Beiträge von Susanne68


    Interessanter Hinweis, nur scheint mir diese Herangehensweise für eine Online-Selbsthilfegruppe so erstmal nicht wirklich geeignet und du sagst ja selbst, dass sie nicht bei allen funktioniert.

    Es könnte also für den einen oder anderen knifflig werden, wenn er alleine bei sich zuhause den Selbstversuch wagt, weil er in einer Online-Selbsthilfegruppe, wo er niemanden persönlich kennt und von Angesicht zu Angesicht kennengelernt hat, davon gehört hat, dass ihn diese Konfrontationstherapie fit für mögliche zukünftige Krisensituationen machen könnte.....

    Nur weil es die Möglichkeit gibt, zwingt einen ja keiner dazu.
    Diese Hinweise findest Du auch, wenn Du Bücher liest. Und es lässt sich bei Leuten, die im Internet stöbern, auch nicht vermeiden, dass sie an solche Informationen herankommen.
    Seit Jahren ist es schon so, dass auch offizielle Selbsthilfeorganisationen wie der Kreuzbund oder Therapieeinrichtungen Gruppen und Therapieangebote zum kontrollierten Trinken anbieten. Das ist heutzutage sogar als offizielles Therapieziel zu haben. Wer das wissen will, wird es immer finden. Und wer meint, er braucht das, wird es auch probieren. Die meisten Alkoholiker versuchen das, bevor sie ganz aufhören, sowieso. Das gehört ja auch zum Prozess. Der Abstinenzentschluss erfolgt ja meist erst - auch bei mir - wenn die Selbstkontrollversuche schwierig werden oder sowieso nicht mehr klappen.

    Ich finde es sinnlos, in einem Forum jemanden vor irgendwas schützen zu wollen. Letztlich sammelt doch jeder alle Informationen, die er für seine Zwecke haben will. Wer aus einem Forum ist dabei, wenn Du zum Einkaufen gehst und vor dem Schnapsregal stehst? Wer ausser Dir selbst kann Dich da schützen?
    Die Selbstverantwortung beinhaltet schon, zwischen tausend Möglichkeiten eigene Entscheidungen zu fällen. Sonst musst du tatsächlich in geschützte Räume gehen, die man vermutlich tatsächlich am ehesten in der analogen Welt findet. Da kann man vielleicht auch auf jemanden aufpassen. Solange jemand sich online ausdrücken kann, gehe ich eigentlich davon aus, dass es sich noch nicht um eine völlig debile Person handelt. Ansonsten kann ich es aber sowieso nicht ändern.

    Ich hab da möglicherweise eine andere Auffassung von Selbsthilfe als Du. Für mich ist das in erster Linie Wissensvermittlung. So wie zum Beispiel wie auch in Softwareentwicklungsforen. Das sind für mich Wissendatenbanken. Dass ich merke, was für mich passt, nimmt mir niemand ab. Trotzdem kann ich da einen anderen nicht dafür verantwortlich machen, wenn ich für mich das Falsche aussuche.
    Ich weiss, das hast Du mir gar nicht vorgeworfen, ich hab nur grad laut drüber nachgedacht, wo die Grenzen solcher Foren liegen.

    Gruß Susanne


    Im Gegensatz zu dir, zumindest wie du dir den Anschein gibst, bin ich ein Sensibelchen. :engel:

    dazu grade mal noch was. Jetzt mal unbenommen, was da drüben in dem anderen Forum läuft, das beobachte ich nur manchmal. Es hat sich dort schon geändert. Ausserdem ist so was auch ein Übungsfeld, bei uns im anderen Forum war auch nicht immer Kindergeburtstag.

    Zu der Härte habe ich selbst die Einstellung, wenn jemand so säuft wie ich selbst gesoffen habe, dann geht er mit sich selbst ja schon extrem hart um. Auch wenn ich das damals normal fand, hab ich mir doch selbst das Leben schwer gemacht und bin mir mir selbst umgegangen wie mit einem Stück Scheixxe. Und auch wenn ich mal selbstmitleidig gejammert habe, bin ich doch mit mir selbst so schlecht umgegangen, wie ich es heute selbst meinem schlimmsten Feind kaum wünschen würde. Wo hatte ich denn da jemals Mitleid mit mir selbst? Ich habs reingepresst, ob der Körper wollte oder auch nicht.

    Und als ich aufgehört habe, war ich klar auch empfindlich und gereizt. Aber mir war auch klar, so ein bisschen Kritik, und sei sie noch so hart, oder auch Saufdruck, ist doch kaum jemals so hart wie ich mit mir selbst umgegangen bin, als ich noch gesoffen habe.
    Selbst der schlimmste Saufdruck ist doch nicht mit den Leiden vergleichbar, die ich in Kauf genommen habe, wenn ich mich zugeknallt habe. Deswegen hatte ich auch nie Angst davor, dass der kommt..schlimmer als das, was ich besoffen hatte, konnte der Saufdruck ja kaum werden, und das hatte ich ja auch freiwillig ausgehalten. Also kann mich so ein bisschen Druck ja nicht umbringen. Und an Kritik oder selbst an Beleidigungen sterbe ich nicht, während ich an der Sauferei leicht hätte verrecken können.

    Gruß Susanne


    Ich habe nicht den Eindruck, dass die Regeln dort für „die einzig wahren“ gehalten werden, andere Wege hält man dort grundsätzlich auch für möglich

    Du musst wissen, dass der Gründer des Forums jahrelang Leuten, die in Theapie gehen wollten, davon abgeraten hatte, weil sein Forum doch viel besser sei als jede Therapie. Er hat verbreitet, dass Psychologen und Therapeuten sowieso alle keine Ahnung von der Materie hätten. Der hat nämlich alles andere als sein eigenes Forum öffentlich schlecht gemacht.
    Und dass er dazu auch immer verlangt hat, dass sich die Leute für den geschlossenen Bereich anmelden sollten, weil er dafür Geld verlangt hat, hatte schon ein deutliches Geschmäckchen.

    Und mindestens einer der Moderatoren hat immer wieder verbreitet, dass er direkt stolz darauf ist, sich nur auf seine eigenen Erfahrungen zu verlassen und dass er von Suchtforschung nichts wissen wollte. Und das er ausser diesem Forum im Prinzip nichts kannte.

    Die haben die Leute nämlich nicht einfach gehen lassen, sondern sie haben sie schon, fast wie eine Sekte, manipuliert, dass es woanders gar nicht geht. Und versucht, sie unter Druck zu setzen, dazubleiben. Und weil der Betreiber und ein paar der Mods ja wirklich auch ziemlich harte Fälle waren, beherrschten sie diese Kunst der Manipulation auch, wie viele Alkoholiker. Da wurde mit Angstmachen genau so wie mit Beleidigtsein gearbeitet. Naja, die Reibereien waren im öffentlichen Bereich zeitenweise das Hauptthema.
    Das ging so lange, bis der Betreiber aus Frust über sein eigenes Forum selbst wegen Depression in Therapie musste und feststellte, dass es in Therapien ganz anders zu geht, als er selbst das immer dachte. Und das Geschäftsmodell klappte auch nicht und er fiel in HartzIV. Besonders lustig fand ich es, als er am Ende aus Protest gegen die Entwicklung seines eigenen Forums seine eigenen vierzigtausend Beiträge von der neuen Forenleitung löschen liess. Weil er so sauer war, dass das nicht so lief, wie er das wollte.

    Gruß Susanne

    Zu den Triggersituation gibt es noch was.
    Es gibt Tests in Therapien, da werden Alkoholiker ganz bewusst solchen Triggersituationen ausgesetzt. Man stellt alkoholische Getränke direkt vor sie hin. Konfrontationstherapie.
    Das macht man ein paar Wochen und dann stellt man fest, das sind genau die Methoden, mit denen das berühmte Suchtgedächtnis überschrieben werden kann. Man schiebt die Leute ins MRT und sieht, dass manche Hirnregionenen, die Amygdala z.B., die anfangs deutlich auf den Alk angesprungen sind, dann nicht mehr reagieren.


    Im Prinzip ist das wie Training bei der Feuerwehr für den Katastrophenfall. Übung kritischer Situationen ist nämlich genau das, bei den man in Krisensituationen dann einen klaren Kopf behalten kann. Dazu muss man seine Ängste und den Druck aber erst mal ein paarmal aushalten.
    Wenn nicht anders geht, in geschützer Umgebung. Während Leute, die jedes Risiko meiden und dann davon überrascht sind, dann eben "kopflos" reagieren.

    Das funktioniert aber auch nicht bei allen...und das ist halt die Crux, sonst wärs ja einfach.

    na klar, ich wende immer Bewältigungsstrategien (liegen übrigens in meinem Notfallkoffer) an, wenn mich was auch immer triggert. Muss ja nicht nur der Alkohol sein, manchmal triggern mich auch Menschen, da wende ich dann andere Strategien an...

    Gruß Britt

    Britt,

    es geht hier im ein anderes Forum, da wird JEDEM Neuankömmkling gesagt, dass er ein komplettes Regelwerk einhalten soll, und wenn er das nicht tut, wird ihm unterstellt, das ers nicht ernst meint. Und die bildeten sich lange wirklich ein, das ein festgeschriebenes Regelwerk für jeden Trinker passt. Dort wurde lange nur ein einziger Weg toleriert. Sonst ist man da einfach rausgeflogen.
    Andererseits, man kanns sowieso nie allen recht machen.

    Gruß Susanne

    Noch was zu den Triggersituationen.

    Ich kenne z.B. einen trockenen Bierbrauer.
    Und einen, der ist genau so lange trocken wie ich, der ist Wirt einer Hardrock-Kneipe. Bei dem liefen zu Vor-Corona-Zeiten jeden Samstag bis nachts um drei die Partys. Die Metler natürlich teilweise strunzbesoffen. Und wir haben uns an der Theke stocknüchtern darüber amüsiert. Ich will ja auch mal abends weggehen, und ich gehe nicht in den Kirchenchor.
    Ich selbst habe in meiner trockenen Zeit schon mit Wein gehandelt und zu Weinproben eingeladen..zu dem Fressverein, dessen Vorständin ich mal war, gehörte das dazu. 5 Jahre lang ein Weinlager im Keller...dss war sogar besonders gut, denn bei mir kam zuverlässig nichts weg. Und natürlich nur beste Tropfen.

    Ich kenne verschiedene Langzeittrockene, die sagen im Prinzip wie ich, so lange Dich das noch triggert, bist Du nicht trocken.

    Gruß Susanne

    Hallo Britt,

    das ist aber nur dann eine Bewältigungsstrategie, wenn Dich diese Themen tatsächlich triggern.
    Mir waren Gläser z.B. völlig egal, weil ich nur aus der Flasche getrunken habe.
    Und ich trinke nach wie vor Saftschorle direkt aus der Flasche, obwohl ich früher statt Wasser Whisky zum Mischen verwendet habe.
    Wenn mir jemand sagt, Du musst die entfernen, dan hat das mit MEINEM Stil aber gar nichts zu tun.
    Möglicherweise stehen hier immer noch Weizengläser für Gäste, das hab ich schon lange vergessen.
    Ich kann nur selbst merken, ob mir das was ausmacht.

    Wenn der nächste deswegen aber wieder anfängt, ja, dann muss ER das dann eben ändern.

    Gruß Susanne

    Das Gefühl habe ich bei einigen Ratschlägen auch und, wäre ich gleich am Anfang damit so konfrontiert worden, hätt‘s mich gewiss überfordert und abgeschreckt.

    Andererseits denke ich dann auch daran, dass mein eigener Vater die Kurve nicht gekriegt hat, dass ich selbst in Bezug aufs Rauchen mehrere Rückfälle hatte und dass jemand, der selbst die Kurve gekriegt hat, schon viele Jahre „trocken“ ist und jahrelang in der Selbsthilfe aktiv war, über deutlich mehr Erfahrung verfügt als ich und daher an dem, was er/sie rät, was dran sein könnte.

    Es ist ja auch was dran, wenn man die Ratschläge den richtigen Leuten gibt.
    Wenn jemand hundertzwanzig Rückfälle hat, dann muss er irgendwas ändern, denn offensichtlich macht er ja was falsch. Zumindest wenn er kommt und behauptet, er will das eigentlich nicht. Es gibt auch Leute, die finden sich mit ihrer Sauferei einfach ab.
    Und wenn jemand hundertmal Hilfe will, dann sind da auf der anderen Seite ja auch noch die Hilfestellenden, deren Zeit und Energie er in Anspruch nimmt, und die dürfen dann natürlich schon auch mal fragen, was er eigentlich selbst dafür tun will.
    Aber was für den richtig ist, muss ja nicht für jemanden richtig sein, der beim ersten ernsthaften Versuch erfolgreich aufgehört hat.

    Das war schon in selbiger Motivationsgruppe so. Ich war sehr straight, sonst wäre ich gar nicht hingegangen, und aber überzeugt, wenn ichs richtig mache, dann schaffe ich das, ich brauchte im Prinzip gar keine Arschtritte. Aber einige hatten sich offensichtlich schon lange im Kreise gedreht. Und ich mag, wenn ich weiss, was ich will, nicht wie ein kleines Kind behandelt werden. Andere, die da kommen, wissen aber gar nicht, was sie wollen. Und ich hab da auch einige Vorschläge nicht angenommen, ich hab gesagt, wenn ich bei meinem jetzigen Vorhaben scheitere, dann kann ich das immer noch anders machen. Es war ja mein erster Versuch, da wusste man ja noch gar nicht, wie das weitergeht. Und die Möglichkeit, dass es gleich klappt, muss man ja offen lassen. Man kann den Leuten nicht von vorneherein unterstellen, dass sie selbst sowieso zu blöd sind.
    Aber da es klappte, blieb es eben dabei. Ein Ratgeber muss damit leben, dass sein Rat nicht angenommen wird. Wichtig war aber, dass ich da trotzdem weiter hingehen konnte und deswegen nicht gleich rausgeflogen bin.

    Aber auch jenes andere Forum ist von jemandem gegründet worden, der unbedingt sein eigenes Prozedere wollte. Dem das damals bestehende nicht gepasst hat. Das weiss ich von ihm selbst, das muss ich nicht vermuten. Es hat sich dann aber selbst furchtbar drüber gekränkt, das das nun nicht alle so machen wollten wie er. Finde den Fehler. So sind im Prinzip aber auch alle anderen Gruppierungen entstanden, weil Leute schon immer unterschiedlich waren.

    Gruß Susanne

    Ich hab das auch noch als hart in Erinnerung. Da scheints aber unterschiedliche Entzüge zu geben, bei mir war das nicht nur das Nikotin, sondern auch das Ritual und das dauert viel länger.
    Je größer der Stress, desto mehr greift das Hirn auf erlernte Automatismen zurück. Das ist wie erlernte Reflexe, das Unterbewusstsein ist schneller als der Verstand. Das passiert bei manchen Alkrückfällen übrigens auch. Sagen ja manche, dass es gar nicht dazu kam, dass sie das Bewusstsein eingeschaltet haben.
    Ich hatte neulich, bei dem Stress mit dem Rettungswagen, nach vielen Jahren wieder mal einen ersten Anflug des Gedankens, jetzt würde mir eine schmecken. Zum Glück wars nicht so heftig. Den Druck kannst Du nur registrieren und dann wissen, dass er vorbei geht. Nikotin hast Du da ja gar nicht im Körper, da gibts keinen neuen Entzug.

    Nicht den Druck lang analysieren, sondern wahrnehmen, dass er vorbei gegangen ist. Wie Orangina schreibt, wäre der fünf Minuten nach der erste Kippe sowieso wieder gekommen, und jetzt ist er weg, weil Du ihn nicht gefüttert hast.

    Gruß Susanne


    Ist das denn letztlich so wichtig, dass es Unterschiede gibt, wie wir aufgehört haben?

    kommt auf die Bewertung an, geklappt hat ja letztlich beides.
    Ansonsten sind die Unterschiede halt einfach gegeben, und das Leben besteht ja irgendwie aus einem einzigen Versuch, also kann man nicht wirklich sagen, ob man auf einem anderen Weg - ich auf Deinem Weg z.B - zum gleichen Ergebnis gekommen wäre, wie Du. Und umgekehrt.

    Bei mir spielte aber auch ein Experte eine Rolle, nachdem ich dann nach einem Jahr doch noch in einem Forum (gibts nicht mehr) aufgeschlagen war. Ich hatte das Glück, jemanden kennenzulernen, der auch ein wissenschaftliches Werk darüber geschrieben hatte und der über seinen eigenen Tellerand gucken konnte. Dem war es wichtig, nicht nur irgendwelche Glaubenssätze zu verbreiten, die aus seinem alleingültigen Weg resultierten (so kommt mir das bei manchen vor), sondern der bemühte sich auch, wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenzutragen. Und ich bin einfach jemand, ich suche nach objektivierbaren Fakten, in der Alkoholikerszene wird aber viel einfach geglaubt. Gruppen entwickeln da ihre eigene Dynamik, das ist fast wie bei Religion. Drei finden sich, die haben das auf die gleiche Weise gemacht, und dann gilt nur noch das. Natürlich dient das auch der Gruppenidentität und dem Zusammengehörigkeitsgefühl, aber ich empfinde mich in Gruppensituationen sowieso leicht als Aussenseiterin, ich hab ein sehr feines Gespür, wenn ich anders ticke als andere, und das kann ich meistens gar nicht erklären, das ist meine einzelgängerische Komponente.

    Und vieles ist widerlegbar, was da erzählt wird. Oder, korrekter gesagt, vor 20 Jahren war das noch deutlich schwieriger als heute, an gute wissenschaftliche Info zu kommen, und in den Gruppen auf dem Land, in denen ich wohnortbedingt anfangs war, sassen oft nun mal nicht gerade die Hellsten. Und auch nicht die Sympathischsten, das waren tatsächlich die kaputten Gestalten teilweise, die man sich vorstellt. OK, ich will nicht drüber ablästern, aber ich konnte da für mich nun mal nichts rausziehen..ausser, so nicht.

    Am Anfang wusste ich sowieso erst mal nur, was ich alles NICHT will. Aktiv was wollen, da kam lange nichts. Das war eigentlich schon immer eines meiner Probleme gewesen, dass ich nie wusste, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, ich hatte wenige Ziele, für die ich kämpfen wollte. Ausser Bergen war mir die Welt eigentlich ziemlich egal. Job, weil natürlich irgendwo Geld her musste, aber ansonsten habe ich nie gerne gearbeitet. Kinder bitte nur gut durchgebraten. Deswegen hat mich das Saufen vermutlich auch lange nicht gestört.

    Was ähnlich war wie bei Dir, obwohl ich das ja viel länger und auch mengenmässig viel massiver gemacht habe, war, dass ich zu dem Zeitpunkt das Gefühl hatte, das ich genau jetzt aufpassen musste, weil ich in diesen letzen Monaten tatsächlich dabei war, die Kontrolle zu verlieren.

    Es ging noch. Bei mir war einer der Punkte, dass ich ein mal (und wirklich nur ein mal) betrunken gefahren bin. Und dass ich in der Prüfungszeit (das war ja genau da bei meinem Spätabschluss) Tagesfreizeit hatte, wenn was hinter mir lag, und ich mich da wahrsinnig beherrschen musste, nicht schon vormittags anzufangen. Und das war tatsächlich neu und ich wusste ganz genau, wenn ich das anfange, und das bei den Mengen, die ich schon lange trinke, dann geht kein Vierteljahr, dann sitze ich auf der Strasse und lebe als Pennerin. Wahlweise ich krieg Korsakow oder sonst so eine kleine Horrorshow, die ich ja tatsächlich schon gesehen hatte. In meinem früheren Bekanntenkreis waren, als das bei mir noch weit weg war, schon mehrere dran gestorben, ich kannte das Thema eigentlich aus der Anschauung auch ziemlich gut. Aber ich hatte auch die Arroganz, mir passiert schon nix, was gehts mich an wie es Anderen geht.

    Ich hatte auch das Gefühl, dass ich grade noch rechtzeitig den Absprung geschafft hatte. Und am Anfang wollte ich das aber abhaken und mich nicht lange damit beschäftigen, sondern einfach ein anderes Leben anfangen. Das kam ja dann anders, und ich halte mir zugute, dass ich dann immerhin so flexibel war, meine Methoden zu überdenken. Aber für mich selbst finde ich es auch irgendwie wichtig, dass ich am Anfang erst mal mich selbst kennengelernt habe, festgestellt habe, was ich kann, bevor ich mir angehört habe, was andere alles nicht können. Ich hatte später oft das Gefühl, bei den Einschränkuhngen, die da manche predigen, hätte ich vermutlich Schwierigkeiten gehabt, mit meiner eigenen Trockenheit zufrieden zu werden. Bei manchem hätte ich möglicherweise sogar lieber weiter getrunken, statt mich solchen Regeln zu unterwerfen. Und ich glaube, es ist schon ein Faktor, dass man es so macht, wie es einen selbst auch befriedigt.

    Und wenn oft gesagt wird, alle Süchtigen sind irgendwie gleich, dann stimmt das einfach nicht. Dem einen kannst Du den Schnaps vor die Nase stellen und den juckt das nicht, der andere kriegt davon Saufdruck, der durch die Decke geht. Und letztlich kannst Du das nach Schema F machen oder Du machst Deine eigenen Erfahrungen.

    Es hat funktioniert und von daher wars wohl richtig.

    Gruß Susanne

    Ganz abgesehen davon bin ich von der positiven Psychologie geprägt. Mein Therapeut später kam aus der Ecke.
    Da guckt man sich bewusst eben nicht an, was krank ist. Sondern man betrachtet nur das, was noch funktioniert und was man ausbauen kann.
    Eine berühmte Aussage (Kabat-Zinn): so lange Du noch atmen kannst, ist an Dir mehr gesund als krank.
    Das lag mir immer sehr viel mehr als der Krankheitsgedanke. So gehe ich ja auch mit meinen Behinderungen um, ich probiere konsequent, was noch geht. Mir liegt das überhaupt nicht, da in Schonhaltung zu gehen. Das heisst ja nicht, dass mir die Probleme nicht bewusst sind, es ist die Art des Umgangs damit.

    Und letztendlich muss das, was ich mache, nur für mich selbst funktionieren. Aber da bin ich auf meine Weise durchaus anspruchsvoll. Und ich lasse mich sehr ungerne von Ängsten steuern. Als Warnung OK. Als Ratgeber schlecht.


    Hallo Susanne,
    ich denke über das Thema im Grunde ganz ähnlich wie du und doch bereitet mir selbst die Vorstellung tatsächlich ebenfalls Alkoholikerin zu sein nicht mehr so viel Kopfzerbrechen.

    Für mich selbst steckt in diesem Begriff drin, dass ICH mit Alkohol nicht gesund umgehen kann, dass ich nicht kontrolliert trinken kann. Und somit kann ich diesen Begriff mir selbst gegenüber verwenden.
    Das bedeutet für mich selbst übrigens auch nicht, dass ich ein armes, bedauernswertes Opfer bin, das nun mit einer lebenslangen Krankheit geschlagen ist.

    ich hab anders aufgehört als Du.
    Zuerst fiel der Entschluss ganz alleine nachts im Bett.
    Und für mich war es von Anfang an klar, wenn ich aufhöre, dann fange ich, zumindest so weit es reicht, nicht mehr damit an. Dafür hatte ich überhaupt niemanden gefragt. Klar, natürlich auch keine Entgiftung, sondern einfach nichts mehr getrunken, basta. Und hinterher drüber mosern bringt sowieso nichts.
    So Themen wie Kontrollverlust und die ganze Theorie waren bei mir dafür gar nicht wichtig. Ich könnte mich bis heute fragen, ob ich jemals Kontrollverlust hatte, denn ich wollte mich ja bewusst besaufen, wenn ich das eben wollte. Hab ich in meinem Leben überhaupt jemals mehr getrunken, als insgeheim geplant? ich weiss es gar nicht mehr wirklich. Ich wusste nur, jetzt reichts mir.

    Und dann bin ich eine Woche später, aber auch schon eine Woche nüchtern, erst mal in die Suchtberatung, da musste ich einen Obulus entrichten, die wollten schon auch wissen, ob ich es ernst meine, heute weiss ich ja längst, dass man da so seine Erfahrungen macht.
    Da hat man mich im Wesentlichen aber nur gefragt, was ich will und was ich brauche. Die Diagnose "Alkoholikerin" hat dort niemanden interessiert. Auch meine Trinkgründe haben niemanden interessiert, da gings nur darum, wie das nüchtern weiterlaufen konnte. Also eigentlich typisch Verhaltenstherapie, keine Analyse. Was wir halt auch als erfolgreiche Tips haben, Wasser trinken, gut essen, aus den Triggersituationen raus usw.
    Ich war dort in einer Motivationsgruppe, und ich möchte behaupten, dass ich dort die am meisten motivierte überhaupt war. Da gabs einige, die schon mehrere Therapien und Gruppenerfahrung hatten und immer noch davon faselten, dass ihnen drei Bier nichts machen. Ich hab nur den Kopf geschüttelt und dachte, keiner ist nutzlos, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Ansonsten war das moderiert und es gab sehr viel Info, es wurde aber nirgendwo nachgebohrt, auch nicht bei den Faslern. wenn ich wo gesagt habe, das will ich nicht, dann war das völlig OK so. Dass ich damals keine Gruppe wollte, war keine weitere Erwähnung wert. Und ich fand das gut so, die haben mich im Sinne des Wortes genau dort abgeholt, wo ich gerade stand. Und wenn ich mir das überlege, war es wohl gut, dass die mir keine Widerstände in den Weg gelegt haben, sondern mich einfach mein Ding machen liessen.
    Und ich glaube, die haben das auch cool gesehen, wenn jemand dann eben nicht aufgehört hat. Das gehörte für die wohl einfach dazu. Und ich fand das richtig. Mit Leuten, die mich davon abbringen wollten, so lange ich noch nicht wollte, hatte ich selbst schon genügend unangenehme Erfahrungen hinter mir, hatte ich keinen Bock dazu.

    Danach habe ich mindestens ein dreiviertel Jahr lang ohne jeden Kontakt zu anderen Alkoholikern weitergemacht. Ich bin meinem Job nachgegangen und habe versucht, die schönen Seiten meines Lebens zu geniessen.
    Und als es dann schwierig wurde, habe ich es mit einer Gruppe versucht, weil ich nur ganz konkret wissen wollte, wie andere das z.B machen, abends abzuschalten. Bei mir gings überhaupt nicht ums rumeiern, aber die waren so in ihrem eigenen Film, dass sie sich das gar nicht vorstellen konnten. Ich hatte weder Saufdruck noch war ich am Kämpfen, das Trinken wieder anzufangen, und schon da haben mich welche gefragt, warum ich dann überhaupt in die Gruppe komme. Als ob man das nur wegen akutem Saufdruck machen würde. Schon das fand ich komisch. Meine Fragen konnte dort niemand beantworten. Ich hab das mit der Gruppe ein halbes Jahr lang versucht, dann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich schon deswegen selbst trocken bleiben muss, weil mir von denen mit Sicherheit niemand helfen konnte.
    Da waren noch mehr so Sachen. Beim Alk wegen jedem Furz einen Aufstand, aber alle viertelstunde zum Rauchen raus. "nur die Gruppe hilft"..aber regelmässig rückfällig. Ich wusste nur, so wie die will ich nicht werden.

    Von diesen Stories könnte ich noch zwei oder drei bringen, ich hab das dann so lange gemacht, bis mir keiner mehr was erzählen konnte. Ich hatte den Ehrgeiz, es anders zu machen und das dann auch noch erfolgreich zu kommunizieren.
    Und bald war ich so weit, dass ich von den Anwesenden mit am längsten trocken war, dann hab ich mir sowieso nichts mehr vormachen lassen.

    Gruß Susanne

    @Orangina und AmSee

    Was mich persönlich an diesem verlangten Bekenntnis immer am meisten gestört hat, war, dass es im Grund ja unterstellt, das man erst dann mit dem Trinken aufhören kann (oder sogar "darf"), wenn man bekennender Alkoholiker ist. Die anderen haben gefälligst so lange weiter zu trinken, bis sie ohne Zweifel Alkoholiker sind. Oder sie haben keinen Anspruch auf Hilfe, wenn sie noch keine völligen Wracks sind.

    Ich kenn das noch von früher, wenn es hiess, XYZ ist Alkoholiker, der "darf" nichts mehr trinken.
    Und mein ewiges, ich habs noch teilweise unter Kontrolle, also "muss" ich nicht aufhören. Weil ich ja den Zeitpunkt, wann ich getrunken hatte, immer noch im Griff hatte. Und das Bild, das ich hatte, und das auch das verbreiteste ist, war, ein Alkoholiker fängt morgens an und trinkt täglich..aber das war bei mir ja nicht der Fall. Bis ich geschnallt habe, es ist überhaupt nicht wichtig, ob so ein Test mich als Vollalkoholikerin kennzeichnet (das ist nämlich der Punkt, genau das weiss ich bis heute nicht, ob ich selbst das überhaupt bin, bei mir war das nie ganz eindeutig), sondern dass es nur zählt, dass ich es als problematisch empfinde, es mir reicht und ich auch aufhören darf, wenn da noch Zweifel bestehen. Gesundheitsschädlich und Pipapo ist es ja schon lange vorher. Ich muss nicht saufen, bis ich voll krank bin. Ich darf echt schon vorher aufhören.

    Und irgendwie zementiert es für mich auch, dass Abstinenz irgendwie was Furchtbares ist, Alkoholiker die armen Opfer ihrer Krankheit sind. Dabei haben wir erst mal viel Geld dafür ausgegeben, denn zumindest ich musste ja viel trinken, bis es problematisch wurde...und ich kann mich nicht darauf rausreden, dass ich da völig naiv reingetappt wäre, ich wusste was passieren kann und es war mir vollkommen egal. Und passt genau zu dem Gedanken, den ich früher, als Trinkende hatte, dass ja nur kranke Menschen keinen Alkohol trinken. War ja meine Rede - und geistig klatschnass - das jeder gesunde Erwachsende trinkt. Und das ist ja die Konsequenz, wenn man runterbeten muss, ich bin Alkoholikerin, und nur deswegen trinke ich nichts mehr. Als obs keine anderen guten Gründe gäbe.

    Und für mich war es beim Aufhören gedanklich wichtig, dass ich frei gesagt habe, ich bin selbst schuld, weil ich das Risiko aus freien Stücken eingegangen bin. Mit diesem luschigen "ich arme Sau kann doch nichts dafür, dass ich krank geworden bin" hatte ich nie was am Hut. Ich wollte das so dreckig sehen, wie es tatsächlich auch war. Alles Andere war mir zu weichgespült.

    Noch weitgehend gesunde Erwachsenene, die zwar schon ein bisschen ungesund trinken, aber noch nicht todkrank sind, wird dabei ja aber unterstellt, das sie den Abstinzgedanken gar nicht verstehen und konseqent leben können. Und das ist nun mal ausgemachter Blödsinn.

    Na ja, mir haben auch viele unterstellt, dass ich das nicht schaffe. Für mich waren das Idioten.
    Einer unterstellte mir mal, ich könnte das gar nicht ernst meinen, weil ich ja nicht schon morgens und auch nicht jeden Tag gesoffen hatte. Der verlangte sozusagen die Qualifikation von mir, dass ich auch wirklich abgestürzt genug war, damit ich überhaupt in der Gruppe mitreden durfte.
    Ich hab dann gerne mal geantwortet, dass auch Idiotie schon mal eine anerkannte Krankheit war.

    Es gibt sehr gute Gründe, die Reissleine schon zu ziehen, bevor das so ganz eindeutig ist. Ausserdem glaube ich, dass man mehr von seiner Abstinenz hat, wenn da noch nicht das Damoklesschwert der tödlichen Krankheit über einem schwebt.

    Ich hab mir das so erklärt, dass manchen Leuten dieses Bekenntnis deswegen so wichtig ist, weil sie nie über den Zusand des "ich darf nicht trinken" hinausgekommen sind und anders mit ihrer Angst vor ihrem inneren Schweinehund nicht umgehen können. Das ist alles legitim, wenn jemand das braucht, um trocken zu bleiben, aber andere Möglichkeiten gibts eben auch noch.
    Es sind ja auch viele, die unter Gesundheit dann verstehen, dass sie wieder anfangen können und das dann auch versuchen. So ticke ich aber nicht.


    Was ich damit sagen will, ich finde es gut, das Ihr Eure Jahrestage hattet. Dazu muss man nicht in Sack und Asche laufen. Es ist trotzdem nicht weniger wert.

    Ich hoffe, es war jetzt nicht völlig unverständlich, was ich meine.
    Gruß Susanne

    Kann sein.
    Mich nervt dass, wenn Du anderen sagst, wie sich selbst sehen sollen. Wirkt unfrei und ziemlich borniert auf mich. Heute mag ich Dich gar nicht.
    Wäre vielleicht besser gewesen, nichts zu schreiben, aber ich habe das Bedüfrnis, mich gegen Dich abzugrenzen.


    Was mich am Laufen und Bergwandern so fasziniert, sind nicht nur die positiven Gefühle und das Wohlbefinden körperlich in Bewegung zu sein, sondern auch ein Wanderziel erreicht zu haben .
    Das klingt vielleicht verrückt.
    Aber das Gehen zu einem Ziel und wieder umzukehren sind für mich sehr beruhigend wohl auch im Sinne " ich erreiche etwas Schritt für Schritt " und das gibt mir Zuversicht und Stärke.
    Oder auch Selbstvertrauen in dem Sinne " ich schaff das".
    Das lässt sich ja auf vieles übertragen;-)

    das hört sich für mich nicht verrückt an.
    Ich hatte schon immer Erfolgserlebnisse, wenn ich einen Gipfel erreicht hatte oder wenn ich eine Reise gemacht hatte, bei der am Anfang überhaupt nicht sicher war, wie das ausgehen konnte. Ich hab auch das Risiko geliebt, ich fand das früher viel spannender, wenn was dabei passieren konnte. Dann hab ich das erst so richtig genossen, wenn es geklappt hat. "Normales Leben" fand ich in meiner Jugend was für Feiglinge. Wer bremst, hat Angst...und Angst war was für Weicheier. Das hat sich dann erst mit meinen Unfällen geändert, und vielleicht wegen des Alters.

    Schwierig war es für mich, mich selbst zu verändern. Die Jahre, nachdem ich das trinken aufgehört hatte, hatte ich oft das Gefühl, mit dem Trinken aufzuhören, war eine leichte Übung. Da musste ich ja nur das erste Glas dafür stehen lassen. Das empfand ich als total einfach, Rauchen war schwieriger. Wobei ich auch nie direkt noch mal rauchen wollte, es waren meine sonstigen Emotionen, die mir da Schwierigkeiten gemacht haben. Aber mich als nüchternen Menschen zu ändern...da kam mir das mit der Bergtour öfter in den Sinn...Schritt für Schritt.

    Ich hab das aber so gesehen, es hatte nichts damit zu tun, das ich Alkoholikerin war, sondern ich musste einfach vieles nicht lernen, so lange es mit dem Saufen klappte. Weil ich schon seit frühester Pubertät ja jedem Druck so begegnet war. Das war bei mir so der Knackpunkt, dass ich mich nüchtern gar nicht kannte und auch keine Strategien hatte, nüchtern mit dem Leben umzugehen. Unzufrieden war ich schon mein halbes Leben lang immer wieder, aber so lange ich das "runter spülen" konnte, hatte ich mich damit mehr oder weniger abgefunden.
    Saufen war für mich durchaus der Weg des geringsten Widerstands, einkaufen einschütten fertig. Nüchtern hab ich mich dann halt erst mal gespürt, auch wenn ich grade nur genervt war..und das war schwierig.

    Naja, und diese ganze Begrifflichkeiten...ich nenne mich nüchtern, trocken, abstinent, wie es mir je nach Situation gerade in den Kopf kommt, das sind für mich nur Worte. Da hilft dickes Fell, wenn da jemand am Korinthenkacken ist. Nach meiner Erfahrung interessiert das ausserhalb von Ehemaligenkreisen sowieso niemand, das ist eigentlich eine Debatte im internen Kreis, die verstehen darf, wer will. Fürs "Tun" hat das für mich keine Bedeutung, das Resultat ist überall das Gleiche.

    Gruß Susanne


    Weil ein Säufer nicht nur ein Säufer ist. Er ist alkoholkrank.
    Ich lese immer wieder, dass du nach wie vor ein „Problem“ mit der Begrifflichkeit hast und dir bis heute selbst nicht eingestehen kannst, dass du KRANK/Alkoholikerin bist.
    Für mich ist das ein typisches Verhaltensmuster eines Alkoholikers: sich selbst etwas vormachen.
    Alkoholismus ist im Gegensatz zum Rauchen eine nach ICD-10 anerkannte chronische (nicht vollständig heilbare) Krankheit. Der Vergleich hinkt also enorm.

    Bist Du gerne krank, Britt? Das frag ich mich echt, wenn Du so was schreibst. Du scheinst Dich ja echt drum zu reissen, Dich als krank bezeichnen zu dürfen.

    Die ersten 10 alkolfreien Jahre mindestens habe ich mich nicht als Alkoholikern bezeichnet, sondern lieber gesagt, ich habe gesoffen. Und so stimmt es ja auch, ich hab das nicht als Zwang erlebt, sondern als bewusste Absicht, mich zu besaufen. Für mich wäre es Selbstlüge, mich darauf rauzureden, das ich aus Krankheitsgründen trinken musste. Ich musste erst trinken, nachdem ich viele Jahre in voller Absicht gesoffen hatte. Das kam ja nicht aus heiterem Himmel, sondern ich wollte das sehr lange so. Irgendwann kam halt die Quittung.

    Ob das was mit Vormachen zu tun hatte, weiss ich nicht, ich habe es die meiste Zeit ja einfach nicht so erlebt, dass ich trinken musste. Ich hab das als freie Entscheidung empfunden, dass ich saufen wollte. Von daher fehlte mir die meiste Zeit das Leiden unter dem "ich muss trinken". Dass es mir deswegen schlecht ging, ist mir im Wesentlichen ja erst hinterher aufgefallen, davor war ich grundsätlich davon überzeugt, das das Leben selbst so beschixxen ist und das es durchs Saufen ja erst erträglich wird. Also ich sah mich ja meistens im Recht, zu saufen, hatte wenig schlechtes Gewissen deswegen. Typisch nass, schon, aber das war mir ja damals überhaupt nicht bewusst.

    Btw...mich hätte die Bezeichnung Alkoholikerin nie vom Trinken abgehalten. Wenn ich Lust zu trinken gehabt hätte, wäre das sogar eine billige Rechtfertigung gewesen. Bin Alkoholikerin, also akzeptiert gefälligst meine Sauferei..so etwa. Dann hätte ich den Säuferweltschmerz inszeniert und wäre vollends untergegangen, dann hätte man mich auch als Alkoholikerin bezeichnen dürfen.
    Von daher aus meiner Sicht ein zweischneidiger Begriff. Und lebenslange Krankheit...ich hab sicher meine Dachschäden, aber unterm Saufen leide ich schon lange nicht mehr. Ist mir zu abstrakt, kann ich nicht greifen. Damit kann ich nicht arbeiten, fühle mich nicht davon betroffen.

    Es waren andere Gründe, wegen denen ich aufgehört habe. Worte oder Begriffe spielten da keine Rolle. Am ehesten interssierte mich noch "riskanter Konsum". Ansonsten war der Grund zum Aufhören mein aktuelles Befinden, Bezeichnung absolut schnuppe. Die hab ich mir erst viel später aus reiner Bequemlikeit zugelegt, weils viele Erlärungen spart. Meine Identität hängt aber nicht an dem Begriff, ich bin grundsätzlich nicht gerne krank.
    Und aufgehört hab ich ja, weil ich gesund sein wollte.
    Heute kann ich mich leicht als Alkoholikerin bezeichnen, weil es mir im Grund egal ist und weil es mir auch egal ist, was Andere darüber denken. Schmeiss ich ihnen den Begriff halt hin, damit Ruhe ist.

    Hallo Orangina,

    auch von mir alles Gute und noch viele Jahre.

    Bei mir war das erste Jahr lange von der Anfangseuphorie und der Erleichterung, dass es tatsächlich ohne Alkohol ging, getragen.
    Weil ich in den letzten Jahren meiner Alkoholkarriere ziemlich oft bis zum Totalabsturz getrunken hatte, und es mir davon gegen Ende zu körperlich total beschixxen ging, war ich erst mal nur glücklich über meine geniale Idee, es doch ganz bleiben zu lassen. Es waren erst mal so die banalen körperlichen und geistigen Verbesserungen, die ich registriert hatte.

    Einmal rum, im Jahresturnus alles mal nüchtern erlebt.

    Bei mir wurde es gegen Ende des ersten Jahres langsam schwierig. Am Anfang musste ich erst mal nüchtern werden (damit meine ich nicht nur körperlich entgiftet, sondern so was wie "nüchternes Denken"), dann fiel mir wohl erst so langsam auf, dass mir ohne Alkohol doch einiges fehlte. Es war aber nicht der Alkohol, der mir fehlte, denn ich hatte da noch deutlich auf dem Schirm, dass ich beim Trinken oft auch keine bessere Laune hatte. Der Punkt war bei mir einfach erreicht, ich brauchte gar nicht mehr dsrüber nachzudenken, ob ich das noch mal anfange.

    Ich hab dann Anfangs meines zweiten Jahres erst mal das Rauchen aufgehört. Ich hatte schon 20 Jahre sehr viel geraucht, und als ich mit dem Trinken aufgehört habe, wurde es uferlos. Das war mir eh klar, völliger Blödsinn, u.A. wegen der Gesundheit mit dem Trinken aufhören und dafür dann noch mehr rauchen. Stand eh auf dem Programm.
    Damit fings aber eigentlich erst an, dass ich mich irgendwann eingehender damit beschäftigt habe, was ich eigentlich wirklich wollte und will.

    Ich gehe auch sehr gerne raus, heute bin ich beim Schönsten Wetter über 80 km E-Bike gefahren.
    Irgendwie rausgehen, Berge, Klettern, Schifahren, und auch einfach in der direkten Umgebung, mehrmals die Woche längere Spaziergänge, hat mich früher oft gerettet. Einerseits hab ich meine Probleme vergessen oder während der Bewegung ganz anders drüber gedacht als im stillen Kämmerlein. Und weil ich das auch früher schon gemacht habe, hab ich meine ganze Karriere vielleicht überhaupt überlebt. Denn mit der Bewegung habe ich trotzdem immer auch auf gutes Essen geachtet.

    Nüchtern hab ich mich damit nicht mehr zufrieden gegeben, dass es nur irgendwie ging. Diese ganzen Bewegungssachen waren zwar zum Teil tolle Erlebnisse (Berge etc.), aber das hatte mich ja offensichtlich nicht vom Trinken abgehalten. Hab ich hier ja schon öfter beschrieben, dass ich noch einen längeren Weg vor mir hatte. Selbst dieses Erlebnis neulich...ich hatte früher durchaus auch Zustände, vielleicht wars schon immer komplizierter, als ich dachte.

    Heute ist das so weit weg von mir, an Alkohol überhaupt zu denken, dass ich vieles aus der Anfangszeit vergessen habe. Das hat auch damit zu tun, das ich von meinem damaligen Job so in Anspruch genommen war, dass ich erst mal gar nicht so sehr zum Nachdenken gekommen bin.
    Und wenn ich heute über die Zeit nachdenke, fällt mir in erster Linie der Stress ein.

    Aber schon damals habe ich da schon nicht mehr an Alkohol gedacht. Ich wusste ja, dass es mit Alk nicht funktioniert. Was ich aber stattdesen machen konnte, machte mich erst mal ratlos. Einfach so zur Ruhe kommen, ohne mich zuzuknallen, das kannte ich nicht. Und nüchtern gärte so manches in mir.

    Im Rückblick befriedigt es mich aber doch ganz gut, auch wenn es immer wieder anstrengend war.
    Ich hab viele lohnende Dinge ausprobiert und gemacht, das hätte ich ja alles nicht getan, wenn ich weiter alles runtergespült hätte.
    Deswegen spielt es natürlich immer noch eine Rolle, denn mein Leben wäre ja etwas anders verlaufen, wenn ich nicht aufgehört hätte. Ich finde das immer noch eine sehr gute Idee, aufzuhören. Das fällt mir aber auch erst gerade wieder ein, wenn ich drüber nachdenke, was ich Dir erzählen möchte. Nüchtern ist für mich halt inzwischen total normal. Wenn ich drüber nachdenke, ob ich mich noch als Alkoholikerin empfinde, stelle ich fest, dass mich die Frage nicht mehr persönlich berührt.

    Mein größtes Problem war fehlende Geduld. Da mach ich bis heute manchmal dran rum.

    Gruß Susanne

    Hallo AmSee,

    das erste Jahr ist ein wichtiger Meilenstein. So habe ich es selbst empfunden.
    Schön, dass es für Dich geklappt hat.
    Herzlichen Glückwunsch.

    Mögen noch viele weitere Jahre folgen.

    Gruß Susanne