Ich bin ziemlich nachdenklich geworden und ich versuche zur Zeit mir bewusst zu machen, was da in mir geschieht, wenn ich Alkohol trinke. Ich schreibe das hier für mich auf, vielleicht hilft mir und anderen das ja.
Ich wende das Wissen und die Fragen an, das/ die mir in Bezug auf das Rauchen weitergeholfen haben.
Ich weiß eigentlich, dass Alkohol ein Suchtstoff ist. Vielleicht nicht so schlimm wie Nikotin, aber spielt das letztlich eine Rolle? - In meinem Fall möglicherweise nicht, weil ich wahrscheinlich zu denen gehöre, die anfällig für Suchtmittel sind. Alkohol sorgte dafür, dass ich (besser) funktionierte, länger arbeiten konnte, mich für eine kleine Weile besser fühlen konnte, entspannter, das Leben leichter empfinden konnte usw.
Mir ist bekannt, dass Alkohol ziemlich schnell auf die Biochemie des Gehirns einwirkt und das Belohnungszentrum anspricht, dass er viel schneller als das wirkt, was auf natürlichen Weg die Ausschüttung des Belohnungshormons Dopamin bewirkt. Und mir ist bekannt, dass, wenn mein Gehirn diese Wirkung und den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und „Wohlbefinden“ erst einmal kennengelernt und gelernt hat, dass es eine so eine bequeme Abkürzung gibt, es kein Zurück mehr gibt. Bei Zigaretten habe ich diesen fatalen Zusammenhang jedenfalls ziemlich deutlich kennengelernt.
Zu welchen Gelegenheiten trinke ich? - Das habe ich bei meiner ersten Vorstellung geschrieben. Wenn ich ehrlich bin, habe ich zu diesen Gelegenheiten den Alkohol weniger aus Genuss, sondern vielmehr wegen seiner Wirkung getrunken. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, gehen bei mir alle Warnsignale an.
Wie habe ich mich vor, während und nach dem Trinken gefühlt? - Vor dem Trinken hat‘s mir gewissermaßen Schwung bzw. Energie gegeben, Vorfreude. Während des Trinkens ging’s mir anfangs gut, ich fühlte mich beschwingt, aber das änderte sich von Glas zu Glas, die Energie nahm immer mehr ab. Nach dem Trinken ärgerte ich mich häufig über die Menge und schämte mich teils sogar. Manchmal fühlte ich mich am Folgetag kaputt und müde.
Schmeckt der Alkohol wirklich?- Da ich wählerisch bin, anfangs ja. Wenn’s mehrere Gläser geworden sind, geht’s nicht mehr so sehr um den Geschmack. Nur das erste Glas schmeckt wirklich.
Wie schnell ist ein Glas geleert? - Ehrlich gesagt, viiiieeel zu schnell. In der Regel brauche im Anschluss gleich noch ein zweites oder sogar drittes Glas.
Wie fühlt es sich an, wenn die Flasche leer wird und ich eine neue kaufen muss? - Es fühlt sich nicht gut an. Zum einen schäme ich mich, weil sichtbar wird, wieviel ich getrunken habe, zum andere sorge ich mich, weil der „Spaß“ nun zuende ist bzw. sein sollte. Manchmal fange ich dann noch eine zweite Flasche an.
Wegen Vorratsbeschaffung hatte ich selten Probleme, ich war eigentlich nie besorgt, keinen Nachschub bekommen zu können. Manches Mal hab ich extra keinen Alkohol mehr gekauft und das ging in der Regel ganz gut.
Sehr ich mir das Ganze jetzt mal so mit einer gewissen Distanz an, wird mir gruselig.....
Ganz und gar möchte ich den Alkohol noch nicht lassen. Ich möchte ausprobieren, ob ich noch zu einem „normalen“ - was ist schon normal? - Trinkverhalten zurückfinden kann. Sollte das nicht mehr möglich sein, weiß ich, was die Stunde geschlagen hat und den notwendigen Weg gehen.
Ich hoffe, dass ich hier im Forum richtig bin und nicht störe. Ich habe mich gestern hier durch einige Threads durchgelesen und dabei verschiedene Positionen kennengelernt. Es liegt mir fern, jemanden, der abhängig ist, zu triggern. Ich möchte offen sein für Möglichkeiten und ich möchte mit dem, was mich beschäftigt, nicht mehr allein sein. Ich möchte mich mit Menschen, die für dieses Thema sensibilisiert sind austauschen. Mit meinem Mann habe ich gestern über das, was mich bewegt, gesprochen, hab ihm auch gezeigt, was ich geschrieben habe, aber er kann mir an dieser Stelle nicht so recht weiterhelfen.
Wer das hier so liest, mag denken, dass die Lösung doch klar auf der Hand liegt: Nie wieder Alkohol. Doch da bin ich einfach noch nicht. Ich kenne in meinem Umfeld kaum jemand, der gar keinen Alkohol mehr trinkt. Ich kenne das so - und sehe es doch auch ständig im Fernsehen - und ich finde es schön, zu einem guten Essen einen guten Wein oder ein gutes Bier zu trinken. Ich werde das einschränken, definitiv, es soll nur noch gewisse, seltene Ausnahmen geben. Für alle anderen Situationen - Stress-, Entspannungs-, Belohnungs- oder Motivations-Situation - werde ich mir Alternativen ausdenken und mir angewöhnen müssen. Da ich mich hier geöffnet habe, sehe ich mich gewissermaßen verpflichtet, mich dran zu halten. Das ist meine Sicherheitsmaßnahme.
Viele Grüße