Moin,
wenn Du hier schon länger liest, muss ich ja wahrscheinlich nicht viel von mir erzählen.
Und dass der rege Austausch hier mangels Schreibern eher nicht stattfindet, dürfte Dir auch klar sein.
Es ist ja eher so, dass ein paar Langzeittrockene wie ich den Frischlingen irgendwas erzählen, was ich persönlich als suboptimal empfinde. Denn ich fände es auch besser, wenn mehr Erfahrungsaustausch zwischen Leuten stattfände, die sich in vergleichbarer Situation befinden. Für mich spielt das Denken an Alkohol im Alltag schon lange keine Rolle mehr, deswegen bezweifle ich selbst oft, ob ich überhaupt noch verstehe, was Leute umtreibt, die sich aktuell mit dem Thema "Aufhören, weniger trinken etc" befassen.
Ich hab auch eine Drogenvergangenheit. Die einzige Droge, vor der ich Respekt hatte, war Heroin, trotzdem hab ichs mehrmals ausprobiert, da ich unbedingt wissen wollte, wie es wirkt. Alle anderen Drogen habe ich genommen, wie sie verfügbar waren, und ich habe mich aktiv daran beteiligt, dass sie verfügbar waren, war also so viel Akteur wie Konsument. Insofern haben wir da eine Gemeinsamkeit, wie mans nimmt. Und ich hab damit auch mit 24 aufgehört, mit den harten Sachen.
Ich hab eine chronische Neurologische Erkarankung, hatte nach mehrjähriger Trockenheit einen Unfall mit lebenslangen Folgen, der mit meiner Giftvergangenheit gar nichts zu tun hat, und ich bin seit fast einem Jahr dauerkrankgeschrieben, das sind Dinge, die passieren, PunktausEnde.
Du willst Dich austauschen, aber ich sehe nicht, was Du brauchst. Der Ansatzpunkt, den ich sehe, ist dieser Satz
Ich glaube, dass das auch für mich eine Option ist, auch wenn ich weiß, dass das zurecht kritisch gesehen wird.
Zum kontrollierten trinken: an sich ist mir das egal, bei mir bringen sich die Weihnachsgäste den Wein und den Schnaps selbst mit, mich störts nicht. Kann jeder machen wie er will.
Aber vielleicht willst Du ja eine Einschätzung des Risikos. Ich glaube aber, dass Du es selbst kennst.
Ich selbst habe, nachdem ich aufgehört habe, gelesen, dass man das, wie ich getrunken habe, einen "Trinkplan" nennt, und dass einen Trinkplan nur Leute haben, die sich schon unter Kontrolle haben müssen. Weil sie, wenn sie es einfach laufen lassen würden, auf jeden Fall sehr viel mehr trinken würden mit Allem, was dann passieren kann - aber nicht muss. Irgendwo hab ich mal gelesen, trinken ist das, womit man sich am allerwahrscheinlichesten von allen Fehlern, die man machen kann, unglücklich macht, mindestens zwei Drittel aller Trinker sind mit dem Leben unzufrieden. Da gibts Kohortenuntersuchungen über Jahrzehnte mit sehr vielen Teilnehmern.
Bevor ich den Trinkplan hatte, habe ich jahrelang täglich getrunken, der Trinkplan war erst mal ein Entgegenkommen gegenüber meinem Partner, und dann hab ich auch gesehen, dass ich meinen Konsum besser ein bisschen bremse, wenn ich nicht komplett abstürzen will. Aber Aufhören kam auch nicht in Frage, denn ab und an wollte ich eben besoffen sein, und zwar richtig. Wenig trinken fand ich immer langweilig.
Bei mir lief der Trinkplan so ab: ich erlaube mir an 4 Tagen die Woche, zu trinken. Ich trinke nie tagsüber, sondern immer nur abends, und ich bin drei Tage am Stück nüchtern, damit der Alkoholspiegel garantiert auf null kommt.
Ansonsten habe ich mir keine Beschränkungen auferlegt, was die Menge anging, da es mir keinen Spass machte, aufzuhören, wenn ich weitersaufen wollte.
Meistens lief es so, am ersten und zweiten Trinktag reichte es mir nach gewisser Zeit, spätestens am vierten Tag habe ich aber gesoffen, was das Zeug hielt. Und ich gelte zwar auch als hochintelligent, aber ich habe die Intelligenz auch genutzt, um mich möglichst ausgefeilt abzuschiessen, was bei mir hiess, den Körper zu überlisten, damit er nicht aussteigt, bevor ich meinen Zielrausch erreicht hatte. Ich weiss noch genau, ich wollte nach Möglichkeit maximal besoffen sein, einen psychopathologischen Ausnahmezustand erreichen( tatsächlich der Begriff, mit dem ich operiert habe), deswegen habe ich auch Hochleistungsgras angebaut, weil Alkohol allein gar nicht ausreichte, um den Zustand zu erreichen. Und das, obwohl ich dann fast nur noch Schnaps getrunken habe, irgendwann wollte der Körper nicht mehr, und der Geist wollte noch. Also Saufen ohne Kiffen gabs gar nicht. Und gekifft habe ich auch ohne Alkohol.
Das habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, ca. 8 Jahre so gemacht. Nach einem größeren Absturz hab ich mir geschworen, nur noch wenig zu trinken. Meine Situation war da auch die, dass ich mit 40 endlich ein Studium abschliessen wollte, und gesehen habe, dass sich das mit meiner Sauferei beisst. Also erst mal, längere Zeit, nur einmal im Monat, und da maximal zwei Bier. Knapp ein Jahr so durchgezogen. Das ging, fiel mir nicht mal besonders schwer, und ich fühlte mich gut und war mit mir selbst im Reinen. Ich habs im Griff. Ganz aufhören müssen doch nur Schwächlinge.
Heute sehe ich das so, ich habe es derartig gebraucht, dass ich unbedingt verhindern musste, dass ich es ganz lassen muss. Und dafür habe ich mir alle möglichen Strategien erdacht, damit ich trotz problematischem Konsum weitertrinken konnte. Heute stört es mich viel mehr, wenn mein Wohlbefinden derartig von einer Substanz abhängt, wenn ich das nicht selbst kann, aus innerer Fähigkeit mich ins Gleichgewicht zu bringen, ausser da, wo es sich wegen Krankheit gar nicht vermeiden lasst. Und dafür ist Alkohol in der Regel das falsche Mittel.
Dann kam mehrmonatiger Prüfungsstress. Ich: wenn ich die ersten wichtigen Prüfungen habe, dann darf ich aber mal wieder. Habs mir richtig ausgemalt. Hatte ich mir ja auch durch den Verzicht verdient. Lange Rede, kurzer Sinn, nach drei Wochen hätte ich mich in den Arsch gebissen, wenn ich dazu beweglich genug gewesen wäre. Ich konnte zwar wieder den Rhythmus 3 Tage zu 4 Tage beibehalten, aber meine Besäufnisse waren schlimmer als je zuvor. Ich kam in gar keinen befriedigenden Zustand mehr, nur so lange das Anfluten anhielt (die Steigerung des Blutalkohols)), hatte ich die Illusion, dass es irgendwie steigerungsfähig wäre, aber es gab kein Wohlfühlplateau mehr. Ich kam nicht mehr an das dran, was ich wollte. Und ich vertrug auch immer weniger. Und ich hatte Angst um mich selbst. Dann hatte ich eines Tages die Schnauze absolut voll.
Wenn Du jetzt von mir hören willst, was Du tun sollst: ich seh das so, jeder hat ein Leben, und das ist, abgesehen von äusseren Zwängen, der Einsatz und das Spielzeug. Mit seinem Leben kann jeder machen, was er will. Jeder kann tun, was er will, so lange er bereit ist, die Konsequenzen dafür zu tragen.
Mir würde es halt nichts mehr bringen, zu trinken, Dir bringt es offensichtlich was. Das ist der Stand der Dinge.
Ich könnte möglicherweise auch wieder nur ab und an trinken, mit dem heutigen Wissen würde ich dann noch ein bisschen besser aufpassen. Nur, wenn ich mich selbst frage, kommt nur die innere Gegenfrage: wozu, was soll das bringen? Und es wäre mit ein paar Schwierigkeiten verbunden, auch wenn ich es vielleicht schaffen würde, die durch den möglichen Gewinn nicht aufgewogen werden würden.
Übrigens, alle Tests und Gespräche mit der dafür qualifizierten Psychologin meiner Suchtberatungsstelle ergaben immer, dass ich mich erst im Bereich des Missbrauchs und des riskanten Konsums bewegt habe, noch keine voll entwickelte chronische Alkoholerkrankung hatte. Trotzdem war ich psychisch so abhängig wie irgendwer, da ich keinerlei Vorstellung davon hatte, wie ein zufriedenes Leben ohne Alkohol aussehen könnte.
Besoffensein war mein Ventil für alles, was mich sonst ärgerte, stresste, aber auch um überhaupt richtig Spass zu empfinden, ohne Suff fehlte mir einfach sehr viel. Und das mit dem zufriedenen Leben ist immer noch Baustelle, da ich ohne Betäubung ja noch viel deutlicher merke, wo es mich drückt. Nur sehe ich das heute als Herausforderung, und nicht als Grund mich abzuschiessen. Aus Erfahrung weiss ich, das mich trinken nicht zufrieden macht.
Ich sag Dir nicht, was Du machen sollst, da mir das egal ist. In 10 Jahren habe ich Dich vergessen, aber Du guckst Dich dann immer noch im Spiegel an.
Und vor allem kann ich nicht hellsehen, ich könnte Dir bestenfalls Wahrscheinlichkeiten nennen, wie das weitergehen kann. Neulich hab ich ein Interview mit einem Leiter einer Suchtklinik gesehen, der fogendes sinngemäß sagte: 10 Prozent schaffen es, abstinent zu werden, der Rest probiert das kontrollierte Trinken. Davon wiederum schaffen das kontrollierte Trinken einige, die anderen wissen dann, dass sie es nicht schaffen, kontrolliert zu trinken. Und mit viel Glück unternehmen von denen, die nicht kontrolliert trinken können, einige dann einen Versuch, ganz aufzuhören. Der Rest trinkt bis 6 feet under, bei vielen wird es hässlch, bei einigen bleibt es unspektakülär.
Gruß Susanne