Wenn Du in so einem Forum bist, dann bist Du schon nicht mehr alleine und dann hörst Du Dir zwangsläufig Texte an. Willst Du ja möglicherweise auch.
Manche helfen Dir, manche helfen Dir aber auch, Dich selbst zu behaupten. Denn unter Alkis gibt es überall welche, die die Weisheit mit dem Löffel gefressen haben und meinen, Du müsstest das genau so tun wie sie. Und ich bin auch verhältnismäßig dominant, ich versuche aber, das mit Humor zu sehen. Manchmal ärgerts ich aber auch, wenn ich mich zu viel reinhänge und zu wenig zurück kommt. Du siehst, ich bin auch nicht perfekt. Aber heute kann ich über mich lachen.
Bei mir war das vor 20 Jahren so, ich hab in einem Uralt-Forum zwei oder drei Fragen gestellt, mich hat aber hauptsächlich interessiert, ob man nüchtern überhaupt jemals wieder ein vollwertiger Mensch wird. Ich, ohne Alkohol, da war ja in meiner Vorstellung wie amputiert.
Ich hab erst mal alleine zu Hause aufgehört, bin dann aber eben in die Suchtberatung. Paar Wochen lang ein oder zwei Mal die Woche.
Und dann habe ich wieder mindestens ein Jahr ganz alleine weiter gemacht, und war erst mal rein von der Euphorie getragen, dass das klappte, und dass ich morgends anders aufgewacht bin, und noch ein paar andere ganz offensichtliche Verbesserungen.
Ich war wirklich voll auf dem Trip, das habe ich endgültig hinter mir. Ich war glücklich. Und falsch war es nicht, ich bin ja immer noch trocken.
Dann fing aber mein Job an, mich zu nerven. Ich war Führungskraft und kam abends nicht runter. Hab die Arbeit im Kopf mit nach Hause und ins Bett genommen. Und dann fiel mir eben ein, tja, das habe ich früher mit Alkohol geregelt. Und ich merkte, dass ich nichts anderes dafür kannte. Und das war der erste Grund, warum ich in eine Gruppe gegangen bin. Die haben mir dabei aber auch nicht geholfen, weil das lauter Rentner waren, die auch erst aufgehört hatten, als sie in Rente waren, die kannten das gar nicht, Stressjob und nüchtern. Aber ich hab dann immerhin Dampf abgelassen. Und zum Runterkommen habe ich Yoga angefangen.
Nebenbei hab ich mich dann wieder online mit einigen AA-lern rumgestritten, die kamen auch gerne im Kommandoton, dachten auch, sie hätten das einzige wahre Rezept, und ich wollte mich nicht unterkriegen lassen, und das hat mich erstmal so richtig gefordert. Denn ich wollte unbedingt gewinnen. Die waren aber 20, 30 Jahre trocken, das hat mich schon beeindruckt, und die waren auch nicht auf der Brennsuppe daher geschwommen, aber so wie die das erzählt haben, wollte ich trotzdem nicht leben, ich musste mein Eigenes finden. Und ich habe mich umgeguckt, Bücher gelesen, auch suchtwissenschaftliche Literatur, das ist für mich zum Hobby geworden. Mach ich ja bis heute, interessiert mich einfach, ob ichs bräuchte oder auch nicht, spielt keine Rolle. Wird mir aber auch nicht schaden. Heute bin ich selbst so ein Dinosaurier.
Insgesamt hab ich dann aber irgendwann mein ganzes Leben auf den Prüfstand gestellt, denn wenn Du mal irgendwo angefangen hast, dann kommt eine Baustelle zur nächsten. Wie bei einem Kartenhus, wenn Du eine rausziehst, bricht alles zusammen. Mir ist aufgefallen, dass ich grundsätzlich was ändern muss, weil alles, von meiner Berufswahl angefangen bis zu meinem gesamten Sozialleben, darauf aufgebaut war, das ich trinke bzw. getrunken habe. Nüchtern hat mich dann, nach dieser Anfangseuphorie, nichts mehr befriedigt, bis ich wirklich ans Eingemachte gegangen bin. Und das ging dann natürlich nicht schnell, ich hab dann erst mal eine Firma aufgebaut und hatte einen Unfall. Dauerte Jahre, bis ich mich überhaupt wieder halbwegs rühren konnte. Natürlich gab es auch da gute Tage, anders als wenn ich weiter gesoffen hätte, aber die Euphorie war komplett weg. Manchmal dachte ich, es hätte sich gar nichts verbessert. Da kannst Du nur durchhalten.
Und so bin ich dann zu einer Gestalt geworden, wenn ich irgendwo hinkam, haben mir einige gut zugehört. Mir wurde dann auch einges angetragen, weil ich so eingeschätzt wurde. Ich war sozusagen wer. Ich fing dann selbst an, Treffen zu organisieren, Feste ohne Alkohol. Ich habe gemerkt, dass das klappt. Und damit habe ich dann wohl den Grundstein gelegt, dass ich heute auch sonstwo einfach irgend wo hin gehen und loslabern kann, und ich habe meinen Spaß dabei und Andere auch. Natürlich gibt es auch Leute, die mich nicht mögen, aber das ist mir irgendwie schietegal.
Mir ist aber auch klar bewusst, alles, was ich heute mache, geht nur deswegen so gut, weil ich nichts mehr trinke.
Und natürlich habe ich ein paar Schwierigkeiten, z.B Körperbehinderung, und ich werde auch nicht jünger, aber die würden vom Saufen auch nicht besser.
Du siehst, es gibt viele Möglichkeiten. Und jeder ist anders. Wichtig ist für mich, dass ich merke, wenn es falsch läuft, ich was ändern muss. Nicht so prinzipiell, das muss unbedingt alleine oder unbedingt mit anderen gehen, sondern so, wie es gerade am Besten geht.
Für Dich kann ganz was Anderes wichtig sein, das musst Du halt rausfinden. Meistens zeigt sich das erst, wenn man schon eine Weile, und damit meine ich Wochen, Monate, Jahre, trocken ist.
Am Anfang bist Du ja erst mal nur damit beschäftigt, nüchtern zu werden, das reicht ja auch fürs Erste. Aber dann wird das Normalität, ist nichts Besonderes mehr. Dann siehst Du den ganzen Rest erst so richtig.
Und wenn Du wieder säufst, bist Du sehr wahrscheinlich irgendwo falsch abgebogen. Und die meisten werden mit ihren Rückfällen nicht glücklich. Also, kann passieren, und man kann jemandem den Kopf tätscheln, Verständnis zeigen, nur mögen tut der sich sehr wahrscheinlich selbst nicht dafür. Für mich heisst das halt, das möchte ich vermeiden.
Ich wünschs wirklich jedem, dass er das hinkriegt.