Beiträge von Gerchla

    Hallo Berlinchen,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich stelle mich mal kurz vor: Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Vorher trank ich weit über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit heimlich. Ich konnte meine Sucht sowohl meiner Frau und Familie gegenüber als auch gegenüber meinem Arbeitgeber und meinen Freunden verheimlichen. Im Gegensatz zu Dir trank ich täglich, am Ende dann erhebliche Mengen. I. d. R. pro Tag mindestens 8 - 10 Bier, meist dann sogar noch mehr.

    Jetzt mal meine Gedanken zu Deinen Zeilen.

    Als ich Deinen Eintrag gelesen habe, da dachte ich zuallererst: Sie gehört in die Kategorie des Gamma-Typs. Sprich, längere abstinente Phasen sind kein Problem, jedoch kommt es in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen zu Abstürzen. Wenn getrunken wird, dann ist Kontrolle nicht oder kaum möglich und es wird gefühlt alles nachgeholt, was in den Wochen vorher versäumt wurde. Früher oder im Volksmund sprach oder spricht man da auch vom Quartalssäufer.

    Nun möchte ich damit nicht sagen, dass Du bereits eine Alkoholikern bist. Dein Trinkverhalten ähnelt jedoch dem eines Gamma-Typen. Ich denke, Du hast auf jeden Fall ein sehr großes Alkoholproblem, unabhängig davon, ob Du die Grenze zur Sucht bereits überschritten hast oder nicht. Es gibt Merkmale, die für eine Sucht sprechen, z. B. der Kontrollverlust, den Du immer dann hast, wenn es mal wieder so weit ist. Andererseits kannst Du aber Teilweise ja doch kontrollieren, stürzt dann aber ein paar Wochen später doch wieder ab.

    Was sich in Deinem Kopf dabei abspielt, also die Gedanken die Du geschildert hast, die kenne ich als Alkoholiker sehr gut. Dieses Gefühl der Belohnung z. B. Bestimmt denkst Du auch manchmal, dass Du ja soooo lange nichts getrunken hast, da kannst Du Dir dann schon mal wieder was gönnen. Oft vergleicht man sich auch mit anderen und findet immer jemanden, der auf jeden Fall noch viel mehr trinkt usw.

    Das kommt vom Suchtgedächtnis, oder wie Du so schön geschrieben hast, vom (Sucht-)Teufelchen. Das ist auch schon aktiv, wenn man "nur" Missbrauch betreibt. Unser Hirn merkt sich die Wirkung des Alkohols einfach. Und wenn wir es mal gewohnt sind, dass wir uns mit dem Zeug z. B. sehr gut entspannen können, dann wird zur Erreichung dieses Ziels eben als erste und oft einzige Option die Alkoholkarte gezogen. So funktioniert das dann mit dem Abrutschen in die Sucht. Irgendwann ist es dann so, dass man trinken muss, egal ob nun gerade Entspannung sucht oder nicht. Dann hat sich die Sucht manifestiert und ohne geht dann gar nicht mehr. Und das trifft auch auf den Gamma-Typen zu, der ja vermeintlich "kein" Alkoholiker sein kann, weil er ja immer wieder längere Phasen ohne Alkohol hat. Aber das stimmt eben nicht. Es ist nur eine andere Form der Alkoholkrankheit und es kommt nicht so selten vor, dass Alkoholiker im Laufe ihrer Karriere mehre Formen der Sucht durchleben.

    Was also tun in Deinem Fall?

    Ich mache mal einen Vorschlag: Versuch heraus zu finden, wo Du eigentlich stehst. Mit Deinem Ziel 90 Tage nichts zu trinken bist Du auf dem richtigen Weg. Jedoch solltest Du die Zeit auch dafür nützen um zu hinterfragen, was bei Dir eigentlich los ist. Was also in Deinem Leben nicht stimmt, dass Du regelmäßig auf Alkohol zurück greifen musst. Mit Deiner Angststörung und Deiner Neigung zu Depressionen hast Du noch zwei weitere psychische Erkrankungen an der Backe. Erübrigt sich wohl der Hinweis, dass für beide Krankheiten eine Alkoholsucht eine Art Katalysator darstellt. Auch wenn der Alkohol anfangs sogar Erleichterung verschafft. Auf die Länge gesehen ist er für beide Krankheiten eine absolute Katastrophe.

    Bei Depressionen sowieso, aber ich kenne auch mehrere Alkoholiker (jetzt abstinent lebend), die wegen Angststörung getrunken haben und darüber komplett abgestürzt sind. Also für Dich gibt es aus meiner Sicht eigentlich nur die Option (erst mal) komplett alkoholfrei zu leben. Zumindest so lange, bis Du alle Deine psychischen Baustellen richtig aufgearbeitet hast. Da bist Du ja dran, aber das ist eben auch Weg, ein Prozess und der kann manchmal Jahre dauern. Ich würde an Deiner Stelle keine Gedanken an moderates Trinken verschwenden sondern mir mal überlegen, warum Du so an dem Zeug hängst.

    Weißt Du eigentlich was moderates oder sagen wir mal risikoarmes Trinken (risikolos gibt es nicht, denn Alkohol ist und bleibt ein Zellgift) überhaupt bedeutet? Für Dich als Frau wären das 12 gr. reinen Alkohols am Tag. Wobei Du an zwei Tagen die Woche komplett alkoholfrei bleiben musst. D. h. übersetzt Du dürftest an 5 Tagen die Woche ein kleines Bier oder ein kleines Glas Wein (1/8 L ) trinken, je nach Alkoholgehalt des Getränks.

    Das gilt offiziell als risikoarm. Wenn das Dein Ziel wäre, dann frage Dich doch mal, warum Du so an einem kleinen Bier oder einem kleinen Glas Wein hängst. Und dabei doch immer in Gefahr bist, dass Du evtl. den Wunsch nach mehr bekommst.

    Noch eines: Egal ob Du nun bereits süchtig bist oder nur Missbrauch betreibst. Nur nicht mehr trinken reicht i. d. R. nicht aus. Um wirklich von dem Zeug weg zu kommen, solltest Du heraus finden, warum Du getrunken hast oder trinken willst. Wenn Du die Gründe kennst, und damit meine ich nicht oberflächlichen wie "Belohnung", "Entspannung" sondern das was da dahinter steckt, dann hast Du gute Chancen Alternativen zu dem Zeug zu finden. Ich rede mich hier nicht leicht, ich habe das alles selbst hinter mir und für mich war es elementar, mich mit mir, meiner Sucht und meinem Leben zu beschäftigen. Ich habe sehr viel an meinem Leben, meiner Lebensweise und meinen Einstellungen verändert und so konnte ich nach und nach die Bedeutung des Alkohol gegen Null schrauben. Das dauert aber einen Moment, denn das Zeug hat sowohl bei uns selbst (Sucht) also auch in der Gesellschaft einen enorm hohen Stellenwert.

    Ok, viel erzählt. Ich hoffe es war was für Dich dabei. Würde mich interessieren, wie Du darüber jetzt denkst.

    Auf jeden Fall wünsche ich Dir einen guten Austausch hier im Forum und alles Gute für Deine 90 Tage!

    LG
    gerchla

    Hallo Conny,

    herzlich Willkommen hier bei uns im Forum.

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol.

    Die Argumente, die Dein Mann bringt hätten glatt 1:1 von meinem Vater stammen können. Er ist jetzt Mitte 70 und hat sein Leben lang getrunken. Wobei er für mich auch ein Phänomen darstellt. Denn, solange ich ihn kenne trinkt er. "Nur" Bier und in den unterschiedlichen Phasen seines Lebens in unterschiedlichen Mengen. Dabei gab es Phasen, wo auch täglich 8 oder 10 Bier flossen, dann wieder Phasen wo es auch mal "nur" 3 oder 4 waren und auch mal kurze Abschnitte, wo er nichts oder fast gar nichts trank. Auch kann er problemlos verzichten, wenn er muss, also wenn er z. B. noch Auto fährt.

    So richtig abgestürzt, wie das bei "normalem" Verlauf in eine Sucht ja früher oder später passiert, ist er nie. Deshalb vermute ich heute, wo ich durch meine eigene Sucht und den Erfahrungen die ich dann vor allem nach Überwindung der selbigen sammeln durfte, dass er scheinbar irgendwie immer am Grad zwischen Sucht und Missbrauch entlang gewandelt ist und nie komplett in die Sucht abgerutscht ist.

    Niemals jedoch, dass darf ich Dir versichern, würde er auf "seine" Bierchen verzichten. Niemals, dass kann ich zum heutigen Zeitpunkt jedenfalls mit gutem Gewissen so sagen. So bleibt also sowohl meiner Mutter als auch mir nichts anderes übrig, als mit dieser Tatsache umzugehen. Seine Argumente sind annähernd die gleichen wie die, die Du von Deinem Mann schilderst. Vor allen das "Bier ja so gesund wäre" und "das er ja nie krank ist" werden als Hauptargumente aufgeführt. Wenn man ihm dann erklärt, dass Krank sein nicht nur eine Erkältung beinhaltet (er ist so gut wie nie erkältet weil er aber so gut wie nie Kontakt zu fremden Menschen hat), dann macht er einfach dicht. Ich meine, er leidet an Bluthochdruck, an Gicht, er kann kaum noch laufen und ist stark übergewichtig und hat nebenher auch noch Probleme mit Magen und Darm. Aber hey, das hat ja mit krank nichts zu tun. Ohne seinen Tabletten-Cocktail würde er sicher längst nicht mehr leben.

    Du siehst also, Du bist da sicher nicht allein was das Zusammenleben mit einem ignoraten Alkoholiker (oder vielleicht ist Dein Mann auch "nur" Missbräuchler") betrifft.

    Ich habe mich mit meinem Vater arrangiert. Ich liebe ihn, er ist mein Vater. Ich besuche ihn, ich besuche ihn auch gerne. Aber wenn er trinkt, dann gehe ich einfach wieder. Freundlich, nett und ohne ihm zu sagen, dass es daran liegt, dass ich seine Art im angetrunkenen Zustand nicht ertragen kann. Ich habe das vergeblich versucht zu erklären, es kommt nicht an. Also habe ich für mich einen Weg gefunden damit umzugehen. Mein Weg hätte auch so aussehen können, dass ich den Kontakt komplett abbreche. Es war und ist meine Entscheidung wie ich damit umgehe. Und für mich ist mein eigenes Wohlbefinden das wichtigste. Und so, wie ich das für mich aktuell geregelt habe, so geht es mir am besten.

    Was will ich Dir jetzt damit sagen? Erst mal, Du wirst es heraus gelesen haben, dass Du bei ihm gar nichts erreichen kannst, wenn er das nicht will. Du fragst ja, was Du tun kannst OHNE weitere Druck aufzubauen. Ich sage Dir (aus meiner eigenen Erfahrung als Alkoholiker und auch den Erfahrungen mit meinem Vater): NICHTS - außer vielleicht DRUCK aufzubauen. Wobei auch das keinesfalls einen Erfolg garantiert.

    Letztlich kann es nur um Dich gehen. Du musst für Dich entscheiden in wieweit Du mit seinem Verhalten klar kommst und wie weit Du dieses Leben mit ihm führen willst. Das, was man in einer guten Beziehung macht, das hast Du getan. Du hast ihn angesprochen, mit ihm geredet, Deine Wünsche geäußert, Deine Bedenken mitgeteilt, etc. Er hat es abgetan, er geht nicht darauf ein. Bliebe also letztlich nur noch der Druck, der allerdings voraussetzen würde, dass Du das eingesetzte Druckmittel auch zur Verfügung hast. Sprich: Wenn Du ihm sagst: "Wenn Du nicht mit dem Trinken aufhörst, dann werde ich Dich verlassen", dann solltest Du auch bereit sein ihn im Falle des Falles zu verlassen. Ansonsten kannst Du Dir das nämlich sparen.

    Ich weiß nicht, ob Du verstehst was ich Dir damit sagen möchte. Bestimmt hört sich das für Dich, also jemanden der selbst überhaupt keine Suchtproblematik hat, ziemlich unglaubwürdig an. Aber entscheidend ist wirklich was Du möchtest und was Du auch bereit bist dafür zu tun. Sollte er Alkoholiker sein, wird er ohnehin nicht mehr einfach zu einen "normalen" Trinkverhalten zurück finden können. Dann steht er einfach vor "weiter so" oder "gar nichts mehr trinken". Um letzteres erreichen zu können muss er es wollen. Und selbst wenn er es will, hat er einen langen und harten Weg vor sich.

    Meine Mutter z. B. kann mit dem Trinkverhalten meines Vater sehr gut leben. Wenn ich mich mit ihr darüber unterhalte (was allerdings sehr selten und äußerst schwierig ist) dann sagt sie: Er ist wie er ist und ich lass ihn dann halt einfach und mach' meine Sachen. Naja und er hat ja auch nicht ständig einen kritischen Level wo er nur schwachsinn von sich gibt. Sie kommt gut damit klar und ich habe eben auch meinen Weg im Umgang mit ihm gefunden.

    Du musst Dir überlegen, wie das bei Dir ist. Vielleicht auch, wann für Dich ein Punkt erreicht ist, wo Du dann tatsächlich Konsequenzen ziehst. Wie gesagt, geredet hast Du bereits, das ist gut und nur fair auch ihm gegenüber. Manchmal hilft Druck, sprich z. B. die Androhung die Beziehung zu beenden wenn sich nichts ändert. Oft hilft aber auch das überhaupt nichts und es wird einfach weiter getrunken. Du bist dann diejenige, die für sich entscheiden muss, ob sie da dann noch dabei ist und das alles mitmacht.

    Im Grunde hat es Susanne mit ihrem Satz "Patantrezepte gegen Dein Problem gibt es leider nicht" sehr gut ausgedrückt. Es kann sein, dass es bei ihm irgendwo einen "Schalter" gibt, der durch irgend etwas umgelegt werden kann, es kann aber genauso gut sein, dass es keinen gibt. In der Hand hast Du nur Dich und Deine eigenen Entscheidungen.

    Ich wünsche Dir alles alles Gute und hoffe, dass Du einen Weg für Dich finden kannst.

    LG
    gerchla

    Hallo sgailberger,

    ich wollte mich eigentlich etwas intensiver mit Dir austauschen. Leider lässt das meine aktuelle Situation nicht zu.

    Ein paar Gedanken habe ich dennoch. Ich habe das schon richtig verstanden: Du leidest neben Deiner Alkoholsucht auch noch an Borderline und an Bulimie? Mit letzterem habe ich keine Erfahrung, mit Borderline allerdings schon, denn jemand in meinem engeren Familienkreis litt darunter.

    Damit hast Du, und das wird Dir sicher bewusst sein, erschwerte Bedingungen. Und es ist umso wichtiger, dass Du aus der Alkoholspirale heraus kommst. So wie ich die Borderline-Krankheit (als Angehöriger) erlebt habe, wird es besonders wichtig, nahezu entscheidend sein, dass Du in den Phasen in denen es Dir richtig schlecht geht, wo Du wahrscheinlich auch Selbstverletzungstendenzen hast, stabil zu bleiben. Sprich: keinen Alkohol anzurühren.

    Ich muss ehrlich sagen das ich persönlich glaube, dass Dir meine Erfahrungen in Sachen Alkoholsucht und Ausstieg wahrscheinlich nur marginal helfen könnten. Denn Du hast durch Deine anderen Erkrankungen nochmal ganz andere Grundvoraussetzungen, so zumindest meine ganz persönliche Meinung. Ich glaube bei Dir wird es ganz ganz wichtig und entscheidend sein, dass Du auch ein professionelles Umfeld um Dich hast, dass sich mit den beiden anderen Erkrankungen sehr gut auskennt. Wenn ich Dich aber richtig verstanden und gelesen habe, ist genau das der Fall. Das finde ich wirklich sehr gut.

    Insofern kann und möchte ich Dich einfach nur ermutigen, niemals aufzugeben und dieser Sucht die Stirn zu bieten. Wenn Du das schaffst, dann hast Du auch die Chance, den anderen Krankheiten die Stirn zu bieten. Meine allerbesten Wünsche begleiten Dich. Und bitte entschuldige, wenn ich etwas kurz angebunden bin, jedoch bin ich bezüglich des allseits bekannten Virus beruflich sehr stark eingebunden und finde kaum Zeit z. B. für das Forum hier.

    Alles alles Gute Dir!

    LG
    gerchla

    Zitat

    Hab ja nich gesagt das ich hilfe Brauche

    Alle Gut. Ich dachte ja nur, weil das hier ja sowas wie eine virtuelle Selbsthilfegruppe ist. Normal finden sich hier Menschen zusammen, die entweder Hilfe brauchen oder suchen, sich intensiv austauschen möchten (meist mit dem Ziel der Prävention) oder aber eben Hilfe anbieten (aus eigener Erfahrung heraus). Und da dachte ich doch glatt, auch Du würdest in irgendeiner Form Hilfe suchen.

    Dem ist nicht so. Dann ist ja alles ok.

    LG
    gerchla

    Hallo Veneye,

    Du triffst mit Deiner Aussage genau den Punkt. Den Grund, warum eine Sucht eine Sucht ist. Es ist das Gefühl auf etwas verzichten zu müssen, das man aber unbedingt haben möchte. Ohne das man sich das Leben nicht vorstellen kann. Oder ohne das man sich das Leben nicht lebenswert vorstellen kann. Bei mir war's der Alkohol, bei Dir zunächst Alkohol, jetzt Cannabis.

    Es ist Deine Sache wie Du durch Dein Leben gehst. Wenn Du glaubst, dass das Leben nur lebenswert ist, wenn man ab und an sein Bewusstsein verändert, dann ist das eben so. Nur kann Dir dann hier auch keiner helfen, denn Du willst es ja so, willst es ja auch nicht ändern. Mir ist das natürlich egal, weil, it's your life.

    Ich dachte übrigens auch, dass Vieles nur mit Alkohol Sinn macht bzw. richtig Spaß macht. Erst als alles komplett zusammen gebrochen war und ich wirklich nicht mehr konnte und dann aufgehört habe, merkte ich, dass es auch ohne geht. Ja, am Anfang "ging" es tatsächlich erst mal nur so. Weil's halt auch musste und die Alternative, also wieder zu trinken, keine mehr für mich war. Und je länger ich weg war von dem Zeug, desto mehr merkte ich, dass ich ALLES von dem ich dachte "geht nur mit Alkohol gut", ohne viel besser konnte. Inkl. Spaß haben. Ich gebe zu, dass ich manches erst (wieder) lernen musste. Aber heute kann ich nur den Kopf über mich selbst und meine suchtverseuchte Denkweise schütteln.

    Also dann. Alles Gute Dir!

    LG
    gerchla

    Hallo Jonas,

    ich finde, Du hast in Deinem letzten Post wunderbar zusammengefasst, weshalb Du zur Flasche gegriffen hast. Es steht mir nicht zu, hier meine hobbypsychologischen Erkenntnisse auszubreiten aber ich möchte Dir sagen, dass es zumindest bei mir entscheidend war zu wissen, warum ich eigentlich den Alkohol missbraucht habe. Und wenn ich es mal so sagen darf: Mir scheint bei Dir geht es doch ein wenig um den Sinn Deines Lebens, um die Frage warum Du eigentlich allein bist und darum, wie das jetzt alles weiter gehen soll, wo das hinführen soll.

    Also bei mir waren das damals zwei Phasen, die teilweise aber parallel abliefen. Erst mal wollte ich natürlich wissen, wie ich überhaupt so tief habe sinken können. Und so begann ich schon nach kurzer alkoholfreier Zeit mich damit zu beschäftigen. Letztendlich war das dann ein langer Prozess und ich brauchte etwa ein Jahr, bis ich einigermaßen klar sah. Die Aufarbeitung oder das Herausfinden dieser vermeintlichen Trinkgründe war ein sehr befreiender Prozess und er ermöglichte es mir gleichzeitig Strategien zu entwickeln, um künftig nicht wieder in die gleichen Fallen zu tappen. Auch das war und ist immer noch ein Prozess. Manches musste ich auch wirklich erst lernen. Denn bei mir war vor allem das Verdrängen von Problemen, das nicht sprechen können über Probleme oder das nicht Äußern können von eigenen Wünschen eine Ursache. Das kam aus meiner Kindheit und es war gar nicht so einfach mein Verhalten, mein Denken hier zu verändern. Aber ich konnte es lernen und heute kann ich es sehr gut.

    Die andere Phase beschäftigte sich ausschließlich mit dem Sinn meines Lebens. Auch damit begann ich sehr früh, gleich nachdem ich körperlich mit dem Gröbsten durch war und einigermaßen stabil (auch dank meiner damaligen SHG) ohne Alkohol leben konnte. Ich musste mich quasi damit beschäftigen, weil ich elementare und einschneidende Entscheidungen zu treffen hatte oder auch schon getroffen hatte. Also z. B. die Trennung von meiner Frau und damit auch von meinen Kindern. Da hatte ich fast 20 Jahre lang immer eine Familie und plötzlich war alles anders. Plötzlich zog ich aus, sah meine Kinder nur noch am Wochenende und anfangs auch nur mit starken Einschränkungen und stand vor einem kompletten Neustart meines Lebens. Alles ausgelöst durch meine Sucht und die große Schuld, die ich im Laufe meiner Saufjahre auf mich geladen hatte.

    Ich habe es hier schon ein paar mal geschrieben. Das war die schlimmste Zeit meines bisherigen Lebens und hätte ich jemals einen Grund zum Saufen gehabt, dann wäre es zu dieser Zeit gewesen. Wobei ich da aber glücklicherweise schon wusste, dass genau das mir nicht helfen würde sondern mich noch tiefer nach unten ziehen würde. Aber gut, da stand ich nun, vor den Trümmern meines Lebens.

    Und dann gings eben los. Stunden über Stunden verteilt auf Tage, Wochen, Monate, wo ich über mich und mein Leben nachdachte. Allein, mit einem sehr guten Freund und auch mit einem Mönch, der eine zentrale Rolle in meiner Geschichte heraus aus dem Alkoholsumpf eingenommen hat. Wer war ich, wer bin ich aktuell, wer möchte ich eigentlich sein? Was möchte ich denn mit bzw. in meinem Restleben eigentlich noch erreichen? Was macht den Sinn meines Lebens aus? Was möchte ich mal sagen über mein Leben, wenn ich kurz vor dem Ende stehe? Wie kann ich meine Ziele erreichen, was bin ich bereit dafür zu tun?

    Solche Fragen habe mir gestellt und auch versucht sie zu beantworten. Auch das war ein Prozess. Und ehrlich gesagt, das war für mich mit der wichtigste Prozess. Denn eine meiner wichtigsten Erkenntnisse war, dass ich ein anderer, ein guter Mensch werden wollte. Was ein "guter" Mensch ist, ist sicher auch wieder was recht individuelles. Ich hatte und habe da natürlich meine eigenen Vorstellungen und so machte ich mich daran, diese umzusetzen. Und das tue ich heute noch und ich musste feststellen, dass dieser Prozess nie zu Ende geht. Und darüber bin ich auch sehr froh. Immer wieder muss ich mich selbst korrigieren, manchmal auch revidieren. Aber immer häufiger bekomme ich von meinen Mitmenschen auch einfach nur sehr menschliche und positive Rückmeldungen, in Worten, in Taten oder auch einfach nur durch kleine Gesten. Das erwarte ich gar nicht, das kommt von selbst und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir das nicht gut täte. Früher bekam ich solche "Rückmeldungen" nicht, oder aber ich war nicht in der Lage sie zu erkennen, sie anzuerkennen, sie wahr zu nehmen und was ganz wichtig ist, sie zu schätzen. Ich habe überhaupt nicht realisiert, von wie vielen wunderbaren Menschen ich eigentlich umgeben war.

    Und in diesem Leben hat der Alkohol überhaupt keinen Platz mehr. Es geht um ganz andere Dinge, um ein Bewusstsein, das ich versuche zu erreichen. Um eine Zufriedenheit, die ich erreichen möchte und die dann auch dauerhaft leben will. Ich bin heute ein sehr glücklicher Mensch, zufrieden und glücklicher als ich je in meinem Leben war. Das möchte ich mir bewahren und ich möchte andere daran beteiligen, Menschen helfen, sofern ich das kann und diese das auch möchten. Würde ich noch trinken, würde das alles keine Rolle spielen.

    Ich weiß jetzt nicht, ob Dir mein Geschreibsel nicht ein wenig zu abgefahren daher kommt. Ich sag mal so: Das hört sich vielleicht für manche ein wenig esoterisch an. Davon bin ich aber weit entfernt. Es geht m. E. einfach nur darum, dass man mit sich selbst ins Reine kommt und dann im Reinen bleibt. Hat man diese innere Ruhe erreicht und kann man sie bewahren, auch dann wenn das eigene Leben durch Einschläge von Außen mal durcheinander kommt (was natürlich auch uns trockenen Alkoholikern wie jedem andern passiert), dann braucht man das "Hilfsmittel" Alkohol nicht mehr. Dann wird einem schnell klar, wie sinnlos und kontraproduktiv dieses Zeug eigentlich ist.

    So, meine Worte zum Sonntag ;) Vielleicht verstehst Du was ich meine. Vielleicht findest Du ja jemanden, mit dem Du Deine Gedanken teilen kannst, mit dem Du über das sprechen kannst, was Du in Deinem Post angedeutet hast. Ich wünsche es Dir jedenfalls. Ich glaube das steckt ein Schlüssel für Dein Leben ohne Alkohol.

    Alles Gute.

    LG
    Gerchla

    Hallo Jonas,

    schön zu lesen, dass Du jetzt schon 14 Tage ohne Alkohol lebst. Meiner ursprünglichen Aussage mehr zu tun als "nur" nicht mehr zu trinken habe ich nichts hinzuzufügen. Wie man das macht muss man selbst heraus finden. Die Wege in ein zufriedenes Leben ohne Alkohol sind sehr individuell und manchmal brauchts auch mehrere Anläufe, was Dir hoffentlich erspart bleibt. Für manche sind es die klassischen Hilfsangebote, andere gehen andere Wege, wieder andere kombinieren unterschiedliche "Methoden". Wie gesagt, sehr individuell, wie wir Menschen selbst ja auch.

    Ich möchte Dir noch sagen: Bei aller positiver Energie die Du jetzt spürst, bei aller Euphorie die sich jetzt in Dir breit macht, sei bitte wachsam. Ich will Dir keinesfalls Deinen Erfolg vermiesen, das liegt mir mehr als fern. Ich schreibe Dir das nur, weil ich genau hier meine eigenen Erfahrungen machen musste. Ich kenne das Hochgefühl, das nach ein paar Tagen ohne Alkohol einsetzt sehr gut. Ich hatte dieses Gefühl bei allen meinen Trinkpausen, jedenfalls bei jenen, die länger als nur ein paar Tage gedauert haben. Das waren die Trinkpausen, die relativ am Anfang meiner Trinkerkarriere statt fanden. Später konnte ich leider nur noch kurze oder gar keine Pausen mehr einlegen.

    Mit dem Hochgefühl kamen bei mir dann auch immer irgendwann die Zweifel. Die Zweifel, ob ich wirklich so ein großes Alkoholproblem habe, wie ich mir "eingeredet" habe. Ich sagte mir dann immer: "na so schlimm kann es doch nicht gewesen sein" oder "eines kannst ja mal wieder trinken, Du hast ja bewiesen, dass Du jederzeit aufhören kannst", etc. Deshalb mein Hinweis: sei wachsam. Meine längste Trinkpause dauerte übrigens fast ein Jahr. Ein Biermischgetränk, spontan getrunken, weils mir ein Nachbar über den Zaun gereicht hat, brachte mich innerhalb von ein paar Tagen wieder auf die Spur und dann auch gleich auf ein neues, höheres Niveau.

    Also, das wollte ich Dir einfach nochmal als kleinen Hinweis aus meiner eigenen Erfahrung heraus schreiben. Bleib dran und lass uns ab und an mal wissen, wie Du so voran kommst. Alles Gute!

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Klaus,

    Zitat

    Insofern ist Deine Vergangenheit , gerchla, wenn ich das so sagen darf :), für mich ein abschreckendes Beispiel für eine Zukunft, zu der es nicht kommen darf.


    Natürlich darst Du das sagen. Das ist u. a. ein Grund dafür, warum ich hier aktiv bin. Ich schreibe hier immer ganz offen um den Betroffenen zu zeigen, dass Ehrlichkeit gegenüber sich selbst entscheidend ist für dauerhaftes Leben ohne Alkohol. Und was meine Alkoholkarriere betrifft: Wenn sie als abschreckendes Beispiel dient, dann ist das wunderbar. Sowohl hier im Forum als auch draußen im realen Leben kenne ich Geschichten von Menschen, die noch weit abschreckender sind als die meine. Schlimmer geht also immer.

    Zitat

    Das könnte ich nicht - nicht mehr, muss ich einschränkend sagen, weil ich während meiner Studien-Problem-Zeit auch alle angelogen habe.


    Da sei mal dankbar das es so ist. Als ich mit diesem Doppelleben begann, begann auch mein totaler Niedergang. Am Ende war ich körperlich stark angeschlagen und psychisch ein totales Wrack. Wenn ich zurück blicke, wundere ich manchmal selbst wie ich das alles so lange aufrecht erhalten habe können. Ich fragte mich besonders in den ersten Jahren meiner Zeit ohne Alkohol, warum ich nicht früher erkannt habe, dass mich dieses Verhalten nur in den absoluten Untergang führen konnte. Es war nüchtern darauf geblickt doch so offensichtlich. Und in den vielen Stunden des Grübelns und Nachdenkens kam mir dann irgendwann die Erkenntnis, dass ich es relativ früh gewusst habe, es aber verdrängte und die Sucht mir vorgauckelte, irgendwie wird das schon wieder werden. Was der Sucht dabei absolut in die Karten gespielt hat, war die Tatsache, dass ich heimlich trank. Denn so redete ich mir immer ein, dass ich ja "nur" heimlich aufhören muss und dann wird niemals irgendjemand etwas erfahren. Ich müsste dann auch niemanden meine ganzen Lügen und Betrügereien beichten. Somit müsste ich dann auch niemanden mit der Wahrheit verletzen und alles wird gut werden.

    Ich weiß nicht wie oft ich versucht habe heimlich aufzuhören. Es wurden immer nur Trinkpausen. Anfangs konnten die noch richtig lange sein, mehrere Wochen. Später noch ein paar Tage und die letzten Jahre ging gar nichts mehr. Trotzdem dachte ich auch da noch: Wenn Du einfach aufhörst wird alles gut, weil es weiß ja keiner was.

    Tja, dabei hatte ich schon so viel kaputt gemacht, Dinge getrieben die ich nur durch Lügen und nochmal Lügen und auf Lügen aufgebaute Lügen mühevoll verheimlichen konnte. Ich hatte überhaupt keine Chance mehr da heraus zu kommen ohne die Wahrheit auf den Tisch zu legen. Selbst wenn ich es geschafft hätte mit dem Trinken aufzuhören. Irgendwann hätte meine Frau halt mal nach unserer Lebensversicherung gefragt, die ich längst aufgelöst und verpulvert hatte. Und das ist jetzt eigentlich nur ne "Kleinigkeit" im Vergleich zu dem was ich sonst noch so getrieben habe.

    Dazu möchte ich Dir sagen:

    Zitat

    Bis spätestens dann muss ich mich für ein Leben entschieden haben! Und es wird nicht das Trinkerleben sein,


    Streiche dieses "bist spätestens" aus Deinem Hirn, aus Deinen Gedanken. Denn das ist doch letztlich sowas wie ein Hintertürchen. Denn das bedeutet ja: wenn's jetzt nicht gleich klappt, nicht so schlimm, denn dann hast Du ja immernoch Zeit bis.... Und so bleibt die Sucht und hagelt sich von Versuch zu Versuch....

    Viel besser wäre wenn Du sagst und auch denkst: JETZT ist der Zeitpunkt und jetzt ist Schluss und zwar für den Rest meines Lebens. Jetzt hast Du 16 Tage hinter Dir und jetzt gehst Du diesen Weg weiter. Was Du über das kontrollierte Trinken schreibst kann ich aus meiner eigenen Erfahrung nur bestätigen. Natürlich hatte ich diesen Weg auch mehrmals versucht. Und er hat ein paar mal auch für eine bestimmte Zeit funktioniert. Aber da ich ja bereits abhängig war, war es immer so, dass es nach der Euphorie der ersten Tage (klappt ja super!) zur Qual wurde und ich relativ schnell unter zuhilfenahme von fadenscheinigen Argumenten wieder auf mein altes Niveau kam.

    Ich denke Du hast gute Chance. Das Umfeld stimmt offenbar und ich lese bei Dir auch nicht heraus, dass Du dem Alkohol hinterher weinst. Du schreibst nichts darüber, dass Du Dir ein Leben ganz ohne überhaupt nicht vorstellen kannst. Das lese ich oft und das höre ich auch oft in persönlichen Gesprächen. Dass sich Menschen überhaupt nicht vorstellen können gar keinen Alkohol mehr trinken zu "dürfen". Wenigstens ein Glas mal, zum Anstoßen oder so. Ich frage dann immer: Und was meinst Du, dass Dir dieses eine Glas dann gibt? Was macht dieses eine Glas so wichtig, dass Du darüber Gefahr läufst wieder in den Alkoholsumpf abzugleiten oder erst gar nicht heraus zu kommen?

    Ich bekomme darauf dann i.d.R. Antworten, die ich nur dann nachvollziehen kann, wenn ich an meine eigene nasse Zeit zurück denke. Es sind dann die Antworten von Menschen, die noch nicht bereit sind, sich ehrlich und offen ihrer Sucht zu stellen.

    Und ich darf Dir versichern: Es ist überhaupt kein Problem komplett ohne Alkohol zu leben, es ist im Gegenteil einfach wunderbar und sehr befreiend. Und es gibt immer mehr Menschen, die das ganz freiwillig tun, also ohne eine Suchterkrankung im Hintergund. Sowas kann auch eine Lebenseinstellung sein. Und man muss auf nichts verzichten. Bestenfalls muss man lernen das man Dinge, von denen man dachte das man sie nur mit Alkohol tun kann (oder sie nur dann Spaß machen), genauso gut ohne tun kann. Ich möchte sogar sagen, aus fester Überzeugung und eigener Erfahrung, noch besser tun kann als mit Alkohol. Weil dann alles echt ist und auch weil man das was man tut auch wirklich selbst getan hat, bei vollem Bewusstsein und ohne den Katalysator / Stimmungsaufheller / Enthemmer / etc. Alkohol.

    Also bleibt dran. Zieh es jetzt durch. Mach Dir einen Plan was Du tust, wenn Du das Gefühl hast, Du könntest in Gefahr kommen. Manchmal ist es notwenig eine kurze kritische Zeit zu überstehen, daraus zu lernen, um dann gestärkt seinen Weg weiter gehen zu können.

    Alles Gute

    LG
    gerchla

    Hallo Klaus,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Schön, dass Du Dich dazu entschlossen hast Dich hier zu öffnen und aktiv mit uns zu kommunizieren.

    Bevor ich Dir meine Gedanken schreibe, will ich mich kurz vorstellen:

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Davor trank ich weit über 10 Jahre abhängig, die letzten paar Jahre davon begann ich teilweise schon morgens und es wurden extreme Mengen. Die Flasche Wein von der Du sprichst war für mich am Ende oft noch das AdOn am Ende eines bereits alkoholreichen Tages. Trotz dieser Mengen hatte ich Familie (Frau, 2 Kinder) und einen guten Job und funktionierte bist zum Schluss. Und, was vielleicht auch noch wichtig für Dich ist um Dir ein Bild von mir machen zu können: Ich trank fast meine ganze Alkoholikerzeit komplett heimlich (vielleicht die ersten 2-3 Jahre nicht). Also auch meine Frau und meine Kinder wussten bis zum Ende nichts von meiiner Sucht. Wie das geht weiß ich auch nicht. Ich war sicher ein begnadeter Lügner und Betrüger und ich hatte auch ein ausgprägtes Doppelleben. Quasi wie eine zweite Existenz, eine Parallelwelt (inkl. einer geheimen Unterkunft wo ich alleine trinken konnte). Du siehst, mit Doppelleben kenne ich mich aus und heute muss ich sagen: Es ist mit das Schlimmste was man machen kann.

    Zu Deiner Situation:

    Ich möchte Dich dafür beglückwünschen, dass Du Deiner Freundin "reinen Wein" ;D eingeschenkt hast. Und zu Deiner Freundin möchte ich Dich auch noch gleich beglückwünschen. Bessere Startbedingungen könntest erst mal gar nicht haben. Da ist also jemand, dem Du Dich offen anvertrauen konntest und dieser Mensch ist auch noch bereit Dich zu unterstützen. Und es handelt sich auch noch um Deine Freundin die, wie ich mal annehme, eine wahnsinnig wichtige Rolle in Deinem Leben spielt.

    Start also gut. Jetzt kommt es darauf an, dass Du das nicht vergeigst. Grundregel aus meiner Sicht: Absolute Ehrlichkeit, Dir gegenüber und jetzt natürlich auch Deiner Freundin gegenüber. Dieses Outing, dass Du ja bei ihr bereits vollzogen hast, halte ich für enorm wichtig und für einen unheimlich wichtigen und richtigen Schritt. Wenn es noch weitere wichtige Menschen in Deinem Leben gibt (z. B. Geschwister, gute Freunde, etc.) dann oute Dich auch da. Es muss nicht Hinz und Kunz wissen, die Dir nahestehenden Personen sollten aber schon wissen. Das ist kein einfacher Schritt, aber ein enorm wichtiger. Damit gestehtst Du Dir selbst nämlich bedingungslos ein, dass Du Alkoholiker bist und schließt gleichzeitig ein Hintertürchen. Diese Ehrlichkeit, also das sich selbst eingestehen ein Alkoholiker zu sein, ist m. E. eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen um diese Sucht überwinden zu können.

    Darüber hinaus bin ich persönlich der Meinung, dass "nur" nicht mehr trinken auf Dauer nicht ausreichen wird. Jedenfalls führt das nicht zu einem zufriedenen Leben ohne Alkohol, aus meiner ganz persönlichen Sicht. Jetzt, am Anfang, ist es erst mal wichtig, dass Du einfach nicht mehr trinkst. Da bist Du ja schon bei Tag 15 (meinen Glückwunsch) angelangt. Super, damit bist Du körperlich durch und kannst Dich um die eigentliche Sucht, also Deine Psyche, kümmern.

    Und genau das solltest Du unbedingt tun. Auf welche Art und Weise Du das tust, das musst Du selbst heraus finden. Wie Du sicher gelesen hast, machen viele eine Therapie, stationär oder ambulant. Anderen "reichte" es aus einfach "nur" regelmäßig eine SHG zu besuchen. Ich z. B. hatte eine "Mischung". Ich ging am Anfang quasi täglich in meine SHG, merkte dann im Laufe der Wochen, dass ich was anderes, dass ich "mehr" brauche. So gings dann zum Psychologen und als ich auch hier nicht weiter kam ging ich letztlich dann einen ganz anderen Weg. Ich erinnerte mich an einen Mönch, den ich Jahre vorher mal kennen gelernt hatte und fragte bei ihm nach, ob er bereit wäre mich zu begleiten. Das hatte damals nichts mit Glauben oder Religion zu tun, es ging einfach "nur" darum, dass ich in ihm einen Menschen sah, von dem ich glaubte, dass ich mich ihm gegenüber öffnen könnte. Und so kam es dann tatsächlich auch und viele Gespräche später war ich dann tatsächlich aus dem Gröbsten raus. Was ich damit sagen will: Das war sicher kein klassischer Weg, den ich da gegangen bin. Aber es war mein Weg. Und so muss jeder, das ist jedenfalls meine Meinung, seinen eigenen Weg finden. Ob der nun ein ganz klassischer ist oder so einer wie bei mir, das muss jeder selbst heraus finden. Wichtig aus meiner Sicht ist nur, dass man sich mit seiner Krankheit beschäftigt. Ich habe das Aufarbeiten (wieso weshalb warum und wo will ich eigentlich noch mit meinem Leben hin) als einen Schlüssel zur Überwindung der Sucht empfunden. Und dazu brauchte ich eben die von mir angesprochene Hilfe.

    Vielleicht reicht es Dir ja aus, dass Du Dich mit der Sucht so beschäftigst, wie Du das gerade tust. Vielleicht reicht Dir der Austausch hier, das Lesen, die Podcasts.... Ich möchte das nicht ausschließen. Wichtig ist aus meiner Sicht nur, dass Du wachsam bist, in Dich hinein hörst und dann ehrlich zu Dir selbst bist. Und wenn Du nämlich merkst, da läuft was komisch, da kommen irgendwie so komische Gedanken auf, z. B. solche wie "eigentlich könnte ich ja doch mal wieder... " oder "jetzt habe ich so lange nichts mehr getrunken, vielleicht bin ich ja doch nicht...." etc, dann solltest Du einen Notfallplan haben. Sonst läufst Du Gefahr, dass es Dir so ergeht wie leider dem allergrößten Teil der Alkoholiker, die versucht haben trocken zu werden. Nämlich über einen Rückfall zurück in die Sucht zu gleiten.

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles alles Gute, natürlich einen guten und offenen Austausch hier im Forum. Schön dass Du hier bist.

    LG
    gerchla

    Hallo Träumerle,

    also erst mal finde ich, dass Du zwei hochwertvolle Rückmeldungen bekommen hast. Nämlich von Frank und von Greenfox. Da kannst Du viel für Dich herausziehen.

    Ich möchte Dir auch noch kurz meine Gedanken dazu schreiben. Du stellst ja die Frage, warum es so schwierig ist auf dieses eine Glas zu verzichten. Und Du gibst Dir ja dann auch gleich die Antwort: weil es zur Gewohnheit geworden ist.

    Nun, wenn es nur Gewohnheit wäre, dann sollte es Dir möglich sein dieses Verhaltensmuster zu durchbrechen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Gewohnheit auch etwas ist, dass ziemlich "mächtig" sein kann. Etwas das, wenn man es dann ändert oder ändern will, schon einiges an Überwindung abverlangt. Je nachdem wie lieb man diese Gewohnheit oder den damit verbundenen Effekt eben gewonnen hat. Aber meiner Meinung nach ist es möglich, bei Gewohnheit rein durch den (starken) Willen, etwas zu ändern. Bei einer Sucht jedoch reicht dieser Wille nicht mehr aus. Ein starker Wille ist dann sicher notwendig und sehr hilfreich um überhaupt mal zur Besinnung zu kommen und eine Zeit lang, quasi über den Kampf, auf Alkohol verzichten zu können. Auf Dauer reicht der Wille dann aber nicht aus, da braucht es dann deutlich mehr.

    Auch ich kann Dir natürlich nicht sagen ob Du bereits süchtig bist oder "nur" Missbrauch betreibst. Aber ich habe es hier schon häufiger geschrieben: Für so wichtig halte ich den Unterschied hier gar nicht. Fakt ist doch, dass Du mit Deinem Konsum nicht einverstanden bist. Egal ob Du jetzt süchtig trinkst oder als Missbräuchler.

    Jetzt ist es doch eigentlich ganz einfach (ein bisschen ironisch gesagt): Du bekommst es hin und kommst mit diesem einen Glas Wein auf Dauer klar, machst vielleicht auch noch an manchen Tagen eine komplette Trinkpause (damit wärst Du dann in etwa in dem Bereich, was offiziell als risikoarmer Konsum gilt, je nach Größe dieses einen Glases) oder, wenn Dir das auch noch zuviel erscheint, Du trinkst einfach mal längere Zeit gar nichts mehr.

    Wenn Du letzteres, also komplett verzichten, wirklich bereits mit vollem Willen und vollem "Einsatz" versucht hast und es nicht schaffst, dann muss ich sagen: Bedenklich, wie es ja auch Greenfox schon formuliert hat. Ich würde dann aber auch vermuten, dass Du auf Dauer mit diesem einen Glas nicht hinkommen wirst. Und natürlich wird Dir wahrscheinlich niemand sagen können, was Du tun "musst" um jetzt auch noch dieses eine Glas stehen zu lassen. Ich meine, wenn Du tatsächlich süchtig bist, dann musst Du Dir einfach mal überlegen, wie wichtig Dir Dein Leben ist und was Du bereit bist dafür zu tun.

    Das könnte sein: Arzt aufsuchen, Suchthilfe aufsuchen, mit beiden zusammen über Deine Situation sprechen und Maßnahmen vereinbaren. Das könnte bedeuten, dass Du eine SHG besuchst, etc. Das könnten dann die Hilfen sein, die dazu führen, dass Du dieses eine Glas eben auch stehen lässt.

    Oder aber Du machst nochmal den ultimativen Test. Versuchst es mit festem Willen und trinkst ab sofort nicht mehr. Kippst alles weg was Du derzeit noch im Hause hast und machst einen kompetten Reboot. Wenn es Dich dann raus treibt um Alkohol zu besorgen, wenn Du dann beim nächsten Einkauf ins Regal greifst und Dir den Wein in den Wagen legst, ich denke, dann weißt Du was die Uhr geschlagen hat.

    Und übrigens: Selbst wenn Du jetzt "nur" Missbrauch betreiben würdest, was Dich ja offenbar sehr erleichtern würde, Du wärst trotzdem erst mal immer in Gefahr. Denn auch ein Missbräuchler braucht einen guten Plan um zu einem moderaten oder normalen Konsum zurück zu finden. Sehr gut ist es auch hier, erst mal ein paar Monate gar nichts mehr zu trinken um dann wirklich sehr sehr wachsam zu sein, wenn mal wieder ein Glas getrunken wird. Hier ist dann sicherlich ein starker Wille und große Disziplin ein guter Vorteil. Als Missbräuchler läuft man immer Gefahr doch mal in die Sucht zu rutschen. Und auch einem Missbräuchler steht es gut an sich Gedanken darüber zu machen, warum der denn Missbrauch betreibt (oder betrieben hat) und diese Gründe unbedingt abzustellen. Ich sehe da gar nicht so viele Unterschiede zum Alkoholiker, außer natürlich dem, dass er es eben noch schaffen kann (wenn er es richtig und konsequent angeht) und das er/sie eben dann später doch noch dann und wann mal ein Glas trinken kann ohne sofort wieder rückfällig zu werden und komplett in den alten Sumpf zu geraten.

    Ich weiß nicht ob ich Dir meine Gedanken verständlich machen konnte. Ich nehme immer oft diesen Riesenwunsch doch nur Missbräuchler zu sein wahr. Damit man in Zukunft nicht auf den so geliebten Alkohol verzichten MUSS. Allein darin steckt doch schon eine Riesengefahr.... Verstehst Du was ich sagen will. Allein dadurch sieht man doch, welch immens großen Stellenwert der Alkohol schon hat.

    Achte auf Dich! Ich glaube Du wanderst gerade am Grad entlang. Zieh unbedingt die Reißleine und nimm Dir das was Greenfox geschrieben hat unbedingt zu Herzen: Sei unbedingt ehrlich, vor allem zu Dir selbst. Das ist elementar wichtig! Egal ob süchtig oder (noch) nicht. Wenn Du es nicht schaffst das Zeug wenigstens mal ein paar Monate komplett aus Deinem Leben zu lassen, dann hast Du einfach ein Riesenproblem, und das solltest Du Dir dann auch ganz offen eingestehen. Ansonsten steht Dir wahrscheinlich eine typische Suchtkarriere bevor.

    Alles Gute und ich wünsche Dir, dass Du die richtigen Entscheidungen für Dich treffen kannst.

    LG
    gerchla

    Hallo Matthias,

    ich weiß nicht ob Dir irgendjemand auf Deine Fragen die richtige Antwort geben kann. Ich weiß auch nicht, ob es darauf überhaupt eine grundsätzlich richtige Antwort gibt. Ich glaube eher nicht, weil ich der Meinung bin, dass die Sucht trotz aller offensichtlichen Gemeinsamkeiten die alle Betroffenen haben, eine höchst individuelle Angelegenheit ist. Besonders was den "Feinschliff" betrifft. Damit meine ich das psychische dauerhafte Überwinden dieser Sucht. Also genau das, worauf es dann ja letztlich eigentlich ankommt. Das dauerhafte stabile überwinden dieser Sucht.

    Ich denke mir, bei allen Therapien, bei aller psychologischer Arbeit die man macht, und die aus meiner Sicht für die meisten sicher auch sinnvoll und notwendig sind, muss man am Ende doch seinen eigenen Weg finden. Ich empfinde diese Therapien, die psychologische Arbeit also als eine Art "Grundausbildung" um überhaupt in die Lage versetzt zu werden, diesen Weg erfolgreich gehen zu können. Aber auch hier gibt es ja große Unterschiede. Für die meisten macht das ganz sicher großen Sinn, einige jedoch schaffen es auch ohne oder mit anderen Mitteln, viele, sehr viele schaffen es trotz psychologischer Betreuung nicht dauerhaft.

    Meine Meinung ist, dass es darum geht ein zufriedenes Leben ohne Alkohol zu erreichen. Im Grunde um nichts anderes. Es darf gerne auch ein glückliches Leben sein, wobei Glück auch eine sehr individuelle Sache ist und für jeden etwas anderes bedeutet. Also lassen wir es bei Zufriedenheit. Das allein muss das Ziel sein. Denn wenn Du mit Dir und Deinem Leben zufrieden bist, fällt der Grund zum Trinken weg. Denn egal aus welchen Gründen Du getrunken hast, es hatte doch immer etwas damit zu tun, dass Du durch das Trinken etwas verändern wolltest. Egal in welcher Weise oder Richtung. Du warst mit Deinem IST-Zustand nicht zufrieden, der Alkohol versprach Dir eine eine Verbesserung. Sicher hast Du irgendwann dann mal getrunken weil Du halt süchtig warst. Aber ursprünglich sicher aus solchen Gründen, auch wenn Dir diese vielleicht gar nicht bewusst waren. Ich glaube den meisten ist es nicht bewusst und sie sage auch hinterher: ich bin da halt irgendwie rein gerutscht.

    Was will ich damit sagen? Wenn Dich Deine Therapie jetzt also belasten, wenn sie bei Dir eher zu einer Unzufriedenheit führen, Du Dich gedrängt, gedrückt und gezwungen fühlst, dann halte ich das nicht für zielführend. Dann solltest Du aus meiner Sicht darüber nachdenken, welche Therapieformen Dir wirklich etwas geben und welche das Gegenteil erreichen. Therapien aus Angst zu machen halte ich für den falschen Weg. Ich möchte betonen, dass das meine ganz persönliche Meinung ist, ohne irgendeinen medizinisch-psychologischen Hintergrund und natürlich ohne Anspruch auf Richtigkeit.

    Bei mir war es damals so, dass ich genau so ein Empfinden gegenüber meiner SHG entwickelt hatte. Diese Gruppe war in meiner Anfangszeit mein wichtigster Anker, sie war Gold wert für mich. Umso länger ich trocken war und je länger ich dann auch andere Hilfsmöglichkeiten nutzte, desto mehr bemerkte ich, dass mich die Gruppenbesuche mehr belasten als sie mir geben. Nun hatte ich aber die Aussage eines AA-Freundes im Kopf, der mir prophezeihte: "Erst verlässt du die Gruppe, dann wirst Du rückfällig". Aber, ich ließ mich nicht beirren. Ich wollte nichts tun,was meine Zufriedenheit negativ beeinflusste. Also verließ ich die Gruppe, ohne Groll, ohne negative Gedanken.

    Es war eine gute Entscheidung für mich. Und das ist jetzt viele Jahre her. Ich beschäftige mich heute jeden Tag mit Dingen, die mir gut tun, die dazu führen, dass ich mich gut und zufrieden fühle. Auch in Zeiten, die mal schwieriger sind. Denn diese machen wir trockenen Alkoholiker ja genauso durch wie jeder andere Mensch auch. Hier gehts im die Langzeitperspektive, hier geht es um die Grundzufriedenheit mit dem eigenen sein, dem eigenen Leben. Rücke das in Deinen Fokus und triff Deine Entscheidungen genau danach. Vielleicht ist das ein Weg für Dich. Für mich war es genau der richtige.

    LG
    gerchla

    Ich vermute mal Du meinst Tremens oder auch Alkoholdelir. Die Gefahr besteht grundsätzlich natürlich. Deshalb sollte man auch nicht ohne ärztliche Begleitung entziehen. Was Du gerade machst ist ein kalter Entzug, das kann gefährlich werden und man sollte sowas nicht machen. Trotzdem machen das Viele weil sie nicht zum Arzt gehen wollen, aus diversen Gründen.

    Wenn Du also auf die sichere Seite willst dann ab zum Arzt oder in die Klinik. I.d.R ist der körperliche Entzug nach etwa 7 - 10 Tagen durch. Der psychische Entzug ist die eigentliche Sucht. Das begleitet Dich dann für den Rest Deines Lebens. Und genau dafür braucht’s dann eben mehr als nur nicht trinken. Genau dafür sind z.B. Therapien da. Aber auch die sind keine Garantie. Es liegt an Dir allein und wie Du Dein Leben ohne Alkohol weiter gestaltest. Wenn Du es schaffst ein zufriedenes Leben ohne Alkohol zu führen wird das Zeug keine Rolle mehr für Dich spielen. Aber das ist ein Prozess, eine Entwicklung die Du eben z.B. Mit einer Therapie beginnst. Oder auch mit anderen Maßnahmen.

    Also ab zum Arzt, dann bist erst mal safe.

    LG
    Gerchla

    Hallo Jonas,

    Herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich hab gerade wenig Zeit darum nur kurz. Auf Deine Frage was Du tun solltest ist meine Antwort:

    Auf jeden Fall mehr als nur nichts mehr zu trinken. Denn wenn Du süchtig bist wird das auf Dauer nicht funktionieren. Wenn Du es wirklich ernst meinst, dann geh zum Arzt, rede dort ganz offen. Geh auch zur Suchtberatung und sei dort offen und ehrlich. Such Dir ne Selbsthilfegruppe, am besten sofort. Dort bekommst sofort sozusagen erste Hilfe und hast kompetente Ansprechpartner.

    Und dann mach mit all diesen Erkenntnissen und zusammen mit Arzt und co einen Plan wie es weiter geht. Therapie etc. Dann ist es immer noch ein langer und schwerer Weg aus der Sucht aber dann hast Du auf jeden Fall eine Chance. Wenn Du dagegen versuchst es mit Dir selbst auszumachen wird es schwierig. Die Quote derjenigen die aus der Sucht kommen ist ohnehin total niedrig. Ganz ohne Hilfe schafft es kaum jemand. Ich persönlich kenne jedenfalls niemanden.

    Wenn Du also da raus willst, dann lass Dir helfen. Du bist krank und solltest handeln wie bei jeder anderen schlimmen Krankheit auch.

    Alles Gute

    LG
    Gerchla

    Hallo Matthias,

    das klingt nicht so schön, was Du da schreibst. Es liest sich für mich so, als ob Deine Frau nicht so viel Verständnis für Deine Situation hätte.

    Aus der Sicht Deiner Frau, die wahrscheinlich wie bei uns Alkoholikern so üblich, einiges mit Dir mitgemacht hat, kann man das vielleicht ein wenig nachvollziehen. Als Du aktiv getrunken hast war sie sozusagen alleine und hatte für alles die Verantwortung und jetzt, wo Du nicht mehr trinkst, läuft es immernoch nicht so, wie es aus ihrer Sicht eigentlich sein sollte. Jetzt braucht der Herr plötzlich Zeit für sich, ist überfordert, will langsamer machen anstatt ranzuklotzen und sich um die Familie / Verpflichtungen / etc. zu kümmern. Verstehst Du was ich sagen will, einfach mal der Blick von der anderen Seite.

    ABER, ich schreib Dir da jetzt ganz ehrlich meine Meinung, ich finde das ist eine ganz gefährliche Situation in der Du da gerade steckst. In der Ihr da gerade steckt. Warum? Du stehst enorm unter Druck, Du weißt eigentlich ganz genau, was Dir gut tun würde und wie Du ohne Alkohol Dein Leben gestalten müsstest damit es auf Dauer gelingen kann. Deine Frau dagegen hält genau das für ziemlich egoistisch und erklärt Dir, dass es hier ja nicht nur um Dich geht, sondern Du ja schließlich eine Verantwortung hast. Das es möglicherweise ja auch diese Verantwortung (oder wahrscheinlich eher Dein Umgang mit dieser) war die mit dazu beigetragen hat, dass Du da so tief hinein gerutscht bist und dann auch immer wieder ausgerutscht bist, dass hat sie nicht auf dem Schirm. Und vielleicht ist bei ihr auch einfach das Fass voll und sie will endlich, dass es funktioniert, dass sie quasi ein ganz normales Leben führen kann, welches ihr ja alkoholbedingt jahrelang genommen wurde. Und jetzt dreht sich aus ihrer Sicht trotzdem wieder nur alles um Dich, wie eben auch schon zu Deinen Alkoholzeiten.

    Ich bitte Dich meine Zeilen hier nicht als Angriff o. Ä. zu verstehen. Ich versuche nur meine Gedanken niederzuschreiben. Auch aus meinen eigenen Erfahrungen heraus. Und werte nichts und will keinesfalls weder Dir noch Deiner Frau irgendwelche Vorwürfe machen.

    Die Frage ist natürlich, was Du tun könntest, um diese Situation zu meistern. Wenn Du Deine Frau liebst und Deine Frau Dich liebt, dann kann der einzige Weg nur der Weg des miteinanders sein. Dann ist reden, reden, reden und GEMEINSAM nach Lösungen suchen der beste und wahrscheinlich einzig sinnvolle Weg. Möglicherweise braucht ihr hierfür Hilfe von außen. Jemanden, wo ihr beide Eure Sicht der Dinge darlegen könnt, der dann vermittelt oder auch übersetzt. Vielleicht solltet ihr versuchen zusammen aktiv so einen Schritt zu gehen und Euch helfen zu lassen.

    Die große Gefahr die ich sehe ist, dass Du (das erinnert mich an mich selbst) unter dieser Last zerbrichst. Was dann einem Aufgeben gleich kommt und Du deshalb wieder auf Dein altes, gewohntes Hilfsmittel, den Alkohol zurück greifen könntest. Du schreibst ja dieses hier:

    Zitat

    Aber ich kann auch nicht alles für die Familie machen...ja ich bin Vater und Ehemann...aber bin ich denn nicht auch einfach ICH...ICH, der an sich selbst denken darf?

    Und natürlich hast Du m. E. damit auch völlig Recht. Es ist sogar elementar wichtig, dass Du auch an DICH denkst. Es ist von zentraler Bedeutung (gerade eben in Hinblick auf die Sucht), dass Du zur Ruhe kommst, dass Du einigermaßen in Balance bist. Nur wenn Du selbst mit Dir im Reinen bist, wenn Du klar bist, wenn Du gefestigt im Alltag stehst wirst Du das leisten können, was Deine Familie von Dir erwartet und was sie sicher auch verdient hat. Problem: Deine Frau sieht das etwas anders bzw. ist dieser Thematik vielleicht nicht bewusst oder hat einfach keinen Bock mehr, dass ich immer nur alles um Dich dreht. Selbst jetzt, wo Du nicht mehr trinkst.

    Und genau das ist das Problem und genau das halte ich für sehr gefärhlich. Deshalb solltest Du das unbedingt thematisieren und ggf. Hilfe dazu holen. Siehe meine Zeilen oben.

    Dazu noch aus meiner Geschichte:

    Als ich damals trocken wurde und begann über mich, meine Sucht und auch meine Zukunft nachzudenken, wurde mir sehr schnell klar, dass ich mich von meiner Frau trennen muss. Das hat jetzt nichts mit Deiner Geschicht zu tun, meine Frau wollte an unserer Beziehung festhalten und mich aktiv in die Trockenheit begleiten. Für mich war aber von Anfang an klar, dass mir meine Trockenheit das wichtigste ist und dass ich diesem Ziel, also nie mehr wieder einen Tropfen Alkohol trinken zu wollen, alles unterordnen werde. Das war wie ein Schwur für mich. Und ich merkte, mir wurde bewusst, dass ich dieses Ziel an der Seite meiner Frau nicht erreichen werden. Dass es viele Gründe gab, weshalb ich bei einer Fortführung dieser Beziehung scheitern werde.

    Diese Gründe waren u. a. meine Schuldgefühle ihr gegenüber, die mich quasi erdrückten und die mir durch ihre Anwesenheit, durch ihre Worte, ihre Taten usw. immer wieder vor Augen geführt wurden. Und glaube mir, sie hat mich keinesfalls aktiv mit Vorwürfen überzogen, nein. Aber klar, wenn jemand so extrem verletzt wurde wie meine Frau durch mich, dann kann man nicht einfach zur Tagesordnung über gehen nur weil der Herr jetzt aufgehört hat mit dem Trinken. Dafür hatte und habe ich nach wie vor größtest Verständnis.

    Dann waren da natürlch auch noch meine Gefühle ihr gegenüber. Wir hatten uns über die Jahre auseinander gelebt. Ich konnte keine Liebe mehr fühlen. Eine starke Liebe zu meinen Kindern, aber zu ihr..... Und noch einiges mehr an wichtigen Gründen. Du darfst mir glauben, dass diese Trennung für mich die härteste Entscheidung meines Lebens war. Und dass ich durch die Hölle ging. Einmal weil ich damit meine Kinder "verlor" die bei der Mama blieben und andererseits aber auch, weil ich meiner Frau (die ich zwar nicht mehr liebte aber deswegen keinesfalls verachtete o. ä.) nochmal fürchterliches Leid angetan habe, antun musste. Und damit natürlich auch meinen Kindern, die ja nichts anderes wollten als ihre heile Welt mit Mama und Papa zu erhalten.

    Entscheidend war für mich aber die tiefe Erkenntnis, dass ich wieder trinken würde, wenn ich diesen Schritt nicht mache. Davon bin ich übrigens auch heute noch, und mittlerweile sind viele Jahre vergangen, überzeugt. Die Alternative wäre also gewesen, dass ich wohl wieder angefangen hätte mit dem Trinken, früher oder später. Und das, darüber war ich mir absolut im Klaren, wäre sowohl für mich selbst aber auch für alle anderen, also meine Frau und meine Kinder, das mit Abstand schlimmste gewesen was passieren hätte können. Schlimmer als diese Trennung war. Ich bin mir relativ sicher, dass ich da dann nicht mehr heraus gekommen wäre und alle mit in den Abgrund gerissen hätte.

    Ich wollte Dir das einfach mal schreiben. Nur so zum Nachdenken und zur Selbstreflexion. Damit will ich keinesfalls andeuten, dass Du Dich trennen solltest. Denn Deine Situation ist sicher eine ganz andere als es die Meinige war. Was Du aber aus meiner Sicht unbedingt lösen musst, ist der Druck unter dem Du stehst. Denn permanter Druck braucht ein Ventil, und bei uns Alkoholikern ist die Gefahr das wir auf unser bewährtes Ventil, dem Alkohol, zurück greifen leider hoch. Am besten ist es, den Druck (die Gründe) heraus zu nehmen und erst gar nicht entstehen zu lassen.

    Meine Gedanken, die ich Dir schreiben wollte.

    Alles Gute.

    LG
    gerchla

    Hallo Matthias,

    also da springt mich ganz spontan ein Rat an, den ich Dir geben würde. Und der lautet: Sprich mit Deiner Frau. Offen, Ehrlich und direkt. Teile ihr diese Gedanken mit, genau diese Gedanken, die Du uns hier jetzt geschrieben hast. Sprich ganz offen mit ihr. Sag ihr, dass Du nicht mehr so sein willst wie Du früher warst weil genau das es war, was Dich zu dem gemacht hat was Du früher warst. Ich meine das jetzt bezogen auf Alkohol.

    Ich denke, in einer Beziehung ist Offenheit und Ehrlichkeit das wichtigste. Und natürlich, dass man seinen Partner vertrauen kann. Ich kenne Dich nicht, ich kenne Deine Frau nicht. Wahrscheinlch hast Du Gründe, weshalb Du nicht offen mit ihr darüber sprichst. Vielleicht hast Du Angst, dass dann ganz schnell wieder der Koffer an der Tür steht, weil Deine Frau keinen Bock auf so einen Typen hat. Jemanden der jetzt zwar nicht mehr trinkt, dafür aber irgendwie plötzlich anderweitig nicht so ist, wie sie sich das vorstellt.

    Aber es könnte ja auch gut sein, dass sie einfach nicht weiß was los ist. Das sie das alles einfach nicht versteht, weil es ihr keiner erklärt hat. Dass Du auf Verständnis bei ihr treffen würdest, weil sie plötzlich versteht, weil sie plötzlich weiß, was da in Dir eingentlich so abgeht. Weil sie plötzlich Deine Sorgen, Deine Ängste kennt. Weil Du Dich ihr ANVERTRAUST (Stichwort: Vertrauen in einer Partnerschaft)

    Wie gesagt, ich kenne Euch ja nicht. Und das ist auch nur meine Meinung.

    Ich habe mir nach meinem Ausstieg aus der Sucht ganz fest vorgenommen immer ehrlich zu sein. Und auch immer zu sagen, was mich bedrückt, was ich denke, was ich fühle. Ich will mich nicht mehr verstellen. Nachdem meine erste Ehe ja gescheitert war, durch meine Sucht und meine Schuld habe ich mir bei meiner zweiten Ehe fest vorgenommen, diese ganzen Fehler die ich damals (größtenteils natürlich auch suchtbedingt) nicht mehr zu machen. Und einer der größten Fehler die ich gemacht habe war es, nicht zu reden. Nicht zu sagen was ich möchte, nicht zu sagen was ich nicht möchte, nicht darüber zu sprechen was mich stört, einfach nicht zu kommuniziern. Reden, reden, reden und zwar immer miteinander. Ich halte das für enorm wichtig.

    Das wäre mein Rat.

    Alles Gute!

    LG
    gerchla

    Hallo Pyrophoric,

    Zitat

    . Er braucht nen Plan.
    Wie verhalte ich mich in schwachen Momenten usw..
    Wie bewältige ich meinen Stress ohne Suchtmittel..
    Das lernt er alles nicht von nem SELBSTENTZUG in der Firma.


    Ja, das wären dann u. A. die Dinge, die er z. B. im Rahmen einer Therapie erarbeiten würde. Und noch sehr viel mehr. Für manche ist es auch ok, wenn sie sich regelmäßig in einer SHG austauschen. Oder oft eben einfach auch beides, also in irgendeiner Form eine Therapie, eine auch psychologische Auseinandersetzung mit der Sucht und auf der anderen Seite die Hilfe durch die SHG, in der dann neben den therapeutischen / psychischen Ansätzen die das praktische, das tägliche Leben statt findet. Darüber hinaus kommt man auch in eine Gemeinschaft von Menschen, die aus eigener Erfahrung berichten können. Für mich war es damals auch enorm befreiend zu spüren, zu realisieren, dass ich nicht allein bin mit meiner Sucht, dass ich einen Anker habe, wo ich auch abseits der regulären Gruppenstunden einfach mal mit denjenigen, die mir besonders sympathisch waren, Dinge ansprechen konnte die mich bedrückten.

    Zitat

    Ich höre über Ecken, dass er voll euphorisch ist und sich auf sein neues Leben freut aber ich finde dafür hat er noch gar nichts getan - außer den Konsum eingestellt.
    Wow ! Beeindruckt mich halt einfach nicht mehr. Selbst wenn ich wollte, die Euphorie kann ich null mit ihm teilen.


    Weißt Du, wahrscheinlich empfindet er das auch gerade so. Ich hatte das auch. Immer relativ am Anfang meiner Trinkpausen stellte sich so ein sehr positives, manchmal regelrecht euphorisches Gefühl ein. Ich konnte es natürlich nicht hinausblasen, weil ich ja immer heimlich pausierte da ich ja auch heimlich trank. Das hätte ich aber sehr gerne getan, weil es ja so ein tolles Gefühl war. Ich erinnere mich gut. Wie ich mir dann selbst sagte: schon 10 Tage keinen Alkohol mehr, super, toll, könnte Bäume ausreißen. Man spürt ja dann auch schon nach kurzer Zeit eine Veränderung, erst mal auch körperlich. Ist fitter, vitaler, etc. Dann auch psychisch, weil man ja in dieser Zeit nicht das ganze schlechte Gewissen mit sich rumschleppen muss. Denn man trinkt ja gerade nicht und ist der Meinung das würde jetzt auch erst mal so bleiben...

    Tja, da habe ich (und so ist es bei fast allen die einfach nur nicht mehr trinken) die Rechnung ohne die Sucht gemacht. Denn irgendwann, je nach Ausprägung der Sucht beim einen früher beim anderen später, kommen wieder die Suchtgedanken. Ich hab schon soooo lange nichts mehr getrunken, ich könnte doch wenigstens ein Bier.... Vielleicht bin ich ja doch nicht süchtig..... oder aber kommt einfach ein Anlass daher (oder etwas das sich als solcher eignet). Also z. B. ne Feier, ein negatives Erlebnis, ein positives Erlebnis, etc. und schwupp ist vorbei mit der Herrlichkeit.

    Also, alles gut bei Dir was Deine Enstellung betrifft. Lass ihn einfach machen. Kümmere Dich um Dich. Was für Dich jetzt noch wichtig wäre, zumindest ist das meine Meinung, wäre, dass Du ihm und seiner Sucht nicht mehr soviel Raum in Deinem Leben einräumst. Versuche Dich noch mehr zurück zu ziehen, Kommunikation zu minimieren idealerweise einzustellen, wenigstens immer wieder über einen längeren Zeitraum. Damit Du Abstand gewinnen kannst. Den brauchst Du um da ganz raus zu kommen und auch um neu beginnen zu können. Und keine Sorge, das ist ein längerer Prozess und sollte er jetzt tatsächlich ernsthaft an seiner Trockenheit arbeiten, wird Dir das nicht entgehen. Nur für den Fall, dass Du dann nochmal nachdenken möchtest. Wobei es auch sein kann, dass Du im Zuge Deiner Aufarbeitung der ganzen Geschichte zur Erkenntnis kommst, dass Du keine gemeinsame Zukunft mehr siehst. Und auch einfach keinen Bock mehr hast mit der Angst leben zu müssen, dass er doch wieder zur Flasche greift. Lass es einfach auf Dich zukommen.

    LG
    gerchla

    Rina
    Es gibt so viele schlimme Geschichen aus meiner Alkoholikerzeit. Für mich war es ganz wichtig, diese als Teil meines Lebens anzunehmen. Das Lügen war, im Nachhinein betrachtet, das zentrale Element meiner Alkoholikerzeit. Das Lügen dominierte wirklich alles. Angefangen bei kleinen, relativ harmlosen Lügen bis hin so solchen regelrecht unglaubwürdigen und unfassbaren Geschichten wie die von meiner Mama. Gefühlt lügte ich ab einem bestimmten Zeitpunkt meiner Sucht quasi ständig. Viele Lügen bauten auf vorangegangenen auf, so dass ich irgendwann selbst ich (der Urheber) Mühe hatte, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden.

    Nachdem ich trocken wurde habe ich mir geschworen immer ehrlich zu sein. Das ist nicht immer so einfach, aber enorm wichtig für mich. Ich glaube das Du mit Deiner Überzeugung komplett richtig liegst.

    Pyrophoric

    Zitat

    Er sagt zwar, er sagt das alles nicht um mich zurück zu bekommen - aber weiß man es ?


    Warum schreibt er Dir denn das alles und macht nicht einfach? Manipulieren gehört zum kleinen Einmaleins des Alkoholikers. Lass das bei Dir nicht zu. Schau Dir das ganze aus der Ferne an. Natürlich will er Dich beeinflussen, hätte am liebsten, dass Du wieder zurück kommst. Ich glaube, ich muss das leider so sagen, es wird sich nicht viel tun bei ihm. Ich glaube nicht, dass er seinen Worten auch entsprechend nachhaltige Taten folgen lassen wird. Aber wie gesagt, dass sollte nicht Dein Ding sein. Es ist seins.

    Hallo Pyrophoric,

    Zitat

    Ich muss das erst mal sacken lassen. Bin aber froh zum ersten Mal solche Worte zu hören.


    Das kann ich gut verstehen. Also beides meine ich. Einmal, dass Du das erst mal sacken lassen musst und auch, dass Du froh darüber bist solche Worte von ihm zu hören. Denn das gibt Dir ja sicher etwas Hoffnung, ein kleiner Schimmer, dass er vielleicht ja doch....

    Aus meiner Erfahrung: Erst mal sind es nur Worte. Worte sind etwas, mit dem ein nasser Alkoholiker gerne spielt. Unbewusst manchmal, manchmal auch ganz bewusst um die für ihn erhoffte Reaktion zu provozieren, oft sagt er aber auch Dinge, die er in diesem Moment auch so meint, die aber auf längere Sicht bedeutungslos sind, weil ihn dann die Realität der Sucht wieder eingeholt hat.

    Ich möche Deinem Mann gar nicht unterstellen, dass er es in dem Momant, wo er diesen Brief an Dich geschrieben hat, nicht auch so gemeint hat. Ich weiß das von mir selbst. Ich war mir oft "ganz sicher", dass ich es ab jetzt ganz anders machen werde..... Ich weiß nicht, wie oft ich diese Situationen hatte. Nur ein einziges Mal habe ich es dann wirklich anders gemacht. Das war an dem Tag, an dem ich den bisher letzten Tropfen Alkohol meines Lebens getrunken habe.

    Wichtig ist aus meiner Sicht, wie Du jetzt mit diesem Brief, dieser Aussage von ihm, umgehst. Wäre ich an Deiner Stelle, so würde ich ihm sagen, dass es schön ist und Dich freut, dass er jetzt etwas unternehmen möchte. Und dass er das jetzt doch auch einfach erst mal tun soll. Ich sage Dir ehrlich: Ich würde mich est mal nicht in seine SHG setzen. Ich würde ihm sagen, dass das jetzt erst mal sein Ding ist, seine Sucht die er da bekämpft, gegen die er etwas unternimmt. Ich würde es offen lassen, ob Du zu einem späteren Zeitpunkt einmal bereit bist mit in die Gruppe zu gehen. Du kannst ihm ja sagen, dass Du bereits eine eigenen Gruppe hast und das Du diese weiterhin besuchen möchtest.

    Ich würde mich sehr deutlch abgrenzen, nach wie vor. Damit lässt Du ihn keneinesfalls im Stich sondern "sorgst" nur dafür, dass er diesen Prozess eigenverantwortlich an geht. Und das halte ich für sehr wichtig, denn, ich schrieb es häufiger hier im Forum, er ist für sich selbst verantwortlich. Idealerweise wird ihm klar, dass er diese Sucht für sich überwindet und nicht für Dich. Denn wenn er es "nur" für Dich tut, dann wäre jede Vestimmung, jeder Streit, jede Auseinandersetzung die ihr in Eurer weiteren Beziehung habt (und sicher wie ganz normale andere Paare auch haben würdet) ein hochgradiger Anlass wieder zu trinken. Nach dem Motto: "Nur wegen Dir habe ich mit dem Saufen aufgehört und jetzt kommst Du mir mit xyz".

    Bitte verstehe es auch nicht falsch, wenn ich Dir schreibe, dass ich sehr skeptisch bin was seine tatsächlichen Ambitionen bzw. das tatsächliche Umsetzen seiner Ankündigungen betrifft. Auch wenn Du das so zum ersten Mal hörst. Es gehört auch "zur Kunst" des Alkoholikers, den dramaturgischen Bogen langsam immer mehr zu spannen. Ich hab' auch nicht all mein Pulver auf einmal verschossen. Ich habe wohldosiert immer noch eines drauf gesetzt. Ich hab z. B. meine Mama mal bei einem Verkehrsunfall fast sterben lassen, nur um die Dinge zu erreichen, die ich eben erreichen wollte. Dabei war es Anfangs nur ein kleiner Unfall, dann kamen Komplikationen dazu und dann gings irgendwann dem Ende entgegen. Ach so: Meine Mama hatte übrigens nie einen Verkehrsunfall. Ich habe alles von vorne bis hinten frei erfunden. In den Zeiten wo ich z. B. in die Spezialklinik nach xy zu Besuch gefahren bin (mit Übernachtung weil der Weg ja so weit war) konnte ich ungestöhrt trinken. Nichts anderes wollte ich doch und meine Scheinwelt noch ein wenig weiter aufrecht erhalten. Irgendwie Zeit gewinnen. Ich weiß gar nicht mehr wieviele Herzinfarkte meine Mama dann in diesem krankenhaus noch hatte und immer knapp überlebte. Diese ganze Schmierengeschichte von mir zog sich über Monate. Monate, in denen sie nur dazu diente mir Trinkzeiten zu ermöglichen und, was viel wichtiger war, mich in die Rolle des armen, bemittleidenswerten und aufopferungsvollen Sohnes zu bringen. Denn wer so mit solch einer enormen Geschichte belastet ist, für den hat man Veständnis, den lässt man in Ruhe, den kommt man jetzt nicht mit anderen Dingen. Und den spricht man auch nicht darauf an, was einem gerade nicht passt. Denn der ist ja gerade in so eine Ausnahmesituation. Nichts andere wollte ich mit dieser gigantischen Lügengeschichte erreichen und nichts anderes habe ich erreicht. Es war die letzte große Lügengeschichte meiner Karriere, die bis zum Tag x, also dem Tag meines Ausstiegs, andauerte.

    Ich kann es nur nochmal sagen: Worte sind nur Worte. Bei einem nassen Alkoholiker zählen ausschließlich Taten. Und das dann auch über einen längeren Zeitraum, nicht nur ein paar Wochen oder Monate.

    Zitat

    ber das es sicher trotzdem Leute geben wird, die in seiner Gesellschaft Alkohol irgendwo trinken würden und das auch kein Problem für ihn wäre.


    Dieser Satz hier ist z. B. einer, der mir die Nackenhaare aufstehen lässt. Als ich wirklich aufgehört hatte, also in den ersten Tagen und Wochen ohne Alkohol, war genau das etwas, worüber ich mir u. a. ganz viele Gedanken machte: Die Angst, dass andere in meiner Gegenwart trinken, die Angst, dass diese mich animieren doch mitzutrinken, die Angst, dass diese mich fragen, warum ich nicht trinke, die Angst, dass mir jemand sagt: eines kannst doch trinken. NIEMALS hätte ich von mir gesagt oder auch nur gedacht, dass das kein Problem für mich wäre.

    In dem Moment als mir bewusst wurde, dass ich weg will von dieser Sucht wurde mir auch klar, wie mächtig und gefährlich sie ist. Ich hatte mehr als nur Respekt, ich hatte richtig Angst, dass ich es vielleicht doch nicht schaffen könnte. Obwohl ich bereit war ALLES dafür zu tun, also auch Therapie, Psychologe etc. Trotzdem hatte ich anfangs regelrecht Angst, war verunsichert. Niemals hätte ich sagen können, das es kein Problem für mich ist, wenn in meiner Gegenwart Alkohol getrunken wird. Im Gegenteil, ich habe die ersten 2 Jahre Veranstaltungen /Situationen in den ich vermutete, dass getrunken wird vermieden so gut es ging. Tut mir leid, aber so eine Aussage seinerseits lässt mich stark daran zweifeln, dass er den Schuss wirklich gehört hat.

    Dennoch will ich Dir Deine Hoffnung nicht nehmen. Die Frage, die nur Du Dir beantworten kannst ist, wieviel Raum Du dieser Hoffnung in Deinem Leben geben möchtest. Klar, die Hoffnung, sie stirbt ja zuletzt. Hält man aber zulange an ihr fest, kann es auch gut sein, dass man vor ihr stirbt (in diesem Fall meine ich das im übertragenen und nicht im wörtlichen Sinne).

    Alles alles Gute wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla

    Hallo Outdoor,

    es ist ja eigentlich schon alles gesagt bzw. geschrieben. Ich persönlich denke, dass das von Dir genannte Ziehen der Reißleine die einzige Option für Dich sein wird.

    Deine Frau ist sehr krank. Und leider, wie Du ja schon mehrfach lesen konntest, kann nur sie allein diese Krankheit besiegen. Wenn sie es denn möchte. Danach sieht es aber leider nicht aus. Also hast Du im Grunde nur zwei Optionen: Weiter den Weg mit ihr gehen um unter ihrer Sucht zu leiden und schlimmstenfalls mit ihr unter zu gehen, oder: Deine eigenen Weg zu gehen und ihr den ihrigen zu lassen.

    Zitat

    Ich finde es so schlimm wie zerstörerisch Alkohol ist und es in der Gesellschaft einfach dazu gehört sich ständig zu betrinken.


    Vor ein paar Jahren noch, hätte ich Dir da ungeingeschränkt zugestimmt. Heute muss ich sagen: Erstaunlich wie viele Menschen in meinem Umfeld so gut wie überhaupt keinen Alkohol mehr trinken. Und damit meine ich jetzt natürlich nicht die trockenen Alkoholiker die ich kenne. Mir scheint, es findet da schon eine Bewusstseinsveränderung zumindest in Teilen der Gesellschaft statt. Sicher hat der Alkohol nach wie vor seinen mehr als zweifelhaften Ruf ein "Kulturgut" zu sein. Und ja, für viele gehört er auch einfach dazu. Aber ich glaube da tut sich was, wenn auch nur in kleinen Schritten. Das Du das jetzt in Deiner Situation gerade völlig andres siehst kann ich aber natürlich gut verstehen.

    Ändere Dein Leben, verändere Dein Umfeld. Dann wirst Du möglicherweise auch eine andere Sicht auf die Dinge erhalten.

    Alles Gute auf Deinem Weg.

    LG
    gerchla