Liebe freie Gedanken,
erst mal hallo und den Gedanken, dass die Gedanken frei sind, pflege ich bis heute.
Ansonsten bin ich mit einem trinkenden Vater aufgewachsen, der bis zu seinem Tod nicht mit dem trinken aufgehört hat und an den Folgen gestorben ist, auch meine Mutter zwitscherte ganz gern mal Einen oder Mehrere, und bin daher (auch) EKA, aber ansonsten unterscheiden sich meine Erfahrungen an einigen Stellen von Deinen. Mit den Kindheitserinnerungen habe ich z.B kaum Probleme, abgesehen von den ersten Jahren, aber das ist ja normal und bei allen Menschen so.
Erst mal ist es auch so, dass mein Elternhaus und mein Vater nach außen hin funktionierten und mein Vater beruflich erfolgreich war.
Und zum zweiten habe ich, teils aus Nachahmung, teils aus Protest selbst einige Jahre sehr viel zu viel getrunken und auch Drogen genommen und als ich mich mit mir selbst auseinandersetzen musste, damit ich damit aufhören konnte, habe ich einerseits besser verstanden, was in meinem Vater vorging und zweitens musste ich diese innere Leere, die ich ohne Betäubungsmittel ebenfalls hatte, füllen, um überhaupt trocken/clean weitermachen zu können. Und das war in erster Linie Arbeit an mir selbst, mit Hilfe von Therapie, Expertengesprächen und Eigenarbeit, es dauerte sehr lange und in gewisser Weise bleibt für mich der Weg bis ans Lebensende das Ziel, da mich meine Kindheit ja auch so geformt hat, dass ich keinen Knopf habe, das alles ungeschehen zu machen.
Ich möchte aber auch gar nichts mehr ungeschehen machen, denn heute bin ich mehr als doppelt so alt wie Du und mit meinem Leben weitgehend zufrieden. Es war so wie es war, und es trug ja auch dazu bei, mich zu der zu machen die ich heute bin.
Aber ich erinnere mich auch noch an Zeiten, wo ich meinem Vater - und meiner Coabhängigen Mutter - den Tod an den Hals gewunschen habe und wo ich mir eingebildet hatte, dass damit für mich alles einfacher würde. Und ich teile mit anderen EKAs auch die Erfahrung, dass ich nach außen hin zu funktionieren hatte, dass alles, was ich machte, den Ruf der Familie (was sollen die Nachbarn denken?) nicht beschädigen durfte und dass mir viele Gefühle schlicht verboten waren, so dass ich nie gelernt hatte, mit meinen Gefühlen umzugehen, emotional sehr unausgeglichen war und voller innerer Widersprüche steckte. und: dass ich mich sehr alleine und einsam fühlte, das Gefühl hatte, dass mich niemand versteht und das ich keine Verbindung zu anderen aufbauen konnte. Und genau so wie ich als Kind in verhasste Klamotten gesteckt wurde, damit man mich vorzeigen konnte, war ich auch bei meiner Berufswahl zwar formell frei, es musste aber trotzdem was sein, mit dem meine Eltern (und auch ich, weil ich genau so wenig selbst wusste, was ich wirklich will, und auch selbst an dem Gängelband hing, dass ich unbedingt geliebt oder wenigstens akzeptiert werden wollte) nach außen was hermachen und sich brüsten konnten. Als das nicht mehr wirklich funktioerte, verfiel ich auf das Gegenteil, überhaupt keine Erwartungen mehr zu erfüllen, was leider nicht dazu führte, dass ich dann gewusste hätte, was ich wollte. Und natürlich wurde mir auch während meiner Kindheit und Jugend eingebläut, dass ich für das Glück meiner Eltern verantwortlich war. Ich war das "böse Kind", wegen dem meine Eltern überhaupt erst so schräg drauf waren, wie sie waren - ich war meistens irgendwie schuld und bekam das aufs Brot geschmiert, oder sonstige Züchtigungen. Ich musste mir später, als mein Vater Pflegefall wurde, darüber klar werden, was ich selbst für Werte habe, was ich persönlich gut und wichtig finde und was ich nur machen würde, weil Andere das gut fänden.
Bei mir hatte das Alles seinen Anteil daran, das sich selbst zu Alkohol und Drogen gegriffen habe, und selbst als ich damit aufgehört hatte - vor vielen Jahren - machten mir meine unkontrollierbaren Emotionen noch lange zu schaffen und sie waren auch nach außen hin und in der Partnerschaft nicht unbedingt von Vorteil für mich. Ich hatte/habe das Glück, dass ich trotzdem eine langjährige, teils mit Kämpfen verbundene, aber insgesamt eher glückliche Partnerschaft habe, wo es mir und meinem Partner auch vergönnt ist, dass wir die Ernte unserer langen Bemühungen auch einfahren. Und so langsam bin ich auch bedeutend ausgeglichener, ich weiß allerdings nicht sicher, ob das an meinen Bemühungen oder nur am Alter liegt 
Gruß Susanne