Hallo Familie2011,
herzlich Willkommen bei uns im Forum.
Bevor ich Dir meine Gedanken schreibe stelle ich mich erst mal kurz vor:
Ich werde bald 50 Jahre alt, bin Papa von 3 Kindern, Alkoholiker und trinke jetzt schon längere Zeit keinen Alkohol mehr.
Jetzt mal meine Gedanken zu Deinem Post:
Eine sehr schwierige Situation in der Du da steckst. Du deutest ja an, dass Du darüber nachdenkst ihn zu verlassen, ich vermute aber mal, dass es Dir wesentlich lieber wäre, wenn Eure Beziehung irgendwie zu retten wäre. Weißt Du, früher hatte ich Dir jetzt sofort geschrieben: Nimm die Füße in die Hand und laufe so schnell Du kannst. Verlasse ihn, mit einem nassen Alkoholiker kann man keine Beziehung (auf Augenhöhe) führen. Letzteres sehe ich heute noch genauso. Was das Verlassen betrifft, so denke ich heute, nachdem ich viele Lebensgeschichten gelesen und und mich mit anderen Sichtweisen beschäftigt habe, dass es sich manchmal auch lohnen kann um eine Beziehung zu kämpfen. Der Grad ist aber sehr schmal und die Gefahr, dass man als Angehöriger dabei mit unter geht, vielleicht in eine Co-Abhängigkeit rutscht, ist leider groß. Somit kannst eigentlich nur Du ganz alleine entscheiden, ob Du für diese Beziehung noch kämpfen möchtest oder nicht.
Nun schreibst Du aber ja auch, dass Du mit Deinen Kräften am Ende bist. Das sehe ich als Zeichen dafür, dass Du bereits einiges versucht hast. Ich nehme auch mal an, dass Du ihn nicht nur dieses eine mal angsprochen hast, sondern dass Du ihn im Laufe seiner "Alkoholikerkarriere" schon mehrmals mit seiner Sucht konfrontiert hast. Die von Dir beschriebene Reaktion ist eine, wie ich finde, recht typische. Der Stress ist schuld (wahlweise gäbe es hierfür zahlreiche Alternativen) und ein Problem hat er natürlich nicht und mit jemanden reden will er schon mal gar nicht. Warum auch, eigentlich ist ja alles ok nur Du machst aus einer Mücke einen Elefanten.
Das ist alles "normal", was Du da als Reaktionen von ihm bekommen hast. Also aus seiner nassen Alkoholikersicht. Die Frage ist also, in wieweit Du noch einen Sinn darin siehst, diese Beziehung weiter zu führen. Ich möchte Dich diesbezüglich auf das CRAFT (Community Reinforcement and Family Training) Programm hinweisen, das speziell für Anhörige von Suchtkranken entwickelt wurde die selbst eine Behandlung ablehnen. Ich möchte Dir aber auch ganz offen sagen, dass ich selbst damit keinerlei Erfahrung habe und Dir deshalb keine tieferen Informationen dazu geben kann. Du kannst es ja mal googeln, man findet im Netz darüber einiges an Information. Das wollte ich Dir jetzt auf jeden Fall mal mitteilen, bevor ich jetzt mal weiter meine Gedanken schreibe.
Ich will mal von mir erzählen, vielleicht hilft Dir das ein wenig bei Deiner Entscheidungsfindung. Als ich das Trinkniveau Deines Mannes hatte, war bei mir eigentlich die Welt fast noch in Ordnung. Da hatte ich alles noch recht gut im Griff. Ich muss Dir allerdings auch sagen, dass ich fast meine ganze Trinkerzeit ein heimlicher Trinker war. Leider wohl auch ein sehr guter, denn meine Frau erfuhr von meiner Sucht erst als ich es ihr bei meinem Ausstieg erzählt habe. Natürlich war unsere Ehe, genau wie bei Dir, enorm belastet, unsere beiden Kinder litten ebenfalls mit und letztlich fuhr ich die Ehe dann auch an die Wand. Jedoch wusste meine Frau eben nicht, warum das so war und warum ich mich so verändert habe und immer weiter veränderte. Zum Negativen, das brauche ich wahrscheinlich nicht erwähnen.
Also, jedenfalls in der Liga 4 -6 Biere pro Tag, auch mal 7, auch mal etwas Wein, war ich mehrere Jahre unterwegs. Das war zwar schon ein recht hoher Konsum, aber noch lange nicht das Ende. Das wusste ich damals natürlich nicht und ich hatte, wie schon erwähnt, hier noch alles einigermaßen im Griff. Körperliche Probleme hatte ich noch keine, auch sah man mir meinen Konsum noch nicht an (ich wurde später recht übergewichtig). Ich hatte aber noch keine so großen Probleme mein Trinken weiterhin geheim zu halten und ich trank auch noch nicht morgens. Trotzdem wusste ich GANZ GENAU, dass ich ein Riesenproblem hatte. Ich denke, das weiß Dein Mann eigentlich auch. Aber ich redete mir ein, es schon irgendwie wieder in den Griff zu bekommen. Tatsächlich machte ich immer wieder an ganz bestimmten Situationen oder Ereignissen fest.
Also, wenn dieses oder jenes vorbei ist, dann reduziere ich wieder. Oder: wenn ich das geschafft, hinter mir habe, dann höre ich auf, usw. und so fort. Erinnert mich stark an das was Dein Mann bezüglich Stress erzählt hat. Natürlich habe ich nach dem Eintreten dieser Ereignisse nie mit dem Trinken aufgehört. Wenn es etwas schlimmes war, das vorbei war, dann habe ich weitergetrunken weil ich ja jetzt erst mal einen Grund "zum Feiern", zum gut drauf sein hatte. Und wenn ein Ereignis zwar vorbei war, jedoch es nicht so gut gelaufen war, dann trank ich, weil es nicht gut gelaufen ist. Usw. usf. - Alles heimlich wohlgemerkt, alles spielte sich in meinem Kopf ab. Im Kopf eines nassen Alkoholikers, dessen Welt und Wahrnehmung mit zunehmender Dauer seiner Sucht immer surrealer wird.
Ich denke so wird es auch bei Deinem Mann sein. Du kannst seine Denke mit der Deinen keinefalls vergleichen. Ich weiß ja jetzt nicht genau wie lange er schon trinkt (wie lange eigentlich?), aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es je länger es dauert, desto abstrakter wird die eigene Denke. Irgendwann lebte ich in einer Parallelwelt aber ich merkte es nicht mal. Lügen und Betrügen sind dann, waren zumindest bei mir, an der Tagesordnung. Denn anders hätte ich diese Welt ja gar nicht aufrecht erhalten können. Und das wollte ich aber um jeden Preis, denn ich konnte mir nicht vorstellen wie ich wieder zurück in mein "normales" Leben hätte finden können. Ich hatte mir ja im Laufe meiner Sucht derart viele, größtenteils verheimlichte Probleme und Baustellen angehäuft, dass ich überhaupt keine Weg sah, wie diese hätte beseitigen können. Also trank ich, so konnte ich wenigstens immer mal für ein paar Stunden das Gefühl erzeugen, es würde schon irgendwie wieder alles gut werden.
Fatal. Aber so funktioniert die Sucht.
Bei mir ging es dann weiter, immer weiter. Ich trank irgendwann morgens schon, ich steigerte die Menge, trank irgendwann 10 Bier, auch 12, oft auch noch Wein oben drauf. Und begann mich dann fast schlagartig auch körperlich zu verändern. Ich nahm stark zu und meine Gesichtsfarbe ähnelte immer mehr der einer Wasserleiche. Natürlcih wurde ich darauf angesprochen und Du wirst es nicht glauben was ich als Grund angab: Genau, Stress! Und: ich funktionierte bis zum Schluss! Ich hielt die Fassade bis zum Schluss aufrecht, inklusive Job usw.
Ich denke Du musst damit rechnen, dass es bei Deinem Mann einen ähnlichen Verlauf seiner Krankeit geben könnte, sofern er nichts dagegen unternimmt. Grundsätzlich kann man natürlich nicht sagen, wie die Sucht im Detail weiter verläuft oder fortschreitet, jedoch geht es in der Regel immer weiter bergab. Beim einen schneller, beim andern langsamer. Es gibt auch Menschen die Jahrzehnte lang immer auf gleichen Niveau trinken und nie komplett abstürzen, es gibt auch welche ich die irgendwann einfach aufhören, scheinbar einfach so, aus dem nichts heraus, welche die nach jahrelangem viel zu hohem Konsum gar nicht süchtig waren sondern "nur" Missbrauch betrieben. Jedoch ist es bei der überwältigenden Mehrheit so, dass sie einfach immer tiefer hinein rutschen und irgendwann daran zu Grunde gehen, sofern sie den Ausstieg nicht schaffen. Und leider versucht die große Mehrheit gar nicht ernsthaft den Ausstieg zu schaffen und die, die es versuchen, haben einen langen und oft nicht einfachen Weg vor sich. Ich denke das ist auch das, was Deinen Mann erwartet, wenn er die Kurve nicht bekommt.
Das sind keine guten Aussichten. Weil es ja leider so ist, dass Du (fast) nichts machen kannst. Was Du tun kannst, ist ihn ansprechen. Das hast Du bereits gemacht. Du kannst Dich mit dem CRAFT-Programm beschäftigen und schauen ob Du hier einen Weg siehst. Ansonsten solltest Du aber, unbedingt auch wegen Deiner Kinder, einen ganz klaren Plan entwickeln wie es mit Dir und Deinen Kindern weiter geht. Ich denke, dass Du Grenzen ziehen müsstest, wo dann ganz klar ist was passiert, wenn diese überschritten werden. Wenn Du ihm Konsequenzen ankündigst, dann solltest Du diese dann auch einhalten bzw. ziehen. Sonst wird er Dich schnell nicht mehr ernst nehmen. Sagst Du ihm also, dass Du ihn verlassen wirst, sofern er sich nicht in Entgiftung und Therapie begibt, dann solltest Du das auch umsetzen, wenn er sich weigert oder Dich hin hält. Ich darf Dir aus eigener Erfahrung sagen, dass es für die Kinder am allerschlimmsten ist und das sie das nicht ohne weiteres wegstecken werden. Bereits jetzt werden es Deine Kinder nicht einfach so wegstecken. Lass nicht zu, dass da noch mehr oben drauf kommt.
Wir sind mit unserer Tochter (sie war damals im Grundschulalter) zum Kinderpsychologen gegangen. Das war notwendig und wichtig. Mein großer war damals in der Pupertät, aber schon ziemlich reif und ich konnte gut mit ihm reden. Er ist heute ein wunderbarer junger Mann, der seinen Weg bisher prima gegangen ist. Wie es in ihm innen allerdings so ganz genau aussieht, das weiß ich nicht. Bei mir war es dann auch mehr der Schock, die Erkenntnis, dass der eigene Papa ein Alkoholiker ist und dass sich vieles was passiert war jetzt ganz plötzlich erklären ließ. Und natürlich auch, dass der Papa nachdem er trocken war die Mama verlassen hat. Das war schon mehr als hart.
Das waren jetzt erst mal meine Gedanken. Ich könnte Dir noch ganz viel schreiben, will aber erst mal abwarten ob und was Du antwortest. Vielleicht sind die Dinge bei Dir ja doch ganz anders gelagert. Ich kann das aus den wenigen Zeilen von Dir nicht heraus lesen. Auf jeden Fall wünsche ich Dir ganz viel Kraft und einen guten und hilfreichen Austausch hier im Forum.
LG
gerchla