Hallo Schotterblume,
kann es sein, dass du dich selbst sehr viel unter Druck setzt und sehr häufig Verantwortung und Rücksicht übernimmst, selbst, wenn es eigentlich über deine Kräfte geht?
Dass du dich nach dem Gespräch mit deiner Schwester erschöpft fühltest, ist eigentlich nicht verwunderlich und ganz normal. Auch, wenn du das Gespräch als gar nicht so belastend empfunden hast, hat dein Gehirn eine Hochleistung vollbracht. Es kann durchaus sein, dass du dich zur Zeit öfter müde fühlst, wenn du gedanklich viel durcharbeitest. Mir ergeht das jedenfalls auch so und mein Therapeut bestätigt mir, dass das an meiner Kopfarbeit liegt. Bei mir geschieht durch die Beschäftigung mit diesem Thema innerlich zur Zeit sehr, sehr viel.
Du schreibst, dass du Scham empfindest. Wofür schämst du dich? Dass du auch Alkoholikerin geworden bist, wie ein Elternteil von dir? Dass du‘s nicht allein alles hingekriegt hast? Dass du nicht perfekt bist?
Wenn du deswegen Scham empfindest, bist du hier in bester Gesellschaft. Ich jedenfalls kenne dieses Gefühl auch sehr gut. Da es nun mal da ist, nimm es einfach nur wahr und nimm die Gedanken, die damit verbunden sind, einfach nur wahr.
Grundsätzlich musst du dich eigentlich nicht schämen, denn niemand ist perfekt, niemand sollte perfekt sein und Alkoholiker sind häufig Menschen mit einer ganz besonderen Sensibilität, die an den Normen der „Normalen“ verzweifeln. Ich habe in diesem Zusammenhang mal ein ganz amüsant geschriebenes Buch des Psychiaters und Psychotherapeuten Manfred Lütz, „Irre - Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen - Eine heitere Seelenkunde“ gelesen, dessen Lektüre ich dir nur empfehlen kann. Darin geht es nicht nur um Alkoholiker, sondern auch um andere psychisch Erkrankte und meine Sicht auf meine Erkrankungen hat es etwas verändert. Ich bin nun gar nicht mehr so unglücklich darüber, nicht zu den „Normalen“ zu zählen.
Doch, wenn das Gefühl von Scham nun mal da ist, lässt es sich mit dem Verstand nicht wegdiskutieren. Es ist da und will wahrgenommen werden. Es reicht aber, wenn du es einfach nur wahrnimmst. Vielleicht magst du uns ja schreiben, welche Gedanken mit diesem Gefühl verbunden sind. Wenn du das nicht möchtest, ist das natürlich auch ok.
Du schreibst, dass du viel von Achtsamkeit gehört hast, dich aber schwer damit tust. Magst du erzählen, was dir schwer daran fällt?
Ich selbst hatte vor ein paar Jahren davon gehört, hatte gegoogelt, um zu wissen, was das eigentlich ist, konnte aber mit dem, was ich las, irgendwie nichts anfangen. Erst als ich vor fünf Jahren wegen Depressionen in der Klinik war, lernte ich das richtig kennen und konnte es ausprobieren. Ich war ziemlich verblüfft, welche Wirkung es auf mich hatte, beim Spaziergang einfach mal den Autopiloten auszuschalten und ganz bewusst einfach nur darauf zu achten, was ich wahrnehme (ohne es in Kategorien einzuordnen oder es zu bewerten). Die nächste Ebene, die Gefühlswelt, probierte ich erst später aus, der war ich damals noch nicht gewachsen.
Heute meditiere ich häufig, ich habe da eine ziemlich gute App, die mit einer „7“ anfängt und mit dem englischen Wort „mind“ endet. Die geführten Meditationen tun mir gut und helfen mir bei der Wahrnehmung dessen, was in mir ist.
Viele Grüße
AmSee