Hallo bennie,
schön, dass Du hier Deinen eigenen Thread aufgemacht hast. Und schön auch, dass Du in dieses Forum gefunden hast und etwas gegen Deinen Alkoholkonsum unternehmen möchtest.
Jetzt stelle ich mich erst mal kurz vor: Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker, Papa von 3 Kindern (letzteres erwähne ich extra, weil Du ja auch in dieser wunderbaren Situation bist
). Ich trnke jetzt schon länger keinen Alkohol mehr und wenn die 77 hinter Deinem Nick Dein Geburtsjahr sein sollte, dann habe ich mich in einem ähnlichen Alter wie Du dazu aufgemacht, meine Sucht zu überwinden.
Jetzt mal eine direkte Frage: Siehst Du Dich selbst als Alkoholiker? Als ich die Beschreibung Deines Trinkverhaltens gelesen habe, da habe ich darüber nachgedacht, wo Du eigentlich stehen könntest. Grundsätzlich, das hast Du vielleicht in anderen Threads hier schon gelesen, ist es nicht (oder zumindest nicht zu 100%) möglich, so aus der Hüfte heraus eine Alkoholsucht zu diagnostizieren. Schon gar nicht so aus der Ferne. Jedoch ist es oft so, dass man aufgrund der Hinweise die man von einem Betroffenen erhält, zu einer Einschätzung kommt. Manchmal sind die Hinweise auf eine Sucht so stark, dass es verwunderlich wäre, wenn der Betroffene nicht süchtig wäre. Manchmal aber kommt man auch zu dem Schluss, dass vielleicht doch "nur" ein Alkoholmissbrauch statt findet oder sagen wir mal besser: das die Hoffnung zumindest besteht, dass es sich nur um Missbrauch dreht und noch nicht um eine bereits manifestierte Sucht.
Nun habe ich mir natürlch die Frage gestellt, wo Du da eigentlich stehen könntest. In Deinen Aussagen finden sich einige Indikatioren für eine Sucht, also z. B. heimliches Trinken aber auch der Druck trinken zu wollen (auch wenn dieser "nur" am Wochenende stark wird, das spielt keine Rolle). Andererseits kannst Du (noch) aufhören, wenn Du das Gefühl hast es ist genug, kommst ohne Not und sogar guten Mutes alkoholfrei durch die Woche, hast in dieser Zeit also keinerlei psychische Entzugserscheinungen. Körperliche hast Du auch keine, aber das kommt i. d. Regel auch immer erst "am Schluss", will sagen: Normal wird man erst mal psychisch abhängig und nach und nach bildet sich dann auch die körperliche Abhängigkeit aus.
Ich weiß nicht, wie weit Du Dich schon eingelesen hast. Die körperliche Abhängigkeit überwindet man idealerweise im Rahmen einer Entgfitung, da ist man dann nach 5 - 10 Tagen i. d. R. durch. Was bleibt ist die psychische Abhängigkeit, ich nenne es mal die eigentliche Sucht. Dein Körper braucht das Zeug dann nicht mehr, Dein Kopf will es aber immernoch unbedingt haben.
Ich finde es übrigens super, wie Du Dich reflektierst, wie Du Dir Gedanken über Dein Trinkverhalten machst und auch, wie Du über Deine Frau sprichst. Für mich ist das eine gute Basis um aus der ganzen Alkoholgeschichte wieder heraus kommen zu können. Dein Umfeld scheint, auf den ersten Blick, zu stimmen oder zumindest scheinst Du nicht zu trinken, weil Du Dein Umfeld nicht ertragen kannst.
Bevor ich Dir "mal einen Vorschlag" mache, will ich Dir noch ein wenig aus meinre Geschichte erzählen.
Ähnlich wie bei Dir, hatte ich auch als Kind ein trinkendes Umfeld um mich. Mein Vater trank und trinkt, wobei ich mir bis jetzt nicht sicher bin, ob er Alkoholiker ist oder einfach nur sein Leben lang Missbrauch betreibt (was jetzt aber auch nicht wichtig ist). Als Kind verbrachte ich viel Zeit bei meinem Opa, den ich sehr liebte, und der war auf jeden Fall Alkoholiker. Und genau wie bei Dir, durfte ich dort schon als kleines Kind "mein Bier" aus kleinen ehemaligen Senfgläsern trinken. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich als Teenager und auch als junger Erwachsener dann fast überhaupt keinen Alkohol mehr trank. Es kam dann erst wieder, als ich eine Familie gegründet hatte, so mit Mitte / Ende 20. Heute sag ich diesbezüglich: gelernt ist eben gelernt! Und so fing ist damals, ohne ersichtliche Not an, "mein" Feierabendbier zu trinken. Das ging alles schön längsam und über einen langen Zeitraum aber irgendwann trank ich dieses dann täglich. Aber wirklich nur ein Bier und nur am Wochenende, und da auch nur wenn es einen Anlass gab, mal mehr.
Irgendwann sprach mich meine Frau mal darauf an. "Musst Du denn jeden Abend ein Bier trinken?" - Neiiiiiin, muss ich natürlich nicht! Und so trank ich eben nicht mehr jeden Abend. Aber, schon damals gefiel mir das nicht so recht..... Nachtigall ich hör dir trapsen.... So nebenher, völlig ungewollt, war's dann irgendwann wieder jeden Abend ein Bier. Wieder der Zeigefinger meiner Frau! Wieder ein Reduzieren meinerseits etc. Ich weiß nicht mehr genau wie oft das so ging, jedenfalls kam dann irgendwann der Moment, wo ich das erste heimliche Bier trank. Also das erste bewusste heimliche Bier. Da war dann (das kapierte ich aber alles erst im Nachhinein, also nachdem ich meine ganze Suchtgeschichte aufgearbeitet hatte) eine Schwelle überschritten, ein Tabu gebrochen.
Von da an, konnte ich trinken wie ich es wollte. Und von da an steigerte sich dann auch langsam die Menge. Von heute auf morgen trank ich "offiziell" quasi gar keinen Alkohol mehr (ich konnte ja heimlich). Und ließ mich von meiner Frau dafür feiern, dass ich abends kein Bier mehr trank (ich überspitze etwas). Als ich mit dem heimlichen Trinken begann, war ich, wenn ich mich recht erinnere, auf einem Niveau von etwa 2 Bier am Tag. Ich hatte in der Arbeit Gelegenheit mit Kollegen, kurz nach Feierabend, ein schnelles Bier zu trinken und ich hatte damals schon einen kleinen, bescheidenen Vorrat im Keller, von dem meine Frau nichts wusste. Später, als ich dann schon so 3 bis 4 Bier brauchte, war mir die Heimfahrt im Zug eine willkommene Gelegenheit. Ich hatte knapp 15 Minuten zu fahren. In meiner Glanzzeit konnte ich in diesen paar Minuten 4 Bier vernichten, damals jedoch reichte eines vollkommen aus.
Und so ging es dann dahin und ich habe tatsächlich fast meine ganze Alkoholikerkarriere heimlich trinkend verbracht. Am Ende dann Mengen, von denen man sich nicht vorstellen kann, dass man sie überhaupt verheimlichen kann. 10 - 12 Bier musste es schon sein, oft noch Wein dazu. Und das täglich, so dass mich die Entsorgungslogistik der heimlich getrunkenen Flaschen eigentlich vor das größte Problem stellte. Deshalb bin auch auch sehr sicher, dass ich recht bald auf harte Sachen umgestiegen wäre, wenn ich nicht ausgestiegen wäre.
Was will ich Dir damit sagen: Einmal, dass die Trinkmenge nicht entscheidend ist. Ich war, das weiß ich heute, bereits mit einem bis zwei Bieren pro Tag alkoholabhängig. Dann will ich damit sagen, dass es unweigerlich zu einer Steigerung der Menge kommt, das geht über viele Jahre. Lange lange habe ich ein niedriges Niveau gehalten um dann wiederum sehr lange auf einem etwas höheren Niveau weiter zu machen, Aber auch da konnte ich wieder einige Jahre ausharren. Irgendwann brachen aber die Dämme. Oft passiert das, wenn dann mal wirkliche, echte Probleme vorhanden sind. Dann ist man sich der Wirkung des Alkohols so bewusst, dass man unweigerlich zugreift und eben auch steigert um vermeintlich unlösbares zu lösen oder unertragbares zu ertragen.
Was passiert also da? Die Sucht nimmt sich nach und nach Deiner an. Sie übernimmt Deine "Psyche", sie beeinflusst Dein Denken, sie eliminert Deinen Willen und unmerklich verändert sich Deine Persönlichkeit, Dein Charakter. Lange war das bei mir nicht sichtbar, mir gings gut, ich funktionierte super. Aber ich war schon süchtig. Je länger es ging, je mehr es wurde, desto labiler wurde meine Psyche. Am Ende war ich nicht mehr und nicht weniger als ein Wrack, psychisch total am Boden, körperlich stark angegriffen. Und dann ist es wie ein Kreislauf. Mehr Stoff um diese Zustand ertragen zu können ist die Folge. Erst ganz spät, erkannte ich dann die körperliche Veränderung. Nahm stark zu wo ich doch immer ein Hungerhaken war. Hatte plötzlich Magen- und Darmprobleme, konnte nicht mehr auf dem Bauch liegen, weil mir das enorme Schmerzen bereitete usw. Das war quasi meine Endphase.
Lass es nicht so weit kommen! Je früher Du etwas unternimmsts, desto mehr Leid ersparst Du Dir und vor allem auch Deiner Familie. Und ich denke auch, desto größer sind die Chancen es gut hinzubekommen und nicht est mal alles zu verlieren.
Jetzt mal zu meinem Vorschlag:
Ich weiß ja nicht, ob Du schon erfolglos einiges probiert hast. Und wie ernsthaft Du das dann probiert hast. Wie wäre es denn, wenn Du Dir jetzt mal vornimmst, einen längeren Zeitraum überhaupt keinen Alkohol mehr zu trinken. Sagen wir mal ein halbes Jahr. Hast Du das schon mal probiert?
Wenn Du das versuchst, wirst Du merken, wo Du stehst. Gelingt es Dir ganz einfach, nachdem Du vielleicht das erste Wochenende noch ein wenig zu knabbern hattest oder hast Du immer wieder den Wunsch endlich wieder was zu trinken? Oder schaffst Du es schon gar nicht, überhaupt auch nur ein Wochenende ohne Alkohol durchzustehen. Je nachdem was da bei Dir passiert, kannst Du Dein weiteres Vorgehen überlegen. Wenn Du es überhaupt nicht schaffst zu verzichten, ist die Sache m. E. recht klar. Dann solltest Du auf jeden Fall überlegen, welche externen Hilfsangebote (Arzt / Suchtberatung / SHG / etc.) Du wann in Anspruch nimmst.
Selbstveständlich ist es auch in Deiner jetzigen Situation eine sehr gute schlechte Idee, mal z. B. zur Suchtberatung zu gehen und Dir von dort eine Einschätzung Deiner Situation abzuholen. Ich weiß aber nicht, ob Du dazu bereit bist. Ich kann es nur empfehlen, denn da hast Du absolut nichts zu verlieren, Du kannst nur gewinnen.
Sollte es Dir wider Erwarten leicht fallen zu verzichten, kannst Du abwägen wie Du weiter verfahren oder leben möchtest. Ob Du das sicher immer vorhandene Risiko eingehen möchtest, vielleicht doch irgendwie zu einem moderaten Trinkverhalten zurück zu finden (wird dann in die Hose gehen, wenn Du schon süchtig bist) oder ob Du vielleicht sogar "gefallen" daran findest, einfach dauerhaft ohne Alkohol zu leben. Was übrigens absolut keinen Verlust bedeutet. Ein alkoholfreies Leben kann auch eine Lebenseinstellung sein und aus tiefer Überzeugung heraus gelebt werden.
Aber das geht jetzt alles vielleicht schon ein wenig zu weit. Ich hatte jetzt viele Gedanken. Vielleicht schilderst du, wenn Du Lust hast, mal Deine Gedanken dazu. Wenn ich eigene Erfahrungen habe, dann kann ich diese dann gerne mit Dir teilen.
Interessant für mich wäre es wirklich zu wissen, wie Du Deine Situation eigentlich jetzt selbst einschätzt. Und welchen Plan Du eigentlich hast, was Du vor hast, wo Du hin möchtest? Ich habe ja jetzt die ganze Zeit nur spekuliert.
Also, ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum. Und freue mich wieder von Dir zu lesen.
LG
gerchla