Beiträge von Gerchla

    Hallo mardi,

    eigentlich dachte ich, dass ich mich aus Deinem Thread erst mal raus halte. Ich fand einfach keine Botschaft für Dich, die Dich aus meiner Sicht hätte weiter bringen können. Ich dachte mir, dass Du die "üblichen" Hinweise und Ratschläge hier im Forum sicher schon gelesen und auch bekommen hast.

    Jetzt ist mir dann aber doch etwas in den Sinn gekommen, das ich Dir gerne schreiben möchte. Du machst Dir ja gerade Gedanken über Deinen "Status". Also darüber, ob Du bereits süchtig bist oder ob Du vielleicht nicht doch gerade noch von der Schiippe gesprungen bist. Wie Du vielleicht hier in diversen Beiträgen schon gelesen hast, kann man soetwas eigentlich nicht mit Sicherheit sagen. Man es auch nicht von der Trinkmenge o. Ä. abhängig machen. Eine für alle gültige Formel, ab wann man definitiv Alkoholiker ist gibt es also nicht, jedoch natürlich eine Liste von Merkmalen, die darauf hindeuten, dass man einer ist, sofern man mehrere oder alle dieser Merkmale erfüllt.

    Sicher hast Du Dich damit schon auseinander gesetzt. Entweder hier im Forum oder anderweitig im Netz. Da gibt es ja ganz viel darüber zu lesen.

    Letztlich bist Du diejenige, die für sich "entscheiden muss" wo sie steht und, was noch viel wichtiger ist, wo sie hin möchte. Wer oder was Du sein möchtest. Du machst gerade eine Trinkpause. Diese dauert jetzt ca. 4 oder 5 Wochen an, wenn ich das richtig gelesen habe. Du hast keine größeren Probleme ohne Alkohol zu leben, außer das Du ab und an mal daran denkst, in den "üblichen" Situationen. Körperlich hast Du sowieso keine Symptome, die kommen oft auch erst sehr spät, also wenn's dann definitiv auch zu spät ist.

    Gut, ich schreibe Dir hier, weil ich mich noch sehr gut an meine eigene Alkoholgeschichte erinnere. Auch ich machte Trinkpausen. Eine davon dauerte fast ein Jahr. Auch ich hatte keine größeren Probleme auf Alkohol zu verzichten, dachte jedoch bei diversen Gelegenheiten daran, dass es ja schon schön wäre jetzt ein Bier zu trinken. Konnte aber relativ problemlos verzichten. Sah alles nicht so schlecht aus für mich, damals. Es roch danach, dass ich doch die Kurve gerade noch mal bekommen hatte.

    In diesem Fall war es ein arglos getrunkenes Biermischgetränk, dass mich wieder auf die Spur zurück gebracht hat. Das dauerte dann ein paar Wochen, dann war jedoch mein Konsum höher als er jemals vorher gewesen war. Nachdem ich trocken wurde, also richtig, habe ich mich natürlich mit meiner Suchtgeschichte usw. beschäftigt. Und mit der Frage, warum ich damals diese Trinkpause beendet habe und warum das dann nicht zu einem normalen, oder moderaten Trinken zurück geführt hat sondern sofort wieder Richtung Sucht ging.

    Meine Antwort darauf lautet, weil ich bereits süchtig war. Hätte ich damals eine außen stehende Person gefragt, hätte diese sicherlich gesagt das ich kein Problem habe. Ich hatte vorher ja auch nicht riesen Mengen getrunken. Der Grund warum ich überhaupt wieder trank, also diese Pause unterbrach, in der es mir ja wirklich sehr gut ging, lag darin, dass ich überhaupt keinen Plan hatte. Also ich trank halt nicht mehr, weil meine Tochter zur Welt gekommen war und ich Angst hatte, dass ich im angetütelten Zustand mich nachts mal auf sie legen könnte, wenn sie bei uns im Bett mit schlief. Das war mein Grund. Nun war sie dann irgendwann fast ein Jahr alt, die Gefahr bestand nicht mehr, sie schlief auch meist im eigenen Bettchen usw.

    Natürlich wusste ich damals schon, dass ich zu regelmäßig und zu viel trank. Sonst hätte ich das ja nicht gemacht. Der eigentliche Grund war aber meine Tochter. Wie sich mein Leben grundsätzlich und generell weiter entwickeln sollte, wie ich mir das vorstelle und welche Rolle der Alkohol darin spielen sollte, darüber dachte ich keine Sekunde nach. Da war ich wohl noch nicht weit genug.

    Ich sag mal so, hätte ich damals beschlossen grundsätzlich keinen Alkohol mehr zu trinken (mir hat es ja ohne an nichts gefehlt, das habe ich ja soger selbst erleben dürfen), dann wäre mein Leben sicher anders verlaufen. Ich hätte mir eine sehr leidvolle Zeit erspart und ich hätte diese vor allem meiner Familie erspart. Aber, ich war noch nicht soweit.

    Ich woltle Dir diese Gedanken da lassen. Das alles kann bei Dir ganz anders sein. Vielleicht musst Du es auch einfach ausprobieren. Solltest Du Deine Trinkpause beenden, dann sei besonders Wachsam, was dann bei und mit Dir passiert. Wenn Du nur ein einziges Mal in Dein altes Muster zurück fällst, dann wünsche ich Dir die Kraft sofort die Reißleine zu ziehen. Denn dann würde Dir wohl ähnliches bevorstehen wie das was bei mir passiert ist.

    Solltest Du jedoch feststellen, dass Du "ganz normal" mal was trinken kannst und alles gut ist, dann hat Du wohl noch die Kurve bekommen. Jedoch, es ist ein Spiel mit dem Feuer!

    Und, das möchte ich auch noch sagen: Selbst für einen noch nicht süchtigen, ist ein Leben komplett ohne Alkohol kein Verlust. Es ist für überhaupt keinen Menschen ein Verlust ohne Alkohol zu leben. Egal woher er kommt, wer er ist usw. Nur glaubt man das halt nicht, weil unsere Gesellschaft uns etwas anderes vorlebt und suggeriert.

    Alles Gute wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Cindy,

    ich will mal versuchen, Dir auf Deine Fragen aus meiner Sicht zu antworten und auch sonst vielleicht noch ein paar Gedanken da lassen.

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    Wie du das beschreibst, klingt absolut schlüssig, aber das heißt für mich auch, er steckt schon sehr tief drin.


    Ich schreibe hier ja nur was ich selbst erlebt und gefühlt habe. Sicher ist das nicht zu 100% auf alle anderen Alkoholiker übertragbar, jedoch wird es bei vielen Dingen Parallelen geben. Zumindest ist das meine Erfahrung der letzten Jahren, in denen ich mich intensiv mit dieser Krankheit auseinander setze. Viele Muster sind gleich, trotzdem bleibt diese Krankheit eine individuelle Angelegenheit. Du hast ja vom ehrlichen Alkoholiker geschrieben. Ich hatte da mal eine Diskussion mit meiner ersten Frau über den "lieben Alkoholiker", den es ihrer Meinung nach ja auch gibt. Diese Diskussion fand statt, da war ich schon einige Zeit trocken und sie hat mir erklärt, was ich ihr alles angetan habe. Ich wusste mir damals nicht anders zu helfen als zu sagen, dass ein Teil dessen was ich getan habe an meiner Sucht lag (mittlerweile bin ich hier schon ein Stück weiter in meinem Denken, aber andere Baustelle). Und da erklärte sie mir, dass es ja auch "liebe Alkoholiker" gibt. Oder wie Du es sagst, "ehrliche Alkoholiker".

    Das hat mich sehr lange beschäftigt. Sie hatte da irgendeinen Bekannten oder Verwandten im Kopf. Der wohl ein "netter Kerl" war, meines Wissens auch ein paar Therapien (oder Versuche) gemacht hat und letztlich aber in seiner Sucht hängen blieb. Er war nicht aggressiv, tat niemanden was usw. Nun, wie es jedoch seiner Familie damit ging weiß ich nicht. Heute denke ich, dass es sicher "ganz schlimme" Alkoholiker gibt und vielleicht eher "umgängliche". Manche sind verbal und sogar pysisch gewaltätig, andere nicht. Sie ziehen sich vielleicht einfach nur mehr zurück, sondern sich ab, grenzen ihr Umfeld aus usw.

    Meine Frau sagte damals zu mir, es wäre ihr lieber gewesen ich hätte sie geschlagen als dass ich heimlich trank und sie somit psychisch verletzt habe. Denn dann hätte sie wenigsten gewusst woran sie ist. So wusste sie es nicht und litt vor sich hin.

    Zusammenfassend möchte ich sagen: Ich denke nicht, dass es den "guten" Alkoholiker gibt, der einfach nur trinkt und niemanden damit belastet oder verletzt. Es sein denn, er hat kein familiäres oder sonstiges Umfeld oder aber er/sie ist seinem Umfeld völlig egal. Ob alle Alkoholier auch lügen kann ich Dir nicht sagen. Ob es wirklich ehrliche Alkoholiker gibt, das weiß ich nicht. Ich möchte bei dieser Krankheit niemals nie sagen. Lügen und auch Betrügen gehört aber meiner Meinung nach zu den häufigsten "Nebenwirkungen" dieser Krankheit, gehört also quasi mit zum Krankheitsbild. Und ich persönlich kenne keine überzeugenderen Lügner als nasse Alkoholiker.

    Und was das "tief drin stecken" bezüglich Deines Ex-Partner betrifft: Ja, ich denke aufgrund dessen was Du beschreibst, dass er sehr tief im Suchtsumpf steckt. Er scheint ja auch schon sehr viele Jahre zu trinken. Es deutet nicht viel oder eher nichts darauf hin, dass er noch in einer Anfangsphase stecken könnte oder dass er nur Missbrauch betreibt. Er hat sich ja auch schon ordentlich in diverse Parallelleben verstrickt. Da wird er so einfach nicht mehr heraus kommen.

    Und an dieser Stelle möchte ich Dir sagen: Lass das alles bei ihm! Ich weiß, dass es gerade am Anfang, wenn die Verletzungen noch ganz frisch sind, leicht gesagt ist. Aber Du bist jetzt hier um für DICH Hilfe zu erhalten. Deine Gedanken und Dein Handeln sollten sich um DICH drehen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr solltest Du daran arbeiten, dass NICHT er Dein Denken bestimmt. Nicht über ihn sollst Du nachdenken sondern über Dich.

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    Weiß noch nicht wie ich das Geschehene in meinen Kopf und deine Worte in mein Herz reinkriegen soll.


    Das glaube ich Dir sofort! Nimm Dir die Zeit die Du brauchst. Aber arbeite konsequent daran.

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    Mal arrogant und überheblich, dann am Boden mit 0 Selbstbewusstsein teilweise im täglichen Wechsel.


    Ganz klassisch, was Du da schreibst. Gefühlschaos pur. Je nach Tagesform und Level himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt.

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    Gerchla, meinst du eine Selbsthilfegruppe für Co’s?


    Ja, das meinte ich. Ausprobieren ist da meine Devise. Du wirst sehr schnell bemerken ob das was für Dich ist oder nicht. Ich, als Alkoholiker, ging sofort nachdem ich aufgehört hatte in eine SHG. Eine meiner besten Entscheidungen! Die ersten Wochen war ich täglich dort, allerdings gab es bei uns auch ein tägliches Angebot, was z. B. im ländlichen Raum meist nicht der Fall ist.

    Später dann, nach ein paar Monaten bemerkte ich, dass es mich nicht (mehr) weiter bringt und ich habe die SHG wieder verlassen. Aber ohne böse Gedanken oder so. Ich sag' einfach: Ausprobieren, mitnehmen was man an Hilfe geboten bekommt und entscheiden, was gut für einen ist. Tut nicht weh und kann aber in der Praxis enorm hilfreich sein.

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    Was du über Gefühlschaos und Parallelwelt schreibst ist sehr interessant, denn genauso kommt er mir vor!!! Ich würde gerne viel mehr darüber erfahren, z. B. merkt der Alkoholiker das alles selbst nicht?


    Ich will mal Versuchen das ein wenig zu beschreiben. Du hast ja bei meinem ersten Post schon gemerkt, dass mir das nicht so leicht fällt. Nicht, weil ich mich nicht artikullieren könnte, sondern weil es einfach sehr schwer in Worte zu fassen ist. Es ist so abstrakt....

    Also ich habe schon irgendwann mal gemerkt, dass ich ein Problem habe. Ein Alkoholproblem. Kaum gemerkt habe ich es aber auch schon verdrängt. Damit habe ich dann erst mal viele Jahre verbracht. Dann gab es viele Versuche mir zu beweisen, dass ich gar kein Problem habe! Indem ich z. B. Trinkpausen einlegte. Denn, wer mal ein paar Wochen oder Tage nichts trinken kann, der kann ja kein Alkoholiker sein. Ist natürlich Quatsch.

    In dieser ganzen "hin und her" Zeit manifestierte sich meine Sucht immer mehr. Schleichend veränderte sich dabei meine Psyche und mein Charakter. Langsam begann ich dann bestimmte Grenzen zu überschreiben, Grenzen, die früher einfach gesetzt waren, an denen ich niemals gerüttelt hätte. Richtig derb lügen ist z. B. eine davon. Dinge erfinden, die es gar nicht gibt oder gab nur um aus irgend einer Situation heraus zu kommen ist auch eine davon. Ich habe z. B. meine Mutter mal wochenlang mit schlimmster Krankheit in ein Krankenhaus gelogen um die Zeit meiner Krankenhausbesuche für mein Doppelleben zu nutzen. Dabei erfreute sich meine Mutter allerbester Gesundheit und tut das glücklicherweise noch heute.
    Irgendwann übernimmt der Alkohol komplett das Zepter. Und je länger das ganze geht, desto skuriler wird die ganze Angelegenheit. Desto heftiger und dreister werden die Lügen, desto schlimmer die Taten. Wie vorher schon mal geschrieben kann ich da vielleicht nicht für 100 % der nassen Alkoholiker sprechen, bei mir war es jedenfalls so und ich kenne mittlerweile die Lebenschgeschichten von vielen anderen, bei denen es sehr ähnlich verlieft.
    Und ja, natürlich "merkt" der Alkoholiker das. Also ich wusste natürlich was los war. Mein Schuldbewusstsein war nur auf ein Minimum herunter geschraubt. Ich dachte: solange sie nicht wissen das ich sie anlüge tue ich ihnen ja nichts - verstehst Du? SO dachte ich. Und es DARF NIE heraus kommen. Und um das zu verhindern musste ich oft eine bereits schlimme Lüge mit einer noch schlimmeren kontern.
    Und ab und an wurde mir das auch alles bewusst. Man könnte sagen, es waren die lichten Momente. Jedoch war das dann so schlimm, dass ich sofort trinken musste. Davon waren dann die Gedanken zwar meist nicht ganz weg, jedoch "verwandelten" sie sich. Plötzlich dachte ich: Wenn xy ist, dann höre ich auf und dann schaffe ich das auch. Und dann wird nie jemand irgendwas erfahren!

    Irgendwann war mir dann aber klar, dass ich nicht einfach so aufhören werde können. Da kamen dann Gedanken wie: irgendwas wird irgendwann passieren und alles wird gut werden - verstehst Du? Das ist natürlich totaler Schwachsinn. Aber so beruhigte ich mich selbst. Auf die Idee mein Leben zu ändern kam ich nicht. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen z. B. reinen Tisch zu machen und neu anzufangen. Das war überhaupt nicht in meiner Denkwelt verankert. Ich wusste gar nicht mehr, wie nicht lügen überhaupt funktionieren soll.

    Du merkst sicher wieder, wie schwer es mir fällt diesen Zustand zu beschreiben. Oft wenn ich etwas gesagt habe, dann habe ich das in diesem Moment auch so gemeint, z. B. Liebesschwüre, Versprechen, etc. Es war echt gemeint, hatte jedoch keine Substanz. Hielt nicht lange vor. Konnte es nicht, denn eigentlich war ich ja nicht ich. Ich war eine Marionette meiner Sucht. Was aber nicht bedeutet, das möchte ich Dir hier ganz offen sagen, dass ich deshalb nicht die Verantwortung für mein Handeln hatte. Es ist schwer zu beschreiben. Als nasser Alkoholiker befand ich mich nicht in der realen Welt, dachte aber lange Zeit, dass es so wäre und immer dachte ich, dass es ja alles nicht so schlimm ist, weil ich tue ja keinem was.

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    Ist das reversibel, also bleibt da, bitte nicht falsch verstehen, kenne mich mit der Krankheit nicht so gut aus, kein lebenslanger Gehirnschaden zurück selbst wenn er irgendwann trocken wäre?


    Also, dazu möchte ich sagen, dass es natürlich körperliche Folgeerkrankungen bei Alkoholsucht geben kann. Auch Hirnschäden, Stichwort korsakov syndrom zum Beispiel. Natürlich gibt es auch diverse andere körperliche Nebenwirkungen durch Alkoholmissbrauch, allen voran natürlich Leberschäden, aber auch das Herz kann Schaden nehmen oder der Magen, die Bauchspeicheldrüse. Je nach Schwere bilden sich Symptome zurück und der Körper kann sich erholen oder aber es bleiben dauerhafte Schäden zurück.

    Und, nach meiner Erfahrung, gibt es auch wieder mal keine Formel, keine Regel. Will sagen: Der eine säuft jahrelang wie ein Loch und ist (physisch) "kerngesund", hat sogar top Blutwerte. Der andere betreibt ein paar Jahre Missbrauch und hat eine Leberzirrhose. Da scheinen genetische Faktoren auch eine große Rolle zu spielen, jedoch bin ich kein Mediziner und kann Dir dazu keine fachliche korrekte Auskunft geben.

    Auf das was Du vielleicht eher anspielt, sind die psychischen Schäden. Also kann es der Alkoholiker schaffen, aus seiner kaputten Gedankenwelt, seinem Doppelleben, seinen kruden Denkweisen heraus zu kommen um wieder "normal" zu denken und zu handeln.
    Ja, natürlich. Dazu dienen u. a. die Therapien. Jedoch, das sage ich wieder aus eigener Erfahrung: das braucht Zeit und das ist richtig Arbeit! Mir sagte mal ein AA Freund, gleich am Anfang nach meinem Ausstieg: "solange Du gesoffen hast, so lange brauchst Du auch bis Du wieder normal bist" - nun, aus heutiger Sicht und mit der Erfahrung die ich heute habe würde ich das so nicht unterschreiben wollen. Jedoch im Kern ist an dieser Aussage schon was dran. Es hängt meiner Meinung nach auch davon ab, wie stark man sich mit seiner Krankheit auseinder setzt, wie man sie aufarbeitet. Es gibt auch trockene Alkoholiker die sich annähernd so verhalten wie nasse. Nur dass sie halt nicht mehr trinken.

    In der Regel jedoch verändert man sich sehr. Das bedeutet aber nicht, dass man automatisch ein besserer Mensch wird. Man wird ein anderer Mensch. Bei mir dauerte es etwa ein Jahr, bis ich mit dem Gröbsten durch war. Ich musste mich anfangs bewusst zwingen nicht mehr zu lügen. Ich musste mich bewusst zwingen, Probleme anzugehen und nicht zu verschieben. Ich musste mich bewusst zwingen, meine immer noch nassen und negativen Gedanken zu übersteuern und in positive zu verwandeln. Ich musste quasi kopfgesteuert meine ersten Intuitionen und Gefühle, Handlungsmuster usw. korrigieren. Wieder und immer wieder. Ganz langsam ging mir dann diese neue (eigentlich alte) Denkweise dann Fleisch und Blut über.

    Heute z. B. versuche ich überhaupt nicht mehr zu lügen. Ich sage bewusst "versuche", weil ich weiß, dass jeder Mensch mehrmals am Tag lügt. Das sind aber nicht die Lügen um die es mir geht. Es geht mir darum, dass ich z. B. jemanden sage, wenn ich zu irgendwas keine Lust habe und nicht irgend Geschichte erfinde. Es geht mir darum, dass ich z. B. meiner Frau alles erzähle und nicht irgendwas "vergesse" oder weglasse weil ich denke, es ist vielleicht besser so. Es geht mir nicht darum, einem Kollegen oder einer Kollegin die danach fragt wie mir sein/ihr Pulli gefällt, zu erklären dass der total übel aussieht, auch wenn ich mir das vielleicht denke. Das kann ich stecken lassen, da muss ich niemanden verletzen. Das fällt unter die Rubrik charmante Notlügen, ich denke Du weißt was ich Dir sagen möchte.

    Also ja, man kann da ohne dauerhafte psychische Störung heraus kommen. Das ist dann genau das, was man die Überwindung oder den Stillstand der Sucht nennt. Und das ist die eigentliche Aufgabe oder Herausforderung eines nassen Alkoholikers wenn er trocken werden will und vor allem wenn er trocken bleiben will. Der körperliche Entzug ist in der Regel nach einer Woche geschafft. Der psychische dauert länger, viel länger, u. U. sogar ein Leben lang.

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    Geht das Leben derart alkoholisiert immer weiter bergab oder kann er einfach nochmal 20 Jahre dranhängen?


    Wenn er es nicht stoppt, sprich, wenn er nicht aufhört und trocken wird, dann geht es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit immer weiter bergab. Wie lange es dauert bis er sich tot gesoffen hat, kann ich natürlich nicht sagen. Wie schon geschrieben: die einen halten mehr aus die anderen weniger. Es gibt fast nichts was es nicht gibt. Aber auch hier sage ich Dir: das ist nicht Dein Problem. Er hat entschieden zu trinken, das ist sein gutes Recht. Er kann auch damit aufhören wenn er das wirklich möchte. Du hast damit nichts (mehr) zu tun.

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    Kann auch nicht erkennen wo er sein Leben genießt


    Mir ging es nie so schlecht wie in der Endphase meiner Sucht. Vegetieren und den Schein aufrecht erhalten, das war alles was ich getan habe. Mit glücklich sein oder genießen hat das überhaupt nichts zu tun. Auch wenn ich immer versucht habe, es so erscheinen zu lassen. Alles nur Fake. Aber, auch wieder seine Sache, nicht Deine.

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    Warum will er dass ich seinen blöden Schlüssel behalte?


    Warum denkst Du darüber nach? Was willst denn Du? Ich denke, dass sind die Spielchen eines nassen Alkoholikers. Vielleicht bekommt er Dich ja doch nochmal an die Angel oder wenigstens ins Bett. Aber Du entscheidest doch jetzt (Stichwort: Co-Abhängigkeit!). Du willst den Schlüssel nicht behalten, hoffe ich mal. Also gib ihn zurück.Wirf ihn in den Briefkasten, schick ihn mit der Post oder was auch immer.

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    Er hat ein Bild online gestellt auf dem trägt er meinen Glücksbringer.


    Da muss ich mich selbst zitieren: Ich denke, dass sind die Spielchen eines nassen Alkoholikers. Vielleicht bekommt er Dich ja doch nochmal an die Angel oder wenigstens ins Bett.

    Weißt Du, wenn ihm tatsächlich irgendwas an Dir liegen würde, dann würde er nicht so einen Schwachsinn verzapfen und so subtile Spielchen machen. Dann würde er zum Arzt gehen, sich in eine Klinik einweisen lassen, dort entgiften und sich anschließend um eine Therapie bemühen. Und selbst dann, liebe Cindy, selbst dann solltest Du Dir mehr als gut überlegen, ob Du Dich mit Deinem Ex-Partner noch weiter beschäftigen wollen würdest. Denn bei Euch scheint mir viel zu viel kaputt gegangen zu sein und Du verschwendest wahrscheinlich wertvolle Lebenszeit.

    Aber, das ist jetzt rein spekulativ, denn wie mir scheint, gibt es keinerlei Anzeichen, dass er auch nur irgendwas ein seinem Leben ändern will oder wird. Somit bist Du dran! Kümmere Dich um DEIN Leben.

    Alles Gute dabei.

    LG
    gerchla

    Hallo Cindy,

    erst mal herzlich Willkommen hier im Forum. Schön, dass Du Dich entschieden hast selbst aktiv zu schreiben.

    Nicht schön, gar nicht schön, was Du zu berichten hast.

    Ich bin selbst Alkoholiker, bin fast 50 Jahre alt und lebe jetzt schon längere Zeit ohne Alkohol. Als ich noch trank tat ich das fast meine ganze Alkoholikerkarriere durch heimlich.
    Ich trank heimlich und war sehr gut darin. So gut, dass selbst meine Familie (Frau und 2 Kinder) davon nichts mitbekamen. Naja, sagen wir mal besser: Sie wussten nicht was mit mir los ist. Das ich mich in zunehmenden Maße negativ entwickelt habe und meiner Familie dadurch sehr viel aufbürdete, das haben sie natürlich schon bemerkt. Jedoch glaubten sie immer meinen Lügen....

    Ich möchte Dir sagen, dass ich mich (so glaube ich zumindest) sehr gut in Deine aktuelle Gefühlswelt hinein versetzen kann. Ich kann es deshalb, weil meine Frau nach meinem Outing (für sie damals aus heiterem Himmel) völlig zusammen brach und ich ihr damit ihre bis dato heile Welt und geplante Zukunft komplett zerstörte. Kurz nach meinem Outing habe ich mich dann auch noch von ihr getrennt und ihr damit sozusagen den Rest gegeben. Wir konnten aber immer miteinander Reden, heute können wir das sogar wieder sehr gut und so hatte ich die meiste Zeit einen guten Einblick in das, was ich da angerichtet hatte. Bei ihr und natürlich auch bei meinen Kindern. Ich schreibe Dir das kurz, damit Du ein wenig meinen Hintergrund kennst und wenigstens einigermaßen einschätzen kannst, wer Dir hier eigentlich schreibt.

    Ich möchte mal auf ein paar Dinge von Dir einfach eingehen, Dir meine Gedanken aus meiner eigenen Erfahrung heraus mitteilen:

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    Was ich da sehe in seinem Handy, nun, offenbar sind wir, seit meiner Ansage vor einem Jahr, getrennt. Fotos von einer betrunkenen Frau im Minirock in seinem Schlafzimmer vor unserem Urlaubsfoto, ein aktuelles Kuss-Selfie mit seiner Ex-Freundin, zig sms mit einer Bekannten seit einem Jahr inklusive Verabredungen und offenbar möchte er seine Ex-Frau wieder heiraten.


    Das nennt man ein klassisches Doppelleben. Oder vielleicht sogar Trippelleben. Ich habe das auch gemacht. Ich hatte auch so ein Doppelleben. Nicht am Anfang meiner Sucht, auch nicht in der Mitter meiner Sucht, wo ich noch recht gut funktionierte, aber in der letzten Phase. Es ist also nichts, was nur Dir passieren konnte, weil Du vielleicht besonders naiv bist oder so. Es ist Dir passiert, weil Alkoholiker begnadete Lügner und Betrüger sind oder sein können. Ich kann Dir hier jetzt nicht schreiben, was ich alles gelogen, hingebogen, verharmlost, umgedichtet usw. habe. Es würde den Rahmen bei weitem sprengen. Ich wusste am Ende oft selbst nicht mehr, was wahr und was gelogen war.

    Ich machte Reisen die es gar nicht gab, rief meine Familie aber von diesen Dienstreisen täglich an um den treusorgenden Familienvater zu spielen. Stattdessen war ich um die Ecke und trank. Wenn ich heute zurück denke, könnte ich mich in Grund und Boden schämen und manchmal denke ich, das kann ich nicht gewesen sein. Ich war's aber.

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    ch habe mich gefragt, ob Frau wirklich so blöd sein kann, sich ein Jahr lang etwas einzubilden, das überhaupt nicht ist? Durch meinen unbändigen Wunsch mit ihm glücklich zu sein, hatte er leichtes Spiel mir regelmäßig Hoffnung zu machen und mich warmzuhalten.


    Ich verstehe, dass Du Dir diese Frage stellst. Weißt Du, meine Frau sagte mir, dass sie auch nur den Wunsch hatte mit mir glücklich zu sein. Dass sie auch nur wollte, dass alles wieder gut wird. Und sie nicht wusste, warum ich so "komisch" war, warum ich mich immer mehr entfremdete. An Alkohol hat sie nicht gedacht obwohl ich mit täglich 10 Bier gestunken haben muss wie ein Elch. Vielleicht wollte sie es auch nicht sehen, sie wollte ja nur wieder glücklich sein mit mir. Geh hier nicht zu hart ins Gericht mit Dir, es gibt für Dich jetzt wichtigere Dinge die Du klären solltest.

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    Als er an diesem Abend zurück kommt, frage ich ihn, was das alles zu bedeuten hat? Er verlässt den Raum und sagt "ich genieße mein Leben". Kein Blickkontakt mehr. Ich will ihm seinen Haustürschlüssel zurück geben, er sagt, er will ihn nicht. Mir ist das zuviel, ich gehe, er begleitet mich zur Tür, schaut mir nach und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ende. Das ist jetzt 2 Monate her.


    Hier hast Du eine recht typische Erfahrung machen müssen. Damit hast Du auf ziemlich schonungslose Weise mitgeteilt bekommen, dass Du eigentlich keine große Rolle in seinem Leben gespielt hast und spielst. Es wird Dich wahrscheinlich wenig trösten wenn ich Dir sage, dass die anderen Frauen das gleiche Schicksal haben wie Du. Auch sie spielen eine untergeordnete Rolle. Für Deinen Ex-Partner gibt es nur eine wirkliche Geliebte, und das ist der Alkohol. Partnerinnen sind ok, solange sie nicht nerven uns stören. Idealerweise sind sie hilfreich im Aufrechterhalten der Sucht. Falls nicht, tauscht man sie halt aus. Das ganze Gefühlschaos, das hin und her, die Liebesschwüre usw. Sie mögen sogar in dem Moment in dem sie ausgesprochen wurden so gemeint gewesen sein (zumindest war das bei mir so), jedoch ist ein nasser Alkoholiker gar nicht in der Lage zu lieben. Weißt Du, er meint zwar zu wissen was das ist, aber er weiß es nicht. Er lebt, je nach intensität seiner Sucht, in einer ganz anderen Parallelwelt. Ich würde Dir das gerne erklären aber es fällt mir sehr schwer das hier niederzuschreiben. Es ist eine Welt, die sich Dir als gesunder Mensch nicht erschießt. Ein gesunder Mensch kann all das Denken, das nasse Denken, gar nicht nachvollziehen. Schade, mir fehlen gerade die richtigen Worte.

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    ch bin geschockt, habe Albträume, mir kommen die Tränen.


    Damit bist Du in der gleichen Situation wie meine Frau damals. Sie hat sich Hilfe gesucht. Ging zum Psychologen, hatte glücklicherweise auch einige sehr gute Freunde. Anders wäre sie wohl, nach eigenen Worten, nicht damit fertig geworden. Übrigens sind wir mit unserer Tochter auch zum Psychologen. Ich kann Dir nur ans Herz legen nicht alles mit Dir alleine auszumachen. Lass Dir helfen, suche Dir Hilfe, auch jenseits dieses Forums.

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    Was ist Charakter und was der Alkohol?


    Eine Frage, die m. M. nach nicht so einfach zu beantworten ist. Alkohol verändert sicher den Charakter, bringt Charakterschwächen stärker zum Vorschein. Andererseits gibt es, ich sag es mal salopp, auch nicht trinkende Idioten. Man kann nicht davon aussgehen, dass ein Mensch ein guter Mensch wird, wenn er nicht mehr trinkt. Man kann davon ausgehen, dass er sich in der Regel verändert, wenn er nicht mehr trinkt. Aber er wird deshalb nicht automatisch ein guter Mensch. Aber auch das ist etwas, was für Dich nicht (mehr) bedeutend ist. Du musst Dich jetzt auf wichtigere Dinge konzentrieren.

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    ein Leben wird auf Dauer besser sein ohne ihn. Erkenne mich eh kaum wieder nach diesen 5 Jahren. Aber ich kann nicht abschließen weil ich nicht verstehe was passiert ist. Warum am Ende nicht wenigstens Freundschaft oder Anstand bleibt, wo angeblich mal Liebe war. Es verletzt mich unendlich dass er mit diesen Frauen Kontakt hält und ich ihm kein Wort mehr wert bin.


    Und hier haben wir jetzt Dein eigentliches Problem, wenn ich das mal so sagen darf. Das worauf Du Dich jetzt konzentrieren solltest. Du hast selbst schon den Begriff Co-Abhängigkeit genannt. Es wird wichtig für Dich sein, dass Du Dich um Dein Leben kümmerst. Und ihn seines lässt. Es ist nicht mehr wichtig, mit welchen Frauen er jetzt rum macht, ob er weiter säuft, ob es ihm gut oder schlecht geht - nur DEIN Leben ist jetzt noch wichtig. Weißt Du, all diese Frauen usw. sind nichts anderes als das was Du auch warst: sie sind Mittel zum Zweck, austauschbar, letztlich bedeutungslos für ihn. Denn er ist süchtig und das scheinbar schon sehr sehr lange. Er lebt bereist sehr lange in einer sehr eigenen Welt.

    Und: Du hast es sicher nicht verdient, dass Du Dir Dein Leben auf Dauer von seinem kaputten Leben ebenfalls zerstören lässt. Drum lass ihn los, von mir aus lässt Du ihn in Liebe los, falls Du noch etwas für ihn empfindest, aber lass ihn ziehen. Das wird bestimmt nicht ganz einfach sein darum nochmal mein Hinweis auf Hilfe von außen. Das kann übrigens auch eine reale Selbsthilfegruppe sein. Probiere es doch einfach mal aus.

    Es tut mir wirklich sehr leid was Dir passiert ist. Gerade weil ich auch Täter war und ich so viel Schuld auf mich geladen habe. Ich möchte Dir zurufen: Lass Dir Dein Leben nicht kaputt machen. Hole es Dir verdammt nochmal zurück! Kämpfe gegen das Abhängigkeitsverhältnis zu Deinem Ex-Partner. Er hat es überhaupt nicht verdient, dass Du ihm auch nur eine Träne nachweinst. Ich weiß, ich rede mich leicht. Und lass Deine Gefühle ruhig heraus. Heule, wenn Dir danach zumute ist. Aber nimm den Kampf auf und hole Dir Verbündete, sprich Hilfe.

    Ich wünsche Dir eine guten Austausch hier um Forum und für Dich und Deinen Weg nur das allerbeste!

    LG
    gerchla

    Liebe Britt,

    ich bin mir sicher, dass Du alles weißt was man wissen muss um ein zurfriedenes Leben ohne Alkohol führen zu können. Ich glaube, der Alkohol war für Dich "nur" ein Ventil und ich denke, das weißt Du auch. Ich bin davon überzeugt, dass Du in der Theorie ganz klar bist. Jetzt geht es wohl darum eine Urangst in Dir zu überwinden, sonst wirst Du die nächsten und entscheidenden Schritte nicht tun können. Und wenn Du sie nicht tust, wird sich nichts ändern. Dann musst Du mit Deiner Situation leben und Dich darauf fokussieren Dich bestmöglich darin wohl zu fühlen. Ein Kompromiss an Dein eigentlich mögliches Leben wird es dann aber immer bleiben.

    LG
    gerchla

    Liebe Leila,

    als erstes möchte ich Dir mal meinen Respekt dafür aussprechen, dass Du jetzt so konsequent gehandelt hast. Ganz stark finde ich auch, dass Du trotz der etwas "verhaltenen" Reaktion Deiner Ärztin nicht in den "na so schlimm kanns dann ja gar nicht sein"-Modus gefallen bist. Weißt Du, ich kann Deine Ärztin nicht einschätzen, ich kenne sie ja nicht. Vielleicht gehört sie ja zu den Typen, bei denen man nicht so ganz genau weiß was sie denken. Vielleicht will sie auch einfach mal die Blutprobe abwarten. Wobei es auch hier sein könnte, dass Du prima Werte hast und trotzdem Alkoholikerin bist. Leider sind gute Blutwerte für viele Alkoholiker eben dann auch wieder ein Grund anzunehmen, dass es so schlimm ja nicht sein kann.

    Was ich sagen will, ich finde es wirklich ganz stark von Dir, dass Du trotz Deines Gefühls, dass Deine Ärztin vielleicht nicht so ganz erfahren ist oder aber auch Dich nicht ganz so ernst nimmt, Dich nicht beirren lässt. Und tatsächlich geht es nur darum was Du fühlst und Du denkst. Du weißt was Du getrunken hast, wie Du getrunken hast und was das für Dich an Folgen hatte. Und Du weißt, dass Du das nicht mehr möchtest. Das ist entscheidend. Ich wünsche Dir auf jeden Fall, dass Du gute Blutwerte hast, denn dann kannst Du die körperliche Baustelle schon mal beiseite lassen und Dich voll auf Deine Psyche konzentrieren.

    Ich glaube, dass Du schon jetzt sehr stark bist und genau weißt wohin Du willst. Ich finde das sind sehr gute Voraussetzungen. Wenn Du jetzt auch noch eine SHG besuchst - Chapeau!

    Wichtig wird jetzt sein, dass Du nach und nach alle Hintertürchen schließt. Dein bester Freund weiß schon Bescheid, das hast Du sehr gut gemacht. Weiß Dein neuer Freund schon Bescheid? Ich könnte mir vorstellen, dass das mit Dein schwerster Gang wird. Ich glaube aus Deinen Zeilen heraus zu lesen, dass er für Dich SEHR wichtig ist und dass Du diese Beziehung keinesfalls gefährden willst. Was ich auch gut verstehen kann aber glaube mir, es wird nur mit absoluter Ehrlichkeit gut werden können. Aber vielleicht hast Du das ja alles schon hinter Dir und hoffentlich positiv.

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    Und werde jetzt weiter voran gehen. Ich möchte jetzt Schritt für Schritt jeden Tag meistern.


    Genau das machst Du. Nicht hetzen, nicht alles auf einmal, nicht überfordern - aber konsequent immer weiter gehen. Manche Dinge brauchen eine gewisse Zeit. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich im Laufe der Wochen und Monate immer in andere Phasen eingetreten bin. Zuerst war es eine sehr akkute Phase. Sehr emotional, ganz viel Veränderung und immer im Kopf auf keinen Fall mehr zu trinken. In diese Phase, die sozusagen beim Tag X begann, fiel mein Arztbesuch, die Suchtberatung, die ersten Besuche der SHG bis hin zu den ersten Besuchen beim Psychologen. Alles war neu, alles war anders und dann hatte ich ja in dieser Zeit auch meine Outing-Tour, die Trennung von meiner Frau usw. Irgendwann begann dann eine neue Phase. Die ersten akuten Probleme waren abgearbeitet, ich spürte die positiven Effekte eines Lebens ohne Alkohol mehr als deutlich, ich hätte plötzlich auch Zeit mal etwas mehr und etwas "konstruktiver" nachzudenken. Über mich, meine Sucht, mein Leben. Wie konnte es so kommen? Wer war ich eigentlich und wer bin ich? Und wie möchte ich eingentlich sein? Was erwarte ich eigentlich von mir und meinem Leben?

    Das war für mich eine sehr wichtige Phase. Hier habe ich sehr viel über mich selbst gelernt und in diese Zeit fielen ganz viele Gespräche mit "meinem" Mönch und mit meinem besten Freund. Die Zuversicht kam zurück, es stellte sich sogar immer wieder mal ein Glücksgefühl ein. Was ganz neues für mich, hatte ich mindestens ein Jahrzehnt lang nicht mehr. Plötzlich bekann ich, vorher ein bekennender Berufspessimist, optimistisch zu denken. Denn ich merkte ja fast täglich, dass sich all meine Probleme so langsam lösten. Nicht nur die direkt alkoholbedingten, auch die Folgeprobleme. Also z. B. die Schulden die sich angehäuft hatten. Plötzlich hatte ich eine Plan sie abzutragen und der schien sogar zu funktionieren usw.

    Aber, wie schon gesagt, alles zu seiner Zeit. Hätte ich mich gleich am Anfang um alles gekümmert so wäre ich sicher völlig verzweifelt an der Größer dieser Aufgabe. So habe ich gelernt, dass ein Leben von heute auf morgen, zumindest temporär, auch mal eine ganz gute und positive Sache sein kann. Und dass vieles was man an möglichen oder wahrscheinlichen Szenarien im Kopf hat oft ganz anders kommt, wenn man es auf sich zu kommen lässt.

    Liebe Leile, jetzt habe ich mich etwas verquatscht. Eigentlich wollte ich Dir nur meinen Respekt ausdrücken für Deine Tatkraft und Dich motivieren weiter ganz konsequnt an Dir zu arbeiten. Dann wirst Du da raus kommen. Egal ob Deine Ärztin nun Erfahrung hat oder nicht oder ob sie Dich ernst nimmt oder nicht. Solange Du Dich ernst nimmst und vor allem auch Deine Krankheit, solange hast Du beste Chancen Deine Sucht zu überwinden. Das es sich mehr als lohnt brauche ich wahrscheinlich nicht mehr zu schreiben.

    Ich freue mich wieder von Dir zu lesen.

    LG
    gerchla

    Liebe Leila,

    ich will Dir gleich mal auf das was Du geschrieben hast eingehen. Erst mal dazu:

    Zitat

    Du hast alles „ sehr raffiniert „hinbekommen.
    Umso schlimmer stelle ich mir dann den Schritt vor sich zu outen.


    Ja, schlimmer geht fast nimmer. Das ich so lange heimlich getrunken habe ist ja nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist bzw. war, dass ich ja für alle der tolle Familienvater war, der auch noch sehr erfolgreich im Berufsleben war, der durch Deutschland und Europa und sogar den Rest der Welt gereist ist und immer alles im Griff hatte. Tatsächlich war ich bis zum Schluss beruflich erfolgreich (wobei das nicht mehr lange gut gegangen wäre) aber einen guten Teil meiner Dienstreisen gab es gar nicht. Da hatte ich mir ein kleines Doppelleben aufgebaut, ein nettes Zimmerchen wo ich trinken konnte so viel und so lange ich wollte usw.

    Meine Familie jedoch kannte nur den, der heldenhaft erfolgreich war. Jetzt war ich auch als Trinker kein Aufschneider oder Angeber (wenigstens das nicht), aber ich musste ja trotzdem erzählen wo ich war, was ich gemacht hatte usw. Die Hälfte stimmte, die andere war frei erfunden. Egal wie, es war mehr als hart. Aber ich habe, als die Entscheidung nicht mehr zu trinken gefallen war, KEINE SEKUNDE daran gezweifelt, dass ich es allen (wichtigen) Menschen sagen werde. KEINE SEKUNDE - es war mir logisch das es anders nicht geht. Ich habe dann eher lange überlegt, wem ich es als erstes sage, also nach meiner Frau und meinen Kindern, die hatte ja quasi die Live-Show an besagtem Abend.

    Zitat

    Und genau daran liegt der Fehler, denn wenn ich so heimlich dadurch gekommen bin, warum dann nicht einfach so heimlich aufhören.

    Und da musst Du höllisch aufpassen. Diese Sucht ist mega stark. Sie wartet nur darauf, dass Du ihr die Gelegenheit gibst wieder zuschlagen zu können.Ich war z. B. nach der Geburt meiner 1. Tochter fast ein Jahr lang alkoholfrei. Eben wegen meiner Tochter (hier liegt schon mal ein grundsätzlicher Fehler weil man idealerweise für sich selbst trocken wird). Eine lächerliche, wirklich lächerliche Situation bei der ich "nur" ein Biermischgetränk zu mir nahm, brachte mich binnen weniger Wochen wieder auf die Spur. Heimlich aufhören wollen ist eine ganz schlechte Idee, bei mir hat es nie funktioniert.

    Zitat

    Dadurch habe ich meine große Liebe verloren, und habe mich letztendlich ihr davor geoutet.

    Vielleicht war das Dein Schlüsselerlebnis. Dann darfst Du in der Tat dankbar sein. Viele haben das nicht, kommen erst gar nicht dazu. Trinken einfach weiter, finden es normal, reden es sich schön und gehen dann langsam unter. Das ist die Mehrheit der Alkoholiker. Der kleinere Teil hat ein Schlüsselerlebnis, welches ganz unterschiedlich sein kann. Bei Dir war es vielleicht der Verlust Deiner großen Liebe. Bei anderen ist es ganz banal der Verlust des Führerscheins oder des Arbeitsplatzes. Und bei wieder anderen macht es einfach Klick. So wie es bei mir im Grunde ja auch war.

    Zitat

    Durch meinen neuen Freund, dem ich das natürlich noch nicht sagen kann, aber werde, sobald ich in einer SHG oder sonstiges bin, habe ich neuen Mut.

    Es ist schön jemanden zu haben, der einen Unterstützen kann. Ich möchte Dir aber eines gerne sagen, weil ich das so meine und aus meinen Erfahrungen heraus so sehe: Werde nicht für Deinen neuen Freund trocken sondern ausschließlich für Dich. Wenn Du zu einem zufriedenen Leben ohne Alkohol finden solltest, dann wird Deine ganze Umwelt davon profitieren. Natürlich auch Dein Freund. In erster Linie aber DU SELBST. Es ist meiner Meinung nach so wichtig, dass Du Dich selbst in den Fokus nimmst. Du stehst jetzt vor etwas ganz großem. Und, wenn Du es richtig und konsequent angehst, auch vor etwas ganz großartigem.

    Ja, Du solltest Deinen Freund einweihen. Du wirst sehen wie er reagiert. Vielleicht stellst Du Dich auch darauf ein, dass er erst mal schluckt... Ich wünsche Dir, dass er diesen Weg mit Dir geht, er wird Dir sicher eine Hilfe sein können. Erwarten kannst Du das aber nicht von ihm. Weißt Du, ich habe ja mittlerweile wieder geheiratet und ich bin ein sehr glücklicher Mensch. Meine jetzige Frau weiß natürlich von meiner Geschichte. Und als ich ihr das damals erzählt habe wusste ich nicht, ob sie mit einem trockenen Alkoholiker zusammen leben möchte oder nicht. Sie hatte in ihrer eigenen Familie große Probleme mit Alkohol, sie wusste (bzw. weiß) wie der Hase läuft. Ich hätte auch akzeptieren und verstehen müssen, wenn sie damals gesagt hätte: Tut mir leid, dafür bin ich nicht stark genug.

    Zitat

    Was dir mit deiner Ehe passiert ist, tut mir schrecklich leid aber im Nachhinein sieht man alles erst zu spät. Du sagst du hattest an diesem Punkt dann dein erstes Treffen.
    Bist du trotz Scheidung dann weiterhin abstinent geblieben?

    Für das was in meiner Ehe negatives passiert ist war (fast) ausschließlich ich verantwortlich. Ich weiß nicht ob Du meine Geschichte anderweitig schon mal mitbekommen hast. Ich war es, der sich getrennt hat und zwar nachdem ich trocken wurde. Ich bin diesen Weg gegangen weil ich mir sicher war, dass ich nicht abstinent bleiben würde, wenn ich weiter mit meiner damaligen Frau zusammen leben würde. Ich bin auch heute noch davon übezeugt, dass es für mich der richtige Schritt war. Es tut mir noch heute unendlich leid für meine Frau. Ich gab ihr nicht mal die Chance unsere Beziehung zu retten. Aber das konnte ich nicht, denn ich wusste das früher oder später wieder trinken würde. Und das wäre das allerschlimmste was passieren hätte können. Für Sie, für meine Kinder und für mich.
    Besonders schlimm war die Trennung von meinen Kindern. Diese Zeit war die Hölle. Sollte ich jemals einen Grund gehabt haben zu saufen, dann wäre das der Zeitpunkt gewesen. Diese Wochen und Monate werde ich nie vergessen. ABER: Es gibt einfach keinen Grund zum Trinken, denn es hilft absolut nichts. Und dessen war ich mir bewusst. Deshalb schreibe ich auch hier manchmal, dass man manche (auch schlimme) Gefühle bewusst erleben sollte, dass man sie zulassen sollte, dass man da durch gehen sollte um dann gestärkt daraus hervor zu gehen. Hätte ich in dieser Phase wieder getrunken, es wäre alles wieder zusammen gebrochen. Nichts hätte sich gelöst oder verbessert. Alles wäre nur noch schlimmer geworden. Wieder zu trinken war selbst zu dieser Zeit nie eine Option für mich.

    Und deshalb habe ich auch heute ein gutes Verhältnis zu meiner ersten Frau, meine Kinder aus erster Ehe ein gutes, sehr gutes Verhältnis zu meiner jetzigen Frau. Das hat ein paar Jahre gedauert. Ich musste zeigen, dass ich ein anderer Mensch war als der der den sie kannte. Kaputtes Vertrauen musste wieder aufgebaut werden. Hätte ich wieder getrunken wäre nichts von alledem möglich gewesen.

    Zitat

    Ich werde dann berichten. Vielen Dank für deine Geschichte und deine Antwort. Es hat mir sehr geholfen.

    Ich freue mich sehr, wenn Du hier berichtest. Wenn Du Fragen hast, dann einfach stellen. Und natürlich freue ich mich auch, wenn meine Geschichte Motivation für Dich ist.

    Nimm Dein Leben wieder in Deine Hand. Es lohnt sich, das darfst Du mir glauben.

    LG
    gerchla

    Hallo Leila,

    schön das Du hier bist.

    Ich bin Ende 40, Alkoholiker und lebe jetzt schon viele Jahre ohne Alkohol.

    Ich möchte Dir einfach nur mal kurz erzählen, wie das damals bei mir war. Ich trank über 10 Jahre lang abhängig. Wahrscheinlich eher gegen 15. Ganz genau kann ich nicht mehr sagen, wann letztlich der Schalter umgelegt wurde. Viele dieser Trinkerjahre verliefen relativ problemlos. D. h. in meinem Fall, dass ich täglich getrunken habe und trotzdem recht gut funktionierte. Ich möchte noch dazu sagen, dass ich fast meine ganze Trinkerzeit heimlich trank. Wie gesagt, viele Jahre liefen problemlos wobei sich meine Trinkmenge nach und nach steigerte. Waren es mal 2 oder 3 Bier am Tag wurden es nach und nach 3 oder 4, dann 5, dann 6 usw.

    Je höher die Trinkmenge wurde, desto mehr veränderte ich mich. Erst psychisch, dann auch körperlich. Die letzten paar Jahre waren dann die Hölle. Ich trank bereits nach dem Aufstehen, die Menge war sehr hoch und überall zwickte und zwackte es. Psychisch war ich ein Wrack.

    Bereit in der "noch guten" Trinkerzeit versuchte ich mehrmal damit aufzuhören. Ich dachte mir immer: Du trinkst ja heimlich, da kannst Du auch "heimlich" aufhören, dann ist es so, als ob nie was gewesen wäre - eine WIN-WIN-Situation sozusagen. Nur leider hat das nie funktioniert. Es wurden immer nur Trinkpausen daraus. Manche davon waren sehr lang, mehrere Monate, andere dann kürzer, einige Woche, dann ein paar Tage und irgendwann war ich nicht mehr in der Lage (und auch nicht mehr Willens) überhaupt auch nur einen Tag zu verzichten.

    Heute weiß ich, dass meine damaligen Versuche gar nicht funktionieren konnten. Denn diese Sucht ist viel zu mächtig, als dass man sie mal so heimlich nebenher beenden könnte. Aber das war mir damals natürlich noch nicht klar.

    Ich schreibe Dir diese kleine Geschichte von mir, damit Du sie vielleicht mal mit Deiner eigenen Situation vergleichen kannst. Ich mach mal weiter. Ich war dann also, nach mehreren gescheiterten Versuchen aufzuhören, an dem Punkt, dass ich gar nicht mehr aufhören wollte. Diese Phase dauerte etwa 2 Jahre. Ich nenne es meine Endphase. Da war ich psychisch am Ende (ich erwähnte es bereits) und begann auch mich körperlich massiv zu verändern. Wenn ich mir heute Fotos von damals ansehe, dann bin ich manchmal regelrecht geschockt. Da sehe ich dann mit den Augen von heute einen richtig kranken Menschen, dem man seine Krankheit wirklich sehr angesehen hat.

    Wie gesagt, ich wollte gar nicht mehr aufhören. Ich dachte mir damals, das weiß ich noch genau, irgendwie wird schon irgendwann mal irgendwas passieren. Und mir war's ziemlich egal was da wie passiert. Eines Tages stellte mich meine damalige Frau wegen einer schlimmen Sache die ich getan hatte zur Rede. Wie schon oft vorher. Es traf mich wie ein Blitz, aber ich wusste plötzlich: Das war's jetzt, jetzt ist es vorbei, jetzt machst Du reinen Tisch. So geschah es dann. Anstatt mich aus dieser Situation heraus zu lügen, wie ich das unzählige Male vorher getan hatte (und was auch in diesem Fall sicher wieder funktioniert hätte), erklärte ich ihr, dass ich Alkoholiker bin. Sie fiel aus allen Wolken, dann ich trank ja wie gesagt heimlich und war scheinbar sehr gut darin.

    Ich muss wohl nicht erwähnen, dass meine Ehe zu diesem Zeitpunkt bereits an die Wand gefahren war. Hätte sie richtig funktioniert hätte meine Frau wohl schon bemerkt, dass ich ein massives Alkoholproblem hatte. Aber ich hatte eben ein großes Lügenkostrukt aufgebaut und führte auch ein Doppelleben und wir lebten wohl ziemlich nebeneinander her. Die zahlreichen Versuche ihrerseits zu verstehen was da eigentlich mit mir los war, blieben immer erfolglos. Ich ließ nicht zu, dass sie meine Alkoholwelt zerstörte.

    Bis zu diesem besagten Moment, der völlig ungeplant eintrat. Und dann gings wie folgt: nach 24 h, also an meinem ersten alkoholfreien Abend seit ich weiß nicht wie vielen Jahren war ich in einer SHG der AA. Von diesem Zeitpunkt an dann quasi täglich, denn wir hatten dort tatsächlich ein tägliches Angebot an Gruppentreffen. Ich ging zur Suchtberatung und ich ging zum Arzt. Der Arztbesuch kam aus meiner heutigen Sicht etwas zu spät, denn da verging über eine Woche. Ich hatte also bereits kalt entzogen ohne mir darüber bewusst gewesen zu sein, dass ich hier im schlimmsten Fall sogar mein Leben hätte verlieren können. Ich hoffe, Du bist Dir darüber im Klaren, dass Du Dich mit der Art wie Du es gerade machst in eine nicht kalkulierbare Gefahr begibst.

    Aber weiter im Text. Also Arztbesuch. Da bekam ich Medikamente, die ich nehmen konnte (sollte), wenn ich Probleme bekäme. Ich kam ohne durch. Dann vereinbarte ich einen Termin bei Psychologen, denn Alkoholsucht ist doch letztlich eine psychische Erkrankung und ich wollte auch jemanden, mit dem ich über meine psychischen Probleme reden konnte. Leider hatte ich da 7 Wochen Wartezeit.

    Diese Wartezeit überbrückte ich u. a. mit meinen Besuchen in der SHG. Hier waren Menschen, die hatten ähnliches erlebt wie ich. Ich traf auch auf Menschen, die noch viel tiefer gefallen waren als ich. Dort lernte ich auch erst mal die Basics über meine Erkrankung. Ich hatte ja keine Ahung. Langsam begann ich dann erst mal zu verstehen, dass man diese Sucht nicht einfach so überwinden kann.

    Irgendwann war's dann soweit und ich hatte meinen ersten Termin beim Psychologen. War ein Desaster aus meiner damaligen Sicht. Trotzdem ging ich weiter hin, warf nicht die Flinte ins Korn. Gleichzeitig suchte ich aber nach Alternativen, ich wollte ja weiter voran kommen. Mit der Aufarbeitung, der Überwindung meiner Sucht. Etwas abgefahren war das dann, denn ich ging zu einem Mönch. Die Geschichte im Detail würde jetzt hier den Rahmen sprengen. Jedenfalls war dieser Mensch dann derjenige, der mir am allermeisten geholfen hat. Zahlreiche Gespräche brachten mich Stück für Stück weiter und auch heraus aus meiner Sucht. Ich möchte erwähne, dass das alles nicht mit Religion oder so zu tun hatte. Ich war damals überhaupt nicht religiös, eher im Gegenteil. Egal wie, dieser Mönch wusste wo und wie er mir helfen konnte und tat das auch. Und ich forderte es ein und wollte es ebenfalls, bedingungslos. Denn ich hatte ein Ziel: Nie mehr trinken!

    Vielleicht stellst Du Dir jetzt die Frage, warum ich Dir das alles so ausführlich geschrieben habe. Ich denke, es könnte Dir Anregungen geben Deinen Weg zu finden. Ich denke Du hast es verdient, dass Du jetzt, wo Du offenbar wirklich für die Dich Entscheidung getroffen hast weg vom Alkohol zu wollen, möglichst viele Anregungen, Geschichten, Informationen bekommst, die es Dir ermöglichen Deinen eigenen Weg zu finden. Ich möchte Dich dazu ermutigen Deine Angst oder vielleicht auch Scham zu verlieren oder einfach abzulegen, die Du scheinbar vor Hilfe von außen hast. Sieh Dir doch mein Beispiel an!

    Keiner der Menschen die mir von außen halfen, egal ob Arzt, Psychologe, Mönch oder Freunde aus der SHG haben mir jemals irgend einen Vorwurf gemacht. Haben jemals irgendwie verächtlich reagiert. Ganz vergessen habe ich meinen besten Freund, der ebenfalls eine große Rolle spielte. Auch mit ihm führte ich ewig viele Gespräche. Auch hier nie ein Vorwurf, nie eine Verachtung. Im Gegenteil, ich erlebte eigentlich immer das Gegenteil: Die Menschen zollten mir Respekt, dass ich diesen Weg jetzt gehe.

    Lass Dir helfen, nimm Dir alle Hilfe die Du bekommen kannst und probiere sie aus! Du wirst wahrscheinlich bemerkten, dass nicht alles was es da so auf dem "Markt" gibt für Dich das Richtige ist. Oder das manche Hilfsangebote für eine bestimmte Zeit prima sind und irgendwann aber nicht mehr passen (so war es bei mir z. B. mit meiner SHG). Aber wenn Du es nicht probierst, wirst Du es nicht wissen. Und Du kannst dabei so viel über Dich und Deine Sucht lernen. Das halte ich für sehr wichtig, denn es ist, ich wiederhole mich, eine verdammt schwere und auch heimtückische Krankheit.

    Und, was auch ganz wichtig ist, überlege Dir mal, vor wem Du Dich outen möchtest. Ich halte es für enorm wichtig, dass Dein näheres Umfeld bescheid weiß. Man muss seine Sucht nicht jedem auf die Nase binden, manchmal kann das sogar kontraproduktiv sein. Das enge, das nahe Umfeld sollte jedoch Bescheid wissen. Bei mir waren das meine engen Freunde (waren ohnehin kaum welche übrig) meine Geschwister, Eltern, Kinder, Frau. Ohne dieses Outing, das natürlich verdammt schwer war, hätte ich mir ein Hintertürchen offen gehalten. Wie die vielen Male vorher auch. Den Leuten Bescheid zu geben war einer der wichtigsten (auch schwersten) Schritte auf meinem Weg heraus.

    So, das war's dann est mal von mir. Alles Gute wünsche ich Dir und einen guten Austauch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo m1965,

    ich will Dir mal noch ein paar Gedanken von mir mitteilen. Und zwar dazu:

    Zitat

    Für mich würde ich allgemein gerne das dumpfe Gefühl heraufziehenden Unheils loswerden.


    Kann ich gut nachvollziehen. Mir scheint, bei Dir gibt es zwei Dinge, die da relevant sind: einmal Dein eigenes Trinkverhalten. D. h. die Angst Du könntest in die Sucht abrutschen. Mein Gefühl ist, jedoch wirklich nur ein Gefühl, dass Du zwar missbräuchlich trinkst (getrunken hast) jedoch scheinbar noch gut in der Lage bist es zu steuern. Das würde bedeuten,dass Du (noch) nicht süchtig bist. D. h. auch, dass Du zu einem "normalen" Trinkverhalten zurück finden kannst. Sicher besteht immer die (erhöhte) Gefahr, dass Du Deinen Konsum wieder steigerst (weil gelernt ist gelernt), wenn Du jedoch konsequent bist und bleibst, dann wirst Du es kontrollieren können. Weil Du eben nicht süchtig bist. Ich möchte nochmal sagen, dass ich das natürlich alles nicht sicher sagen kann. Aber so wie Du Dich beschreibst scheinst Du noch rechtzeitig aufgewacht zu sein.

    Und dann natürlich noch die andere Seite, von der Unheil aufziehen könnte. Deine Frau. Hier schreibst Du ja folgendes:

    Zitat

    Meine Frau konnte / kann meine Reduktions-Agenda einerseits nicht nachvollziehen, hat aber indirekt schon eingestanden, dass unser Konsum nicht in Ordnung war, indem sie inzwischen nur noch am WE Alkohol zu sich nimmt. Das auch nur für einige Zeit ebenfalls zu lassen, ist überhaupt keine Option für sie, 100% abgeschmettert.


    Das hört sich jetzt nicht so toll an. In Kombination mit dem was Du sonst noch so geschrieben hast über ihr Verhalten hört sich das gar nicht gut an. Es könnte also sein, dass sie bereits süchtig ist. Dann ist es leider so, dass nur noch absolute Abstinez aus dieser Spirale herausführen könnte. Also so, wie das z. B. bei mir auch der Fall war. Dazu allerdings müsste Deine Frau das auch wollen. Also von sich aus. Sie müsste erst mal sagen: Ja ich habe ein großes Problem, ja ich habe es nicht mehr unter kontrolle und ja, ich will daran etwas ändern, ich möchte nicht mehr trinken.

    Was ich bisher lese hört sich ganz anders an. Es könnte sein, es vielleicht sogar wahrscheinlich, dass Deine Frau den Weg geht, den ich auch gegangen bin. Sie beginnt heimlich zu trinken. Du baust Druck auf, sie will oder kann Deinen Weg nicht mitgehen, sie wählt den Weg des heimlichen Trinkens. Warum auch immer. Ich tat es damals um Ruhe zu haben. Da bei mir aber die Grundvoraussetzugen ganz anders waren als bei Dir und Deiner Frau hatte ich dann auch wirklich Ruhe. D. h. bei mir hat niemand vermutet das ich heimlich trinken könnte. Und so konnte ich viele viele Jahre trinkend verbringen und bin dabei immer tiefer hinein gerutscht.

    Bei Dir liegt hier jetzt natürlich ziemlich viel Zündstoff. Denn Du weißt ja was Sache ist, Du weißt wie der Hase läuft. Ich möchte Dir auch sagen, dass es auch für Dich nicht gesund ist, wenn Du Deine Frau permanent misstrauisch beäugst und vielleicht sogar überwachst. Mit dem Ziel heraus zu finden ob sie jetzt etwas getrunken hat oder nicht. Ich meine, überlege doch mal, wohin soll das denn führen bzw. was soll das denn letztlich bringen?

    Es wird Dir /Euch nichts anderes als Zoff bringen. Denn wenn sie trinken will, dann will sie trinken. Und das ist übrigens auch ihr gutes Recht. Sie bestimmt nur über ihr Leben. So wie Du über Deines. Was ich sagen will ist: Du kannst Deinen Weg gehen, Du kannst z. B. zukünftig während der Woche auf Alkohol verzichten und z. B. nur noch auf Feiern mal was trinken. Das wäre dann sozusagen ein relativ normales Trinkverhalten. Das kannst Du alles so machen, sofern Du tatsächlich nicht süchtig bist (siehe oben). Deine Frau jedoch kann das nicht (sofern sie süchtig ist) oder sie will es nicht.

    Und jetzt?

    Jetzt ist guter Rat teuer.

    Ich versuch's trotzdem mal. Versuch doch mal die 2-Monate ohne Alkohol Geschichte zu realisieren. Vielleicht lässt sie sich ja doch darauf ein. Ich vermute aber, dass sie das nicht möchte oder aber den Ausweg des heimlichen Trinkens wählt.
    Dann bliebe Dir die Option, Dein "Ding" durchzuziehen. Dazu würde ich Dir dann ehrlich gesagt auch raten. Wenn Dir das alles so gelingt wie Du es planst und Du das über einen langen Zeitraum problemlos so hinbekommst, dann hast "Deine Baustelle" erst mal weg. Aber Du hast dann wahrscheinlich eine Alkoholikerin als Frau. Und hier braucht es dann wiederum einen anderen Plan. Du hast ja schon angekündigt, dass Du z. B. zuhause nichts mehr trinken würdest um sie sozusagen zu unterstützen in ihrer Abstinenz. Das ist natürlich sehr hilfreich, jedoch müsste sie ja erst mal nichts mehr trinken wollen. Aktuell sieht das ja alles ganz anders aus bei Euch.

    Es ist für mich also wirklich sehr schwer hier irgendwas zu raten. Ich würde aber immer sagen, dass man erst mal bei sich selbst anfangen sollte. Erst mal um sich selbst kümmern und mit sich selbst ins Reine kommen. Und dann ergeben sich die "anderen Sachen" oft von alleine. So sind jedenfalls meine Erfahrungen. Was Du tust, dass hast Du selbst in der Hand. Was Deine Frau macht, das liegt nicht in Deiner Hand. Dafür ist sie verantwortlich.

    Ich wünsche Dir auf jedenfall alles alles Gute.

    LG
    gerchla

    Liebe Sunrise,

    ich wollte Dir einfach nur sagen, dass ich mich sehr gefreut habe als ich gesehen habe, dass Du wieder geschrieben hast. Und ich wünsche Dir in Bezug auf Deine (andere) Krankheit, die Dich ja auch noch beschäftigt, alles alles Gute.

    Zum Thema Co-Abhängigkeit will gerade mal nichts schreiben. Ich glaube, da hast Du ja jetzt schon ganz viel Input bekommen und Du bist ja gerade noch dabei das alles für Dich zu sortieren und einzuordnen.

    Schön, dass Du hier im Forum wieder aktiv bist. Alles Gute und bis bald mal.

    LG
    gerchla

    Hallo m1965,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich bin m1969, also noch Ende 40, Alkoholiker und lebe jetzt schon länger ohne Alkohol.

    Ich möchte gleich mal dazu was sagen:

    Zitat

    Was ratet ihr als nächsten Schritt?

    Um diese Frage beantworten zu können fehlt mir das Wissen darüber, was Du eigentlich erreichen möchtest. Du schreibst ja, dass ihr beide, also auch Du, gerne Alkohol trinkt. Offensichtlich hattest Du aber irgendwie die Erkenntnis, dass Dein Konsum zu hoch sein könnte und steuerst deshalb dagegen. Und, wenn ich das richtig interpretiere, funktioniert das bei Dir auch. Bitte korrigiere mich, wenn ich da falsch liegen sollte. Du trinkst jetzt unter der Woche gar keinen Alkohol mehr und am Wochenende nach wie vor? Oder nur zu Feiern? Darf ich fragen, wie es Dir damit geht? Ich meine jetzt besonders bezogen auf Deine Psyche. Kannst Du problemlos verzichten oder ist es ein Kampf für Dich? Denkst Du ständig an Alkohol oder hast Du weiter kein Problem damit einfach nichts zu trinken?
    Ich frage das nur, um ein wenig besser einschätzen zu können, in welcher Situation Du Dich bezogen auf eine Alkoholsucht befindest. Und dann wäre da für mich noch die ganz große Frage, was eigentlich Dein Plan ist: Willst Du weiterhin trinken, also im reduzierten Maße, sozusagen kontrolliert oder strebst Du eine komplette Abstinenz an?

    Das alles hat ja jetzt erst mal nichts mit Deiner Partnerin zu tun. Was Du von ihr so beschreibst klingt für mich natürlich auch nach einem ordentlichen Alkoholproblem. Aber ich kann natürlich nicht sagen, ob sie "nur" Missbrauch betreibt oder bereits alkoholsüchtig ist. Genausowenig kann ich das bei Dir einschätzen. Offensichtlich ist es aber bei Deiner Partnerin eher so, dass nicht so recht nachvollziehen kann, warum Du da jetzt so eine Nummer mit reduziertem Trinken abziehst und was das ganze eigentlich soll. Und während es bei Dir funktioniert und Du tatsächlich reduzierst, scheint Deine Partnerin heimlich weiter zu trinken. So zumindest Dein Verdacht, der nicht ganz unbegründet sein muss. Es würde schon ganz gut passen. Auch iihre Reaktion, dass sie dann hoch geht, wenn Du sie ansprichst, könnte eher dafür sprechen, dass Du den wunden Punkt genau getroffen hast.

    Natürlich ist guter Rat teuer. Ganz ehrlich will ich sagen, dass ich denke, dass Du Dir selbst erst mal im Klaren sein musst, wo Du eigentlich hin willst. Wenn Du reduziert weiter trinken möchtest und das auch kannst, weil Du noch nicht süchtig bist, dann "bietest" Du natürlich Deiner Partnerin weiterhin eine alkoholische Plattform. Sie kann dann mit Dir trinken, soll halt auch reduzieren. Wenn sie das aber nicht mehr kann (oder will) weil sie z. B. bereist süchtig ist, dann liegt darin natürlich ein enormes Konfliktpotenzial. Wo ich auch keine einfache Lösung sehe.

    Ich mach mal einen Vorschlag: Um heraus zu finden wo ihr beide eigentlch steht, wäre es doch mal eine gute Idee, einfach mal einen längeren Zeitraum gar nichts mehr zu trinken. Nehmt Euch doch beide mal vor, sagen wir mal 2 Monate keinen Tropfen Alkohol zu trinken. Das ist dann eine ganz klare Regelung. Und dann auch ohne Ausnahmen (Feier, etc.).

    Und dann schaut Ihr mal, was da so passiert bzw. ob ihr es beide schafft oder z. B. nur Du. Oder auch beide nicht. Danach, so glaube ich, seit Ihr erst mal ein Stück weiter was Eure aktuelle Situation in Bezug auf den Alkohol betrifft. Und könnt anschließend neue Entscheidungen treffen. Wenn Ihr beide kein Alkoholproblem habt, dann wird das für Euch gar kein Problem sein. Jeder "normale" Mensch kann ohne weiteres mal 2 Monate auf Alkohol verzichten ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden. Es wäre ein guter Test um heraus zu finden was eigentlich Sache ist.

    Wichtig wäre mir in diesem Zusammenhang noch der Hinweis auf die Gefährlichkeit eines kalten Entzugs. Sollte also jemand von Euch bemerken, dass es zu Nebenwirkungen kommt weil er nicht trinkt, dann würde ich lieber wieder oder weiter trinken als die Gefahr eines kalten Entzugs mit den im schlimmsten Fall sogar tödlichen Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. Ideal wäre es, das ganze von Anfang an ärztlich begleitet zu unternehmen. Das wollte ich einfach noch sagen, weil ich es für sehr wichtig halte.

    Ansonsten kann ich nichts weiter sagen. Ich wünsche Dir / Euch auf jeden Fall, dass Ihr einen (gemeinsamen) Weg findet. Alles Gute und einen guten Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Nadine,

    ich möchte noch ein paar Anmerkungen zu Deiner Situation machen.

    Zitat

    Aber Probleme ansprechen? Das gibt es bei uns nicht und wurde auch noch nie gemacht. Nur nicht die „heile Welt“ kaputt machen.


    Das kenne ich sehr gut. Aus meiner eigenen Kindheit und Jugend. Mein Vater hat sein Leben lang kritisch getrunken. Er war und ist immernoch einer von denen, die (solange ich denken kann) Alkoholmissbrauch betreiben, jedoch nie komplett in die Sucht abgerutscht sind. D. h. es gab Zeiten, da war es wirklich schlimm und er kam täglich mehr oder weniger betrunken nach Hause und dann wieder Zeiten, wo er zwar auch trank, jedoch wesentlich weniger und, ich sage jetzt mal, sehr verträglich war.

    Auch konnte er immer verzichten, wenn er das musste. Also z. B. weil er noch Auto fahren musste oder so. Aber, es gab eben Zeiten, wo sein Konsum durchaus ein Problem war für uns in der Familie. Und, genau wie Du es von Dir beschreibst, es wurde NIE thematisiert, nie angesprochen. Auch andere, "ganz normale " Probleme wurden nicht thematisiert. Unsere Familie hat immer alles irgendwie im Griff gehabt, vermeintlich. Ich erinnere mich daran, dass mein Opa (sein Vater) mal zu mir sagte: Sag doch deinen Vater mal er soll nicht soviel trinken! Da war ich Jugendlicher. Sein eigener Vater hatte nicht den Mum es ihm zu sagen....

    Tatsächlich habe ich dann bei der Aufarbeitung meiner eigenen Sucht dieses Verdrängen von Problemen als einen Grund für mein eigenes Abrutschen gesehen. D. h. ich habe es nicht gelernt mit Problemen umzugehen, sie anzusprechen, sie zu lösen. Denn es gab ja keine und wenn dann wurden sie ignoriert. Und um mir Ruhe und Entspannung zu verschaffen trank ich dann halt. Und tatsächlich dachte ich oft, wenn ich meinen Pegel hatte, alles wird gut werden. Bis zum nächsten Morgen. Und so kam es dann eben zu diesem Kreislauf. Das ist jetzt sehr vereinfacht und natürlich war das bei mir bei weitem nicht der einzige Grund, weshalb ich in die Sucht gerutscht bin. Das ganze ist viel komplizierter. Aber dieses Probleme ignorieren war schon ein wichtiger Punkt.

    Ich würde Dir empfehlen, Dich wirklich erst mal ganz offen mit Deinem Vater und Deinen Geschwistern auszutauschen. Redet doch Ihr erst mal untereinander miteinander! Schau mal was da dann passiert, wie sie damit umgehen. Ihr habt ein gutes Verhältnis, wenn ich das richtig interpretiere. Da kann man doch mal offen miteinander sprechen. Vielleicht musst da nicht so einsam und allein an die Sache ran gehen. Vielleicht könnt Ihr auch gemeinsam etwas erreichen.

    Was eine reale SHG betrifft: München, na das ist doch wunderbar! Eine große Stadt, ein gutes Angebot. Lass Deine Ängste sausen, Du bist jetzt hier doch auch in einer SHG. Dort sitzt Du dann zwar den Menschen real gegeüber, aber das sind doch alles Menschen, die Dein Schicksal teilen. Und genau darum kann dieser Austausch für Dich so wertvoll sein. Und, wenn Du Dich wirklich nicht wohl fühlst, dann zwingt Dich doch niemand da wieder hin zu gehen. Ich glaube halt, dass Du wirklich jede Hilfe brauchen kannst. Deine Mutter ist süchtig, Du bist das Kind einer Alkoholikerin, sowas ist ja keine Lapalie. Das ist doch etwas, was extrem belastet, wo man lernen muss, wie man damit umgehen kann um keine dauerhafte Belastung für das eigene Leben zu haben.

    LG
    gerchla

    Hallo Nadine,

    erst mal herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich stelle mich mal kurz vor: Ich bin Alkoholiker, Ende 40 und trinke jetzt schon längere Zeit keinen Alkohol mehr.

    Ich will Dir einfach mal meine Gedanken zu Deinen Zeilen da lassen:

    Erst mal finde ich es ganz prima, dass Du Dir in dieser Situation Hilfe suchst. Du bist jetzt hier bei uns im Forum gelandet, vielleicht denkst Du auch noch mal darüber nach ob Du nicht anderweitig noch ein wenig Hilfe bekommen kannst. Es gibt z. B. auch Selbsthilfegruppen für Angehörige. Ob es da was ein Deiner Nähe gibt weiß ich natürlich nicht, wenn Du jedoch eine etwas größere Stadt in Deinem Umfeld haben solltest ist das auf jeden Fall sehr wahrscheinlich.

    Was ich auch sehr gut finde ist, dass Du offenbar auch genau erkannt hast, dass Deine Mutter krank ist. Nämlich Alkoholkrank, wie Du ja selbst schreibst. In wieweit sie jetzt tatsäschlich krank ist, also bereits süchtig oder ob sie sich vielleicht noch in einem Stadium des Missbrauchs befindet, kann ich nicht beurteilen. Da Du aber ja von vielen Jahren sprichst, wo dieses Problem auftritt, ist die Wahrscheinlichkeit einer Sucht natürlich stark gegeben.

    Du hast eine gute Einschätzung der Lage wenn Du schreibst, dass Du nicht weißt wieviel sie trinkt. Denn, es ist sicherlich so wie Du denkst, die 3 - 4 Bier die Du /Ihr sichtbar mitgekommt sind sicherlich nicht alles. Es ist gut möglich, dass diese sogar nur die Spitze des Eisbergs sind. Ich nehme da mal Bezug auf mich selbst. Ich trank größtenteils heimlich. Wenn man mich mal mit einem Bier gesehen hat, dann meist zu entsprechenden Gelegenheiten, also z. B. eine Familienfeier, mal im Urlaub, Silvester ö.ä. Dann aber auch nur mit ein oder maximal zwei Bieren oder mal ein Glas Wein.

    Defakto brauchte ich aber in meiner Glanzzeit mindestens 8 Bier, lieber jedoch 10 oder 12 oder noch mehr. Pro Tag. Und genau diese trank ich auch, aber natürlich heimlich. Deine Mutter geht in den Keller. In den bin ich auch gegangen. Da das auf Dauer aber sehr auffällig geworden wäre, hatte ich noch ganz viele andere Verstecke. Im Garten, im Auto, im nahegelegenen Wald usw. Und natürlich habe ich auch jede Gelegenheit genutzt wenn ich außer Haus war. Kein Einkauf bei dem ich auf dem Hin- und Rückweg nicht 3 oder 4 Bier getrunken hätte. Keine Heimfahrt aus der Arbeit, wo ich nicht mindestens 2 Bier im Zug auf die Schnelle getrunken hätte. Was ich Dir sagen will: mach Dir keine Gedanken über die Trinkmengen, sie sind letztlich nicht das Allentscheidende. Entscheidend ist, dass Deine Mutter wahrscheinlich alkoholabhängig ist, ganz egal auf welchem Niveau sie aktuell trinkt.

    Eine Erklärung, wie sie in diese Abhängigkeit gerutscht sein könnte, hast Du ja auch schon parat. Aber dieses Wissen, diese "Erklärung" hilft Dir als betroffenes Kind nicht weiter. Denn, und das sage ich jetzt als Alkoholiker, das alles was Deine Mutter da mitgemacht hat ist kein Freibrief um sich in eine Alkoholsucht zu stürzen. Aber, das will ich auch sagen, es ist eine Erklärung wie es dazu kommen konnte. Überforderung, psychische Belastung, Dauerstress und da kann man dann schon mal auf die Idee kommen sich mit Alkohol zu entspannen. Denn unsere Gesellschaft funktioniert ja genau so. Und die Werbung zeigt uns ja auch, wofür wir den Alkohol so wunderbar verwenden können. Und leider ist es ja auch so, dass der Alkohol temporär gut helfen kann. Aber halt nur temporär, denn Probleme lassen sich nicht wegtrinken, sie bleiben einfach da und warten darauf gelöst zu werden.

    Was kannst Du jetzt machen?

    Erst mal will ich Dir sagen, dass Du einen alkoholkranken Menschen nicht einfach trocken legen kannst. Deine Mutter wird ihre Sucht nur bezwingen können, wenn sie das selbst möchte. Wenn sie lieber trinken möchte, dann musst Du das leider akzeptieren. Denn es steht ja jedem frei sein Leben so zu gestalten wie er möchte. Und Alkohol ist nun mal auch eine ganz legale Droge. D. h. aber nicht, dass Du das Spiel mitspielen musst. Denn auch Du hast das Recht Dein Leben so zu leben wie Du es möchtest. D. h. Du könntest Dich jederzeit abgrenzen, distanzieren und z. B. wo anders hin ziehen, den Kontakt abbrechen usw. ABER, das sind natürlich ganz große Entscheidungen und für mich dann auch die letzten Konsequenzen, die man treffen kann.

    In Deinem Fall ist mir erst mal eines aufgefallen: Du schreibst, dass sie noch niemand angesprochen hat. Das wäre ja nun schon mal der erste wichtige Schritt aus meiner Sicht. Ich finde es auch nur fair, wenn man den Alkoholkranken mit seiner Sucht konfrontiert, damit er/sie mal Stellung dazu beziehen kann. Von dieser Reakion hängt dann nämlich meiner Meinung nach das weitere Vorgehen entscheidend ab. Ich mach mal ein Beispiel:

    Deine Mutter wird konfrontiert. Sie reagiert erschüttert, gibt zu, dass sie sich selbst auch schon starke Gedanken darüber gemacht hat und signalisiert, dass sie so nicht mehr weiter machen will und sich Hilfe holt = schon mal eine nicht ganz schlechte Ausgangslage um eventuell aus der Sucht heraus zu kommen.

    Beispiel 2:
    Deine Mutter wird konfrontiert und rastet aus. Sie beschimpft Euch, erklärt Euch zu Idioten, teilt Euch mit, dass sie ja nur wegen Euch säuft und das sie jederzeit aufhören könnte, wenn sie das wollte aber sie will nicht, weil sie ja gar kein Problem hat = eine richtig schlechte Ausgangslage um aus der Sucht heraus zu kommen.

    Ich hoffe Du verstehst was ich damit sagen will. Um die Sucht zu überwinden braucht es den Willen des Süchtigen. Ist der nicht da, dann ist es nahzu aussichtslos. Und wenn dem so ist, dann kannst Du als Angehörige nur noch auf Dich schauen. Dann musst Du das Spiel entweder mitspielen oder aber Dich lösen und Dein eigenes Leben in die Hand nehmen. Mit allen Konsequenzen. Bei Mutter-Kind konstellationen ist das besonders schwierig. Vielleicht ist ja noch jemand hier im Forum, der genau das auch erlebt hat und schreibt Dir dazu. Jedenfalls fände ich es wichtig, Deiner Mutter erst mal klar zu machen, wie Du / Ihr die Lage beurteilt und sie mal zu fragen, was sie dazu zu sagen hat. So eine Konfrontation kann ja auch was bei ihr bewirken, muss aber natürlich nicht.

    Eine Frage hätte ich noch: Was ist denn mit Deinem Vater und Deinen Brüdern? Wie stehen die denn dazu? Wäre es nicht auch ein wenig die Aufgabe Deines Vaters ein Gespräch mit Deiner Mutter zu suchen? Er hat das noch nicht getan, wenn ich Dich richtig interpretiere. Es wäre sicher auch nicht verkehrt, wenn Du mal ein Gespräch mit Deinem Vater und Deinen Brüdern führen würdest. Damit Du weißt, wie sie die ganze Situation einschätzen. Vielleicht weißt Du das ja schon, ich würde mich freuen, wenn Du dann darüber ein wenig berichten könntest (nur wenn Du magst), dann können wir Deine Situation noch ein wenig besser einschätzen.

    Also, leider kann ich Dir jetzt keine Formel an die Hand geben, was in Deinem Fall zu tun ist. Es ist, wie immer bei dieser Krankheit, ziemlich schwierig und individuell. Und einen Königsweg der immer funktioniert gibt es auch nicht. Weder für Alkoholiker um aus der Sucht heraus zu kommen als auch für Angehörige um mit der Sucht anderer umgehen zu können.

    Ich denke darüber reden, Anregungen von allen Seiten einholen und schauen, was für Dich passt könnte Dich auf jeden Fall ein Stück weiter bringen.

    Auf jeden Fall wünsche ich Dir einen guten Austausch hier im Forum. Und ganz viel Kraft für Deinen weiteren Weg.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Bella,

    so, jetzt will ich mal versuchen nochmal auf Deine Zeilen von gestern einzugehen.

    Ich hatte Dir ja geschrieben, dass ich es grundstäzlich gut finde, wenn man eine Beziehung zu einem nassen Alkoholiker nicht automatisch und sofort als aussichtslos ansieht. Bei gewachsenen, langjährigen Beziehungen, die vielleicht auch eine lange Zeit sehr gut funktioniert haben und wo dann irgendwann der Alkohol das Zepter übernommen hat, kann es sich durchaus rentieren, wenn man Energie in die Rettung einer solchen Beziehung investiert.

    Es gibt auch Beispiele, wo das gelungen ist. Einfach ist das aber nie, zumindest habe ich das bisher immer so empfunden, wenn ich mir die Geschichten von Betroffen die diesen Weg zusammen gegangen sind reveue passieren lasse.

    Leider ist es aber auch recht häufig so, dass eine Fortführung einer Beziehung mit einem nassen Alkoholiker keinen Sinn macht. Ich denke mal. dass das der häufigere Fall ist. Die Entscheidung, ob man nun weiter an der Seite des Trinkers bleiben möchte in der Hoffnung, das ganze kann sich noch zum Guten wenden, hängt meiner Meinung nach von ganz wenigen (aber wichtigen) Faktoren ab.

    Diese sind für mich erst mal, dass der Betroffene eine Krankheitseinsicht hat. Das er sagt: Ja, ich habe ein Problem, ja ich trinke zu viel, ja ich habe es nicht mehr im Griff, ich bin Alkoholiker. Ein weiterer Punkt wäre dann, dass er von sich aus bereit ist etwas zu ändern. D. h. er unternimmt etwas. Er geht zum Arzt und schildert seine Lage, er vereinbart mit dem Arzt weitere Schritte, er geht zur Suchtberatung usw. Aus diesen ersten Schritten folgen dann weitere bis hin zu einer Therapie, wenn diese notwendig sein sollte.

    Diese Bereitschaft, dieses WOLLEN, das muss meiner Meinung nach vorhanden sein um überhaupt eine Chance zu haben, dass sich irgendwas zum Besseren verändert. Und nur dann hat es aus meiner Sicht einen Sinn, gibt es eine lebenswerte Zukunft an der Seite eines Alkoholiker. Auch dann ist es ein langer und oft schwieriger Weg. Aber dann weiß man wenigstens, wofür man kämpft und das man diesen Kampf auch gewinnen kann.

    In Deinem Fall, das muss ich leider sagen, lese ich nichts von Einsicht, nichts von dem Willen etwas verändern zu wollen. Ich lese das typische Gerede eines typischen Alkoholikers. Ist halt so, mein Vater hat's genauso gemacht, ich schieb denen doch kein Geld in den Rachen, ich werde ja gezwungen zu saufen, usw.... Ich lese nichts von Selbstkritik, eher von Verharmlosung in die Richtung: ich tue ja keinem was.

    Du schreibst er wäre Dein 6. Kind. Genau das hat meine Ex-Frau auch zu mir gesagt. Also wir hatten keine 5 Kinder sondern nur 2 aber sie sagte immer: Du bist wie mein 3. Kind, kannst Du nicht mal ein richtiger Partner sein, kannst Du nicht mal erwachsen sein? Und sie wusste noch nicht mal warum das so war weil ich ja heimlich trank. Ich darf Dir sagen, dass Du mit einem nassen Alkoholiker nie eine richtigen Partner an Deiner Seite haben wirst. Nie jemanden haben wirst, der Dich unterstützt oder entlastet. Vielleicht mal ganz kurz, in lichten Momenten. Auf die Dauer jedoch hast Du eine enorme, höchstgefährliche (vor allem auch für Deine Psyche) Belastung an Deiner Seite, ohne Aussicht auf Besserung. Nur mit Aussicht auf kontinuierliche Verschlechterung, denn die Sucht bleibt i. d. R. nicht stehen, sie entwickelt sich fort.

    Für Deinen Partner gibt es erst mal nur die Sucht und die Befriedigung der selbigen. Dann kommt ganz lange erst mal nichts. Und dann kommst vielleicht mal Du. Aber nur wenn Du nicht nervst und funktionierst. Das macht die Sucht aus Menschen.

    Ich bin mir nach dem was Du geschrieben hast nicht mehr sicher, ob ein Gespräch mit Deinem Partner viel bringen wird. Mein Gefühl ist, dass er Dich abtropfen lassen wird. Aber ich bin nach wie vor der Meinung, dass Du ein solches, offenes Gesrpäch in jedem Fall einmal führen solltest. Allein der Fairness halber.

    Was Du aber auf jeden Fall machen solltest, ist ein Plan B. Du bist nur für Dein Leben verantwortlich und natürlich für das Deiner Kinder. Er ist für seines verantwortlich. Ein Leben an der Seite eines trinkenden Alkoholikers ist kein lebenswertes Leben, jedenfalls habe ich noch keinen Angehörigen getroffen, der mir gesagt hätte, es ist ja gar nicht so schlimm einen Trinker als Partner zu haben. D. h. Du musst für Dich (und Deine Kinder) entscheiden, wie Du DEIN Leben künftig leben möchtest. Und dann die entsprechenden Maßnahmen treffen.

    Ich weiß natürlich, dass das alles leicht dahingeschrieben ist von mir. Und dass es in Deinem Leben sicher viele Dinge gibt, die Du im Kopf hast und die das alles ganz und gar nicht einfach machen. Aber am Ende zählt eben das was Du willst. Du entscheidest wie es mit Deinem Leben weiter geht, Du entscheidest ob Du weiter mit ihm leben möchtest oder eben nicht.

    Ich wünsche Dir nur das allerbeste. Und bezüglich Deiner Frage, ob er einfach so aufhören kann, habe ich Dir ja schon geschrieben. Aber es geht ja gar nicht darum, ob er aufhören kann, sondern darum ob er WILL. Wenn er nicht will, dann kann er auch nicht. Wenn er aber will, dann kann er auch - und tut das dann hoffentlich mit ärztlicher Unterstützung. Und bitte vergiss die ganze MPU Geschichte. Hier geht es um viel mehr. Es geht um sein Leben. Und es geht um DEIN Leben und das liegt ausschließlich in Deiner Verantwortung.

    Alles alles Gute wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla

    Hallo Bella,

    Ich habe leider gerade wenig Zeit, darum nur ganz kurz. Erst mal Danke für Deine offenen Zeilen. Ich denke mal Dein Partner steckt noch viel tiefer in der Sucht als Du vielleicht glaubst. Ich weiß nicht, in wieweit Du Dich schon mal über die Alkoholsucht im Allgemeinen informiert hast.

    Diese Sucht ist ziemlich heftig und sie ist nicht einfach so zu besiegen. Grundsätzlich muss der Süchtige das selbst wollen. Zwingen kann man ihn nicht und die Erfolgsaussichten bei Alkoholikern, die quasi zu einer Therapie überredet wurden ohne diese eigentlich machen zu wollen, sind sehr gering. Überhaupt ist die Quote derer, die diese Sucht überwinden und anschließend dauerhaft ohne Alkohol leben nicht sehr hoch. Die meisten Alkoholiker sehen sich erst mal gar nicht als solche und die meisten unternehmen dann auch nichts gegen ihre Krankheit. Und ohne Einsicht geht leider nichts.

    Also, ich will Dir morgen, wenn meine Zeit erlaubt, nochmal in Ruhe schreiben. Jedenfalls kann ich Dir sagen, dass er wohl nicht „einfach so“ aufhören kann. Alleine wenn er jetzt nichts mehr trinken würde, bestünde die große Gefahr das er durch den kalten Entzug in Lebensgefahr gerät (Delir). Er müsste also erst mal in einer Klinik entgiften. Vielleicht ginge es auch ambulant, jedoch immer mit ärztlicher Betreuung. Alles andere ist ein sehr gefährliches Spiel.

    Wenn er dann mal entgiftet hat, ich sage mal so nach 10 Tagen, dann ginge die eigentliche Arbeit erst los. Denn entgiften ist das Eine, anschließend trocken bleiben das andere. Das ist dann die eigentliche Sucht, die es zu überwinden gilt.

    Morgen hoffentlich mehr dazu.

    Alles Gute und einen schönen Abend.

    LG
    Gerchla

    Hallo Bella,

    ich will mal versuchen auf ein paar Deiner Fragen / Gedanken einzugehen.

    Vorher noch ganz kurz zu mir: Ich bin Alkoholiker, Ende 40, trinke jetzt schon lange nicht mehr. Ich bin 3facher Papa und lebe jetzt glücklich in zweiter Ehe. Meine zweite Ehe war und ist komplett alkoholfrei. Meine ganze Suchtgeschichte haben meine erste Frau und zwei meiner Kinder zu ertragen gehabt.

    Erst mal will ich Dir sagen, dass ich all Deine Gedanken komplett nachvollziehen kann. Zumal Du ja auch noch schreibst, dass Du Deinen Partner auch schon vor seiner Sucht gekannt hast. Du kennst also auch den anderen Menschen. Ein wenig bin ich hier schon ins Grübeln gekommen, das muss ich ehrlich sagen, denn Du schreibst Du kennst ihn seit 6 Jahren. D. h. vor 6 Jahren hatte er überhaupt kein Problem mit Alkohol? Quasi gar nichts getrunken? Ich finde die Mengen, die Du beschreibst schon ganz ordentlich hoch, und er hat dabei ja offensichtlich keine Ausfallerscheinungen, "funktioniert" also noch einwandfrei. Das deutet für mich darauf hin, dass er sich sich nach und nach auf dieses Niveau hochgetrunken hat. Das dauert normalerweise eine gewisse Zeit bzw. kann oft einen sehr langen Zeitraum in Anspruch nehmen. Bei mir waren es um die 10 Jahre, wo ich kontinuierlich immer mehr steigerte um dann noch ein paar Jahre auf einem für mich extrem hohen Niveau zu trinken. Mein nächster Schritt in meiner Alkohlikerkarriere wäre dann wohl die absolute Aufgabe meines allerletzten Willens gewesen um dann soviel zu saufen,wie halt irgendwie hinein gepasst hätte.

    Im Grunde ist es völlig egal, ob er jetzt seit 4 Jahren abhängig trinkt oder vielleicht schon vor Eurem Kennenlernen ein kritisches Trinkverhalten hatte. Ich frage nur deshalb um Deine / Eure Grundsituatin ein wenig besser einschätzen zu können. Wenn Du möchtest, dann kannst Du mir darauf gerne antworten.

    Ich hätte da dann auch noch weitere Fragen. Z. B. was Du denkst, warum er zu trinken begonnen hat. Sagt er irgendwas dazu? Was ist Deine Meinung dazu? Hast Du eine Ahnung, ein Gefühl was da in ihm abgeht?

    Es wäre für mich interessant hier Deine Einschätzung zu lesen.

    Grundsätzlich möchte ich Dir sagen, dass Du einem nassen Alkoholiker nicht einmal die Hälfte dessen glauben solltest, was er sagt. Oder besser noch, Du glaubst erst mal gar nichts. Wenn er Dir also sagt, er hätte alles im Griff, dann darfst Du das getrost vergessen. Wenn er Dir sagt, er trinkt erst ab 16 Uhr, dann darfst Du das wenigstens anzweifeln. Im Grunde ist es auch egal ab wann er sich seinen Alkohol reinkippt. Und irgendwann wird er (wenn er das nicht schon immer dann tut wenn Du es nicht mitbekommst) auch schon früher oder sogar morgens trinken. Ich spreche nur aus meiner ganz eigenen persönlichen Erfahrung. Kennst Du den Spruch "kein Bier vor 4, aber wann 4 Uhr ist bestimme ich?" - also was ich sagen will, mach Dich grundsätzlich davon frei zu glauben was er Dir erzählt. Da können Sachen stimmen, andere können komplett erfunden oder erlogen sein.

    Ich z. B. war ein Meister im Lügen und Betrügen. Ich hatte die höchsten Weihen erreicht. Ich war so gut, dass ich irgendwann selbst nicht mehr wusste, ob Dinge gelogen waren oder nicht. Was mich dann teilweise richtig gestresst hat, weil ich ja oft Lügen auf anderen Lügen aufgebaut hatte und ich da natürlich verdammt vorsichtig sein musste, dass mein ganzes Kostrukt nicht aufgrund eines Fehlers entlarvt wird.

    Vielleicht solltest Dui noch wissen, dass ich fast meine ganze Alkoholikerkarriere als heimlicher Trinker verbracht habe. Meine Familie hat mich so gut wi nie mit Alkohol gesehen. Ich hatte offiziell nicht mal Bier im Haus. Trotzdem hatte ich jeden Tag 8, 10 oder noch mehr Flaschen intus.

    Zurück zu Dir.

    Ich finde es sehr gut, dass Du Dir Gedanken darüber machst, wie Du eine oder Deine Zukunft mit oder auch ohne ihn aussehen könnte. Meist wirst Du von anderen Betroffen (Angehörigen / Alkoholikern) hören, dass Du Deine Beine in die Hand nehmen solltest und so schnell so weit wie möglich laufen solltest.

    Ich würde Dir das in Deiner Situation (noch) nicht raten wollten. Dafür weiß ich zu wenig von Dir und deshalb habe ich Dir ja auch schon ein paar Fragen gestellt. Ich finde es also absolut legitim, dass Du Dir auch Gedanken darüber machst, wie Du diese Beziehung vielleicht auch retten könntest. Sie zu retten ist allerdings, das muss ich auch sagen, ein ganz schwerer Weg bei dem Du selbst nur recht wenig in der Hand hast. Du bist nicht diejenige, die die Macht hätte ihn trocken zu legen. Du kannst ihn nicht dazu zwingen mit dem Trinken aufzuhören.

    Was Du aber tun kannst ist ihn anzusprechen. Ihn mit seiner Sucht konfrontieren, ihn Deine Situation, Deine Sicht der Dinge schildern und ihm auch Deine Konsequenzen ankündigen, wenn er nichts an dieser Situation ändert. Du musst Dir aber auch im Klaren darüber sein, dass Du diese angekündigten Konsequenzen (z. B. Trennung ) auch durchziehen muss, denn sonst wirst Du ein ewiges hin und her Spielchen verwickelt und er wird Dich bald sowieso nicht mehr ernst nehmen.

    Wenn er jedoch bereit ist, von sich aus weil er aufgrund Deiner Ansprache wachgerüttelt wurde, etwas zu tun und das dann auch von sich aus aktiv tut, dann kannst Du ihn unterstützen. ABER bitte nur dann. Und bitte auch nur, wenn er das selbst in die Hand nimmt. Wenn er zur Suchtberatung geht, wenn er in die Entgiftung geht, wenn er sich um eine Threapie bemüht usw. Wenn er nur davon spricht, dass er das tun wird, dann vergiss es. Versprechen und hinhalten sind leider bei Alkoholikern weit verbreitete und sehr beliebte Methoden um weiter trinken zu kiönnen und gleichzeitig den Partner bei der Stange zu halten.

    Also, ich denke Du bist jetzt gerade in einer sehr bescheidenen Situation. So oder so stehen für Dich und Deine Kinder Veränderungen an. Ganz gut und auch sehr wichtig finde ich es, dass Du Deine Kinder im Fokus hast. Du willst ihnen keinen Leben mit einem nassen Alkoholiker zumuten. Und das, liebe Bella, halte ich für eine ganz wichtige und richtige Einschätzung Deinerseits. Kinder bekommen quasi im jeden Alter viel mehr mit als wir denken. Du hast die Verantwortung für Dein Leben und für das Deiner Kinder. Schütze sie davor mit einem nassen Alkoholiker zusammen leben zu müssen, denn das kann eine Bürde für's Leben für sie werden.

    Du kannst hier oder in anderen Foren auch die Geschichten von erwachsenen Kindern von Alkoholikern lesen. Das was man da lesen darf ist ganz schlimm. Du solltest Deine Kinder davor schützen.

    Was die Vaterrolle Deines Partner betrifft: Solange er trinkt, wird es sicher schwer sein ihm sein Kind anzuvertrauen. Auch das solltest Du bei einem Gespräch thematisieren. Solltet ihr Euch tatsächlch trennen, wirst Du Dein Kind nicht guten Gewissens zu ihm geben können. Da wird es Regeln brauchen. Es ist also alles andere als einfach.

    Und weil das so ist, solltest Du auch unbedingt auf Dich achten. Du bist nun hier im Forum, das ist prima. Vielleicht hast Du auch die Möglichkeit Dir Hilfe in einer realen SHG für Anghörige zu suchen? Menschen die das alles schon durch haben sind oft die besten Gesprächspartner. Wie es bei Dir jetzt weiter geht ist meiner Meinung nach jetzt davon abhängig, wie Dein Partner reagiert. Wenn er abstreitet, ignoriert oder gar aggressiv wird, dann wirst Du einen Plan brauchen, wie Du Dein Leben weiter gestalten möchtest. Wenn er bereit ist etwas zu tun, dann wirst Du Kraft brauchen ihn dabei zu begleiten, wenn Du ihn begleiten möchtest wovon ich aber aufgrund Deiner Ausführungen ausgehe.

    Ich wünsche Dir jedenfalls alles alles Gute und ich wünsche Dir auch eine guten Austausch hier und hoffentlich viele für Dich richtige und gute Anregungen von anderen aus dem Forum hier.

    LG
    gerchla

    Hallo Bella,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Grundsätzlich ist die Frage ob jemand Alkoholiker ist oder nicht gar nicht so einfach zu beantworten. Es gibt grenzwertige Fälle, wo jemand zwar schon relativ viel und regelmäßig trinkt und trotzdem noch nicht süchtig ist. Eine Regel oder genaue Formel wann jemand definitiv Alkoholiker ist gibt es nicht.

    Jedoch gibt es mehrere Anzeichen die, wenn sie zutreffen, dann dafür sprechen das jemand bereits Alkoholiker ist.

    In dem von Dir geschilderten Fall würde ich tatäschlich gar nicht viel nachdenken. Das alles was Du schreibst klingt für mich nach einem Alkoholiker und zwar nach einem, der schon ganz gewaltig in der Sucht steckt.

    Aber ich hätte da jetzt mal eine Frage an Dich: Was ändert es, wenn Du weißt das er Alkoholiker ist? Könntest Du mit seinem Verhalten besser leben wenn Du Dir jemand bescheinigt, dass er kein Alki ist? Was macht das für Dich für einen Unterschied?

    Und, welche Erwartungen hast Du jetzt an uns hier im Forum? Wir können Deinen Partner nicht trocken legen, darüber musst Du Dir im Klaren sein. Wir können Dir hier nur dabei helfen, Hilfe für Dich und Deine Kinder zu finden. Andere Betroffene können Dir erzählen, wie sie sich von ihrem trinkenden Partner lösen konnten oder aber mit ihm gemeinsam eine Lösung gefunden haben. Alkoholiker wie ich z. B. können Dir hier aus der Sicht des Alkoholikers berichten wie sie die Dinge einschätzen und Dir sagen, was sie an Deiner Stelle tun würden. Das alles aber nur, wenn Du das auch möchtest.

    Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum und natürlich auch alles alles Gute für Deine Zukunft.

    LG
    gerchla

    Liebe Sunrise,

    ich freue mich wirklich sehr darüber, dass Dich meine Ausführungen hier weiter bringen.

    Und natürlich gibt es gleich wieder etwas, was ich Dir schreiben möchte. Nämlich hierzu:

    Zitat


    Ich wollte auf gar keinen Fall Streit hier im Forum auslösen.


    Wie kommst Du denn darauf, dass Du für einen Streit im Forum verantwortlich sein könntest? Das ist hier Dein Thread in dem Du über Deine Situation schreibst. Du hast von unterschiedlichen Schreibern Rückmeldungen bekommen. Mit der Rückmeldung eines Schreibers konntest Du für Dich nicht so richtig etwas anfangen, bzw. hast nicht genau verstanden was er damit meint. Und ganz normal, wie man das halt so tut, hast Du nachgefragt. Auch die erneute Rückmeldung war nicht das, was Dich irgendwie weitergebracht hätte. Was Du auch kommuniziert hast.

    Soweit, so normal, würde ich mal sagen. Für die daraus folgende Diskussion bist nicht Du verantwortlich. Ich meine, Du suchst hier Hilfe, nichts anderes tust Du. Diese Diskussion hätte in jedem anderem Thread auch entstehen können. Sie liegt nicht in Deiner Verantwortung.

    Ich schreibe Dir das, weil das erste was ich mir gedacht habe als ich das von Dir gelesen habe, war: Jetzt zieht sie sich diesen Schuh an - typisches Verhalten eines Co.

    Versuch das mal zu übertragen auf Deine Zeit mit Deinem Partner. Wie oft hast Du Dir da den Schuh für etwas angezogen, wofür Du gar nicht verantwortlich warst? Ich vermute mal das ist ständig passiert. Und noch heute, ziehst Du Dir diverse Schuhe an (im Bezug auf Deinen EX) anstatt zu sagen: Stopp!

    Aus Deinen Post geht auch Dein großer Wunsch hervor, es recht machen zu wollen, niemanden verletzten zu wollen, niemanden an den Karren fahren zu wollen usw. Das ist in einem bestimmten Maße eine positive Eigenschaft, eine gute Sache. Solange Du das aus einer Position der Stärke, des Selbstbewuststeins heraus tust. Wenn Du es tust, weil Du zweifelslt, weil Du unsicher bist, weil Du Dich klein fühlst, als diejenige empfinden, die schon wieder mal alles falsch macht, dann ist das SCHLECHT.

    Manchmal kann es auch gut sein, Dinge einfach stehen zu lassen. Unkommentiert. Manchmal kann es eine Stärke sein, sich nur mit den Dingen zu beschäftigen, von denen man das Gefühl hat, sie bringen einen weiter, sie helfen einen. Und andere Dinge einfach zu ignorieren. Natürlich sollte man über jeden Input nachdenken. Aber Du bist doch ein eigenständiger Mensch mit sicherlich einem Gefühl dafür, was Dich weiter bringt und was nicht. Du solltest Dich mit dem beschäftigen, was Du für sinnvoll hälst und wovon Du glaubst profitieren zu könnnen. Immer bezogen auf den Grund, weshalb Du eigentlich hier bist: Eine Klärung / Verbesserung Deiner Situation in Bezug auf Deinen Ex-Partner.

    Das muss doch das sein worum es hier für Dich geht. Und nur das was Dir hier weiterhilft ist das für Dich wertvolle an diesem Forum. Alles andere verbraucht doch nur Energie die Du aktuell wahrscheinlich nicht im Übermaß hast. Deshalb: bleib bei Dir, was Du willst ist wichtig. Wenn andere hier diskutieren, dann dürfen die das gerne tun. Jedoch ist das nicht Deine Diskussion, zumindest dann nicht, wenn sie Dich Deinem Ziel (also dem Grund weshalb Du hier bist) nicht näher bringt.

    Vielleicht noch soviel und kurz von mir. Ich tausche mich hier nun mit den Menschen aus, von ich denke das sie meinen Zielen entsprechen oder mich in der Erreichung meiner Ziele weiterbringen. Ein Ziel von mir, anderen Betroffen (auch Angehörigen) zu helfen. Aber nur, wenn ich aufgrund der Schreibweise einen Betroffenen das Gefühl habe, ich könnte etwas erreichen, dann kommuniziere ich auch mit ihm / ihr. Wenn ich dieses Gefühl nicht habe, dann mische ich mich in diese Threads gar nicht ein, nehme auch keine Stellung zu deren Posts. Denn, da ist mir dann meine Zeit zu wertvoll.

    Ein weiteres Ziel von mir ist, mich hier mit Menschen auszutauschen, die gar kein akutes Problem mehr aber, von deren Erfahrung ich aber für mein eigenes Leben profitieren könnte. Und auch hier selektiere ich, wer meinem Ziel entspricht und wer nicht. Wenn ich das Gefühl habe, ein Schreiber bringt mich mit seinen Erfahrungen /Ansichten usw. nicht weiter, dann kommuniziere ich nicht mit ihm / ihr. Warum sollte ich das tun. Auch hier ist mir meine Zeit viel zu wertvoll. Ist es nicht im "richtigen" Leben auch so? Ich glaube es sollte so sein, zumindest dann, wenn man es selbst in der Hand hat.

    Im Berufsleben kann das manchmal anders sein, privat jedoch bin ich der Meinung, kann man das sehr gut steuer.

    Und da bin ich dann wieder bei: Du entscheidest über Dein Leben, Dein Denken, Dein Handeln.

    Alles Gute weiterhin.

    LG
    gerchla

    Liebe Sunrise,

    ich will mal versuchen auf ein paar Gedanken von Dir einzugehen. Dir meine Sicht dazu schildern.

    Zitat

    Manchmal habe ich furchtbare Angst und Alpträume, dass ich es nicht bewältigen kann, dass mir zu viel Kraft geraubt wurde, dass mein Expartner mich zu schwach gemacht hat um es zu schaffen.


    Ich kenne jemanden, den ich vor vielen Jahren als einen selbstbewusten Menschen kennengelernt hatte. Dieser Mensch hatte einen guten Job, den er viele Jahre schon ausübte, er pflegte ein aktives Freizeitverhalten war wiitzig und ich hätte gesagt: Prima, alles im Griff, läuft....

    Dieser Mensch, der mir jetzt nicht sonderlich nahe steht meine Wege aber trotzdem ab und an kreuzt, verlor irgendwann seinen Arbeitsplatz. Er konnte nichts dafür, seine Firma ging pleite. Was folgte, waren eine Vielzahl unterschiedlicher Job's mit teils (auf dem Papier) tollen Aussichten und Versprechungen (die dann aber nicht eingehalten wurden), immer wieder Firmenpleiten (leider eine schwierige Branche), Mobbing am Arbeitsplatz und andere dirverse Probleme.

    Wie gesagt, vor dieser Zeit war alles prima, lange Jahre prima.

    Nach und nach verlor dieser Mensch sein Selbstbewusstsein, ich würde auch sagen, seine Selbstachtung. Er war nicht einem trinkenden Alkoholiker zusammen, nein, er verlor sein Selbstbewusstsein weil er immer wieder gescheitert war, wieder und wieder gescheitert, im Job. Wobei, soweit ich das beurteilen kann, er meist überhaupt nichts dafür konnte. Trotzdem war er nach jeder Kündigung ein Stück kleiner, egal ob die Firma pleite ging oder er gekündigt hat. Irgendwann wurde er darüber auch krank. Körperlich, auch psychisch würde ich meinen.

    Was will ich Dir jetzt damit sagen? Ich will Dir damit sagen, dass das was Du erlebt hast an niemanden einfach so spurlos vorüber gehen würde. Du hast das so erlebt, viele Versprechungen, aufkeimende Hoffnung, erneutes Scheitern, wieder und wieder. Und jedes mal wurdest Du ein Stück kleiner. Jeder, der ständig eins übergezogen bekommt, egal von wem und aus welchem Grund, läuft Gefahr an Selbstbewusstsein zu verlieren. Wenn er/sie nicht rechtzeitig gegensteuert, wenn er / sie nicht gelernt hat, auf sich zu achten. Aber das kann nicht jeder und ich wage jetzt mal zu sagen, dass man letztlich wahrscheinlich jeden Menschen irgendwann brechen kann.

    Du stehst jetzt vor dem Trümmerhaufen Deines bisherigen Lebens (zumindest bezogen auf Deine Beziehung) und fühlst Dich winzig. Hast Angst es nicht zu schaffen. Ok, ich würde sagen das ist ein Stück weit nachvollziehbar.

    Ich weiß, dass es Dir jetzt nichts hilft, wenn ich Dir sage, Du hättest schon viel früher ganz anders reagieren sollen. Du hättest viel früher Deine Interessen durchsetzen sollen, viel früher den Absprung wagen sollen, Deinen Partner viel früher fallen lassen usw. Du hast es nicht, Du konntest es nicht, Deine Persönlichkeit ließ es nicht zu. Es ist wie es ist. Du bist in eine Co-Abhängigkeit gerutscht..... Warum das so ist, daran wirst Du arbeiten müssen.

    Das hier jedenfalls...

    Zitat

    Ich finde das "Coabhängiges"-Verhalten ein einfaches menschliches, liebendes Verhalten ist. Eine positive Charaktereigenschaft.


    ... halte ich für falsch! Also den letzten Teil davon zumindest. Ich stimme Dir zu, dass ein menschliches, ein empathisches, ein liebendes Verhalten eine positive Charaktereigenschaft ist. In Kombination mit Selbstaufgabe ist sie allerdings nicht positiv sondern fatal! Menschlich sein, lieben, helfen wollen, alles prima. Aber man kann anderen nur helfen, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Nur wenn man selbst ganz klar und stark ist, ist man wirklich in der Lage anderen auch zu helfen. Wenn man sich selbst aufgibt und sein ganzes Denken und Handeln auch einen anderen Menschen konzentiert und sich selbst und die eigenen so wichtigen Bedürfnisse aus den Augen verliert, dann wird man krank. Und wenn man krank ist, kann man niemanden mehr helfen, dann braucht man selbst Hilfe.

    Und, damit ich nicht falsch verstanden werde, es geht mir nicht darum einen lieben Menschen mal zu helfen, durch eine schwere Zeit vielleicht, obwohl es einem selbst gerade nicht so gut geht. Nein, es geht mir darum zu versuchen einen Menschen zu helfen, der das gar nicht will. Der diese Hilfe immer wieder mit Füßen tritt um dann angekrochen zu kommen um sie wieder zu erbetteln. Verstehst Du, das ist etwas anderes als z. B. seinen Vater / seine Mutter zu pflegen. Wobei man sicher auch hier an Grenzen stoßen kann und auch hier darauf achten muss wo man selbst bleibt. Aber, wenn man versucht einen Alkoholiker trocken zu legen, der es eben nicht will, der außer Versprechungen nichts tut, dann ist das eine ganz gefährliche Sache. Und da bist Du hinein gerutscht und das hat nichts mit positiver Charaktereigenschaft zu tun. Genausowenig wie es eine negative Charaktereigenschaft gewesen wäre, wenn Du nach dem 2. gebrochenen Versprechen Deines Partner Deine Sachen gepackt hättest (oder Alternativ ihn hinaus geschmissen hättest).

    Das musst Du verstehen, wirklich verstehen. Dann kommst Du ein Stück weiter. Und Du musst verstehen, dass DU der wichtigste Mensch in Deinem Leben bist. DU allein, erst kommst DU, dann kommt erst mal lange nichts. Das ist Egoismus, aber, wenn Du es richtig machst, ein sehr gesunder. Denn das beudetet nicht, dass nur noch nach dem Motto "ich zuerst" lebst, sondern es bedeutet, dass Du nur noch Dinge tust und zulässt, die Dir nicht schaden. Die Dir idealerweise sogar gut tun. Das schließt auch nicht aus, dass Du für andere da bist, hilfst, Empathie zeigst usw. Aber erst mal musst Du mit Dir selbst klar kommen, vorher geht nix. Verstehst Du was ich sagen möchte.

    Aktuell kümmerst Du Dich eben nicht um Dich. Es dreht sich alles noch im Deinen EX. Was er Dir angetan hat, wie es ihm jetzt geht, ob er glücklich ist mit einer Neuen, wie Du Dich fühlen würdest wenn er wegen ihr jetzt zum Trinken aufhören wurde usw. usf. Das hilft Dir leider gar nix! Es ist normal, dass das so ist. Aber genau das musst Du überwinden. DU bist jetzt dran. Lass Deinen EX sein Leben, die Leute die Dich nach ihm Fragen, lass sie abtropfen. Sollen sie ihn selbst fragen. DU bist jetzt wichtig. Nur DU. Vieleicht braucht es einen Psychologen o. ä. mit dem Du mal über sowas sprechen kannst? Schau, ich hatte das auch. Also ich bin Alkoholiker, die andere Seite, aber im Grunde ist das nicht so weit auseinander. Bei mir waren es dann halt meine Schuldgefühle, um die sich immer wieder alles drehte. Und ich merkte, solange sich dieser Kreisel dreht in meinem Kopf, werde ich nicht abschließen können, kein neues Leben beginnen können.

    So ist das bei Dir auch!

    Also, ich glaube nicht, dass es Dir etwas bringt in "hätte, wäre, könnte, warum und warum nicht und was wenn" herum zu kreiseln. Irgendwann musst Du damit abschließen. Aufarbeiten ggf. mit Hilfe, und neu anfangen. In Deinem Fall liegt da ja quasi noch ein komplettes Leben vor Dir! Hallo? Das sollte doch jetzt nach Deinen Regeln verlaufen, oder?

    Alles Gute wünsche ich Dir. Ich hoffe ich bin ich zu energisch, aber Deine Geschichte bewegt mich eben und ich würde mich echt für Dich freuen, wenn Du da schnell raus kommen würdest.

    LG
    gerchla

    Hallo Silencer,

    schön das Du zu uns gefunden hast.

    Ich bin Ende 40, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Als ich Deine Vorstellung gelesen habe gingen zwei Gedanken durch meinen Kopf.

    Einmal dachte ich: Diese Frau hat erkannt was Sache ist und sie möchte wirklich weg vom Alkohol. Sie will die Sucht wirklich überwinden, eiert nicht herum und hat sich auf den Weg gemacht. Sie hat eine sehr gute Chance das auch zu schaffen!

    Und dann dachte ich noch: Oh mein Gott, sie rast ja quasi durch ihre ersten trockenen Tage als ob sie im Porsche sitzen würde. Sie durchlebt sämtliche Gefühlswelten im Eiltempo und hat kaum Zeit mal durchzuatmen.

    Wie gesagt, das war das was ich mir spontan gedacht habe.

    Und dann las ich Deinen letzten Absatz. Und da dachte ich mir: und jetzt ist sie in der Realität angekommen. Nicht das Du mich hier falsch verstehst: ich meine das nicht irgendwie despektierlich oder so. Ich habe keine Erfahrung mit einem Entzug unter zuhilfenahme von Medikamenten. Vielleicht schreibt Dir hier noch jemand, der sich damit auskennt. Ich habe das Gefühl, dass Du in den ersten Tagen durch die Medikamte vielleicht ein wenig in Watte gepackt warst. Und das ist vermutlich auch der Sinn des ganzen. Aber dazu kann ich Dir leider keine kompetente Auskunft geben.

    ABER: Ganz unabhängig davon, hast Du den Entzug jetzt schon mal hinter Dir. Und jetzt geht es erst richtig los. Jetzt beginnst Du an Deiner Psyche zu arbeiten. Jetzt geht es darum, Deine psychische Abhängigkeit zu überwinden. Das ist jetzt der Teil, der weitaus komplexer ist als das Überwinden der pysischen Abhängigkeit. Du machst Dich jetzt daran, die eigentliche Sucht zu überwinden.

    Und nun möchte ich den Bogen zurück spannen zu meinen anfänglichen Worten. Hier lässt Du am besten Deinen Porsche in der Garage. Hier nimmst Du Dir die Zeit, die Du brauchst. Ganz individuell, so wie es für Dich gut ist. Wichtig, ganz wichtig ist, dass Du nicht mehr trinkst. Ich glaube aber, dessen bist Du Dir bewusst und das willst Du auch auf keinen Fall mehr. Alles andere musst Du jetzt in Ruhe angehen. Manchmal ist es gut, Dinge auch auszuhalten, bewusst zu erleben und zu durchleben. Um dann gestärkt daraus hervor zu gehen.

    Bei Deiner Gesichte, das wird Dir denke ich klar sein, wirst Du Hilfe von außen gut gebrauchen können. Panikattacken (ich habe Erfahrung damit weil meine 1. Frau darunter litt) verschwinden nicht einfach so, aber man kann sie gut behandeln. Braucht aber Zeit, es sei denn man übertüncht es mit Psychopharmaka. Ein postraumatische Störung (womit ich glücklicherweise keine Erfahrung habe) ist sich eine noch größere Baustelle. Und dann noch die Sucht und die Kombination aus allem - da ist Hilfe sicher angebracht.

    Aber ich möchte jetzt nicht, dass Du das Gefühl hast, Du stündest vor unüberwindbaren Problemen. Das ist sicher nicht so. Klar ist, und das hast Du ja von anderer Seite auch schon gehört, erst mal musst Du die Sucht hinter Dir lassen. Und da bist Du ja gerade auf einem wunderbaren Weg. Je länger dieser Zustand andauert, als Dein alkoholfreies Leben, desto mehr wirst Du merken, welchen Einfluss das auf Deine anderen psychischen Erkrankungen hat bzw. hatte. Ich weiß nicht, ob sich Deine Panikattacken dann irgendwann in Luft auflösen weil der Alkohol ursächlich war, jedoch wirst Du auf jeden Fall in die Lage versetzt, mit Hilfe von Psychologen etwas dagegen zu unternehmen. Als trinkende Alkoholikerin wäre Dir dieser Weg versperrt.

    Meine 1. Frau hat diese Panikanfälle komplett überwunden. Dauerhaft. Bei ihr lagen die Gründe dafür in ihrer Kindheit. Sie hatte viele Termine beim Psychologen, einige Meetings in Betroffenengruppen und kam irgendwann nach Hause und sage: Ich bin durch, ich muss nicht mehr dort hin, ich bin sicher, ich habe es überwunden - Sie wusste es also irgendwann einfach und sie hatte Recht und sie behielt auch Recht.

    Zitat

    Aufgeben oder Trinken ist keine Option und wird niemals eine sein für mich.


    So ist es! Und wenn Du das beherzigst, wirst Du es schaffen. Hol Dir Hilfe wo Du kannst, soviel Du bekommen kannst. Aber ohne zu hetzen und zu stressen. Dann wirst Du merken, was Dir wirklich hilft, Dich wirklich weiter bringt und was nicht. Konzentriere Dich auf das, was Dir hilft. Und dann aber ganz konsequent.

    Zitat

    Wahrscheinlich will ich einfach zu viel auf einmal.


    Der Porsche bleibt jetzt in der Garage - Schritt für Schritt, aber immer konsequent.

    Ich wünsche Dir alles alles Gute und einen guten Austausch hier im Forum!

    LG
    gerchla