Beiträge von Gerchla

    Hallo Muffina,

    Ich hatte es ja befürchtet aber jetzt bin ich mir ziemlich sicher das Du Co-Abhängig bist. Das könnte auch der Grund sein, warum Du so dieser Beziehung fest hängst obwohl ihr Euch ja gerade erst kennengelernt habt. Du suchst genau nach so einem Menschen um Deine Co-Abhängigkeit ausleben zu können. Das ist jetzt etwas einfach ausgedrückt.

    Du solltest Dich unbedingt damit beschäftigen und Dir ggf. auch Hilfe suchen. Damit ist wirklich nicht zu scherzen und das kann Dir unbehandelt Dein ganzes Leben kaputt machen. Selbst wenn Du von ihm weg kommst würde evtl der nächste auf Dich warten. Das ist leider nicht selten so. Daher auch solche Sprüche wie: komisch, sie/er gerät immer an den/die Falsche(n)...

    Dabei sucht derjenige unbewusst nach derartigen Partnern und kommt dadurch von der einen in die nächste ungesunde Beziehung.

    Leider bin ich gerade in Eile und kann Dir nicht ausführlicher schreiben. Aber das wollte ich Dir schnell schreiben.

    LG
    Gerchla

    Hallo sugar,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol.

    Meine Gedanken zu Deinem Post:

    Zitat

    Ich habe überhaupt keine Probleme auf den Alkohol zu verzichten und werde dies auch weiter so leben.

    Dann ist doch alles bestens. Wieso dann so zweifelnd und fragend? Du hast keine Probleme, Du weißt ganz klar was Du willst, nämlich ab und an mal ein Glas trinken, dann mach' das doch einfach mal.

    Die Tatsache, dass Du seit 5 Jahren ein ungesundes Trinkverhalten an den Tag legst bedeutet nicht automatisch, dass Du in dieser Zeit zum Alkoholiker geworden bist. Selbstverständlich hast Du Alkoholmissbrauch betrieben was aber nicht bedeutet, dass Du auch süchtig bist.

    Im Grunde ist es ganz einfach: Gelingt es Dir dauerhaft Dein neues, gelplantes Trinkmuster beizubehalten, dann ist alles prima. Gelingt es Dir nicht und Du beginnst wieder zu steigern oder es fällt Dir sehr schwer zu verzichten, dann scheint etwas mehr dahinter zu stecken. In Deinem Fall würde ich es einfach mal ausprobieren. Und ggf. dann aber auch ehrlich zu Dir selbst sein, wenn Du merkst, dass Du einen Druck verspürst mehr trinken zu wollen oder diesem Druck sogar nach gibst. Wenn letzteres passieren sollte, dann könnten wir hier nochmal neu denken, denn dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Du süchtig bist um einiges höher.

    Was Deine Blutwerte betrifft: Sehe ich das richtig, Du machst Dir Gedanken darüber, dass sie wahrscheinlich nicht gut sein werden, weißt es aber aktuell noch gar nicht? Also, ich habe schon schwerste Alkoholiker gesprochen, die immer TOP-Blutwerte hatten. Und genau deshalb der Meinung waren, sie hätten kein Problem.... Es ist alles nicht so einfach und alles nicht schwarz/weiß. Die Leber erholt sich in der Regel sehr schnell und auch komplett. Sofern sie nicht bereits einen dauerhaften Schaden genommen hat. Insofern würde ich da mal entspannt bleiben an Deiner Stelle.

    Zusammengefasst: Wenn Du Alkoholiker bist, wird Dein künftiger Trinkplan dauerhaft nicht aufgehen. Wenn Du keiner bist, dann wünsche ich Dir viel Spaß und Gesundheit für Dein weiteres Leben. Achtsam solltest Du aber immer bleiben, denn Du hast wenigsten Missbrauch betrieben. Dein Hirn weiß also ganz genau, wie der Alkohol wirkt und wofür man ihn "gut" einsetzen kann. Sollte also ein neuerliches privates Ereignis wie vor 5 Jahren bei Dir passieren, besteht die Gefahr, dass Du ähnlich reagierst. Gelernt ist halt gelernt. Darauf solltest Du Dich vorbereiten und entsprechende Strategien parat haben. Ansonsten: Genieße Dein Leben. Ich wünsche Dir, dass Du der Sucht noch rechtzeitig von der Schippe gesprungen bist.

    Alles Gute

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Muffina,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Also, ich finde Du hast jetzt ganz hervorragende Anregungen bekommen. Im Grunde kann ich meinen Vorschreibern und Schreiberinnen einfach nur voll zustimmen.

    Eines möchte ich ergänzen. Das kam mir gleich, als ich Deinen ersten Post hier gelesen habe: Bitte pass gut auf, dass Du nicht in eine Co-Abhängigkeit hinein rutscht. Vielleicht googelst Du einfach mal danach oder liest auch hier im Forum darüber. Wenn man da mal drin hängt ist das alles andere als lustig. Diese Krankheit zu überwinden ist ähnlich schwierig oder kompliziert wie es bei der Sucht selbst ist. Also bitte achte darauf, dass Du Dich da nicht, quasi unbemerkt und durch Liebe geblendet in eine für Dich sehr schwierige Situation hinein manövrierst.

    Das wollte ich einfach noch los werden. Ansonsten hast Du schon ganz viele Meinungen gehört, die auch der meinigen entsprechen.


    Und ansonsten sind das natürlich auch mal ganz simpel gesagt unterschiedliche Wert- und Lebensvorstellungen. Er tut ja nichts verbotenes, er will halt nur etwas Anderes als Du. Warum er das will, müsste er gar nicht erklären. Der eine will Kinder, der Andere nicht. Und das ist auch sein gutes Recht. Das ist auf jeden Fall auch ein Aspekt. Man muss sich nicht aneinander anpassen, wenn man nicht zusammen passt.


    Diesen Hinweis von Susanne finde ich sehr wichtig und richtig. Im Grunde ist es nämlich erst mal völlig egal, ab Deiner Freund jetzt Alkoholiker ist oder ob er nur Missbrauch betreibt. Entscheidend ist einfach nur, dass es für Dich so nicht in Ordnung ist. Er dagegen will daran aber nichts ändern.

    Ob er das nun deswegen nicht ändern will, weil er schon abhängig ist und es vielleicht auch erst mal einfach nicht kann oder einfach nur deshalb, weil der viel zitierte edle Tropfen für ihn zu seiner Lebensqualität zählt ist doch vollkommen egal. Er will es so, Du willst das nicht. Bei einer Beziehung, die jetzt gerade mal 3 Monate andauert gehört das für mich noch zur Findungsphase. Man stellt eben nach und nach fest ob ein potentieller neuer Partner dauerhaft zu einem passt oder nicht.

    Und klar, Kompromisse sind wichtig in einer Beziehung. Jedoch halte ich Kompromisse dann für unsinnig, wenn sie einem der Partner komplett zuwider laufen. Es gibt Dinge, die sind nicht verhandelbar. Die wird es bei Dir geben und die gibt es sicher auch bei ihm. Und es hat auch keiner was davon, wenn er zerknirscht auf seine edle Tropfen verzichtet oder und es Dir auf andere Weise spüren lässt.

    Entweder er erkennt Deine Bedenken an, versteht und akzeptiert sie und stellt dann sein Verhalten aufgrund EIGENER Einsicht um (wenn er nicht süchtig ist und das will, dann könnte er das auch) oder Du akzeptierst, dass er so ist wie er ist und lebst damit.

    Wenn beides nicht funktioniert wäre das eine dauerhafte Belastung dieser Beziehung. Man könnte auch sagen: Dann passt es eben nicht. Leicht gesprochen, ich weiß. Du hast ja geschildert, dass er der erste Mann seit langem ist, mit dem Du Dir eine längere Beziehung vorstellen kannst.

    Aber naja.... Der Teufel steckt immer im Detail und noch eines: Ich habe mich im Laufe meiner Sucht (ich trank über 10 Jahre abhängig) massiv verändert. Zum Negativen natürlich. Ich weiß von vielen anderen Süchtigen, dass es bei ihnen ähnlich verlief. Nach und nach verändert sich der Charakter bzw. treten bereits vorhandene Charaktereigenschaften (leider i. d. R. die negativen) stark in den Vordergrund. Dabei muss man nicht immer verbal oder physisch aggressiv werden. Ich kenne auch Alkoholiker, die extrem weinerlich wurden und geradezu vor Selbstmitleid zerflossen. Oder welche, die extrem träge waren. Bliebt sind auch Kombinationen aus allen möglichen Eigenschaften, je nach Tagesform. Heute lustig, morgen verstimmt, übermorgen aggressiv und tags darauf wieder positiv oder gar euphorisch.

    Also puhhh, überleg Dir gut ob Du Dich in so ein Spielchen hinein ziehen lassen möchtest. Vielleicht klärst Du nochmal in Ruhe mit ihm Eure beide Positionen und Meinungen ab und triffst dann eine Entscheidung. Die dann möglicherweise eher Kopfentscheidung sein muss, weil Dein Herz wird Dir wohl was anderes sagen. Oder aber, es kommt von ihm ein Impuls, das möchte ich ja gar nicht ausschließen. Liest sich nur aktuell nicht so, aber wer weiß.

    Alles Gute! Triff die richtigen Entscheidungen und achte darauf, dass Du dabei immer DICH und DEIN Wohlbefinden in den Vordergrund stellst.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Tinka,

    ich möchte noch kurz auf einen Satz von Dir eingehen:

    Zitat

    Er kann mit mir reden (wobei er momentan über diese Dinge lieber mit jemandem aus der Klinik redet, den er da kennengelernt hat, und das ist völlig ok.)

    Es ist wichtig, dass Ihr über dieses Thema redet. Ich glaube daran gibt es keinen Zweifel, denn ansonsten wäre es ja eine Art von ignorieren und das wäre sicher nicht zielführend.

    Dazu möchte ich Dir sagen, dass ich unterschiedliche Phasen des Redens bei mir selbst erlebt habe. In der Anfangsphase konnte ich so gut wie gar nicht tiefer mit engen Angehörigen oder Freunden über meine Sucht sprechen. Ich habe zwar von Anfang an allen mir wichtigen Personen erst mal reinen Wein ;D eingeschenkt, denn dieses Outing war für mich von zentraler Bedeutung. Da habe ich aber "nur" erzählt, wo ich gerade stehe und dass ich mein Leben alkoholbedingt schon lange nicht mehr im Griff hatte. Und natürlich, dass ich jetzt mein Leben ändern möchte.

    Das reichte in der Regel um meine Gesprächspartner erst mal auszuknocken. Denn das kam bei mir ja sozusagen aus heiterem Himmel und so blieb ich erst mal von tiefgreifenderen Gesprächen "verschont". Allerdings führte ich diese dann bei meinen AA-Freunden. Also ähnlich wie das Dein Mann ja auch zu tun scheint.

    Je länger meine abstinente Zeit andauerte, desto offener wurde ich dann für Gespräche. Nach einigen Wochen ohne Alkohol hatte sich dann auch wieder sowas wie ein Miniselbstbewusstsein aufgebaut. Ein Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein, ein Gefühl es schaffen zu können. Dann suchte ich aktiv die Gespräche, z. B. mit meinem besten Freund. Und die gingen dann auch richtig tief. Meiner Frau gegenüber konnte ich mich aber nicht öffnen. Denn da war bei mir einfach nur eines in mein Hirn eingebrannt: Meine SCHULD.

    Ich hatte ja alles kaputt gemacht durch meine Trinkerei. Ich konnte mit ihr nicht darüber sprechen, warum ich das getan habe, wieso ich nicht schon früher etwas unternommen habe oder was auch immer. Ich konnte sie nur um Vergebung bitten. Wobei es bei mir dann auch ein wenig ein Sonderfall war, weil ich mich ja dann von ihr getrennt habe.

    Bis heute kann ich mit meiner Ex-Frau nicht ganz offen über meine Sucht und die damalige Zeit sprechen. Das ist eine Baustelle, eine Aufgabe, die ich noch bearbeiten muss und auch bereits bearbeite. Ich weiß hier nicht, was richtig oder falsch ist. Ich habe heute eine sehr gute Beziehung zu ihr und ich habe Angst, dass ich Dinge aufwühlen könnte, die einfach nur verletzen aber niemanden weiter helfen. Ich denke mal, da werde ich mir mal noch Hilfe suchen müssen. Vielleicht werde ich meinen Mönch diesbezüglich mal wieder um ein Gespräch bitten.

    Oh, das war jetzt etwas vom Thema abgekommen. Heute bin ich wieder verheiratet. Meine Frau kennt meine Geschichte natürlich. Wir sprechen über Alkohol, über Alkoholsucht und auch manchmal über mein Engagement im Bezug auf andere Betroffene. Es ist wunderbar eine Partnerin zu haben, mit der ich offen über dieses Thema reden kann. Ich halte Vertrauen und Offenheit für extrem wichtig in einer Beziehung.

    Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass meine Frau nicht meine Therapeutin sein kann und darf. Sollte ich also wegen irgend eines Themas psychologische Hilfe benötigen oder der Meinung sein, dass ich diese brauche, dann werde ich sie mir suchen. Bei einen Psychologen oder einem anderen Therapeuten. Meine Frau wird über alles im Bilde sein, sie wird aber nicht diejenige sein, auf die ich meine Probleme 1:1 übertrage um dann von ihr zu erwarten, dass sie mir hilft. Sie kann mich gerne begleiten und das würde sie auch immer tun. Aber regeln muss ich das dann schon selbst.

    Das ging mir durch den Kopf als ich Deine Zeilen gelesen habe. Ach so, und noch wegen dem Papierkram, den Du für ihn erledigst. Auch hier denke ich mir: klar, er müsste es eigentlich alleine machen. Jetzt schreibst Du ja, dass er nicht gerade der Held war (ist),was Papierkram betrifft. Und deshalb hast Du ihm da jetzt halt geholfen. Ist vielleicht nicht ideal aber viel wichtiger ist (aus meiner Sicht wohlgemerkt), ob er gelangweilt daneben sitzt und quasi unbeteiligt ist oder ob er Dir dankbar sozusagen "zuarbeitet". Auf die Länge gesehen gebe ich Britt hier uneingeschränkt recht: Er muss lernen die komplette Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das ist ganz wichtig. Aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass das eben ein Lernprozess war. Und ich war damals auch dankbar, dass mir der ein oder andere mal einen kleinen Schubser in die richtige Richtung gegeben hat oder dass mir meine Ex-Frau (ja, die, die ich so unglaublich verletzt habe und von der ich mich dann auch noch trennte) auch den ein oder anderen Tipp / Hinweis gab, was sie an meiner Stelle in unterschiedlichen Situationen jetzt tun würde.

    Sie hätte damals auch sagen können: "Dein Problem, du hast gesoffen und dich von mir getrennt". Ich hätte auch verstanden und akzeptiert. Nein, sie mir mindestens zwei mal sehr geholfen als ich in einer sehr verzweifelten Situation war. Also, es ist nicht alles schwarz /weiß. Du musst Deinen Weg finden, er den seinen. Und für Dich ist es einfach wichtig (Achtung ich wiederhole mich),dass Du Dich damit wohl fühlst. Und dass Du weißt, wann Du notfalls die Reißleine ziehen musst.

    LG
    gerchla

    Hallo Tinka,

    und jetzt auch noch meine Gedanken zu Deiner aktuellen Situation.

    Aus meiner Sicht eine Aussage, die Du hier formuliert hast, die ganz entscheidende. Denn Du hast geschrieben: Wenn er wieder trinkt, dann bin ich weg (oder ziehe ich aus).

    Wenn Du wirklich bereit bist, dass dann auch durchzuziehen, dann hast Du hier erst mal Deinen Notfallplan. Das wird Dich, sollte es doch nichts werden, auf jeden Fall davor schützen mit ihm zusammen noch tiefer in den Suchtstrudel gerissen zu werden. Und das halte ich für ganz wichtig, denn es geht hier ja um Dich! Du hast Dich hier angemeldet und suchst Hilfe für Dich. Damit bist Du meiner Meinung nach auch schon viel weiter, als ganz viele andere Angehörige, die hier oft schreiben. Da geht es nämlich nicht selten darum, was man denn tun könnte um den trinkenden Partner zu helfen bzw. ihn vom Trinken abzuhalten.

    Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Du sehr klar bist. Das Du nun emotional auch mal an Deine Grenzen kommst.... Das ist für mich mehr als verständlich. Was Susanne Dir geschrieben hat, also das eigentlich er das alles völlig allein und für sich lösen müsste, das stimmt sicherlich. Das ist sowas wie der optimale Fall (manche sagen aber auch die Grundvoraussetzung) um es wirklich dauerhaft schaffen zu können.

    Aber ich möchte auch sagen, dass ich schon mit einigen Menschen Kontakt hatte, die nur aufgrund massiven Drucks durch den Partner oder die Familie oder sogar den Arbeitgeber etwas unternommen haben, dann in LZT gegangen sind und sich dort erst mal völlig falsch vorkamen. Um dann dort im Laufe der Therapie plötzlich zu merken, dass sie hier vollkommen richtig sind und dann darüber mehr und mehr zur Überzeugung gelangt sind, dass sie nicht mehr trinken wollen.

    Das sind sicher eher die Ausnahmen. Viele die "gezwungen" in Therapien gehen, kommen raus und saufen kurze Zeit darauf wieder. Leider "passiert" das aber in gar nicht so geringer Anzahl auch jenen, die hochmotiviert dort hin gegangen sind. Aber sie haben eben deutlich bessere Chancen. Was ich sagen will: Wenn Du ihn jetzt noch ab und an mal einen Stubser gibst, meinen Segen hast Du. Entscheidend ist immer, wie es Dir damit geht. Und ganz entscheidend ist, dass Du genau weißt, wann der Zug abgefahren ist. Und das hast Du ja für Dich klar festgelegt. Trinkt er wieder bist Du weg! Siehe meine Zeilen weiter oben.

    Das ist nur meine Meinung. Man kann da auch andere haben. Ich denke mir halt manchmal, es ist vielleicht auch ein wenig typabhängig, welcher Weg jetzt genau der passende oder richtige ist. Sowohl beim ausstiegswilligen Alkoholiker als auch beim begleitenden Angehörigen.

    Lass Dich nicht unterkriegen. So lange Du Deine Exit-Strategie hast und diese dann auch anwendest hast Du einen Sicherungsanker. Fatal ist es einfach, wenn Du kleben bleibst und Dich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat und dann irgendwann von Jahr zu Jahr hangelst und nebenher das Leben an Dir vorbei zieht. Das sehe ich bei Dir aber nicht.

    Alles Gute!

    LG
    gerchla

    Hallo Tinka,

    jetzt will ich noch ein bisl was zu Deinen Zeilen schreiben.

    Zitat

    Ich möchte auch, dass er diese Dinge verarbeitet und selbständiger wird, ich möchte dieses Hilflose nicht mehr. Die Mischung Hilflos und Gleichgültig hat mich fertig gemacht.


    Ich weiß nicht ob Du meine Geschichte kennst. Ich trank ja quasi komplett heimlich und meine Frau musste zwar die Folgen meiner Sucht ertragen, konnte aber nicht einordnen was genau los war.

    Und ich erinnere mich noch gut an einen Satz, den sie mir mal sagte. Und zwar sagte sie: "Ich brauche einen Mann an meiner Seite auf den ich mich verlassen kann und der Verantwortung übernimmt und kein drittes Kind (wir hatten damals 2 Kinder)".

    Ich glaube das trifft es ganz gut. Sie sah mich quasi als Kind, musste alles selbst entscheiden, musste vieles selbst erledigen und hatte sozusagen keinen Partner auf Augenhöhe. Da sie nicht wusste das ich trank, hat sie es so formuliert wie sie aus ihrer Sicht gesehen hat und wollte einfach, dass ich meiner Rolle gerecht werde. Aber das konnte ich eben nicht. Du hast den Vorteil, dass Du weißt was los ist. Und noch besser: Dein Mann hat es auch kapiert.

    Zitat

    Sehr wohl hat aber die Ansage "ich such mir ne Wohnung" Sinn gemacht, weil er gemerkt hat, ich mach es wirklich. So hätte ich nicht weitergemacht.


    Danke für diese Rückmeldung! Ich finde diesen Satz von Dir hochwertvoll. Und zwar für alle anderen, die in ähnlicher Situation stecken wie Du zu diesem Zeitpunkt. Weißt Du, wir schreiben das hier sehr oft. Wir schreiben sehr oft, dass man als Angehöriger sehr klar seine Wünsche äußern sollte, sehr klare Grenzen ziehen sollte und auch die Konsequenzen ankündigen sollte, die man zieht wenn die Grenzen überschritten werden. Unter der Voraussetzung, dass man die angekündigten Konsequenzen dann auch durchzieht, wenn es denn sein muss.

    Wir schreiben hier oft, dass die Androhung einer Trennung (sofern man dann auch notfalls wirklich diesen Schritt bereit ist zu gehen) den Betroffenen zum Umdenken bewegen kann. Bei Dir war das ganz offensichtlich der Fall und ich gehe mal davon aus, dass Du Deine Worte mit Bedacht aber auch mit Nachdruck vorgebracht hast. Und genau das ist enorm wichtig aus meiner Sicht. Trotzdem weiß man natürlich nicht, wie das ganze dann ausgeht. Viele, sehr viele, entscheiden sich trotz Drohung für den Alkohol. Aber dann bleibt den Angehörigen als letzter Schritt eben nur noch das Angekündigte wirklich umzusetzen. Tuen sie es nicht, haben sie jede Glaubwürdigkeit gegenüber dem trinkenden Partner verspielt und bleiben schlimmstenfalls ewig in der Alkoholspirale des selbigen mit hängen.

    Ich freue mich wirklich für Dich, dass Du das so durchgezogen hast und auch darüber, dass Du Deinem Mann damit den entsprechenden Wachrüttler verpassen konntest. Es deutet zumindest darauf hin, dass da bei ihm noch einiges an, ich nenne es jetzt mal Liebe auch wenn ich nicht weiß ob es das wirklich ist, für Dich da ist. Auf jeden Fall erst mal ein Grund um ihn auf diesem Weg zu begleiten.

    Zitat

    Das klingt hart, aber ich habe in den 3 Wochen,als er weg war, gemerkt, dass ich sehr gut alleine klarkomme und das hat mein Selbstbewusstsein ein ganzes Stück aufgebaut.

    Wenn Du das jemanden so sagst, der mit der ganzen Materie nichts am Hut hat bzw. keine Erfahrung damit hat, dann mag das durchaus sehr hart klingen. Für mich klingt es dagegen regelrecht wunderbar. Denn diese Einstellung empfinde ich als die genau Richtige! Es geht nicht darum, dass Du ihn jetzt mal spüren lässt, wer jetzt die Hosen an hat. Nein, es geht einfach darum, dass Du DEIN Leben leben wirst. Gerne mit ihm, notfalls aber durchaus auch ohne ihn.

    Als ich meiner jetzigen Frau erzählte, dass ich Alkoholiker bin, hat sie mir sofort klar gemacht, dass sie sich sofort von mir trennen würde, wenn ich wieder trinken würde. Sie hat in ihrer Kindheit diesbezüglich selbst einiges erlebt und sie hat mir klipp und klar gesagt, dass sie das alles nicht noch einmal durchmachen wird. Jetzt verstehe mich bitte nicht falsch. Meine Frau ist nicht irgendwie eine ganz harte Egoistin oder so. Nein, sie ist eine wunderbare Frau und wir führen eine wunderbare Beziehung. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch und das habe ich zu einem großen Teil auch einfach dieser Beziehung zu verdanken, an der ich (an der wir beide) täglich arbeiten.

    Um es nochmal zu verdeutlichen: Nicht das ich in irgendeiner Form (zum Glück) gefährdet gewesen wäre wieder zur Flasche zu greifen. Nein gar nicht, es war alles safe und ich sehr gefestigt. Trotzdem fand ich diese klare Ansage von ihr sehr sehr gut. Denn wie Du merkst, ich habe sie im Kopf behalten und sie wird mir immer eine Mahnung sein. Auch wenn ich sehr hoffe, dass ich nie mehr auch nur in die Nähe des Wunsches Alkohol trinken zu wollen geraten werde.

    Was ich eigentlich sagen möchte: Eine konsequente Haltung (nicht nur dem Alkohol gegenüber sondern generell) wird wichtig sein um Eure Beziehung wieder zu stabilisieren. Auch er wird z. B. lernen müssen, seine eigenen Bedürfnisse Dir gegenüber zu formulieren und durchzusetzen. Ich könnte mir vorstellen, dass das nicht gerade zu seinen Stärken zählte. Und so war es bei mir auch. So dass ich am Anfang meiner Zeit ohne Alkohol erst mal lernen musste, wirklich zu sagen was ich tatsächlich dachte und was ich wollte. Ich musste NEIN sagen lernen. Ich musste lernen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und dann so zu machen, wie ICH das für richtig hielt. Ich musste lernen all meine Lügen, die ich auch oft einsetzte um einfach nicht anzuecken, um niemanden ein unangenehmes Gefühl zu geben oder um einfach möglichst unauffällig Probleme zu umschiffen, sein zu lassen und statt dessen Dinge so anzusprechen, wie ich sie tatsächlich sah. Man spricht in diesem Zusammenhang auch oft von gesunden Egoismus. Den muss der Trinker lernen und Du musst lernen damit umzugehen. Im Gegenzug muss aber auch er lernen, mit Deinen klaren Ansagen zurecht zu kommen.

    Du merkst, das wird eine spannende Zeit werden für Euch.

    Und noch was zu Deiner Aussage, dass Du Dir das ganze jetzt erst mal anschaust und ggf. auch noch anderweitige Konsequenzen (sprich: Trennung) ziehst:
    Ich finde auch es wäre Dein gutes Recht. Niemand kann von Dir verlangen, dass Du ihn da jetzt begleiten MUSST. Nur Du weißt, wie es mit den Gefühlen für ihn in Dir eigentlich genau aussieht. Sprich, nur Du kannst sagen, ob Du noch sowas wie Liebe für ihn empfindest und ob Du Dir weiteres Leben mit ihm überhaupt vorstellen kannst. Die Frage ist hier ja auch, ob Du es schaffen kannst, wieder Vertrauen zu ihm aufzubauen. Das ist ein gutes Stück Arbeit und ich denke, eine Beziehung ohne Vertrauen kann auf Dauer niemals gut funktionieren. Es wird also genau darauf ankommen. Und wenn Du das Gefühl hast, Du kannst ihm nicht mehr vertrauen, es ist bereits zu viel kaputt gegangen, dann fände ich es absolut verständlich wenn Du eine Trennung in Erwägung ziehen würdest. Auch wenn er jetzt trocken werden sollte. Denn, wie schon gesagt, er hat's ja an die Wand gefahren, nicht Du.

    Zum Thema Vertrauen kann ich Dir noch sagen, dass ich einige Jahre gebraucht habe, bis mir meine erste Frau wieder vertrauen konnte. Dadurch, dass wir ja gemeinsame Kinder hatten und ich nach unserer Trennung regelmäßig meine Kinder sehen wollte, hatten wir hier natürlich quasi ständig Berührungspunkte. Meine Frau hat mich z. B. lange nicht mit unserer Tochter Auto fahren lassen. Da habe ich schon lange nicht mehr getrunken, hatte locker 20 Kg abgenommen und sah aus wie das blühende Leben. Sie hat trotzdem zu mir gesagt: Ich kann Dir nicht vertrauen, ich will nicht das Du mit ihr Auto fährst.

    Naja, ich konnte sie sehr gut verstehen, denn ich hatte sie ja über 10 Jahre lang belogen und betrogen und fast die ganze Zeit über heimlich getrunken und mir dabei sogar ein richtiges Doppelleben aufgebaut. Klar, dass sie da nicht einfach sagen konnte: "Ah ja, Du siehst ja blendend aus und wirst es schon im Griff haben".

    Heute habe ich eine sehr gute Beziehung zu ihr. Das hat aber seine Zeit gebraucht.

    So, jetzt habe ich Dir recht viel geschrieben. Einfach meine Gedanken. Wenn Du Fragen hast, einfach raus damit. Und weiterhin einen guten Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo Tinka,

    ich möchte Dich einfach nur kurz hier bei uns begrüßen. Schön, dass Du zu uns gefunden hast. Muss jetzt gleich weg, darum muss ich mich etwas kurz halten.

    Ich bin kein Angehöriger sondern Alkoholiker, exakt so alt wie Dein Partner und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol.

    Du hast geschrieben, dass Du für diese Partnerschaft kämpfen möchtest und will Dir sagen: Ja, dadurch das Dein Mann aktiv etwas gegen seine Sucht unternimmt, dadurch das er sich Hilfe gesucht hat und jetzt wirklich Nägel mit Köpfen machen möchte kannst Du diesen Kampf auch aufnehmen ohne das er vorher schon verloren wäre.

    Niemand wird Dir sagen können das am Ende alles gut werden wird. Aber kann sich wenigsten lohnen für Dich / für Euch und Eure Beziehung diesen Weg jetzt mit zu gehen. Im Gegensatz zu den vielen Fällen, wo Angehörige versuchen uneinsichtige Alkoholiker irgendwie wie vom Trinken abzubringen und damit i. d. R. nicht anderes tun, als ihr eigenes Leiden zu verlängern.

    Wie Du schon gelesen hast, hat nicht nur er einen großen Haufen an "Arbeit" vor sich sondern auch Du. Das ist leider so und alles andere als gerecht. Schließlich warst es ja nicht Du, die getrunken hat sondern er. Und selbst jetzt, wo er nicht mehr trinkt hast Du noch seinetwegen einen Haufen an Herausforderungen an der Hacke. Aber wenn Du für Eure Beziehung eine Chance siehst, dann lohnt es sich diese Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Und wenn ihr da wirklich gemeinsam gut durch kommt, könnte eine gute weitere Beziehung auf Dich / Euch warten.

    So wie ich Dich lese, erwartest Du nicht, dass Du irgendeinen Menschen zurück bekommst, der er vielleicht mal gewesen ist. Das funktioniert in der Regel auch nicht, denn er wird in der Therapie viele Erfahrungen / Erkenntnisse sammeln und anschließend sicher ein "anderer" sein. Aber auch Du wirst Dich verändern (müssen). Und wenn ihr beide dazu bereit seid, dann habt ihr auch eine gute Chance!

    So, ich hab zwar noch einige Gedanken im Kopf, muss aber weg. Schön übrigens, was Du über das Forum geschrieben hast. Freut mich sehr. Alles Gute Dir und einen guten Austausch hier bei uns wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla

    Hallo Nordri,

    auch von mir ein herzliches Willkommen hier im Forum. Es würde mich freuen, wenn Du einige Zeit bei uns bleiben würdest und wir Dir mit unseren Gedanken helfen könnten.

    Ich stelle mich kurz vor: Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Vorher trank ich weit über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit davon heimlich.

    Nur ein paar Gedanken von mir:

    Spontan würde ich sagen, Du könntest die Chance haben der Sucht gerade noch so von der Schippe zu springen. Was Du so berichtest beschreibt aus meiner Sicht einen sehr "schönen" Weg in die Suchtfalle hinein. Ob Du bereits darin gefangen bist kann ich Dir nicht sagen, das kann Dir wahrscheinlich niemand sagen, aber ich denke es könnte sein, dass Du Dich noch im Stadium des Missbrauchs befindest.

    Was allerdings, und das möchte ich ausdrücklich betonen, überhaupt kein Grund zur Freude oder zur Entspannung ist. Denn der Übergang zur Sucht ist fliesend und erfolgt völlig unbemerkt. Irgendwann ist es dann einfach zu spät und man merkt es immer erst, wenn es dann tatsächlich zu spät ist.

    Die Tatsache, dass Du Dich mit Deinem Trinkverhalten beschäftigst empfinde ich als ganz hervorragende Grundvoraussetzung auch etwas daran zu verändern. Du hast ein Problem erkannt und Du stehst auch dazu, Du verharmlost es nicht und ich lese Dich diesbezüglich relativ klar. Das ist wirklich gut. Reicht aber natürlich nicht aus um den Schalter komplett umzulegen. Ist aber andererseits eine wichtige Grundvoraussetzung. Viele Betroffene brauchen Jahre oder gar Jahrzehnte um an den Punkt zu kommen an dem Du jetzt stehst. Und die meisten kommen dort erst gar nicht an.

    Was ich mir bei Dir denke ist Folgendes:

    Du missbrauchst den Alkohol um mit anderen Problemen besser umgehen zu können. Da hast Du ja einiges genannt. Neben Problemen mit Depressionen (ist übrigens eine ganz fatale und kontraproduktive Mischung: Depression und Alkohol) sind da ja noch einige andere Baustellen die Dich belasten. Du kannst nicht nein sagen, Du hast Probleme mit dominanten Chefs, Du hast Versagensängste und willst immer alles richtig machen (da würde ich auch mal sagen: es mangelt Dir an Selbstbewusstsein) aber mit Lob kannst Du auch nicht umgehen und noch einiges mehr wo ich mir denken, dass das Eine dann auch oft vom Anderen kommt.

    Übrigens, ich finde das ganz stark von Dir, dass Du das hier alles so offen niedergeschrieben hast. Ich könnte mir vorstellen, dass das für Dich nicht ganz einfach war. Und ich habe auch ein wenig Angst, dass das eine "Eintagsfliege" war und Du hier nicht mehr weiter machst. Darum nochmal: Bleib hier bei uns, Du bist definitiv auf dem richtigen Weg!

    Worum geht es also jetzt? Eigentlich geht es darum diese ganzen "Trinkgründe" oder Trinkmotive zu beseitigen. Das funktioniert nachhaltig aber nur dann, wenn Du nicht mehr trinkst. Darin liegt im Grunde das eigentliche Problem mit der Sucht. Erst mal muss man es schaffen nicht mehr zu trinken und dann muss man es auch noch hinbekommen, dass das auch dauerhaft so bleibt. Und was liegt da näher als sich selbst die Gründe für's Trinken zu nehmen?

    Oft ist es gar nicht so einfach diese Gründe zu finden. Ich habe ungefähr ein Jahr (ohne Alkohol) gebraucht, bis ich so mit dem Gröbsten durch war. Einiges von dem, was Du von Dir schreibst, hatte ich nach diesem Jahr auch auf meiner Liste. Aber mir war das vorher gar nicht bewusst. Nachdem ich aufgehört hatte und mir die Frage stellte: warum hast du eigentlich mit dem Trinken BEGONNEN (die Betonung liegt auf begonnen, also auf der Anfangsphase meiner Sucht), konnte ich damals nur eines entgegnen: Ich hatte gar keinen Grund zu trinken. Alles war prima. Tja, war es eben nicht..... Übrigens, warum ich so sehr dieses "begonnen" betont habe: irgendwann trinkt man halt, weil man süchtig ist und gar nicht mehr anders kann. Dann ist eh alles zu spät. Dann trinkt man nur noch weil man muss und weil man einfach raus will, vergessen will, mal ein paar Stunden weggebeamt sein will, etc. Da braucht es dann sozusagen keinen "Grund" mehr bzw. alles ist dann ein Grund um zu trinken.

    Also, was würde ich an Deiner Stelle jetzt tun? Also erst mal klar: Keinen Alkohol mehr trinken. Um dieses Ziel zu erreichen kannst Du Dir ganz viel Hilfe holen, ich denke auch in Österreich. Zum Arzt gehen, offen sprechen, mit ihm / ihr über Entgiftung reden und dann je nach dem die weiteren Schritte besprechen. Ein Besuch bei der Suchtberatung wäre ebenfalls eine gute Idee. Auch eine SHG könnte eine gute Ergänzung für Dich sein.

    Wenn Du so vor gehst, werden wahrscheinlich weitere Schritte, die zu Dir und Deinem Trinkverhalten "passen" vereinbart werden oder sich heraus kristallisieren. Am Ende muss es aus meiner Sicht auch darum gehen, Deine ganzen psychischen Probleme, Komplexe und Ängste aufzuarbeiten und zu beseitigen. Oder Dich wenigstens dazu in die Lage zu versetzen mit ihnen umzugehen und mit ihnen zu leben. Ohne Zuhilfenahme von Alkohol. Genau dafür gibt es Therapien. In welcher Form das alles bei Dir dann umgesetzt werden kann, kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich habe z. B. keine klassische Therapie gemacht, war aber bei einem Psychologen in Behandlung und hatte noch einiges an weiterer Hilfe. U. A. war da meine SHG die mir am Anfang wirklich sehr geholfen hat und irgendwann war es dann ein Mönch, der eine zentrale Rolle in der Aufarbeitung meiner Sucht und meiner anderen psychischen Probleme spielte. Du siehst also, ich ging keinen klassischen Weg, ich habe mir sozusagen meinen eigenen gebastelt. Ich bin davon überzeugt, dass jeder seinen eigenen Weg finden und gehen muss, wenn er da raus kommen will. Auch diejenigen, die eine klassische Therapie machen und dort sozusagen das Handwerkszeug bekommen, müssen anschließend ihren Weg finden. Deshalb erzählen ja auch nicht wenige die das gemacht haben davon, dass es nach der Therapie erst richtig los ging. Es ging dann darum das Gelernte auch im täglichen Leben anzuwenden und umzusetzen.

    Es geht also, einfach gesprochen, "nur" darum, dass Du ein zufriedenes (im Superidealfall glückliches) Leben erreichst und Dir das auf Dauer bewahrst. Dann wird der Alkohol keine Rolle mehr spielen, denn dann musst Du der Realität nicht mehr entfliehen weil Du Deine Realität schätzt und vielleicht sogar liebst. Dass es auch in einem solchen Leben immer wieder zu negativen Einschlägen kommt ist natürlich ganz normal. Niemand von uns ist davor gefeit, dass es mal nicht so toll läuft. Aber das bringt einen nicht aus der Fassung, wenn man gelernt hat damit umzugehen.

    Ich hoffe, ich konnte Dir ein paar Anregungen geben die Dir in Deinem Denkprozess weiter helfen. Wenn Du Fragen hast, dann immer her damit. Ansonsten wünsche ich Dir alles Gute und natürlich auch einen guten und hilfreichen Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo Cäcilia,

    ich bin jetzt gerade ein wenig verwirrt und frage deshalb vielleicht ein wenig blöd nach, aber:

    Bist Du jetzt raus aus dem Haus oder nicht? Du hast ja geschrieben, dass er das letzte freie Zimmer in Beschlag genommen hat und ich verstehe hier die Zusammenhänge gerade nicht so genau. Wolltest Du in das Zimmer und kannst jetzt nicht? Und deshalb bist Du mit den Kindern zu Deiner Oma?

    Also wenn Du wirklich raus sein solltest, dann möchte ich Dir dazu erst mal gratulieren. Ich kenne Deine Oma aber sie wird allemal besser sein als Dein Mann. Was Du von Deinem Mann schilderst lässt ein weiteres Zusammenleben aus meiner Sicht überhaupt nicht zu. Ohne das Du dabei noch weiter zu Grunde gehst und vor allem auch Deine Kinder. Sie werden ohnehin ohne Hilfe wahrscheinlich nicht unbeschadet aus dieser Geschichte heraus kommen.

    Wenn Du noch nicht raus sein solltest: Bitte mach Dich unbedingt davon. Seine Aussage, dass Du nicht mehr zurück kannst, wenn Du mal gegangen bist solltest Du aus Aufforderung sehen wirklich zu gehen. Denn da brauchst Du wirklich keinen Gedanken dran verschwenden in dieses Umfeld nochmal zurück zu wollen.

    Kommen wir zu Deinen Schuldgefühlen. Also dazu:

    Zitat

    Ich Zweifel an mir selbst. Bin ich letzten Endes doch tatsächlich Schuld, zu dem was oder wie er geworden ist?

    Das hat also seine Sucht mit Dir gemacht! Keine Spur mehr von Selbstbewusstsein vorhanden bei Dir. Stattdessen nur noch Selbstzweifel. Er säuft seit Jahren, er beleidigt Dich, er behandelt Dich wie ein Stück Dreck, er nimmt völlig unbeteiligt in Kauf, dass Eure Kinder das alles mitbekommen ABER DU zweifelst an Dir und bist sogar noch bereit die Schuld auf Dich zu nehmen. Da hat er ja ganze Arbeit geleistet, der Herr Göttergatte. Ich hoffe Du hast den Gong gehört. Du musst da unbedingt raus. Und Du darfst da auch nicht mehr wieder zurück.

    Also bitte streich diesen Zusatz "bis es mit der Schule weitergeht" mal aus Deinem Gedächtnis. Du solltest keine Gedanken daran verschwenden zu ihm zurück zu kehren und lieber die Gelegenheit nutzen eine dauerhafte Zukunft ohne ihn vorzubereiten. Wenn Du zurück gehst bist Du ganz schnell wieder da wo Du vorher warst. Und es würde noch schlimmer werden, glaube mir. Soll er jetzt mal selbst schauen wie er zurecht kommt. Müsste ja prima laufen wenn Du nicht mehr da bist. Warst ja für alle Katastrophen in seinem Leben verantwortlich und wenn Du weg bist dann wird ja alles wunderbar werden.

    Ach, und sollte er wirklich gesagt haben, dass eine andere "Tussi" aufmachen wird, dann kannst Du daran ja mal schön sehen, was Du in seinen Augen bist. Nämlich auch eine "Tussi", beliebig und austauschbar. Leider ist das bei Alkoholikern häufig der Fall, dass sie ihren Partner, wenn er/sie es denn doch schaffen sollte den Säufer zu verlassen, einfach austauschen. Eine Co-Abhängige gegen die nächste sozusagen. Ich frage mich heute oft, warum das doch immer wieder so gut funktioniert. Wer will schon mit einem kaputten Alkoholiker zusammen leben? Aber naja, Du warst (und bist ja scheinbar auch noch ein wenig) am Zweifeln ob Du ihn verlassen sollst oder nicht.

    Es ist hart. Ich fühle wirklich mit Dir. Aber Du kannst ihn mit normalen Maßstäben nicht mehr messen. Schon lange nicht mehr. Du hast es mit einem schwer kranken Menschen zu tun der nicht bereit ist, etwas gegen seine Krankheit zu unternehmen obwohl nur er allein das könnte. Insofern hilft nur logisches Denken. Und das sagt: Er will nicht, also werde ich.....

    Alles alles Gute Dir und Deinen Kindern!

    LG
    gerchla

    Hallo JJ97,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Auch wenn Du aus traurigem Anlass hier bist, aber das geht leider den meisten so, die neu hier ankommen.

    Ich stelle mich mal kurz vor. Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und habe 3 Kinder. Mein Großer ist zwei Jahre älter als Du. Er war während meiner Trinkerzeit noch ein Kind bzw. zum Ende hin dann im jugendlichen Alter. Wobei mein Trinkverhalten nicht dem Deiner Mutter glich, denn ich trank komplett heimlich und konnte das auch gegenüber meiner Familie tatsächlich verheimlichen. Was aber nicht bedeutet, dass sie nicht alle ganz erheblich gelitten hätten. Sie wussten nur nicht so genau woran das lag und ich hatte mir ein unfassbares Doppelleben aufgebaut welches es mir ermöglichte, sehr viel Zeit ohne meine Familie zu verbringen. Wo ich dann u. a. in Ruhe trinken konnte.

    Mittlerweile lebe ich jetzt viele Jahre ohne Alkohol und es sind besonders die Geschichten der Angehörigen, die mich immer wieder sehr berühren. Wie eben auch Deine Geschichte, denn in irgendeiner Form hälst Du mir damit ja einen Spiegel vor. Und mir wird (obwohl ich es ja ganz genau weiß) nochmal bewusst, was auch ich meinen Kindern angetan habe.

    Meine Gedanken zu Dir und Deiner Geschichte:

    Zitat

    ch weiß das ich keine Schuld daran habe wenn sie trinkt und es auch nicht beeinflussen kann wie viel sie trinkt und ob ihr betrunken etwas passiert, aber es ist immer noch meine Mutter und ich mache mir Sorgen/ Vorwürfe, bin aber gleichzeitig auch sehr wütend auf sie.

    Es ist nur ein einziges Wort in diesem Satz, dass Du unbedingt streichen solltest. Nämlich das Wort "Vorwürfe". Bitte mach Dir keine Vorwürfe. Es ist ganz wichtig, dass Du Dich hier nicht für irgendwas verantwortlich fühlst. Es wird ganz sicher Gründe geben, weshalb Deine Mama trinkt, wahrscheinlich ist es eine Kombination aus unterschiedlichsten Gründen / Voraussetzungen / etc. die dazu geführt haben, dass sie irgendwann mal in den Alkohol abgerutscht ist. Nur eines ist auch klar: Es war ihre Entscheidung (wenn auch vielleicht nicht bewusst), sich dem Alkohol hin zu geben. Niemand wird sie dazu gewzungen haben. Und es ist aktuell auch allein ihre Entscheidung nichts an dieser Situation verändern zu wollen. Denn wenn sie das wirklich wollte, dann könnte sie das auch tun. Viele hier im Forum haben das auch getan. Es ist nicht einfach, kein Zweifel. Und man kann auch scheitern, auch kein Zweifel. Aber man muss es selbst wollen und das scheint ja bei Deiner Mama aktuell nicht der Fall zu sein. Sie trinkt, sie darf das, es ist nicht verboten. Aber Du darfst Dir dafür keinesfalls die Schuld geben.

    Das Du Dir Sorgen machst, naja, dass ist denke ich etwas ganz "normales" und liegt in der Natur der Sache. Es geht schließlich um Deine Mama. Wichtig ist nur, dass Du lernst mit diesen Sorgen zu leben und umzugehen.

    All Deine anderen Gefühle, wie z. B. Wut oder wahrscheinlich auch Verzweiflung, ich verstehe sie sehr gut und ich denke, es ist auch gut, wenn Du sie zulässt. Das Du Dir Sorgen machst, naja, dass ist denke ich etwas ganz "normales" und liegt in der Natur der Sache. Es geht schließlich um Deine Mama. Wichtig ist nur, dass Du lernst mit diesen Sorgen zu leben und umzugehen.

    Und Du solltest auch damit beginnen in die Zukunft zu schauen. Es ist ganz wichtig, dass Du DEIN Leben gestaltest. Du bist jetzt genau in dem Alter in dem Du DEIN Leben gesaltest. So schlimm es ist mit Deiner Mama so wichtig ist es, dass Du auf Dich und Dein Leben achtest und es nicht zulässt, dass die Sucht Deiner Mama auch Deine wird. Will sagen, dass die Sucht Deiner Mama nicht auch noch Dein Leben mit in den Abgrund reißt. Als Kind hattest Du keine Chance. Jetzt bist Du erwachsen und jetzt bist Du die Chefin im Ring. Ich weiß, es ist alles andere als einfach. Als Kind ist man immer das Kind und eine Mama bleibt immer eine Mama.

    Darum ist es so wichtig, dass Du den richtigen Weg und den richtigen Umgang mit der Situation findest. Greenfox hat Dir ja schon Literaturhinweise und auch sehr hilfreiche Links genannt. Hol Dir doch noch weiter Hilfe, Du musst das nicht alleine durchstehen. Es ist einfach wichtig, dass Du Deinen Frieden schließen kannst und Dein Leben leben kannst. Ohne immer Angst zu haben, was jetzt gerade wieder mit Deiner Mama ist.

    Was Du ja schon verstanden hast, und was ich für sehr gut erachte, ist, dass Du ihr nicht helfen kannst. Nein, dass kannst Du nicht. Du kannst Dich aber damit trösten, dass Du für sie da sein kannst, wenn sie aufwachen sollte, wenn sie wirklich mal ernsthaft etwas gegen ihre Sucht unternehmen sollte. Aber leider auch nur dann. Was man tun kann, hast Du bereits getan. Du hast sie angesprochen. Das war wichtig und richtig. Hat aber nichts gebracht und das ist leider der häufigere Fall in solchen Situationen. Mehr geht gerade nicht. Lass ihr ihres, lass ihr ihr Leben und kümmere Dich um Deines. Und weil das eben alles andere als einfach ist, kann ich Dich nur dazu motivieren, Dir ganz viel Hilfe zu suchen. Dich viel zu informieren, natürlich auch gerne hier bei uns aber auch anderswo.

    Wenn Du fragen hast, stell sie bitte. Du kannst hier alles Fragen und Du kannst hier Antworten sowohl von Menschen bekommen, die in Deiner Situation waren oder auch von Menschen, die in der Situation Deiner Mama waren, so wie ich z. B. Lass Dich nicht unterkriegen von dieser Sch...sucht. Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier und von Herzen, dass Du einen guten Weg für Dich finden kannst.

    LG
    gerchla

    Hallo Otto,

    da Du jetzt ja einige, sehr direkte Meinungen gehört bzw. gelesen hast und ich das Gefühl habe, dass Du nun eher mit "Rückzug" beschäftigt bist, möchte ich mal meine, vielleicht hobbypsychologische Sichtweise, darstellen. Ich schreibe Dir nur, was ich denke und i. d. R. beruht es auf eigenen Erfahrungen. Und alles ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

    Tatsächlich habe ich über Deinen "Fall" heute morgen beim Laufen nachgedacht. Ich dachte mir, was kannst Du diesem Otto jetzt schreiben? Erst stellt er sich mit nicht mal 3 Zeilen vor, dann kommt er plötzlich damit um die Ecke, dass er schon das volle Programm durch hat und sich als eine Art "Motivationsopfer" sieht. Das er es also einfach nicht schafft sich richtig zu motivieren nicht mehr zu trinken.

    Da dachte ich mir, schreib ihm doch einfach was du denkst. Unabhängig davon, ob du glaubst, dass es ihm in seiner Situation helfen wird. Und das tue ich jetzt:

    Du hast also alles durch, wie Du schreibst. Du hast dann also wahrscheinlich viele Gespräche gehabt, Deine Erfahrungen mit Psychologen gesammelt, etc. Man hat Dir also wahrscheinlich das Handwerkszeug zum Überwinden dieser Sucht mitgegeben. Nun wissen wir ja, dass das oft, leider sogar sehr oft (und Du durftest das ja selbst erleben), nicht ausreicht und ein großer Teil innerhalb der ersten beiden Jahre wieder rückfällig wird.

    Ich kann Dir nur sagen, dass mein Schlüssel für ein dauerhaftes Leben ohne Alkohol darin lag oder liegt, dass ich mir ganz klar bewusst gemacht habe (und auch jetzt immer noch bewusst mache), was eigentlich der Sinn meines Lebens ist. Ich wollte wissen wer ich war, wer ich bin und wer ich sein möchte. Ich wollte wissen, was für mich eigentlich "ein glückliches Leben" bedeutet. Und dann ging es natürlich darum zu überdenken, wie ich meine Ziele erreichen konnte. Und welche Rolle da dann eigentlich der Alkohol spielt.

    Natürlich habe ich mich auch grundsätzlich damit beschäftig, warum ich denn überhaupt getrunken habe. Was mir denn eigentlich gefehlt hat, das ich es mit Alkohol ersetzen musste. Welche Defizite ich hatte, die ich mit Alkohol überspielen musste und warum ich diese überhaupt überspielen wollte. Im Rahmen dieser "Analyse" kam es zu ganz erstaunlichen und für mich höchst wertvollen Erkenntnissen. Und so begann ich diese Erkenntnisse für mich zu nutzen und ich begann dann auch mit Hilfe dieser Erkenntnisse mich auf den Weg zu machen um meine Ziele zu erreichen (von welchen ich weiter oben schrieb).

    Und wenn man dann so intensiv mit sich und seinem Leben beschäftigt ist, wenn man versucht immer ganz bewusst zu leben und zu denken, dann merkt man plötzlich (oder besser: dann merkte ich plötzlich), dass etwaige Gedanken an Alkohol immer mehr verschwanden. Denn da war ja wieder ein Sinn, eine Perspektive in meinem Leben. Da veränderte sich ja plötzlich eine völlig destruktive, verzweifelte und immer pessimistische Denkweise in eine zuversichtliche, eine positive, eine optimistische Denkweise. Und das alles "nur", weil ich mich wieder und wieder ganz bewusst mit mir und meinem Leben beschäftigt habe. Weil ich mit vielen Menschen um mich herum, mit ganz engen Freunden, mit Familienmitgliedern und ja, sogar auch mit Psychologen geredet, geredet, geredet habe. Und dann war da ja auch noch ein Mönch, ja stell Dir vor, ein Geistlicher! Mit dem ich Stunden über Stunden über mich, meine Schuld, meine Ziele und mein Leben gesprochen habe.

    Und eben dieser Mönch hat mir, wo ich doch so wirklich überhaupt nichts mit Religion oder Gott am Hut hatte, am allermeisten geholfen. Ohne mich zu bekehren oder so, denn der war bzw. ist ja auch ein ganz schlauer. Der wusste genau, wie er mir helfen konnte und das es mir nicht half, wenn er mich zum Beten schicken würde.
    Meine Stärke war hier nur, dass ich bereit war ALLES für mich und ein Leben ohne Alkohol zu tun. Eben auch Wege einzuschlagen, die ich mir vorher nicht vorstellen hätte können oder die sogar kategorisch ausgeschlossen hätte.

    Also wenn Du mir in meiner Alkizeit mal vorgeschlagen hättest, ich könnte doch mal mit einem Mönch sprechen, also mit einem Seelsorger quasi, Halleluja sag ich da nur. Da hättest Dir aber was anhören dürfen.

    Ich weiß nicht ob Du verstehst was ich Dir sagen möchte. Letztlich ist es ja auch Deine Sache, wie Du damit umgehst. Ich habe also sozusagen mein ganzes Leben, meine ganze Denkweise, auch mein persönliches Umfeld komplett verändert (einzig mein Job blieb der alte aber der war nie ein Problem für mich). Und ich wollte das und ich war bereit dazu. Ich war bereit wirklich ALLES zu tun um dauerhaft von dem Zeug weg zu kommen. Ich bin heute ein sehr glücklicher und vor allem auch sehr dankbarer Mensch.

    So, meine Worte zum Advent. Wie Du aus anderen Beiträgen sicher entnehmen konntest, ist es bei anderen Teils ganz anders. Du musst also selbst heraus finden, was für Dich das Richtige ist. Nur eines halte ich halt für extrem hilfreich: Erst mal offen sein, nix ausschließen, dafür aber ganz offen neues versuchen und probieren. Und sich darüber im Klaren sein, dass man selbst die Weisheit nicht mit dem Löffel gefressen hat.

    Viel Glück und Erfolg dabei wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla

    Hallo Cäcilia,

    weißt Du, alles was Du schreibst, all die scheinbar unvorstellbaren Widersprüche die Dein Mann in sich vereint, all das für Außenstehende unfassbare Verhalten Deines Mannes, all das ist für einen Alkoholiker, der so tief in der Sucht hängt wie Dein Mann ziemlich typisch, quasi normal.

    Obwohl ich selbst Alkoholiker bin und die Wirkung dieses Zeugs und auch die Veränderung meines eigenen Wesens und meiner eigenen Psyche miterlebt habe (und es glücklicherweise auch nicht vergessen habe), musste ich beim Lesen Deiner Zeilen ein ums andere mal den Kopf schütteln. Nicht, weil ich so entsetzt darüber bin was Dein Mann so treibt (der verhält sich, wie schon geschrieben, wie es viele Alkoholiker in dieser Phase der Sucht tun), sondern ich bin eher entsetzt, wie wenig Du Dir eigentlich wert bist. In diesem Zusammenhang bitte ich Dich, dass Du Dich auch mal mit der Krankheit "Co-Abhängigkeit" beschäftigst. Ich kann nicht genau beurteilen, ob Du davon betroffen bist, es könnte aber sein, dass das auch eine Rolle spielt. Und das ist dann auch eine sehr ernstzunehmende Angelegenheit.

    Und bitte denke auch mal über die sicher sehr harten, aber doch auch sehr berechtigten Worte von Susanne nach, was die Zukunft Deiner (Eurer) Kinder betrifft. Es ist eben so, dass Du die Verantwortung für Deine Kinder hast. Klar wäre da ja auch noch der Vater, aber den kannst Du halt alkoholbedingt komplett vergessen. Du bist der einzige Halt, der einzige Anker, den Deine Mädels haben. Ich weiß, es ist nicht gerecht und es ist nicht das, was man sich wünscht, wenn man gemeinsam eine Familie gründet und Kinder bekommt. Man wünscht sich, dass beide Elternteile ihrer Verantwortung gerecht werden. Aber Dein Mann hat sein Leben an den Alkohol abgegeben. Und der lässt keinen Raum für andere Beziehungen. Der Alkohol will immer der /die Einzige sein, die Sucht setzt alles daran die Nummer eins im Leben eines Süchtigen zu sein. Und das ist sie auch, dann kommt lange nichts, sehr lange und dann kommst vielleicht mal Du oder die Kinder. Aber nur wenns gerade passt.

    Ich finde es gut, dass Du mal darüber nachgedacht hast, ob Du ihn eigentlich noch liebst. Und Deine Aussage, dass Du möglicherweise noch den Menschen liebst, der er einmal war, die habe ich schon häufiger von Betroffenen gehört oder gelesen. Man klammert sich an die Hoffnung, dass ja alles wieder gut werden könnte, dass man den Menschen zurück bekommen könnte, den man so geliebt hat. Wenn, ja wenn er halt einfach mal mit dem Saufen aufhören würde....

    Nun, da muss ich Dir sagen (aus eigener Erfahrung): diesen Menschen bekommst Du ganz sicher nicht mehr zurück! Angenommen er würde heute aufhören mit dem Trinken und den Drogen, würde sich in Therapie begeben, würde ein intensives Programm durchlaufen und sich mit sich selbst, seiner Sucht und seinem Leben nach der Sucht beschäftigen und würde es dann auch noch schaffen, wirklich stabil suchtfrei zu sein - Du hättest einen ganz anderen Menschen vor Dir als den, den Du vor der Sucht gekannt hast. Die Suchterfahrung und auch die Erfahrungen die man dann beim Überwinden macht, die prägen einen enorm. Es ist nicht so selten, dass sich Paare trennen, nachdem der süchtige Partner trocken wurde. Weil es dann einfach nicht mehr zusammen passt und weil auch der nicht süchtige Partner im Grunde eine Art Therapie durchlaufen muss, um überhaupt mit dieser neuen Situation klar zu kommen. Das, liebe Cäcilia, ist wirklich eine sehr komplexe Geschichte in der z. B. auch das Thema "wieder vertrauen können" ein große Rolle spielt. Ich möchte das jetzt an dieser Stelle nicht zu tief ausführen, Du hast aktuell ja noch ganz andere Probleme und Dein Mann ist m. E. ganz weit davon entfernt mit dem Trinken aufzuhören.

    Hier dann gleich zu Deiner Frage, warum ICH mich getrennt habe. Tatsächlich wollte meine Frau, dass wir zusammen bleiben und es zusammen durchstehen. Aber je klarer ich wurde, desto klarer wurde mir, dass ich es an der Seite meiner Frau nicht schaffen würde dauerhaft trocken zu bleiben. Ich versuchte mir über meine Gefühle klar zu werden (darum auch meine Anregung an Dich das gleiche zu tun) und ich stellte fest, dass ich meine Kinder über alles liebte, meine Frau jedoch.... Sie war (ist) ein wirklich guter Mensch, ein Mensch, der das alles ganz bestimmt nicht verdient hatte. Aber ich liebte sie nicht mehr und es war in diesen Suchtjahren so viel passiert (ich betone: an quasi allem war ich schuld, nicht sie, denn sie wusste ja noch nicht mal was wirklich los war), dass wir uns auseinander gelebt hatten. Darüber hinaus hatte ich so enorme Schuldgefühle ihr gegenüber, dass es mir kaum möglich war, mich in ihrer Nähe aufzuhalten.

    Ich hatte viele Gespräche, mit unterschiedlichen Menschen. Mit einem Freund, mit Psychologen und mit einem Mönch und am Ende war ich es allein, der eine Entscheidung treffen musste (wie Du übrigens auch). Und diese konnte für mich dann nur sein, mich für ein Leben ohne Alkohol zu entscheiden. Und da ich mir sicher war, dass ich es in meiner alten Welt, meinem alten Umfeld nicht schaffen würde, habe ich mich getrennt. Es spielten noch viel mehr Dinge eine Rolle, aber kann und will nicht alles hier schreiben, es würde auch den Rahmen sprengen.

    Meine Frau hätte damals eine Chance verdient, trotzdem bin ich auch nach vielen Jahren noch ganz sicher, dass es für mich die richtige Entscheidung war. Du solltest auch die richtige Entscheidung treffen für Dich und Deine Mädels. Ich ging nach dieser Entscheidung übrigens durch die Hölle. Ich wusste nicht, wie das alles ausgehen wird. Meine Schuld, vor allem die unglaubliche Verzweiflung und Traurigkeit meiner Kinder, brachten mich fast um. Und so war es dann auch die größte Herausforderung in meiner Zeit in Richtungen neues Leben ohne Alkohol, diese Schuld und diese tiefe Traurigkeit zu überwinden. Hat gedauert, war einiges an Arbeit, viel Hilfe von außen und heute bin ich ein sehr glücklicher Mensch, mit neuer Familie und einer wirklich guten Beziehung zu meinen Kindern und auch meiner ersten Frau. Wenn Du mir das nach einem halben Jahr Trockenheit gesagt hättest, ich hätte es für absolut ausgeschlossen und unmöglich gehalten.

    Ich schreibe Dir das so, weil ich Dir damit zeigen will, dass man es selbst in der Hand hat. Auch Du hast es selbst in der Hand. Und ich hatte übrigens auch einen Berg Schulden an der Backe, hab Jahre gebraucht sie abzustottern. Und noch einen ganzen Schwung anderer suchtbedingter Altlasten....

    Zitat

    Was war denn bei dir der Punkt, an dem du festgestellt hast, dass sich etwas ändern muss?


    Diesen Punkt gab es so klar bei mir überhaupt nicht. Innerhalb meiner Trinkerkarriere gab es mehrere Situationen, wo ich mir sagte: So geht es nicht weiter! Was folgte waren entweder Trinkpausen oder der Versuch, reduziert oder kontrolliert zu trinken. Naja, das kennst Du doch auch von Deinem Mann, oder?
    Selbstverständlich scheitere ich früher oder später immer. Und wenn eine Trinkpause länger andauerte, dann hab ich meist danach mehr getrunken als vorher. Dauerhaft mehr meine ich. So dass ich halt irgendwann mal bei 10 - 12 Bier pro Tag angelangt war, was aber am Ende dann auch oft nicht mehr ausreichte und ich musste noch Wein dazu gießen. Und so wurde ich also immer kaputter. Körperlich aber vor allem auch psychisch.

    In all der Zeit hatte ich mir ein ordentliches Doppelleben aufgebaut, welches es mir ermöglichte, mir meine Auszeiten von Frau und Kindern zu nehmen. Dieses Doppelleben war natürlich enorm belastend und nur durch Lügen und Betrügen überhaupt aufrecht zu erhalten. Eines Abends kam ich nach Hause, ich weiß noch, dass ich relativ nüchtern war (nur 3 oder 4 Bier zu diesem Zeitpunkt) und meine Frau stellte mich wegen einer dieser Lügen zur Rede. Nun hätte ich es ganz sicher geschafft, mich aus dieser Situation durch neuerliches, kreatives Lügen herauszuwinden (wie ich es unzählige Male vorher auch schon getan hatte), doch ganz plötzlich und spontan wusste ich: Jetzt ist der Moment! Jetzt ist es vorbei, jetzt outest Du Dich, jetzt willst Du nicht mehr. Und so war es dann auch. Obwohl ich ganz genau wusste: Wenn ich es jetzt sage, wenn ich mich jetzt oute, dann wird die Welt meiner Frau und Familie und auch meine eigene komplett zusammen brechen. Nichts wird mehr so ein wie es einmal war, nichts wird mehr rückgängig zu machen sein, ich werde nichts bagatellsieren können. Es ist dann over and out - Und so war's dann auch. Ich werde diesen Moment und die Reaktion und die Worte meiner Frau niemals vergessen.

    So war das bei mir und meine Situation und auch mein Trinkverhalten, die Art wie ich meine Sucht ausgelebt habe, hat nichts mit dem zu tun was Dein Mann tut. Ich war nicht weniger grausam wie es Dein Mann Dir gegenüber ist, aber ich war es auf eine ganz andere Art und Weise. Was ich damit sagen will: Es ist nicht möglich, die eine Sucht und den einen Suchtausstieg mit einem anderen zu vergleichen oder zu hoffen, dass es vielleicht bei Deinem Mann zu einer ähnlichen Situation kommt. Es ist alles höchst individuell und nicht vorhersehbar. Die Erfahrung zeigt aber halt einfach nur, dass es sehr wenige sind, die überhaupt versuchen vom Alkohol weg zu kommen und von diesen Wenigen sind es dann nochmal sehr wenige, die es dauerhaft schaffen.

    Insofern nochmal mein Apell an Dich: Kümmere Dich um DEIN Leben! Alles andere bedeutet nur ein Verlängern Deines Leidens. Wenn Du auf Kummer und Leid stehst und Deinen Mädels das ebenfalls angedeihen lassen möchtest, dann kannst das ja weiter so machen. Wenn Du aber irgendwann mal wieder sowas wie glücklich sein möchtest, dann musst Du Dein Leben in die eigenen Hände nehmen. Und so wie es aussieht wäre das mit einem kompletten Neustart bei Dir verbunden.

    Ok, mehr habe ich jetzt erst mal nicht zu sagen.

    Alles Gute.

    LG
    gerchla

    Hallo Cäcilia,

    herzlich Willkommen hier im Forum und gut, dass Du Dich dazu durchgerungen hast, Deine ganze Last hier mal niederzuschreiben.

    Bevor ich Dir meine Gedanken schreibe stelle ich mich kurz vor:

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker, Papa von 3 Kindern und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Davor habe ich weit über 10 Jahre abhängig getrunken, die meiste Zeit davon heimlich, so dass es weder meine Frau noch meine weitere Familie wusste. Was aber nicht bedeutet, dass sie nicht die Folgen meiner Sucht zu spüren bekommen hätten. Am Ende führte es dann letztlich dazu, dass ich mich von meiner Frau trennte und mein Leben (fast) komplett neu startete.

    Ich komme also von der "anderen Seite", ich nenne es jetzt mal die Seite des "Täters", also desjenigen, der durch seine Sucht das Leben anderer ganz erheblich (negativ) beeinflusst oder sogar fast schon richtig kaputt macht.

    Meine Gedanken zu Deinen Zeilen:

    Ich lese aus ganz vielen Sätzen Dein nicht mehr vorhandenes Selbstbewusstsein heraus. Das ist, wenn man lange in einer kranken Beziehung mit einem Alkoholiker steckt und es nicht geschafft hat rechtzeitig heraus zu kommen, relativ häufig. Aber natürlich alles andere als gut.

    Bevor ich Dir schreibe, was aus meiner Sicht für Dich die wahrscheinlich einzige Option ist, würde mich mal interessieren, ob Du selbst an dieser Beziehung festhalten möchtest. Liebst Du Deinen Mann eigentlich noch? Kannst Du Dir vorstellen, Dein Leben weiter mit ihm zu verbringen? Selbst wenn er jetzt ganz plötzlich keine Drogen und keinen Alk mehr konsumieren würde (nicht falsch verstehen: was ich da von Dir lese lässt keinerlei Hoffnung in diese Richtung zu), ist dann nicht schon Zuviel kaputt gegangen um diese Beziehung vertrauensvoll fortführen zu können? Das sind Fragen die nur Du Dir beantworten kannst. Die Antworten darauf sind aber m. E. wichtig für Dich um überhaupt mal klar zu werden, ob es sich lohnt für irgendwas zu kämpfen.

    Und da kommen wir jetzt aber auch gleich zum Wesentlichen. Macht kämpfen überhaupt Sinn? Kann man als Angehöriger überhaupt gegen die Sucht seines Partner kämpfen? Oder, weniger martialisch ausgedrückt: Hat man als Angehöriger überhaupt einen Einfluss auf die Sucht seines Partners, auf sein Verhalten, auf seine Trinkmenge oder kann man mit richtigen "Maßnahmen" sogar dazu beitragen, dass er mit dem Trinken aufhört?

    Die Pauschale Antwort darauf lautet: NEIN

    Egal was Du tust, machst, sagst, etc. ER ALLEIN entscheidet darüber ob er trinken will oder nicht. Solange er in seiner Sucht kein Problem sieht (sondern alle Probleme auf Dich projeziert), solange passiert erst mal gar nichts. Da kannst Du ganz lieb sein, da kannst Du toben, da kannst Du unauffällig wie ein Mäuschen still sein - alles egal. Nichts wird sich ändern. Die Sucht ist stärker als alles andere und selbst die Liebe zu seinem Partner, ja selbst die Liebe zu den eigenen Kindern reicht oft nicht aus um den Betroffen wach zu rütteln und zu einer Veränderung seiner Trinkgewohnheiten zu veranlassen.

    Ich weiß wovon ich spreche, denn ich liebte meine Kinder über alles. Und ich wusste auch irgendwann, dass das alle ganz böse enden würde. Ich wusste auch, dass ich das nur dann verhindern könnte, wenn ich mit dem Trinken aufhören würde. Ich tat es erst als es bereits zu spät war.

    Also, was bleibt nun Dir eigentlich? Tja, so hart es klingen mag: Du kannst nur auf DICH schauen. Du musst entscheiden, wie Du Dein Leben weiter führen willst. Ihn solltest Du dabei nicht mit einbeziehen. Du solltest alle Entscheidungen die jetzt zu treffen sind an Deinen Wünschen und Bedürfnissen ausrichten. Du hast mit ihm gesprochen, wie ich aus Deinen Zeilen heraus lese sogar mehrfach. Er hat nichts geändert, warum auch immer. Er tut das, was ein typischer Alkoholiker halt so tut, was ich auch teilweise getan habe. Mal heult er, mal ist er aggressiv, mal trinkt er sogar eine Zeit lang nichts, dann wieder findet er tausend Gründe warum es ohne nicht geht. Natürlich will er keine Hilfe, natürlich könnte er aufhören wenn er wollte aber das Problem ist ja nicht er sondern Du, etc. Könnte ich beliebig verlängern.

    Was ich sagen will, er sollte raus sein aus Deinen Überlegungen. Er ist erwachsen und für sich und sein Leben selbst verantwortlich. Du aber auch und Du bist für Dich und Deine minderjährigen Kinder verantwortlich.

    Wenn ich Deine Geschichte so lese, dann würde ich alles für eine Trennung vorbereiten. Ja ich weiß, das Haus, die Schulden, die Kinder.... Wird nicht einfach und dann hast Du noch nicht mal einen Job. So weiter machen heißt aber: Weiter in Deiner privaten Hölle leben und das ohne irgend eine Perspektive das sich etwas verbessern wird. Eher wird es noch schlimmer, denn das ist der natürliche Verlauf dieser Sucht.

    Die Alternative hieße: Alleine mit den Kindern in eine ungewisse, sicher nicht einfache Zukunft starten in der Du viele Hürden und Herausforderungen überwinden musst. Wo Du aber immer für Dich selbst verantwortlich bist und wo Du immerhin die Aussicht darauf hast, dass Du irgendwann mal wieder Land siehst und in eine gute, auf jeden Fall in eine bessere, Lebenssituation kommst. Und alles ohne die Angst, wie er wohl heute wieder drauf ist, wenn er nach Hause kommt.

    Lies hier mal die Geschichten der anderen Angehörigen. Sie können Dir viel helfen. Und überlege Dir auch, ob Du nicht mal zu einer SHG gehst, also wenn das wieder möglich ist (nach den Ausgangsbeschränkungen).

    Ich belasse es jetzt mal dabei. Ich wünsche Dir, dass Du die richtigen Entscheidungen für Dich treffen kannst und natürlich auch einen guten Austausch hier im Forum findest.

    Alles Gute
    LG
    gerchla

    Hallo Otto,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich halte meine Antwort jetzt mal ähnlich kurz wie Du Deine Vorstellung.

    Aus meiner Sicht ist Folgendes ein guter Anfang um von der Sucht weg zu kommen:

    1. Arzt aufsuchen und offen über alles sprechen. Nichts beschönigen.
    2. Suchthilfe aufsuchen und ebenfalls offen über alles sprechen. Nichts beschönigen.
    3. Mit oben genannten Protagonisten darüber sprechen wie es weiter gehen kann und dann ggf. diese Maßnahmen annehmen und durchführen. Was z. B. sein könnte: professionelle Entgiftung, ambulante oder stationäre Therapie oder auch anderes
    4. Unabhängig davon eine Selbsthilfegruppe aufsuchen (ja wir sind gerade im Coronamodus aber das wird nicht ewig andauern)
    5. Umfeld einweihen und auch hier ganz offen über alles sprechen und damit ein gefährliches Hintertürchen schließen.

    Das wären aus meiner Sicht erst mal ganz gute Maßnahmen, die dabei helfen könnten, erst mal immer das erste Glas stehen zu lassen. Anschließend geht es dann natürlich weiter, denn es ist ein langer Weg heraus aus der Sucht. Aber er lohnt sich.

    Alles Gute und einen guten Austausch hier im Forum wünsche ich.

    LG
    gerchla

    Hallo Spaziergänger,

    dann will ich mal versuchen darauf einzugehen:

    Zitat

    Über weitere Ideen und Erfahrungen, was Ihr am Anfang hilfreich fandet, würde ich mich auch freuen.


    Vielleicht muss ich es etwas umformulieren. Ich will mal versuchen Dir diejenigen Dinge zu schildern, die meiner Meinung nach bei mir dazu geführt haben, dass ich bei meinem letzten Versuch tatsächlich den Ausstieg geschafft habe. In dem Wissen, dass das mein Weg war und das andere durchaus auch andere Weg gehen können oder gegangen sind. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass es ein paar Elementare Bausteine gibt, die sozusagen "Allgemeingültigkeit" haben. Oder sagen wir mal besser: Es gibt einige zentrale Verhaltens- und Vorgehensweisen, ohne deren Einhaltung es verdammt schwer wird, den Ausstieg zu schaffen. Wie wir alle wissen, ist die Quote derer, die auch nach 2 Jahren noch stabil trocken sind ja ohnehin äußerst gering und ich glaube, dass es vor allem diejenigen schaffen, die es innerhalb dieser Zeit schaffen, ihr grundsätzliches psychisches Problem (welches aus meiner Sicht bei Alkoholikern vorliegt) zu bearbeiten und idealerweise sogar aufzuarbeiten und zu beseitigen.

    Das ist aber nur meine Sicht.

    Also, was bei mir ganz wichtig war: Erst mal die Erkenntnis und die tiefe Verinnerlichung, dass ich Alkoholiker bin. Und das ich das dann auch habe aussprechen können. Damit verbunden war dann nämlich eine für mich ganz zentrale Geschichte: nämlich ehrlich sein gegenüber mir selbst. Kein Schönreden mehr, auch kein Schöndenken.

    Unmittelbar damit verbunden und von mir auch von der ersten Minute an praktiziert: Ehrlich gegenüber meinem engeren (wichtigen) Umfeld. Alle mir wichtigen Personen haben von mir die Wahrheit erzählt bekommen. Und zwar die GANZE Wahrheit. Da brachen mehrere Welten zusammen. Neben der Welt meiner Frau und meiner Kinder auch die meiner Eltern und meiner Geschwister. Und auch enge Freunde habe ich erschüttert. Das waren einschneidende Gespräche für mich, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

    Mir geht es dabei nicht darum, dass man es Hinz und Kunz erzählen muss, dass man Alkoholiker ist. Manchmal ist es sogar angeraten, das nicht zu tun. Das wichtige, enge Umfeld muss es wissen.

    Dann halte ich für ganz wichtig, dass man bereit ist wirklich alles für ein neues Leben ohne Alkohol zu tun. Was nicht gleichbedeutend damit ist, dass man auch alles tun muss. Aber die Bereitschaft erst mal alle Optionen annehmen zu wollen, um zumindest heraus finden zu können, ob sie einem helfen, halte ich für ganz wichtig. Ich war zu allem bereit, hätte auch eine LZT gemacht oder was auch immer.

    Letztlich war es bei mir dann die Hilfe durch eine SHG, einem Psychologen, vielen Gesprächen mit einem sehr engen Freund, die unbezahlbare Hilfe und Begleitung durch einen Mönch und ganz viel Auseinandersetzung mit mir selbst. Letzteres war für mich ganz wichtig und es war für mich absolut elementar, dass ich damals meine Gefühle (welche durch die Trennung von meiner Familie und das von mir verursachte Leid äußerst belastend waren) zugelassen habe und sie unbedingt er- und durchleben wollte. Ich wollte also nicht Dinge tun, die mir halfen zu verdrängen oder zu vergessen. Ich wollte das ganz bewusst nicht tun. Ich wollte ERST aufarbeiten und DANN neu starten.

    Das war dann z. B. auch ein Grund dafür, weshalb ich nicht mit dem Laufen begann. Obwohl ich genau wusste wie dieser Sport auf mich wirkt und welch positive Wirkung er hat. Das war meine Leidenschaft in der Zeit vor meiner Trinkerkarriere gewesen und mir war klar: wenn ich damit beginne, dann werde ich voll darin aufgehen. Aber ich wollte das erst dann machen, wenn mit mir und meiner Vergangenheit im Reinen war. So ist es dann auch passiert.

    Wichtig für mich war also, dass ich mich von Anfang an (sagen wir mal nach den ersten paar ganz akuten Wochen) mit mir und den Gründen meiner Sucht beschäftigt habe. Viele Spaziergänge habe ich gemacht, täglich. Und viel nachgedacht. Nichts verdrängt und bei den Dingen, wo ich selbst nicht weiter kam, musste dann der Psychologe ran oder mein Freund oder der Mönch, der mir letztlich tatsächlich am meisten zurück in Leben geholfen hat. Oft war es auch die Kombination aus mehreren Gesprächen mit allen genannten, die mir dann weiter halfen.

    Nach einem Jahr war ich mit dem Gröbsten durch. Von da an konnte ich an den kleineren Baustellen weiter arbeiten. Heute arbeite ich auch noch an mir. Jeden Tag. Und es geht dabei heute einfach nur darum mein Leben so zu gestalten, wie ich es mir vorstelle. Es geht darum der Mensch zu sein (oder zu werden), der ich gerne sein möchte. Das ganze wird seit vielen Jahren von einer großen Dankbarkeit begleitet. Nämlich von der Dankbarkeit, dass ich mir diese Gedanken so machen kann und dass ich diese Sucht hinter mir lassen konnte.

    Was bei mir auch ganz wichtig war, war das Überwinden von "nasser" Denkweise. Ich meine, da hatte ich ja viele Jahre lang getrunken und sowohl mein Charakter als auch meine komplette Denkweise hatte sich verändert. Diese Veränderung passierte über Jahre. Und es war klar, dass sie sich nicht sofort ändern würde, nur weil ich jetzt mal ein paar Wochen oder Monate nichts trank. Und so übte ich quasi neues Denken. Das setzte erst mal voraus, dass ich wusste, wer ich eigentlich (neu) sein wollte. Was meine Ziele waren, wer ich eigentlich war und wer ich künftig sein wollte. Was der Sinn meines Lebens eigentlich ist und was ich mal über mein Leben sagen möchte, wenn ich vor der Kiste stehe.

    Und so habe ich tatsächlich sehr sehr häufig mein spontanes Denken und auch mein spontanes Handeln mit meinem Hirn bewusst "überschrieben". Immer wieder neu gedacht. Zentral war für mich dabei, dass es mein Wunsch war, ein positiver und optimistischer Mensch zu werden. Beides war ich nämlich als Alkoholiker nicht. Und so zwang ich mich sozusagen immer wieder meine Denkweise zu verändern.

    Und man glaubt es kaum, das funktioniert. Dauert lange und erfordert eine gewisse Ausdauer. Aber irgendwann muss man nicht mehr "drüber" denken sondern die Gedanken kommen aus dem Bauch heraus. Ich veränderte mich stark, ich wurde plötzlich positiv und viele Menschen um mich herum begannen mich auch darauf anzusprechen. Heute bin ich der Meinung, dass die eigenen Gedanken die stärkste "Waffe" ist, die man für sich selbst und sein eigenes Wohlbefinden zur Verfügung hat.

    Soweit meine Gedanken.

    Auf so grundlegenden Dinge wie "allen Alkohol zu vernichten und nichts im Haus zu haben" bin ich jetzt erst mal gar nicht eingegangen. Meine Vorräte zu vernichten war natürlich das erste was ich getan habe. Noch an dem Abend an dem ich es meiner Familie eröffnet hatte. Und natürlich kam auch nicht mehr neues ins Haus. Und dass ich dann erst mal auf keine Feiern, Feste oder sonstige Veranstaltungen wo es reichlich Alkohol gegeben hat gegangen bin liegt wohl auch klar auf der Hand. Das ist heute alles anders, für die ersten zwei Jahre in etwa war das für mich aber kein Thema. Und dadurch, dass meine engen Freunde Bescheid wussten, gab es hier auch keine schwierigen Situationen.

    Das war's erst mal von mir. Hoffe es ist was für Dich dabei. Alles Gute weiterhin.

    LG
    gerchla

    Hallo Spaziergänger,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich stelle mich mal kurz vor: Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Vorher trank ich weit über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit davon komplett heimlich.

    Deine Geschichte ist ein sehr schönes und sehr typisches Beispiel, wie diese Sucht funktioniert und wie man langsam immer tiefer hinein rutschen kann. Vor allem auch die Schilderung der zeitlichen Abläufe zeigt sehr gut, wie lange man doch eigentlich mit bereits vorhandener Sucht einigermaßen "gut" leben kann und wie es immer wieder zu längeren Phasen der Hoffnung und Zuversicht kommen kann, obwohl diese überhaupt nicht angebracht sind. Eine perfide Sache, diese Alkoholsucht.

    Ich habe durchaus ähnliche Erfahrungen gemacht wie Du. Meine längste Trinkpause dauerte fast ein Jahr. Im Gegensatz zu Dir gings bei mir dann aber mit der Rückkehr zum alten Trinkniveau relativ schnell und schnell war ich dann auch darüber hinaus. Und ja, natürlich kenne ich auch die Versuche kontrolliert zu trinken... Naja, hat auch immer mal ein paar Wochen funktioniert, zumindest in den Anfangsjahren.

    Was war also dann anders, als es bei mir dann klappte mit dem Ausstieg? Erst mal war ich derart am Boden, derart kaputt (körperlich aber vor allem seelisch), dass ich gar nicht mehr auf die Idee kam, irgendwelche Versuche bezüglich "mal paar Tage nichts trinken" oder "mal einige Zeit weniger trinken" unternehmen wollte. Ich sah darin auch keinen Sinn mehr, ich wusste auch innerlich, dass es keinen Sinn hatte. Ich war bereit das auf mich zukommen zu lassen, was da jetzt wohl auf mich zukommen würde. Mir war einfach alles egal.

    Und doch kam dann ein Moment, ein völlig ungeplanter, wo ich ganz plötzlich wusste: Jetzt outest Du Dich Deiner Familie gegenüber und dann wirst Du nie mehr trinken. Mit dem Wissen, dass ich mit diesem Outing die Zukunft meiner Frau und meiner Kinder erst mal komplett ruinieren würde. Die dachten ja, sie hätten einen treu sorgenden Familienvater an ihrer Seite. Dieser hatte aber ein Doppelleben vom Allerfeinsten und hatte Dinge getrieben, von den keiner wusste und die niemand für möglich gehalten hätte. Und all das, das wusste ich, würde ich jetzt beichten und dann gab es kein zurück mehr.

    Und so kam es und ich wusste vom ersten Wort an, dass nichts mehr so sein würde wie vorher. Und irgendwie war das dann auch der Unterschied zu den vielen Versuchen vorher. Ich wollte ja am liebsten immer heimlich aufhören. Das wäre aus meiner Sicht für alle Beteiligten das geschmeidigste gewesen. Aber da hatte ich die Rechnung ohne die Sucht gemacht. Der Ausstieg funktioniert aus meiner Sicht nur, wenn bereit ist, absolut alles dafür zu tun und wenn man absolut ehrlich ist. Anderen gegenüber aber und vor allem sich selbst gegenüber.

    Und dann ist es eben noch so, dass "nur nicht mehr trinken" auf Dauer einfach nicht reicht. Es ist wichtig zu wissen warum und wofür man den Alkohol missbraucht hat. Denn die Situationen, in denen man zum Alkohol gegriffen hat, die werden im Leben immer wieder kommen. Und es geht eben darum ihn nicht als Alternative zu sehen. Sondern seine absolute Sinnlosigkeit und Gefährlichkeit zu erkennen. Ich bin der Meinung das ich als Alkoholiker eine psychische Erkrankung habe. Und wie bei jeder anderen psychischen Erkrankung braucht es Zeit und die richtige Therapie um sie zu heilen.

    Die Therapieformen oder die Wege aus der Sucht sind höchst individuell. Bei einigen helfen die klassischen Angebote, andere finden über SHG ihre Therapieform wieder andere, wie ich z. B. gehen ganz andere Wege. Egal wie, es ist wichtig und entscheidend das zu finden und zu tun, was einem zu einem zufriedenen Leben ohne Alkohol führt.

    Das nur mal so als erste Gedanken von mir. Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum und dass Du bald vom "herumtümpeln" in ein "voranschreiten" wechseln kannst.

    LG
    gerchla

    Hallo Lena,

    wie geht es Dir denn heute? Ansich hast Du ja jetzt schon recht viel von uns gehört und man (ich) könnte jetzt einfach mal abwarten, ob oder was von Dir jetzt so kommt. Aber ganz spontan ist mir etwas eingefallen, was mir selbst passiert ist.

    Ich war in meiner Anfangszeit, also gleich nachdem ich das letzte Mal Alkohol getrunken hatte, in einer SHG. Das war eine Gruppe der AA und sie wurde für die ersten Wochen und Monate sowas wie mein Anker, mein Lernfeld, mein Anlaufpunkt. Und ich ging da dann damals wirklich täglich hin, wir hatten dort glücklicherweise (für mich) so ein umfangreiches Angebot. Zwar mit wechelnden Teilnehmern pro Wochentag, aber ich konnte immer dabei sein.

    Was ich aber eigentlich schreiben wollte. Nach ein paar Tagen kündigte ich mal an, dass ich am nächsten Tag nicht in die Gruppe kommen würde, weil ich mich zu diesem Zeitpunkt mit meinen Sohn treffen wollte und wir leider keinen anderen Termin finden konnten. Und ich ihn aber auch unbedingt und so schnell wie möglich sehen wollte. Da kam der Gruppenleiter auf mich zu und sagte: "Du kannst hier übrigens auch kommen, wenn Du was getrunken hast - solange Du Dich nicht daneben benimmst bist Du immer willkommen". Ich weiß noch gut, dass ich mich innerlich fürchterlich aufgeregt habe, weil ich das so interpretierte, dass er annahm ich würde nicht kommen weil ich trinken wollte. Heute weiß ich, dass er das einfach aus seiner Erfahrung heraus gesagt hat und mir damit eine Türe öffnen wollte, die ich zwar gar nicht gebraucht habe, was er aber ja nicht wissen konnte.

    Und was hat das jetzt mit Dir zu tun? Nun, ich habe an Dich und Deine Zeilen gedacht und ich habe mir auch gedacht, es könnte sein, dass sie wieder zum Alkohol greift. Und es könnte auch sein, dass sie dann hier weg bleibt, vielleicht auch deshalb, weil sie sich schämt oder hier nicht richtig aufgehoben fühlt. Vielleicht sind meine Gedanken auch völlig falsch. Egal wie, ich möchte Dich auf jeden Fall einfach ermutigen hier zu bleiben und mit uns zu diskutieren. Wenn Du Dich nicht in einer realen SHG öffnen kannst oder willst, dann mach' es doch hier. Hol Dir hier Anregungen, Gedanken, Denkanstösse, Motivation. Wir geben Dir das gerne.

    Es wäre jammerschade, wenn Du Dein Leben an den Alkohol verlieren würdest. Hol es Dir zurück und lass Dich auch von möglichen Rückschlägen nicht aufhalten. Es ist so, wie Susanne es schon geschrieben hat. Ein langer Weg wo am Ende aber nur sehr wenige da ankommen, wo sie eigentlich hin wollen. Nämlich dauerhaft weg vom Alkohol. Diejenigen die es aber geschafft haben, waren oft die, die immer wieder aufgestanden sind, nie aufgegeben haben, so lange bis sie den richtigen Weg für sich gefunden haben. Manchmal passiert das auch durch ganz wunderliche Dinge.

    Ich habe es Dir ja schon geschrieben: mein Eindruck ist, dass Du viel aufzuarbeiten hast. Mit meiner Andeutung bezüglich der Beziehung zu Deinem Ex-Freund wollte ich übrigens nicht sagen, dass Du den Kontakt zu ihm abbrechen sollst oder musst. Denn ich weiß ja gar nicht, wie diese Beziehung (für Dich) tatsächlich aussieht. Das Du es jetzt gemacht hast wird seine Gründe haben. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass Du diesen Weg jetzt in Deinem Tempo gehst. Überfordere Dich nicht, geh immer eines nach dem anderen an. Denke vielleicht auch mal eine Zeit lang wirklich nur von einem Tag auf den nächsten (war bei mir besonders am Anfang eine sehr hilfreiche Strategie, denn ich hatte sooooo viele Riesenprobleme vor mir). Gehe Dein Tempo aber gehe es konsequent immer weiter. Der Weg aus der Sucht ist kein Sprint, auch kein Mittelstreckenlauf, er ist ein Marathon und vielleicht sogar ein lebenslanger Dauerlauf. Was aber nicht abschreckend wirken soll, sondern einfach nur bedeutet, dass man sein Leben lang an sich selbst arbeiten sollte.

    Ich glaube sogar, dass das für jeden Menschen, also auch für Nichtsüchtige ein Schlüssel für Zufriedenheit und Glück sein kann.

    Ich würde mich freuen wieder von Dir zu lesen und hoffe, Du nimmst mir meine Zeilen nicht krumm. Alles Gute!

    LG
    gerchla

    Hallo Lena,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum und schön, dass Du etwas in Deinem Leben verändern möchtest.

    Ich stelle mich mal ganz kurz vor: Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Vorher trank ich weit über 10 Jahr abhängig, den größten Teil dieser Zeit heimlich. Weder Frau noch Kinder wussten davon, geschweige denn das sonstige Umfeld. Das ist untypisch, denn meist wissen es andere bevor man es selbst akzeptiert. Ich war wohl ein ganz ausgezeichneter Lügner, Betrüger und Täuscher.

    Meine Gedanken zu Deinen Zeilen und auch zu Deinem Austausch mit Susanne:

    Es geht um Dein Leben. Und es geht darum, Dein Leben zu verändern. Mir scheint, Dein Alkoholproblem ist (nur) ein Teil davon. Wenngleich es wohl das wohl das Wichtigste von allen ist. Aber, so lese und interpretiere ich Deine Zeilen, da steckt noch viel mehr dahinter. Vielleicht ist das, was da noch so dahinter steckt auch der Grund dafür, dass Du Dich in den Alkohol flüchtest. Und vielleicht liegt darin auch der Grund, weshalb Du Probleme mit dem (Unter-)Gewicht hast.

    Und dann ist da noch die Beziehung zu Deinem Ex-Freund.... Ich vermute, da ist auch noch mehr als man oberflächlich so annehmen würde.

    D.h. also, Du stehts vielleicht vor dem ersten großen Meilenstein in Deinem Leben. Je nachdem, wie Du jetzt die Weichen stellst, wird sich Dein Leben weiter entwickeln. Mit Alkohol, so möchte ich prophezeien, wird es wohl kein gutes Ende nehmen.

    Was ich Dir sagen möchte: Es wird nicht reichen, einfach nur nichts mehr zu trinken. Es wird viel mehr brauchen. Du brauchst einen Plan, Du musst wichtige Entscheidungen treffen, Du musst Dir darüber im Klaren werden, wer Du eigentlich sein möchtest und was Du von Deinem Leben erwartest. Und Du musst Dir auch überlegen, wie Du Deine Ziele dann erreichen kannst. Und vor allem solltest Du auch ergründen, weshalb Du zum Alkohol zurück gegriffen hast.

    Es gibt Gründe, weshalb Du das getan hast und immer wieder tust. Finde sie und beseitige sie. Ich vermute sie stecken sehr tief, es würde mich wundern wenn es nicht so wäre. Ich schreibe das hier so locker und weiß doch, dass das alles absolut überhaupt nicht einfach ist. Es ist ein langer Prozess, den ich auch eigener Erfahrung gut kenne. Es dauert und es entwickelt sich.

    Gut wär es aus meiner Sicht, wenn Du diesen Weg nicht alleine gingst. Dazu hast Du meiner Meinung nach zu viele Baustellen und es ist generell nicht das schlechteste, sich beim Weg aus der Sucht begleiten zu lassen. Welches die richtige Begleitung für Dich ist, das musst Du selbst heraus finden. Wenn ich etwas raten dürfte, dann würde ich sagen, mach' von Anfang an Nägel mit Köpfen:

    Geht zum Arzt, entziehe nicht kalt. Geh zur Suchtberatung, schau mal in eine SHG, probiere unterschiedliche Formate aus. Denke auch über ganz abgefahrene Dinge nach. Bei mir z. B. war ein Mönch die wichtigste Person im Ausstieg aus der Sucht.
    Und warte nicht darauf irgendwann mal irgendwas zu machen (Therapie, etc.). Nimms in die Hand und gehe es sofort an. Glaube mir, die Sucht ist übermächtig. Sie wird jede noch so kleine Chance nutzen Dich wieder auf ihre Seite zu ziehen. Heimtückisch und hinterlistig.

    Du kannst sie nur besiegen wenn Du es aus Deinem tiefsten Inneren heraus willst und wenn Du bereit bist alles dafür zu tun.

    Ich wünsche Dir, dass Du zu dieser Erkenntnis kommst und die richtigen Schritte tust. Und dann wartet da ein ganz anderes, wunderbares Leben auf Dich.

    Das war's mal als Einleitung von mir. Alles alles Gute und einen guten Austausch hier im Forum wünsche ich Dir.

    LG
    Gerchla

    Hallo zusammen,

    sehr interessant, liebe Britt, was Du hier über die deutsche Sprache schreibst. Wie unterschiedlich wir Menschen doch sind. Ich sehe das ganz anders. Bei mir ist es tatsächlich so, dass ich mich in meiner aktiven Alkoholikerzeit ganz hervorragend und intensivst über dieses Thema austauschen hätte können.

    Und ich wäre ein Verfechter der deutschen Sprache gewesen, das darfst mir glauben. Ich hätte (und habe) die Fahne unserer Sprache hoch gehalten und daneben noch die Fahne meines Heimatdialektes. Ich hätte gesagt: Wir sind hier in Deutschland und da wird gefälligst deutsch gesprochen.

    Und heute? Heute sehe ich das viel entspannter. Heute denke ich mir, das waren damals meine Minderwertigkeitskoplexe, meine Ängste, die für diese Gedanken verantwortlich waren. Heute denke ich mir: Hat es nicht im 17. 18. und 19 Jhd. eine Phase gegeben in der die französische Sprache unsere deutsche enorm beeinflusst hat? Worte wie Jalousie, Fassade, Serviette, Parfum, Rivale, Adresse, Cousin (und noch ewig viele mehr) stammen aus dieser Zeit und sind heute ganz normal. Armee ist auch noch so ein Wort oder Portemonnaie (letzteres ein Wort, das hauptsächlich ältere Menschen noch benutzen, vielleicht sogar jene, die heute Anglizismen ablehnen).

    Nein, ich habe wirklich andere Dinge zu tun, als mich aufzuregen. Auch nicht über die Jugend, deren Sprache etc. Denn letztlich erinnere ich mich noch gut daran, wie sich meine Eltern / Großeltern über meine Generation und über "unsere" Sprache aufgeregt haben. Nein, ich sehe weder mich noch meine Sprache bedroht. Ich denke mir, alles ist immer im Wandel und immer im Fluss. Nichts ist für die Ewigkeit und vor allem das ist für mich eine ganz wichtige Erkenntnis. Denn das bedeutet für mich, dass ich stets dankbar bin für das was ich gerade habe, denn ich weiß, es wird nicht ewig so bleiben.

    Insofern liegt mein Fokus auf mir und auf dem, was ich in der Hand habe und was ich für mich verändern kann. Und hier ist und waren immer meine stärksten "Waffen" meine Denkweise bzw. meine Gedanken. Und so denke ich mir: Nein, Anglizismen sind es nicht, die mein Wohlbefinden, meine Zufriedenheit oder gar mein Glück bedrohen, deshalb muss ich auch nicht gegen sie kämpfen. Das sind ganz andere Dinge um die ich mich kümmern muss.

    LG
    gerchla

    Hallo Krissi,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol.

    Die Frage, die Du stellst, wurde hier im Forum und auch anderswo schon sehr häufig gestellt: Ist mein Partner / meine Partnerin bereits alkoholabhängig?

    Ich kann gut verstehen, dass man sich als Angehöriger diese Frage stellt und ich kann auch verstehen, dass man sich erhofft, irgendjemand könnte sie einem beantworten, idealerweise mit: nein, sie/er ist nicht abhängig, trinkt nur gerade ein wenig zu viel.

    Ich möchte Dir hier aber mal einen anderen Denkanstoss liefern. Ich behaupte jetzt einfach mal, es wird Dir gar nichts bringen zu wissen, ob Deine Frau nun süchtig ist oder einfach nur zu viel trinkt.

    Warum, wirst Du Dich jetzt vielleicht fragen. Wäre doch toll, wenn Du wüsstest, dass sie "nur" Missbrauch betreibt und noch nicht süchtig ist.

    Aber entscheidend ist doch, dass Deine Frau nichts verändern WILL. Sie will trinken, für Sie ist es gut so wie es ist. Du hast sie angesprochen, sie hat Deine Argumente nicht zählen lassen. Warum auch immer sie das tut, aber sie will es so. So wie es jetzt gerade ist. Wäre sie nicht süchtig, hätte es nur einen Vorteil: Würde sie aufhören wollen, dann könnte sie es. Zumindest würde es ihr deutlich einfacher gelingen als einem Süchtigen. Und sie könnte vielleicht auch irgendwann mal wieder ab und an ein Glas trinken. Also ganz normal einfach, wie das die meisten Menschen können.

    Das Problem ist nur: Sie will es nicht. Vielleicht weil sie es nicht kann, weil sich die Sucht schon manifestiert hat, vielleicht auch "nur", weil sie sich ein Leben ohne das Zeug nicht vorstellen kann, weil ihr der Alkohol das gibt was sie sonst vermisst, weil er Mängel kompensiert, weil er Probleme wenigstens temporär vergessen hilft. Du weißt es nicht und Du kannst ihr Verhalten aber ganz offensichtlich auch nicht verändern.

    Und genau so ist es eben auch. Gegen ihren Willen geht gar nichts. Auch bei Süchtigen ist das absolut entscheidende Element der eigene Wunsch mit dem Trinken aufhören zu wollen. Erst dann hat er überhaupt eine Chance es zu schaffen. Wenn er nicht will, dann kann nichts und niemand ihn zwingen. Und ich sage mal: Das gilt für Menschen, die den Alkohol missbrauchen (und das tut Deine Frau ganz sicher) genauso. Der Übergang zur "richtigen" Sucht ist dann vorprogrammiert, er ist die logische Konsequenz. Nur: Du kannst so oder so nichts tun, außer vielleicht eines:

    Nämlich Dich um Dich selbst kümmern und Deine eigenen Regeln aufzustellen. Deine Grenzen festzulegen, wie weit Du bereit bist das alles mitzumachen. Und das solltest Du ihr gegenüber dann auch kommunizieren. Und dann wirst Du sehen, wieviel ihr die Beziehung zu Dir wert ist, wie stark der Alkohol ihr Leben schon im Griff hat. Die letzte Konsequenz ist ja dann auch immer eine Trennung, ich weiß nicht wie weit Du da schon bist. Aber in vielen Partnerschaften mit einem alkoholkranken Partner ist es für den gesunden Teil die einzige Möglichkeit, wieder in ein lebenswertes Leben zurück zu finden.

    Manchmal aber ist dieser Schritt oder auch die Ankündigung dieses Schrittes dann für den alkoholkranken Partner die Initialzündung, das eigene Verhalten vielleicht doch mal richtig zu hinterfragen. Ich kenne einige, die den Absprung aus der Sucht durch die Androhung bzw. auch Umsetzung einer Trennung durch den Partner geschafft haben. Leider gibt es aber auch viele Beispiele, wo das gar nichts gebracht hat.

    Entscheidend ist also nur, was Du möchtest. Du kannst nur auf Dich schauen und Deine Entscheidungen so treffen, dass es Dir damit gut geht. Wenn Deine Entscheidung ist, dass Du weiterhin auf unbestimmte Zeit mit Deiner trinkenden Frau zusammen leben möchtest, dann ist das so. Wenn Du das für Dich arrangieren kannst, wenn Du einigermaßen gut damit leben kannst, dann ist das so. Wenn das kein Weg für Dich ist, dann wirst Du einen anderen Weg gehen müssen. Wichtig ist nur, dass Du verstehst, dass Du keinen Einfluss auf Deine Frau hast. Sie entscheidet selbst über ihr Leben. Und wenn sie bereits süchtig sein sollte, dann sind all ihr Denken und ihr Verhalten vom Alkohol und der Sucht geprägt.

    Dir bleibt also im Grunde wirklich nichts anderes, als Dich auf Dich zu konzentrieren. Deinen Standpunkt klar zu machen, Deine Grenzen zu ziehen und bei Überschreiten der selbigen auch Deine Konsequenzen zu ziehen.

    Das klingt bestimmt alles ganz hart. Ich schreibe das aber nicht um hier irgendwie besonders schlau daher zu kommen oder um irgendwas zu dramatisieren. Ich schreibe es einfach aus meinen eigenen Erfahrungen als Alkoholiker heraus. Und im Grunde ist es genau das selbe, was Du auch schon von Susanne gehört hast.

    Ich wünsche Dir, dass Du einen guten Weg für Dich finden kannst. Und Deiner Frau wünsche ich, dass sie wach wird und erkennt, in welch gefährlichen Situation sie sich befindet. Alles alles Gute für Dich.

    LG
    Gerchla