Guten Morgen P.,
ich will gleich mal auf Deine Fragen eingehen und Dir noch ein paar Dinge aus meiner Geschichte erzählen.
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hm... aus welchem Grund hast Du Dich damals von der Familie getrennt?
Ganz pragmatisch könnte ich jetzt sagen: Als ich einige Zeit nüchtern war stellte ich mit Schrecken fest, dass ich meine Frau nicht (mehr) liebte. Aber so "einfach" war's dann doch nicht. Über die Jahre des heimlichen Trinkens hat unsere Ehe stark gelitten. Meine Frau versuchte wirklich alles um irgendwie an mich heran zu kommen, hatte jedoch keine Chance. So lebten wir uns natürlich nach und nach immer mehr auseinander. Tiefe Liebe empfand ich dagegen immer für meine Kinder, in jeder Phase meiner Sucht. Sie waren eigentlich diejenigen, die in meinem Leben die wichtigste Rolle spielten. Trotzdem war diese Liebe nicht stark geung mich von der Sucht weg zu bringen.
Als ich dann aber weg kam, blieb natürlich die Liebe zu meinen Kindern und meiner Frau gegenüber ein wahnsinniges Schuldgefühl. Denn ich hatte in dieser Zeit nicht nur heimlich getrunken sondern noch einen riesen Haufen anderer schlimme Dinge getrieben, die ich ihr nun aber alle beichtete. Das musste sein, denn dieses Mal war's mir wirklich ernst. Somit sah ich keine Basis mehr für ein gemeinsames Leben an ihrer Seite (sie wäre dazu durchaus bereit gewesen), ich fühlte mich ihr gegenüber nur schuldig, klein und konnte mir auch nicht vorstellen innerhalb dieser Beziehung dauerhaft alkoholfrei zu bleiben. Letzteres war dann für mich der entscheidende Punkt. Denn eines wusste ich zu diesem Zeitpunkt ganz genau: Ich will nie mehr trinken und ALLES dafür tun. Also, es ist schwer zu erklären, aber ganz grob kannst Du das jetzt vielleicht ein wenig nachvollziehen. Und ich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung für mich und auch für sie und unsere Kinder war. Auch wenn es sich anfangs ganz anders angefühlt hat...
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ch habe diesen Punkt noch überhaupt nicht bedacht, sondern in erster Linie meine Optionen.
Also, es ist gar nicht so selten, dass sich Paare trennen, nachdem der trinkende Teil trocken wurde. Natürlich gibt es glücklicherweise auch Gegenbeispiele, wo beide anschließend zu einem harmonischen gemeinsamen Leben zurück fangen, was ich Dir/Euch von Herzen wünsche. Es halt so, dass ein Trinker wenn er trocken wird, sich natürlich verändert. Wie er sich ja auch verändert hat durch die Sucht. Nun möchte ich nicht so weit gehen zu sagen, dass dann da zwangsläufig ein absolut komplett neuer Mensch vor einem steht, aber doch ein ziemlich veränderter. Deshalb ist es auch oft ratsam, dass sich beide Partner, also auch der nicht trinkende, der somit ja eigentlich gar kein akutes Problem hat, in Therapie begibt bzw. sich in irgend einer Form bei diesem Prozess begleiten lässt. Einfach auch um zu verstehen, was da jetzt beim anderen gerade passiert und wie man damit umgehen kann. Denn nicht nur der Trinker muss sein Leben verändern, sondern auch der Partner.
Noch krasser ist das ganze, wenn der nicht trinkende Partner in einer Co-Abhängigkeit steckt, was jetzt auch nicht so selten der Fall ist. Das sehe ich bei Dir aber aufgrund dessen was ich bisher gelesen habe eher nicht. In solchen Fällen ist dann ja so, dass der Partner sozusagen sein "Betreuungsobjekt" verliert, ums mal salopp auszudrücken. Co-Abhängigkeit ist ja ebenfalls eine psychische Erkrankung die auch nicht einfach zu behandeln ist.
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Wie ist das mit der körperlichen Abhängigkeit genau?
Naja, es ist ja oft so, dass Menschen (die nicht so viel Ahnung von der Sucht haben) denken, wenn man mal diese körperlichen Symptome überwunden hat, dann ist das Gröbste überstanden. Du hast schon einige Symptome einer körperlichen Abhängigkeit genannt. Also starkes Schwitzen und Zittern sind ganz klassische. Das kann sich aber noch deutlich steigern. Du hast ja sicher schon von den "weißen Mäusen" gehört, die Menschen plötzlich sehen. Letztlich geht es um Delir, um Krampfanfälle und all das kann in schlimmen Fällen auch zum Tode führen. Deshalb ist es auch immer ratsam niemals ohne ärztliche Begleitung zu entziehen. Der Arzt kann dann entscheiden, ob man zuhause (z. B. auch mit Hilfe von Medikamenten) oder in einer Klinik unter ständiger Aufsicht entziehen sollte.
Bei Deiner Frau scheinen ja nun keine Symptome vorhanden zu sein. Was aber eben nicht bedeutet, dass sie deshalb ein kleineres Problem hat. Denn die körperliche Abhängigkeit folgt in aller Regel erst deutlich nach der psychischen. Wobei es meines Wissens jetzt keine Rechenformel dazu gibt, wie lange und wieviel jemand trinken muss, bis er körperlich abhänig wird bzw. wie schnell er dann körperlich abhängig wird. Im übrigen gibt es das für die eigentliche Sucht, also die psychische Abhängigkeit auch nicht. Es gibt ja auch Menschen, die trinken jahrelang täglich eine große Menge Alkohol und sind trotzdem nicht süchtig, sie betreiben "lediglich" Missbrauch. Andere wiederum trinken ein paar Monate regelmäßig zu viel und sind bereits abhängig.
Das macht die ganze Geschichte ja so verdammt gefährlich.
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Sie hat mich in auch in dem Glauben mit der Stoffwechselerkrankung gelassen, indem sie kein Wort über den Wein verloren hat - aber den trank sie täglich, und viel davon.
Weißt Du, ich habe mich im nachhinein immer gefragt, wie meine Frau nicht merken konnte, dass ich trank. Zum Ende hin trank ich ja mindestens 10 Bier am Tag und das reichte meist gar nicht aus. Es kam oft noch Wein obendrauf. Ich muss also gestunken haben wie eine Suffkneipe. Man sagt ja immer, jeder wüsste längst das man trinkt nur man selbst meint das es keiner mitbekommt. Aber das war bei mir wirklich nicht der Fall und ich musste meine Frau bei meinem Outing erst davon überzeugen, dass ich wirklich Alkoholiker war, Indem ich ihr all meine geheimen Alkoholverstecke in Haus, Garten, Auto und sogar der näheren nachberschaftlichen Umgebung gezeigt habe. Alle prall gefüllt mit Bier und Wein.
Klar, man ist als Alki ein super Blender und Täuscher, man ist ein begnadeter Lügner, ein super Betrüger. Und man hat so seine "Tricks". Die letzten Jahre z. B. schliefen meine Frau und ich größtenteils getrennt, es lief ja auch "nicht mehr so gut". Was für mich natürlch super war, denn dann konnte ich in meinem Zimmer ungestört vor mich hinstinken. Dann wird man auch ein Meister im Bezug auf die Beschaffungs- und Entsorgungslogistik. Du kannst Dir vorstellen, dass all meine Bier- und Weinflaschen ja besorgt und entsorgt werden mussten. Heimlich, wohlgemerkt! Ich gebe zu, dass das zum Ende hin mit der größte Stress am Trinken war. Aber ich bekam es bis zum Schluss hin, ohne dass jemand etwas merkte. Längst trank ich das billig Bier aus Plastikflaschen, allein schon deshalb weil diese nicht klirrten, wenn ich sie in meinem Rucksack stopfte oder wenn sie im Reserveradkasten des Autos transportiert wurden (blöd wäre es gewesen, wenn ich tatsächlich mal ne Reifenpanne gehabt hätte, das Reserverad hatte ich aus Platzgründen natürlich "entsorgt"). Du merkst, es gibt nichts was es nicht und es ist unglaublich wie "kreativ" Alkoholiker werden können, wenn es ums trinken geht.
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Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob man von so einer Art "Schweregrad" sprechen kann, und ob sich das auf die Chancen auswirkt, davon weg zu kommen. Wie siehst Du das?
Diese Frage kann ich gar nicht so einfach beantworten. Grundsätzlich denke ich: je früher weg von dem Zeug, desto besser. Die Praxis lehrt aber, dass viele Alkoholiker genau das nicht schaffen. Eben weil scheinbar der Leidensdruck noch nicht groß genug ist. Man spricht hier auch davon, dass ein Alkoholiker erst seinen "persönlichen Tiefpunkt" erreicht haben muss, bevor er es wirklich schaffen kann. Nun, wie der Name schon sagt, ist dieser Tiefpunkt ein sehr persönlicher. Beim einen "reicht" der Verlust des Führerscheins, beim anderen die Tatsache, dass er im Job darauf angesprochen wurde und wieder andere mussen erst Familie und ihr gesamtes Umfeld verlieren.
Leider ist es auch so, dass die meisten Alkoholiker diesen Tiefpunkt überhaupt nicht erreichen oder er sie nicht dazu bringt mit dem Trinken aufzuhören. Das muss man leider auch als Realität so anerkennen. Denn es sind die deutlch wenigeren von den Süchtigen, die es überhaupt versuchen von dem Zeug weg zu kommen, also ernsthaft versuchen meine ich, nicht nur mal eine Trinkpause einlegen. Und von denen die es versuchen, sind es ja auch nicht so viele, die es dann dauerhauft schafften. Hier gibt ja auch eine hohe Rückfallquote. Somit ist es meiner Meinung nach so, dass dieser persönliche Tiefpunkt sicher ein wichtiger Auslöser sein kann von der Sucht weg zu wollen, jedoch kein Garant dafür es auch zu schaffen.
Übrigens gibt es auch einige, bei denen es einfach "Klick" gemacht hat. Zumindest beschreiben diese Menschen es so. Sie wussten plötzlich: Jetzt will ich nicht mehr, oft auch ohne dass ein akut negatives Erlebnis unmittelbar vorher als Auslöser gelten kann. So war es dann letztlich auch bei mir, nachdem ich vorher über Jahre hinweg immer wieder versucht hatte, irgendwie aufzuhören.
Es geht also darum, dass der Trinker es von sich aus möchte! Dass er erkennt, dass ein Leben ohne Alkohol ein besseres ist. Das er den Sinn seines Lebens erkennt und weiß, dass ihn der Alkohol beim Erreichen seiner Ziele niemals eine Hilfe sein kann sondern immer das Gegenteil. Natürlich geht es ganz am Anfang erst mal einfach nur darum nicht mehr zu trinken. Dabei ist es oft auch hilfreich, wenn man sich all die negativen Erlebnisse mit Alkohol vor Augen hält, immer und immer wieder. Sich immer wieder aufzeigt, was passieren würde, wenn man wieder zur Flasche greift usw. Auf die Länge hin gesehen, wenn man denn eine zufriedene Abstinent erreichen möchte, brauchts dann aber m. E. nach mehr. Eben das Bewusstsein, wie überflüssig und sinnfrei Alkohol für ein zufriedenes Leben eigentlich ist. Und dann will man ihn gar nicht mehr trinken und man vermisst ihn auch nicht mehr. Meine Erfahrung.
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die Art, wie im Elternhaus mit Problemen umgegangen wurde - nämlich: nicht, nur irgendwie übertünchen, bevor das noch jemand mitbekommt,
Tja, da könnte ich jetzt fast sagen: Bingo - genau so war es bei mir auch. Das war einer der von mir "entdeckten" Gründe, weshalb ich zum Alkohol griff. In meiner Familie gab es keine Probleme, besser: es hatte keine zu geben. So kannte ich das von Klein auf. Es wurde weder über Probleme noch über Gefühle diskutiert. Alles was nicht real greifbar war (wie z. B. Gefühle, psychische Probleme, etc.) existierte auch nicht bzw. wurde nur mit Unverständnis zur Kenntnis genommen. Ich habe nicht gelernt Probleme als solche zu akzeptieren und diese dann auch entsprechend zu behandeln und zu lösen. Sie wurden weg geschoben, ignoriert oder klein geredet. Und wurden dann langsam (weil ungelöst) immer größer und größer. Aber der Alkohol half dann natürlich ganz prima, sie wieder klein und lächerlich erscheinen zu lassen. Zumindest temporär.....
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Vielleicht bin ich da auch gar nicht der Richtige, um das herauszufinden, sondern ein Psychologe, oder auch ein anderer, Außenstehender
Hierzu habe ich eine ganz persönliche Meinung, die aber natürlich kein Anrecht auf Richtigkeit hat. Ich bin immer der Meinung gewesen, dass meine Frau nicht gleichzeitig meine Psychologin sein kann. Auch nicht sein darf, denn das ist auch ihr gegenüber nicht fair und es kann schnell überfordern. Selbstverständlich kennt meine Frau meine Geschichte, sie weiß um meine Sucht genau Bescheid und wir sprechen immer wieder mal über dieses Thema. Als ich sie kennenlernte war ich noch mit vielen Baustellen beschäftigt. Vor allem meine Schuld belastete mich enorm. Ich hätte mir nie vorstellen können, ihr das alles "reinzudrücken". Ich dachte mir immer: Es hat schon seine Berechtigung, dass es da Menschen gibt, die psychologie studiert haben und das alles richtig gelernt haben und täglich damit Erfahrungen sammeln. So sehe ich das auch heute noch.
Wobei ich heute auch sage: Ein guter Freund, kann ebenfalls ein wunderbarer Ansprechpartner sein, so erlebte ich es jedenfalls. Und bei mir war es ja dann letztlich ein Mönch, der mir wirklich am allermeisten bei meinem Weg zurück ins Leben geholfen hat. Aber es waren eben immer außenstehende Menschen gewesen. Aber eben auch solche, denen ich vertrauen konnte, denen ich mich öffnen konnte. Und das ist halt die Herausforderung, so denke ich. Also diese Menschen finden. Eben den richtigen Psychologen z. B. Meiner war damals auch nicht der Richtige, deshalb suchte ich ja weiter und traf auf diesen Mönch.
Also, Du merkst sicher: einen Königsweg gibt es nicht und ehrlich gesagt: Eigentlich müsste das alles hier Deine Frau lesen. Für sie wären das alles wichtige und vielleicht hilfreiche Information. Dir können sie sicher helfen, als nicht Süchtiger das alles ein wenig besser zu verstehen oder nachvollziehen zu können. Aber letztlich liegt alles allein in den Händen Deiner Frau. zumindest was die Überwindung ihrer Sucht betrifft. Du selbst hast hier nur eine Nebenrolle, kannst Unterstützen wenn Du das möchtest und musst gleichzeitig aber höllisch aufpassen, dass Du Dein eigenes Leben nicht durch die Sucht Deiner Frau zu stark negativ beeinflussen lässt. Was natürlich alles andere als einfach ist, das ist mir schon klar. Aber letztlich kannst Du nur auf Dich schauen und Dinge für Dich verändern. Während Deine Frau ihr Leben verändern kann, wenn sie es denn möchte. Denn wenn sie weiter trinken will, dann wirst Du machtlos sein und kannst nur Deine Konsequenzen ziehen.
Alles alles Gute und bis bald mal.
LG
gerchla