Hallo Orangina,
prima, dass es dir nach und nach immer besser geht! Mir geht’s ganz ähnlich und es kommt immer wieder eine neue Erkenntnis hinzu.
Du hast Rina eine Frage gestellt, aber vielleicht magst du ja auch von mir ein paar Gedanken dazu hören?
In Bezug auf Alkohol ist mir das zwar zuvor noch nicht so aufgefallen, weil ich mir zuvor niemals eingestanden hätte, meinen Alkoholkonsum nicht mehr wirklich im Griff zu haben und die Finger ganz davon lassen zu müssen, aber beim Zigarettenrauchen hab ich’s bei mir mehrmals genau beobachtet:
Ich fing mit dem Rauchen jeweils in Krisensituationen wieder an. In diesen Situationen stand ich innerlich so stark unter Druck, dass ich’s kaum aushalten konnte, und da kam jedes Mal der Gedanke an das Mittel auf, das ich als höchst effizient und schnell wirksam kennengelernt hatte: Eine Zigarette. Ich wusste, dass mir eine Zigarette etwas Erleichterung verschaffen würde und saß leider immer wieder dem Irrtum auf, ich könnte und müsste mir eine Ausnahme erlauben, ich könnte ja gleich sofort wieder aufhören. Ich wusste, dass Nikotin abhängig macht und ich schon früher davon abhängig gewesen war und da war gewiss auch eine gewisse Sorglosigkeit oder Fahrlässigkeit bei mir, aber ich empfand es in diesen Situationen als Güterabwägung (mir fällt grad kein besserer Begriff dafür ein). In diesen Momenten wollte ich nur noch, dass der Druck aufhört oder wenigstens geringer und damit erträglicher wird und ich gleichzeitig noch funktioniere. Funktionieren war gleichzeitig auch noch sehr wichtig in diesen Situationen und so unter Druck konnte ich nicht funktionieren. Das Aufhören war jedoch nie einfach, denn die Entzugserscheinungen und die Erfahrung, dass mir die Zigaretten „geholfen“ hatten, drängten mich, mir wieder eine Schachtel zu kaufen. Nach dieser, sagte ich mir dann. Und so weiter. Und dann stellte sich irgendwann diese jetzt- ist’s-auch-egal-Stimmung ein. Die Kurve kriegte ich erst wieder, wenn mir dann die Raucherei endlich wieder zum Hals heraushing und eigentlich nur noch störte und ärgerte.
Nun ist wahrscheinlich Rauchen nicht ganz mit Alkohol trinken vergleichbar, weil Alkohol nach meinen Informationen noch tiefer im Gehirn wirkt als Nikotin, aber diese Erfahrung, in bzw. aufgrund einer Krisensituation rückfällig zu werden, hilft mir für mich, die Suchtmechanismen zu verstehen und nicht wieder darauf hereinzufallen.
Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass man in einer angenehmen Situation ein Glas Alkohol trinkt, weil man die Gefahr unterschätzt. Und dann ist’s die Wirkung, die erneut in deinem Gehirn drinhängt und dich weitertrinken lässt. Für mich könnte ich mir das jedenfalls vorstellen. Die Kurve würde ich dann wahrscheinlich erst wieder kriegen, wenn bei mir wieder so richtig angekommen ist, was ich mir und meinem Partner da antue und es wirklich angehen will. Wenn ich die Gedanken, die mir den Konsum schönreden, wieder entlarven kann.
Was meinst du? Welche Situationen könnten dir gefährlich werden, wieder Alkohol zu trinken? Krisensituationen oder schöne Situationen, wie etwa Sommer am See und eine Bar direkt am Badesteg?
In der schönen Situation könnte ich mir vorstellen, dass das Gefühl aufkommen könnte, man würde etwas vermissen, etwas entbehren müssen, was den Moment doch soooo viel schön machen würde und vor sich selbst verharmlosen, dass man eigentlich ein Alkoholproblem hat.
Die Situationen, auf die Susanne und Rekonvaleszent sich beziehen, müssten meines Erachtens die sein, wenn man sich noch nicht darüber im Klaren ist, Alkoholiker zu sein und sich folglich noch selbst täuscht. Wenn man es einmal begriffen hat, glaube ich nicht, dass man sich noch derart belügen oder sich etwas vormachen kann. Dann kann es doch eigentlich nur daran liegen, dass man nicht verzichten will.
Was hat dich diesmal bewogen, die Kurve zu kriegen? Könntest du dir vorstellen, dass dir das nochmals - hoffentlich kommt es nie dazu! - gelingen könnte?
Ich selbst bin so froh, dass bei mir der Schalter umgelegt zu sein scheint und ich hab so großen Respekt vor meiner Sucht, dass ich keine Risiken mehr eingehen will. Zu meinem Glück habe ich in Krisensituationen eigentlich nie Alkohol getrunken. Mir ist völlig klar, womit sonst jetzt auch noch zu kämpfen hätte.
Viele Grüße
AmSee