Hallo Orangina,
Ich hab das bei mir ja mal mit dem bedingungslosen Aufhören geschrieben, wo Du mir dann auch geantwortet hattest, also ich sehe das ganz genau so wie Reko oder Camina, das muss dann Priorität haben. Ich hätte und habe für die Abstinenz auf Verschiedenes verzichtet, unter Anderem auf einen Karriereschritt, verschiedene Freundschaften habe ich dafür auch aufgegeben, aber man gewinnt ja auch was dafür, u.A. Selbstachtung und Wohlbefinden, wenns gut geht. Und ich hätte mich wohl auch von meinem Partner getrennt, wenn das nicht anders gegangen wäre. Co-Abhängigkeit heisst in der Grundbedeutung, ein Verhalten, dass die Sucht des Gegenübers im systemischen Rahmen unterstützt und dazu beiträgt, sie am Laufen zu halten, und wenn mein Partner das beibehalten hätte, hatte ich da auch klare Prioritäten. Das hat so wenig wie Sucht mit Schuld zu tun, aber wie eine Beziehung läuft, ist schon ein ziemlich großer Faktor. Familien können die Hölle auf Erden sein, ich habe gute Gründe, warum ich nie eine wollte.
Also ich habe das in der Dringlichkeitsliste auch an die oberste Stelle gesetzt.
Dann gibts da noch so Dinge, die nennen sich Selbstwirksamkeitserwartung und selbsterfüllende Prophezeiungen. Wenn ich glaube, dass ich etwas nicht schaffe, dann erhöht das die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es auch wirklich so kommt, und ich eben z.B rückfällig werde. Dagegen, wenn ich überzeugt davon bin, dass es für mich unter gar keinen Umständen einen Grund geben wird, zu trinken, dann schaffe ich das leichter.
Zwischen Vorsicht und Angst ist ein Unterschied. Angst als Warnsignal ist in Ordnung. Aber Ängste, Lebensängste, Versagensängste, usw., sind oft auch Gründe, wieder mit dem Trinken anzufangen. Die Angst vor Rückfällen kann der zufriedenen Trockenheit im Wege stehen, man kann sich evtl. nicht richtig entspannen, weil man immer auf der Hut ist. Entspannung und - nüchtern - geniessen können sind aber wichtig. Ansonsten schafft man sich wieder die Gründe, wegen denen ein Drink dann eben doch attraktiv wäre.
Dann noch ein letztes Wort zu dem, wie man nach einem Rückfall wieder die Kurve kriegt. Ich war bei einigen Diskussionen dabei, wo Leute das akribisch durchdacht haben, was sie im Fall eines Rückfalls machen. Da hiess es dann immer, sofort wieder in die Gruppe oder in die Entgiftung. Aber erstens hat das kaum einer gemacht, wenn es so weit war, denn da hat fast jeder erst mal den Durst gestillt, wenn er mal angefangen hatte, und zweitens konnte man richtiggehned beobachten, was Rina schreibt, das jeder Rückfall das Selbstbewusstsein noch weiter in den Keller drückt.
Und Rina ist da richtig gut, die fragt nämlich vorher, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist, und wo man wirklich noch was machen kann. Hinterher kannst Du nur Scherben aufräumen. Trotzdem ist es klar, dass manche das brauchen, weil sie einfach noch nicht so weit sind. Aber nach meiner Beobachtung ist das immer sehr schwierig.
Und selbst wenn so ein Plan dann funktioniert, ist das für mich im Grunde nicht viel Anderes, als kontrolliertes Trinken auf neue Art zu versuchen, ein Plan, wie man das nächste Mal mit seiner Sauferei umgeht. Und wenn dieser Plan zu schön ist - manche fühlen sich in der Entgiftung ziemlich wohl, das ist kein Witz - , dann ist das auch eine Hintertür. Jedenfalls hab ich dann ja was, wo ichs mir erlauben könnte, denn ich bilde mir dann ja ein, dass ich auch weiss, wie ich dann damit umgehen werde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich dann gleich aufhören würde, da sprechen meine eigenen Erfahrungen mit den Kontrollversuchen einfach dagegen.
Das kam für mich nie in Frage. Ganz oder gar nicht. Wenn ich wirklich nicht mehr trinken will, brauche ich keine Absicherung für Rückfälle. Da hab ich mich lieber davon abschrecken lassen, wie scheixxe das wäre.
Und da ich ja rückfalllfrei bin, werde ich da auch nichts dran ändern. Mein Weg funktioniert für mich.
Gruß Susanne