Beiträge von Gerchla

    Hallo Charlotte,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich werde bald 50, bin Alkoholiker und lebe jetzt schon mehrere Jahre ohne Alkohol. Wenn ich mal die Anfangsmonate, also direkt nach dem Ausstieg aus der Sucht weg lasse, dann waren die vergangenen Jahre die schönsten meines Lebens. Wohl auch oder bestimmt deshalb, weil ich durch die Erfahrungen die ich in den langen Jahren meiner Sucht gemacht habe, dieses neue Leben ohne Alkohol als enorm positiv und lebenswert empfunden habe und auch nach Jahren immernoch so empfinde.

    Du stehst jetzt an einem Punkt, wo Du (vielleicht erstmals ernsthaft?) erkannt hast, dass es das jetzt nicht mehr sein kann. Du hast ein Problem, das Dich in den Abgrund ziehen wird und das Du alleine nicht einfach so lösen können wirst. Und die Leere, die Einsamkeit die Du spürst, ich denke das sind die Nebenwirkungen Deiner Sucht. Ich denke Du hättest gute Chancen diese Sypmtome, dieses Empfinden zu verlieren, wenn Du es schaffst mit dem Trinken aufzuhören.

    Aber bevor ich jetzt weiter philosophiere und theoretisiere: Wo stehst Du denn jetzt aktuell? Du trinkst noch, nehme ich an, oder? Wie soll es denn bei Dir jetzt weiter gehen, was hat der Arzt gesagt? Was hat man Dir bei der Beratung alternativ geraten? Was sind Deine eigenen Pläne? In wieweit weiß Deine Familie bescheid? Sie wissen ja da Du trinkst aber wissen sie auch dass Du jetzt aufhören möchtest? Fragen über Fragen, ich will Dich aber nicht löchern.

    Es ist nur so, wenn wir ein wenig mehr von Dir wissen, dann können wir viel besser unsere eigenen Erfahrungen mitteilen. Weil wir dann die Parallelen besser erkennen. Und dann ist da vielleicht was dabei, das Dir hilft, das Dich weiter bringt. Also wenn Du möchtest, dann schreibe einfach noch ein wenig mehr über Dich, Deine Situation, Deine Motivation, gerne auch über Bedenken oder Ängste. Wir kennen das hier alle, wir waren ja auch mal dort wo Du jetzt stehst. Also an dem Punkt wo wir merkten: So geht's nicht mehr weiter!

    Ich würde mich freuen von Dir zu lesen und ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Paperplane,

    erst mal möchte ich Dir sagen, dass ich mich tatsächlich eben sehr gefreut habe, dass Du noch hier bist und das Du geantwortet hast. Ich bin ehrlich, ich war mir nicht ganz sicher ob das so sein würde.

    Wenn Du schreibst, ich hätte viel mitgemacht, dann möchte ich Dir darauf antworten:

    Ja das habe ich, aber es war alles selbstverschuldet und es gibt auch noch viel viel schlimmere Lebensgeschichten bei uns Alkoholikern. Mein Leben lag auch damals schon in meiner Verantwortung, allein in meiner Verantwortung und niemand hat mich dazu gezwungen mit dem Trinken zu beginnen und dann auch gleich noch so, dass ich süchtig werde. Und, was mir noch viel wichtiger ist: Meine Familie und mein Umfeld hat noch viel mehr mitgemacht als ich. Mehr deshalb, weil sie völlig unverschuldet von mir in diesen Sumpf hinein gezogen wurden. Deshalb sage ich, dass ich Täter war, nicht Opfer. Und ich möchte mich nicht hinter dem Alkohol verstecken und sagen: Naja, ich konnte ja eigentlich nichts dafür, es lag an meiner Sucht. Auch wenn das vielleicht bedingt sogar richtig sein sollte, kann ich diese Sichtweise für mich selbst nicht akzeptieren. Denn: Mein Leben, meine Entscheidungen, ich hatte es selbst in der Hand.

    Aber es geht jetzt ja nicht um mich. Es ist wirklich sehr schön, dass Du hier bist und dass Du weiter dran bleibst. Was mir in den Anfangswochen sehr geholfen hat und was ich mir in manchen Situationen tatsächlich bis heute bewahrt habe ist folgendes: Einfach mal nicht immer so gaaaanz weit voraus denken. Einfach mal auf sich zukommen lassen, mal von Tag zu Tag denken. Ich meine das jetzt gar nicht so sehr in Richtung der alten Weisheit (die habe ich von den AA) "Immer nur heute nichts trinken", sondern ich meine das jetzt bezogen auf anstehende Ereignisse, auch auf tatsächliche oder vermeintliche Probleme usw.

    Nehmen wir mal Deinen Arztbesuch. Erst mal finde ich es einfach super, dass Du ihn ausgemacht hast und hingehen wirst. Das ist ja schon mal ein ganz wichtiger Schritt. Aber ich lese bei Dir natürlich heraus, dass Du ordenlich Respekt davor hast, vielleicht ja sogar Angst. Und ehrlich, die hatte ich damals auch!!! ABER, jetzt lass Dir mal gesagt sein: Unbegründet! Und ich sage Dir deshalb: Lass die Dinge auch einfach mal auf Dich zukommen. Setzte Dich nicht schon vorher unter Druck, denke Dir nicht schon vorher die möglichen schlimmsten Szenarien aus. Warte ab und entwickle für Dich das Bewusstsein, dass Du für alles immer eine Lösung finden wirst. Und das wirst Du auch, solange Du nicht trinkst.

    Ich habe hier dann tatsächlich die Erfahrung gemacht, dass viele Dinge einfach ganz anders gekommen sind, als ich es gedacht hatte. Komischerweise hatte ich (war wohl ein Erbe meiner Suchtzeit) immer nur die negativen Möglichkeiten im Kopf. Wahrscheinlich wird dieses oder jenes passieren, bestimmt habe ich dies und das, usw. Nun, natürlich trifft es einen auch mal hart, auch wenn man nichts mehr trinkt. Natürlich kann sogar auch mal das Schicksal zuschlagen bei uns alkoholfreien Ex-Trinkern, eben ganz genauso wie das bei jedem anderen Menschen auch passieren kann. Aber wir können ohne Alkohol viel besser damit umgehen, manchmal auch gestärkt aus zunächst schlimmen Situationen heraus gehen.

    Was ich sagen will, versuche doch einfach mal ein wenig mehr positiv zu denken, Dir nicht zu viele negative Szenarien auszumalen. Ich vermute (ich weiß es natürlich nicht), dass Du solche Gedanken bezüglich vieler anderer Dinge die jetzt anstehen, die Dich "erwarten" möglicherweise hast.

    Wichtig ist: Ich will damit nicht sagen, dass Du Deine Sucht auf die leichte Schulder nehmen sollst. Also nicht nach dem Motto: Ach naja, wird schon irgendwie alles werden, ich lass es halt einfach mal laufen. Nein, das meine ich nicht.

    Ich habe immer an der Aufarbeitung meiner Sucht gearbeitet. Wirklich vom ersten Tag an. Das war für mich enorm wichtig und ein Garant dafür, dass ich nie mehr getrunken habe.

    Diese Gedanken, die Du jetzt von Dir schilderst, dass Du ja vielleicht doch noch mal irgendwann mit Deiner Schwester ein Glas Rotwein trinken könntest, die halte ich für brandgefährlich. ABER: Ich will Dich deshalb keinesfalls verurteilen! Das ist mir wichtig Dir zu schreiben. Du hast sie ja, diese Gedanken und Du wirst sie nicht einfach so wegknipsen können. Ich denke Dein Hirn, Dein Verstand wird Dir genau sagen: Das wäre keine gute Idee - Trotzdem sind diese Gedanken da. Simpel gesprochen wartet Deine Sucht auf eine gute Gelegenheit um Dich wieder einzusacken. Auch das weißt Du wohl vom Verstand her, jedoch kannst Du diese Gedanken (im Moment!) trotzdem nicht einfach abstellen. Der anstehende 50. Geburtstag könnte so eine Gelegenheit sein, wo Dein Suchtgedächtnis auf seine Chance lauert. Du hast Dich entschieden hin zu gehen, kann man machen.... Man könnte zumindest in der Anfangszeit auch sagen: ich minimiere meine möglichen Triggermomente erst mal und bin bei Feiern etc. erst mal raus. Allerdings gibt es auch die anderen Seite, die sagt: Konfrontation kann auch stärken, natürlich nur dann, wenn man diese Konfrontation unbeschadet, sprich alkohlfrei, übersteht. Für beide Varianten gibt es Fürsprecher. Ich war am Anfang erst mal ein Vermeider - was mir sehr leicht fiel denn ich hatte gar keinen Bock auf eine feiernde Gesellschaft usw. Ich war viel zu sehr mit mir und meiner Sucht bzw. der Aufarbeitung und den daraus resultierenden Herausforderungen beschäftigt.

    Also heißt es dagegen kämpfen und sich weiter entwickeln. Strategien finden, die Dir helfen entweder diese Gedanken so gut es geht komplett aus dem Hirn zu bekommen oder aber einen "Automatismus" zu entwickeln, zu erlernen, wie Du mit ihnen umgehst. Wenn sie richtig stark werden meine ich, wenn Du Gefahr läufst ihnen nachzugeben. Auch hier gibt es Möglichkeiten gegenzusteuern und normal verschwindet dieser akute Druck dann auch recht schnell wieder.

    Ich erzählt noch mal von mir: Ich hatte das große Glück, dass ich quasi vom ersten Tag ohne Alkohol an täglich gespürt habe wie es mir besser geht. Zunächst, die ersten Wochen und Monate, beschränkte sich das stark auf meine pysische Gesundheit. D. h. ich fühlte mich fit, ausgeschlafen, nahm rasend schnell ab, musste mir neue, engere Gürtel für die Hosen kaufen, bald dann auch neue, kleinere Hosen und Hemden usw. Ich habe das als äußerst motivierend und positiv empfunden. Bald schon wurde ich auch von Außenstehenden angesprochen, dass ich ja so viel besser und gesünder aussehen würde usw.

    Psychisch war die Lage allerdings eine ganz andere. Und das, liebe Paperplane, ist ja unsere eigentliche Challenge. Die Psyche entscheidet ob wir wieder trinken oder eben nicht. Und hier habe ich wirklich ganz viel gemacht. Alleine aber auch mit viel Hilfe. Du gehst jetzt zum Arzt, prima. Schau mal wie Du mit ihm/ihr zu Rande kommst. Vielleicht könnt ihr zusammen ein weiteres Vorgehen gut planen und vereinbaren. Bei mir war es ganz sicher die Hilfe von Außen, die vielen vielen Gespräche, die mich stark gemacht haben. Die letztlich dann verantwortlich dafür waren, dass ich solche Gedanken wie Du sie jetzt hast, nie hatte.

    Es gibt nichts, bitte glaube mir das, dass Du ohne Alkohol nicht auch mindestens genauso gut und erfüllend machen könntest als mit. Vielleicht sind manche Dinge etwas anders, aber sie sind deshalb nicht schlechter! Wir Alkoholiker müssen das nur (wieder) lernen, denn durch die Sucht haben wir gelernt wie der Stoff wirkt, und wie einfach er es uns macht, manche Situationen so oder so zu erleben, zu fühlen usw. Aber all das war nicht ECHT!

    Und, nicht dass Du jetzt denkst, ich wäre ein hardcore Trockener, ein Ex-Trinker der jetzt mit der Faust in der Tasche trocken ist. Nein, ich bin unterwegs, geschäftilich wie privat, habe auch mal Menschen um mich, die (moderat) trinken ohne das ich damit ein Problem hätte, ohne dass ich mit erhobenen Zeigefinger darauf hinweise, wie gefährlch der Konsum von Alkohol sein kann. Aber ich selbst verspüre keinerlei Wunsch, selbst zu konsumieren. Und natürlich habe ich auch viele positive Erinnerungen an meine Zeiten mit Alkohol. Also nicht an die letzten Jahre meiner Sucht, welche nur noch die Hölle waren aber vorher, als ich wie ich heute weiß bereits süchtig war, jedoch noch gut funktionierte und noch "alles gut im Griff" hatte, da gab es durchaus lustige und gesellige Abende und entsprechend auch positive Erinnerungen.

    Aber ich weiß halt heute auch, dass ich jetzt solche Abende oder Momente auch habe, dass es eben nicht der Alkohol sein muss, der dafür sorgt dass man eine schöne Zeit hat. Nur weiß man das halt nicht, wenn man es nicht anders kennt bzw. sich über viele Jahre so daran gewöhnt hat. Und dann ist da natürlich noch unsere trinkfreudige Gesellschaft, in der Alkohol ja gar nicht wegzudenken ist und wo Alkohol ja quasi das Schmiermittel schlechthin ist. Und das bekommen wir ja permanent zu sehen, zu lesen oder in eigenen live Erlebnissen präsentiert.

    Genau deshalb brauchts schon einen Plan, wie man sein Leben ohne Alkohol führen möchte, denn wir (Du) wirst einfach ständig damit konfrontiert werden.Wenn Du es aber schaffst zu erkennen, dass Alkohol eigentlich zu keiner Zeit positiv oder hilfreich für Dich ist, dann wirst Du stark genug werden um ein sehr zufriedenes Leben ohne zu führen.

    Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Weg finden kannst. Bleib jetzt dran, Du hast den Anfang gemacht. Arbeite an Dir, arbeite Deine Sucht auf, versuche heraus zu finden, warum wieso weshalb und überlege Dir, wo Du hin möchtest, wer Du sein möchtest, wie Du sein möchtest, was Du noch erreichen willst in Deinem Leben. Und suche und hole Dir alle Hilfe die Du bekommen kannst (super das Du bereits eine SHG hast, besuche sie regelmäßig, mir hat das enorm viel geholfen). Und dann wirst Du merken, wie sich alles verändert. Wie Du Dich veränderst, wie Dein Umfeld sich verändert (oder Du es anders wahr nimmst) und Du wirst spüren, dass Du Dir langsam Dein Leben zurück holst.

    Oh, wieder so viel geschrieben ;)

    Alles alles Gute weiterhin!

    LG
    gerchla

    Hallo Ahimsa,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich würde mich tatsächlich sehr freuen, wenn Du hier noch liest und mir eine Rückmeldung zu meinen Zeilen geben würdest. Ich schreibe das gleich am Anfang, weil ich sehe, dass Du auf Greenfox' Frage nicht reagiert hast und sich Dein Post für mich auch so liest, als ob Du da aus großer Verzweiflung heraus Dir ein Herz gemommen hast um das einfach mal los zu werden.

    Und Du jetzt vielleicht nicht mehr den Mut findest weiter zu schreiben oder Dich vielleicht schämst, weil Du noch trinkst. Ich möchte Dich dazu ermutigen Dich zu melden, uns Deine Geschichte zu schreiben. Vielleicht können wir Dir ja doch einen Anstoss geben. Ich finde es so schade, wenn man sein Leben an den Alkohol verliert. Weil ich selbst erleben durfte, dass man es sich zurück holen kann und weil ich jetzt erleben darf, wie schön das Leben doch sein kann. Auch wenn man bereits eine langjährige Alkoholikerkarriere hinter sich hat und auch wenn man in dieser Zeit schlimme Dinge getan hat.

    Also melde Dich doch einfach mal. Und hadere nicht damit, dass Dein Partner Deine Sucht nicht versteht. Die Sucht verstehen oft nur diejenigen, die sie selbst erlebt haben. Deshalb sind Selbsthilfgruppen ja oft so enorm wertvoll.

    Vielleicht sprechen wir uns noch. Würde mich freuen. Ansonsten natürlich alles alles Gute für Dich und Dein weiteres Leben.

    LG
    gerchla

    Hallo Bianca,

    ich sag erst mal: Herzlich Willkommen hier bei uns im Forum.

    Ich bin Alkoholiker, werde bald 50 Jahre alt und trinke jetzt schon länger keinen Alkohol mehr. Ich wollte Dich einfach mal nur begrüßen, obwohl ich jetzt kein Angehöriger bin und damit auch keine ähnlichen Erfahrungen machen musste wie Du. Ich stand auf der anderen Seite, leider.

    Ich lese so viel Verzweiflung und auch Wut aus Deinen Zeilen. Mich trifft es auch immer wieder, wenn ich das Leid der Angehörigen lese. Weil ich ja weiß, dass ich selbst ebenfalls für sehr viel Leid gesorgt habe.

    Grundsätzlich kann ich Dir nur aus der Sicht eines Alkoholikers, oder sagen wir mal besser: individuell aus meiner Sicht sagen, dass Du wohl nicht viel erreichen kannst bei Deiner Mutter. Wenn sei trinken möchte, dann wird sie trinken. Ich finde es sehr wichtig und gut, wenn man einen Alkoholiker auf sein (Konsum)-Verhalten anspricht, ihm damit sozusagen einen Schupps gibt, einen Hinweis, dass man sieht, da läuft was schief. Und er/ sie dadurch die Möglichkeit bekommt, auch selbst nochmal darüber nach zu denken. Jedoch denke ich mal bzw. entnehme ich Deinen Zeilen, dass Du das bereits getan hast, wahrscheinlich schon mehrfach. Und darüber hinaus hat der Alkohol ja auch schon eine lange (Vor-)Geschichte in Deiner Familie.

    Ich glaube, das es bei der eigenen Mutter bzw. den Eltern nochmal viel schwieriger ist als bei einem Partner. Es sagt sich so leicht "abgrenzen, Kontakt abbrechen, auf sich selbst schauen usw.". Aber ich denke mir, die Mama ist halt die Mama und der Papa ist der Papa. Genauso denke ich, ist es wenn z. B. das eigenen Kind zum Alkohol greift und man es nicht mehr erreichen kann. Was ich damit sagen will ist, dass ich Deine Emotionen gut nachvollziehen kann, auch wenn ich selbst so etwas nicht erlebt habe.

    Hast Du schon mal darüber nachgedacht Dir vielleicht auch noch weitere Hilfe zu suchen. Also z. B. eine Selbsthilfegruppe für Angehörige zu besuchen? Dort finden sich dann Menschen, die wirklich genau wissen was Du gerade durch machst.

    Ich möchte meine Zeilen jetzt nicht künstlich in die Länge ziehen und ich hoffe, Du bekommst hier auch noch Antwort von anderen Betroffenen, die Ähnliches erlebt haben.

    Grundsätzlich möchte ich Dir noch sagen, dass Du für Dein Leben verantwortlich bist. Du bist nicht für das Leben Deiner Mutter verantwortlich. Du kannst also nur auf Dich schauen und das tust Du ja gerade in dem Du erst mal den Kontakt abgebrochen hast, weil Dich dieser zu sehr belastet hat. Leider ist es so, dass nur Deine Mutter allein etwas verändern könnte. Sollte sie das tun, weil sie z. B. in die Entgiftung geht, weil sie z. B. eine Therapie macht, dann kannst Du eine wertvolle Hilfe / Unterstützung / Motivatorin usw. sein. Aber halt auch nur dann.

    Ansonsten wird es m. E. darum gehen, dass Du mit Deiner Entscheidung gut leben kannst, dass Du Dich damit wohl fühlst und dass Dein Leben möglichst wenig von der Sucht Deiner Mutter / Eltern (ich denke Dein Vater trinkt auch zu viel, oder?) belastet wird. Ganz belastungsfrei wird es, so denke ich, nie werden können (es sei denn natürlich, Deine Mutter überrwindet ihre Sucht). Aber wenn Du Deinen (einen) Weg findest einigermaßen damit umgehen und leben zu können, Dich dann doch abgrenzen zu können, dann hast Du sehr viel gewonnen.

    Alles alles Gute wünsche ich Dir und einen guten und hilfreichen Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo Paperplane,

    ich sag jetzt mal: Willkommen zurück im Forum. Ich wollte Dir eigentlich schon unter Deinem alten Nick schreiben aber Du warst schneller weg als ich schreiben konnte.

    Ich will mich mal kurz vorstellen: ich bin fast 50 Jahre alt, Alkoholiker, Vater von mittlerweile 3 Kindern und lebe jetzt schon mehrere Jahre ohne Alkohol. Vorher trank ich fast meine ganze Alkoholikerzeit komplett heimlich. Ich denke mal ich war etwa 12 Jahre, vielleicht auch etwas mehr, abhänigig trinkend. Ungefähr 10 davon habe ich heimlich getrunken.

    Es begann eigetlich alles ganz harmlos mit den allseits bekannten und beliebten Feierabendbier, nur eines zum Essen am Abend. Erst mal. Mehr war es nur, wenn wir mal am Wochenende unterwegs waren, bei Feiern oder im Urlaub. Aber dann auch nicht exzessiv, sondern dann waren es halt mal 4 oder 5 Bier und ich büßte dafür dann am nächsten Tag. Und so rutschte ich langsam hinein und aus dem einen Bier wurden zwei und was noch fataler war, ich trank quasi täglich. Das fiel natürlich irgendwann meiner Frau auf und sie sprach mich darauf hin dann auch an.

    Was dazu führte, dass ich zunächst mal nicht mehr täglich trank, Pausen einlegte usw. Ich erinnere mich gut, dass ich mich damit schon damals nicht recht wohl gefühlt habe, ich konnte das aber noch recht problemlos machen. Heute weiß ich, dass ich schon damals bereits süchtig war oder aber jedenfalls ganz kurz davor. Es kam wie es kommen musste, ich trank irgendwann wieder so nach und nach meine "gewohnte" Menge und irgendwann sprach mich meine Frau wieder an. Das Spiel ging so vielleicht 3 mal und dann hörte ich "offiziell" ganz mit dem Feierabendbiertrinken auf.

    Jedoch natürlich nicht wirklich sondern ich begann mit dem heimlichen trinken. Von diesem Zeitpunkt an hat man mich kaum noch mit Alkohol in der Hand gesehen. Nur bei besonderen Anlässen, jedoch keinesfalls in alltäglichen Situationen, wie z. B. zum Essen. Bestenfalls wenn wir mal zum Essen in ein Restaurant gingen habe ich mir mal eini Bier etc. "gegönnt" um dann natürlich demonstrativ meine Frau zu bitten, doch nach Hause zu fahren weil ich ja niemals fahren würde wenn ich was getrunken habe. Nun, dass mein Reserveradkasten mit Plastikbierflaschen gefüllt war (den Reifen hatte ich entsorgt, und Plastikbierflaschen deshalb, weil diese beim Fahren nicht klirren), das wusste sie natürlich nicht. Und dass ich, wenn ich auf die Toilette "musste" immer zum Auto gerannt bin um dort schnell eines auf ex zu trinken, das wusste sie natürlich auch nicht.

    Was ich damit sagen will, ich kenne mich in Deiner Welt des heimlichen Trinkens und dem damit verbunden Lügen sehr gut aus. Meine größte Herausforderung bestand irgendwann mal darin, meine Flaschenentsorgungslogistik einigermaßen aufrecht zu erhalten. Irgendwann war ich bei um die 10 Bier pro Tag + oft noch ne Flasche Wein. Alles heimlich und da kannst Du Dir sicher vorstellen, dass die Flaschen ja am nächsten Morgen irgendwie verschwinden mussten. Natürlich war ich jemand, der immer mit Rucksack in die Arbeit gegangen ist (offiziell hatte ich dort meine Brotzeit deponiert), aber oft passten die ganzen Flaschen gar nicht alle da rein. Naja, irgendwie habe ich es immer hinbekommen. In der Hecke unseres Nachbars sind wahrscheinlich noch heute dutzende leerer Plastikflaschen zu finden....

    Aber gut, das alles nur, damit Du ein Gefühl bekommst, wie mein alkoholischer Hintergrund aussieht.

    Eigentlich schreibe ich Dir ja um Dir Mut zu machen. Ich möchte Dir aus meiner Erfahrung eines sagen: Die auf den ersten Blick tolle Idee, heimlich mit dem Trinken aufzuhören, weil man ja auch heimlich getrunken hat, die hat bei mir nie funktioniert. Und ich glaube fast, die wird bei niemanden funktionieren der tatsächlich süchtig ist. Ich fand es bestechend das zu versuchen, denn dann wäre ja allles so gewesem, wie ich es versucht hatte vorzugauckeln. Ich schaffte mit dieser "Methode" allerdings nur Trinkpausen, die nach wenigen Wochen meist ganz schnell vorbei waren und ich war wieder im alten Fahrwasser, natürlich weiterhin heimlich. Für meine Umwelt änderte sich also nichts, die bekamen von alle dem nichts mit.

    D.h., meine Frau bemerkte natürlich über die Jahre, dass unsere Ehe immer mehr kaputt ging. Sie mich nicht mehr erreichen konnte usw. Aber selbst als ich begann mich sogar körperlich stark zu verändern kam sie nicht auf Alkohol als Problem.

    Gut, irgendwann kam dann Tag X für mich. Wieder einmal sprach mich meine Frau an weil eine meiner Lügereien aufgefolgen waren. Eine ganz schlimme Lügerei war das damals. Ich kam von der Arbeit nach Hause und hatte gerade erst so 3 oder 4 Bier getrunken, war also noch topfit. Das waren die letzten Biere meines Lebens, ich wusste das nur noch nicht. Sie sprach mich an, und ich, ich log mich dieses Mal nicht aus dieser Situation heraus (was mir wohl sicher auch wieder gelungen wäre, denn darin war ich wahrlich meisterlich), sondern machte reinen Tisch und erklärte ihr, dass ich Alkoholiker bin. Was sie mir nicht glaubte.

    Ich habe ihr dann all meine Vorräte bzw. Verstecke gezeigt. Der Jetbag im Keller war voll mit Bier, der Brennholzstapel im Garten war ausgehöhlt und gefüllt mit Bier und auch Weinflaschen, im nahe gelegenen Wald hatte ich im Dickicht ganze Bierkästen versteckt und natürlich der berühmte Reserveradkasten im Auto.

    Nun glaubte sie mir. Und von diesem Punkt an war sowohl ihr Leben als auch das Leben meiner Kinder und natürlich auch mein eigenes nicht mehr das was es einmal gewesen war. Damit war klar, jetzt ist Tag Null - Neustart mit vorheriger Abrechnung und Generalbeichte. Sie erfuhr von mir ALLE meine Lügen. Da war viel zu erzählen, das konnte ich gar nicht alles an einem Tag schaffen und vieles fiel mir dann auch erst nach und nach wieder ein. Ich wusste oft auch nicht mehr was gelogen war und was nicht. Jedenfalls hatte ich Lebensversicherungen verprasst, Sparverträge aufgelöst, unser Konto ins Unermesslichie überzogen obwohl ich nicht schlecht verdient hatte u.v.m.

    Natürlich musste ich ihr auch eingestehen, dass viele meiner Dienstreisen gar nicht statt fanden, ich in der Zeit woanders war, ich in der Zeit trank, usw.

    Und dann zog ich erst mal aus. Ließ meine Frau und meine beiden Kinder erst mal zurück in ihrem Elend und begab mich auf meine Reise in ein Leben ohne Alkohol. Diese Reise begann unter schlechten Voraussetzungen für mich, denn ich liebte meine Kinder über alles (wie halt ein nasser Alkoholiker lieben kann, denn das ich wegen meiner Kinder zum Trinken aufgehört hätte, dazu hat die Liebe ja offenbar nicht gereicht). Es war die Hölle für mich, getrennt von meine Kindern zu sein und meine Schuldgefühle gegenüber meiner Frau nahmen wir die Luft zum Atmen.

    ABER: Eines wusste ich ganz genau! Ich wollte da raus und ich wollte NIE wieder trinken. Ich wollte das schaffen und ich wollte ALLES dafür tun. Bereits am ersten Abend ohne Alkohol ging zu den AA. Dort war ich dann fast täglich zu finden. Bei uns gab es erfreulicherweise jeden Abend eine Gruppensitzung, wenn auch meist mit unterschiedlichen Teilnehmern. Was mir egal war, hauptsache ich unternahm etwas. Ich ging auch zum Arzt, zu spät aus meiner heutigen Sicht, denn ich hatte bereits kalt entzogen. Hier darf ich Dir sagen, dass Du, wenn Du Deine Sucht mal zum Stillstand gebracht hast, jederzeit mit einer Erkältung oder Grippe zum (gleichen) Arzt gehen kannst ohne das dieser Dich schief an sieht.

    Ich ging zum Psychologen, weil ich meine Sucht aufarbeiten wollte und ich mir besonders auch Hilfe im Umgang mit meinen Schuldgefühlen erhoffte. Bei letzterem hat er mir nicht helfen können so dass ich nach anderen Wegen gesucht habe. Ein Mönch war es dann letztlich, der mich in ewig vielen Gesprächen wieder in die richtige Spur gebracht hat. Eine längere Geschichte, die ich jetzt nicht im Detail erzählen möchte. Jedenfalls half er mir dabei mit meiner Schuld umzugehen und gab mir auch sonst sehr viele sehr wertvolle Ratschläge.

    Mittlerweile war dann klar, dass ich mich von meiner Frau trennen wollte und ich trennte mich dann auch offiziell. Jetzt war viel zu regeln, finanzielles aber auch der Umgang mit meinen Kindern, wobei mein Sohn bald erwachsen war, es mehr um meine Tochter ging, die damals im Grundschulalter war. Das waren schwere Zeiten, denn meine Frau traute mir (völlig zurecht) keinen Deut mehr.

    Das wichtigste in dieser ganzen Zeit war, dass ich nicht mehr getrunken habe. Paradoxerweise war das die einzige Zeit in meinem Leben, wo ich, wenn man so will, einen Grund zum Saufen gehabt hätte. Nie ging es mir schlechter als in dieser Anfangszeit nach meinem Outing. Aber ich hatte wirklich nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass ich jetzt trinken will. Zu fest war meine Überzeugung, dass ich nie mehr trinken werde, zu überzeugt war ich davon, dass ich mir jetzt mein Leben zurück holen werde und zwar mein Leben ohne Alkohol.

    Selbstveständlich, das möchte ich Dir auch noch schreiben, hatte ich viele Gänge nach Canossa vor mir. Meine Eltern, meine Geschwister, die verbliebenen Freunde, sie alle dachten ja von mir ich wäre der tolle Familienvater, der erfolgreich im Job ist und der alles im Griff hat. Sie alle bekamen (verzeih mir den Kalauer) reinen Wein von mir eingeschenkt.

    All das war notwendig für mich, sonst hätte ich es womöglich nicht geschafft. Es war hart, sehr hart, aber auch befreiend. Nie mehr wollte ich mir irgend eine Lügenwelt aufbauen. Nie mehr wollte ich die Unwahrheit sagen, nie mehr Probleme aufschieben oder gar verdrängen. Und das musste ich aber erst lernen. Ich hatte es nämlich verlernt. Und das dauerte, das dauerte lange, sehr lange.

    Es war ein Prozess. Heute denke ich, dass ich nach ca. einem Jahr ohne Alkohol ganz grob die wichtigsten Baustellen einigermaßen abgearbeitet hatte. Jedoch noch weit von dem entfernt was ich eigentlich wollte. Aber es ging sozusagen Woche für Woche, Monat für Monat voran und für mich aufwärts. Wie gesagt, dass ist jetzt viele Jahre her und ich möchte sagen, dass ich noch heute an mir arbeite und mich auch noch heute versuche zu entwickeln. Nur das es jetzt nicht mehr so sehr um die Aufarbeitung meiner Suchtzeit geht, wenngleich da immernoch immer wieder mal was auftaucht. Es geht jetzt mehr um meine Persönlichkeit, darum meine Zufriedenheit zu wahren, mein Leben weiter positiv zu gestalten. Und das kann ich nur, weil ich nicht mehr trinke. Würde ich trinken, hätte für "sowas" gar keinen Geist.

    Also, das war jetzt sehr viel von mir und es ist auch nicht das erste mal, dass ich das alles von mir schreibe. Ich tue das, weil ich hoffe, dass etwas für Dich dabei ist, das Dich motiviert Dein Leben ohne Alkohol wirklich anzugehen. Ich glaube ein wenig Motivation von außen kann man gut gebrauchen wenn auch der weitaus größere Teil von Dir selbst kommen muss. Alles Gute wünsche ich Dir und ich hoffe mal, Du bleibst dieses Mal hier und meldest Dich nicht gleich wieder ab. Sonst habe ich das alles umsonst geschrieben, das fände ich sehr schade ;)

    LG
    gerchla

    Hallo Siegfried,

    ich habe vorhin Deinen Post in Cindy's Thread gelesen. Darin hast Du u. a. geschrieben, dass Du einiges von dem was Du hier geschrieben hast mittlerweile anders siehst. Darüber bin ich "gestolpert", weil ich kürzlich ebenfalls mal in ein paar alten Beiträgen von mir gestöbert habe. Eigentlich eher zufällig, ohne tieferen Grund. Und was soll ich sagen: Mir ging es an der ein oder anderen Stelle ähnlich wie Dir. Ich las Dinge, wo ich mir heute denken würde, das müsste ich eigentlich etwas anders formulieren.

    Es war bei mir jetzt nicht so, dass ich Dinge gefunden habe, die ich für komplett falsch halte, jedoch manchmal nicht (mehr) ganz passend.

    Ich denke bei Dir ist es nun einfach so, dass Du durch Deine Therapie sehr viel neue Erkenntnisse bekommst und deshalb dann viele Dinge anders siehst bzw. vielleicht einfach auch aus einer neuen Sichtweise. Ich empfinde das als Zeichen, dass sich etwas tut, dass Deine Therapie etwas bewirkt bei Dir. Und das schreibst Du ja auch selbst.

    Bei mir wird es wohl so sein, dass ich einfach immer weiter an Lebenserfahrung gewinne, sozusagen nebenher. Und natürlich durch das viele Auseinandersetzen mit meiner Krankheit, durch das immer wieder Nachdenken über das was andere mir schreiben oder sagen komme ich wieder und wieder zu Situationen, wo ich dann bewusst überlege, ob ich mit meiner akutellen Meinung auf dem falschen Dampfer bin. Und das meine ich jetzt nicht nur bezogen auf das was ich anderen z. B. hier schreibe sondern auch auf meine ganz persönlichen "Baustellen".

    Das Verhältnis zu meine Vater ist z. B. so eine Baustelle. Hier habe ich persönlich in den letzten Jahren gefühlt wohl den größten Wandel durchlebt. Und ich vermute fast, dass ich hier noch nicht am Ende bin. Aber ich empfinde das als sehr wohltuenden Prozess.

    Das waren jetzt mal nur so ein paar Gedanken von mir, die Dein Post ausgelöst hat. Wollte ich Dir einfach mal schreiben.

    Alles Gute weiterhin, ich finde es echt prima, dass Du diesen Weg gehst und etwas machst. Und es nicht einfach so laufen lässt.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Cindy,

    ich denke Du bist ein wenig "zweigeteilt". Da gibt es die Cindy, die all das was wir ihr hier geschrieben haben wahrscheinlich mehrfach gelesen hat, die es wirken hat lassen und die wirklich auch versucht es zu verstehen und es umzusetzen. Und ich denke, rational gesehen hast kannst Du das was wir Dir alles so geschrieben und berichtet haben durchaus annehmen. Vielleicht war der ein oder andere Schock dabei, weil Du die Dinge ganz anders eingeschätzt hast, aber ich denke rational ist Dir klar, was wir meinen und was eigentlich der richtige Weg für Dich wäre.

    Und dann ist da noch die andere Seite. Die ist komplizierter. Das ist die Gefühlsebene.... Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und so machst Du Dir also auch noch Hoffnung, es könnte ja doch noch irgendwie alles gut werden. Das zeigt mir alleine die Frage danach, ob Du ihm nicht nochmal Deinen Standpunkt schreiben solltest, damit er ihn auch wirklich verstanden hat.

    Nun, ich behaupte jetzt mal, Du möchtest das nur deshalb tun, weil Du hoffst, er könnte es tatsächlich verstehen und es könnte sich etwas bei ihm verändern. Ich sage Dir: Lass es stecken. Es erreicht ihn nicht und verlängert aber gleichzeitig Dein Leiden.

    Ich bin mir sicher, würde er heute zu Dir kommen, Dir seine Liebe beschwören, Dir versprechen das er alles tun wird um sein Leben zu ändern, vielleicht sogar auch ein paar Tage oder Wochen nichts mehr trinkt, Du würdest ihm voll auf den Leim gehen. Tut mir leid das zu sagen, aber da bin ich mir sehr sicher.

    Ich möchte Dir mal noch kurz von meiner Ex-Frau berichten. Ich weiß nicht ob Du meine Geschichte kennst, ich trank ja fast die gesamte Zeit heimlich. D. h. meine Frau wusste bis zu meinem Outing nicht genau was da eigentlich los war. Selbstverständlch habe ich sie vor allem in den letzten Jahren meiner Sucht belogen und betrogen was das Zeug hielt. Alles im Sinne der Aufrechterhaltung meiner Sucht. Alles was sie versucht hat (und sie hat viel versucht auch wenn sie nicht wusste das es bei mir am Alkohol lag), schlug selbstverständlich fehl. Aber natürlich habe ich immer wieder Besserung gelobt, ihr geschworen, dass unsere Beziehung wieder gut werden wird, dass ich allles dafür tue usw. Ich schrieb Dir ja schon, dass die meisten Alkoholiker ganz herausragende Lügner sind. Das liegt wohl auch daran (zumindest bei mir war es so), dass sie die Lügen die sie erzählen gar nicht als solche sehen sondern es in dem Moment wo sie lügen tatsächlich ernst meinen. Obwohl sie wissen, dass es nicht stimmt oder nicht funktionieren wird.

    Gut, jedenfalls brach ihre Welt zusammen, komplett und allumfassend und da waren ja auch noch zwei Kinder, mal ganz nebenbei bemerkt. Meine Frau hat sich zu keiner Zeit so verhalten wie Du es jetzt tust. Sie war oder ist allerdings auch nicht Co-Abhängig. Was hat sie also getan? Sie hat mir gesagt ich solle mein Leben erst mal in Ordnung bringen. Ich zog sehr schnell aus und sie war mit den Kindern dann in unserer alten Wohnung alleine. Trotzdem sah ich sie (allein wegen der Kinder) fast täglich. Ich war in einem erbärmlichen Zustand. Trocken zwar, aber erbärmlichst beieinander. Meine Frau hat mir Wochen nach unsere Trennung (die auch sehr bald erfolgte) gesagt, dass sie mich immer noch liebt. Das tat sie sehr sachlich und sie fügte hinzu, dass das jetzt keine Relevanz mehr hätte weil ich meine Entscheidung getroffen hatte und sie werde diese akzeptieren. Und sie sagte, dass wir jetzt eine andere Beziehung hätten, nämlich eine geschäftliche. Was sie damit sagen wollte war, dass wir miteinander auskommen müssen, alleine der Kinder zuliebe. Und das taten wir dann auch.

    Ich weiß, dass sie das alles nicht mit sich alleine ausgemacht hat. Sie ging sofort zu einem Psychologen. Ich weiß nicht wer oder welches Spezialgebiet, darüber haben wir im Detail nie gesprochen und das ging mich dann auch nichts mehr an. Abe sie hatte Hilfe und sie hatte offenbar eine sehr gute Hilfe.

    Ich bin mir heute sehr sicher, dass sie mit mir und unserer Beziehung längst abgeschlossen hat. Schon vor Jahren hat sie das "geschafft". Ich sage jetzt mal auch wenn das sonst nicht meine Art ist: das habe ich irgendwann gespürt. Und das obwohl wir uns wirklich regelmäßig sehen und relativ viel miteinander telefonieren. Du, liebe Cindy, scheinst hier noch einen entscheidenden Vorteil zu haben: Ihr habt keine gemeinsamen Kinder, ihr müsst auch übehaupt nicht mehr sehen, Du kannst Maßnahmen ergreifen, dass er komplett aus Deinem Leben verschwindet - wenn Du das nur wolltest. Oder habe ich irgendwas überlesen oder falsch interpretiert?

    Übrigens, zum Thema "Wenn er trocken ist könnte man sich ja wieder öffnen": Meine Frau hat mir erst mal kein Stück mehr vertraut. Keinen Zentimeter. Sie ließ mich eine sehr lange Zeit nicht mal meine Tochter im Auto mitnehmen. Keinerlei Vertrauen mehr in mich. Und ich war vom Tag x an wirklich trocken, kein Rückfall, nichts dergleichen. Ich nahm innerhalb weniger Wochen ewig viele Kilos ab, nur weil ich nicht mehr trank und sah im Vergleich zu vorher aus wie das blühende Leben. Das nahm sie alles wahr, es war für sie jedoch kein Grund mir wieder zu vertrauen. Und soll ich Dir was sagen: Recht hatte sie, aber sowas von. Ich kenne die Tricks und Finten von nassen Alkoholikern, ich kenne die Rückfallstatistiken usw. Das hat sie sich sicher auch angelesen. Sie hatte sowas von Recht. Ich habe gar nicht versucht sie zu beschwatzen, dass mir doch jetzt vertrauen könnte usw, weil ich mir einfach dachte: Das will und muss ich ihr einfach zugestehen und den Mehraufwand den ich jetzt damit habe, der ist sowas von lächerlich im Vergleich zu dem was sie jetzt alles an der Backe hat.

    Als ich dann nach ein paar Jahren Trockenheit meinen ersten Marathon gelaufen bin, als auch sonst ein ganz anderer Mensch geworden bin mit einem ganz anderem Auftreten, anderen Einstellungen und einer ganz anderen Lebensweise, da kam sie irgendwann mal auf mich zu und sagte: Ich vertraue Dir jetzt wieder. Da müsste irgendwo um das 3. Jahr meiner Trockenheit herum gewesen sein.

    Ich hoffe immernoch für Dich, dass Du Dir Hilfe suchst und das Du gute Hilfe finden wirst. Die zu Dir passt und die Dich wieder in die Spur zurück bringt. Wie sagte "mein" Mönch dann irgendwann mal zu mir: Schön, dass Du Deine Lebenskrise überwunden hast und wieder zu Dir selbst gefunden hast". In diesem Sinne: Das wünsche ich Dir auch!

    LG
    gerchla

    Hallo Haupe,

    ich hoffe mal schlaflos hat nichts dagegen wenn ihr kurz in ihren Thread hinein funke und Dir hier meine Erfahrung zum Thema Schuldgefühle schreibe. Passt halt gerade gut. Das war für mich eine der größten Herausforderungen. Ich kam lange nicht gut klar und auch mein Psychologe konnte mir dabei leider nicht wirklich helfen. Ich hatte ja alles an die Wand gefahren und dann noch meine Frau und somit auch meine Kinder verlassen. Diese Zeit war die Hölle für mich und, wie ich betonen möchte, ganz sicher noch mehr für meine Frau und meine Kinder.

    Wie also damit umgehen, wie damit leben?

    Nachdem der Psychologe in dem ich so große Hoffnung gesetzt hatte hier nicht helfen konnte (in anderen Punkten jedoch sehr wohl) musste ich mir anderweitig Hilfe suchen. Alleine würde ich es nicht schaffen, das wusste ich. Also ging ich zu einem Mönch. Was sich jetzt so einfach bzw. abgefahren anhört ist eine sehr lange Geschichte mit der ich jetzt nicht schlaflos' Thread sprengen will. Jedenfalls gab es mit ihm zahlreiche tiefgreifende Gespräche, nichtreligiöser Art wie ich betonen möchte, weil man das ja wahrscheinlich annehmen würde. Er machte mir klar, dass ich niemals ein neues Leben auf Schuldgefühlen aufbauen werden könne. Das klang schon mal logisch für mich.

    Dann gab er mir den Rat mein Handeln und meine Taten durchaus zu bereuen und das auch zu sagen! Ich könne mich auch gerne bei den Betroffenen entschuldigen darf jedoch nicht hoffen, dass diese meine Entschuldigung auch aktzeptieren bzw. mir die Absolution erteilen. Ich solle mir überlegen, wer ich sein möchte, wo ich hin möchte und das was ich (schlechtes) getan hatte, als Erfahrung für den Aufbau eines neuen Lebens nutzen. Also aus meinen Fehlern und meiner Schuld lernen um es künftig anders zu machen. Am wichtigsten war für mich der Punkt wo es darum ging, dass ich meine Alkoholikerzeit als Teil, als wichtigen und elementaren Teil meines Lebens verstehen sollte. Der mich geprägt hat und der mein weiteres Leben ganz enorm prägen wird. Ich sollte diese Erfahrungen nutzen um mein neues Leben anders Leben zu können und sie ins Positive wenden.

    Nun, ich bereute und bereue immernoch. Ich entschuldigte mich ohne Vergebung zu erhalten. Ich spürte, dass ich nur durch vorleben, durch ein ganz normales vorleben meine Familie davon übezeugen konnte, dass ich nicht mehr der war den sie kannten. Das dauerte Jahre, wenn ich das mal so sagen darf. Ich verstand das, denn wie sollten sie sich denn sicher sein dass ich nicht längst wieder trank, wieder meine Spielchen abzog, wieder log usw. Es brauchte Zeit und auch viele Gespräche (trotz Trennung und Scheidung) bis wieder Vertrauen hergestellt war.

    Ich habe heute ein gutes Verhältnis zu meiner ersten Frau. Und auch zu meinen Kindern und diese auch zu meiner jetzigen Frau. Hättest Du mir das ein paar Monate nach meinen Ausstieg prophezeiht, ich hätte laut gelacht und gesagt dass das niemals möglich sein wird. Es war möglich. Weil ich mein Leben radikal verändert habe und weil ich so wurde, wie ich sein wollte. Und, dass will ich mal ganz ehrlich auch sagen, weil meine Ex-Frau eine richtig kluge, menschliche und sehr reflektierte Frau mit viel Bewusstsein ist. Das war sie schon als ich noch trank. Ich war das Gegenteil, darum habe ich absolut nichts kapiert. Heute sieht es ganz anders aus.

    Ich habe also meine Schuldgefühle immernoch. Sie werden nie verschwinden. Immer wieder gibt es mal "Flashbacks", z. B. wenn heute meine kleine Tochter, die mich nur ohne Alkohol kennt, in irgend einer Situation mit ihrer Schwester vergleiche. In Situationen wo ich noch getrunken habe und wo mir dann schlagartig bewusst wird was ich ihrer Schwester damit angetan habe. Aber ich kann jetzt sehr gut damit umgehen und diese Schuld annehmen und akzeptieren. Und es besser machen.

    Das mit der Akzeptanz und dem richtigen Umgang mit meiner Schuld war vielleicht mit das wichtigste Kapitel bei meiner Aufarbeitung. Zum Glück hatte ich die richtigen Menschen an meiner Seite bzw. das muss ich sagen, ich habe sie ja auch aktiv gesucht.

    Vielleicht hilft Dir das.

    schlaflos
    sorry, wollte mich nicht in Deinen Thread mischen. Aber ich wollte haupe das schnell mitteilen.

    Alles alles Gute, Dir bzw. Euch beiden.

    LG
    gerchla

    Hallo schlaflos,

    das sind für mich immer die schönsten Momente hier im Forum. Wenn sich jemand, der schon länger nicht mehr geschrieben hat wieder meldet und verkündet, dass er seinen Weg konsequent weiter gegangen ist und dass er/sie nach wie vor nichts trinkt. Noch schöner, wenn ich dann noch lese, dass diesem Menschen sehr gut dabei oder damit geht. So wie das bei Dir ja ganz offensichtlich der Fall ist!

    Da kann ich nur sagen: herzlichen Glückwunsch! Du hast schon ordentlich was geschafft und (ich schrieb es früher schon mal) ich glaube Du bist auf einem sehr guten Weg.

    Bleib dran, arbeite weiter an Dir, hinterfrage Dich immer wieder, überlege Dir wo Du hin willst, wer Du sein willst, was Du sein willst und setzte es konsequent um. Das kannst Du jetzt, weil Du nicht mehr trinkst. Eine Freiheit die mehr als unbezahlbar ist. Ich freue mich auch so für Deine Tochter! Da ich ja selbst Papa bin kann ich Dir nur sagen: Deinem Kind hast Du damit eine unglaublich große Last von der Seele genommen. Vielleicht braucht's noch eine "Nachbearbeitung", vielleicht ist sie nicht ganz ohne Folgen da durch gegangen. Jedoch wirst Du das merken weil Du jetzt ja klar bist und nicht mehr trinkst. Und dann kannst Du auch entsprechendend handeln.

    Aber ich will jetzt nicht schon wieder irgendwelche Szenarien aufbauen. Eigentlich wollte ich Dir nur meine Freude über Deinen Erfolg ausdrücken. Ich finde es ganz toll wie Du Deinen Weg gegangen bist.

    Darf ich noch fragen wie Dein Mann jetzt mit der ganzen Situation klar kommt? Geht er Deinen Weg mit?

    Alles Gute weiterhin. Und lass doch ab und an mal was von Dir hören, auch wenn es Dir gut geht. Oder gerade weil es Dir gut geht, denn ich glaube das kann besonders für Neulinge hier sehr sehr motivierend sein.

    LG
    gerchla

    Hallo Floh,

    so jetzt also mal meine Gedanken zu Deinem langen Post. Als ich Deinen Post das erste mal las dachte ich, da werde ich wohl eine sehr lange und sehr differenzierte Antwort schreiben "müssen". Und dann habe ich es wieder und immer wieder gelesen. Alles das, was Du auf die ganzen Fragen geantwortet hast, wie Du geantwortet hast. Die Tonalität Deiner Antworten usw.

    Und jetzt denke ich, ich könnte zusammenfassend sowas ganz banales schreiben wie: Du bist einfach noch nicht so weit. Du findest im Alkohol noch zu viel Positives. Er gibt Dir noch viel zu viel als das Du dauerhaft auf ihn verzicheten möchtest. Ich denke es wäre Dir am liebsten, wenn Du ihn kontrolliert trinken könntest. Vielleicht würde es Dir auch gefallen, wenn Du Dich kontrolliert richtig abschießen könntest, quasi ohne den absoluten Totalabsturz.

    Ich will Dir natürlich nicht zu nahe treten und selbstverständlich kann ich komplett falsch liegen. Es ist nur das was ich mir denke. Natürlich hast Du erkannt, dass es eine recht gefährliche Geschichte ist. Natürlich weißt Du auch irgendwie, dass es so nicht weiter gehen kann, dass es auf die Länge gesehen richtig eng werden könnte. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass bei Dir da noch verdammt viele positive Assoziationen mit dem Alkohol verbunden sind.

    Ich muss da mal wieder auf mich selbst zurück kommen, weil nur darüber kann ich ehrlich und authentisch berichten: Ich hatte diese "Phase" auch. Sie dauerte sehr lange, viele Jahre. Ich bin keiner, der komplett abgestürzt ist und dann in der Entgiftung aufgewacht ist. Ich war einer der täglich seinen Stoff brauchte und der sich den Rest immer ganz am Ende des Tages gegeben hat. Genau so, dass ich irgendwie ins Bett gefallen bin und erst mal ein paar Stunden weg war. Meist so, dass ich aufgrund der Gewöhnung an das Zeug am nächsten Tag ohne größere Nebenwirkungen funktioniert habe. In dieser Phase verbrachte ich ein paar Jahre. Da trank ich vielleicht irgendwas zwischen 6 und 8 Bier am Tag, vielleicht auch mal mehr und ich hatte noch alles einigermaßen im Griff. Nicht mehr so gut wie die Jahre vorher, wo ich mich lange zwischen 3 und 6 Bieren eingependelt hatte. Aber es war noch so, dass es einigermaßen ok war. Aber ich war mir da schon sehr darüber im Klaren, dass es so ja nicht weiter gehen konnte und dass ich natürlich ein Problem habe. Aber ich war noch nicht so weit um tatsächlich bedingungslos zu kapitulieren und alles dafür zu tun, nicht mehr trinken zu müssen.

    Was folgte waren eben Versuche zu Reduzieren und natürlich Versuche mal mit dem Trinken aufzuhören. Was dann aber halt nur Trinkpausen wurden. Was fehlte mir also um wirklich trocken werden zu können?

    Diese Frage habe ich mir später dann oft gestellt, als ich meine ganze Suchtkarriere aufgearbeitet habe, als ich irgendwann mir mal dachte: Mann, warum hast Du das denn nicht schon viel früher gemacht, so viel wäre Dir und vor allem Deiner Familie erspart geblieben.

    Die Antwort die ich mir gegeben habe ist: Da war ich noch nicht so weit. Es war doch noch zu schön für mich, meine ganzen vermeintlichen Probleme und Sorgen dann abends final wenigstens für ein paar Stunden auszulöschen. Klar, waren sie am Morgen wieder da. Trotzdem, oft freute ich mich regelrecht darauf, besonders wenn ich wusste, dass keiner da ist, auf den ich Rücksicht nehmen muss. Weil ich z. B. auf irgend einer Dienstreise war. Ich war noch nicht so weit und der Alkohol gab mir noch das, wovon ich dachte das ich es anders ja nicht bekommen kann. Ein Irrglaube, jedoch wusste ich das ja nicht. Ich verstand nicht, dass genau das ein elementarer Bestandteil der Sucht war.

    Irgendwann kippte es dann bei mir. Es kamen noch ein paar echte Sorgen dazu und ich steigerte meine Trinkmengen nochmal und ich begann schon morgens damit. Dann war endgültig schluss mit lustig. Jetzt konnte ich nicht mehr pausieren und nicht mehr reduzieren, auch wenn ich es gewollt hätte. Jetzt stieg ich immer schneller und immer steiler hinab. Meine Psyche, die vorher noch so lala war, war jetzt komplett geschrottet, mein Körper veränderte sich massiv, ich bekam auch körperliche Suchtsymptome. Trotzdem funktionierte ich noch, log und betrog ich mich noch durch meine Scheinwelt und versuchte diese mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten.

    Und dann kam Tag x, ich war so weit, könnte man sagen. Ich hatte keine Kraft mehr, in mir kam scheinbar aus dem Nichts der feste Wille auf, nie wieder trinken zu wollen und endlich mein Leben so führen zu wollen, wie ich es mir Wünsche. Und, oh Wunder, der Alkohol hatte all seine Faszination verloren. Kein Wunsch auch nur einen Tropfen zu irgendeiner Gelegenheit trinken zu wollen. Ich begann zu verstehen, dass mir der Alkohol niemals, zu keiner Zeit, irgendwie geholfen hatte. Das bedeutet nicht, dass all meine postitiven Erinnerungen die ich an ihn hatte (und noch habe) ausgelöscht gewesen waren, aber diese haben keine Kraft, keine Bedeutung mehr weil ich sie sozusagen entlarvt habe. Und ich lernte auch, dass ich alles wovon ich dachte "das macht nur mit Alkohol Spaß" auch ohne sogar noch viel besser hinbekam (dauerte aber schon seine Zeit bis ich soweit war). Im Zuge meiner Aufarbeitung, meiner ganz bewussten Aufarbeitung (diese dauerte sehr lange) wurde mir bewusst, dass es (für mich) nur darum geht, mit meinem eigenen Leben zufrieden zu sein. Im Idealfall vielleicht sogar ab und mal glücklich zu sein. Einen Sinn für mein Leben zu haben und diesen auch zu verfolgen. Mich zu entwickeln, selbstbestimmt und die Richtung, die ich vorgebe.

    Natürlich musste ich einige Dinge lernen, die ich irgendwie in meinen Leben vorher verpasst hatte und die mit dazu beigetragen hatte, dass ich den Alkohol so toll fand. Dazu gehörte bei mir z. B. das Akzeptieren und Aufarbeiten von Problemen, anstatt sie zu ignorieren und weg zu saufen. Das hat eine Moment gedauert. Vieles mehr könnte ich schreiben, ich lass es aber es würde den Rahmen sprengen.

    Wenn Du mit Dir und Deinem Leben klar bist, dann wirst Du nicht mehr trinken müssen. Keine Sehnsucht mehr danach haben Dir den Kopfhörer aufzusetzen, Musik zu hören und Dich dabei wegzudröhnen. Du wirst letzteres einfach weg lassen und es wird Dir dabei noch besser gehen, weil Du frei von Alkohol bist.

    Mehr kann ich Dir nicht schreiben. Du hast ja viel klassische Ansätze bereits durch. Ich z. B. habe keine Therapie gemacht, nicht eine einzige. Ich war bei Psychlogen, ich war beim Arzt und ich war in einer SHG. Und ich hatte gute Freunde und ich hatte einen Mönch, mit dem ich stundenlange Gespräche geführt habe. War sicher auch eine Art Therapie aber eben keine klassische. Es gibt also viele Wege. Entscheidend ist wohl, dass man seinen findet und als Grundlage dafür sehe ich den absluten Wunsch und Willen sein Leben wieder selbst gestalten zu wollen.

    Es ist leider nicht so einfach mit dieser Sucht. Sie ist derart vielfältig, dass es Dinge oder Wege gibt, von denen man gar nicht glaubt das es sie gibt oder das sie funktionieren können. Die klassischen Methoden sind die, die erfahrungsgemäß für viele ein guter Weg oder vielleicht auch nur ein guter Anfang sein können. Aber ansonsten muss man wohl wirklich selbst versuchen den richtigen Weg für sich zu finden.

    Ich wünsche Dir dabei alles Gute. Mehr kann ich Dir leider nicht schreiben.

    LG
    gerchla

    Liebe Cindy,

    da ist Einiges in dem was Du mir schreibst, was mich verzweifelt den Kopf schütteln lässt. Erst mal: Du hast Recht, wenn Du davon schreibst, dass Du das Gefühl hast ich wäre fast wütend geworden. Ja, ich habe mich schon ein wenig hinein gesteigert. Es ist bei mir so: wenn ich mich mit jemanden hier im Forum ernsthaft auseinader setze, dann versuche ich das für mich auch richtig zu tun. D. h. ich versuche mich in die Situation des anderen hinein zu versetzen und ich versuche dabei ganz besonders meine eigenen Erfahrungen zu berücksichtigen. Ich versuche gleichzeitig zu vermeinden über Dinge zu sprechen, von denen ich weiß, dass ich eigentlich keine Ahnung oder keine eigenen Erfahrungen habe.

    Nun ist es bei Dir so, dass ich wirklich versucht habe Dir die Sichtweise, das Innenleben eines nassen Alkoholikers (aus meiner eigenen Erfahrung heraus) zu schildern. Ich habe versucht Dir deutlich zu machen, womit Du es da eigentlich "zu tun" hast und das Du normale Maßstäbe getrost über Bord werfen kannst. Weil sie einfach nicht zählen bei einem nassen Alkoholiker.
    Und dann hatte ich kurz das Gefühl, es könnte doch irgendwie bei Dir angekommen sein. Und musste dann lesen, dass es eben nicht so ist. Da bin ich dann kurz vielleicht etwas zu emtional geworden. Wie ich Dir ja geschrieben habe kenne ich das auch, dieses Gefühl zerissen zu sein. Jemanden zu lieben aber irgendwie zu wissen oder zu spüren das es doch falsch ist, nicht funktionieren kann, nicht funktionieren wird und letztlich einem selbst mit in den Abgrund zieht. Und ich weiß auch, dass man da nicht so einfach heraus kommt, sich regelrecht hinein steigern kann und sich dann selbst eine eigene Realtität bastelt, die von Außen betrachtet aber gar nicht existiert und wo andere nur den Kopf schütteln würden.

    Darum will ich Dich auch nicht einfach abbügeln. Ich glaube schon zu wissen, wahrscheinlich nur ansatzweise weil ich nie Co-Abhängig war so wie Du es aber Meinung nach bist, wie es in Dir aussehen könnte. Ehrlich, ich glaube Du brauchst wirklich Hilfe. Du schreibst von einem Helfersyndrom, ich denke es ist Co-Abhängigkeit. Eine Krankheit, sehr ernst zu nehmen. Hier fehlt es mir jetzt wiederum an Erfahrung um Dir in die Tiefe mehr dazu schreiben zu kiönnen. Aber vielleicht schreibt Dir ja noch jemand, der wirklich was davon versteht oder andere Angehörige, die es geschafft haben sich zu lösen.

    Ich will mal noch auf ein paar Dinge direkt eingehen:

    Zitat

    wenn ich dir soviel wert bin, dir nochmal die Mühe mit mir zu geben,


    Siehst Du, da platzt mir schon mal die Hutschnur. Gleich bei Deinem ersten Satz. Warum machst Du Dich so klein? Warum bist Du Dir nichts wert? Diese Fragen musst Du Dir beantworten und diesen Zustand solltest Du schnell verändern. Ich bin doch freiwillig hier! Ich habe eine bestimmte Motivation weshalb ich das hier tue. Niemand zwingt mich und wenn ich mich hier nicht mehr wohl fühle, dann verabschiede ich mich von diesem Forum. So einfach ist das.

    Meine Motivation ist es andere an meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen so dass sie im Idealfall davon profitieren oder sie für sich nutzen können. Ich habe über ein Jahrzehnt mein Umfeld, meine Liebsten mit schlimmsten Lügen und Betrügen belastet, ich habe mega viel kaputt gemacht, anderen geschadet (meist auf psychischer Ebene). Ich habe aufgehört zu trinken und ich habe irgendwann überlegt, wie ich sein will, wer ich sein will. Das was ich jetzt hier tue, tue ich eben auch für mich. Weil ich so sein möchte. Es ein Teil meines Weges und ich profitiere genauso davon, wie das hoffentlich auch andere Betroffene tun.

    Also, es nichts damit zu tun was Du (mir oder wem auch immer) Wert bist!

    Zitat

    Ein Arzt aus der Suchtklinik riet mir das Gleiche wie du. Ich solle mich ganz dringend fernhalten, da ich sonst mein Leben ruiniere. Helfersyndrom völlig fehl am Platz.


    Schön für mich zu lesen, dass ein Profi genau das Gleiche sagt. Aber dazu muss man kein Profi sein um das zu erkennen. Jetzt müsstest Du es halt auch noch umsetzen. Und ich denke, da musst Du Dir Hilfe holen, in Deiner realen Welt nicht nur hier im Internet.

    Zitat

    Es gibt bestimmte Situationen, nur kurz aber ganz heftig, in denen ich mich nach einem Gefühl sehne das ich nur bei ihm habe. Da würde ich ans Ende der Welt fahren.


    Wie gesagt, ich kenne diese Gefühle. Es ist auch der Alkoholsucht ähnlich. Man will trinken um ein bestimmtes Gefühl zu haben, man will einen bestimmten Zustand erreichen, etwas das man als absolut positiv empfindet, das jedoch durch die Sucht in etwas mehr als Negatives verwandelt wird. Und man weiß eigentlich, dass es falsch ist, dass es niemals gut ausgehen wird, dass es krank ist und krank macht, trotzdem ist dieser Drang da.

    Und dieser Drang ist solange da, solange man nicht aufgearbeitet hat, solange man sein Leben nicht "geordnet" hat. So lange man nicht weiß, was man eigentlich will, wer man eigentlich ist, wer man sein möchte, was die eigenen Ziele eigentlich sind. Und, das finde ich auch ganz wichtig, solange man sich selbst nicht liebt, definiert man sich verstärkt über die vermeintliche Liebe von anderen. Nicht falsch verstehen: Ich glaube wir wolle alle geliebt werden, wir wollen alle Anerkennung usw. Du ganz speziell müsstest Dir aber erst mal selbst wieder richtig etwas Wert sein. Du solltest lernen Dich selbst zu lieben, Dir zu sagen: ich bin gut so wie ich bin und ich muss nicht hinter einem nassen Alkoholiker her hecheln. Du solltest Dir sagen: Mein Leben läuft nach meinen Spielregeln, zumindest in den Bereichen wo ich das selbst in der Hand habe.

    Zitat

    Psychisch abhängig?


    Naja, Co-Abhängig würde ich mal vermuten

    Zitat

    Britt und Dietmar haben zu Gefühlen und Suchtdruck heute in einem anderen Strang etwas geschrieben, das mich sehr beschäftigt.


    Dietmar hat meiner Meinung nach sehr große Erfahrung in fast allen Bereichen unserer Krankheit und auch im Bereich der Angehörigen. Du kannst das hier in zahlreichen Beiträgen von ihm nachlesen. Vielleicht stöberst Du mal seine älteren Beiträge im Angehörigen-Bereich durch. Ich bin mir fast sicher, dass dort wertvolles für Dich dabei sein wird.

    Zitat

    Muss erwähnen dass ich hier nicht nur eine Lanze für mich brechen muss, sondern eine gesamte Familientradition denn Generationen meiner weiblichen Vorgängerinnen führten ein co-abhängiges Leben.


    Na dann weißt Du wenigstens woher es kommt. Helfen tut Dir das jetzt aber auch nichts. Wie wäre es, wenn Du diese zweifelhafte Tradition mal durchbrichst?

    Und dazu noch:

    Zitat

    Ich frage mich halt, ob ich nicht genug investiert habe, nicht geduldig genug war, nicht bedingungslos geliebt habe um ihm die Kraft zu geben?


    Sowas von typisch..... Du gibst Dir die Schuld (oder Mitschuld) an seinem Saufen. Halleluja! Dazu hast hier doch hoffentlich schon genug gelesen oder? Sein Leben, seine Entscheidung. Dein Leben, Deine Entscheidung. Es ist so simpel eigentlich. Wenn er saufen will, dann soll er das tun. Niemand kann ihn abhalten, es ist völlig legal.

    Und Du solltest doch auch schon darüber bescheid wissen, dann keine Liebe stark genug ist, einen nassen Alkoholiker vom trinken abzuhalten. Es sei denn er möchte das selbst. Wie gesagt, eine große Liebe KANN einen Anstoss geben. MUSS aber nicht. Und ein Anstoss reicht auch nicht automatisch aus um zum trockenen Alkoholiker zu werden. Er reicht in den meisten Fällen leider nur dazu aus, dass der Trinker mal kurz nachdenkt, mal versucht kontrolliert zu trinken, mal versucht eine Trinkpause einzulegen. Das war es dann aber leider auch schon sehr häufig. Es sind eben auch nur ganz wenige, die es übehaupt schaffen diese Sucht zum Stillstand zu bringen. Schau Dir mal diverse Statistiken dazu an. Und um es schaffen zu können, ist dieser Anstoss, dieser Auslöser ja "nur" der absolute Beginn. Danach geht es ja erst richtig los. Da kommt es dann darauf an, ob der Trinker wirklich aus tiefstem Inneren heraus trocken werden will und ob er bereit ist alles dafür zu tun.

    Da wird's dann eben schon dünner und es bleiben nicht mehr so viele übrige. Und auch diese haben einen langen Weg vor sich. So ist diese Sucht! Und das alles ist NICHT Dein Problem. Es wäre das Problem Deines Ex-Partners. Er ALLEIN müsste es erst mal angehen. Deine Liebe usw, die darfst Du getrost bei Dir stecken lassen. Wenn er diesen Weg gehen würde, dann muss er erst mal mit sich selbst klar kommen. Du könntest begleiten, ganz klar. Aber in der Hand hätte nur er es. Ich weiß gar nicht, warum ich Dir das jetzt schon wieder schreibe. Bei allem was Du schreibst scheint mir das ohnehin eher utopisch zu sein. Nicht, dass ich Dir damit noch Hoffnung mache, er könnte sich ändern. Du solltest JETZT für DICH entscheiden, für Dein Leben. Lass seines in seinen Händen.

    Also gut, mehr habe ich gerade nicht zu sagen. Alles Gute!

    LG
    gerchla

    Hallo Floh,

    vielen Dank für die wirklich sehr ausführliche und offene Beschreibung Deiner Situation. Ich bin jetzt mal ehrlich. Das muss ich noch mehrmals lesen und dann muss ich mir mal in Ruhe Gedanken machen, was ich Dir dazu schreiben möchte. Ein paar Gedanken sind mir natürlich gleich sofort gekommen aber das muss ich jetzt erst mal "verdauen".

    Ich werde mal versuchen, wenn es meine Zeit erlaubt, Dir morgen in aller Ruhe meine Gedanken zu schreiben.

    Grundsätzlich finde ich es wirklich prima, dass Du alles so offen dargelegt hast. Jetzt können wir hier nämlich alle viel besser einschätzen, was Dich umtreibt, wo Du stehst usw. D. h. sicher nicht, dass wir Dir hier Patentrezepte liefern können (das wäre schön), zumal Du ja selbst schon sehr aktiv warst und einiges unternommen hast.

    Ich werde mich wieder melden bei Dir wenn ich meine Gedanken strukturiert habe. Einstweilen eine gute Zeit und bleib Standhaft!

    LG
    gerchla

    Hallo nochmal Floh,

    bevor ich Dir weiter schreiben "kann", würde ich gerne mal ein paar Fragen stellen und mich würden die Antworten darauf natürlich sehr interessieren.

    Also Du hast ja geschrieben, dass Du jetzt 40 Jahre alt bist. Ist übrigens ein Alter, um das herum sich viele Alkoholiker darüber klar werden, dass sie ein Alkoholproblem haben. Zumindest bilde ich mir ein, das ich in den Jahren seit ich mich selbst intensiver mit dieser Krankheit beschäftige, verstärkt auf die Gruppe der 40er treffe. Aber ist ja nicht so wiichtig. Was mich interessieren würde: Wie lange trinkst Du denn schon abhängig? Wie ist Dein Trinkverhalten genau? Täglich und Spiegel oder ein paar Tage und alles rein was geht und dann wieder etwas Pause?

    Hast Du einen Job bzw. hattest Du dort schon Probleme wegen Alk? Lebst Du in einer Partnerschaft und wenn ja, wie steht Dein Partner/Partnerin dazu? Funktionierender Freundeskreis noch vorhanden? Sonstige soziale Kontakte noch vorhanden? Hobbies, hast Du welche oder was machst Du so mit Deiner Freizeit (wenn Du nicht trinkst, meine ich)?

    Warst Du schon mal in professionellen Händen? Arzt, Psychologe, Suchtberatung, Therapie? Du warst ja offenbar auch schon paar mal in der Entgiftung, hast Du dann da anschließend nicht weitere Hilfe in Anspruch genommen?

    Und noch eine generelle Frage: Bist Du mit Deinem Leben zufrieden? Wenn Du Dein Alkoholproblem mal ausblendest meine ich. Ist alles gut so wie es ist, stehst Du da wo Du immer hin wolltest bzw. weißt Du eigentlich wo Du hin (wolltest) willst? Hast Du noch Pläne für Dein (restliches) Leben (hast ja erst Halbzeit ;) ).

    Fragen über Fragen, die Du nicht beantworten musst, wenn Du nicht willst. Wenn doch würde es mir helfen, Deine Situation für mich ein wenig klarer zu sehen. Was mich ein wenig irritiert ist mein Gefühl, dass Du ja richtig gerne trinken möchtest. Du sprichst ja von genießen. Das konnte ich z. B. in den letzten Jahren meiner Sucht überhaupt nicht mehr. Ich MUSSTE trinken, ob ich wollte oder nicht. Mein Gefühl ist, dass Du immernoch denkst, Du müsstest auf Lebenqualität verzichten, wenn Du den Alkohol nicht mehr "genießen darfst". Also was gibt Dir der Alkohol was Du im nüchternen Zustand nicht bekommen kannst? Und warum?

    LG
    gerchla

    Herzlich Willkommen Floh,

    schön das Du jetzt hier auch schreibst. Ich kann Dir jetzt nocht allzuviel schreiben, weil ich ja überhaupt nichts von Dir weiß. Aber Du hast ja angedeutet, dass Du in einem anderen Bereich des Forum etwas mehr über Dich und Deine Situation berichten möchtest. Ich werde auf jeden Fall mitlesen und schreiben, wenn Dir etwas zu sagen habe.

    Was mich betrifft: Ich bin fast 50 Jahre alt, Alkoholiker und trinke schon lange keinen Alkohol mehr. Davor war ich so zwischen 12 und 15 Jahre trinkender Alkoholiker, wobei ich eben nicht mehr so ganz genau sagen kann, ab wann ich eigentlich wirklich süchtig trank. Ist für mein jetzigen Leben allerdings auch nicht mehr von Bedeutung.

    Natürlich habe auch ich meine diversen Erfahrungen mit Ausstiegsversuchen gemacht, die bis auf meinen letzten alle kläglich scheiterten. Aber dazu schreibe ich hier jetzt mal nichts, weil ich ja noch gar nicht weiß, was für Dich interessant sein könnte.

    Alles Gute wünsche ich Dir und natürlich einen guten Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo Cindy,

    ich habe jetzt wirklich sehr lange nachgedacht was bzw. ob ich Dir überhaupt schreiben soll. Dann dachte ich mir, ich will es doch nochmal versuchen.

    Meine erste ganz spontane Eingebung, als ich Deinen Post las, war: "ok, sie gehört zur Kategorie der hoffnunglosen Fälle, da kannst Du nichts erreichen egal was du ihr schreibst, deshalb sparst du dir deine Energie"

    Mein zweiter Gedanke war dann: "wenn du ehrlich zu dir selbst bist, wirst du dich daran rinnern, dass auch du mal eine Zeit hattest wo du innerlich zerrissen warst und das du deshalb durchaus nachvollziehen kannst, was in Cindy da gerade ab geht".

    Also, wegen diesem zweiten Gedanken schreibe ich Dir jetzt einfach mal.

    Erst mal möchte ich Dir sagen, dass ich mit meiner heutigen Lebenserfahrung folgende Überzeugung habe: Liebe ist keine Einbahnstraße, Liebe kann man sich auch einreden. Liebe ist ein verdammt großes Wort und wenn sie echt ist, ist sie einfach nur eine wunderbare Sache die NICHT verletzt, sondern glücklich macht. Ja, wenn man jemanden wirklich liebt, kann es auch Leid geben. Aber nicht deshalb, weil der andere säuft, psychisch und physisch verletzt und mit anderen Partnern/innen rumhaut, sondern weil er/sie vielleicht schwer krank ist, vielleicht schlimmeres passiert und man seinen Partner gar für immer verliert. Nun könntest Du ja sagen: Mein Partner ist ja krank, Alkoholkrank! Stimmt! Jedoch ist das eine Krankheit, die er selbst in der Hand hat. Sogar eine Krankheit, die NUR er alleine in der Hand hat und besiegen kann. ER hätte es in der Hand, wenn er nur wollte.

    Und da sage ich Dir auch: Da gibt es Alkoholiker, die tatsächlch aus LIEBE zu ihrem Partner mit dem trinken aufgehört haben. Ja das gibt es. Wir sagen ja immer, dass man idealerweise für sich selbst trocken werden sollte, damit die Chance es auf Dauer auch zu bleiben einigermaßen hoch ist. Aber die Liebe zu einem anderen Menschen kann wenigstens der Auslöser sein es zu versuchen. Um dann darüber zum Bewuststein zu kommen, dass sie es eigentlich für sich selbst tun müssen. ABER: Nicht mal dazu ist Dein Partner in der Lage! Er versucht ja nicht mal "Dir zu liebe" mit dem Trinken aufzuhören.

    Das ist übrigens ganz normal. Ich würde sagen, dass dieses Verhalten auf die große Masse der Trinker zutrifft. Sie können oder wollen nicht aufhören, auch nicht aus Liebe, falls sie überhaupt wissen was das genau ist. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass ein nasser Alkoholiker (je nachdem wie tief er schon im Sumpf steckt) gar nicht mehr in der Lage ist zu lieben, auch wenn er selbst davon überzeugt ist. Ich selbst bin übrigens auch so ein Fall! Ich bilde mir ein, dass ich meine Kinder IMMER über alles geliebt habe. Die Liebe zu den eigenen Kindern ist übrigens nochmal eine ganz andere Hausnummer als die zu einem anderen Menschen - sie ist mit NICHTS vergleichbar! TROTZDEM habe ich es nicht geschafft mit dem Trinken aufzuhören. Zu meiner "Ehrrettung" möchte ich aber sagen: Ich hab's wenigstens ein paar mal versucht, wenn auch immer mit null Erfolg. Ich hatte einige Trinkpausen, die ich begann weil ich mir dachte, das alles kann ich meinen Kindern nicht länger zumuten bzw. wenn ich nicht unternehme wird es ganz übel enden und ich hatte dabei immer meine Kinder im Kopf!

    Übrigens auch ein Grund, warum ich mich nach meinem Ausstieg von meiner Frau getrennt habe. Sie war nie ein Grund dafür gewesen, dass ich eine Trinkpause eingelegt habe. Das war natürlich bei weitem nicht der einzige Grund meiner Trennung, jedoch traf es mich schon wie ein Hammer als ich mir dessen bewusst wurde. Da fragte ich mich dann schon: Habe ich sie jemals geliebt?

    Und was glaubst Du wird sich Dein Partner gerade fragen? Nix, vermute ich mal. Wobei er Dir sicher blumigst, innigst und überzeugendst das Gegenteil erzählen wird, wenn Du ihn danach fragst.

    Aus meiner Sicht gäbe es nur eine einzige, ganz kleine Option, die für Dich dazu führen könnte, dass Du nochmal nachdenkst: Er wird trocken, sofort mit allen entsprechenden Maßnahmen und Konsequenzen. Er kümmert sich alleine um alles, Du bist erst mal raus und wartest ab. Wobei, wer weiß wie interessant Du dann noch für ihn sein würdest, wenn er mal längere Zeit trocken ist und ein "neuer" Mensch ist, ein neues Leben führt. Vielleicht wäre er dann ja viel lieber mit irgend einer seiner anderen Geliebten zusammen?

    Ich kann Dir jetzt nur noch Eines sagen: Kümmere Dich unbedingt um Dich. Verlass Dich nicht auf eine "die Zeit heilt alle Wunden" Weißheit. 1. glaube ich, dass manche Wunden nicht heilen sondern im besten Fall nur vernarben und 2. gibt es Wunden, um die man sich kümmern sollte, damit sie keinen Dauerschmerz verursachen. Dazu gehören meiner Meinung nach vor allem die seelischen.

    Du hängst verdammt tief drin, weißt Du das eigentlich. Du bist gerade dabei Dein Leben an die Wand zu fahren in dem Du es einem nassen Alkoholiker hinterher wirfst. Na herzlichen Glückwunsch, kann ich da nur sagen. Du solltest meiner Meinung nach wirklich versuchen Hilfe zu suchen und dann auch anzunehmen. Du bist 38 Jahre alt, da könnte noch eine wunderbare Zukunft auf Dich warten. Wenn Du aber wie eine Süchtige hinter Deinem Stoff herhechelst, also Deinem Ex (aber wohl nur auf dem "Papier" EX weil in Deinem Hirn ist er ja noch Dein Held), wirst Du niemals glücklich werden können. Du wirst nicht neu beginnen können und immer davon abhängig sein, wie er gerade drauf ist.

    Jetzt mal ganz unabhängig davon: Was muss er denn noch alles treiben, damit Dir klar wird, dass das alles nichts mit Liebe zu tun hat? Belügen, betrügen und wahrscheinlich noch vieles, das Du hier gar nicht geschrieben sondern nur angedeutet hast, ist bereits passiert. Worauf wartest Du denn noch?

    Also gut, ich habe mich ein wenig hinein gesteigert. Ich finde es halt immer schlimm, wenn Partner von Anghörigen das alles mit sich machen lassen. Weil ich ja selbst Täter war und die andere Seite genau kenne. Ich wäre es wirklich nicht wert gewesen, dass man zu mir gehalten hätte. Solange ich trank, danach war ich froh, dass es ein paar Menschen gab, die mir noch ein Chance gaben. Aber eben erst danach.

    Ich lass es jetzt. Ich glaube nicht, dass ich Dich erreichen kann. Da bin ich ganz ehrlich. Ich wünsche Dir wirklich nur das allerbeste. Ich hoffe für Dich, dass Du da schnell heraus kommst und ihn von mir aus auch "in Liebe los lässt".

    Alles Gute

    LG
    gerchla

    Hallo Haupe,

    herzlich Willkommen hier bei uns im Forum.

    Ich habe lange überlegt was ich Dir eigentlich schreiben soll oder will. Meine Vorschreiber haben Dir ja bereits einiges gesagt, Dir das mitgeteilt, was man natürlich wissen sollte, worüber man als Betroffene(r) nachdenken sollte. Suchtberatung, Selbsthilfegruppe, Arzt einweihen, Freunde einweihen (falls man noch welche hat), Familie informieren, Psychologen besuchen usw.

    Ich glaube fast, dass Du das alles irgendwie wahrscheinlich schon gewusst oder mal gehört hast. Ich habe hier ja schon häufiger geschrieben, dass es meiner Meinung nach keinen Königsweg aus der Sucht heraus gibt, das jeder selbst seinen Weg finden sollte. Aber natürlich gibt es bestimmte "Intrumente", die bei vielen von uns gut geholfen haben oder gut helfen oder unterstützen. Und die genannten Maßnahmen gehören sicher dazu, sind quasi soetwas wie die Basis, das Standardwerkzeug das man nutzen kann um aus dem Schlamassel wieder heraus zu kommen.

    Aber schreiben wollte ich Dir jetzt eigentlich etwas ganz anderes:

    Als ich Dich las, dachte ich mir erst: Wow, ganz schön taff. Versucht mit Galgenhumor ihre bescheidene Situation zu beschreiben. Aber um so mehr ich las und umso mehr ich nachdachte, bekam ich das Gefühl, dass da ein Mensch schreibt, der ziemlich verzweifelt ist. Ich will Dir keinesfalls zu nahe treten, ich kann mich natürlich komplett irren und Du darfst meine Zeilen auch gerne einfach ignorieren.

    Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass bei Dir einiges mehr im Hintergrund "lauert" als "nur" die Alkoholsucht. Du scheinst zur Kategorie der Epsilon-Trinker zu gehören, kannst also problemlos lange Zeit gar nichts trinken um dann irgendwann umso heftiger wieder zuzuschlagen. Ich trank täglich und kann Dir diesbezüglich leider (oder zum Glück) keine eigenen Erfahrungen mitteilen. Vielleicht gibt es hier ja noch jemanden, der ein ähnliches Trinkverhalten hatte wie Du und der es geschafft hat seine Sucht zu überwinden.
    Ich denke mir, es wird bei Dir, wie bei allen anderen Alkoholikern (mich eingeschlossen) auch, Gründe geben, weshalb Du Dich in den Alkohol flüchtest. Ich denke, bei Deinem Trinkverhalten werden es nicht vornehmlich körperliche Entzugserscheinungen sein, die Dich trinken lassen müssen damit Du überhaupt funktionieren kannst. Bei Spiegelrinkern beispielsweise ist das so, haben sie nicht ihren Pegel können sie gar nicht funktionieren. Der Weg dorthin ist i. d. R. ein langer und auch Spiegeltrinker begannen ihre Sucht aus anderen Gründen. Ich denke mir, es gibt bei Dir sicher ganz klare Auslöser, Gründe, warum Du das tust. Und wenn es "nur" eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit Deinem Leben ist, Deiner Situation ist.

    Vielleicht willst Du jemand sein der Du nicht bist, vielleicht willst Du einfach nur vergessen, vielleicht fühlst Du Dich stärker, besser, mutiger wenn Du getrunken hast, vielleicht willst einfach mal an keine Probleme mehr denken müssen. Ich weiß es nicht. Aber das ist es, worum Du Dich eigentlich kümmern solltest. Denn wenn Du mit Dir und Deinem Leben auch nur einigermaßen im Reinen bist, dann brauchst Du nicht mehr trinken. Die vermeintlichen Gründe für's trinken müssen beseitigt werden, im Idealfall. Nun sagen wir trockenen Alkoholiker ja oft: Es gibt keinen Grund um zu trinken!

    Natürlich nicht, das stimmt. Aber es gibt Gründe warum wir süchtig wurden, warum wir zu Trinkern wurden. Und das ist oft gar nicht so einfach herauszufinden. Ich brauchte etwas ein Jahr (ab dem Zeitpunkt wo das letzte Bier in meine Kehle floss), bis ich einigermaßen das Gefühl hatte, ich habe jetzt einen Plan, ich kann mir jetzt einigermaßen vorstellen, warum wieso weshalb.

    Ich wollte Dir also aus meiner ganz persönlichen Sicht, aus meiner ganz persönlichen Erfahrung heraus schreiben, dass es genau darauf ankommt: Nämlich auf das auseinersetzen mit sich selbst. Mit seinem Leben, mit dem wer man ist, wer man sein möchte, was man (noch) erreichen möchte, was für einen selbst eigentlich "Glück" bedeutet, wo man hin will.... Sehr philosophisch dieser Ansatz und, die Umsetzung kann auch sehr schmerzhaft sein. Aber eben auch klärend und bereichernd.

    Weißt Du, wir schreiben ja oft: Man muss sein Leben ändern, man muss sein Umfeld wechseln, man muss, man muss, man muss - Letztilich sind das aber alles nur zusammengefasste Erfahrungen von trockenen Alkoholiker, die genau diese Schritte (entweder alle davon oder auch nur einige) unternommen haben. Und so zum Erfolg kamen. Ich denke, alles was man tun "muss", erkennt man, wenn man es schafft sich einige zentrale Fragen das eigene Leben betreffend zu beantworten. U. a. die Fragen, die ich oben aufgeführt habe (können gerne noch individuell erweitert werden). Und oft hat das dann eben genau das zur Folge, was ich oben als "man muss" beschrieben habe.

    Und wenn man das schafft, dann wird man auch bemerken, dass einem Alkohol bei absolut nichts hilft. Bei keiner wirklich wichtigen zentralen Lebensfrage hilft einem der Alkohol auch nur ein Stück weiter. Es ist eben genau das Gegenteil der Fall.

    Ich wollte Dir jetzt einfach mal diese Gedanken von mir da lassen. Ich weiß nicht ob sie Dich erreichen, ob sie Dir was bringen. Ich kenne Dich nicht und ich weiß nicht ob Du meine Denke nachvollziehen kannst. Aber das musst Du ja auch nicht, Du entscheidest über Dein Leben so wie Du das für richtig hälst.

    Eines noch: Ich habe damals 7 Wochen auf meinen ersten Termin bei Psychologen warten müssen. Ich habe die Zeit mit fast täglichen Besuchen meiner SHG überbrückt. Ich gehe jetzt schon lange in keine SHG und ich benötige auch schon lange keinen Psychologen mehr. In meiner Anfangszeit war beides jedoch reines Gold wert für mich. Trotzdem setze ich mich noch heute (ich trinke schon viele Jahre nicht mehr) fast täglich mit mir und meinem Leben auseinader. Nicht mehr mit meiner Sucht, aber mit meinem Leben, wer ich bin, wer ich sein will und was ich noch werden möchte (rein auf meine Persönlichkeit bezogen). Und genau das macht mich stark - denn eine Sucht ist eben eine Sucht - sie bleibt ein Leben lang wenn man sie mal hat. Entzieht man ihr aber den Nährboden, dann kann sie nicht aktiv werden.

    Alles Gute wünsche ich Dir und einen guten Austausch hier im Forum

    LG
    gerchla

    Liebe Britt,

    ich möchte Dir ein paar Gedanken von mir zum Thema "Sorgen machen" da lassen.

    1. Voralkoholische Zeit:
    Ich war eigentlich nie ein Mensch, der sich übermäßig viele Sorgen oder Gedanken um Alltagsdinge gemacht hat. Also, so Dinge wie: wie geht es eigentlich meinem Bruder oder meiner Schwester gerade? Fühlen sich meine Eltern gut? Ist diese oder jene Auseinandersetzung jetzt bereinigt oder nicht? Usw. Ich konnte da eigentlich immer recht gut "drüber" stehen und mir sagen: Das ist jetzt nicht mein Problem. Das kann eine Stärke sein, wenn es darum geht sich selbst zu schützen und abzuschotten. Es hilft enorm um im Beruf voran zu kommen. Es ist aber mit Sicherheit auch eine Schwäche, wenn es um die eigene Empathiefähigkeit geht.

    Was mich schon immer sehr beschäftigt hat, waren dann die (für mich) großen Probleme. Zukunftsängste vor allem, oft verbunden mit finanziellen Aspekten. Große Ängste um das Wohlbefinden meiner (damaligen) Frau, Sorge um die Zukunft meiner Kinder, weil es z. B. mal Probleme in der Schule gab, usw. Wie reagierte ich? Ich versuchte die Probleme (selbst) zu lösen. Am liebsten auch ganz schnell. Ich wollte keinen Konfikt, kein Problem im Raum stehen lassen - große Probleme die über einen längeren Zeitraum andauerten (z. B. die Angststörung meiner damaligen Frau) belasteten mich dauerhaft und sehr enorm. Ich wurde aktiv, wollte etwas beitragen um die Situation zu verbessern, auch dann, wenn mir die betroffenen Menschen sagten, dass ich das gar nicht könne und das nicht meine Aufgabe sei. Ich wollte Harmonie und Ruhe. Ich wollte das es allen gut geht.

    Und: grundsätzlich dachte ich nicht positiv. Ein großes Problem war immer ein riesen Problem für mich, nie sah ich dahinter auch eine Chance. Es musste weg, koste es was es wolle. Und es musste schnell gehen.

    Was ich dabei allerdings "übersah" war, dass ich die meisten Probleme entweder selbst gar nicht in der Hand hatte oder aber dass ich sie durch meinen Aktivismus nur kaschierte, nicht aber löste. Da ich so ein grundsätzliches Problem mit Problemen hatte kam dann noch hinzu, dass ich meine wirklich EIGENEN Probleme (also die, die durch mich verschuldet waren und deren Lösung ich auch selbst in der Hand hatte) ignorierte. Es konnte ja nicht sein, dass diese jetzt auch noch da waren. Schlimmer noch: ich vertuschte die von mir selbst verursachten Probleme, verheimlichte sie. Und sprach auch nicht über Dinge die mich belasteten, wenn ich das Gefühl hatte ich könnte damit andere mir wichtige Menschen belasten, wie z. B. meine damalige Frau. Und so stieg der Druck im Kessel langsam an....

    2. Alkoholische Phase:
    Ich vermute heute, dass es ganau das war, was mich so langsam in die Sucht trieb. Denn ich wurde meines ganzen "Problemmangements" in Kombination mit den eigenen Erwartungen, die man halt so an sich stellt, gar nicht mehr Herr. Da die verkaufte Wohnung wo der Käufer plötzlich nicht zahlen konnte, dort die Angstzustände meiner Frau, die mich wöchtlich den Notarzt rufen ließen, hier unser Sohn, der unbedingt auf's Gymnasium wollte und sich mega unter Druck setzte was ihm gar nicht gut tat usw. usf.
    Und dann ich, der ich das Konto mal wieder sowas von überzogen hatte (natürlich ohne das meine Frau davon wusste) das ich kein Geld mehr bekam und nicht wusste, wie ich das irgendwie wieder ausgleichen konnte. Meiner Frau "konnte" ich das natürlich nicht sagen, denn ihr ging es ja sowieso nicht gut..... Ich pumpte meine Eltern an, sie halfen mir, niemand hat davon erfahren. Und ich trank, denn ich brauchte ja ab und an mal meine Auszeit...

    Liebe Britt, was ich Dir hier schreibe sind nur willkürlich gewählte Episoden aus meinem Leben. Kleine Details, kleine Vorfälle, an die ich mich aber noch heute erinnere und die ich erst richtig einschätzen konnte, nachdem ich trocken wurde.

    Aber mal weiter im Text.

    Also, was passierte? Ich rutschte immer tiefer in die Sucht, die Geschichte kennst Du ja. Positiv gedacht habe ich natürlich auch während meiner Trinkerzeit nicht. Ich brauchte dann immer den Alkohol um wenigsten ab und an mal so tun zu können, selbst glauben zu können, dass alles irgendwie gut werden wird. Selbstveständlich war das aber kein positives Denken sondern das Ergebnis meiner Alkoholsucht.

    3. Nachalkoholische Phase:
    Und dann hörte ich mit dem Trinken auf, irgendwann. Du kennst auch diese Geschichte. Meine neue Partnerin, jetzt Frau, ist ein durchweg positiver Mensch. Ich fand (und finde) das toll, es irritierte mich aber auch manchmal. Sie machte manchmal einfach Dinge, von denen ich dachte, das wird nie gut gehen. Komischerweise ging es aber meist gut... Und wenn nicht, dann sagte sie meist: Wer weiß wofür das gut war! Sie hakte negative Erlbebnisse ab mit Bemerkungen wie: Ich möchte diese Erfahrung nicht missen! Äh, was war das denn jetzt plötzlich? Neuland für mich!

    Sie unternahm Dinge, machte Dinge von denen ich dachte: Na das bringt doch sicher nichts, das gibt mir nichts! Und: es brachte was, es gab mir was und wenn nicht, dann war es eben eine interessante Erfahrung. Ich erlebte also plötzlich einen Menschen, der wirklich überwiegend positiv dachte und sich auch so verhielt. Sie ging auf Menschen zu, lud Menschen zu uns ein, irgendwelche Menschen, die ich noch gar nicht so richtig kannte und sie auch nicht. Ich sagte: Äh, wir kennen die doch noch gar nicht richtig? Ist das nicht ein wenig zu früh? - Wieso? Lass Dich doch einfach mal drauf ein, wird bestimmt spannend und interessant! - Es wurde immer spannend und interessant, manchmal positiv, manchmal negativ aber das war egal! Plötzlich war da jemand an meiner Seite der offen war, der Neues entdecken wollte, der einfach mal was probiert hat ohne groß darüber nachzudenken welche Risiken und Probleme es da jetzt geben könnte.

    Wow, dachte ich. Das möchte ich auch alles von innen heraus so leben können. Und so "arbeitete" ich an mir. Mein spannenstes Projeket überhaupt! An mir selbst und mit mir selbst zu "arbeiten". Mich mit mir zu beschäftigen, mich zu formen und zu entwickeln. Plötzlich konnte ich das, denn ich trank ja nicht mehr und, was elementar wichtig war, ich hatte durch die Erfahrungen aus meiner Trinkerzeit ein Bewusstsein entwickelt, das ich vorher nicht hatte. Und vielleicht nie erhalten hätte, hätte ich nicht diese schlimme Krankheit durchgemacht.

    Und so versuchte ich mich zu entwickeln. Ich wurde dankbar, sehr dankbar. Auch über ganz kleine Dinge. Ich wurde so, weil ich das so wollte. Ging alles nicht von heute auf morgen, liebe Britt. Es braucht seine Zeit. Ich interessierte mich für meine Geschwister, ich vergaß keinen Geburtstag mehr, ich nahm die mir wichtigen Menschen ernst, richtig ernst nicht nur oberflächlich. Weil ich das so wollte.

    Ich lernte aber auch mit Problemen und vor allem auch Sorgen anders umzugehen. Sie nicht als unüberwindbare riesen Hürde zu sehen. Sondern als etwas, das man Stück für Stück angehen kann. Ganz wichtig war, dass ich lernte zu unterscheiden, ob ich etwas selbst in der Hand habe oder nicht. Ich lernte mir keine Gedanken über Dinge zu machen, die ich sowieso nicht beeinflussen konnte. Und ich lernte zu akzeptieren, wenn das so war. Ich begann damit, nicht mehr zu weit in die Zukunft voraus zu denken. Ich begann Dinge auch einfach auf mich zukommen zu lassen und sie dann auch so hinzunehmen, wie sie kamen. Dabei lernte ich (und erlebe es auch heute immer wieder) das manche Dinge ganz anders kommen als man sie erwartet hat. Und das auch vermeintlich sehr negative Dinge tatsächlich etws positives haben können.

    Liebe Britt, das waren mal wieder ein paar Gedanken von mir, ziemlich unstrukturiert wie ich beim nachlesen feststellen muss. Jedoch lösche ich es jetzt mal nicht sondern sag nur: Ziehe Dir was raus, wenn Du was findest das Du brauchen kannst.

    Für mein jetztiges Leben ist positives, zuversichtliches Denken und dann natürlich auch das entsprechende Handeln enorm wichtig! Aber denke deshalb bitte nicht, dass bei mir immer alles super problemlos und wie geschmiert läuft. All die Probleme, die man halt so hat habe ich auch. Ich habe auch Phasen wo es mal nicht so gut läuft, wo ich mal zweifle, wo ich Angst habe wie es mit diesem oder jenem weiter gehen soll. Auch bei mir und meiner Frau stehen ein paar zukunftsweisende Entscheidungen an, in nächster Zeit werden auch ein paar Abschiede anstehen, von lieben Menschen. Letzteres haben wir nicht in der eigenen Hand, müssen wir akzeptieren und annehmen.

    Du weißt ja, dass ich ab und an mal in die Kirche gehe. Um nachzudenken und auch um Zwiesprache zu halten. Ich weiß selbst nicht, wie viel das bei mir mit Glauben im eigentlichen Sinne zu tun hat. Es ist ein Ort für mich, den ich tatsächlich als sehr positiv empfinde und der es mir sehr gut ermöglicht mal einige Minuten in kompletter Ruhe mit mir selbst zu sein. Und eben auch mit (meinem) Gott zu sprechen. Ich beginne immer damit mich zu bedanken, für all das was ich erleben durfte. Ich danke auch dafür, dass ich nicht mehr trinken muss und dafür, dass ich, meine Frau und meine Kinder gesund sind. Irgendwann "beschäftige" ich mich dann mit meinen Sorgen. Bitte entweder einfach nur darum, dass ich / wir z. B. bei irgendwas die richtige Entscheidung treffen, bitte darum, dass es z. B. einem lieben Menschen bald besser geht, auch oder gerade wenn ich das nicht selbst in der Hand habe.

    Erstaunlicherweise habe ich gerade bei diesen Besuchen oft das Gefühl, dass ich direkt Antwort erhalten habe. Vielleicht habe ich mir diese Antworten ja selbst gegeben, vielleicht hat (mein) Gott sie mir gegeben, aber unter'm Strich habe ich eine Antwort. Nicht immer eine positive aber immer eine die mit Zuversicht verbunden ist. Ich tue da nichts weiter zu, ich denke es liegt wohl auch daran, das man sich diese Zeit für sich selbst nimmt und somit überhaupt erst mal in die Lage versetzt wird richtig über Dinge nachzudenken. Gläubige Menschen würden jetzt vielleicht sagen, man nimmt sich nicht die Zeit für sich selbst sondern für Gott. Wie dem auch sei. Es ist jedenfalls etwas wunderbares, wenn man seinen Weg hier finden kann. Und das wünsche ich Dir auch!

    Die Sorgen anderer zu teilen, mitzufühlen, zu helfen wenn man kann, das ist etwas sehr positives. Wenn man aber von den Sorgen anderer oder von den Sorgen über andere erdrückt wird, dann ist niemanden damit geholfen. Dir natürlich nicht, weil Du damit nur ganz erheblich belastet bist und auch den anderen nicht, weil Du ihnen in diesem Zustand nicht wirklich helfen kannst, auch wenn Du das möchtest. Meine persönliche Theorie, ich schrieb' sie oft: Nur jemand der mit sich selbst im Reinen ist, ist in der Lage anderen zu helfen, kann Kraft und Energie von sich abzweigen um anderen zu helfen ohne dabei Gefahr zu laufen, selbst Hilfe zu benötigen.

    Liebe Grüße

    gerchla

    Hallo Chelsea,

    ich sag mal: welcome back!

    Ich habe jetzt mal auf die Schnelle Deinen bisherigen Threat hier nachgelesen. Was ich dabei ganz interessant fand war, dass der erste der Dir damals, Anfang 2017, geantwortet hat, der Franstef war. Der damals, genau wie Du, auch ganz am Anfang stand. Er war zu diesem Zeitpunkt gerade mal 3,5 Wochen ohne Alkohol und hatte einen Berg von Problemen vor sich. Ich erinnere mich daran gut, weil ich mit ihm von Anfang an kommuniziert habe.

    Was aus ihm "geworden" ist kannst Du in seinem Thread "Ein gutes trockenes Jahr und noch viele werden folgen" (im Vorstellungsbereich) nachlesen. Er ist jemand, der mich sehr beeindruckt hat und der meiner Meinung nach einen "vorbildlichen" Weg aus der Sucht heraus gegangen ist. Bitte nicht falsch verstehen: ich bin der festen Überzeugung, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss. Jedoch finde ich auch, dass man sich durchaus auch Vorbilder zulegen kann. Ganz einfach schauen, was andere getan haben und wie sie es getan haben.

    Was mir an Franstef's Weg besonders auffällt ist die Tatsache, dass er mehr getan hat als "nur" nicht mehr zu trinken. Das ist etwas, was wir hier ja auch immer wieder schreiben. Man sollte sich mit der eigenen Sucht auseinader setzen, sich ggf. auch Hilfe holen, sich Unterstützung suchen. Und idealerweise auch bereit sein, wirklich alles für den (ja wirklich echt schwierigen) Weg in ein abstinentes Leben zu tun. Ich finde, das hat er (zumindest für mich) vorbildlich gemacht.

    Vielleicht magst Du ja seinen Werdegang nachlesen. Das könnte Dich motivieren und inspirieren.

    Das waren meine ersten Gedanken, als Deine Geschichte hier gelesen habe und diese wollte ich Dir einfach mal mitteilen.

    Alles Gute wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla

    Liebe Britt,

    ich habe meine Alkoholsucht für mich als psychische Erkrankung definiert. Ich war nicht in der Lage, bestimmte (Gefühls-)zustände ohne die Hilfe von Alkohol zu erreichen oder auch einfach nur auszuhalten. Ich hatte das irgendwie nicht gelernt... Man könnte also im übertragenen Sinne sagen, dass der Alkohol für mich eine lange Zeit eine Art Psychopharmaka war, welches es mir ermöglicht hat, meine negativen Gefühle, meine Ängste usw. zu verdrängen oder sogar umzukehren. Ich finde es sehr interessant, wie Du darüber denkst und dass Du Alkoholismus als eine Krankheit der Gefühle definierst.

    Möglicherweise ist aber der Alkoholismus (zumindest bei manchen Alkoholkranken) eher die Folge einer ganz anderen Krankheit der Gefühle? Verstehst Du was ich sagen möchte? Sozusagen eine Art Nebenwirkung, die jedoch mit der Zeit so stark wird, dass sie die eigentliche Erkankug verdrängt. Und heimtückischerweise lässt die Alkoholsucht dann auch nicht zu, dass man die eigentliche (Gefühls)krankheit heilt obwohl diese ja eigentlich der Katalysator für die Alkoholsucht war. Und so stecken die Betroffenen dann in einem Teufelskreis und kommen nur heraus, wenn sie zu allererst die Sucht überwinden. Und dann aber eben auch noch die vermeintlichen Auslöser beseitigen.

    LG
    gerchla