, wenn wir zum Essen bei ihm eingeladen sind, nicht darauf achtet, z. B. die Soßen ohne Alkohol zuzubereiten. Oder Kuchen ohne Alkohol oder so. Jetzt wünsche ich mir ja gar keine Sonderbehandlung, aber würde ich nicht aktiv nachfragen, würde er mir gar nicht sagen das er Alkohol verkocht hat. Das ist nur so ein Beispiel.
Dass er seine Biere vor mir trinkt ist das eine (damit kann ich gut leben), dass er mir aber auch bei entsprechenden Level immer erzählt, dass er ja nie krank ist, weil ihn die Nährstoffe im Bier so gesund halten, ist dann das andere. Und da habe ich dann schon große Probleme mit. Zumal er zwar kaum erkältet ist (geht auch kaum unter Menschen), jedoch ansonsten unter so ziemlich allen Nebenwirkungskrankheiten eines vertärkten Alkoholkonsums leidet (Gicht, Bluthochdruck, Darmprobleme etc.).
Ich musste und wollte also eine Strategie finden, wie ich mit dieser Situation umgehe. Mir ist bewusst, hier wo ich Dir das jetzt schreibe, dass meine Situation in der Tragweite nicht mit Deiner vergleichbar ist. Trotzdem hatte und habe auch ich Angst, dass plötzlich einfach stirbt (er ist jetzt auch Anfang 70) und ehrlich gesagt wundere ich mich manchmal, dass noch nichts in Richtung Herzinfarkt oder Schlaganfall passiert ist. Und ich hatte und habe auch Angst davor, dass so etwas passiert und ich habe ihm noch nicht das sagen können, was ich ihm sagen wollte. Oder das ihm was passiert und unser letztes Auseinandergehen war in unfrieden.
Sowas kann durchaus passieren, denn wenn sein Level zu hoch wird, verlasse ich mit meiner Familie i. d. R. die Veranstaltung sprich ich verabschiede mich und fahre wieder nach Hause. Weil ich eben sonst Angst habe, ich könnte etwas sagen was ich gar nicht sagen möchte.
Mein Vater ist eigentlich ein guter Mensch. Er hat einen sehr weichen Kern und ist eben einer Zeit und unter Umständen aufgewachsen, die ich nicht mehr kannte. Er hat viel positive Eigenschaften und er liebt mich sicherlich auf seine Art und Weise. Das weiß ich und das spüre ich auch. Es liegt also an mir damit umzugehen, wenn er nach einigen Bieren komisch wird und dummes Zeug daher labert. Wenn er provizierend wird und dumme Thesen aufstellt, die er nüchtern nie aufstellen würde.
Es ist also tatäschlich so, dass ich mir das alles vor jedem Treffen bewusst mache. Er gestern waren meine Eltern bei uns. Das war sehr schön und da er da noch Auto fahren muss (und dann durchaus auch konsequent auf Alkohol verzichten kann und es bei uns ohnehin keinen Alkohol gibt) wusste ich schon vorher, dass es eines der Treffen wird, die sehr schön werden könnten. So war es dann auch. Würde er jetzt plötzlich sterben hätte ich sicherlich ein anderes Gefühl als wenn wir uns vorher im Halbstreit getrennt hätte.
Es ist wirklich alles nicht einfach. Ich denke aber das es wichtig ist, dass man alles sagen konnte was man sagen wollte. Ich glaube das habe ich erreicht. Dabei geht es jetzt nicht darum, dass ich mit ihm über meine Sucht sprechen möchte oder so. Das muss nicht sein, es ist meine Sucht und meine Verantwortung. Es ist halt schade, dass er so blockiert. Aber ich hoffe und denke, dass er merkt, dass ich ihn liebe und so akzeptiere wie er ist. Das ist mir wichtig, denn dann wird er mit einem guten Gefühl gehen können, wenn es mal so weit ist. Und ich werde mit einem guten Gefühl bleiben können.
So wie Du Deine Situation beschreibst, wirst Du mit Deiner Mutter diesen Punkt wohl nicht erreichen können. Denn wenn gar keine Kommunikation, auch keine stumme (die ich auch für ganz wichtig halte), stattfinden kann, weil sie Dich permanent beschimpft, dann wirst Du wohl einen anderen Weg gehen müssen. Es ist schwer hier etwas zu raten. Ich denke aber, dass es sehr wichtig ist, dass man seinen Eltern gegenüber mit seinen Gefühlen für diese im Reinen sein sollte. Und wirklich auch noch alles gesagt hat, was einem wichtig war. Rechtzeitig gesagt hat, denn am Grab ist doch nur ein Monolog. Vielleicht muss man Dinge auch sagen, wenn sie der andere auch nicht versteht oder verstehen mag. Damit man sie gesagt hat.
Schwer. Das waren meine Gedanken dazu.
LG
gerchla