Guten Morgen am See,
Deine Meldung hat mich ehrlich gefreut. Jemandem wirklich helfen zu können, ist das, was den Sinn hier macht.
Andererseits ist es ein Teil meines Problems. Denn wie an anderer Stelle erwähnt, war ich ein beschädigter Mensch. Manches, was mir passiert ist, läuft sicher auch unter Trauma, jedenfalls führte es dazu, dass ich mich hässlich, nutzlos und unbrauchbar fühlte und keine Lust zu leben hatte. Mag mich ja sowieso keiner, und den Alten gehe ich eh nur im Weg um und kann die Erwartungen nicht erfüllen. So in dem Stil. Ich bin ja auch damit aufgewachsen, dass ich irgendwie immer falsch war und von daher am liebsten in der Versenkung verschwunden wäre. Bis ich den Alk und die Drogen für mich entdeckt habe und mich stark fühlen konnte.
Es lief nicht so eindimensional und linear, aber schon in die Richtung. Und da fängt es heute schon an, dass ich das Gefühl habe, ich habe das schon so oft erzählt, dass es mir selbst schon zu den Ohren herauskommt.
Was ich auch schon oft erwähnt habe, dass ich schon jahrelang in der Selbsthilfe unterwegs war. Und dass ich mindestens 20 (sehr tiefgestapelt) Leute kenne, von dene ich ganz ähnliche Rückmeldungen bekommen habe wie von Dir. So von wegen, schon hart, aber das hat es gebraucht etc.
Mein Problem dabei ist (glaube ich, denn die tiefere Motivation kommt ja aus dem Unbewussten und ist gar nicht so so leicht zu ergründen, was ja Stand der Wissenschaft ist, man merkt nur, das einen etwas treibt, aber der innere Antreiber verbirgt sich - und deswegen erzähle ich es doch) , dass ich wegen meinen eigenen Dachschäden irgendwie schlecht loslassen kann, wenn ich irgendwo "wichtig" werde. Ich fühle mich da irgendwie verpflichtet und gebunden, weiterzumachen. Das füllt(e) auch das schwarze Loch in mir, was Du ja auch kennst. Und diese Bauchpinselei schlägt bei mir voll in die Kerbe, dass ich lernen musste, mich selbst zu mögen, und ich hab mich lange nicht nur nicht gemocht, sondern sogar gehasst. Passt wie Schlüssel zum Schloss.
So, wenn ich helfen kann, dann mag ich mich, dann bin ich zu was nütze, habe eine Aufgabe, fühle mich gleichzeitig aber nicht mehr frei und unabhängig. Weil ich eben nicht nur aus Hilfsbereitschaft helfe (die ich aber habe), sondern das auch für mein Selbstwertgefühl gebraucht habe, und das fühlt sich für mich falsch an. Es ist in der Form auch nicht mehr zeitgemäß, da ich selbst mich entwickelt habe. Ich bin gar nicht mehr da, wo Du mich vermutest, und das fühlt sich auch komisch an.
Musst Du nicht verstehen, es ist Selbstauskunft, wenn man vom 4-Ohren-Modell ausgeht. Das ist mein Innenleben.
Deswegen muss ich ab und an völlig "weg", damit ich selbst das Gefühl habe, das wirklich von "aussen" zu betrachten. Geht mir übrigens auch in anderen Gruppierungen so. Ich war aus technischen Gründen während des Lockdowns auch die zentrale Gestalt in zwei anderen Gruppierungn (andere Themen, nicht Sucht'), weil über mich die ganzen Videokonferenzen gelaufen sind, da musste ich auch irgendwann mal ganz raus. Wird mir einfach zu viel, ich brauche dann das Alleinsein.
Das war in Bezug auf Sucht und Alkohol alles kein wirkliches Problem, so lange ich selbst auch noch davon profitiert habe, wenn ich geschrieben habe. Heute habe ich aber das Gefühl, das ist bei mir oft nur noch ein leere Hülle, wenn ich mich zum Thema Alkohol äussere, weil das mit mir nichts mehr zu tun hat. Ich selbst entwickle mich dabei nicht mehr weiter, zumindest mal derzeit. Von meiner Seite her sind das alte Hüte, was ich erzähle, fühlt sich an, wie wenn meine Platte einen Sprung hat. Ich kann mein eigenes Geschwätz nicht mehr lesen, und wenn ich es nicht lassen kann, dann fühle ich mich "blöd".
Und in meinem Inneren gibt es mehrere Teile (Thun'sches "Innreres Team") , die sich gegenseitig so fremd sind, dass ich oft Schwierigkeiten habe, mich selbst zu verstehen. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass ich zweisprachig aufgewachsen bin und neben meiner auch in mehreren anderen Familien aus und ein gegangen bin (Vernachlässigung hat eventuell auch den Vorteil, das man machen kann, was man will) und von daher extrem unterschiedliche Eindrücke aufgnommen habe.
Als ich in meiner einzigen Psychotherapie war, war mein Therapeut auch der Ansicht, bei mir ist eigentlich ziemlich viel noch Ok, ich muss hauptsächlich meine unterschiedlichen Teile besser integrieren, weniger zerrisen werden. Das lief dann auch über geführte Meditation, und so.
Ja, ich lese hier noch, aber momentan meist eher oberflächlich.
Es ist halt so, ich bin Informatikerin und sitze von daher von früh bis spät am Computer. Wir sind Dienstleister für den technischen Background größerer Internetportale. Wie das auf der Oberfläche aussieht, ist mir meistens relativ egal, Hauptsache funktioniert, fürs Aussehen sind die Grafiker und Designer zuständig. Meine Spezialität sind große Datenbanken. Aber ich bin sonst natürlich auch die Sorte "fragen Sie jemanden, der sich auskennt".
Einen Fernseher habe ich nicht, ich kann keinen Bildschirm mehr sehen, wenn ich Feierabend habe. So von wegen Tatort, das reicht mir nach drei Minuten, wenn ich wo zu Besuch bin, wo die Glotze läuft. Ich lese dann lieber.
Untertags scanne ich alles mögliche durch, wenn ich grade mal Ablenkung oder Pause von der Arbeit brauche. Zwei Tageszeitungen, zwei Wissenschaftszeitungen, zwei Alkforen (dieses und Du weisst schon), Facebook, mindestens. Ich bin ein Wissens- und Nachrichtenjunkie. Und absolut undiszipliniert, was Arbeit angeht. So lange es irgendwie läuft, und dsas tut es.
Es ersetzt mir auch den Kaffeeklatsch im Büro, denn wir sind hier nur zu zweit und arbeiten in verschiedenen Büros an verschiedenen Projekten. Ich hab sonst tagsüber keinen Menschen um mich herum. Das ist der eine Punkt, ich will mich irgendwo unterhalten. Aber zum Unterhalten ist es mir wiederum hier zu wenig und im Parallelforum merke ich, das würde es auch nicht bringen, wenn ich mich da anmelde, weil das Thema für mich nicht mehr passt. Ausserdem ist mir das da zu restriktiv und geregelt, aber das wäre mir vielleicht sogar egal, wenn ich es irgendwie brauchen würde. Ich gehe ja hier auch in keine Selbsthilfegruppe mehr, weil ich nicht weiss, was ich dort sollte.
In meinem eigenen Alltag ist Alkohol heute eines der uninteressantesten Themen überhaupt, und letztlich ist es auch nur das, was ich im Grund weitergeben kann. Man kann es komplett hinter sich lassen, selbst wenn man so eine Vorgeschichte wie ich hat. Wenn sogar ich das schaffe, warum schaffen es dann nicht alle, war lange meine zentrale Frage, die ich aber hinter mir gelassen habe.
Gestern aber erst wieder einen Artikel gelesen, dass schlechte Nachrichten auch irgendwie süchtig machen, wenns rund läuft, dann wird das schnell langweilig. Über menschliche Katastrophen gibts mehr zu reden, fesselt einen mehr, und das ist bei mir auch dabei. Das ist ja auch der Grund, warum Nachrichtensendungen voll davon sind (oder warum man Tatort guckt), an der Stelle bin ich leider genau so blöd wie alle. Sensation seeking. Es wäre besser, sich aufs Positive mehr zu fokussieren, und das versuche ich.
Und dann kommen noch die Themen dazu, bei denen ich heute denke, dass ich davon wirklich noch profitiere, und wo ich auch noch etwas tun will, und da muss ich ja auch recherchieren. Die haben mit Alk an sich nichts zu tun, aber ich profitiere trotzdem von dem, was ich da lange gemacht habe, weil ich in Bezug auf Leute durch die ganze Geschichte wesentlich realistischer geworden bin und mir besser vorstellen kann, was möglich ist, und was nicht. Ausserdem sind meine Sozialkompetenzen ganz andere geworden, weil ich schon vor ca. 17 oder 18 Jahren angefangen habe, deutschlandweite Treffen zu veranstalten (also das, was Du mir mal wegen Forentreff vorgeschlagen hast, habe ich schon mehrmals woanders gemacht) und das auch in das reingeflossen ist, dass ich mich auch in anderen Interessensgruppen "traue", was zu machen.
Ja langweilig, Ich bin jetzt auch irgenwie langweilig. Bei mir passieren keine großen Katastrophen mehr.
Jetzt war ich gerade mal eine Woche wandern in den Bergen, bisschen offline zur Abwechslung.
Erst ging es schwer, wegen meiner Behinderung und wg. Corona fehlendes Training, aber dann jeden Tag besser, bis ich gestern fast normal laufen konnte. Meine Behinderung ist natürlich auch täglich präsent, aber da bin ich ja auch den Umständen entsprechend optimal eingestellt, da tut sich so gesehen auch nicht mehr viel und laufend drüber reden ist auch pillepalle. Ändert ja nichts dran.
Aber da ist mir auch erst jetzt aufgefallen, wie lange ich mich deswegen geschämt habe, dass ich einfach nicht mehr so konnte wie früher. An sich hat mich das schon in meinem Selbstverständnis erst mal schwer getroffen, dass ich nicht mehr so fit bin, wie ich früher war, aber anfahngs waren es mehr die Schmerzen und die Kämpfe, die ich deswegen ausgefochten habe, bis ich mich wieder bewegen konnte.
Dazu noch, früher war das eine der wenigen Sachen, die mich in meinem ganzen Chaos überhaupt über Wasser gehalten haben, dass ich raus konnte und auf den Berg gegangen bin, da sah die Welt für mich einfach anders aus. Und dass ich das nich mehr so konnte, da brach schon was weg.
Und natürlich war die Behinderung anfangs ein schwerer Einbruch in meine zufriedene Trockenheit, obwohl ich nie auf die Idee gekommen bin, deswegen zu saufen. Es war mir immer vollkommen klar, dass es davon nur schlimmer werden könnte. Trotzdem war ich damals froh, dass ich schon mehrere Jahre trocken war und das anders bewältigen konnte, als wenn ich mich auch noch mit Sucht herumgeschlagen hätte. Aber seitdem kann ich irgendwie auch nicht mehr so einfach im Brustton der Überzeugung sagen, hör auf, dann wir alles besser. Es gibt eben trotzdem genügend Probleme, und oft habe ich aber gar keine Lust, das ausgiebig zu erklären, und ich denke manchmal sogar, das demotiviert wahrscheinlich manche, wenn man erzählt, was da trotzdem alles noch passieren kann. Grade am Anfang, wenn der Entschluss, aufzuhören, bei vielen noch auf wackeligen Füssen steht.
Nu ja, jedenfalls geht es mir momentan besser, wenn ich mich mehr mit andernen Themen beschäftige, die mehr mit meinem (heutigen) Leben und vor allem mehr mit meiner Zukunft (Stichwort Alter) und weniger mit meiner Vergangenheit zu tun haben. Und da gibt es noch eine Menge zu tun, und ich möchte ja mein Leben auch nicht verpassen.
So viel, obwohl ich einfach Dir auch mal Danke sagen wollte. Geht einfach nicht kurz, und mein heissgeliebter innerer Kritiker steht natürlich auch schon bereit, muss ich immer so eine Zumutung sein. Aber mir wars auch ein Bedürfnis, hier mal noch mal so was loszulasen.
Ja, und ich wünsche Dir auch alles Gute (ebenfalls im Übrigen Ichso und wer sich noch angesprochen fühlt). Und ich möchte Dir sagen, dass ich es wertschätze, dass Du mir diese Rückmeldung gegeben hast.
Gruß Susanne