Hallo Paperplane,
ich sag jetzt mal: Willkommen zurück im Forum. Ich wollte Dir eigentlich schon unter Deinem alten Nick schreiben aber Du warst schneller weg als ich schreiben konnte.
Ich will mich mal kurz vorstellen: ich bin fast 50 Jahre alt, Alkoholiker, Vater von mittlerweile 3 Kindern und lebe jetzt schon mehrere Jahre ohne Alkohol. Vorher trank ich fast meine ganze Alkoholikerzeit komplett heimlich. Ich denke mal ich war etwa 12 Jahre, vielleicht auch etwas mehr, abhänigig trinkend. Ungefähr 10 davon habe ich heimlich getrunken.
Es begann eigetlich alles ganz harmlos mit den allseits bekannten und beliebten Feierabendbier, nur eines zum Essen am Abend. Erst mal. Mehr war es nur, wenn wir mal am Wochenende unterwegs waren, bei Feiern oder im Urlaub. Aber dann auch nicht exzessiv, sondern dann waren es halt mal 4 oder 5 Bier und ich büßte dafür dann am nächsten Tag. Und so rutschte ich langsam hinein und aus dem einen Bier wurden zwei und was noch fataler war, ich trank quasi täglich. Das fiel natürlich irgendwann meiner Frau auf und sie sprach mich darauf hin dann auch an.
Was dazu führte, dass ich zunächst mal nicht mehr täglich trank, Pausen einlegte usw. Ich erinnere mich gut, dass ich mich damit schon damals nicht recht wohl gefühlt habe, ich konnte das aber noch recht problemlos machen. Heute weiß ich, dass ich schon damals bereits süchtig war oder aber jedenfalls ganz kurz davor. Es kam wie es kommen musste, ich trank irgendwann wieder so nach und nach meine "gewohnte" Menge und irgendwann sprach mich meine Frau wieder an. Das Spiel ging so vielleicht 3 mal und dann hörte ich "offiziell" ganz mit dem Feierabendbiertrinken auf.
Jedoch natürlich nicht wirklich sondern ich begann mit dem heimlichen trinken. Von diesem Zeitpunkt an hat man mich kaum noch mit Alkohol in der Hand gesehen. Nur bei besonderen Anlässen, jedoch keinesfalls in alltäglichen Situationen, wie z. B. zum Essen. Bestenfalls wenn wir mal zum Essen in ein Restaurant gingen habe ich mir mal eini Bier etc. "gegönnt" um dann natürlich demonstrativ meine Frau zu bitten, doch nach Hause zu fahren weil ich ja niemals fahren würde wenn ich was getrunken habe. Nun, dass mein Reserveradkasten mit Plastikbierflaschen gefüllt war (den Reifen hatte ich entsorgt, und Plastikbierflaschen deshalb, weil diese beim Fahren nicht klirren), das wusste sie natürlich nicht. Und dass ich, wenn ich auf die Toilette "musste" immer zum Auto gerannt bin um dort schnell eines auf ex zu trinken, das wusste sie natürlich auch nicht.
Was ich damit sagen will, ich kenne mich in Deiner Welt des heimlichen Trinkens und dem damit verbunden Lügen sehr gut aus. Meine größte Herausforderung bestand irgendwann mal darin, meine Flaschenentsorgungslogistik einigermaßen aufrecht zu erhalten. Irgendwann war ich bei um die 10 Bier pro Tag + oft noch ne Flasche Wein. Alles heimlich und da kannst Du Dir sicher vorstellen, dass die Flaschen ja am nächsten Morgen irgendwie verschwinden mussten. Natürlich war ich jemand, der immer mit Rucksack in die Arbeit gegangen ist (offiziell hatte ich dort meine Brotzeit deponiert), aber oft passten die ganzen Flaschen gar nicht alle da rein. Naja, irgendwie habe ich es immer hinbekommen. In der Hecke unseres Nachbars sind wahrscheinlich noch heute dutzende leerer Plastikflaschen zu finden....
Aber gut, das alles nur, damit Du ein Gefühl bekommst, wie mein alkoholischer Hintergrund aussieht.
Eigentlich schreibe ich Dir ja um Dir Mut zu machen. Ich möchte Dir aus meiner Erfahrung eines sagen: Die auf den ersten Blick tolle Idee, heimlich mit dem Trinken aufzuhören, weil man ja auch heimlich getrunken hat, die hat bei mir nie funktioniert. Und ich glaube fast, die wird bei niemanden funktionieren der tatsächlich süchtig ist. Ich fand es bestechend das zu versuchen, denn dann wäre ja allles so gewesem, wie ich es versucht hatte vorzugauckeln. Ich schaffte mit dieser "Methode" allerdings nur Trinkpausen, die nach wenigen Wochen meist ganz schnell vorbei waren und ich war wieder im alten Fahrwasser, natürlich weiterhin heimlich. Für meine Umwelt änderte sich also nichts, die bekamen von alle dem nichts mit.
D.h., meine Frau bemerkte natürlich über die Jahre, dass unsere Ehe immer mehr kaputt ging. Sie mich nicht mehr erreichen konnte usw. Aber selbst als ich begann mich sogar körperlich stark zu verändern kam sie nicht auf Alkohol als Problem.
Gut, irgendwann kam dann Tag X für mich. Wieder einmal sprach mich meine Frau an weil eine meiner Lügereien aufgefolgen waren. Eine ganz schlimme Lügerei war das damals. Ich kam von der Arbeit nach Hause und hatte gerade erst so 3 oder 4 Bier getrunken, war also noch topfit. Das waren die letzten Biere meines Lebens, ich wusste das nur noch nicht. Sie sprach mich an, und ich, ich log mich dieses Mal nicht aus dieser Situation heraus (was mir wohl sicher auch wieder gelungen wäre, denn darin war ich wahrlich meisterlich), sondern machte reinen Tisch und erklärte ihr, dass ich Alkoholiker bin. Was sie mir nicht glaubte.
Ich habe ihr dann all meine Vorräte bzw. Verstecke gezeigt. Der Jetbag im Keller war voll mit Bier, der Brennholzstapel im Garten war ausgehöhlt und gefüllt mit Bier und auch Weinflaschen, im nahe gelegenen Wald hatte ich im Dickicht ganze Bierkästen versteckt und natürlich der berühmte Reserveradkasten im Auto.
Nun glaubte sie mir. Und von diesem Punkt an war sowohl ihr Leben als auch das Leben meiner Kinder und natürlich auch mein eigenes nicht mehr das was es einmal gewesen war. Damit war klar, jetzt ist Tag Null - Neustart mit vorheriger Abrechnung und Generalbeichte. Sie erfuhr von mir ALLE meine Lügen. Da war viel zu erzählen, das konnte ich gar nicht alles an einem Tag schaffen und vieles fiel mir dann auch erst nach und nach wieder ein. Ich wusste oft auch nicht mehr was gelogen war und was nicht. Jedenfalls hatte ich Lebensversicherungen verprasst, Sparverträge aufgelöst, unser Konto ins Unermesslichie überzogen obwohl ich nicht schlecht verdient hatte u.v.m.
Natürlich musste ich ihr auch eingestehen, dass viele meiner Dienstreisen gar nicht statt fanden, ich in der Zeit woanders war, ich in der Zeit trank, usw.
Und dann zog ich erst mal aus. Ließ meine Frau und meine beiden Kinder erst mal zurück in ihrem Elend und begab mich auf meine Reise in ein Leben ohne Alkohol. Diese Reise begann unter schlechten Voraussetzungen für mich, denn ich liebte meine Kinder über alles (wie halt ein nasser Alkoholiker lieben kann, denn das ich wegen meiner Kinder zum Trinken aufgehört hätte, dazu hat die Liebe ja offenbar nicht gereicht). Es war die Hölle für mich, getrennt von meine Kindern zu sein und meine Schuldgefühle gegenüber meiner Frau nahmen wir die Luft zum Atmen.
ABER: Eines wusste ich ganz genau! Ich wollte da raus und ich wollte NIE wieder trinken. Ich wollte das schaffen und ich wollte ALLES dafür tun. Bereits am ersten Abend ohne Alkohol ging zu den AA. Dort war ich dann fast täglich zu finden. Bei uns gab es erfreulicherweise jeden Abend eine Gruppensitzung, wenn auch meist mit unterschiedlichen Teilnehmern. Was mir egal war, hauptsache ich unternahm etwas. Ich ging auch zum Arzt, zu spät aus meiner heutigen Sicht, denn ich hatte bereits kalt entzogen. Hier darf ich Dir sagen, dass Du, wenn Du Deine Sucht mal zum Stillstand gebracht hast, jederzeit mit einer Erkältung oder Grippe zum (gleichen) Arzt gehen kannst ohne das dieser Dich schief an sieht.
Ich ging zum Psychologen, weil ich meine Sucht aufarbeiten wollte und ich mir besonders auch Hilfe im Umgang mit meinen Schuldgefühlen erhoffte. Bei letzterem hat er mir nicht helfen können so dass ich nach anderen Wegen gesucht habe. Ein Mönch war es dann letztlich, der mich in ewig vielen Gesprächen wieder in die richtige Spur gebracht hat. Eine längere Geschichte, die ich jetzt nicht im Detail erzählen möchte. Jedenfalls half er mir dabei mit meiner Schuld umzugehen und gab mir auch sonst sehr viele sehr wertvolle Ratschläge.
Mittlerweile war dann klar, dass ich mich von meiner Frau trennen wollte und ich trennte mich dann auch offiziell. Jetzt war viel zu regeln, finanzielles aber auch der Umgang mit meinen Kindern, wobei mein Sohn bald erwachsen war, es mehr um meine Tochter ging, die damals im Grundschulalter war. Das waren schwere Zeiten, denn meine Frau traute mir (völlig zurecht) keinen Deut mehr.
Das wichtigste in dieser ganzen Zeit war, dass ich nicht mehr getrunken habe. Paradoxerweise war das die einzige Zeit in meinem Leben, wo ich, wenn man so will, einen Grund zum Saufen gehabt hätte. Nie ging es mir schlechter als in dieser Anfangszeit nach meinem Outing. Aber ich hatte wirklich nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass ich jetzt trinken will. Zu fest war meine Überzeugung, dass ich nie mehr trinken werde, zu überzeugt war ich davon, dass ich mir jetzt mein Leben zurück holen werde und zwar mein Leben ohne Alkohol.
Selbstveständlich, das möchte ich Dir auch noch schreiben, hatte ich viele Gänge nach Canossa vor mir. Meine Eltern, meine Geschwister, die verbliebenen Freunde, sie alle dachten ja von mir ich wäre der tolle Familienvater, der erfolgreich im Job ist und der alles im Griff hat. Sie alle bekamen (verzeih mir den Kalauer) reinen Wein von mir eingeschenkt.
All das war notwendig für mich, sonst hätte ich es womöglich nicht geschafft. Es war hart, sehr hart, aber auch befreiend. Nie mehr wollte ich mir irgend eine Lügenwelt aufbauen. Nie mehr wollte ich die Unwahrheit sagen, nie mehr Probleme aufschieben oder gar verdrängen. Und das musste ich aber erst lernen. Ich hatte es nämlich verlernt. Und das dauerte, das dauerte lange, sehr lange.
Es war ein Prozess. Heute denke ich, dass ich nach ca. einem Jahr ohne Alkohol ganz grob die wichtigsten Baustellen einigermaßen abgearbeitet hatte. Jedoch noch weit von dem entfernt was ich eigentlich wollte. Aber es ging sozusagen Woche für Woche, Monat für Monat voran und für mich aufwärts. Wie gesagt, dass ist jetzt viele Jahre her und ich möchte sagen, dass ich noch heute an mir arbeite und mich auch noch heute versuche zu entwickeln. Nur das es jetzt nicht mehr so sehr um die Aufarbeitung meiner Suchtzeit geht, wenngleich da immernoch immer wieder mal was auftaucht. Es geht jetzt mehr um meine Persönlichkeit, darum meine Zufriedenheit zu wahren, mein Leben weiter positiv zu gestalten. Und das kann ich nur, weil ich nicht mehr trinke. Würde ich trinken, hätte für "sowas" gar keinen Geist.
Also, das war jetzt sehr viel von mir und es ist auch nicht das erste mal, dass ich das alles von mir schreibe. Ich tue das, weil ich hoffe, dass etwas für Dich dabei ist, das Dich motiviert Dein Leben ohne Alkohol wirklich anzugehen. Ich glaube ein wenig Motivation von außen kann man gut gebrauchen wenn auch der weitaus größere Teil von Dir selbst kommen muss. Alles Gute wünsche ich Dir und ich hoffe mal, Du bleibst dieses Mal hier und meldest Dich nicht gleich wieder ab. Sonst habe ich das alles umsonst geschrieben, das fände ich sehr schade 
LG
gerchla