Hallo Liv,
herzlich Willkommen bei uns im Forum.
ZitatGanz ehrlich: Eigentlich würde ich gerne "nur" massiv reduzieren - ein Leben ganz ohne Alkohol kann ich mir schwer vorstellen.
Hast Du das nicht schon versucht? Hat nicht funktioniert, oder?
Das kannst Du jetzt beliebig oft wiederholen. Ich habe da einige Versuche hinter mir. Sowohl was das gar nichts mehr trinken betrifft, als auch das "ich trinke ab sofort nicht mehr als x Bier pro Tag". Aus gar nichts mehr trinken wurden bei mir Trinkpausen. Diese reichten von mehreren Monaten (am Anfang meiner Sucht) bis hin zu wenigen Tagen im fotgeschrittenem Stadium. In den letzten Jahren, den ganz schlimmen, konnte ich gar keine Pausen mehr einlegen. Selbst das Reduzieren war kaum noch möglich. Ich erinnere mich auch gut daran, dass ich irgendwann dann auch gar keinen Sinn mehr darin sehen konnte. Denn, es war ja ohnehin schon alles egal.
Ein dauerhaftes Reduzieren der Trinkmenge ist meiner Meinung nach also nur möglich, wenn man noch nicht süchtig ist. Leider gibt es keine Formel ab wann dieser Punkt erreicht ist. Es es gibt einige Indikatoren die, erfüllt man sie, für eine Sucht stehen. Bei Dir deuten einige Indikatoren auf eine Sucht hin. Wenn Du süchtig bist steht "nur" noch der Weg in ein komplett alkoholfreies Leben zur Debatte. Oder einfach weiter trinken. Die Entscheidung triffst Du ganz alleine.
Als kleine Motivation möchte ich Dir noch sagen, dass ein Leben ganz ohne Alkohol überhaupt kein Verlust ist. Aktuell denkst Du das (noch), wenn Du diesen Weg jedoch mal konsequent gehen solltest, wirst Du Dich irgendwann fragen, warum Du so lange an dem Zeug gehangen bist. Und warum Du schon nicht viel früher aufgewacht bist und Dir Dein Leben zurück geholt hast.
Allerdings, das möchte ich auch sagen, wird das nicht funktionieren, wenn Du nur einfach nichts mehr trinkst. Schließlich willst bestimmt auch Du, wie eigentlich jeder andere auch, Freude an Deinem Leben haben. Du möchtest das es Dir gut geht, das Du Dich wohl fühlst, das Du zufrieden bist mit Dir und Deinem Leben. Ich glaube, das ist wohl das, wonach die meisten Menschen sich sehnen, ob nun bewusst oder unbewusst. Die Steigerung dazu wäre dann noch ein wirklich glückliches Leben zu führen, wobei ich Glück für ein ganz großes Wort halte das unterschiedlich interpretiert werden kann. Und, für Glück braucht man halt auch oft Glück und hat es nicht immer selbst in der Hand.
Ob man mit sich und seinem Leben zufrieden ist hat man aber schon in der eigenen Hand. So jedenfalls meine Meinung und meine Erfahrung.
Was hat das jetzt alles mit der Sucht zu tun? Nun, ich denke, wir Alkoholiker haben das Suchtmittel Alkohol eben genau dafür genutzt ober benutzt. Um eben zufrieden / glücklich sein zu können oder um Dinge, die das verhindert haben, durch die Wirkung des Alkohols zu eliminieren. "Mit Alkohol bin ich viel lockerer, besser drauf" = ich bin nicht zufrieden mit mir und der Alkohol hilft mir das zu ändern. "Heute hatte ich einen Scheii*tag, jetzt brauch ich erst mal ein Bier" = Meine aktuelle Situation ist komplett unbefriedigend, es geht mir schlecht und der Alkohol hilft mir, diesen Zustand zu verbessern. "Stell Dir vor, heute habe endlich mein Projekt erfolgreich abgeschlossen, das muss gefeiert werden" = Ich bin zwar schon in positiver Stimmung, aber ich will deutlich mehr um dieses Gefühl noch zu verstärken und der Alkohol hilft mir dabei.
Das sind nur mal so Gedanken von mir. Was wir trockenen Alkoholiker also u. a. lernen müssen, ist diese Gefühle, die wir ja alle haben, ohne Alkohol entweder auszuhalten oder auch zu genießen. Je nachdem aus welcher Ecke sie kommen. Wir müssen lernen, dass wir Probleme nicht wegtrinken sondern sie aktiv beseitigen. Wir müssen lernen, wie wir ganz ohne Alkohol locker, witzig, gesellig usw. sein können, sofern uns das wichtig ist (das geht, weiß ich aus eigener Erfahrung), wir müssen lernen, wie wir uns bei Erfolgen selbst so richtig belohnen können, ohne das wir dazu den Alkohol brauchen.
Das ist ein Prozess, der etwas dauern kann. Bei mir dauerte es ca. 1 Jahr bis ich mal so aus dem Gröbsten heraus war. Die Jahre danach bis heute dienen jetzt dem Feinschliff. Ohne Alkohol kann man wunderbar an seinem eingenen Ich arbeiten und sich in die Richtung entwickeln in die man gerne möchte. Ich empfinde das als mit den größten Gewinn, den mir mein abstinentes Leben bietet. Gleichzeitig bin ich mir auch darüber im Klaren, dass ich ohne die vorherige Sucht so eine bewusste Entwicklung wahrscheinlich nie angestrebt hätte, weil mir eben das Bewusstsein dafür gefehlt hätte. Wenn man so will ist das etwas Positives, das man aus der Sucht ziehen kann. Allerdings nur, wenn man sie zum Stillstand bringt.
Ich kann Dir nur aus meiner Erfahrung heraus ans Herz legen, gerade am Anfang so viel Hilfe wie möglich in Anspruch zu nehmen. Du wirst dann selbst ganz schnell merken, was Dich weiter bringt und was Dir gar nicht hilft. Ich würde es aber ausprobieren. Ich würde zum Arzt gehen, mit ihm/ihr über die aktuelle Situation reden, ich würde zur Suchtberatung gehen, ich würde ggf. auch mit einem Psychologen sprechen, je nachdem was Dich drückt und ich würde mir auch eine reale SHG vor Ort ansehen. Ggf. auch diverse SHG, falls Du bei Dir ein entsprechendes Angebot hast. Ich würde mich outen, also den Menschen die mir nahe stehen sagen was Sache ist.
Wenn Du also wirklich vor hast dauerhaft auf Alkohol zu verzichten, dann halte ich o. g. Maßnahmen für recht sinnvoll. Irgendwann wirst Du dann Deinen Weg finden. Ich habe alles was ich da geschrieben habe selbst "probiert", jedoch nicht alles auf Dauer fortgeführt. Weil ich Schritt für Schritt meinen Weg fand und wusste, was ich brauche, was mir hilft. Ich denke, so könnte es bei Dir auch laufen.
Alles Gute auf jeden Fall und einen guten Austausch hier im Forum.
LG
gerchla