Hallo Schnurzelchen,
jetzt habe ich ein wenig mehr Zeit und will mal versuchen Dir meine Gedanken mitzuteilen. Ich mach' jetzt einfach mal und beginne vielleicht damit, Dir ein wenig von mir zu erzählen, damit Du Dir ein Bild machen kannst wer Dir hier überhaupt schreibt.
Also ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und habe mittlerweile 3 wunderbare Kinder. Zu meiner Alkoholikerzeit waren es 2, wobei es unmittelbar nach meinem Ausstieg zur Trennung von meiner Frau kam (ich trennte mich, sie hätte unserer Beziehung gerne noch eine Chance gegeben). Meine Tochter war damals im Grundschulalter, mein Großer schon in der Oberstufe des Gymnasiums. Nach meiner Scheidung (einige Jahre nach meiner Trennung) habe ich wieder geheiratet und noch eine kleine Tochter geschenkt bekommen, sie ist jetzt 3 Jahre alt und sie kennt ihren Papa glücklicherweise nur alkoholfrei.
Wie ist das bei mir passiert? Nun, es erinnert in vielen Punkten an das was Du geschrieben hast. Mir (uns) ging es gut. Guter Job, sehr guter Job sogar, keine Krankheiten, keine Schicksalsschläge. Unsere Heirat damals war eine Liebesheirat, ich war mir sicher das diese Frau die einzige und richtige für mich ist. Und so bauten wir unser Leben auf. Dann kamen die Kinder und alles war so, wie man es sich eigentlich nur wünschen konnte. Auch die Kinder waren äußerst "wohl geraten", keine Probleme, auch in der Schule nicht.
Warum bin ich dann also in diese Sucht hinein geschlittert? Nun, einige Zeit habe ich das mit dem Spruch "wenns dem Esel zu Wohl wird begibt er sich aufs Eis" erklärt, aber nach vielen Jahren ohne Alkohol und intensiver Aufarbeitung meiner Sucht und meiner Verhaltensweisen kann ich heute sagen, dass die Gründe natürlich viel tiefer lagen. Ich brauchte über ein Jahr (ohne Alkohol) um sie einigermaßen zu ergründen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Im Gegensatz zu Dir war ich fast meine ganze Trinkerzeit (diese dauerte weit über 10 Jahre, eher gegen 15, wann genau es gekippt ist vermag ich nicht 100%ig zu sagen) heimlicher Trinker. Das unterscheidet mich also von Dir. Was wir aber wieder gemein haben, war der Aufbau eines Doppellebens, zumindest habe ich Dich so verstanden, dass Du zu diesem anderen Mann eine heimliche Beziehung (wie auch immer diese ausgesehen hat) aufgebaut hast. So auch ich, wobei mein Doppelleben auch viel Geld kostete, denn ich erfand z. B. Dienstreisen (die ich dann selbst bezahlte) oder verlängerte ebensolche (auch auf eigene Kosten), weil ich dann in Ruhe trinken konnte. Irgendwann waren es dann auch kurze Tagesreisen (die nie statt fanden), wo ich dann ebenfalls gefahrlos trinken konnte.
Zuhause war mein größter Stress die Be- und Entsorgungslogistik für den Alkohol aufrecht zu erhalten. Es musste ja geheim bleiben. Wenn ich weg war, konnte ich einfach nur trinken. Selbstverständlich lief mein normales Leben nebeher ganz normal weiter. Ich hatte ja noch meinen (guten) Job und war dort auch nicht schlecht. Je länger das ganze dauerte desto schlechter wurde mein Gewissen wobei ich bemerken möchte, dass ich irgendwann so abgestumpft war, dass ich jeden Anflug von Gewissensbissen sofort mit Alkohol bekämpft habe. Auch glitt ich mehr und mehr in eine Parallelwelt ab die mir vorspielte, dass ich da schon irgendwie wieder raus kommen würde.
Die schlimmsten Gedanken die ich hatte waren die, dass meine Familie irgendwann die Wahrheit erfahren könnte. Ich dachte, wenn sie es nicht wissen, dann tut es ihnen auch nicht weh. Weit gefehlt natürlich, denn ich nahm ja am Familienleben bestenfalls noch als Zombie teil und entfremdete mich vor allem von meiner Frau immer mehr. Diese versuchte alles um die Ehe zu retten, hatte aber keine Chance, weil sie noch nicht mal wusste, wo sie den Hebel ansetzen könnte. Und ich wollte einfach meine Ruhe, meinen Alkohol und mein Doppelleben.
Selbst die große Liebe zu meinen Kindern, und diese spürte ich intensivst, konnte mich nicht dazu bringen reinen Tisch zu machen und mit dem Trinken aufzuhören.
Bis der Tag x kam, ein ganz normaler Tag an dem ich abends nach Hause kam (ich glaube ich hatte damals zu diesem Zeitpunkt "nur" 4 Bier intus, war also quasi nüchtern) und meine Frau mich mit einer schlimmen Tat konfrontierte, die ich vollbracht hatte und von der sie erfahren hatte. Sowas gabs immer wieder mal und normalerweise habe ich mich da immer sehr geschickt heraus gelogen. Ich vermute, das wäre mir auch in diesem Fall gelungen. Aber als ob es einfach Klick gemacht hätte, habe ich mich sozusagen ganz spontan geoutet. In dem Wissen, dass nach diesem Outing mehrere Welten komplett in Trümmern liegen werden. Die meiner Frau, die meiner Kinder und meine eigene. Und so kam es dann auch.
Ich zog schnell aus und durchlief meine persönliche Hölle. Vor allem die Trennung von meinen Kinder brachte mich fast um den Verstand. Dabei möchte ich betonen, dass ich der Täter war und meine Frau und Kinder sicher eine noch höllischere Hölle durchliefen als ich. Nur das sie nicht dafür konnten.
Wenn es jemals in meinen Leben einen Grund zum Saufen gegeben hätte (heute weiß ich das es NIEMALS einen Grund gibt), dann wäre es zu dieser Zeit gewesen. Aber, wie durch ein Wunder, war ich so felsenfest davon überzeugt genau jetzt auifzuhören. Ich wollte einfach nicht mehr. Ich wollte endlich wieder leben, auch wenn ich gerade nur von Schmerz umgeben war.
Meine erste Anlaufstelle, bereits am ersten nüchternen Abend war eine SHG der AA. Sie wurde in den nächsten Wochen meine täglichhe Anlaufstelle. Hier lernte ich sozusagen erst mal die Basics über meine Krankheit. Dann ging es weiter mit Arzt, Suchtberatung, Psychologe und am Ende war es dann ein Mönch, mit dem ich in ganz vielen Gesprächen den Weg heraus fand. Dieser Mönch half mir im Gegensatz zu den anderen Hilfen die ich hatte, mein größtes Problem zu überwiniden. Ich hatte nämlich extreme Schuldgefühle, die hätten mich fast erdrückt. Und er half mir auch dabei, die Gründe für meine Sucht zu finden, warum das alles zu so einem riesigen Berg an Lügen, Betrügen und damit auch an Problemen angewachsen war.
Und so konnte ich mich Stück für Stück heraus arbeiten. Ich schrieb es schon, nach ca. 1 Jahr war ich mit dem Gröbsten durch, wobei ich noch längst nicht fertig war. Aber ich hatte wieder ein lebenswertes Leben zurück und konnte neu starten. Auch der Umgang mit meiner damaligen Frau und meinen Kindern war dann wieder einigermaßen geregelt, wobei sich das gergelt hier eher auf die emotionale Ebene bezieht. Ich war ja dann getrennt lebend, sah meine Kinder nur noch am Wochenende und da auch nicht so, wie ich es gerne gehabt hätte. Z. B. ließ mich meine Frau niemals mit den Kindern Auto fahren (zurecht, denn sie konnte ja nicht vertrauen, dass ich nüchtern war). Aber auch meiner Frau in die Augen zu blicken, nach allem was ich ihr angetan hatte, da hatte ich schon viel dran zu arbeiten.
So, das war jetzt ganz viel von mir und doch nur ein kleiner Ausschnitt meiner Geschichte.
Nun zu Dir. Du stehst am Anfang. Bitte lass Dich nicht durch Menschen verunsichern, die Dir einreden wollen (meist nicht böse gemeint), dass es so schlimm doch gar nicht sein kann. Du allein weißt, das Du Alkoholikerin bist. Die Mengen sind übrigens auch nicht entscheidend. Entscheidend ist einfach nur, ob man ohne Alkohol klar kommt oder nicht. Und wie es einem dann damit geht.
Was für mich ganz entscheidend war, war die Aufarbeitung meiner Sucht und meines gesamten Lebens, möchte ich mal sagen. Du hast ja vor eine ambulante Therapie zu machen und Dich um Deinen "Seelenquark" zu kümmern. Ich glaube dieser Seelenquark ist enorm wichtig. Letztlich war es bei mir dieser Mönch, ein wunderbarer und weiser Mann, der sich genau darum gekümmert hat. Natürlich hätte ich mir da gerne vom Psychologen helfen lassen wollen (darum bin ich auch hin), jedoch stimmte da unsere Chemie offenbar nicht. Aber er half mir bei anderen Dingen.
Was mir dann auch sehr geholfen hat meinen Weg in ein trockenes und vor allem zufriedenes Leben zu gehen, waren intensive Gedanken darüber, wie ich eigentlich leben möchte, wer ich eingentlich sein möchte.
Als ich begann mich damit auseinander zu setzen hatte ich erst mal das Gefühl oder das Bewusstsein, dass ich diese Fragen noch nie in meinem Leben so klar gestellt hatte. Irgendwie lief es halt, dieses Leben. Alles so wie es "halt" sein soll. Jetzt fragte ich mich: Wer war ich und wer möchte ich sein? Was bedeutet für mich Glück? Was für ein Mensch möchte ich sein, welche Werte sind mir wichtig? Was erwarte ich von meinem (Rest-)Leben eigentlich? Was möchte ich tun, um am Ende dann mal sagen zu können: Es war gut so wie es war?. Solche Fragen habe ich mir gestellt und sie dann auch für mich beantwortet. Und all meine Gedanken und mein Handeln darauf ausgerichtet.
Leider, vielleicht stellt Du das bei Dir auch fest, kann man während der Trinkerheit manifestierte Verhaltens- und Denkweisen nicht so einfach ausschalten. Also auch nicht, wenn man bereits seit längerer Zeit nicht mehr trinkt. Lügen war für mich z. B. was ganz normales. Ich log ganz besonders immer dann, wenn ich mir damit vermeintlich eine unangenehme Situation ersparen konnte. Und das wollte ich dann auch tun, nachdem ich aufgehört hatte. Ganz automatisch ist das passiert. Und so gab es noch viele andere Dinge, wo ich "nasse Verhaltenweisen" an den Tag legte, obwohl ich gar nicht mehr trank. Ich habe das dann alles per "bewusstes Denken" übersteuert. Also ganz bewusst nicht gelogen. obwohl das der erste Impuls war. Bewusst positiv gedacht, auch wenn meine ersten Gedanken negativ waren, etc. Das war ein sehr langer Prozess und manchmal ertappe ich mich sogar noch heute dabei, dass ich in ein altes Denkmuster verfalle. Aber das meiste, das ich erreichen wollte, konnte ich gut umsetzen.
So, jetzt habe ich viel geschrieben. Vielleicht sind ja ein paar Anstöße für Dich dabei, vielleicht kannst Du was für Dich heraus nehmen, für Deinen Weg. Vielleicht hast Du aber auch Fragen, dann stelle sie mir einfach. Ich antworte gerne.
Ich frag jetzt auch noch mal was, was mir sofort spontan in den Kopf kam als ich Deinen ersten Text las: Wie geht es Dir denn mit der Trennung von Deinem Mann und vor allem von Deinen Kindern? Ich frage das deshalb, weil das für mich damals das größte Rückfallriskiko war. Weil's mir so verdammt mies damit ging, vor allem eben wegen meiner Kinder. Und da war es eben für mich ganz extrem wichtig, hier einen Weg zu finden, mit diesen Gefühlen richtig umgehen zu können. Ich glaube das war bei mir absolut zentral, hätte ich diesen Weg (besagter Mönch) nicht gefunden, ich weiß nicht wie lange es gut gegangen wäre oder ob es gut gegangen wäre.
So, jetzt reicht's aber mal. Alles alles Gute wünsche ich Dir und viele gute "Gespräche" hier im Forum.
LG
gerchla