Ich schreib Dir doch noch mal. Vielleicht liest Du es noch irgendwann, vielleicht auch nicht.
Also ich habe absolutes Verständnis dafür, dass Du wenig begeistert bist von dem, was ich Dir geschrieben habe. Ich kann mir vorstellen, wie Du mit den Nerven ziemlich runter bist, und dann komme ich und lege den Finger in die Wunde, schon klar, dass das nicht toll für Dich ist.
Da hilft Dir sehr wahrscheinlich auch alles "will doch nur helfen" nichts. Das tut weh und da gibt es nichts zu beschönigen. Trotzdem ist das aus meiner Situation die Situation, die so schmerzlich ist, und ich benenne das nur ziemlich geradeaus. Der Überbringer schlechter Nachrichten musste schon immer aufpassen, dass er nicht geköpft wird, aber ich weiss, dass ich das aushalte.
Mein Partner hat meine Sauferei 13 Jahre lang mitgemacht, dann hat er sich so getrennt, wie Du jetzt auch. Am Anfangs wars wohl nicht so schlimm, aber ein paar Jahre hatten wir viel Streit deswegen. Wir waren etwa ein halbes Jahr auseinander, und ich habe das gebraucht, damit ich mich so kaputt saufen konnte, dass es mir, aus mir selbst heraus und vollständig, reichen konnte.
Als es mir gereicht hat, habe ich was gemacht. Und ich war dann so motiviert, so sehr hätte mein Partner gar nicht schieben können, wie ich dann plötzlich gezogen habe. Ich hatte die Schnauze voll bis zum Anschlag. Dazu musste es mir aber auch erst mal schlechter gehen, als ein liebender Partner das hätte mit ansehen können. Also dazu war ich wirklich besser alleine mit mir.
Ich hätte gar nicht wegen ihm aufhören können, denn erstens konnte er mir nicht das geben, was mir die Sauferei gegeben hatte, und zweitens wäre ich nicht nüchtern geblieben, wenn ich dann wegen jedem Konflikt, den wir beim Zusammenraufen hatten, wieder gesoffen hätte. Das Trockenwerden- und bleiben ist meine persönliche Angelegenheit, nach wie vor. Mein Partner hält sich da raus und musste sich selbst damit beschäftigen, wie er wiederum das lassen konnte. "Kümmern" war nämlich seine "Sucht". Positive Eigenschaft, wenn mans auch lassen knn, sobald es zu viel ist, schlechte Eigenschaft, wenn man es selbst braucht, um sich gut zu fühlen, und den anderen ohne Rücksicht auf Verluste beglücken muss.
Und wir sind nach 19 Jahren meiner Trockenheit immer noch zusammen, inzwischen insgesamt fast 32 Jahre. Muss also wohl auch was haben und ich hab anscheinend ja auch noch ein paar andere Seiten als die, die Dir gerade nicht so gefallen, sonst hätte er mir meine Ausflippereien ja wohl auch kaum verziehen. Genau so wenig wie ich ihm seine Übergriffigkeiten. Man lernt halt nie aus.
Wenn ich weiter gesoffen hätte, dann hätte das auch einen hohen Preis gekostet, das darfst Du mir glauben. Trotzdem wäre es definitiv nicht mehr gegangen, und was war auch klar. Wir hatten uns sogar drüber unterhalten, das er sich in seinem eigenem Interesse besser trennt, denn mir war zeitenweise völlig klar, dass ich einfach nicht aufhören konnte, und trotzdem habe ich gesehen, wie es ihm damit geht. Ja, das war auch eine extrem verfahrene Situation. Und es gab hinterher auch eine Menge Scherben aufzuräumen, es war sehr viel Arbeit, und das hätten wir sicher auch nicht auf uns genommen, wenn uns das alles egal gewesen wäre. Und wiederum, wenn ich nicht aus mir selbst heraus trocken gewesen wäre, hätte ich das nicht durchgehalten, sondern auch aus Frust, weil wir ja dann noch genügend Schwierigkeiten hatten, bei aller Liebe, doch wieder angefangen.
Du schreibst, er weiss nicht, was er von Dir erwartet, wenn er meint, Du sollst ihn machen lassen. Ich sage, aber Du weisst auch nicht, was Du von ihm erwartest, wenn Du denkst, er könnte doch wegen Dir aufhören. Du hast keine Ahnung, was das Trinken aufhören für ein gefühlter Verlust sein kann, da muss man erst mal dazu kommen, dass man das aushalten kann und will, und dazu muss es meistens schon ziemlich schlimm sein, so schlimm wie bei einer großen Liebe..denn das ist es in gewisser Weise. Und ich wlll das sicher nicht schön reden, sonst hätte ich ja nicht aufgehört und würde das heute leben.
Ich schreibe Dir das aus zwei Gründen.
Erstens, um Dir zu verdeutlichen, das ich Deine Situation durchaus nachvollziehen kann.
Und zweitens, um auch was zu der Möglichkeit zu sagen, dass er vielleicht doch noch aufwacht.
Also bei mir war das "aufhören wollen" dann jedenfalls so deutlich, dass da keine Fragen mehr offen blieben. Denn ich war mit mir selbst dann genau so direkt und geradeaus wie es hier manchmal auffällt, da gabs überhaupt keine Zweifel mehr dran, das ich dass ernst meine. Ich habe mich dann ziemlich schonungslos selbst betrachtet, in aller Hässlichkeit. Aber ich kenne die Motivation zum Trinken natürlich schon noch und weiss, wie das für mich ausgesen hatte, habe für meine damalige Situation also durchaus Verständnis und es war auch nicht alles nur bescheiden, genauso so gut wie ich heute froh bin das ich das nicht mehr brauche, und mein Blickwinkel hat sich sehr gewandelt, aber früher habe ich das eben so gesehen, wie ich das damals gesehen habe, da beisst die Maus keinen Faden ab.
Ich war dann allerdings auch zu meinem Partner sehr direkt, das musste er auch aushalten und er hat es ausgehalten. Was anderes wäre nicht gegangen. Und ich musste und muss einige Sachen mit mir selbst ausmachen, das heisst ich brauche auch meine Freiräume um das zu tun, abgesehen davon bin ich wirklich manchmal gerne alleine unterwegs. Er natürlich auch.
So lange es damit nicht so weit ist, gibts deinen Ex aber nur mit Alkohol, es gibt nicht entweder die eine Seite oder die andere, und ich musste die Seiten, die ich früher nur alkoholisiert ausgelebt hatte, aber auch irgendwie in mein nüchternes Leben integrieren. Das heisst, ich habe jetzt nüchtern auch Seiten, die man von mir früher eher im betrunken Zustand kannte, z.B eben das, das ich kein Blatt vor den Mund nehme, und ich habe natürlich auch nüchtern manchmal Schei..tage, an denen ich relativ ungeniessbar bin. Das kann man heute halt nicht mehr nur auf den Suff schieben.
Und letztendlich ging das bei mir/bei uns wohl alles nur, weil wir die Trennung zum damaligen Zeitpunt als gegeben hingenommen haben. Das war sicherlich auch nicht lustig, aber nur so kam die Enwicklung überhaupt erst wieder in Gang. Und es hätte auch anders ausgehen können, also es war wohl auch sehr viel Glück dabei.
Das wars dann von meiner Seite, und ich wünsche Dir wirklich alles Gute.
Susanne