Hallo und vielen Dank für den freundlichen Empfang!
Tatsächlich habe ich in meinem weiteren Umfeld nur zwei Personen, die nicht trinken: Meine muslimische Arbeitskollegin – die es mir zumindest bei Veranstaltungen wie Weihnachtsfeiern leichter macht (ansonsten habe ich sehr trinkfeste Kollegen) – und den Vater einer Freundin meiner Tochter. Ihn würde ich als guten Bekannten bezeichnen, man unternimmt hin und wieder mal etwas gemeinsam.
Er trinkt nicht, für ihn ist das aber gar kein Thema. Ich habe schon einmal vorsichtig versucht, das Gespräch in diese Richtung zu lenken, aber er hat den Ball nicht aufgenommen. Bei ihm hatte ich das Gefühl, dass mehr als nur Nicht-Mögen dahinterstecken könnte.
Ich muss allerdings auch sagen, dass ich nicht hundertprozentig offen damit umgehe, dass ich ein Problem hatte. Vor etwa zwei Jahren wurde bei mir eine Erschöpfungsdepression diagnostiziert. Zum Glück habe ich mich recht schnell wieder erholt – aber das ist auch ein Grund dafür, dass ich keinen Alkohol mehr konsumiere. Ich habe sehr deutlich gemerkt, dass es mir auch bei kleinen Mengen seelisch total schlecht geht. Wenn ich gefragt werde, warum ich nicht trinke, nenne ich diesen Grund. Ganz offen zu sagen, wie ich früher getrunken habe, dazu bin ich nicht bereit.
Ansonsten habe ich ausschließlich trinkende Freunde und Bekannte. Das sind bis auf wenige Ausnahmen keine problematischen Trinker – einige davon gehören zu diesen für mich damals völlig unbegreiflichen Menschen, die nach einem (!) Glas Rotwein zum Essen einfach Wasser trinken und keinen weiteren Gedanken daran verschwenden. Die eskalieren nicht, aber für sie gehört Alkohol bei bestimmten Anlässen einfach dazu.
Ich lebe mit meinem Mann und unseren Kindern zusammen. Wir beide kommen aus Familien, in denen Alkohol immer präsent war – nicht unbedingt im problematischen Sinne, aber eben so, dass er zu Feiern, Feiertagen und Urlauben einfach dazugehört hat. Das ist sicher einer der Bausteine meiner Abhängigkeit. Und das macht es mir teilweise heute noch schwer.
Zum einen, weil mein Gehirn noch immer so programmiert ist, dass Alkohol dazugehört. Wenn ich zum Beispiel abends im Urlaub am Strand sitze, kommt dieser Impuls. Oder beim Kochen. Kognitiv weiß ich, was Alkohol ist, was er mit mir macht, wie schädlich er ist – und ich sehe auch, wie die Alkoholindustrie funktioniert. Aber emotional ist das nicht immer angekommen.
In meiner Ursprungsfamilie wie auch in meiner Schwiegerfamilie wird bei allen möglichen Anlässen Alkohol serviert. Der Champagner zu Weihnachten. Der Sekt zum Kaffee, wenn unsere Kinder Geburtstag haben – das wird einfach erwartet. Ich hatte schon Phasen, in denen ich überhaupt keine Lust mehr auf solche Runden hatte. Aber ich liebe diese Menschen und will sie nicht aus meinem Leben verbannen – und ändern werde ich sie auch nicht mehr. Ich bin ein einziges Mal deutlich geworden, als eines meiner Geschwister (selber sogar in einem Bereich arbeitend, in dem sehr drastisch sichtbar wird, was Alkohol in Familien anrichtet) vor meiner Tochter ankündigte, zum 16.Geburtstag mit ihr trinken zu wollen. Da habe ich klar gesagt, dass ich nicht zulasse, dass meine Kinder zum Trinken animiert werden. War schwierig.
Auch mein Mann trinkt Alkohol. Bei ihm ist es schon auch ein Mittel zur Entspannung. Unter der Woche nicht – da arbeitet er viel und macht Sport – aber an den Wochenenden gehört es für ihn dazu. Ich erzähle ihm hin und wieder, was ich so lese oder neu lerne. Und ich hoffe, dass sich bei ihm irgendwann etwas ändert. Aber ich möchte ihn nicht drängen – und das kann ich auch nicht. Dass Alkohol nicht so harmlos ist, wie wir beide das vorgelebt bekommen haben (wir sind beide Kinder der 80er), das beginnt langsam, auch bei ihm anzukommen. Aber ich denke, ein Leben komplett ohne Alkohol kann er sich nicht vorstellen.
Vor etwa einem Jahr habe ich zwei AA-Treffen besucht – einfach, weil ich hoffte, dort jemanden zu finden, mit dem ich gut reden kann. Die Leute dort waren wirklich super nett! Aber so richtig auf einer Wellenlänge waren wir leider nicht. Die Stimmung war sehr schwer, fast düster – das hat mich eher abgeschreckt. Deshalb bin ich nicht wieder hingegangen. Vielleicht hätte ich noch ein anderes Treffen ausprobieren sollen.
Da war ich jetzt aber ganz schön im Flow…Ich hoffe ich erschlage niemanden mit dieser Textwand.