Beiträge von Gerchla

    Guten Morgen Husky,

    ich möchte Dir einfach nochmal kurz meine Sicht der Dinge darlegen.

    Alles in Dir kreist um Deinen trinkenden Partner. Als ich Deine Zeilen las musste ich ein ums andere mal den Kopf schütteln. Ich will ehrlich sein: ich glaube nicht, dass Du Gefahr läufst Co-Abhänig zu werden, ich glaube da bist Du schon einen Schritt weiter. Du hängst da schon ziemlich tief drin.

    Es ist wichtig dass Du weißt und verstehst, dass Co-Abhängigkeit ebenfalls eine Krankheit ist. Das ist keine Lapalie die sich eben mal nebenher mit ein wenig Disziplin und ein paar guten Tipps lösen lässt. Ich glaube, man kann die Co-Abhängigkeit auch ganz gut mit der Alkoholsucht vergleichen. Hängt man mal drin, ist es eine große Herausforderung wieder heraus zu kommen.

    Weißt Du, es geht ja "nicht nur" darum, jetzt erst mal von Deinem trinkenden Partner weg zu kommen, sondern es geht viel weiter. Es geht darum, dass Du auch dauerhaft von ihm fern bleibst (wenigstens so lange er weiter trinkt) und, was ebenfalls ganz wichtig ist, dass Du dieses Verhaltensmuster ablegst und nicht wieder an ein ähnliches Exemplar gerätst. Wenn ich hier mal den Vergleich zum Alkoholiker ziehen darf: Es reicht nicht, mal eine längere Trinkpause einzulegen und mal eine Zeit lang weg vom Alkohol zu kommen, sondern es geht darum, dauerhaft ohne Alkohol leben zu wollen und zu können. Sonst beginnt das Elend immer wieder von neuem.

    Das ist keine banale Angelegenheit und ich denke aber, dass Dir das bewusst ist. Du musst m.E. also unbedingt lernen, dass es NICHT um Deinen Partner geht sondern ausschließlich um DICH. Du solltest lernen ihn loszulassen, Dich um Deine Belange und um Dein Wohlbefinden zu kümmern und ihm sein Leben lassen. Das er so gestaltet, wie er es möchte. Aktuell will er trinken, dann soll er trinken.

    Ich habe Dir in meinem vorherigen Post hier geschrieben, wie ich selbst als nasser Alkoholiker getickt habe, was in mir vor ging. Mir ist wichtig Dir zu sagen, dass Du daraus NICHT schließen solltest, dass der nasse Alkoholiker ja nichts dafür kann, weil er ja krank ist. Es ging mir nicht darum, dass Du Verständnis für ihn aufbringen kannst sondern nur darum das Du VERSTEHST. Trotz seiner Krankheit hat er es in der Hand seine Situation zu verändern, er ist absolut verantwortlich für das was er tut und für seine Entscheidungen. So wie ich es war. Hätte er eine Krankheit wie z. B. Krebs, hätte er es selbst nicht mehr in der Hand. Aber er ist alkoholsüchtig, genau wie ich auch, und dafür ist er alleine verantwortlich und nur er könnte es ändern, wenn er wollte.

    Es geht also NUR UM DICH. Und sonst um nichts. Das solltest Du verstehen lernen und dann wirst Du es auch schaffen Deine Kranheit zu überwinden. Aber, aus vielen Geschichten weiß ich, dass das nicht einfach ist und oft einen langen Weg bedeutet. Mach Dich auf den Weg, hole Dir Hilfe. Idealerweise professionelle aber auch andere, wie z. B. eine SHG für Angehörige. Es ist wichtig für Dein Leben, dass Du Dich wieder in den Fokus rückst und Dich selbst als das wichtigste in Deinem Leben wahr nimmst.

    Alles Gute wünsche ich Dir dabei!

    LG
    gerchla

    Hallo Husky1984,

    schön, dass Du Dich entschlossen hast hier selbst aktiv zu werden.

    Ich werde bald 50 Jahre alt, bin Alkoholiker und lebe jetzt schon länger ohne Alkohol. Dietmar hat Dir eine sehr wichtige Analyse der Situation in der Du Dich gerade befndest gegeben. Ich kann dem inhaltlich wirklich nichts hinzu fügen.

    Ich will Dir nur noch einen kleinen Einblick in mein Alkoholiker-Inneres geben. Dir meine Gedanken und Erfahrungen aus meiner nassen Zeit berichten. Denn als ich las, wie sich Dein Partner Dir gegenüber verhält, wie er sich zurück zieht, wie er sich kaum noch am Alltagsleben beteiligt und immer nur "seins" macht, da musste ich mehrmals nicken. Nicken deshalb, weil ich das auch so bei mir erlebt habe. Vielleicht ist meine Situation nicht ganz übertragbar, weil ich komplett heimlich trank und meine Frau nichts wusste (wohl aber ahnte das etwas nicht stimmen konnte).

    Aber auch ich wollte meine Ruhe, ich wollte und konnte mich nicht mehr am Alltagsleben beteiligen. Ich konnte keine sportlichen Aktivitäten mehr machen und suchte immer Ausreden wenn meine Frau z. B. mal wieder mit mir Laufen gehen wollte. Dazu war ich rein körperlich gar nicht mehr in der Lage, hatte ich doch fast immer Alkohol im Blut und war einfach völlig ausgebrannt. Soziale Kontakte, sich mit Freunden treffen, mal irgendwo hin gehen usw. - ich versuchte es zu vermeiden so gut es ging. Weil ich dort i. d. R. nicht trinken konnte! Nur deshalb. Und wenn doch, dann nicht in dem Maße wie ich es gebraucht hätte. Ich konnte mir ja nicht bei einem Nachmittags-Besuch bei Freunden 5 Bier reinkippen. Die ich aber mindestens brauchte um mich einigermaßen normal zu fühlen.

    Also vermeiden, tarnen, täuschen. Und wenn es unvermeidbar war, irgendwie den Alkohol mitschmuggeln und auch auswärts heimlich trinken. Was natürlich ein hoher Stressfaktor war. Deshalb lieber vermeiden und abschotten.

    Bei mir ging das "in Ruhe trinken wollen" so weit, dass ich sogar Dienstreisen vortäuschte, die es gar nicht gab. Oder Dienstreisen länger dauerten, als sie eigentlich dauerten. Um dann in der "gewonnenen" Zeit in Ruhe trinken zu können. Es ist unvorstellbar für einen gesunden Menschen wie erfindungsreich (positiv ausgedrückt) ein süchtiger Mensch werden kann um seine Sucht zu befriedigen. Lügen, betrügen, manipulieren - die gesamte Palette, ich hatte alles drauf. Nur eines war wichtig: Alkohol um damit die Flucht aus meinem Leben erreichen zu können. Wieder und immer wieder und am Ende immer exzessiver.

    Stellt sich die Frage nach dem Grund. Tja, ich hatte keinen klar zu bennenden Grund, weshalb ich das tat. Nicht weil meine Frau so schlimm gewesen wäre (im Gegenteil, sie hat alles versucht unsere Beziehung irgendwie zu retten), nicht weil mein Job so schlimm gewesen wäre (im Gegenteil, ich saß fest im Sattel und war sehr erfolgreich), nicht weil ich irgendwelche Schicksalsschläge nicht verarbeitet hätte, nein, ich hatte keinen offensichtlich erkennbaren Grund, weshalb ich so in diese Sucht gerutsch bin. Die wahren Gründe erfuhr ich erst, nachdem ich trocken war und alles aufgearbeitet habe, was aber jetzt ein ganz anderes Thema ist.

    Nichts konnte mich da heraus holen. Immer wieder mal hatte ich helle Momente, wo ich mein Trinkverhalten wieder in den Griff bekommen wollte. Heimlich natürlich weil ja keiner davon wusste. Es scheitere immer, es musste immer scheitern. Selbst die tiefe Liebe zu meinen Kindern, die wirklich mein ein und alles waren, konnte mich nicht dazu bewegen mit dem Trinken aufzuhören. Geschweige denn meine Frau, die zwar nicht wusste das ich trank, jedoch genau spürte das ich krank war. Und alles versuchte unser gemeinsames Familienleben irgendwie wieder ins Lot zu bringen. Konnte sie aber nicht, denn sie konnte mich nicht mehr erreichen. Da war ja schon, wie Dietmar schön beschrieben hat, meine Nr. 1, der Alkohol.

    Ich habe meine Sucht erst dann überwinden können, als ich ich das wollte. Ich allein, niemand sonst. Niemand von außen, kein Anstoss von außen. Ich wollte es, plötzlich, ungeplant, quasi spontan, ohne vorher eine Strategie dafür entwickelt zu haben. Ich wollte es und ich wusste auf einmal: Jetzt ist schluss! Niemanden zu liebe, nur meiner selbst wegen.

    Und da funktionierte es. Für meine Ehe war es längst zu spät, für mich glücklicherweise nicht.

    Warum schreibe ich Dir das jetzt, wo doch Dietmar schon alles gesagt hat? Ich schreibe es Dir, damit Du die Parallen zu Deinem Partner ziehen kannst. Mit dem Wissen, dass Dein Partner wahrscheinlich ähnlich tickt wie ich damals, wie alle trinkenden Alkoholiker eben meist ticken. Es sind immer ähnliche Verhaltenweisen, ähnliche Muster. Du wirst ihn nicht retten können, aber Du kannst für Dich sorgen und Dich retten.

    Das alleine sollte Dein Ziel sein.

    Was mit ihm passiert hat er selbst in der Hand.

    Alles Gute wünsche ich Dir und einen guten Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen schlaflos,

    oh, was Du da in der letzten Zeit alles erleben musstest ist wahrlich alles andere als schön. Ein Schlag nach dem anderen und das dann auch noch kombiniert mit finanziellen Sorgen. Gerade an finanzielle Sorgen erinnere ich mich bei mir noch gut zurück. Es war für mich enorm belastend und ich denke, es wird bei Dir / Euch nicht anders sein.

    Ich persönlich bin kein Mensch, der an sowas wie "Prüfungen" glaubt. Ich glaube da eher, dass es einiges in unserem Leben gibt, das wir selbst sehr gut und stark beeinflussen können. Durch unser Verhalten z. B., das widerum sehr stark von unserer Denkweise beeinflusst wird. Und dann, unabhängig davon, glaube ich, gibt es sowas wie Schicksal. Manche Dinge passieren einfach, im Positiven wie auch im Negativen. Ich kenne Menschen, da frage ich mich wirklich womit sie es verdient haben, mehrmals Dinge erleben zu müssen, die anderen Menschen niemals im Leben passieren. Und hier spreche ich von Dingen, die wirklich sehr schlimm sind und woran man auch gut zerbrechen kann. Ohne eigenes Zutun.

    Liebe schlaflos, damit möchte ich das was Du gerade durch machst keinesfalls relativieren. Ich wollte damit nur meine Sicht auf die Dinge darstellen. Ich denke, manchmal muss man durch schwere Zeiten gehen und manchmal hat man sehr gute Zeiten. Für beides ist man oft selbst verantwortlich, manchmal jedoch hat man es eben nicht selbst in der Hand und es bleibt einem nur der richtige Umgang mit einer bestimmten Situation. Um so wieder die Kontrolle über sein eigenes Wohlbefinden zu gewinnen.

    In Deinem Fall musst Du Dir m. E. nur eine einzige Frage beantworten: Was wäre besser geworden, wenn Du wieder mit dem Trinken begonnen hättest?

    Ich behaupte mal: NICHTS - Du hättest Dich lediglich temporär mal weggebeamt und wärst anschließend umso härter in der Realität wieder angekommen. Und mittelfristig würdest Du Dein Leben dann an der Flasche fristen und absolut gar nichts würde besser werden. Ich denke das weißt Du genau und deshalb hast Du auch nicht getrunken. Darauf darfst Du jetzt durchaus auch mal stolz sein!

    Achte auf Deine Gedanken und Dein Handeln. Ich bin sicher, bei aller Verzweiflung die Du aktuell vielleicht manchmal verspürst wegen dieser Situation, dass Du da heraus kommen wirst. Es wird sich etwas ergeben, es werden sich Türen öffen. Wenn Du das möchtest und es zulässt. Geht aber nur ohne Alkohol.

    Alles alles Gute weiter hin. Bleib standhaft!

    LG
    gerchla

    Hallo Phoenix,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Schön, dass Du von der stillen Mitleserin jetzt zu den aktiven Schreibern gewechselt bist. Ich denke, da gehört auch schon mal eine gewisse Portion Mut dazu.

    Ich finde es toll und kann Dir nur dazu gratulieren, dass Du Dich dazu entschlossen hast etwas gegen Deine Sucht zu unternehmen. Als ich Deine Vorstellung las, habe ich sofort Parallen zu meiner eigenen Suchtzeit erkannt. Besonders die Tatsache, dass Du sehr viel heimlich getrunken hast passt sehr gut zu meiner Geschichte. Ich trank quasi komplett heimlich und auch meine Frau (bei Dir war es Dein Mann) hat nicht gemerkt, jedoch geahnt, dass irgendwas nicht stimmt. Auch das Funktionieren, das aufrecht erhalten der Fassade unter zurhilfe nahme zahlreicher Lügen etc. kenne ich nur zu gut. Dann natürlich die Logistik der Flaschenentsorgung --- zum Ende meiner Sucht hin, als die Mengen wirklich ganz enorm waren, war das eine meiner größten Herausforderungen.

    Was ich sagen will: Ich kann Deine Situation sehr sehr gut nachvollziehen. Deine Art die Sucht auszuleben scheint recht nahe an der meinen gewesen zu sein. Auch dieses "sich selbst verlieren" kenn ich nur zu gut.

    Ich will Dir sagen, dass ich glaube, dass Du jetzt erst mal auf einem guten Weg bist. Du hast etwas unternommen. Du hast Dich geoutet, was ich persönlich als einen ganz wichtigen Schritt sehe. Keine Lügerei mehr, kein vertuschen mehr, kein verstecken und Du hast damit vor allem auch ein Hintertürchen geschlossen. Es ist schön für mich zu lesen, dass Du scheinbar noch eine funktionierende Beziehung hast (das war bei mir nicht mehr der Fall), das die Gefühle zu Deinem Mann noch stimmen und dass er an Deiner Seite steht. Das darfst Du gerne als Glückfall für Dich verbuchen. Scheint, als hättest Du noch rechtzeitig die Bremse gezogen!

    Ich weiß nicht genau, was Du von mir schon gelesen hast. Über meinen Weg und wie ich aus der Sucht heraus kam. Ich will Dich (und andere) hier jetzt nicht mit ständigen Wiederholungen nerven. Deshalb: Wenn Du Fragen hast, dann Frage einfach.

    Und das Dir jetzt mulmig zu mute ist, Du vielleicht auch Angst hast wie das alles so funktionieren soll, das halte ich für normal, sogar für "gesund". Es zeigt, dass Du Dir über die ernste Lage bewusst bist und es nicht auf die leichte Schulter nimmst. Aber lass Dich von der Angst nicht zu sehr einschnüren. Du hast hier im Forum ja viele Beispiele von Menschen, die ihren Weg aus der Sucht gegangen sind und jetzt schon viele Jahre nicht mehr trinken. Ich bin sicher, das kannst Du auch schaffen.

    Gehe Deinen Weg und gehe ihn in Deiner Geschwindigkeit. Hole Dir Hilfe wann immer Dir danach ist, Du bist nicht allein unterwegs.

    Dazu noch:

    Zitat

    Ich hoffe, es ist nicht zu "detailreich", weil es ja ein offener Bereich ist.


    Du allein entscheidest, was Du hier offen von Dir preis gibst. Ich z. B. bin hier sehr offen unterwegs, schreibe aber trotzdem nicht alles. Ich schreibe hier das, was ich jemanden (der es wissen möchte) in einem persönlichen Gespräch auch sagen würde. Ich schreibe hier nicht über das, was ich nur ganz eng vertrauten Personen sagen würde.

    Schön das Du hier bist. Schön, dass Du den Kampf gegen Deine Sucht aufgenommen hast. Ich wünsche Dir nur das Allerbeste und natürlich auch einen hilfreichen Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo Charly,

    schön, dass Du uns hier von Deinen Erfahrungen berichtest. Ich würde mich freuen, wenn Du das weiterhin ab und an machen würdest. Ob das was Du gerade tust von Erfolg gekrönt sein wird oder ob Du in ein paar Wochen / Monaten wieder da bist wo Du vorher warst (oder auch ein neues Level erreichst), wird die Zeit zeigen.

    Tatsächlich ist es mir in meinen Suchtanfängen auch sehr gut gelungen, reduziert zu trinken, quasi auch mal ein normales oder schon "unterdurchschnittliches" Trinkverhalten an den Tag zu legen. Das war zu der Zeit, als ich noch nicht heimlich trank und meine Frau mich darauf ansprach, ob es nicht zu viel sei, wenn ich jeden Tag EIN Feierabendbier tränke. Des lieben Friedens Willen habe ich dann halt nur mal eines oder zwei Biere in der Woche getrunken. Mit ähnlichen Erfahrungen die Du schilderst, nämlich dass da jemand flüsterte, das es doch gar nicht schlimm ist ein Bier am Tag zu trinken und dass ich mir das nicht nehmen lassen sollte usw.

    Führte letztlich dazu, dass ich nach ein paar Wochen wieder im alten Fahrwasser war und meine Frau mich erneut ansprach. Auf die Länge gesehen umging ich diese "Problematik" dann dadurch, dass ich einfach heimlich trank. Da gab es dann keinen Grund mehr für sie mich anzusprechen und ich bekam was ich wollte bzw. brauchte. Damals auf noch sehr niedrigem Niveau aber halt schön süchtig.

    Wie das bei Dir ist wirst Du erleben. Falls es schief geht wünsche ich Dir, dass Du ehrlich mit Dir selbst sein kannst und wirklich auch die richtigen Konsequenzen ziehst. Je früher desto besser und auch einfacher. Ich wünsche Dir wirklich das Du das dann erkennst. Viel mehr wünsche ich Dir aber, dass Du erst gar nicht betroffen bist und künftig ab und an mal ein Glas Wein genießen kannst ohne dass da jemand auf Deiner Schulter sitzt und "meeeeehr" brüllt. Aber sei wachsam und mache nicht den Fehler (wie ich) Dich selbst zu belügen.

    Übrigens, die Erfahrung, dass man nach Trinkpausen mehr trinkt als vorher habe ich auch gemacht. Mehrmals. Es war so, als ob ich einen Freibrief hätte jetzt erst mal richtig zuzuschlagen. Mit gutem Gewissen, weil ich mir ja bewiesen hatte, dass ich kein Problem habe. Ich konnte ja verzichten oder reduzieren. Es war, als ob ich kompensieren wollte was ich verpasst hatte. Mit der Folge, dass mein dauerhaftes Trinkniveau nach jeder längeren Pause anstieg und auch gesteigert blieb.

    Also, wenn aufhören, dann richtig und wirklich dauerhauft. Aber soweit bist Du ja noch nicht. Nur denke daran, lüg' Dir nicht in die eigene Tasche wenn Du merkst, dass Du das Zeug mehr brauchst als Dir lieb ist.

    Alles Gute und ich würde mich freuen, ab und an von Dir zu lesen. Idealerweise natürlich nur Positives, aber im anderen Fall sind wir natürlich auch gerne für Dich da.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Paperplane,

    ähnlich wie Camina würde es mich sehr interessieren, weshalb Du wieder getrunken hast. Spontan aus einer Laune heraus oder weil Du plötzlich einen enormen Druck verspürt hast? Oder war es eher so, dass Du dachtest "ein Glas geht und mehr trinke ich nicht"? Was hat Dir denn eigentlich gefehlt? Was hast Du Dir versprochen von einem Glas Sekt? Welche Wirkung, welches Ergebnis hast Du erwartet oder wonach hast Du Dich gesehnt?

    Ich glaube das es für Dich sehr wichtig ist das genau zu hinterfragen.

    Ich finde es sehr gut, dass Du jetzt sofort gegen steuerst und nicht aufgeben möchtest. Würdest Du aufgeben, würde es einfach immer weiter Berg ab gehen. Die Tatsache, dass Dein Mann jetzt "alles" weiß, wäre aus meiner Sicht eigentlich eine Grundvoraussetzung gewesen, die Du idealerweise von Anfang an schaffen hättest sollen. Es ist und wird für Dich schwer genug sein Deine Sucht zu überwinden (und wie ich jetzt lese liegt bei Dir ja auch noch eine zweite Erkrankung in dieser Richtung vor). Ich bin davon überzeugt, dass hier absolute Ehrlichkeit und Offenheit, zumindest gegenüber den wichtigen und bedeutenden Menschen in Deinem Leben, ein absolutes muss ist. Ich weiß wovon ich spreche weil ich mehrmals versucht habe heimlich trocken zu werden, ohne das jemand mitbekommt was bei mir eigentlich Sache war.

    Das es nie funktioniert hat, dass es gar nicht funktionieren konnte, darüber habe ich hier im Forum ja schon häufiger ausführlich geschrieben. Insofern kann ich Dir nur dazu gratulieren, dass Du hier jetzt klare Verhältnisse hast. Das kann Dich wirklich weiter bringen. Gut auch, dass Du einen Termin bei Psychologen ausgemacht hast. Du wirst sehen, ob er Dich weiter bringt. Ich glaube hier wird es auch wichtig sein, in wie weit Eure Chemie stimmt.

    Zitat

    Ich muss mich einfach zusammen reißen.


    Wenn Du immer noch denkst, dass es so funktionieren kann, dann wird es wohl nicht funktionieren. Mit zusammen reißen hat die Überwindung einer Sucht nämlich nichts zu tun. Wenn das so simpel wäre, dann würden ja nur willensschwache Menschen ohne Disziplin süchtig werden. Aber wie wir wissen, trifft es alle Schichten, jede Art von Menschen und die Liste hochdekorierter (teils auch prominenter) und gemeinhin als sehr erfolgreich und auch willenstark bezeichneter Menschen ist lang.

    Wenn man sich einfach nur zusammen reißen müsste um nicht mehr trinken zu müssen, dann könnten wir diese Forum hier wahrscheinlich manges Beteiligung schließen (das wäre schön!) oder den paar Menschen die dann hier noch aufschlagen einfach sagen: "stell Dich nicht so an, reiß Dich einfach mal zusammen".

    Es ist viel komplexer und eine Sucht steckt viel tiefer. Die Gründe für Deine Alkoholsucht und auch die für Deine Bulimie werden keine oberflächlichen sein, keine, die mit Deinem Willen zusammen hängen. Die Gründe herauszufinden ist eine der Herausforderungen. Sie dann zu beseitigen oder zu lernen sie zu akzeptieren um eben nicht mehr trinken zu müssen (besser: zu wollen) ist das Ziel.

    Schön, dass Du hier bist und weiter dran bleibst. Alles Gute!

    LG
    gerchla

    Liebe Britt,

    ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Erwartungshaltungen gibt bzw. gab, die nur in meinem Kopf stattgefunden haben. Das ist eigentlich richtig tragisch, wenn man fest glaubt, man müsste für x oder y so oder so funktionieren und x oder y erwarten das gar nicht, haben das so auch nie formuliert oder irgend etwas mal aus einer bestimmten Situation heraus gesagt, das sie so gar nicht gemeint haben.

    Man selbst jedoch hat das dann im Hirn, im Gedächtnis und versucht dem gerecht zu werden. Bei mir war das hauptsächlich oder fast ausschließlich während meiner nassen Zeit der Fall. Da spielten bei mir natürlich noch ein paar andere Faktoren (wie z. B. schlechtes Gewissen) eine Rolle, jedoch habe ich teils jahrelang Erwartungen erfüllt von denen ich dachte ich müsste sie erfüllen. Um dann irgendwann zu erfahren, dass das gar nicht von mir erwartet wurde.

    Ich glaube sowas passiert schnell, wenn man nicht miteinander redet (oder nicht miteinander reden kann). Mit den Erfahrungen die ich für mich gemacht habe glaube ich heute, dass das A und O in einer Beziehung, in jeder Art von Beziehung (also auch nicht partnerschaftliche sondern z. B. freundschaftliche) das miteinander Reden ist. Reden, reden, reden, sagen was man möchte aber auch dem anderen zuhören und versuchen zu verstehen. Ich halte das für das Erfolgsrezept schlechthin.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Cindy,

    schön mal wieder was von Dir zu lesen. Und auch schön, dass Du konsequent geblieben bist. Ich bin mir sicher, dass Du immer noch im Hamsterrad gefangen wärst, wenn Du eingeknickt wärst.

    Sicher wird es noch dauern, bis Du richtig abschließen kannst. Aber Du bist jetzt zumindest schon mal ein ganz schönes Stückchen Weg gegangen. Und auch wenn die Zeit sicher nicht alle Wunden heilt wird sie in Deinem Fall sehr hilfreich sein um Dich immer weiter zu distanzieren. Und je mehr Zeit vergangen ist desto mehr wirst Du merken, wie falsch diese Beziehung und auch Deine Rolle innerhalb dieser Beziehung war.

    Dieses "falsch" soll auf Dich bezogen kein Vorwurf sein, sondern eher ein Fingerzeig oder ein Ansporn es in einer neuen Beziehung künftig anders zu machen. Dass Du Dich eben nicht mehr in eine Rolle drängen lässt, die Dir nicht gut tun und dass Du Deine Wünsche und Bedürfnisse klar formulierst und diese dann auch durchsetzt. Das wünsche ich Dir.

    Ich freue mich auch für Dich, dass da ein neuer Mann in Deinem Leben ist. Ich glaube auch, dass Du gut daran tust, die ganze Sache langsam angehen zu lassen. Wenn er der Richtige ist, wird er sicher auch die Geduld aufbringen etwas zu warten weil er erkennen wird, das Du noch etwas Zeit brauchst.

    Alles Gute für Deine Zukunft wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla

    Liebe Phoenix,

    ich will mal ein paar Gedanken aus meiner eigenen Erfahrung hier lassen. Vieles von dem was Du schreibst erinnert mich an meine eigene Geschichte.

    Ich war (ebenfalls) heimlich Trinker, ich hatte damals 2 Kinder wovon die Kleine, also meine Tochter, ein absolutes Papakind war. Die Trennung von meinen Kinder war, ich schrieb es oft, das Schlimmste was mir in meinem bisherigen Leben passiert ist, wenn ich meine Sucht mal außen vorlasse.

    Als meine Frau damals durch mich erfuhr, dass ich Alkoholiker bin, glaubte sie mir zunächst nicht. Ich musste es ihr "beweisen", was ich dadruch tat, dass ich ihr meine ganzen Alkoholverstecke gezeigt habe. Für sie brach eine Welt zusammen, ihr Vertrauen in mich war komplett zerstört.

    So, wir trennten uns also und ich zog ein paar Kilometer weg. Wollte aber ja meine Kinder, speziell meine Tochter (mein großer war fast schon "durch") sehen. Ähnlich wie bei Dir nahmen wir uns vor, ordentlich miteinander umzugehen, schon alleine der Kinder wegen. Ich jedoch, hatte keinen richtigen Plan, war natürlich auch stark mit mir selbst beschäftigt und mit der Anfangszeit meines Lebens ohne Alkohol. Da gibt es diverse Herausforderungen, die mich und meine Gedanken ziemlich eingenommen hatten. Normal, würde ich mal sagen was meine Frau jedoch natürlich nicht wusste.

    Jedenfalls stand ich fast jeden Tag in meinem Ex-zuhause auf der Matte, versuchte irgendwie meine Paparolle (die ja vorher trotz Alkohol eine sehr intensive war) weiter aufrecht zu erhalten, wollte irgendwie über alles Bescheid wissen (Schule, Freunde, Tagesablauf, usw.) und versuchte irgendwie den Alltag meiner Kinder mit zu gestalten.

    Das ging ein paar Wochen so. Es war immer eine sehr schwierige Situation, alleine meine Anwesendheit in der Ex-Wohnung, die Tatsache, dass ich meine Frau in dieser Zeit noch um mich hatte usw.

    Irgendwann erklärte meine Frau mir dann, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich sollte doch bitte mal erkennen, das meine Rolle jetzt ein andere wäre! Ich müsse mal erkennen, dass ich nicht mehr der Papa sein kann, der ich vorher war, dass ich jetzt eine andere Rolle habe.

    Ich erinnere mich daran sehr sehr gut. Das hat mich fast umgehauen! ABER: Sie hatte ja sowas von Recht.

    Ich meine, wir waren getrennt. Keine Perspektive dass wir wieder mal zusammen kommen könnten. Meine Tochter meist stark belastet und oft traurig und immer wenn ich da war mit der verstärkten Hoffnung, dass ja doch alles wieder gut werden könnte. Ich glaube das ist sehr schlimm, denn Kinder wollen ja nichts anderes als Mama und Papa und das die beiden sich lieb haben. Bei uns war sie also immer hin und her gerissen. Ein normaler Tagesablauf, eine Struktur im Leben meiner Tochter gab es zu dieser Zeit nicht wirklich. Nachmittags bzw. abends ist dann der Papa aufgetaucht, hat irgendwelche Fragen gestellt über ihren Tag und versucht irgendwie ein guter Papa zu sein. Um dann abends irgendwann wieder zu gehen....

    Und klar, ich durfte meine Tochter nicht mit zu mir nehmen. Niemals, denn wie hätte sie mir denn Vertrauen können? Ich wusste ja das ich nichts mehr trank, aber sie konnte das doch keinesfalls wissen. Und so durfte ich auch mit meiner Tocher niemals Auto fahren. Wenn wir mal (am Wochenende) irgendwo hin wollten, dann nur mit den öffentlichen Verkehrmitteln.

    Mit zunehmender Dauer meiner Abstinenz hat das mein Hirn aber auch verstanden. Ich konnte meine Frau sehr gut verstehen und konnte das nachvollziehen. Und langsam machte sich in mir auch die Erkenntnis breit, dass es für meine Tochter eminent wichtig sein wird, EINEN stabielen Anker in ihrem Leben zu haben. Dieser konnte nur ihre Mutter sein. Ich begann zu akzeptieren, dass ich tatsächlich eine andere Rolle als Papa hatte und ich versuchte diese dann auch entsprechend auszufüllen. Das hat ein Stück gedauert und das hat auch weh getan. Für meine Tochter jedoch war es absolut notwendig. Sie konnte damit beginnen abzuschließen. Die Situation zu akzeptieren, sie konnte Dinge wieder richtig einschätzen und sie verstand dann auch, dass Mama und Papa getrennt sind. Sie hatte ihr Leben und ihr Umfeld bei der Mama und wusste, dass sie sich darauf immer verlassen wird können. Und sie wusste, dass sie ihren Papa regelmäßig sehen wird und das er nicht weg ist. Aber das es eben anders ist, als es vorher war.

    Liebe Pheonix, vielleicht ist bei meiner Geschichte etwas dabei, das Du auf Deine Situation übertragen kannst. Ich persönlich bin jemand, der die immer häufiger praktizierte "50:50-Regel das Kind wächst bei beiden Elternteilen auf" eher kritisch sieht. Ich glaube ein Kind braucht feste und klare Strukturen auf die es Vertrauen kann und auf die es sich blind verlassen kann. Man kann hier sicher anderer Meinung sein, ich selbst habe in meinem Umfeld diesbezüglich schon sehr negative Beispiele gesehen. Wo Kinder eine Woche da und die andere Woche dort waren aber nirgends so richtig. Aber gut, vielleicht ein anderes Thema und für Dich gar nicht relevant.

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall, dass Du die richtigen Entscheidungen treffen kannst. Und was das Vertrauen in Deinen Ex betrifft: Dein Vertrauen muss er sich meiner Meinung nach erst wieder erarbeiten, aktuell weißt Du gar nichts, kannst auf nichts vertrauen. Wie das bei mir war, habe ich Dir ja geschrieben. Heute habe ich das Vertrauen meiner Ex-Frau wieder. Das hat allerdings auch ein paar Jahre gedauert...

    Alles alles Gute!

    LG
    gerchla

    Hallo Marietta,

    ich wills nur verstehen:

    Zitat

    Mein Mann müsste uns auch entlassen, d.h. gehen lassen.
    Da er ja mit Selbstmord gedroht hat, weil er dann zu wenig Geld zum verprassen hat, ist das vorerst nicht möglich.

    Bedeutet das jetzt im Klartext, dass es Deine Religion Dir nicht gestattet ihn zu verlassen? Solange er nicht sein Go dafür gibt?

    Dann hätte das ja alles sowieso keinen Sinn, dann müsstest Du eher Strategien finden, wie Du mit dem was Du da hast einigermaßen gut leben kannst, notfalls dann halt "bis der Tod Euch scheidet".

    Wäre jetzt nichts für mich, muss ich ehrlich sagen. Ich denke übrigens auch, dass der Alkohol nicht das zentrale Problem in Eurer Beziehung ist. Sicher wird seine Trinkerei die Situation an der ein oder anderen Stelle enorm verschärfen, jedoch denke ich das Ihr grundsätzlich verschiedene Ansichten bezüglich eines familiären Zusammenlebens oder einer Partnerschaft habt. Vielleicht wäre ja eine Paartherpie ein Weg?

    Alles Gute!

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Wodka,

    schön das Du hier bist. Vielleicht bekommst Du ja hier bei uns die Anstösse, die Du brauchst um Deinen Weg finden zu können.

    Kurz zu mir. Ich werde bald 50 Jahre, bin Alkoholiker, Familienvater und mehrfacher Papa und lebe jetzt schon längere Zeit ohne Alkohol. Davor trank ich mindestens 10 Jahre abhängig, wahrscheinlich sogar ein paar Jahre mehr. Ich kann heute nicht 100%ig sagen, wann der Schalter von Missbrauch in Sucht bei mir genau umgelegt wurde. Und, was Du vielleicht auch noch wissen solltest: Ich trank die meiste Zeit in meiner Alkoholikerkarriere heimlich. Habe also meine Sucht komplett verheimlicht, auch meiner Familie gegeüber. Und das bis zu meinem Ausstieg auch so durchgeszogen.

    Jetzt aber zu Dir.

    Ich denke mal, Du hängst ganz schon drin in der Suchtspirale und das ganze dann noch kombiniert mit den Depressionen... Ich denke Du suchst händeringend nach Lösungen, ich lese eine Verzweiflung bei Dir und auch (leider) eine starke Resignation. Du willst keine Ratschläge in Richtung "mache doch eine Therapie" usw. weil Dir das sowieso nichts bringt, ist eh alles für die Katz usw. Am liebsten würdest Du den Alkohol auch gerne weiter als Begleiter nutzen, wobei Dir anderseits auch dämmert, dass das irgendwie alles nicht funktioniert.

    Erst mal möchte ich Dir noch sagen, dass ich bezüglich Depressionen keine wirklichen Erfahrungen habe. Ich selbst litt zum Glück noch nie darunter. Meine alkoholbedingten negativen Phasen waren zwar nicht schön, aber wohl keine richtigen Depressionen. In meiner Verwandschaft gibt es jemanden, der ganz stark darunter leidet und dadurch auch manchmal eine sehr lange Zeit aus dem Alltagsleben gerissen wird. Um dann in oft wochenlangen Klinikaufenthalten wieder "eingestellt" zu werden. Aber wie und was da genau passiert, darüber weiß ich im Detail nicht Bescheid. Ich weiß nur, dass dieser Mensch nachdem er "eingestellt" ist, normalerweise wieder eine sehr lange Zeit "Ruhe hat". Laienhaft ausgedrückt. Ich will damit sagen, dass ich mich zu diesem Thema nicht kompetent fühle, mit Dir aber gerne meine Erfahrungen bezüglich Alkoholsucht teile.

    Genau wie Dietmar denke ich, dass nur eine Überwindung Deiner Alkoholsucht (oder Deines Alkoholproblems) eine erfolgreiche Behandlung Deiner Depressionen überhaupt erst zu lässt. Bei einem aktiven (trinkenden) Alkoholiker wird keine erfolgreiche Behandlung möglich sein.

    Vielleicht darf ich Dir einfach mal noch ein paar Fragen stellen? Ich mach' mal:

    Ich lese eine Widerspruch bei Dir. Einerseits scheint es, als wärst Du Dir bewusst darüber, dass Du Dein Leben an den Alkohol verloren hast (inklusive der fatelen Wechselwirkung in Bezug auf Depressionen). Du siehst und nimmst wahr, wohin Dich Dein Kosum geführt hat und willst auch so nicht weiter konsumieren. Anderseits aber hättest Du den Alkohol trotzdem gerne weiter als Begleiter. Da würde mich interessieren: Kannst Du Dir ein Leben komplett ohne Alkohol vorstellen? Was löst dieser Gedanke in Dir aus? Kannst Du aktuell eine längere Zeit auf Alkohol verzichten oder musst Du täglich trinken?

    Du hast geschrieben, dass Du bereits eine Therapie (in Deinen Worten Reha) gemacht hast. Bist Du damals mit dem festen Willen nie mehr zu trinken an die Sache heran gegangen oder war das nie Dein Wunsch?

    Darf ich mir noch die Frage erlauben, wie Dein Alltag denn gemeinhin so aussieht und Dein Umfeld?

    Bitte nur auf die Fragen antworten, wenn Du das auch möchtest. Mir geht es nicht darum Dich auszufragen oder so. Ich würde nur einfach Deine Situation besser verstehen und für mich einordnen können.

    Ich möchte Dir noch etwas von mir erzählen. Ähnlich wie Du jetzt, habe ich mir sehr lange ein Leben ohne Alkohol nicht vorstellen können. Es waren immer nur ganz kurze Momente, wenn ich mal wieder so richtig Mist gebaut hatte, wo ich kurz der festen Meinung war: Jetzt ist Schluss, ich schaffe das jetzt ohne. Jedoch hielten diese Phasen dann nicht lange an. Es waren meist der Auslöser für eine mehr oder weniger lange Trinkpause. Ich hatte natürlich auch den tiefen Wunsch, Alkohol einfach in Maßen trinken zu können. Einfach ein- oder zwei Bier statt 10 oder 12. Irgendwann wäre ich auch mit 4 oder 5 Bier am Tag schon sehr zufrieden gewesen. Und natürlich habe diesbezüglich diverse Versuche unternommen. Ich versuchte also kontrolliert zu trinken.

    Bei mir funktionierte das allenfalls ein paar Wochen, meist nur ein paar Tage. In den letzten Jahren meiner Sucht gar nicht mehr. Im Nachhinein kann ich auch sagen, dass es eigentlich sogar "einfacher" war, eine Trinkpause mit null Alkohol auszuhalten als eine Phase des kontrollierten Trinkens. Verstehe mich nicht falsch: Beides wurde mit zunehmender Dauer meiner Sucht immer schwieriger. Kontrolliert Trinken war aber immer noch einen Ticken anstrengender, weil ich mir das Zeug ja zuführte aber eben halt viel zu wenig. Ich hatte damals leider nicht den Geist oder das Verständnis zu kapieren, was das alles jetzt eigentlich bedeutet. Es bedeutete, dass ich süchtig war und nicht mehr kontrolliert trinken konnte. Und es auch nie mehr können werde. Für mich gab es also nur noch eine Alternative, nämlich ein kompletter Verzicht auf Alkohol.

    Wie das allerdings funktionieren sollte, das konnte ich mir nicht vorstellen. Heute denke ich mir manchmal: Warum habe ich denn nicht schon viel früher den Ausstieg vollzogen. Es war nicht einfach, es war teilweiese ein sehr sehr schwerer Weg. Was die "schwere" des Ausstiegs betrifft so denke ich, dass es für jeden Alkoholiker die Herausforderung seines Lebens ist, jedoch bei jedem von uns trotzdem höchst indiviuell. Bei mir war es die Trennung von meiner Familie, die mit meinem Ausstieg verbunden war. Und damit verbunden enorme Schuldgefühle, die für mich kaum zu ertragen waren. Bei anderen ist es vielleicht der enorme Suchtdruck, extreme psychische Probleme oder was aus immer, dass als die größte Herausforderung empfunden wird.

    Ich bin mir heute sicher, dass ein früherer Ausstieg weniger Belastung mit sich gebracht hätte und ein späterer nochmal eine ganz andere Hausnummer gewesen wäre. Deshalb denke ich, je früher desto besser. Aber ich weiß auch, dass das leicht dahergesagt ist und wenn es so einfach wäre, dann hätten wir wohl nicht die Zustand, dass die größte Teil der Alkoholiker erst gar nicht aus seiner Sucht aussteigt bzw. aussteigen kann. Wovon ich aber auch überzeugt bin: Jeder kann es schaffen, wenn er es nur aus seinem tiefsen Inneren heraus möchte und jeder Ausstieg lohnt sich mehr als man beschreiben kann, egal zu welchem Zeitpunkt.

    Ich will es jetzt mal dabei belassen. Ich wollte Dir einfach mal signalisieren, dass Du nicht allein unterwegs bist, das hier Menschen sind, die auch schon durch sehr dunkle Zeiten und sehr tiefe Tälter gegangen sind. Wenn Du Fragen hast, dann stelle sie einfach. Ich will versuchen sie aus meiner Sicht zu beantworten, wenn ich mich dazu in der Lage fühle. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn Du Dich hier wohl fühlen würdest, vielleicht wieder ein wenig an Zuversicht und Mut gewinnen könntest und den Kampf aufnimmst. Wie Du ja sicher schon mitbekommen hast, sind hier im Forum Menschen, die allerei Schlimmes erlebt haben (und auch Schlimmes zu verantworten haben). Und die trotz teils vermeintlich aussichtsloser Lage den Weg heraus gegangen sind. Vielleicht kannst Du von diesen Erfahrungen profitieren und Deinen Weg finden. Ich wünsche es Dir jedenfalls!

    Alles Gute und einen guten Austausch hier im Forum!

    LG
    gerchla

    Hallo Marietta,

    das Lesen Deiner Zeilen lässt mich jetzt tatsächlich ein wenig verwirrt zurück. Oder nein, das ist das falsche Wort. Irritiert passt besser.

    Ich stelle mir tatsächlich auch gerade die Frage, welche Bedeutung die Sucht Deines Mannes für Eure Beziehung eigentlch hat. Ich stelle mir auch gerade die Frage, wie sehr Dich die Sucht Deines Mannes eigentlich belastet. Tatsächlich habe ich mir das nach Deinem ersten Post so noch nicht gedacht. Da dachte ich mir, dass Du schon ziemlich viel hinter Dir hast und das Maß jetzt voll ist. Du also wirklich an dem Punkt bist, wo Du definitiv so nicht mehr weiter leben möchtest. Und dass Du eben durch die Sucht Deines Mannes derart viel hast erleben und erleiden müssen, dass Du Dir nicht sicher bist, ob Du überhaupt noch mit ihm zusammen leben möchtest.

    Jetzt kommt es mir so vor, als wolltest Du abwägen, was schlimmer für Dich ist. Also eine Trennung um dann als verhärmte, mittellose, arme Alleinerziehende zu leben oder aber doch bei ihm zu bleiben. Das irritiert mich tatsächlich sehr, das muss ich ganz ehrlich sagen. In den meisten Lebensgeschichten von Partnerinnen trinkender (Ehe-)Männer die ich kenne, ist wirklich ALLES besser als beim saufenden Mann zu bleiben. Und diese Erkenntnis hatten diese Betroffenen auch, denn das war für die meisten auch einer der wichtigsten Gründe sich überhaupt trennen zu können. Oft spielt hier eben auch eine Co-Abhängigkeit eine große Rolle.

    Und irgendwie finde ich es auch schade, dass Du bei Alleinerziehenden so eine Schublade auf machst. Meine erste Frau ist auch alleinerziehend. Aber ich möchte jetzt mal sagen, dass sie weder verhärmt, noch freudlos und auch nicht mittellos ist. Und einsam ist sie auch nicht. Klar ist das sicher nicht das, was man sich als Frau (oder auch Mann) wünscht. Und ganz klar, dass man sich klassischerweise seine Zukunft anders vorgestellt hat. Das habe ich auch, ich hätte nie gedacht das ich mich mal von meiner Frau trennen werde, als wir damals geheiratet haben. Wir haben ja nicht aus Spaß geheiratet oder weil wir "mussten" sondern weil wir uns liebten und unsere Zukunft zusammen gestalten wollten.

    Aber das Leben ist eben das Leben und es können Dinge passieren, die alles verändern. Wie beispielsweise eine Suchterkrankung des Partners und eine damit verbundene Veränderung dieses Menschen. Ich verstehe Deine Aussage bezüglich "ich bin Christin" auch nicht wirklich. Heisst das, wenn Du keine Christin wärst und Du Dir einen neuen Partner "suchen könntest", dann fiele Dir die Entscheidung leichter? Oder dann würdest Du Dich sofort trennen. Und das kannst oder willst Du jetzt nicht, weil Du dann alleine Leben müsstest? So könnte man das lesen.

    Bitte verstehe mich nicht falsch, ich will Dich keinesfalls angreifen. Und ich gehöre jetzt auch nicht zu den Menschen, die über den christlichen Glauben schlecht reden und diesen in die übliche Schublade packen. Im Gegenteil, durch meinen Suchtausstieg und der wichtigen Rolle, die ein Mönch dabei für mich gespielt hat, bin dem Glauben wieder ein Stückchen näher gekommen und denke hier sehr differenziert. Und ich repektiere selbstverständlich auch Glaubensrichtungen dann, wenn sie nicht meiner Einstellung entsprechen und zwar so lange, wie dieser Glaube nicht extremistisch ist und/oder andere verletzt. Ich bin mir nur gerade nicht ganz im Klaren darüber, welche Rolle Dein Glaube für Dich in Bezug auf Deine Beziehung eigentlich spielt. Und welche Bedeutung in dieser ganzen Konstellation dann die Sucht Deines Mannes eigentlich noch hat. Und da wir hier ja ein Forum mit dem Thema "Alkoholsucht" sind, ist das eigentlich entscheidend.

    Du hast auch hervorgehoben, dass Dein Mann zwar verbal agressiv wird, jedoch nicht tätlich. Das liest sich für mich so wie: so schlimm ist es ja auch wieder nicht, er schlägt mich ja nicht. Meine Frau sagte damals zu mir, ihr wäre es lieber gewesen ich hätte sie geschlagen statt sie derart seelisch zu verletzen. Das hätte sie aus ihrer Sicht leichter verkraftet und verarbeitet.

    Ich denke das es wichtig für Dich wäre, Dir wirklich ganz klar zu machen, was Du eigentlich möchtest. Zu wissen, wo Du eigentlich stehst. Dir auch zu überlegen, was Du eigentlich von Deinem Leben noch erwartest, welche Ziele Du noch hast und ob Dir die Verwirklichung Deiner Ziele an der Seite Deines Mannes vorstellen kannst oder nicht. Und vielleicht auch, inwieweit Dein Glaube das dann alles auch zulässt.

    Und dazu:

    Zitat

    In Selbsthilfegruppen kann ich mit dem esoterischen Beiklang oder der Positiven Denkerei auch nichts anfangen.


    Was den esoterischen Beiklang betrifft, so muss ich sagen, dass ich selbst nur eine SHG besucht habe. Und zwar eine Gruppe der AA, welchen ja oft ein religiöser Touch nachgesagt wird. Das ist aber wohl nicht das was Du meinst, denn das sollte ja eher Deinem Glauben entsprechen. Jedoch darf ich sagen, dass meine AA Gruppe vollkommen neutral war. Religion spielte also keine Rolle und und Esoterik schon gar nicht. Wir waren einfach Betroffene, die sich eben im Format der AA (Monologgruppe) ausgetauscht haben. Und ja, natürlich gab es da diesen berühmten Vers, der bei jeder Sitzung aufgesagt wurde. Aber das würde ich jetzt keinesfalls als Esoterik bezeichnen sondern es war einfach das Bekenntnis, dass man vor seiner Krankheit kapituliert hat. Ich weiß nicht in wie vielen SHG Du gewesen bist, mir sind aber auch aus Erzählungen anderer Alkoholiker keine Geschichten über esoterische SHG untergekommen. Was nicht heißt, dass es die überhaupt nicht gibt, aber die Regel ist es, denke ich, nicht.

    Was mich jetzt aber wirklich erneut irritiert ist Deine Aussage, dass Du mit positivem Denken nichts anfangen kannst. Warum dann das bitte? Was stört Dich denn an positivem Denken? Willst Du lieber in destruktive Gedanken verfallen und still vor Dich hin leiden? Ich frage das, weil ich das nicht verstehe. Deine Aussage bezüglich Alleinerziehender zeigt, wie ich finde, ja schon ein wenig, dass Du eher mal so die düstere Zukunft im Kopf hast. Wie wäre es denn statt dessen mit: Ich schaffe das zusammen mit meinem Kind, wir holen uns unser Leben zurück, wir werden gemeinsam wieder glücklich werden - so in diese Richtung wäre deutlich besser als nur Negatives anzunehmen.

    Ich möchte hier mal wieder einen Bezug zu meiiner Situation herstellen. Denn als ich noch trank, dachte ich auch nur negativ. D. h. wenn ich wirklich mal kurz genau mein ideales Level hatte, dann bildete ich mir mein, alles wird irgendwie gut. Und genau deshalb trank ich dann ja letztlich auch immer wieder. Aber meine Grundgedanken meine Zukunft betreffend waren tiefschwarz. Und genau deshalb konnte ich mir auch nicht vorstellen mit dem Trinken aufzuhören. Denn es hatte je eh alles keinen Sinn mehr, es war ja eh schon viel zu viel kaputt und lieber trink ich mir meine Welt wenigsten ab und zu mal für kurze Zeit schön als dass ich dauerhaft in diese dunkle Zukunft entschwinde, die mir nach meiner Denke ja definitiv bevorstand, wenn ich mich oute und reinen Tisch mache.

    Tja, erst als es so weit war, erst als ich sagte: Nein, es wir keine dunkle Zukunft sein, ich will mein Leben zurück und ich hole es mir zurück, da konnte ich es schaffen der Sucht den Rücken zu kehren. Also erst, als ich begann positiv zu denken. Das waren, das sage ich ehrlich, bei mir am Anfang nicht die Gedanken "ich höre jetzt zum Trinken auf und alles wird toll werden". Aber es waren die Gedanken "es kann nur besser werden und es wird besser werden und irgendwann werde ich wieder glücklich werden, weil ich nie mehr trinken will". Es war ja damals eine spontane, ungeplante Entscheidung meinerseits jetzt reinen Tisch zu machen. Aber es waren genau diese Gedanken: Es reicht, es kann nur besser werden, ich will es schaffen und ich werde es schaffen und ich will wieder glücklich werden. Und bereits nach kurzer Zeit ohne Alkohol begann mein Hirn nach und nach, ganz langsam, immer mehr positive Gedanken zu entwickeln. Das musste ich teilweise lernen und richtig trainieren. Aber das funktionierte. Für mich eine der Grundlagen für mein zufriedenes ich möchte sogar sagen, glückliches Leben.

    Und was Deinen Urlaub und die Fähigkeit Deines Mannes bezüglich der Betreuung Deines Kindes betrifft: Wer, wenn nicht Du, kann einschätzen ob Dein Mann dazu in der Lage ist? Diese Einschätzung und auch die daraus folgenden Entscheidungen / Konsequenzen kannst nur Du treffen.

    Wie gesagt, Deine Zeilen lassen mich einigermaßen irritiert zurück. Ich sage ehrlich, dass ich nicht genau einschätzen kann, wo Du jetzt eigentlich genau stehst und wie wir Dir hier im Forum überhaupt helfen können. Ich möchte aber auch eines noch sagen: Möglicherweise habe ich auch einiges von dem was Du geschrieben hast falsch intepretiert, das weiß ich natürlich nicht. In diesem Fall würde ich mich freuen, wenn Du mir/uns das mitteilst. Ansonsten hoffe ich, dass bei dem was ich Dir geschrieben habe etwas für Dich dabei ist, das Dir für Deine Entscheidungsfindung hilfreich ist.

    Ich wünche Dir ein schönes Osterfest!

    LG
    gerchla

    Hallo Marietta,

    ich wollte Dir kurz ein paar Gedanken von mir, die mir beim Lesen Deines Textes kamen, hier lassen.

    Ich selbst bin dreifacher Papa, werde bald 50 Jahre alt und bin Alkoholiker. Ich trinke jetzt schon längere Zeit keinen Alkohol mehr.

    Dietmar hat Dir ja bereits einige, wie ich meine, sehr gute Denkanstösse geben, die Dir bei der Entscheidungfindung bezüglich einer Weiterführung Deiner Partnerschaft sicher sehr hilfreich sein können.

    Mir scheint, dass Du einen bestimmten Punkt, an dem sehr viele Partner / Angehörige von trinkenden Alkoholikern oft sehr lange verharren, bereits überwunden hast. Das ist der Punkt, wo sich Betroffene fast ausschließlich darauf fokussieren, die Sucht ihres Partners irgendwie in den Griff bekommen zu wollen. Das ist der Punkt, wo Angehörige quasi alles versuchen um ihren trinkenden Partner von der Sucht weg zu bringen. Das ganze Programm eben, dass Du sicher auch schon durch hast. Hoffen, drohen, in die SHG schleppen, reden, wieder vertrauen, wieder enttäuscht werden, sich selbst die Schuld geben, versuchen ihm keinen Grund zum Trinken zu liefern, usw.

    Bei Dir liest sich das so, dass das Fass jetzt tatsächlich voll ist. Und wenn Du schreibst, dass Du nicht weißt, ob Du ihn überhaupt noch haben willst, dann sagt das sehr viel aus. Denn es bedeutet ja das Du gerade daran zweifelst, dass Du mit ihm Dein Leben weiter verbringen möchtest. Auch dann, wenn er jetzt trocken werden würde. Was ja eigentlich, so vermute ich, die letzten Jahre einer Deiner größten Wünsche gewesen sein wird. Also das er zum Trinken aufhört. Und jetzt bist Du aber offenbar an einem Punkt, wo Du darüber nachdenkst, ob Du ihn überhaupt noch als Partner haben möchtest.

    Ich erzähle Dir jetzt von mir, von der anderen Seite. Ich trank sehr viel. Ich hatte damals 2 Kinder, meine Tochter etwa im Alter Deines Sohnes, mein großer schon etwas älter. Ich trank heimlich und im Laufe der Zeit (etwa 10 Jahre) entfremdete ich mich mehr und mehr von meiner Frau. Was die logische Konsequenz aus meiner Suchterkrankung war. Die ersten paar Jahre meiner Sucht waren noch kaum wahrnehmbar, hatten auch noch wenig Einfluss auf meine Ehe und mein sonstiges soziales Leben. Mit steigenden Konsum veränderte ich mich aber immer mehr, glitt immer mehr in meine eigene Scheinwelt ab, so dass ich zum Schluss hin (ich sage mal: die letzten 2 - 3 Jahre) mehr oder weniger isoliert in meiner Familie lebte. Isoliert im Sinne von sozial /emotional isoliert. Selbstverständlich versuchte meine Frau alles um unsere Ehe irgendwie zu retten. Da sie aber ja nicht mal genau wusste woher mein verändertes Wesen rührte, hatte sie kaum Ansatzpunkte.

    Als dann der Tag x bei mir kam und ich mich outete und seit dem ich auch ohne Alkohol lebe, stand ich vor den Trümmern meines bisherigen Lebens. Und ganz nebenbei erwähnt: Meine Frau und meine Kinder standen ebenfalls vor einem Trümmerhaufen, nur das sie für diese Tragödie noch nicht mal was konnten. Sie waren das Opfer meiner Sucht/meines Verhaltens geworden und ich hatte ihr bis dato wenigstens noch einigermaßen heiles Leben zerstört und all ihre Zukunftspläne innerhalb kürzester Zeit zerstört. Das Urvertrauen meiner Kinder habe ich ebenfalls meiner Sucht zum Fraß vorgeworfen.

    Nun stand ich also da, erstmals seit Jahren wieder komplett nüchtern jedoch noch lange nicht trocken und wusste nicht so recht wie es weiter gehen sollte. Ich wusste nur, dass ich nie wieder trinken wollte. Meine damalige Frau wollte unserer Beziehung trotz meiner kaum zu verzeihenden Vertrauensbrüche (Lügerein, Betrügereien, etc.) noch eine Chance geben. Auch unserer Kinder zuliebe. Und natürlich nur, wenn ich nicht mehr trinke und auch entsprechende Maßnahmen ergreife um das auch zu schaffen.
    Und ich stand plötzlich da und dachte mir: Kann ich mir überhaupt vorstellen mit dieser Frau mein weiteres (restliches) Leben zu verbringen? Will ich weiterhin mit ihr leben? Wären es nicht meine Kinder, deren zuliebe ich bei ihr bleiben würde? Und welche Rolle hatte sie eigentlich bezüglich meiner Sucht? Werde ich mit ihr als Partnerin dauerhauft abstinent leben können? Letzteres hat nichts damit zu tun, dass meine Frau mich zum Trinken animiert hätte oder so. Im Gegenteil, sie selbst trank kaum. Hier ging es nur um meine Gefühlswelt. Und zu guter Letzt dann die alles entscheidende Frage: Liebe ich meine Frau (noch)?

    Ich habe mir diese Fragen beantwortet und mich getrennt, kurz nachdem ich mit dem Trinken aufgehört hatte. Die erste Monate waren die Hölle. Die Trennung von meinen Kindern war beinahe unerträglich für mich. Dazu die Schuldgefühle, die ich sowohl meiner Frau als auch meinen Kindern gegenüber hatte. Es war nur schwer auszuhalten. Vielleicht wäre es erst mal der einfachere Weg gewesen, zu bleiben, abzuwarten, mal zu schauen, ihr/uns eine Chance zu geben. Ich schloss diesen Weg aber aus, weil ich wusste, dass ich auf eine längere Zeit gesehen nicht glücklich werden konnte. Und da ich nun mal Alkoholiker bin wäre die Konsequenz für mich gewesen, dass ich irgendwann wieder getrunken hätte. Und das wäre für alle Beteiligten wohl das mit Abstand schlimmste gewesen was passieren hätte können.

    Ich wollte Dir das schreiben. Ich stand zwar genau auf der anderen Seite, jedoch vor einer ähnlichen Entscheidung wie Du jetzt. Ich habe mich damals so entschieden, weil ich keine Liebe mehr für meine Frau empfunden habe und auch keine Perspektive mehr sah. Ich sah keine Chance, dass diese wieder wachsen könnte. Ich hatte ihr gegenüber nur noch zwei Gefühle: Nämlich ein tiefes Gefühl der eigenen Schuld und ein tiefes Gefühl des Mitleids ihr gegenüber. All meine anderen Gefühle bezogen sich auf meine Kinder, besonders das Gefühl einer tiefen Liebe. Das war für mich keine Basis für ein weiteres gemeinsames Leben.

    Vielleicht kannst Du da was für Dich heraus ziehen, etwas das Dir hilft Deine Entscheidungen zu treffen. Ich wünsche Dir viel Kraft, Mut und einen hilfreichen Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo Nicole,

    eigentlich wollte ich jetzt weiter zu Deinem Thread nichts schreiben, denn ich finde Du hast bereits sehr qualifizierte Antworten erhalten. Ich hätte Dir inhaltlich nichts neues schreiben können.

    Nun bin ich aber doch über eine Aussage von Dir gestolpert, wo ich Dir gerne meine Gedanken dazu schreiben möchte. Nämlich hierzu:

    Zitat

    Was wenn sie eine andere Krankheit hätte? Dann würde ich Ihr doch auch helfen, oder nicht?

    Mit dieser Aussage oder Denkweise setzt Du Dich ja sozusagen selbst unter Druck, Du verpasst Dir damit selbst ein schlechtes Gewissen. Natürlich kann man so denken oder so argumentieren, ich finde es aber nicht richtig.

    Aber schau mal: Deine Mutter leidet unter einer Krankheit deren Heilung (bzw. Stillstand der selbigen) sie selbst in der Hand hat. Mehr noch, nur sie selbst kann die entsprechenden Schritte und Maßnahmen ergreifen um diese Krankheit bekämpfen und besiegen zu können. Sie allein hat es also in ihrer eigenen Hand dafür zu sorgen, dass diese Krankheit "verschwindet". Und es ist keinesfalls ein aussichtloses Unterfangen, nein. Zahlreiche Beispiele, wie Du hier im Forum und auch anderswo nachlesen kannst, zeigen das es funktionieren kann und dass man dabei sehr viel und hochqualifizierte Hilfsangebote nutzen kann. Entscheidend: Der Kranke, der Betroffene, der muss es selbst wollen.

    So und jetzt mehmen wir mal eine andere Krankheit, den Krebs zum Beispiel: Hier hat der Betroffene erst mal gar nichts mehr in der eigenen Hand. Hier ist erst mal entscheidend, wie die Diagnose genau aussfällt, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist und daraus ergibt sich die Chance einer Heilung oder aber auch nicht. Und hier reicht es nicht aus, dass der Krebspatient das will, also wieder gesund werden will, sondern hier ist er definitiv (ob es ihm passt oder nicht) auf Hilfe angewiesen. Ob es nun eine OP ist, eine Bestrahlung, Chemotherapie oder eine Kombination aus allem. Der Kranke hat es nicht mehr selbst in der Hand, sein Leben oder seine Genesung ist von anderen Faktoren abhängig.

    Ich übertreibe jetzt vielleicht ein wenig wenn ich sage: In welch luxuriöser Situation ist da eigentlich der nasse Alkoholiker, der zwar unter einer sehr schlimmen Suchterkrankung leidet, diese jedoch aus eigenem Willen und Antrieb überwinden könnte? Im Vergleich z. B. zu einem Krebspatienten?

    Verstehst Du was ich Dir damit sagen möchte? Du machst Dir Vorwürfe weil Du sie mit ihrer Krankheit alleine lässt, was Du doch nie tun würdest wenn sie z. B. unter Krebs leiden würde. Aber Du darfst eben nicht vergessen, dass diese Krankheit, diese Sucht allein in ihrer Verantwortung liegt und sie alleine diese auch überwinden könnte. Wenn sie das möchte.

    Das waren meine Gedanken, die ich Dir mitteilen wollte.

    Ich wünsche Dir nur das allerbeste und hoffe sehr, dass Du einen für Dich guten Weg bezüglich des Umgangs mit Deiner Mutter finden wirst.

    LG
    gerchla

    Hallo Charlotte,

    bist Du noch hier im Forum unterwegs? Ich deute Deinen Post mal so, dass der Suchtdruck die Oberhand gewonnen hat. Irre ich mich?

    Schreib' uns doch einfach mal wie es Dir gerade geht, worum sich Deine Gedanken drehen, was Dich gerade bewegt. Vielleicht können wir Dir helfen.

    LG
    gerchla

    Das erinnert mich dran, wie ich mal in einem Coaching eine kurze spontane Rede simmulieren sollte und damit begann: ich möchte sie alle hier herzlich zu unserer xy begrüßen...

    Daraufhin unterbrach mich der Coach und sagte: Sie möchten? Warum tun sie es dann nicht? Ich darauf: Na mach' ich doch! Er: dann müssen sie sagen "ich begrüße sie alle herzlich zu unserer xy".

    Die Sprache ist oft entscheidend, wie man Gegenüber wahr nimmt. Steht hier ein selbstbewuster, zielstrebiger Mensch vor mir oder jemand der (aufgrund seiner Sprache) unsicher wirkt? Habe ich es mit einem klaren, strukturierten Menschen zu tun oder signalsiert mir seine Sprache, dass er unsortiert ist und rumeiert. Oder eben aber, wie Dietmar es schreibt, ist da jemand, der klar Stellung bezieht und eine (seine) Meinung vertritt oder handelt es sich um jemanden, der lieber unverbindlich bleibt und sich ein paar Türchen offen halten möchte.

    Hallo Charly,

    nachdem jetzt sich jetzt ein längerer Text vom mir an Dich eben ins Nirvana verabschiedet hat will ich nur noch mal ganz kurz folgendes schreiben:

    Wo Du gerade stehst, also bezogen auf eine Alkoholsucht, kann Dir wahrscheinlich keiner genau sagen. Du hast ein großes Problem, das ist sicher. Du würdest Dir anderfalls wohl auch nicht solche Gedanken über Deinen Konsum machen.

    Du bist (noch) an eine Punkt, wo Du Dir nicht vorstellen kannst ohne Alkohol zu leben. Dein Argument ist der Genuss, der Geschmack, der Dir durch ein Leben ohne Alkohol verloren gehen würde. Andereiseits bemerkst Du aber auch schon die unschönen Nebenwirkungen, die ein zu hoher Alkoholkonsum mit sich führt. Aber Du bist noch in der Lage Dir das schön zu reden bzw. es irgendwie passend machen zu wollen.

    Ich kenne das, ich tat das auch. Wenngleich meine Argumente mir gegenüber andere waren als Deine. Aber diese Denke ist ziemlich normal auf dem Weg in eine Sucht.

    Ob Du jetzt bereits süchtig bist oder eben noch nicht, ich weiß es natürlich nicht. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass kontrolliertes Trinken, was Du ja sehr gerne möchtest (ich wollte das übrigens auch und habe es mehrmals versucht) nicht mehr funktioniert wenn man bereits süchtig ist. Da kann es mal eine Zeit lang gut gehen, auf Dauer jedoch funktiort es wohl nicht mehr. Falls Du aber noch nicht süchtig sein solltest, könnte es ein Weg zurück zu einem moderaten Trinkverhalten sein. In wieweit Du das jedoch einfach so "nebenbei" hinbekommst oder ob Du dazu nicht besser an einem richtigen Programm für KT teilnehmen solltest, bleibt natürlich Dir überlassen.

    Was Du auch mal ausprobieren könntest wäre ein längerer kompletter Verzicht auf Alkohol, jedoch ohne den Anspruch nie mehr trinken zu wollen, denn das kannst Du Dir ja nicht vorstellen. Vielleicht versuchst Du mal einen richtig langen Zeitraum von, sagen wir mal 3 Monaten oder warum nicht sogar 6 Monaten komplett ohne Alkohol zu verbringen. Danach kannst Du ja wieder trinken, ganz wie Du das möchtest. Und dann schaust Du mal, was da so abgeht bei Dir / in Dir / mit Dir.

    Wenn Du das ohne Probleme hinbekommst dann könnte das ein Zeichen dafür sein, dass Du noch nicht süchtig bist. Wenn es Dir aber schwer fällt, Du kämpfen muss, Du ein permanentes Gefühl des Verzichts empfindest, dann könnte das ein Zeichen für eine Sucht sein. Wenn Du es erst gar nicht schaffst, dann sowieso. Ein Mensch, der kein Alkoholproblem hat kann ohne weiteres und ohne groß Gedanken daran zu verschwenden mal ein paar Monate keinen Alkohol trinken.

    Und ich denke Du solltest Dir darüber im Klaren sein, dass Du selbst wenn Du noch nicht süchtig sein solltest, große Erfahrung mit der Wirkung des Alkohols hast. Du weißt wie das Zeug funktioniert und wann und wozu man es am besten einsetzen kann. Und das wirst Du auch nie mehr vergessen. D. h. eine Gefährdung vor allem in stressigen, in sehr schwierigen Lebenssituationen auf die Wirkung des Alkohols zurück zu greifen ist bei jemanden der lange Jahre Missbrauch betrieben hat m.E. immer höher als bei jemanden der nie ein Problem mit Alkohol hatte. Selbstverständlich können auch sehr positive und glückliche Momente den dringenden Wunsch nach Alkohol auslösen, z.B. wenn etwas ganz großes ganz positiv abgeschlossen wurde (man sozusagen einen Grund zum Feiern hat) und man sich dann mit einem guten Glas Wein belohnen möchte. Je nachdem wie Du das Zeug eben vorher "eingesetzt" hast. Sei sicher, Dein Hirn hat das abgespeichert. Wachsam wirst Du also immer sein müssen.

    Alles Gute und ich wünsche Dir, dass Du Dir Klarheit verschaffen kannst.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Christin,

    das ist eine sehr gute Entscheidung zur SHG für Angehörige zu gehen! Bei mir waren es damals übrigens auch die AA, zu denen ich gleich am ersten Tag nach Beendigung meines Alkoholkonsums gegangen bin. Ich war natürlich nicht bei den Angehörigen, das Prinzip ist ja aber das gleiche. Du kommst mit Menschen zusammen die ähnliche Probleme haben wie Du. Wahrscheinlich wirst Du genau wie ich merken: Schlimmer geht immer! Wenn Du die Geschichten der anderen Betroffenen hörst. Jedenfalls sind das Menschen, die ganz genau wissen wovon Du sprichst. Mir hat das damals unheimlich geholfen.

    Ich hatte damals ja diverse für mich sehr große Probleme, scheinbar unüberwindbar. Natürlich erst mal die Tatsache, das ich nichts mehr trinken wollte und ich ja nicht wusste, wie das jetzt genau läuft oder funktionieren soll. Dann aber auch vom ersten Tag an extreme Schuldgefühle meiner Familie gegenüber. Die hätten mich fast erdrückt. Ich wusste damals schon, dass ich dieses Problem mit Hilfe eines Psychologen lösen muss weil ich es allein nicht schaffen würde. Jedoch musste ich 7 Wochen auf meinen ersten Termin warten. In dieser Zeit war ich fast täglich in meiner SHG (wir hatten glücklicherweise ein tägliches Angebot), da habe ich mich viel Austauschen können und auch von anderen erfahren, wie sie damit umgehen /umgingen. Und ich merkte eben: da sind Menschen, denen erging es noch viel schlimmer als mir. Und diese Menschen haben es auch geschafft, dann will ich es auch schaffen.

    Auf Deine Frage ob Du es ihm sagen sollst: Tja, ich bin (seit ich nicht mehr trinke) jemand, der immer auf Ehrlichkeit setzt. Sicherlich darfst Du dann eine Reaktion von ihm erwarten. Aber das ist halt so und er wird Dir vielleicht erklären, dass Du xyz bist. Aber Du kannst ja auch nicht auf Dauer heimlich zur Gruppe gehen, das bringt ja nichts. Insofern, warum sollte er nicht wissen, dass Du Dir Hilfe suchst und dass Du die ganze Angelegenheit so nicht weiter tolerieren willst? Vielleicht löst es ja was in ihm aus, im Sinne von ernsthaft über sich selbst nachdenken. Passiert manchmal, aber ich will Dir nicht zu viel Hoffnung machen. Es kann auch einfach zu Beschimpfungen etc. führen, ist die wahrscheinlichere Variante. Ich weiß ja nicht, wie Dein Mann sonst so tickt. Du wirst es wissen und soltest Dich darauf einstellen.

    Das er schon getrunken hat als Du ihn kennengelernt hast, ich habe mir das fast gedacht. Normalerweise kommt man auf so ein Trink-Level nicht von heute auf morgen. Gibt natürlich auch Fälle wo es ziemlich schnell mit dem Steigern der Trinkmengen geht, aber meist geht das schleichend. Insofern erinnert er mich da nun wieder an mich. Leider deutet das nun auch tatsächlich darauf hin, dass er wohl keinen Missbrauch mehr betreibt sondern längst ganz tief in der Sucht hängt. Aber ich denke das war eigentlich schon klar, so wie Du sein Verhalten beschrieben hattest.

    Also, ich denke Du machst das jetzt genau richtig. Du suchst Dir Hilfe! Perfekt. Ich würde mich freuen, wenn Du Deine Erfahrungen hier weiter teilen würdest, natürlich nur wenn Du möchtest. Dann können wir Dich noch ein Stück Deines Weges begleiten.

    Alles Gute für Dich und Deine Kinder.
    LG
    gerchla

    Hallo Familie2011,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Bevor ich Dir meine Gedanken schreibe stelle ich mich erst mal kurz vor:

    Ich werde bald 50 Jahre alt, bin Papa von 3 Kindern, Alkoholiker und trinke jetzt schon längere Zeit keinen Alkohol mehr.

    Jetzt mal meine Gedanken zu Deinem Post:

    Eine sehr schwierige Situation in der Du da steckst. Du deutest ja an, dass Du darüber nachdenkst ihn zu verlassen, ich vermute aber mal, dass es Dir wesentlich lieber wäre, wenn Eure Beziehung irgendwie zu retten wäre. Weißt Du, früher hatte ich Dir jetzt sofort geschrieben: Nimm die Füße in die Hand und laufe so schnell Du kannst. Verlasse ihn, mit einem nassen Alkoholiker kann man keine Beziehung (auf Augenhöhe) führen. Letzteres sehe ich heute noch genauso. Was das Verlassen betrifft, so denke ich heute, nachdem ich viele Lebensgeschichten gelesen und und mich mit anderen Sichtweisen beschäftigt habe, dass es sich manchmal auch lohnen kann um eine Beziehung zu kämpfen. Der Grad ist aber sehr schmal und die Gefahr, dass man als Angehöriger dabei mit unter geht, vielleicht in eine Co-Abhängigkeit rutscht, ist leider groß. Somit kannst eigentlich nur Du ganz alleine entscheiden, ob Du für diese Beziehung noch kämpfen möchtest oder nicht.

    Nun schreibst Du aber ja auch, dass Du mit Deinen Kräften am Ende bist. Das sehe ich als Zeichen dafür, dass Du bereits einiges versucht hast. Ich nehme auch mal an, dass Du ihn nicht nur dieses eine mal angsprochen hast, sondern dass Du ihn im Laufe seiner "Alkoholikerkarriere" schon mehrmals mit seiner Sucht konfrontiert hast. Die von Dir beschriebene Reaktion ist eine, wie ich finde, recht typische. Der Stress ist schuld (wahlweise gäbe es hierfür zahlreiche Alternativen) und ein Problem hat er natürlich nicht und mit jemanden reden will er schon mal gar nicht. Warum auch, eigentlich ist ja alles ok nur Du machst aus einer Mücke einen Elefanten.

    Das ist alles "normal", was Du da als Reaktionen von ihm bekommen hast. Also aus seiner nassen Alkoholikersicht. Die Frage ist also, in wieweit Du noch einen Sinn darin siehst, diese Beziehung weiter zu führen. Ich möchte Dich diesbezüglich auf das CRAFT (Community Reinforcement and Family Training) Programm hinweisen, das speziell für Anhörige von Suchtkranken entwickelt wurde die selbst eine Behandlung ablehnen. Ich möchte Dir aber auch ganz offen sagen, dass ich selbst damit keinerlei Erfahrung habe und Dir deshalb keine tieferen Informationen dazu geben kann. Du kannst es ja mal googeln, man findet im Netz darüber einiges an Information. Das wollte ich Dir jetzt auf jeden Fall mal mitteilen, bevor ich jetzt mal weiter meine Gedanken schreibe.

    Ich will mal von mir erzählen, vielleicht hilft Dir das ein wenig bei Deiner Entscheidungsfindung. Als ich das Trinkniveau Deines Mannes hatte, war bei mir eigentlich die Welt fast noch in Ordnung. Da hatte ich alles noch recht gut im Griff. Ich muss Dir allerdings auch sagen, dass ich fast meine ganze Trinkerzeit ein heimlicher Trinker war. Leider wohl auch ein sehr guter, denn meine Frau erfuhr von meiner Sucht erst als ich es ihr bei meinem Ausstieg erzählt habe. Natürlich war unsere Ehe, genau wie bei Dir, enorm belastet, unsere beiden Kinder litten ebenfalls mit und letztlich fuhr ich die Ehe dann auch an die Wand. Jedoch wusste meine Frau eben nicht, warum das so war und warum ich mich so verändert habe und immer weiter veränderte. Zum Negativen, das brauche ich wahrscheinlich nicht erwähnen.

    Also, jedenfalls in der Liga 4 -6 Biere pro Tag, auch mal 7, auch mal etwas Wein, war ich mehrere Jahre unterwegs. Das war zwar schon ein recht hoher Konsum, aber noch lange nicht das Ende. Das wusste ich damals natürlich nicht und ich hatte, wie schon erwähnt, hier noch alles einigermaßen im Griff. Körperliche Probleme hatte ich noch keine, auch sah man mir meinen Konsum noch nicht an (ich wurde später recht übergewichtig). Ich hatte aber noch keine so großen Probleme mein Trinken weiterhin geheim zu halten und ich trank auch noch nicht morgens. Trotzdem wusste ich GANZ GENAU, dass ich ein Riesenproblem hatte. Ich denke, das weiß Dein Mann eigentlich auch. Aber ich redete mir ein, es schon irgendwie wieder in den Griff zu bekommen. Tatsächlich machte ich immer wieder an ganz bestimmten Situationen oder Ereignissen fest.

    Also, wenn dieses oder jenes vorbei ist, dann reduziere ich wieder. Oder: wenn ich das geschafft, hinter mir habe, dann höre ich auf, usw. und so fort. Erinnert mich stark an das was Dein Mann bezüglich Stress erzählt hat. Natürlich habe ich nach dem Eintreten dieser Ereignisse nie mit dem Trinken aufgehört. Wenn es etwas schlimmes war, das vorbei war, dann habe ich weitergetrunken weil ich ja jetzt erst mal einen Grund "zum Feiern", zum gut drauf sein hatte. Und wenn ein Ereignis zwar vorbei war, jedoch es nicht so gut gelaufen war, dann trank ich, weil es nicht gut gelaufen ist. Usw. usf. - Alles heimlich wohlgemerkt, alles spielte sich in meinem Kopf ab. Im Kopf eines nassen Alkoholikers, dessen Welt und Wahrnehmung mit zunehmender Dauer seiner Sucht immer surrealer wird.

    Ich denke so wird es auch bei Deinem Mann sein. Du kannst seine Denke mit der Deinen keinefalls vergleichen. Ich weiß ja jetzt nicht genau wie lange er schon trinkt (wie lange eigentlich?), aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es je länger es dauert, desto abstrakter wird die eigene Denke. Irgendwann lebte ich in einer Parallelwelt aber ich merkte es nicht mal. Lügen und Betrügen sind dann, waren zumindest bei mir, an der Tagesordnung. Denn anders hätte ich diese Welt ja gar nicht aufrecht erhalten können. Und das wollte ich aber um jeden Preis, denn ich konnte mir nicht vorstellen wie ich wieder zurück in mein "normales" Leben hätte finden können. Ich hatte mir ja im Laufe meiner Sucht derart viele, größtenteils verheimlichte Probleme und Baustellen angehäuft, dass ich überhaupt keine Weg sah, wie diese hätte beseitigen können. Also trank ich, so konnte ich wenigstens immer mal für ein paar Stunden das Gefühl erzeugen, es würde schon irgendwie wieder alles gut werden.

    Fatal. Aber so funktioniert die Sucht.

    Bei mir ging es dann weiter, immer weiter. Ich trank irgendwann morgens schon, ich steigerte die Menge, trank irgendwann 10 Bier, auch 12, oft auch noch Wein oben drauf. Und begann mich dann fast schlagartig auch körperlich zu verändern. Ich nahm stark zu und meine Gesichtsfarbe ähnelte immer mehr der einer Wasserleiche. Natürlcih wurde ich darauf angesprochen und Du wirst es nicht glauben was ich als Grund angab: Genau, Stress! Und: ich funktionierte bis zum Schluss! Ich hielt die Fassade bis zum Schluss aufrecht, inklusive Job usw.

    Ich denke Du musst damit rechnen, dass es bei Deinem Mann einen ähnlichen Verlauf seiner Krankeit geben könnte, sofern er nichts dagegen unternimmt. Grundsätzlich kann man natürlich nicht sagen, wie die Sucht im Detail weiter verläuft oder fortschreitet, jedoch geht es in der Regel immer weiter bergab. Beim einen schneller, beim andern langsamer. Es gibt auch Menschen die Jahrzehnte lang immer auf gleichen Niveau trinken und nie komplett abstürzen, es gibt auch welche ich die irgendwann einfach aufhören, scheinbar einfach so, aus dem nichts heraus, welche die nach jahrelangem viel zu hohem Konsum gar nicht süchtig waren sondern "nur" Missbrauch betrieben. Jedoch ist es bei der überwältigenden Mehrheit so, dass sie einfach immer tiefer hinein rutschen und irgendwann daran zu Grunde gehen, sofern sie den Ausstieg nicht schaffen. Und leider versucht die große Mehrheit gar nicht ernsthaft den Ausstieg zu schaffen und die, die es versuchen, haben einen langen und oft nicht einfachen Weg vor sich. Ich denke das ist auch das, was Deinen Mann erwartet, wenn er die Kurve nicht bekommt.

    Das sind keine guten Aussichten. Weil es ja leider so ist, dass Du (fast) nichts machen kannst. Was Du tun kannst, ist ihn ansprechen. Das hast Du bereits gemacht. Du kannst Dich mit dem CRAFT-Programm beschäftigen und schauen ob Du hier einen Weg siehst. Ansonsten solltest Du aber, unbedingt auch wegen Deiner Kinder, einen ganz klaren Plan entwickeln wie es mit Dir und Deinen Kindern weiter geht. Ich denke, dass Du Grenzen ziehen müsstest, wo dann ganz klar ist was passiert, wenn diese überschritten werden. Wenn Du ihm Konsequenzen ankündigst, dann solltest Du diese dann auch einhalten bzw. ziehen. Sonst wird er Dich schnell nicht mehr ernst nehmen. Sagst Du ihm also, dass Du ihn verlassen wirst, sofern er sich nicht in Entgiftung und Therapie begibt, dann solltest Du das auch umsetzen, wenn er sich weigert oder Dich hin hält. Ich darf Dir aus eigener Erfahrung sagen, dass es für die Kinder am allerschlimmsten ist und das sie das nicht ohne weiteres wegstecken werden. Bereits jetzt werden es Deine Kinder nicht einfach so wegstecken. Lass nicht zu, dass da noch mehr oben drauf kommt.

    Wir sind mit unserer Tochter (sie war damals im Grundschulalter) zum Kinderpsychologen gegangen. Das war notwendig und wichtig. Mein großer war damals in der Pupertät, aber schon ziemlich reif und ich konnte gut mit ihm reden. Er ist heute ein wunderbarer junger Mann, der seinen Weg bisher prima gegangen ist. Wie es in ihm innen allerdings so ganz genau aussieht, das weiß ich nicht. Bei mir war es dann auch mehr der Schock, die Erkenntnis, dass der eigene Papa ein Alkoholiker ist und dass sich vieles was passiert war jetzt ganz plötzlich erklären ließ. Und natürlich auch, dass der Papa nachdem er trocken war die Mama verlassen hat. Das war schon mehr als hart.

    Das waren jetzt erst mal meine Gedanken. Ich könnte Dir noch ganz viel schreiben, will aber erst mal abwarten ob und was Du antwortest. Vielleicht sind die Dinge bei Dir ja doch ganz anders gelagert. Ich kann das aus den wenigen Zeilen von Dir nicht heraus lesen. Auf jeden Fall wünsche ich Dir ganz viel Kraft und einen guten und hilfreichen Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla