Was mir auch immer bewusster wird, dass ich die Trinkgründe finden muss. Da tappe ich noch völlig im Dunkeln, aber die Frage taucht in der Gruppe immer mal wieder auf: "(...) was kannst du gerade nicht aushalten, sodass du denkst, Trinken zu müssen?"
ich schreibe mal hier. Obwohl ich völlig anders ticke als Gerchla oder vielleicht auch Du, kommts mir so vor, als ob das vielleicht als Idee was bringen könnte. Ansonsten einfach drüberlesen und weg damit.
Wenn ich das mit den Trinkgründen immer lese, denke ich manchmal, warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?
Ich habe ja schon oft geschrieben, dass ich aus einem trinkfreudigen Elternhaus komme. Vor mir mussten sie den Kirschlikör schon verstecken, als ich noch ein ziemlich kleines Kind war. Ich mochte das wie Schokolade und ich wurde die ersten Jahre auch sehr lustig, wenn ich was erwischt hatte. Und ich glaube, das erklärt schon ziemlich viel von den Trinkgründen, die angenehme Wirkung. Ich persönlich glaube, Gier ist eine ziemlich natürlicher Bestandteil der menschlichen Existenz, ein Überbleibsel aus der Zeit, als man noch nicht einfach in den nächsten Supermarkt gehen konnte, sondern es Vieles nur manchmal und in knapper Menge gab, so das man gucken musste, genug davon zu bekommen. Eine Überlebensstrategie, die durch wenige Generationen Überflussgesellschaft nicht überschrieben wurde.
Oder anders gesagt, ich bin (im Einklang mit vielen Suchtforschern übrigens) davon überzeugt, dass "Problemtrinker" - also Leute, die mit dem Alkohol irgendetwas verdrängen - die Minderheit sind. Die meisten trinken erst mal wegen der angenehmen Wirkung. Und zwar im positiven Sinn, es geht um "haben". Sie wollen also mit dem Alkohol nicht von etwas weg, sind nicht auf der Flucht, sondern sie wollen wo hin, haben ein Ziel, nämlich das angenehme Gefühl. Evolitionär gesehen begleiten angenehme Gefühle etwas, was das Überleben fördert..bestes Beipiel Sex. Und Alkohol zeigt Kohlenhydrate, und Kalorien an, etwas, was man früher dringend brauchte. Heute kämpfen wir gegen die Verfettung, aber das war ja die meiste Zeit der menschlichen Geschichte nicht so.
Ich hatte sicherlich einige Probleme in meinem Leben und auch in meinem Elternhaus, aber als ich in mich gegangen bin, bin ich zu dem Schluss gekommen, das das alles mein Trinken eben nicht erklärt. Erstens hatte ich eine Menge Probleme überhaupt erst durchs trinken, sprich wenn ich von vorne weg einen anderen Weg gegangen wäre, hätte ich die gar nicht bekommen (dafür wahrscheinlich andere ;))und zweitens habe ich einfach aufgehört, andere Lösungen zu suchen, da ich mir durch Alkohol und Drogen das Wohlbefinden (lange zumindest) recht einfach sicherstellen konnte und deswegen zu weiteren Bemühungen schlicht zu faul wurde. Ich musste mich gar nicht anstrengen, musste doch nur was konsumieren und dann gings mir gut.
Dass das dicke Ende dann nachkam und ich dann irgendwann vor einem Scherbenhaufen stand, ist für mich erst mal nur die unmittelbare Folge des jahrezehntelange Konsums. Aber ohne die unmittelbare Wirkung der Droge kaum zu erklären. Ich glaube nicht, dass es da ein Grundproblem bei mir gab, das sich nicht auch anders als durch Suchtentwicklung hätte lösen lassen, das war nur der Weg, den ich gegangen bin, weil es halt erst mal recht einfach und angenehm war. Und ich glaube, das ist ziemlich "natürlich", jedenfalls natürlicher als sich anzustrengen, nur um sich anzustrengen. Leistung ist ja eigenlich kein "Wert an sich", sonden man strengt sich je erst an, wenn man anders nicht zum Ziel kommt, zumindest ist das bei mir so. Sonst liege ich lieber in der Sonne, salopp gesagt.
Drogen haben nun mal Suchtpotential, einen gewissen Prozentsatz erwischt es, und das bleibt über Jahrzehnte und in sämtlichen Gesellschaftsformen etwa gleich, ist eine Eigenschaft der Droge Alkohol an sich. Wenn Du lange genug konsumierst (und dementsprechende Disposition hast), wirst Du abhängig, schietegal, was Du für ein Mensch bist. Deswegen sagt man ja, es kann jeden erwischen. Das ist eine multifaktorielle Angelegenheit, genetisch, sozial, lebensgeschichtlich. Klar ist es eine Krankheit, die man - wie Zuckerkrankheit - durch sein eigenes Verhalten teilweise selbst zu verantworten hat, dann warum hat man nicht früher aufgehört, aber das ganze persönliche dabei ist zum Teil einfach geistiger Overhead nach meinem Empfinden. Zum Aufhören braucht man es im Grunde nicht, dafür gibts es genügend Beispiele. Wenn Du das Glas lange genug stehen lässt, entwickelst Du Dich von ganz alleine nüchtern weiter, denke ich. Nur weil das schwer fällt, sucht man überhaupt nach den Ursachen in der Hoffnung, dass man es sich dadurch leichter macht. Was aber nur zum Teil funktioniert, denn bei vielen klappt es eben trotz Ursachenforschung nicht, während andere einfach aufhören. Also der Zusammenhang erscheint mir überhaupt nicht zwingend, sondern eher zufällig. Bei den einen klappt es so, bei den anderen nicht.
Suchtentwicklung hat auch sehr viel damit zu tun, dass die negativen Konsequenzen erst mal ausbleiben, wegen denen man sich sonst eher bremsen würde. Angehende Alkoholier zeichnen sich unter Anderem dadurch aus, das sie weniger Kater kriegen und die angenehmen Wirkungen stärker spüren, das hat auch was mit körperlichen Unterschieden und dem Stoffwechsel zu tun, nicht nur mit der Psyche. Wer den Alkohol besser "verträgt", hat nachgewiesenmaßen ein höheres Suchtrisiko..damit beschäftigen sich ja ein paar Leute auch wissenschaftlich. Natürlich ist auch die Psyche dabei, denn Körper und Geist lassen sich nicht trennen und körperliches Befinden wirkt sich z.b unmittelbar auch auf die Stimmung aus. Aber der psychische Aspekt wird hier (im Forum) im allgemeinen sowieso sehr stark betont und nach meinem Dafürhalten eventuell zu sehr. Da kommen andere Aspekte machmal zu kurz vor lauter Kopfkino - meine ganz persönliche Meinung.
Dass einem "danach" viele Probleme erst auffallen, ist für mich zum Teil logische Folge dessen, dass man viele verdrängen konnte, solange das Trinken für Wohlbefinden gesorgt hat. Man hat sie nicht erledigt, so lange Trinken gereicht hat. Deswgen hängen sie einem nach. Ansonsten ist das für mich zum großen Teil aber nicht unbedingt der Sucht geschuldet, denn es sind zu großen Teil ganz normale Problem die Nicht-Süchtige auch haben. Psychlologen haben nicht nur wegen Süchtigen so lange Wartezeiten, sondern deswegen, weil der Bedarf ganz allgemein sehr hoch ist.
Ich ganz persönlich glaube, dass das nicht zuletzt damit zu tun hat, dass man viel zu sehr an sich selbst rumzuschrauben versucht und sich nicht einfach mal so sein lassen kann, wie man ist. Man verbiegt sich zu sehr und man ist das gewohnt, weil schon Erziehung zu erheblichen Teilen nicht anderes als Verbiegen ist. Ich bin Einzelkind, mir wurden die Erwartungen täglich aufs Butterbrot geschmiert, und ich glaube das ist ein ganz großer Teil, den man hinter sich lassen sollte. Wo wäre ich eigentlich gelandet, wenn ich schon als Kind einfach hätte machen können, was ich wollte, und vielleicht noch mit Hilfestellung und nicht nur mit Forderungen? (Natürlich habe ich auch was mitgenommen, Fähigkeiten, Eigenschaften, das muss ich deswegen nicht grundsätzlich bekämpfen, aber damit bin ich auch "falsch abgebogen", kann das also schon mal hinterfragen)
Das hat mich z.B. dann beschäftigt, als ich eine Weile trocken war. Was wäre denn aus mir geworden, wenn man mich nicht immer angeschoben und getrieben hätte? Und was wird aus mir, wenn ich diese Rolle meiner Eltern nun nicht (internalisiert als Über-Ich) weiterführe, sondern mich einfach mal "sein" lasse? Wie bringe ich eigentlich diesen ganzen Überbau aus Erwartungen an mich selbst weg und spüre mich? Wie merke ich, wo ich hinlaufen würde, wenn ich mich einfach mal "gehen" lasse, wenn ich es einfach laufen lasse, statt mich selbst nur anzutreiben? Denn an sich hatte ich eher Angst, die Kontrolle mal zu verlieren, wenn ich nüchtern war, ich war da eher überkontrolliert. Ich hab mich sogar gefragt, ob das nicht lange Funktion meines Suffs war, da mal nicht so kontrolliert zu sein. Das ist aber auch schon wieder "psycho"...faktisch war es jedenfalls so. Ich habe ja gezielt auf den Kontrollverlust hingetrunken, ich liess mich dann gehen, anders als z.b ein Spiegeltrinker. Und nüchtern hab ich mir die Möhre wie dem Esel selbst hingehalten, Ziele verfolgt die gar nicht meine waren, bei eingehenderer Betrachtung. Die also eher abstrakt waren, was "her machten", mit denen ich mich aber nicht wohlgefühlt habe..weswegen es mich nicht hin gezogen hat. Die Unterschiede zwischen "treibe ich mich - oder zieht es mich" - wurden für mich relativ wichtig. Ist es mir ein wirkliches Bedürfnis, dann merke ich das...wobei da bei mir die Übung durch Meditation so über die Jahre eine Rolle spielt, denn da merke ich ziemlich deutlich, wie es mir geht.
Es gibt genügend Untersuchungen, dass Leistungsdenken und Selbstoptimierung nicht unbedingt glücklich machen, zufriedenstellender wäre es oft, den lieben Gott einfach mal einen guten Mann sein zu lassen (ist hier bei uns ein Sprichwort) und einfach mal in den Tag hinein zu leben, wie man gerade Lust hat. Natürlich sollte der Kühlschrank dabei gefüllt sein, Essen ist schliesslich ein Grundbedürfnis. Kennst Du die Maslowsche Bedürfnispyramide?
Befragungen an Sterbenden, was sie in ihrem Leben im Rückblick wirklich bereuen und was sie vielleicht anders machen würden, wenn sie noch mal die Möglichkeit hätten, ergeben regelmässig, das die meisten im Rückblick aus ihrer Sicht zu viel gearbeitet und zu wenig "gelebt" haben, zu wenige Freundschaften gepflegt und sich schöne Tage gemacht haben. Ja, hinterher ist man bekanntlich immer schlauer, jedenfalls versuche ich, das manchal zu berücksichtigen, da ich ja anders auf mein Leben zurückblicken möchte, wenn es mal so weit ist. Im Übrigen halte ich genau diee Fragestellung, wie will ich eigentlich mal auf mein Leben zurückblicken, für sehr sinnvoll, wenn man nicht so genau weiss, wo man hin will. Was werde ich unbedingt gemacht haben wollen, was ist unabdingbar, was nur "nice to have", was brauche ich gar nicht? Prio 1, Prio 2 , Prio 3... und das muss ja auch nicht starr bleiben, sondern manches ändert sich auch mit dem Älterwerden noch mal. Also kann man zum Teil auch "auf Sicht fahren" . Auf jeden Fall sind es oft eher die "kleinen Dinge" und nicht nur die großen Würfe, auf die man nach meiner Erfahrung auch achten sollte. Man lebt schliesslich jeden Tag und nicht nur in der Zukuft irgendwann. Dann hat man irgendwann auch tatsächlich gelebt. Und Wege entstehen beim Gehen.
Jetzt reichts aber ;D
Gruß Susanne