Hallo Orangina,
das war auch für mich ein hochinteressanter Austausch, der sich bei dir gestern Abend entwickelt hat.
Bei dem, was ich bei dir gelesen habe, dachte ich oft, „Das kenne ich auch.“ Danke, dass du so viel von dir preisgegeben hast. Ich denke, deine Analyse und Beschreibung hilft nicht nur dir, zu durchschauen, was für ein Weg hinter dir liegt, denn einigen von uns, mir zumindest, ist es ähnlich ergangen. Und zugleich wird durch deine Ausführungen auch deutlich, warum man diesen Kampf nicht mehr will. Ich kann mir jedenfalls gut vorstellen, Orangina, dass diese deine klare Reflexion dir hilft, nicht rückfällig zu werden. Wenn diese Gedanken von früher aufkommen, besser wär‘s natürlich, du lässt sie gar nicht erst groß aufkommen, müsstest du dir eigentlich nur nochmals das durchlesen, was du gestern Abend geschrieben hast. In dem, was du dort geschrieben hast, steckt so viel drin!
Was Rekonvaleszent geantwortet hat, finde ich sehr hilfreich und das ist inzwischen auch das, was ich denke. Ich habe mich so intensiv damit auseinandergesetzt, warum ich Alkohol getrunken habe und warum ich nie wieder Alkohol trinken sollte und wie ich zufrieden abstinent sein könnte, dass ich voll und ganz zu meiner Abstinenz stehe.
Was du über deine Gründe oder Anlässe zu trinken erzählt hast, so kommt mir auch das sehr, sehr bekannt vor. Ich war zwar vorsichtiger mit meinem Alkoholkonsum, aber es gab bei mir tatsächlich den einen oder anderen ähnlichen Moment. Öfter aber habe ich in diesen Momenten geraucht und geglaubt, dass mir das hilft. Was das Rauchen betrifft, so ist das bei mir deswegen so zum Thema geworden, weil ich vor etwas über fünf Jahren, als ich wegen Depressionen in der Klinik war, nach über zwanzig Jahren Abstinenz wieder mit dem Rauchen begonnen habe. Es begann nach einer Gruppensitzung, die ich (wieder einmal) vorzeitig verlassen musste, weil ich emotional so stark mitschwang, dass ich innerlich enorm unter Druck geriet. Nichts half, um runterzukommen, kein eiskaltes Wasser über die Handgelenke laufen lassen, kein Laufen auf dem klapprigen Crosstrainer, der dort im Flur stand. Was aber sofort und seeeeeeehr deutlich spürbar half, war eine Zigarette, die ich von einem Mitpatienten schnorrte. Und so begann meine erneute Raucherkarriere. Ich brauchte mehrere Anläufe und sehr viel Selbstbeobachtung und Selbstreflektion, um aus dieser Sucht auszusteigen. Die Beobachtungen und Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, helfen mir jetzt nicht wenig.
Ich kann gut nachvollziehen, dass du schwer einen Vergleich ziehen kannst, wenn du vor 15 Jahren mit dem Rauchen aufgehört hast. Das würde mir gewiss auch so gehen. Natürlich hinkt der Vergleich auch etwas, denn Nikotin verändert dein Wesen nicht, anders als Alkohol. Alkohol ist für mich nochmal ne ganz andere Hausnummer. Nikotingeschichten sind auch schlimm, aber wenn man sich hier so durchs Forum liest, dann wird einem schon ganz anders....
Du schreibst, „Von früher kenne ich den entschlossenen Drang aus dem Nichts („so, jetzt aber knall ich mir nen Wein rein!“)
Und dann war das egal, ob ich von der Arbeit heimfuhr oder ob ich sonst wo war.“. Wenn ich ehrlich mit mir bin, dann kam das bei mir nicht wirklich aus dem Nichts, sondern hatte schon so seine Vorgeschichte bzw. seinen Vorlauf. Wie ist das bei dir? Kamen diese Gedanken wirklich aus dem Nichts oder hatten die bei dir auch so eine Art Vorlauf?
Ich kenne das auch, dass die Gedanken dann immer fordernder wurden. Es wundert mich heute auch nicht mehr, denn ich hatte damals nichts wirklich Adäquates für mein Belohnungszentrum (Tröstezentrum etc.) anzubieten und war mehr oder unvorbereitet.
Du hast einen langen Weg hinter dir und du bist - darf ich dir das so sagen? - soweit ich das bei dir beobachten konnte, zumindest in den letzten Monaten, die wir gemeinsam gehen, auf einem guten Weg. Du denkst viel nach, fragst nach, reflektierst dich selbst und du öffnest dich.
Es mag sein, dass es bei dir in der Praxis noch hapert, wie du Britt geschrieben hast, aber ich würde das gar nicht so negativ sehen. Interessant ist doch, was sich bei dir inzwischen schon getan hat. Und... noch glaubst du verständlicherweise, dass du aus gewissen Mustern nicht herauskommst, vielleicht wird sich daran nichts ändern, vielleicht aber macht es doch irgendwann „Klick“ und du kannst aus diesen gewissen Mustern heraustreten.
Ich arbeite auch schon sehr lange an mir, war zwischenzeitlich ziemlich verzweifelt, steckte irgendwie fest und dann gab’s solche „Klicks“ und danach war’s unerwartet positiv anders. Es ist inzwischen zwar nicht alles supi, aber es ist deutlich besser als früher.
Viele Grüße
AmSee
P.S.: Rina danke ich ebenfalls für ihre Offenheit. Das hilft auch mir weiter.