Hallo chillymilly
Ich kenne weder Dich noch Deine Mutter, von daher ist es schwierig für mich, aus der Ferne wirklich abzuschätzen, was Ihr beide für Menschen wärt, wenn ihr vor mir stehen würdet.
Ich schreib da mal ein paar Punkte aus meiner Sicht. Du musst es ja nicht so sehen wie ich, entscheidest ja sowieso Du was Du daraus machst.
Alkoholiker, also auch ich und vermutlich auch Deine Mutter, sind gut darin, zu leiden und selbstmitleidig zu sein. Für Alkoholiker ist das allerdings normalerweise kein Grund, etwas daran zu ändern, sondern eine Rechtfertigung fürs Trinken. Bei mir war das längere Zeit so, wenn jemand nachgebohrt hat, warum ich so bin und nicht anders, dann hab ich halt alle möglichen Gründe aufgeführt, bis ich irgendwann keine Lust mehr dazu hatte und gesagt habe, ich bin halt so, kannst Du damit leben oder es lassen...ich wusste, dass ich nicht aufhören will und es machte keinen Sinn mehr für mich, da jemandem was vorzumachen. Später hatte ich sogar alle Probleme gelöst und trotzdem weiter getrunken, das nennt sich halt Sucht. Und oft schafft die Sucht ja erst die Probleme, nur zieht man nicht die Konsequenzen draus, weils zu mühselig wäre und man sowieso nicht glaubt, dass Aufhören was helfen würde oder dass das Elend überhaupt erst vom trinken kommt. Dass Alkoholiker alle wegen Problemen trinken, ist ja auch so ein Klischee, betrifft aber nur einen Teil, genauso wie nicht jeder Alkoholiker als Penner auf den Parkbank lebt.
Ich kann das, was Du schreibst, mühelos so interpretieren, dass Deine Mutter bei Dir um Verständnis für ihr Trinken wirbt und bei Dir die Knöpfe zu drücken versucht, damit Du funktionierst und für sie springst, ohne dass sie etwas ändern muss. Das ist jedenfalls das, was oft passiert. Und ich traue Dir mit Leichtigkeit zu, dass Du auch so funktionierst, tut mir leid, sehe ich so.
Geredet wird viel, wenn der Tag lang ist, bei einem Alkoholiker mindestens so viel wie bei anderen Leuten. In den meisten Fällen merkt man ziemlich schnell, wenn ein Alkoholiker wirklich was tut. Das, was Du beschreibst, sehe ich eher als taktieren, Spielchen die sie mit Dir treibt, und Du, weil Du Dich an die Hoffnung klammerst, spielst mit. Sie erzählt Dir, was Du hören und glauben willst.
Ich hab mal drüber nachgedacht, ob es bei mir eine Möglichkeit gegeben hätte, so mit mir zu reden, dass ich irgendwann aufgehört hätte. Ich denke, die Möglichkeit gab es nicht. So lange ich trinken wollte, habe ich niemanden an mich rangelassen - ich meine, geredet habe ich schon, viel sogar, aber geändert habe ich deswegen trotzdem nichts. Ich sah keinen Sinn darin, aufzuhören. Und andere Leute habe ich nicht an mein Leben rangelassen, ich fand, das geht andere einfach nichts an, wie ich lebe. Wenn jemand wollte, dass ich aufhöre - dem sein Problem, nicht meines.
Bei meinem Vater wusste ich, dass er als Alkoholiker ähnlich tickt wie ich, und ich habe gar nicht erst probiert, ihn davon zu überzeugen, dass er aufhören soll. Ich habe mich im Wesentlichen nur über andere Themen mit ihm unterhalten, da waren wir zwar in Kontakt, aber wir hatten keine Probleme mehr miteinander. Es musste halt einigermaßen nüchtern sein, wenn er mit mir reden wollte, weil er betrunken ziemlich beleidigend wurde und ich mir das nicht anhören wollte und das wusste er, ansonsten habe ich ihn einfach sein Ding machen lassen. Wenn ich versucht hätte, ihn irgendwie zu manipulieren oder ihn zu irgendwas zu bewegen, was er nicht wollte, wäre bei ihm genauso Feuer unterm Dach gewesen wie bei mir, wenn das bei mir jemand versuchte.
Ich wusste, er wollte trinken, er hat es auch gesagt, also habe ich ihn so gelassen. Mich hat das da schon gar nicht mehr gestört.
Dazu kann ich auch zu gut nachvollziehen, dass es für einen Trinker absolut sinnlos erscheinen kann, damit aufzuhören, da er sich vom Aufhören kein besseres Leben erwartet. Also warum sollte er sich dafür anstrengen? - und ohne was zu tun, gehts halt meistens nicht.
Das ist jetzt nur mal eine mögliche Sichtweise so als Input, weil Du ja auch fragst.
Gruß Susanne