Beiträge von Susanne68


    seine Alltagspflichten kriegt er jedoch auch gut ohne mich hin. Wäsche waschen, Saubermachen, Einkaufen, sich vernünftig kleiden.

    ist das ein Mann, den Du direkt von seiner Mami übernommen hast? Das sind doch eigentlich Selbstverständlichkeiten. Das kann jeder, der schon mal alleine gelebt hat.

    Zitat

    Ich habe ihm/uns eine neue Chance gegeben, wenn er zur Entzugstherapie geht und lernt, auf Alkohol zu verzichten.


    Das liest sich für mich bereits wieder wie so eine Selbstverpflichtung. Wer A sagt, muss auch B sagen. Hast Du auch an eine Ausstiegsklausel gedacht, wenn er nüchtern dann auch nicht so wird wie Du willst?

    Bei uns war das, glaube ich, wesentlich offener. Mein Partner hat mir diese Bedingung nie gestellt. Und ich habe auch nicht deswegen aufgehört. Die Aussage, ich kann ohne Dich nicht leben, hat mir meine Mutter an den Kopf geknallt, um mich zu zwingen, wieder nach Hause zu kommen. Ich bin natürlich nicht gekommen. Ich fands idiotisch. Natürlich hat sie das überstanden.
    Und ich habe solche Sprüche ganz früher - nicht bei meinem heutigen Partner - auch schon gebracht. Aber so schnell stirbt man dann doch nicht. Dem letzten, der mir gesagt hat, das er sich umbringt, hab ich die Polizei und den Notarzt nach Hause geschickt, da hat er sichs gleich anders überlegt. Und ich war auf jeden Fall aus der Verantwortung raus.

    Mal noch was nachschicken.

    @Daun,

    das hört sich für Dich vielleicht so an, wie wenn ich das runtermachen möchte. Wenn ich das, was ich geschrieben habe, noch mal lese, könnte man so verstehen. Das möchte ich gerne klarstellen.

    Es ist für mich vollig in Ordnung, wenn Dir das hilft. Abgesehen davon habe ich das gar nicht zu beurteilen. Meine Sicht da drauf hat sich über die Jahre mehrmals verändert. Am Anfang war ich sogar ein ziemlich ausgeprägter Vertreter derer, die meinen, dass man das ja nur richtig wollen muss und wenn mans kapiert hat..bis ich eben Leuten begegnet bin, bei denen das im Prinzip genau so war wie bei mir und die trotzdem...ganz so, wie Gerchla das gestern beschrieben hat.

    Manchmal kommts mir vor, als ob ich umso weniger drüber weiss, je länger ich mich damit beschäftige. Vielleicht weiss ich trotzdem immer mehr, aber mir fällt auch immer mehr auf, was ich alles nicht weiss.

    Gruß Susanne

    Ich hab mich auch schon mit Leuten unterhalten, die gerade in ihrer dritten Langzeittherapie waren. Die wussten alle, wo sie waren. Nützte wohl trotzdem nichts. Und ich kannte auch schon Leute, die alle 4 Wochen in eine Entgiftung gegangen sind. Die hatten sich das eingerichtet, da gehts mir halt ein paar Tage schlecht, das hat denen gar nichts ausgemacht. Nun ja, mir ja auch nicht, wenn ich über der Kloschüssel hing. Ich war auch schmerzfrei, was das anging. Wenn man wirklich trinken will, hilft, glaube ich, gar nichts. Das hilft alles nur so lange, wie die Grundüberzeugung, trocken bleiben zu wollen, passt.

    Die Angst vor dem Sterben hilft ja auch keinem.

    Als ich so auf dem Höhepunkt meiner Unzufriedenheit in meiner trockenen Zeit war - so nach ca. 4 Jahren ohne Alkohol - hab ich da mal drüber nachgedacht. Und da fühlte es sich gerade so an, als ob sich überhaupt nichts verbessert hätte. Ich hatte schlechtere Laune, als ich früher in meinen Trinkpausen hatte. Also wie es damals war, hätte mich da nicht geschreckt. Mir wurde da klar, wie Rückfälle nach langer Zeit wohl auch zustandekommen können.

    Aber ich hatte zum Glück trotzdem keinen Durst. Es wäre nicht direkt schlechter geworden, aber auch nicht besser, und da siegte die Vernunft.

    Zitat

    Es gab immer gleich heftigen Streit, den ich ja vermeiden wollte oder aus dem Weg gegangen bin.

    ich erzähle Dir einen Schwank aus meinem Leben.

    Mein Partner stammt aus einem harmoniesüchtigen Elternhaus, in dem kein Konflikt offen gelöst wurde, und dass ich genau das Gegenteil davon war, war einer meiner Anziehungspunkte für ihn.
    Er sagte mir schon, dass er im Berufsleben erst richtig bestehen konnte, nachdem er das bei mir gelernt hatte. Als ich mit dem Trinken aufgehört hatte und ein bisschen davon runterkommen wollte, erzählte er mir ab und an, dass er das gar nicht so schlimm findet, wir kriegen ja auch immer die Kurve irgendwann. War aber auch in meiner nüchternen Zeit schon grenzwertig, aber musste wohl sein. Wenn man das Ergebnis betrachtet, kann es so falsch nicht gewesen sein. Wir haben natürlich auch noch ein paar andere Eigenschaften als nur rumzustreiten.

    Ich selbst war in den Jahren um die 20 selbst sehr harmoniesüchtig, hatte Verlustängste usw. Bloss dem damaligen Partner nicht zu sehr auf die Füsse steigen, er könnte mich ja verlassen. Aber auch selbstmitleidig etc. Und Streitereien hatte ich zu Hause genug. Ich hab mich sehr zurückgenommen, wurde aber auch schwer depressiv. Das war nicht nur er, sondern da lief einfach gar nichts richtig. Meine Eltern in der Scheidung, das konntest Du auch glatt vergessen. Die wollten ja selbst in mir eine Stütze, beide, aber ich hatte ja selbst nichts. Am Ende nur noch gegenseitige Vorwürfe. Und die Drogen, die ich dazu genommen habe, taten ihr Übriges.

    Dann habe ich mich mit 24 Jahren von einem Partner getrennt, den ich eigentlich sehr geliebt habe (wobei ich das heute nicht mehr nachvollziehen könnte), aber der hatte in einem wesentlichen Punkt, Kinder, andere Vorstellungen als ich und da kam dieser gesunde Egoismus erstmals richtig durch. Wenn ich mich da drauf eingelassen hätte, das wäre eine Katastrophe geworden.

    Es war potthässlich, aber dann gings mir besser. Danach hab ichs offen krachen lassen, und plötzlich hatte ich mehr Freunde als vorher. Und seitdem sage ich auch in Beziehungen offen, was ich will, und wenn der Andere nicht will, habe ich halt Pech gehabt, aber ich weiss, dass ich das überlebe.

    Nur mal so am Rande, von wegen dem alles immer ruhig zu halten.

    Gruß Susanne

    Guten Morgen Bea,


    Ich denke so wie noch nie, bezüglich unserer Partnerschaft sehr egoistisch, in meinen Augen.
    Mein Egoismus tut mir aber auch richtig gut.

    ich finde, gegen einen gesunden Egoismus ist überhaupt nichts einzuwenden, denn es hat nicht nur jeder - also auch Du - nur ein Leben, in dem er nach seiner Fassung glücklich werden darf (so weit möglich), der Egoismus ist auch wichtig, um die Verstrickungen, die sich zwischen einem Trinker und seinen Angehörigen entwickelt haben, zu lösen und jedem dié Eigenverantwortung für sein Leben zurückzugeben.
    Und da ich diverse Schwierigkeiten selbst kenne und wir auch nicht aufgeben haben, werde ich sicher nicht behaupten, dass das nicht funktionieren kann.

    Teil Deines Egoismus' ist aber auch, Deine Ehe zu retten. Seine Ehe musst Du nicht retten (auch nicht dann, wenn Du mit ihm verheiratet bist, denn dann gibt es trotzdem seine Seite und Du könntest die Ehe, die Du führen möchtest, ja theoretisch auch mit einem anderen Partner versuchen), wenn Du Deine nicht retten wolltest, könnte es Dir absolut egal sein, was er macht. Das würde Dich ja dann gar nicht mehr betreffen, wenn Du Dich von ihm gelöst hättest, und evtl. wärt Ihr dann auch Gegner (kommt drauf an wieviel Dreckwäsche ihr waschen wolltet, meine Eltern haben sich nach 31 Jahren scheiden lassen und nie wieder ein Wort miteinander gewechselt, mir aber dann schon gelegentlich erzählt, was sie vom jeweils anderen hielten. Da gibts immer zwei Seiten der Geschichte, und ich habe die Verantwortung für die letztlich gescheiterte Ehe (wir streiten uns nur wegen Dir) auch nicht übernommen, auch wenn sie es versucht hatten. Ich hab einfach keine Partei ergiffen und das bei ihnen gelassen - als ich es dann mal geblickt habe.). Und wenn Du Deine Ehe mit ihm führen möchtest, musst Du ihn nehmen wie er ist, denn er hat auch niemand Anderen in sich, den er Dir präsentieren könnte. Natürlich musst Du nicht jeden Mist akzeptieren, aber schon klar sehen was möglich ist.

    Bei uns ist das so, klar ist man in der Beziehung, weil man damit glücklich werden will und auch wird. Trotzdem ist mein Partner genau so wenig dafür verantwortlich, ob ich glücklich werde, wie ich dafür verantwortlich bin, ob mein Partner glücklich ist. Wenn dem irgendwelche Lebenseinstellungen oder Ansprüche seiner Seite oder Meiner entgegenstehen, die der andere nicht zu verantworten hat, dann ist es auch Sache desjenigen, das zu lösen, der das Problem eben hat. Und wenn mein Partner unter irgendeiner Sache mit mir leidet, dann muss er auch bei sich selbst nachgucken, was er dran ändern könnte. Kann auch mal gegen mich sein, logisch. Nur sollte er mich natürlich auch am Leben lassen, im übertragenen Sinn, sonst hat er selbst auch nichts davon. Und ich habe nüchtern an mir einige Punkte tief drinnen entdeckt, wo ich relativ empfindlich und wie ein rohes Ei sein kann, äusserer Eindruck hin oder her. Ich meine, ich sags dann schon und vertrete meinen Standpunkt auch hart, aber da sorge ich dann auch dafür, dass ich mich vor seinem Zorn und Frust schütze. Und ich wette, Du hast auch nicht nur eingesteckt, sondern auch ausgeteilt. So ein vorgelebtes Unglücklichsein kann übrigens auch ganz schön hart sein. Das ist eine Waffe für emotionale Erpressung. Und es klingt auch an, dass Du Dich ihm irgendwo überlegen fühlst...das kann ins Auge gehen.

    Natürlich braucht man auch ein gewisses zwischenmenschliches Verständnis und sollte irgendwo zusamenpassen, aber der Partner muss einem nicht alles passend richten. Du ihm ja auch nicht, aber das gilt umgekehrt auch. Nur weil er Alkoholiker ist, darf er trotzdem auch Egoist sein. Und wenn Du ihn zu sehr unter Druck setzt, muss er nur wieder mit dem Trinken anfangen, um dem Druck aus dem Weg zu gehen. Dann hat er ein anderes Problem, aber Du hättest trotzdem verloren.

    Und die Eigenverantwortung fängt schon da an, dass Du aus freien Stücken mit ihm zusammenbleiben willst. Er könnte Dich ja nicht dazu zwingen. Du kannst nicht von ihm erwarten, dass er Dir das mundgerecht zubereitet, sondern da müsst Ihr Euch irgendwie einigen. D.h . Du kannst das natürlich schon erwarten, aber Erwartungen können auch entäuscht werden. Ein Alkoholiker sollte auch schon aus anderen Gründen "Nein" sagen können.

    Ich hoffe, es kommt ansatzweise rüber, was ich sagen will.

    Gruß Susanne

    Rina ,

    ich habe neulich einen Film über ein Sanatorium im Schweizer Jura gesehen, da sitzen austherapierte Alkoholiker, viele längst von ihren Familien verlassen.

    Sie kriegen dort ihre Ration, viele haben dort Freunde gefunden und sehen sogar ganz zufrieden aus. Natürlich hat der Alkohol seine Spuren hinterlassen, aber sie leben dort wenigstens in Würde. Für die meisten ist das zwar auch die Endstation, aber da kommen wir ja alle mal hin.

    Mich spricht so was irgendwie an. Ich kenne selbst so jemanden, der im betreuten Wohnen lebt. Das sind nicht alles nur Idioten. Es sind Schwerkranke.

    https://www.srf.ch/kultur/gesells…ern-erlaubt-ist


    Ich brauche einen konkreten Notfallplan für den Fall.

    dann mache ihn Dir. Schreib Dir auf, was Du tun willst, wenn die Situation kommt. Es ist alles erlaubt, bei dem Du niemanden umbringst und wobei Du trocken bleibst (so etwa). Denke über Deinen Tellerrand raus. Es gibt hier im Forum, aber auch in der Literatur eine ganze Reihe konkreter Tips. Manche für den akuten Fall, andere für längerfristiges Umdenken und auch emotionale Änderungen. Und da tatsächlich jeder anders ist, und man auch selbst für seine Trockenheit verantwortlich ist, kann das ja vielleicht sogar ganz spannend für Dich sein.

    Entdecke Dich nüchtern.


    Und ein Wichtiger Punkt finde ich zumindest ist das nicht Veressen 44.
    Leider ist unser Gehirn auf Vergessen aufgebaut...

    es ist nicht nur das Vergessen, sondern auch die Zukunft, die nicht konkret greifbar ist.

    wenn Du konkreten Saufdruck hast (oder nennen wir das Kind beim Namen, knülle sein willst), kannst Du Dir erst mal nichts dafür kaufen, wie es in 5 Jahren sein wird. Du weisst nämlich vorher gar nicht, ob sich das aufhören wirklich rentiert. Ich habe das lange sowieso nicht geglaubt. Die Erfahrung hast Du halt noch nicht.
    Du hast aber die Erfahrung, wenn Du einen Schluck nimmst, dann wird es sofort besser. Bei mir war das dann so, erst als das dann auch nicht mehr geholfen hat, habe ich bis in meine letzten Fasern gespürt, dass es da nicht mehr langgeht.

    Im Übrigen sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich meinen Partner gezwungen habe, wegen seiner Coabhängigkeit und eben wegen dem Rumreiten auf Dingen, die sich nicht mehr ändern liessen, Therapie zu machen. Sonst wäre ich nämlich auch einfach neben raus gegangen. Konnte er sich aussuchen.

    Zum Scheitern einer Beziehung, obwohl man eigentlich noch will, gehören immer zwei. Meins war meines, aber seins war eben auch seines.

    Und ich war ziemlich damit beschäftigt, bis er Dinge an mir, die ich selbst nicht ändern konnte, akzeptiert hat. Nur weil ich manchmal ein bisschen schlau wirke, kann ich eben auch nicht alles. Und es ist nicht immer Bösartigkeit und Unwilligkeit, wenn ich etwas nicht mache. Manchmal allerdings schon, und das muss man auch zu nehmen wissen.

    Nun ja, als ich mit dem Trinken aufgehört habe, fand ich mich ausser dem Alkoholproblem im Grunde ganz in Ordnung.
    Und als das dann klappte und es "aussen" auch ziemlich gut aussah, sah ist erst mal überhaupt keinen Grund, da noch viel dran zu ändern.
    Mir ging es erst mal absolut blendend. Und davon war ich geblendet....aber es war trotzdem wichtig, das mitzunehmen, zeigte es mir doch gleich auch die schönen Seiten der Trockenheit.

    Ich war anfangs auch so, was wollen die denn alle mit Aufarbeitung und weiterer Beschäftigung damit, klappt doch auch so.

    Nur weil ich trotz gutem Job und wieder funktionierender Beziehung immer unzufriedener wurde, kam dann irgendwann Eins zum Anderen.

    Alles immer im Nachhinein betrachtet, als ich davor stand, wusste ich öfter nicht, wo es langgeht.

    Gruß Susanne


    Hätte auch gerne nen Schalter den ich umlegen kann und dann ist Schluss mit Suchtdruck!

    bewusst und gezielt hätte ich den nie umlegen können, denke ich. Das ist auch meine große Schwierigkeit, wenn ich mir überlege, was jemand, dem es anders geht, tun könnte. Aber es gibt Untersuchungen, dass erfolgreiche Therapien das ebenfalls bewirken können, man sieht dann im MRT, dass die entsprechenden Hirnzentren nicht mehr anspringen. Wobei man nur die Durchblutung und den Sauerstoff/Glukoseverbrauch messen kann, muss man natürlich kritisch betrachten.

    Und Arbeit war es dann trotzdem, als die Anfangseuphorie vorbei war und ich mich dem Leben ohne meinen Zaubertrank stellen musste. Nur war die Verbindung, trink was, dann brauchst Du sonst nichts, einfach gekappt.

    Und die Lust am Alkohol ist so komplett verschwunden, dass ich 3 Wochen später ungerührt im Biergarten sitzen konnte, dass man beim Griechen die Ouzos bei mir bunkert, weil da nichts weg kommt, und dass ich beispielsweise mit Kamillosan -40% - Aphten im Mund betupfen kann, ohne dass sich was rührt. Ich war in meiner trockenen Zeit schon Vorsitzende in einem Fressverein, wo ich zu Weinproben eingeladen habe, die die anderen natürlich wollten, und mich hat man da schon gefragt, ob ich Antialkoholiker wäre. Lach. Jedenfalls konnte ich es offensichtlich so gut, dass man mich zwei Jahre lang bearbeitet hat, bis ich den Vorsitz übernommen habe. Das war zwar der Grund, warum ich mir trotzdem noch eine Gruppe gesucht habe, weil ich nicht zu leichtsinnig werden wollte, aber es hat auf jeden Fall funktioniert.


    Es klingt so, Susanne,als hättest du plötzlich kein Bedürfnis mehr gehabt ,Alkohol zu trinken und dann hast du aufgehört damit.

    Es wr natürlich schon so, das es da eine längere Vorgeschichte gab und dass es mir ziemlich extrem schlecht ging. Bei mir gab es auch sehr gute Gründe damit aufzuhören - aber die gab es eigentlich schon lange und ich wollte nur nicht. So scheisse wie an dem Tag, an dem ich den Entschluss faste, war es davor schon viele Male und da war es mir komplett egal.
    Ich hab versucht, das mit Trinkpausen unter Kontrolle zu halten, was mir mehr schlecht als recht gelang. Ich konnte körperliche Abhängigkeit damit anscheinend verhindern, aber ansonsten war Alkohol mein Lebenselixier, konnte mir absolut nicht vorstellen, jemals aufhören zu wollen. Lieber wäre ich dafür gestorben, und das war absolut kein Scherz.

    Aber es war tatsächlich so, dass ich mit der Überzeugung, weiterzutrinken, ins Bett gegangen bin, und mit dem Entschluss, aufzuhören, bin ich aufgewacht. Und in den ganzen Jahren danach kann ich mich an zwei Minuten erinnern, wo ich wirklich so etwas wie Saufdruck hatte, dem ich aber mit banalen Methoden auf die Sprünge helfen konnte.

    Ich hatte nüchtern eine ganze Menge Schwierigkeiten und habe, schon lange trocken dann, viel an mir gearbeitet, die aber nie mehr dazu geführt haben, dass ich davon "Durst" - also Lust auf Alkohol - bekommen hätte. Irgendein Schalter hatte sich umgelegt. Die Lust am Trinken ist tatsächlich über Nacht verschwunden.

    Und ich kenne im Zweifelsfall auch meine Lebensgeschichte, aber es waren einige ziemlich banale Dinge, die meiner Ansicht nach dazu geführt habe, dass ich getrunken habe. Eins davon ist das, dass es bei uns zu Hause überall rumstand und ich schon mit zwei Jahren dabei erwischt wurde, wie ich das erste mal daran genippt habe. Was die Eltern machten, wollte ich halt auch. Und dann hat es mir ganz offensichtlich geschmeckt. Kischlikör, schmeckte doch super und machte mich nach Zeugenaussagen sehr lustig. Das hat man mir erzählt, ich kann mich da nicht mehr dran erinnern. Aber seit ich mich erinnern kann, wollte ich da immer dran nippen und bin auch in Abwesenheit der Eltern an die Hausbar gegangen, schon als Kind. So mit 12 gabs auch offiziell mal nen Likör nach der Schule. Und ab 14 machten mein Vater und ich zusammen 240 Liter Apfelwein im Jahr, natürlich aufgezuckert, wegen mehr Umdrehungen. Da durfte ich auch schon zwei Bier am Tag trinken. Mit 15 gabs kein Halten mehr. Ich konnte es gar nicht erwarten, erwachsen zu werden, damit ich endlich trinken konnte, was ich wollte. Für mich stand das schon als Jugendliche fest, wenn ich mal erwachsen bin, saufe ich auch. Ganz nebenbei, mein Vater war stolz drauf, dass ich was vertragen habe, auch wenn das Verhältnis sonst lange ziemlich schwierig war.
    Und das Gefühl, besoffen zu sein, mochte ich bis zum Schluss mehr als jedes andere Gefühl. Heute würde es mir davor grausen, aber so ist das nun eben.

    Gruß Susanne

    Ja, das hat mir schon mein Vater mal gesagt, das er noch bei niemandem so umdenken musste. Und für ein paar andere Leute war ich auch schon ein seltsames Tierchen. Aber mir gehts umgekehrt genau so, ich musste auch erst damit umgehen lernen, dass Andere ganz anders ticken als ich und dass ich manchmal Probleme habe, die zu verstehen. Zum Teil ist es aber auch gerade das, was den Austausch für mich interessant macht. Die eigenen Bahnen ein bisschen verlassen.

    Und bei Sucht ist manches merkwürdig. In der Schweiz, wo sie in Zürich eine offene Heroinszene hatten, stellten sie eines Tages fest, dass einige Junkies, die als austherapiert galten und die man längst aufgegeben hatte (und die sich auch) im Alter von 40+ plötzlich sang- und klanglos und ohne weitere Behandlung damit aufgehört haben und ein relativ normales Leben anfingen. Irgendwelche Änderungen im Hirn. Was bis dahin als völlig ausgeschlossen galt. Manchmal denke ich, so was ähnliches ist mir vielleicht auch passiert.

    Gruß Susanne


    Ich kenne Menschen, die ihre Trockenheit fast ausschließlich auf diesen negativen Erinnerungen aufbauen und sagen: nie wieder! Und das funktioniert bei diesen Menschen auch. Für mich wäre das "zu wenig", ich wollte das wirklich genauer wissen, wieso, weshalb, warum, etc. Ich schrieb ja schon häufiger darüber. Aber auch das ist eine Strategie: nämlich sich immer wieder bewusst zu machen, was man in seiner nassen Zeit alles so erlebt hat um zu wissen, dass man das auf keinen Fall mehr erleben möchte. Hilft bei nicht wenigen sehr gut. Viele kombinieren auch. Wie Du sicher aus eigener Erfahrung weißt, ist das Leben nicht immer ein Ponyhof und manchmal gibt es vielleicht mal so richtig miese Zeiten, obwohl man nicht mehr trinkt. Und sollte man da mal Gedanken daran verschwenden, vielleicht ja doch mal zur "schnellen Entspannung" greifen zu wollen, kann einen diese Strategie vor einem Rückfall bewahren. Es ist individuell wie alles bei dieser Krankheit. Jeder muss hier selbst seinen Weg finden.

    ich bin mir nicht mal sicher, ob ich die Lust am Alkohol überhaupt durch irgendeine intellektuelle Verarbeitung verloren habe.

    Oder ob ich - wie beim Essen, nur im übertragenen Sinn - einfach satt war und deswegen plötzlich überhaupt kein Bedürfnis mehr danach hatte.

    Und manchmal frage ich mich, ob diese ganzen Begründungen nicht nur die Fortsetzung der Saufgründe, nur mit umgekehrtem Vorzeichen sind. Da meine ich ja auch, die Gier suchte sich Argumente. Und Gier ist für mich eine grundlegend menschliche Eigenschaft. Vielleicht muss man das ja genau so wenig begründen.
    Denn das ganze Reden, was ich über das "warum" mache, trifft es nie vollständig. Das Gefühl, Alkohol konsumieren zu wollen, war eines Tages einfach weg.

    Noch ein anderer Ansatz.

    Ich hab ein entspanntes Verhältnis zu meiner früheren Sauferei. Als ich wirklich aufhören wollte, konnte ich aufhören, sonst wäre mein Verhältnis sicher weniger entspannt. Aber ich habe die Kurve ja noch gekriegt. Ich habe auch nichts dagegen, wenn ich durch meine Anwesenheit hier daran erinnert werde, denn es gibt ja diese Fälle, die nach 20 Jahren wieder anfangen, und dann wäre alles am Arsch. Ich bin so lange trocken, ich würde ja nicht aus Versehen wieder damit anfangen, das habe ich jederzeit unter Kontrolle, sondern nur in voller Absicht und dann würde mich nichts mehr retten. Bei aller Lockerheit weiss ich, wo der Spaß aufhört.

    Und bis ich aufgehört habe, hat es mir was gegeben, ich wollte es so, es ist glücklicherweise auch nichts passiert, wo ich mich mit Schuldgefühlen herumplagen müsste. Ich bin schlecht aufgefallen, aber das ist mir absolut schnuppe. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sichs gänzlich ungeniert. Ich habe alles mitgenommen, was ich mitnehmen konnte, und dann waren andere Lebenserfahrungen dran.

    Wenn ich weitergesoffen hätte, wäre ich vermutlich längst gestorben, mit Sicherheit wäre einiges mehr den Bach runtergegangen und es würde mir ziemlich schlecht gehen. So habe ich mir nüchtern aber so viele Kompetenzen angeeignet (aneignen müssen), dass mir absolut gar nichts fehlt. Meine Körperbehinderung hat damit gar nichts zu tun, die hätte ich sonst wohl auch. Und wenn nicht, könnte ich auch nichts mehr dran ändern, also was solls? Ich weiss aber auch, wie wichtig sinnvolle Beschäftigungen sind, um das Leben geniessen zu können, und hier kann ich mich manchmal sinnvoll beschäftigen.

    Ich sehe das überhaupt nicht unter dem Aspekt, ob ich das muss, sondern auch ganz einfach unter der Prämisse, dass man (u.A. wir hier ) ja den Leuten sagt, das sie sich Hilfe holen sollen, also sollte es diese Hilfe ja wohl auch irgendwo geben. Und trotz meiner entspannten Sicht auf meine eigene Sauferei mit 20 Jahren Abstand weiss ich ganz genau, das die Sauferei genügend Schäden bei den Betroffenen und ihren Familien anrichtet, dass es sehr gute Gründe gibt, da was dagegen zu tun, wenn man das kann.

    Und wenn es einem selbst was gibt, warum sollte man es dann nicht tun?

    Falls Du noch was wissen willst: Ich hab ein paar Hobbies, die mir wirklich Spass machen und/oder Freude bereiten. Und ich kann das ganz anders geniessen, seitdem ich mich am nächsten Tag nicht mehr mit einem Kater herumplagen muss. Wo ich mir nie überlegen muss, ob ich noch fahren kann. Seitdem ich nie mehr ein schlechtes Gewissen habe oder mich fragen muss, was ich gestern wieder für einen Mist erzählt habe. Wo ich tatsächlich genau das geniesse, was ich gerade tue, und das nicht nur ein Alibi für die nächste Sauferei ist.

    Und ansonsten muss man sich drauf einlassen und das einfach glauben, das sich das gut anfühlt, denn das ist ein bisschen wie Blinden Farbe erklären. Man muss das erlebt haben. Das gesamte Lebensgefühl ist anders und besser.


    Zudem frage ich mich ,warum es noch nach sooo langer Zeit der Abstinenz noch wichtig ist ,sich im.Alkoholforum auszutauschen.

    ich bin nicht Gerchla, aber ich bin noch länger trocken. Deswegen, Du hast mich nicht gefragt, aber ich antworte trotzdem. Für mich. Gerchla kann selbst für sich sprechen.

    Es kann Spaß machen, andern zu helfen, wenns klappt. Und wenn man sich wieder rausziehen kann.
    Nein, es triggert nicht.
    Ausserdem machts zum Beispiel mir durchaus auch Spaß, in meiner eigenen Geisterbahn spazieren zu fahren. Bei Büchern oder Filmen liebe ich menschliche Abgründe, ich bin ein wahrer Katastrophenfan, wobei ich es gerne subtil habe.

    Ich hab schon lange aufgehört. Trotz dem ganzen scheixx ist mir nichts wesentliches passiert, was ich heute bereuen würde. Im Gegenteil habe ich eine Menge erlebt, was brave Bürger nie erleben. Was ich eindeutig nicht missen möchte. Und ich weiss, dass Trockenheit auch lustig sein kann.

    Um trocken zu bleiben, brauche ich das hier garantiert nicht. Ich war jahrelang trocken alleine unterwegs. Aber es ist eben auch unterhaltsam. Und mir ist sonst manchmal langweilig, wenn ich am Rechner sitze und arbeite(n sollte).