Hallo Cäcilia,
weißt Du, alles was Du schreibst, all die scheinbar unvorstellbaren Widersprüche die Dein Mann in sich vereint, all das für Außenstehende unfassbare Verhalten Deines Mannes, all das ist für einen Alkoholiker, der so tief in der Sucht hängt wie Dein Mann ziemlich typisch, quasi normal.
Obwohl ich selbst Alkoholiker bin und die Wirkung dieses Zeugs und auch die Veränderung meines eigenen Wesens und meiner eigenen Psyche miterlebt habe (und es glücklicherweise auch nicht vergessen habe), musste ich beim Lesen Deiner Zeilen ein ums andere mal den Kopf schütteln. Nicht, weil ich so entsetzt darüber bin was Dein Mann so treibt (der verhält sich, wie schon geschrieben, wie es viele Alkoholiker in dieser Phase der Sucht tun), sondern ich bin eher entsetzt, wie wenig Du Dir eigentlich wert bist. In diesem Zusammenhang bitte ich Dich, dass Du Dich auch mal mit der Krankheit "Co-Abhängigkeit" beschäftigst. Ich kann nicht genau beurteilen, ob Du davon betroffen bist, es könnte aber sein, dass das auch eine Rolle spielt. Und das ist dann auch eine sehr ernstzunehmende Angelegenheit.
Und bitte denke auch mal über die sicher sehr harten, aber doch auch sehr berechtigten Worte von Susanne nach, was die Zukunft Deiner (Eurer) Kinder betrifft. Es ist eben so, dass Du die Verantwortung für Deine Kinder hast. Klar wäre da ja auch noch der Vater, aber den kannst Du halt alkoholbedingt komplett vergessen. Du bist der einzige Halt, der einzige Anker, den Deine Mädels haben. Ich weiß, es ist nicht gerecht und es ist nicht das, was man sich wünscht, wenn man gemeinsam eine Familie gründet und Kinder bekommt. Man wünscht sich, dass beide Elternteile ihrer Verantwortung gerecht werden. Aber Dein Mann hat sein Leben an den Alkohol abgegeben. Und der lässt keinen Raum für andere Beziehungen. Der Alkohol will immer der /die Einzige sein, die Sucht setzt alles daran die Nummer eins im Leben eines Süchtigen zu sein. Und das ist sie auch, dann kommt lange nichts, sehr lange und dann kommst vielleicht mal Du oder die Kinder. Aber nur wenns gerade passt.
Ich finde es gut, dass Du mal darüber nachgedacht hast, ob Du ihn eigentlich noch liebst. Und Deine Aussage, dass Du möglicherweise noch den Menschen liebst, der er einmal war, die habe ich schon häufiger von Betroffenen gehört oder gelesen. Man klammert sich an die Hoffnung, dass ja alles wieder gut werden könnte, dass man den Menschen zurück bekommen könnte, den man so geliebt hat. Wenn, ja wenn er halt einfach mal mit dem Saufen aufhören würde....
Nun, da muss ich Dir sagen (aus eigener Erfahrung): diesen Menschen bekommst Du ganz sicher nicht mehr zurück! Angenommen er würde heute aufhören mit dem Trinken und den Drogen, würde sich in Therapie begeben, würde ein intensives Programm durchlaufen und sich mit sich selbst, seiner Sucht und seinem Leben nach der Sucht beschäftigen und würde es dann auch noch schaffen, wirklich stabil suchtfrei zu sein - Du hättest einen ganz anderen Menschen vor Dir als den, den Du vor der Sucht gekannt hast. Die Suchterfahrung und auch die Erfahrungen die man dann beim Überwinden macht, die prägen einen enorm. Es ist nicht so selten, dass sich Paare trennen, nachdem der süchtige Partner trocken wurde. Weil es dann einfach nicht mehr zusammen passt und weil auch der nicht süchtige Partner im Grunde eine Art Therapie durchlaufen muss, um überhaupt mit dieser neuen Situation klar zu kommen. Das, liebe Cäcilia, ist wirklich eine sehr komplexe Geschichte in der z. B. auch das Thema "wieder vertrauen können" ein große Rolle spielt. Ich möchte das jetzt an dieser Stelle nicht zu tief ausführen, Du hast aktuell ja noch ganz andere Probleme und Dein Mann ist m. E. ganz weit davon entfernt mit dem Trinken aufzuhören.
Hier dann gleich zu Deiner Frage, warum ICH mich getrennt habe. Tatsächlich wollte meine Frau, dass wir zusammen bleiben und es zusammen durchstehen. Aber je klarer ich wurde, desto klarer wurde mir, dass ich es an der Seite meiner Frau nicht schaffen würde dauerhaft trocken zu bleiben. Ich versuchte mir über meine Gefühle klar zu werden (darum auch meine Anregung an Dich das gleiche zu tun) und ich stellte fest, dass ich meine Kinder über alles liebte, meine Frau jedoch.... Sie war (ist) ein wirklich guter Mensch, ein Mensch, der das alles ganz bestimmt nicht verdient hatte. Aber ich liebte sie nicht mehr und es war in diesen Suchtjahren so viel passiert (ich betone: an quasi allem war ich schuld, nicht sie, denn sie wusste ja noch nicht mal was wirklich los war), dass wir uns auseinander gelebt hatten. Darüber hinaus hatte ich so enorme Schuldgefühle ihr gegenüber, dass es mir kaum möglich war, mich in ihrer Nähe aufzuhalten.
Ich hatte viele Gespräche, mit unterschiedlichen Menschen. Mit einem Freund, mit Psychologen und mit einem Mönch und am Ende war ich es allein, der eine Entscheidung treffen musste (wie Du übrigens auch). Und diese konnte für mich dann nur sein, mich für ein Leben ohne Alkohol zu entscheiden. Und da ich mir sicher war, dass ich es in meiner alten Welt, meinem alten Umfeld nicht schaffen würde, habe ich mich getrennt. Es spielten noch viel mehr Dinge eine Rolle, aber kann und will nicht alles hier schreiben, es würde auch den Rahmen sprengen.
Meine Frau hätte damals eine Chance verdient, trotzdem bin ich auch nach vielen Jahren noch ganz sicher, dass es für mich die richtige Entscheidung war. Du solltest auch die richtige Entscheidung treffen für Dich und Deine Mädels. Ich ging nach dieser Entscheidung übrigens durch die Hölle. Ich wusste nicht, wie das alles ausgehen wird. Meine Schuld, vor allem die unglaubliche Verzweiflung und Traurigkeit meiner Kinder, brachten mich fast um. Und so war es dann auch die größte Herausforderung in meiner Zeit in Richtungen neues Leben ohne Alkohol, diese Schuld und diese tiefe Traurigkeit zu überwinden. Hat gedauert, war einiges an Arbeit, viel Hilfe von außen und heute bin ich ein sehr glücklicher Mensch, mit neuer Familie und einer wirklich guten Beziehung zu meinen Kindern und auch meiner ersten Frau. Wenn Du mir das nach einem halben Jahr Trockenheit gesagt hättest, ich hätte es für absolut ausgeschlossen und unmöglich gehalten.
Ich schreibe Dir das so, weil ich Dir damit zeigen will, dass man es selbst in der Hand hat. Auch Du hast es selbst in der Hand. Und ich hatte übrigens auch einen Berg Schulden an der Backe, hab Jahre gebraucht sie abzustottern. Und noch einen ganzen Schwung anderer suchtbedingter Altlasten....
Zitat
Was war denn bei dir der Punkt, an dem du festgestellt hast, dass sich etwas ändern muss?
Diesen Punkt gab es so klar bei mir überhaupt nicht. Innerhalb meiner Trinkerkarriere gab es mehrere Situationen, wo ich mir sagte: So geht es nicht weiter! Was folgte waren entweder Trinkpausen oder der Versuch, reduziert oder kontrolliert zu trinken. Naja, das kennst Du doch auch von Deinem Mann, oder?
Selbstverständlich scheitere ich früher oder später immer. Und wenn eine Trinkpause länger andauerte, dann hab ich meist danach mehr getrunken als vorher. Dauerhaft mehr meine ich. So dass ich halt irgendwann mal bei 10 - 12 Bier pro Tag angelangt war, was aber am Ende dann auch oft nicht mehr ausreichte und ich musste noch Wein dazu gießen. Und so wurde ich also immer kaputter. Körperlich aber vor allem auch psychisch.
In all der Zeit hatte ich mir ein ordentliches Doppelleben aufgebaut, welches es mir ermöglichte, mir meine Auszeiten von Frau und Kindern zu nehmen. Dieses Doppelleben war natürlich enorm belastend und nur durch Lügen und Betrügen überhaupt aufrecht zu erhalten. Eines Abends kam ich nach Hause, ich weiß noch, dass ich relativ nüchtern war (nur 3 oder 4 Bier zu diesem Zeitpunkt) und meine Frau stellte mich wegen einer dieser Lügen zur Rede. Nun hätte ich es ganz sicher geschafft, mich aus dieser Situation durch neuerliches, kreatives Lügen herauszuwinden (wie ich es unzählige Male vorher auch schon getan hatte), doch ganz plötzlich und spontan wusste ich: Jetzt ist der Moment! Jetzt ist es vorbei, jetzt outest Du Dich, jetzt willst Du nicht mehr. Und so war es dann auch. Obwohl ich ganz genau wusste: Wenn ich es jetzt sage, wenn ich mich jetzt oute, dann wird die Welt meiner Frau und Familie und auch meine eigene komplett zusammen brechen. Nichts wird mehr so ein wie es einmal war, nichts wird mehr rückgängig zu machen sein, ich werde nichts bagatellsieren können. Es ist dann over and out - Und so war's dann auch. Ich werde diesen Moment und die Reaktion und die Worte meiner Frau niemals vergessen.
So war das bei mir und meine Situation und auch mein Trinkverhalten, die Art wie ich meine Sucht ausgelebt habe, hat nichts mit dem zu tun was Dein Mann tut. Ich war nicht weniger grausam wie es Dein Mann Dir gegenüber ist, aber ich war es auf eine ganz andere Art und Weise. Was ich damit sagen will: Es ist nicht möglich, die eine Sucht und den einen Suchtausstieg mit einem anderen zu vergleichen oder zu hoffen, dass es vielleicht bei Deinem Mann zu einer ähnlichen Situation kommt. Es ist alles höchst individuell und nicht vorhersehbar. Die Erfahrung zeigt aber halt einfach nur, dass es sehr wenige sind, die überhaupt versuchen vom Alkohol weg zu kommen und von diesen Wenigen sind es dann nochmal sehr wenige, die es dauerhaft schaffen.
Insofern nochmal mein Apell an Dich: Kümmere Dich um DEIN Leben! Alles andere bedeutet nur ein Verlängern Deines Leidens. Wenn Du auf Kummer und Leid stehst und Deinen Mädels das ebenfalls angedeihen lassen möchtest, dann kannst das ja weiter so machen. Wenn Du aber irgendwann mal wieder sowas wie glücklich sein möchtest, dann musst Du Dein Leben in die eigenen Hände nehmen. Und so wie es aussieht wäre das mit einem kompletten Neustart bei Dir verbunden.
Ok, mehr habe ich jetzt erst mal nicht zu sagen.
Alles Gute.
LG
gerchla