Hallo Lilly,
vielen Dank, dass du so viel von dir preisgegeben hast, nun habe ich eine sehr viel genauere Vorstellung, wie es dir geht.
Was das Leben in dieser religiösen Gemeinschaft betrifft, kann ich sehr gut nachvollziehen, wie dich das für dein Leben geprägt und gewissermaßen gezeichnet hat. Hut ab, dass du es geschafft hast, dich davon zu lösen. So etwas ist wahrlich (!) nicht einfach, besonders noch weil du in dieser Gemeinschaft groß geworden bist. Die Familie und das gesamte Umfeld, was man kennt, zu verlieren, und und und
ist bei solchen religiösen Gemeinschaften leider üblich und hinterlässt sehr, sehr, sehr tiefe Wunden.
Was dir danach geschehen ist, ist für mich völlig nachvollziehbar.
Und nun bist du an dem Punkt, dass du die „heilsame“ Seite des Alkohols kennengelernt hast und gewissermaßen keine gute brauchbare Alternative kennst. Du kennst allerdings auch schon die Schattenseiten des Alkohols.
Ich hab sie auch sehr geschätzt, diese „heilsame“ Seite des Alkohols. Für eine Weile war er meine „Medizin“. - Was du darüber erzählst, warum du Alkohol konsumiert hast, kommt mir sehr bekannt vor...
Doch... inzwischen denke ich ganz anders über den Alkohol und ich erinnere mich auch immer wieder und immer mehr daran, was für ein falscher Freund er gewissermaßen für mich war.
Ich hatte nicht mehr richtig die Kontrolle darüber, wie viel ich trank. Ein Glas war schnell herunter gestürzt, Genuss war das nicht mehr. Und ich überschritt schließlich eigentlich jedes Mal den Punkt, an dem die Wirkung noch angenehm war und hilfreich. Mir entglitt mehr und mehr die Kontrolle und der Gedanke, ab wann ich am Tag wieder eine Flasche aufmachen dürfte, kam immer öfter. Und und und
Ich wurde allmählich jedenfalls ziemlich nachdenklich. Mein Ringen, weiter Alkohol trinken zu dürfen und wie es schließlich bei mir kippte, kannst du in meiner Selbstvorstellung nachlesen.
Heute nach mehr als einem halben Jahr Abstinenz sehe ich, wie viel mehr der Alkohol meiner Psyche und meinem Körper noch geschadet hat. Das hätte ich so nicht erwartet und hab es, als ich noch regelmäßig getrunken habe, überhaupt nicht bemerkt.
Ich komme zu dir zurück: Du hast sehr, sehr tiefe Verletzungen erlitten, ein Trauma davon getragen. Du bist nicht die erste, die das mit Alkohol zu behandeln versucht hat. Leider ist Alkohol überhaupt kein gutes Hilfsmittel, im Gegenteil schafft er neue, ziemlich gravierende Probleme.
Ich selbst habe in meinem Leben Schlimmes erlebt, war zwischenzeitlich auch mal kurz in einer religiösen Gruppierung, die mir letztlich NICHT gut getan hat und mich in gewissen Bereichen verbrannt hat.
Das wirkliche Heilmittel für mich lag schließlich in einer Therapie bei einem richtig guten und zu mir passenden Arzt/ Therapeuten. Es hat Jahre gedauert und ich bin auch immer noch dabei, was aber auch damit zu tun hat, dass ich chronisch krank geworden bin. Vieles ist besser geworden, Vieles konnte verarbeitet werden und meine Perspektive hat sich entscheidend verändert.
Die große Welt mag sein, wie sie will, ich nutze den Gestaltungsspielraum meiner eigenen kleinen Welt voll aus und meine eigene kleine Welt gefällt mir inzwischen ziemlich gut.
Ich schreibe dir das, weil dir mein Beispiel vielleicht weiterhilft, eine neue Perspektive zu entwickeln.
Herzliche Grüße
AmSee