In den letzten Wochen ist in meinem Inneren seeeeehr viel passiert, Puzzleteile haben sich zusammengefunden, ich konnte erfolgreich damit weitermachen einiges, was in meiner Vergangenheit geschehen ist, aufzuarbeiten.
Sechs Wochen bin ich inzwischen abstinent und es fühlt sich an, als ob der berühmte Schalter bei mir umgelegt sei. Ich bedaure nicht mehr, keinen Alkohol mehr trinken zu dürfen. Es ist jetzt ok so. Es fühlt sich so an, als ob ich satt sei. - Besser kann ich das nicht erklären. -
Klar nervt es mich ab und zu, anders sein zu müssen als die „normale“ Welt. Letztens ging mir das tierisch auf den Zeiger. Doch anders war ich ja eigentlich schon mein ganzes Leben und, da ich schon recht lange daran arbeite, mich so zu akzeptieren und anzunehmen, wie ich bin, lerne ich, auch damit umzugehen, nun auch äußerlich in Bezug auf Alkoholkonsum anders zu sein.
Wie unschwer zu bemerken ist, äußere ich mich derzeit häufiger bei anderen im Forum. Natürlich mache ich mir Gedanken darüber, aus welchen Motiven ich das mache und auch, wie das bei anderen, insbesondere denen, die schon lange dabei sind und viel länger trocken sind als ich, ankommt. Ich habe mir auch die Frage gestellt, ob ich damit ein Helfersyndrom befriedige und ob ich, weil ich doch gerade erst dabei bin, besser erstmal schweigen sollte. Es kommt ja häufig vor, das erwachsene Kinder aus dysfunktionalen Familien ein Helfersyndrom entwickeln.
Achtsamkeit nenne ich es, mir dessen bewusst zu sein, warum ich das hier tue und was es mit mir macht:
Gewiss geht es, wenn ich anderen hier antworte, auch darum, ihnen weiterzuhelfen. Ich bin schon mehr als ein Jahrzehnt in psychotherapeutischer Behandlung, kenne manche Problematik recht gut aus eigener Erfahrung. Warum sollten andere nicht von dem, was ich in all den Jahren dazu gelernt habe, profitieren? Muss man das Rad immer selbst erfinden? Wenn das, was ich ihnen zu sagen vermag, weiterhilft, gut, wenn nicht, können sie’s ja stehen lassen. Und vielleicht hilft es dann ja jemand anders, der still mitliest.
Doch mir geht’s nicht nur darum, anderen zu helfen, sondern ich profitiere auch selbst davon, dass ich anderen hier schreibe. Es hilft mir, mich zu sortieren, mein Wissen oder meine Erfahrung zu strukturieren und es hilft mir bei der Aufarbeitung meiner eigenen Vergangenheit. Ich bin dadurch, dass Manches, was andere schildern, meinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen so ähnelt, an meine eigenen Erinnerungen und damit auch an verschüttete oder unbewusste Gefühle gekommen. Das war zum Teil sehr schmerzhaft, aber dadurch, dass ich drangekommen bin, sehe ich nun eine echte Chance auf Heilung. Es wird niemals ungeschehen gemacht werden können, was ich erlebt habe, aber ich habe den Eindruck, an die Wurzel meiner Probleme gekommen zu sein. Es wird noch eine ganze Weile dauern, aber ich sehe die Chance vor mir, es als abgeschlossen betrachten, richtig betrauern und heilen zu können - soweit das eben möglich ist.
Hier im Forum würde ich mir mehr Rückmeldung wünschen. Wertschätzende Rückmeldung. Wenn ich anderen auf ihre Posts antworte, so schreibe ich aufgrund meiner Erfahrungen und meines Wissens. Dabei erhebe ich ganz gewiss nicht den Anspruch auf Allwissenheit. Manchmal bin ich, obwohl ich recht reflektiert und umsichtig bin, unsicher, ob ich mit dem, was ich schreibe, richtig liege. Mir wäre es jedenfalls ganz recht, wenn andere mich durch ihre eigenen Erfahrungen oder Beobachtungen bestätigen oder aber meinem begrenzten Horizont erweitern würden.
Ich frage mich auch, warum es eigentlich nur immer dieselben paar Menschen sind, die anderen antworten. Nicht, dass ich deren Beiträge nicht schätze, ganz im Gegenteil, aber ich frage mich, wo all die vielen anderen sind, die sich hier mal angemeldet haben. Warum schreiben die nicht? Hilfreich finde ich es, wenn sich dann jemand so wie letztens meldet, schreibt, dass er viel still mitliest, sich aber nicht dazu in der Lage fühlt, anderen einen Rat zu erteilen. Das finde ich völlig ok.
Ich meine aber auch, dass man nicht immer Rat haben oder geben muss. Manchmal hilft es einfach nur, dass man liest, dass es jemand anderem ähnlich geht. Natürlich sollte der einen nicht noch zusätzlich runterziehen, wenn’s einem eh schon schlecht geht, das ist klar.
Wie lange ich hier noch richtig aktiv sein werde, vermag ich nicht zu sagen. Ich bewundere die hier langjährig Aktiven wie Greenfox, Gerchla und Susanne (mehr sind mir in den letzten sechs Wochen nicht so aufgefallen) sehr und nehme von ihnen immer wieder etwas mit. Ich bezweifle, dass ich deren Ausdauer habe. Warten wir‘s ab.
Ich bin ich froh, dass es dieses Forum gibt und dass es mir persönlich nicht wenig weitergeholfen hat.