So, nun für alle, die meine Vorstellung mitverfolgen, und um weiteren Missverständnissen vorzubeugen:
Inzwischen ist mir durch intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema klar geworden, dass ich ein Alkoholproblem habe, das ich nur in den Griff kriegen kann, indem ich den Rest meines Lebens abstinent bleibe. Dabei spielt es keine Rolle, dass ich noch nicht körperlich abhängig geworden bin. Abhängig bin ich, das ist mir nun glasklar.
Ich habe die Alkoholkrankheit in vollem Ausmaß als Kind und Jugendliche bei meinem Vater erlebt, das hat mich für mein Leben dauerhaft geprägt.
Vor zehn Jahren wurden bei mir mittelschwere Depressionen diagnostiziert. An dieser Krankheit arbeite ich nun schon genau so lange. Ich glaubte sie überwunden, aber dadurch, dass bei mir vor zweieinhalb Jahren MS diagnostiziert worden ist, ist die Erkrankung wieder richtig ausgebrochen. Seit 2018 bin ich berufs- und arbeitsunfähig.
Dass ich gerade dabei bin, ein massives Problem mit Alkohol zu entwickeln, ahnte ich so nach und nach in den letzten Monaten und schließlich mehr und mehr in den letzten Wochen. Als ich mich hier angemeldet habe, war das für mich der Startschuss, mich dem Thema nun wirklich zu stellen.
Was mich selbst sehr überrascht hat, war, dass sich im Laufe dieser ersten Woche nach meiner Anmeldung in meinem Denken und Fühlen so viel verändern hat. Was ich theoretisch vom Kopf her wusste, aber irgendwie nicht an mein Inneres herangelassen hatte, erreichte mein ganzes Denken und Fühlen. Mehr oder minder plötzlich wurde mir klar, dass ich Alkohol eigentlich nur noch wegen seiner Wirkung trank, dass es mehr wurde und mir mehr und mehr zu entgleiten begann. Und durch die Geschichten anderer wurde mir so richtig bewusst, worauf ich da so zusteuere.
Ich habe überaus leidvoll erleben müssen, was der Alkohol bei meinem Vater angerichtet hat. Ich war also gewarnt, aber ich war doch so ganz anders als er und, solange ich jederzeit ein Glas stehen lassen konnte, war ich doch safe. Oder? Mit etwas Abstand sehe ich, wie fahrlässig dieses Denken war. Sich immer wieder einer Gefahr auszusetzen und, wenn’s dann gut gegangen ist, sagen, „Siehst du, ist ja gut gegangen.“ ist sowas von fahrlässig.
Ich bin jetzt erst zweieinhalb Wochen abstinent, aber in mir fühlt es sich an, als ob ein Schalter umgelegt wäre. Mir ist sowas von klar, was in mir passiert, wenn ich Alkohol trinke. Ich kenne die Wirkung ziemlich gut und weiß zu gut, wie verführerisch das für mich ist. Ich könnte danach gewiss wieder aufhören zu trinken, soweit war ich noch nicht gekommen, dass ich das nicht könnte, aber warum mit dem Feuer spielen? Warum das, was mir zur Zeit sowas von glasklar ist, torpedieren?
Ich habe im letzten Jahr Alkohol konsumiert, um meine Krankheiten eine kleine Weile vergessen zu können. Für eine kleine Weile fühlte ich mich wieder leicht und beschwingt, das Leben machte wieder Spaß, die Schmerzen waren weniger bis weg, der zuweilen unerträgliche innere Druck und die Panikanfälle wurden erträglich. Alles richtig, aber das war nicht die ganze Wahrheit. Oft trank ich zu viel und dann kippte die Stimmung. Oft war ich am Folgetag müde und erschöpft und ich habe auch den starken Verdacht, dass die Schmerzen sich verschlimmert hatten. Oft war mir peinlich, wie viel ich schon wieder getrunken hatte. Oft nahm ich mir vor, „Heute trinkst du nicht.“, und am Abend öffnete ich wieder eine Flasche Wein oder Sekt.
Es sind erst zwei Wochen Abstinenz und doch bemerke ich schon spürbar Veränderungen, was ich auf die Abstinenz, aber auch die intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema hier im Forum, mit mir selbst und die Lektüre hier empfohlener Literatur zurückführe: Ich schlafe besser und fühle mich morgens in der Regel erholt. Meine Stimmung hat sich ingesamt verbessert, ich fühle mich etwas stabiler und stärker. Ich bin konzentrierter und kann Dinge angehen, die ich sonst für unmöglich hielt oder nur mit vielen Pausen erledigen konnte.
Ich bin überwältigt und außerordentlich dankbar für diese Erfahrung. Das macht mir Mut und spornt mich an, für immer auf Alkohol zu verzichten.
Vorerst gilt für mich allerdings weiterhin: Heute trinke ich nicht.
Diese Einstellung hat mir beim Rauchausstieg geholfen, sie wird mir gewiss auch in diesem Fall helfen.
Wir lesen uns.
AmSee