Hallo Rina,
bei mir hat auch mein Vater mehr getrunken. Meine Mutter trank zwar auch ganz gern, aber nicht so viel und ansonsten war sie eher typisch Co und versuchte sich den Launen meines Vaters anzupassen. Sie versuchte allerdings auch, wegen meinen Fehlern bei ihm nicht in die Schusslinie zu kommen und hat mich dann nicht vor ihm beschützt, sondern eher verpetzt. Insofern war sie leider auch keine Verbündete von mir. Und sie hatte ihre eigenen Macken.
Mein Vater war von der eher gefährlichen Sorte. Wenn er da war, tat ich am besten, als ob es mich gar nicht gäbe. Nur nicht reizen, war völlig unberechenbar, wann er explodierte. Bei ihm war mit Gewalttätigkeit zu rechnen. Also wäre ich die meiste Zeit am liebsten in einem Loch verschwunden, aber manchmal suchte er auch nach mir wenn er grade einen Zorn hatte. Insgesamt war er ein ziemlich wütender und wohl auch einsamer Mensch.
Das war in etwa so, als ich so alt war wie Deine Kinder, aber auch noch länger. In der Pubertät und im frühen Erwchsenenalter setzte er mich manchmal so unter Druck, trieb mich auch gewälttätig in die Enge, bis mir der Kragen geplatzt ist und ich ihm trotz meiner fürchterlichen Angst vor seiner Reaktion meine Meinung gesagt habe. Dann war es erst mal erst recht am kochen, trotzdem bin ich eigentlich froh, dass ich es so gemacht habe, sonst wäre ich untergegangen.
Als ich in die Pubertät kam, entdeckten wir endlich eine gemeinsames Interesse. Meine Mutter hatte sich immer beschwert, dass er nie etwas mit mir unternahm, dass für ihn alles nur Kinderkram war. Aber von ihm standen halt noch Kletterbücher in den Regalen weil er vor der Ehe selbst gern gegangen war. Erst wollte er nicht, weil er keine Lust hatte, mit mir, aber dann hat ihn das plötzlich beeindruckt wie ich los bin. Wir sind dann oft ohne meine Mutter los. Das hat uns dann mehr verbunden, gleichzeitig haben wir uns dann aber abends auf den Hütten auch gemeinsam betrunken. Und da wurde mein Vater dann wesentlich offener, zum Teil dann eher sogar selbstmitleidig und hat sein Leid geklagt. Zu Hause hatte er kaum darüber geredet, alles in sich reingefressen und Terror verbreitet.
Gleichzeitig kam heraus, dass er im Grunde auch total Angst davor hatte, wie ich ihn sehe. Und zu Hause wurde es dadurch nicht einfacher, da es trotzdem absolut nach seinem Kopf gehen musste, er keinerlei widerspruch duldete und er mir aber auch sagte, ich müsste meinen Kopf auch durchsetzen, nur wenn ich es gemacht habe, konnte er absolut nicht damit umgehen.
Also man konnte es ihm eigentlich nie recht machen, so rum oder anders rum, irgendwas war immer falsch. Wie gesagt, nur in den Bergen war es anders, und gemeinsam trinken ging irgendwie auch, so lange es nicht zu viel war.
Du fragst, was Du tun kannst? Bei uns ist das ja zumindest während meines halben Lebens miteinander schief gegangen und von daher wäre das wohl eher theoretisch, was ich dazu sagen könnte.
Was unser Verhältnis aber irgendwann doch noch geklärt hatte war, dass er mir, als ich selbst schon mit dem trinken aufgehört hatte, bestätigt hatte, dass meine Wahrnehmungen früher richtig waren und dass es so beschissen war, wie ich es in Erinnerung hatte. Also dass ich eben nicht spinne oder mir nur was einbilde.
Von daher kann ich mir vorstellen, dass es Deinen Kinder helfen könnte, wenn Du Dich ihnen "zeigst". Ja, Du warst so und es war soundso.
Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit, wie von Biene im Prinzip auch schon so gesagt.
Und ansonsten hat es mir als Kind/Jugendlicher sehr geholfen, dass ich andere Familien kannte, wo ich aus und ein gehen konnte, wenn es zu Hause nicht auszuhalten war, und wo sich mein Weltbild ein bisschen erweitert hat, so dass ich das, was zu Hause war, auch mit einer gewissen Distanz betrachten konnte.
Gruß Susanne