Liebe Kristin,
Natürlich gibt es auch Leute, die es alleine schaffen/geschafft haben. Aber ich kenne nicht wirklich jemanden, der es so geschafft hat (hier im Forum gibt es 1-2 Leute).
ich gehöre zu den ein bis zwei Leuten.
Aber das ergab sich eben so, weil es mir leicht fiel.
Anfangs dachte ich, das Aufhören wird sicher furchtbar, und ich war einige Male bei der Suchtberatung und hatte sogar angefangen, den Antrag für eine Langzeittherapie zu bearbeiten. Dann habe ich aber gemerkt, dass es mir ohne Alkohol so viel besser geht, dass ich nichts vermisse, sonst hätte ich nicht alleine weiter gemacht. Im Prinzip war mir das gar nicht so wichtig, ob alleine oder mit Hilfe, ich wollte es nur unbedingt schaffen und war bereit, alles dafür notwendige zu tun. Und dass es dann doch einfach war, habe ich dankbar zur Kenntnis genommen. Die ersten Monate waren es erst mal nur die offensichtlichen Dinge, es ging mir körperlich sehr viel besser, und die ganzen Selbstvorwürfe wegen dem Trinken waren auch weg.
Ich weiss ja gar nicht, was Du vor hast. Andere haben ja schon einiges dazu geschrieben.
Ich selbst hatte halt immer die Vorstellung im Kopf, dass Alkohol einfach dazu gehört. Normale Erwachsene trinken täglich Alkohol, so bin ich aufgewachsen. Wenns mir gut ging, gabs was zu feiern, und wenn es schlecht ging, konnte ich mich wegbeamen. Usw usf, mit der Zeit gehört Alkohol dann überall dazu, weil es ohne nicht mehr geht. Dann trinkt man, weil die Sonne scheint, genauso so gut, wie weil es regnet. Irgendein Grund findet sich dann immer.
Lange hatte ich versucht, es zu kontrollieren, Trinkpausen gemacht, aber eines Tages sah ich klar vor mir, wenn ich anfange, dann endet das mit schöner Regelmässigkeit in einer Situation, in der es mir beschixxen geht und in der ich mich selbst dafür hasse. Ich hatte einen Trinkstil, wenn ich angefangen habe, dann habe ich getrunken, bis ich absolut voll war und nicht mehr konnte. Dabei hatte ich mich, gerade weil ich die Pausen gemacht habe, lange nicht mal als Alkoholikerin gesehen, ich hielt das "nur" für Missbrauch. Ist aber egal, Alkohol ist trotzdem ein Zell- und Nervengift.
Ich war auch immer davon überzeugt, dass ich jederzeit aufhören könnte, wenn ich das wirklich wollte, und immerhin das hat sich am Ende ja bewahrheitet. Aber erst mal hab ich mich mit Händen und Füssen jahrelang dagegen gewehrt, weil ich dachte und das sichere Gefühl hatte, ein Leben ohne Alkohol ist einfach sinnlos. Erst als es mir schlecht genug ging, fand ich, es wäre ja mal einen ernsthaften Versuch wert, wie das eigentlich so wäre.
Nachdem ich aufgehört hatte, habe ich nüchtern ziemlich viel über meine Trinkzeit nachgedacht, war ja auch fast mein ganzes Leben. Und dann fiel mir auf, dass es schon sehr lange keine Situationen mehr gegeben hatte, in denen mir Alkohol geholfen hatte oder wo es mir vom Trinken wirklich besser gegangen wäre. Als ich mit dem Trinken angefangen hatte - eigentlich schon als Kind, weil es bei meinen Eltern immer was gab - war es vielleicht wirklich noch lustig, aber später glaubte ich das nur noch und hatte mir selbst etwas vorgemacht. Als ich das mal richtig betrachtet hatte, verging mir jede Lust, zu trinken. Ich fand das nur noch widerlich.
Ausserdem habe ich mich damit beschäftigt, was Alkohol im Hirn anrichtet und wie der Alkohol, wie praktisch jede Droge, das Belohnungszentrum und die Motivation kapert und es damit immer schwieriger wird, ohne Alkohol noch Freude am Leben zu haben. Es gehört zur Suchtentwicklung, das Alkohol alles andere ersetzt und sogar wichtiger wird als zwischenmenschliche Beziehungen oder Sex oder sonstige Erfolge. Das wäre jetzt aber ein längerer Text und dafür gibt es Literatur.
Und klar, das hinterlässt erst mal eine Lücke. Trinken füllt leere Zeit, und zum Trinken muss man sich zu nichts aufraffen, ausser den Stoff zu bekommen und vorrätig zu haben. Das muss mann dann natürlich irgendwie anderweitig füllen. Ich hab nach einem halben Jahr Yoga und Meditation angefangen, weil da auch der Gedanke ans abschalten dabei war, ausserdem ist es gesund. Und mit der Zeit merkt man dann, dass man sich auch anderweitig ändert. Ausserdem gehe ich gerne und viel raus ins Freie, aber das habe ich früher auch schon getan, sogar beim Wandern gesoffen. Deswegen bleibt Bewegung trotzdem gesund und ist auch gut für die Stimmung. Aber natürlich gibt es auch andere Beschäftigungen.
Ich bin 21 Jahre trocken, erst neulich stand ich in einem kleinen Laden, wo die Schnapsflaschen an der Kasse aufgereiht waren, und ich musste da längere Zeit warten. Genau solche Sorten, bei denen ich früher zugelangt hatte (ich hab viel Schnaps getrunken, wenn ich dabei war). Ich hab mir dann einen Spass draus gemacht, mir das vorzustellen, wie ich mir so eine Flasche aufmache und trinke. Einfach nur gruselig, wie es mir dann gehen würde. Mir wirds schon schlecht, wenn ich nur an den Geschmack im Mund denke. Und was ich mal an der Wirkung gefunden habe - ich kann mich dran erinnern - kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Es ist mir total fremd geworden. Ich guck mir das an und dann jagt es mir einen wohligen Schauer über den Rücken, dass ich das hinter mir habe. Es ist wie irgendein Gruselfilm, den man sich anguckt, den man aber nicht erleben will.
Deswegen ist mein Leben trotzdem kein Ponyhof und auch nicht immer lustig, aber ich glaube keine Sekunde, dass vom Trinken für mich irgendwas besser oder einfacher werden würde. Ich schreibe Dir das, weil das für mich kein Verzicht ist. Heute liebe ich es, nüchtern zu sein. Und bei Schwierigkeiten dachte ich mir vor allem anfangs immer, es gibt Leute mit größeren Schwierigkeiten im Leben, als ich sie habe, und die schaffen das auch nüchtern und sind oft sogar noch besser gelaunt als ich. Es trinkt ja nicht jeder. Also muss es ja auch anders gehen. Daran hab ich mir Beispiele genommen.
Es kann sich auch rentieren sich anzugucken, was man mit dem Trinken für Erwartungen verbindet, was man noch positives dabei findet. Das ist ja auch das, wa seinen oft noch am Aufhören hindert, neben der Angst, wie es ohne werden wird. Und dann einerseits mal abgleichen, ob das überhaupt noch so funktioniert, wie man das glaubt (bringts tatsächlich noch das, was man sich davon erwartet, oder macht man sich was vor), und andererseits zu überlegen, wie man das, was man damit erreichen möchte, anderweitig und gesünder bekommen kann.
Und unterm Strich habe ich nicht mit Willensraft aufgehört, die braucht man zwar auch, aber die Einsicht, wie Sucht funktioniert und das es ohne besser geht, und dass ich mir in Wirklichkeit nicht schaden will, war eindeutig mindestens genau so wichtig.
Fang an, es lohnt sich.
Gruß Susanne