Beiträge von AmSee13

    Hallo Dialex,
    du batest um klärende Gespräche.
    Ich habe wirklich überlegt, ob ich dir noch schreiben soll, aber ich tu’s einfach mal. Wer weiß, wozu‘s gut ist?

    Hast du dich schon mal näher mit einem solchen Forum wie diesem beschäftigt? Weißt du, wer da so aufschlägt und mit welchen Problemen?

    Du hast dich von mir offensichtlich provoziert gefühlt. Etwas provokant war meine Antwort gewiss formuliert, aber das, was ich schrieb, war auf der Sachebene geschrieben, nicht auf der Beziehungsebene. Interessant und vielleicht sogar aufschlussreich ist, wie du meine Antwort verstanden hast.
    Übrigens, woher hätte ich wissen sollen, was dein wirkliches Anliegen ist? In deiner Erstvorstellung habe ich davon nichts gefunden.

    Damit du mich und meine Antwort etwas näher einschätzen kannst:
    Ich bin w, 48 Jahre alt und habe die Alkoholkrankkeit etwa ab dem Alter von 5 Jahren recht intensiv bei meinem Vater, der immer und immer wieder rückfällig wurde (Krankhausaufenthalte, mehrere LZT) und schließlich, als ich 15 Jahre alt war, bei einem selbstverschuldeten Autounfall unter Alkohol- und Tabletteneinfluss im Alter von 43 Jahren starb. Das Leben in einer dysfunktionalen Familie hat mich nachhaltig geprägt. Ich habe zwar Abitur gemacht, studiert und erfolgreich einen guten Beruf ausgeübt, aber meine Vergangenheit hat mich schließlich eingeholt. Vor über zehn Jahren wurden bei mir mittelschwere Depressionen diagnostiziert. Die glaubte ich nach fünf Jahren ambulanter Therapie erfolgreich überwunden, aber ein halbes Jahr später brach alles über mir zusammen und ich musste stationär aufgenommen werden auf einer Station für Menschen mit Burnout und Depressionen. Dort blieb ich drei Monate, nach drei weiteren Monaten konnte ich meinen Beruf wiederaufnehmen. Zwei Jahre ging‘s mir gut, dachte ich, dann wurde im Sommer ´18 MS diagnostiziert und ein weiterer Schub führte zu monatelangen Schmerzen im ganzen Körper und zum erneuten massiven Ausbruch der Depression.
    Zum Alkoholkonsum bin ich selbst im Jugendalter im Kontakt mit gleichaltrigen Jugendlichen gekommen. Bis vor einer Weile hielt ich meinen Konsum für normal. Bei Ausbruch meiner Depressionen und in der Zeit des Klinikaufenthalts und in den Monaten danach habe ich keinen Alkohol getrunken, es gab immer mal wieder Phasen der völligen Abstinenz. Doch irgendwie kam ich zum Alkohol zurück und schließlich begann mir mein Konsum allmählich zu entgleiten. Wie ich damit gerungen habe, weiterhin Alkohol trinken zu dürfen, kannst du meinem eigenen Faden entnehmen.
    Durch die Auseinandersetzung mit den Antworten anderer hier, durch die Berichte anderer, Alkoholiker wie auch Angehöriger, begriff ich, was ich schon befürchtet hatte, aber nicht wahrhaben wollte: Ich bin psychisch vom Alkohol abhängig und muss daraus die Konsequenzen ziehen.
    Ich finde es faszinierend, wie sich aus der Rückschau dann plötzlich eins zum anderen fügt und wie anders ich die Welt wahrnehme, seit ich für mich selbst begriffen habe, ein Alkoholproblem zu haben.
    Du hattest den Eindruck, ich zitiere aus Fachliteratur und unterstelltest mir „über-therapiert“ zu sein. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, genauso wie ich vorher darüber nachgedacht habe, was ich antworte. Bin ich „über-therapiert“? - Keine Ahnung. Was bedeutet das überhaupt? Ich habe in meinem Leben sehr viel gesehen, schlimme Dinge, traurige Dinge, aber auch gute und schöne Dinge, habe viele verschiedene Bereiche menschlichen Lebens selbst durchlebt, viel auch durch andere gelernt und ja, ich bin seit über zehn Jahren wegen mittelschwerer bis schwerer Depression in psychotherapeutischer Behandlung. Ich werde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder in meinem Beruf oder irgendeinem anderen arbeiten können, ich werde wahrscheinlich niemals einer regelmäßigen ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen können, weil ich nie weiß, wie es mir am nächsten Tag geht, weil ich nur so für mein kleines Leben schauen kann, wie ich über die Runden komme. Ich habe ab und zu ganz miese Tage und Panikattacken. Doch ich jammere nicht, ich suche nach Lösungen und ich habe den Eindruck, dass die Therapie mich Stück für Stück weitergebracht hat. Ich lerne beständig hinzu. Bin ich jetzt „über-therapiert“? - Keine Ahnung? Zitiere ich aus Fachliteratur? - In meiner Antwort an dich jedenfalls nicht.
    Ich bringe mich seit drei Monaten regelmäßig mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen in dieses Forum ein. Vielleicht kann ja der eine oder andere etwas damit anfangen. Wenn ja, gut, wenn nicht, auch gut.

    Du und ich können uns über deine Ängste, über Rückfallgefährdung und Rückfälle austauschen, Erfahrungen habe ich wahrscheinlich genug. Für mich kommt es gewiss nicht mehr infrage, kontrolliert Alkohol zu trinken, dafür kenne ich mich gut genug. Möglich mag es gewiss sein, aber bislang habe ich hier im Forum von niemandem gelesen, dem es wirklich gelungen wäre, und auch sonst von niemandem gehört.

    Hilft dir das weiter?
    Vielleicht bin ICH ja auch die falsche Adresse für dich.

    Viele Grüße
    AmSee

    Hallo Orangina,
    als ich mich angemeldet habe, war mir eigentlich schon klar, dass ich ein Problem habe, aber ich verhandelte noch sozusagen.
    Das Thema war mir ja eigentlich nicht neu und ich hatte eine riesengroße Angst, ich könnte diese Krankheit, die ich bei meinem Vater erlebt habe und unter der nicht nur ich furchtbar gelitten habe, auch haben. Mehr als einmal habe ich einen dieser Selbsttests im Internet gemacht. Ich dachte und hoffte immer wieder, ich wäre ja noch safe, weil ich ja nicht so wie mein Vater trank, nicht so abstürzte.
    Mit meinem Therapeuten war dieses Thema öfter mal auf dem Tisch und wir sprachen ganz offen darüber. Doch ich glaubte, ich sei nicht alkoholkrank und dürfe weitertrinken.
    Nun, vom Prinzip dürfte ich das ja auch, ich könnte es auch, körperlich bin ich gewiss nicht abhängig vom Alkohol, aber durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema gerade hier im Forum, das, was man mir geantwortet hat, das was ich bei vielen anderen gelesen habe, meine Erfahrungen mit meinem Vater, meine Erfahrungen mit mir selbst usw. wurde mir so richtig klar, begriff ich, dass ICH nicht mit Alkohol umgehen kann, dass kontrolliertes Trinken mich so sehr, sehr viel Kraft kosten würde und dass kontrolliertes Trinken den Preis, den ich dafür zahlen muss, einfach nicht wert ist. Ich begriff, dass ich psychisch abhängig bin und sich daran nichts mehr ändern wird.
    Gewiss denke ich ab und zu, wie schön es war, ein gutes Glas Wein zu trinken. Das war wirklich ein absoluter Genuss für mich. Ich habe mich früher oft mit einem guten Freund in einem Lokal getroffen und wir haben an so einem Abend mit guten Gesprächen zwei Flaschen Wein geleert und noch Absacker dazu usw. Und es gab noch eine Reihe anderer schöner Gelegenheiten, auch mit meinem Mann oder, wenn ich alleine war. Ein Bild malen, dazu einen Barolo und sich wie einer dieser großen Maler fühlen, irre... Lach! 8)
    Doch ich schaue nicht sehnsuchtsvoll zurück. Es war ok so, es war schön und JETZT ist es eben vorbei. Alles hat seine Zeit. Die Wahrheit, die hinter diesem Spruch aus Prediger 3 steht, habe ich in meinem Leben wieder und wieder wahrgenommen bzw. sie hat sich mir bestätigt.
    Durch die Geschichten anderer hier wurde mir klar, worauf ich zusteuere, wenn ich so weitermache wie bisher. Ich kenne mich selbst inzwischen so gut, ich bin ein sehr viel über sich und andere nachdenkender Mensch, habe, obwohl ich erst 48 Jahre alt bin, schon so viel gesehen, so viel Lebenserfahrung gesammelt, habe vom Prinzip in alle möglichen Bereiche menschlichen Lebens (von fürchterlicher Armut, vom Jugendheim mit Jugendlichen, die ihren Eltern weggenommen wurden, vom Junkie über den normalen Handwerksbetrieb, über den Mittelstand, Ärzteschaft bis hin zu einem gewissen Wohlstand, Leben und Arbeiten im Altersheim hineinschnuppern dürfen - das soll gewiss nicht überheblich klingen, ich habe vor allen Bereichen großen Respekt, und je mehr ich dazulerne, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß - also, ich habe so viel Lebenserfahrung, dass mir mit einem Mal glasklar wurde und ich begriff, dass es für mich keine Alternative mehr gibt als die vollständige Abstinenz.
    Suchtdruck habe ich nicht. Wenn überhaupt, dann fehlt mir ab und zu eher eine Zigarette, obwohl die bei weitem nicht so gut schmeckt wie Wein und co. ;)

    Ich lasse aber auch nicht zu, dass bei mir so etwas wie eine Sehnsucht aufkommt, sondern halte frühzeitig dagegen. Ich kenne mich ja und all die Gelegenheiten, zu denen ich getrunken habe. Ehrlich gesagt bin ich heilfroh, dass ich Alkohol in der Regel nicht bei Kummer oder innerem Druck konsumiert habe, mir ist sowas von klar, dass mein Suchtgedächtnis mir sonst häufiger auf die Pelle rücken würde.

    Kurz und gut, es war schön eine Weile und jetzt ist eben Schluss damit. Wer krank geworden ist, z.B. in den Rollstuhl gekommen ist, was mir u.U. bei meiner MS noch blühen könnte, der kann auch gewisse Dinge nicht mehr. Für mich gilt: Herumjammern nützt mir nix, das einzige, was mir hilft, ist, nach vorne zu sehen und nach einer Lösung zu suchen, trotzdem ein zufriedenes Leben zu führen.

    So, die Antwort ist etwas länger ausgefallen und klingt vielleicht auch etwas pathetisch. Das sind meine Erfahrungen und Empfindungen, vielleicht kannst du etwas damit anfangen, vielleicht auch nicht.
    Ich schicke das jetzt mal so ab.

    Liebe Grüße
    AmSee


    Habe jetzt nicht damit gerechnet auf "über therapierte" zu Stoßen. Sollte ich mich irren und/oder überzogen reagiert haben, bitte ich um Entschuldigung und klärende Gespräche.

    Ja, hast dich geirrt.
    Die Krankheit selbst kenne ich, seit ich denken kann. Ich hab ihre ganzen Schattenseiten erlebt und fürchterlich darunter gelitten. Und ich habe mich selbst viele Jahre belogen. Was hier im Forum von vielen berichtet wird, Alkoholiker und Angehörigen, habe ich von beiden Seiten gut kennengelernt

    Ich habe dich gefragt, was du von uns hören willst. Aufgrund deiner Vorstellung musstest du mit so einer Antwort wie meiner rechnen, erfahren genug solltest du dafür sein.
    Und das sage ich, wie vorhin auch, rein sachlich.

    Du hättest gleich deutlich machen können, was du möchtest.

    Hallo Dialex,
    willkommen hier im Forum.

    Ich frage mich, was du von uns hören willst.
    Du bist schon ziemlich erfahren und kennst eigentlich das ganze Desaster. Nun trinkst du seit Silvester doch wieder und hast die gefährlich schöne Wirkung von geringen Mengen Alkohol vor dem Schlafengehen und am Feierabend kennengelernt. Was willst du von uns hören?
    Sollen wir dir Absolution erteilen? - Die wirst du hier gewiss nicht kriegen, du kennst die Krankheit doch, oder nicht?
    Sollen wir dich schelten? - Würde dich das vom Trinken abhalten? Sehr wahrscheinlich nicht.

    So viele haben die Erfahrung gemacht, dass kontrollierter Konsum nicht funktioniert, und du probierst es jetzt trotzdem aus.....
    Du weißt selbst, wie gefährlich das ist, was du tust.....

    Viele Grüße
    AmSee

    Hallo Orangina,
    mir ist, als hättest du von mir geschrieben..... ;)

    Ja, in der Tat, krass und krass auch, wie anders man, also wir hier, darüber denkt, wenn man wirklich begriffen hat, dass man alkoholkrank ist.
    Wenn man mir das vor ein paar Monaten prophezeit hätte, ich hätt‘s nicht geglaubt....

    Danke dir. Ich bin Gott dankbar für diesen Mann.

    Hallo Nobody,
    mir ist noch etwas eingefallen:
    Erstens, es ist ganz wichtig für dich, dass du dich über die Alkoholkrankkeit informierst, denn so wirst du wesentlich besser einschätzen können, woran du mit ihm bist.
    Was ich dir vorhin geschrieben habe, meine ich sehr ernst, aber es erreicht dich womöglich nicht, weil da deine Gefühle im Raum stehen, weil du ihm helfen möchtest.
    Es mag sein, dass er sich einsam fühlt, aber da wären so viele Fragen zu klären:
    Wie viel trinkt er wirklich, d.h. ist ein kalter Entzug (kann lebensgefährlich werden!), wenn er überhaupt mit dem Trinken aufhören will, möglich oder muss er in eine Entzugsklinik?
    Der Bruder hat schon einige Erfahrungen mit ihm, das spricht leider Bände. Wie viele Entzüge hat dein Freund schon gemacht? Wie viele Therapien?
    Es ist mit Sicherheit nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Sprich, dass er einfach zu Dir zieht, nicht mehr trinkt und sich eine neue Arbeit sucht.

    Bislang ist er mit dir überhaupt nicht ehrlich gewesen, denn du hast nur daran, dass er „komisch“ wurde, erkannt, dass etwas nicht stimmt.
    Es steht völlig im Raum, ob er sich zur Zeit überhaupt Arbeit suchen kann, denn er trinkt regelmäßig und schießt sich offenbar auch öfter ab.
    Er reagiert nicht auf deine Nachrichten, geht nicht ans Telefon. Er lässt dich überhaupt nicht rein in sein Leben.
    Es kann durchaus sein, dass er komplett abstürzt, aber sehr, sehr wahrscheinlich wirst du das nicht verhindern können, auch nicht, wenn er bei dir wohnen sollte.
    Es ist leider so, dass nur der Alkoholiker selbst etwas tun kann. Du kannst ihn nicht zu etwas zwingen, was er selbst nicht will. Er muss es selbst wollen.

    „Was kann ich tun um ihn daraus zu holen?“
    Nur mit ihm reden, wenn er nüchtern ist.
    Ihn dann dazu bewegen, sich Hilfe zu holen.

    Deine Fragen werden, denke ich, größtenteils unter „Wie kann ich dem ‚nassen‘ Alkoholkranken helfen?“ beantwortet.

    Gerne darfst du hier natürlich weitere Fragen stellen und dir emotionale Unterstützung holen.

    Viele Grüße
    AmSee

    Nachtrag:
    Wie wenig er sich um dich und deine Bedürfnisse schert, zeigt sich deutlich in deiner Schilderung.
    Gewiss, das ist Zeichen der Alkoholkrankkeit, aber DU musst dir das nicht gefallen lassen und du solltest es auch nicht. Du wirst fürchterlich leiden, wenn du das weiterhin zulässt. Das sage ich dir aus eigener Erfahrung und nach der Lektüre der Erfahrungen vieler, vieler anderer hier, Angehöriger sowie Alkoholiker.
    Er hat den Alkohol gewählt, mehrfach und sogar seinen Job dafür riskiert und verloren. Er hat nicht dich gewählt, auch wenn’s zwischendurch gewiss schön mit ihm war.

    Hallo Nobody,
    herzlich Willkommen im Forum, gut, dass du zu uns gefunden hast. :welcome:
    Vielen Dank für deine ausführliche Vorstellung, so kann ich mir ein recht gutes Bild von deiner Situation machen und dir besser antworten.

    Damit du eine Vorstellung hast, wer dir hier antwortet: Ich bin w, 48 Jahre alt, habe die Alkoholkrankkeit bei meinem Vater erlebt, der unter Alkohol- und Tabletteneinfluss starb, als ich 15 Jahre alt war, und ich bin als Erwachsene selbst alkoholkrank geworden und habe erst vor gut drei Monaten begriffen, dass ich nie wieder Alkohol trinken sollte, und lebe seither abstinent.

    Was du über deinen Freund schreibst, kommt mir sehr bekannt vor. So ähnlich sensibel und gefühlvoll habe ich meinen Vater erlebt. Alkoholiker sind häufig sehr sensible Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen zum Alkohol gekommen sind.
    Gleich vorweg eine schlimme Botschaft für dich: DU kannst ihm nicht helfen! Niemand außer ihm selbst kann ihm helfen!
    Alkoholiker sind nicht nur sensible Menschen, sie sind in der Regel auch die größten Lügner. Unter Alkoholeinfluss ist es besonders schlimm, Alkohol verändert das Wesen eines Menschen total. Alkoholiker, die drauf sind, tun alles, um an ihren Stoff zu kommen oder zu verheimlichen, dass oder wie viel sie trinken. Sie glauben sich das sogar selber, was sie reden.
    Ich weiß das, weil‘s bei mir selbst beobachtet habe und es auch bei einigen anderen hier gelesen habe.
    Alkoholiker ticken irgendwie anders als „normale“ Menschen. Es dauert Monate bis ein bis zwei Jahre in Abstinenz, bis sie wieder so klar im Kopf sind, dass sie sich nicht mehr nur um sich selber drehen, sondern auch das sehen, was sie angerichtet haben, und Verantwortung übernehmen können.
    Lies dich bitte mal durch die Informationen im Angehörigen-Teil und informiere dich bitte mal über Co-Abhängigkeit. Du rutschst da gerade hinein. Hilfreich sind auch die Selbstvorstellungen anderer Angehöriger und was ihnen jeweils geantwortet worden ist.

    So hart das klingt, aber mit Verständnis wirst du bei deinem Freund kaum weiterkommen. Er wird es nur auszunutzen, sich aber sehr, sehr, sehr wahrscheinlich nicht ändern. Dass das Problem schon sehr lange bekannt ist, zeigt die Reaktion und Antwort des Bruders.
    Wenn dein Freund nicht wirklich selbst vom Alkohol loskommen will und es sieht nach deinen Schilderungen alles danach aus, kannst du nichts anderes tun als dich nur um dich zu kümmern.

    Tut mir leid für dich, dass ich dir nichts Trostvolles sagen kann.

    Sehr empfehlen kann ich dir auch die Bücher in der Literaturliste.

    Viele Grüße
    AmSee

    Mein Mann war öfter besorgt und sprach mich auch öfter auf meinem Konsum und die vielen Flaschen, die sich so ansammelten, an. Ab und zu kam es deswegen zu Streit zwischen uns, denn ich sah das Problem nicht und fand, dass er überdramatisierte. Auch fühlte ich mich von ihm bevormundet. Ich dachte oft, wenn er nicht erfahren hätte, dass mein Vater Alkoholiker war, würde er bei mir gar kein Problem sehen.
    Jetzt steht mein Mann voll hinter mir und er hinterfragt meine Einschätzung der Lage auch nicht. Ich spreche verhältnismäßig oft mit ihm über das Thema und erzähle ihm, was ich an neuen Erkenntnissen gewonnen habe. Natürlich ist er traurig darüber, dass ich alkoholkrank geworden bin. Letztens meinte er zu mir, wenn ich früher auf ihn gehört hätte, wär’s nicht so weit gekommen. Ich hab ihn davon überzeugen können, dass er sich darin irrt. Ich weiß nicht, seit wann ich eigentlich schon psychisch abhängig vom Alkohol geworden bin, das spielt jetzt eigentlich auch keine Rolle mehr, aber ich denke, als ihm die Mengen auffielen, war‘s schon zu spät. Und außerdem ist’s bei mir wie bei so vielen anderen, ich habe es einfach nicht gesehen und war nicht dazu in der Lage, es aufzuhalten. Es musste erst so weit kommen, dass ich begriff. Und schließlich nützt es auch nichts, sich mit dem was-wäre-wenn aufzuhalten, es ist jetzt so, also machen wir das Beste daraus.

    Er selbst hat nie viel getrunken, jetzt trinkt er noch seltener, weil er das mir gegenüber nicht richtig findet. Auch ist er durch mich für die Problematik des Alkoholkonsums sensibilisiert. Ich hab nichts dagegen, wenn er etwas trinkt, er darf es auch in meiner Gegenwart tun, es stört mich nicht. Wenn er viel trinken würde, hätte ich wahrscheinlich Schwierigkeiten damit, weil ich mir Sorgen um ihn machen würde und von der typischen Wesensänderung unter Alkoholeinfluss genervt wäre.

    Liebe Grüße

    Hallo Orangina,
    solche Tage, wie du heute einen erlebt hast, kenne ich von früher auch....

    Also, mit dem Rauch-Beispiel wollte ich verdeutlichen, dass ich mich früher dieses schädlichen Hilfsmittels bedient habe (bedienen musste), weil ich mir anders nicht zu helfen wusste. Ich war nicht in der Lage, mit meinen Gefühlen umzugehen.
    Als ich aber einen gesunden Weg fand, mich meinem Problem zu stellen, brauchte ich dieses Hilfsmittel nicht mehr oder umkehrt, als ich diese „Medizin“ wegließ, fand ich einen Weg, mich meinem Problem wirklich zu stellen.
    Mit diesem Beispiel bezog ich mich auch auf das, was du geschrieben hattest. In der Theorie wusste ich, wie man mit widersprüchlichen Gefühlen umgeht, aber in der Praxis hatte ich‘s noch nicht umgesetzt. Und du schriebst:

    Zitat

    dass ich nur eine Chance habe, zu mir zu kommen, wenn ich den Alkohol weglass


    In der im Beispiel geschilderten Situation hatte ich eine Chance, mich meinen Gefühlen stellen, d.h. zu mir zu kommen, als ich die Zigarette wegließ.

    Kannst du mir jetzt besser folgen? - Manchmal denke ich recht viel um die Ecke....

    Viele Grüße
    AmSee

    Hallo Orangina,
    ich habe deine Antwort an Britt gelesen und ich möchte dir gerne etwas dazu schreiben. Ich hoffe, du empfindest das, was ich dir sagen möchte, nicht als „übergriffig“ und bewertend, ich möchte dir einfach meinen positiven Eindruck von dir mitteilen und wie ich mich für dich freue.
    Vielleicht tut dir so eine Rückmeldung auch so gut, wie sie mir tun würde.
    Du kommst für mich in dieser Nachricht geistig richtig schön klar rüber. Was du geantwortet hast, empfinde ich als reflektiert und stimmig. Einmal mehr habe ich den Eindruck, dass du dich auf einem richtig guten Weg befindest und darüber freue ich mich für dich. Durch die Abstinenz und die Auseinandersetzung mit mir selbst, geistig immer klarer zu werden, ist eine Beobachtung, die ich auch bei mir selbst gemacht habe. Mein Mann meinte letztens zu mir, ich wirke irgendwie wacher.
    Bei dem, was du über dich preisgegeben hast, habe ich wieder Ähnlichkeiten entdeckt. In Studienzeiten war ich mehr unter Menschen, das lag aber auch an diesen Menschen, die ähnlich dachten wie ich und ähnliche Interessen hatten. Später im Berufsleben ergab sich das aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr. Zum einen deshalb, weil die Kollegen mit ihren Familien und ihren eigenen Freundeskreisen beschäftigt waren, zum anderen aber auch deshalb, weil ich wenig Interesse und Freude an Smalltalk und Oberflächlichkeit hatte, und schließlich weil nicht nur mir schlichtweg die Zeit fehlte.

    Was das Trinken und die Therapie betrifft: Einige von uns hier haben das Trinken sozusagen als „Medizin“ genutzt. - Ich habe, glaube ich, gestern irgendwo schon mal was dazu geschrieben. - Unter Umständen tut es ganz schön weh und es fehlt einem irgendwie auch die Kraft oder die Idee, sich seinen Problemen zu stellen. Ich weiß von mir selbst, dass ich‘s einfach nicht besser wusste, obwohl ich doch ernsthaft an mir gearbeitet hab und doch eigentlich nicht auf den Kopf gefallen bin. Gewiss, wenn ich jetzt zurückblicke, dann sehe ich, wie blind ich war, aber hey, ich war eben blind und jetzt sehe ich klarer.

    Ich möchte nochmals ein Raucher-Beispiel bemühen:
    Ich hatte die Zigarette sozusagen als Retterin in der Not kennengelernt. Hab ich dir ja gestern erzählt.
    Für mich waren in den letzten Jahren die Besuche bei meiner Mutter im Altenheim ein ganz fürchterlicher Kraftakt. Sie wohnte zweieinhalb Autostunden von mir entfernt in der Nähe meiner Schwester (schwieriges Verhältnis). Wenn ich zu meiner Mutter fuhr, tobten in mir widersprüchliche Gefühle, über die ich mir zum einen nicht völlig um Klaren war, die aber zum anderen auch nicht alle gleichzeitig ausgelebt werden konnten. - Bsp.: Man kann nicht gleichzeitig groß und wütend UND klein und traurig und beschämt sein. - Um den enormen inneren Druck, der in mir tobte, aushalten zu können und gleichzeitig funktionieren zu können, griff ich zur Zigarette.
    Am dem Tag vor ihrem Tod fuhr ich wieder zu ihr hin - dass es ihr letzter Tag war, wusste ich nicht, ahnte es aber. Als ich bei ihr ankam und sie sah, wäre ich am liebsten sofort rausgestürmt und hätte mir eine angezündet. - Ich rauchte zu diesem Zeitpunkt schon eine kleine Weile nicht mehr. - Doch stattdessen versuchte ich mir diesmal über meine gegensätzlichen Gefühle (Gefühl von Verantwortung für meine Mutter, Trauer, Scham, Überforderung, Wut) klarzuwerden und zu priorisieren, welches das vorrangige Gefühl ist, dem ich jetzt zunächst eigentlich nachkommen möchte. Es war das Gefühl, weshalb ich überhaupt erst zu ihr geeilt war. Ich wollte für sie da sein, dass sie sich nicht allein fühlt. Und so blieb ich eine Stunde an ihrem Bett und hielt ihre Hand. Wir sprachen nicht viel. Sie war auch kaum mehr ansprechbar. Ich war einfach nur da. Als ich abfuhr, war ich ruhig und es war ok so.
    Ich war stolz und zufrieden, dass ich meine überaus schädliche und ungeliebte „Medizin“, die Zigarette, nicht gebraucht hatte, sondern aus mir allein heraus imstande war, mein Problem zu lösen.

    Bis ich das konnte, war es ein langer Weg. Manches hatte ich in der Theorie schon mal gehört, aber ich war noch nicht soweit, es auch praktisch anwenden zu können.

    Viele Grüße
    AmSee

    Hallo Nadine,
    was tust du für dich, wenn es dir schlecht geht, also z.B. traurig oder enttäuscht oder wütend bist oder dich einsam fühlst? Wenn du es so nicht weißt, dann frag dich mal, was dir gerade gut tun könnte.
    Es gibt verschiedene Möglichkeiten und entweder wendest du so schon einige an oder aber du findest neue.
    Hier mal eine Liste:
    Mit einem Freund oder einer Freundin Kontakt aufnehmen, d.h. eine Nachricht schreiben, anrufen usw., passende, gute Musik hören, ein gutes Buch lesen, puzzlen, Tagebuch schreiben, irgendetwas Kreatives machen, wie Malen, Zeichnen, Mandalas oder Bilder ausmalen, Basteln, Stricken usw., spazieren gehen, mit einem Haustier kuscheln, sich eine Wärmflasche oder ein warmes Körnerkissen auf den Bauch legen.
    Mit einem Handtuch oder Kissen auf die Matratze einschlagen, einen stacheligen Massageball in der Hand kneten, in einen Wald gehen und dort laut schreien, in ein Schreikissen schreien.
    Sport oder Gymnastikübungen machen, Tanzen.
    Meditationsübungen machen, Kopfrechnenaufgaben lösen (die lenken sehr gut ab und helfen, sich auf etwas anderes zu konzentrieren).
    Wichtig ist, dass das, was du wählst, dir oder anderen nicht schadet, sondern wirklich hilfreich ist.
    Alkohol trinken ist z.B. etwas, was viele wählen, weil sie meinen, dass es ihnen gut tut und für bessere Stimmung sorgt (vermutlich trinkt deine Mutter deswegen Alkohol), tatsächlich aber schadet Alkohol dem gesamten Körper ganz enorm und, wenn man sich mal die Geschichten von Angehörigen von Alkoholikern und von Alkoholikern selbst durchliest, schadet er auch anderen.

    Wichtig wäre für dich, dass du für dich (und deine Geschwister?) jemanden findest, mit dem du wirklich reden kannst, und nicht gezwungen bist, deine Sorgen nur für dich zu behalten.

    Vielleicht ergibt sich auch mal eine Gelegenheit, deine Mutter anzusprechen und ihr deine Sorgen mitzuteilen. Ganz wichtig ist dabei, dass sie nüchtern ist, wenn du sie ansprichst. Unter Alkoholeinfluss sind die Menschen anders und sie denken auch anders, sie verstehen dann nicht, fühlen sich leicht angegriffen und so weiter.

    Und schließlich: Du hast Angst, dass deine Mutter sauer wird, wenn sie mitkriegt, dass du z.B. zu den Angehörigen Anonymer Alkoholiker gegangen bist. Das ist verständlich, aber horch mal in dich hinein und frag dich, wie gut und wie lange du selbst den jetzigen Zustand noch aushalten kannst.
    Wenn’s schlimm ist oder schlimmer wird, frag dich, was DU zu DEINER Entlastung beitragen kannst. Manchmal ist es das geringere Übel den Zorn seiner Eltern über sich ergehen zu lassen und dafür zu sorgen, dass ein unerträglicher Zustand aufhört, als in dem unerträglichen Zustand zu bleiben.

    Ich hoffe, du kannst mit dem, was ich geschrieben habe, etwas anfangen. Meld dich mal wieder.
    Wenn du hier konkrete Fragen stellst, wirst du gewiss auch von anderen Antwort bekommen.

    Viele Grüße
    AmSee

    Mir hat der Borowiak auch sehr gut gefallen, hab auch sein Buch „Sucht“ gelesen.
    Hilfreich waren für mich dann auch noch:
    Daniel Schreiber, „Nüchtern“ und
    Catherine Gray, „Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein
    Frei und glücklich - ein Leben ohne Alkohol“

    Hallo Orangina,
    ich kann das gut nachvollziehen, dass du nicht mehr mit deinem Freund reden kannst, wenn er etwas getrunken hat. Ich dachte früher, ich könne viel klarer denken und besser philosophieren, wenn ich etwas getrunken hab, aber manchmal wurde mir sogar selbst klar, was ich so für ein Zeug daher rede, wenn ich „angeschickert“ bin. Besonders fiel es mir auf, wenn ich mit meinem Mann, der deutlich weniger trank als ich, solche hochtrabenden Gespräche führte. Und doch gestand ich‘s mir nicht so richtig ein und glaubte, ich müsste nur etwas kontrollierter trinken, um die richtige Mischung zu finden, die mich zur Philosophin machte.
    Heute denke ich völlig anders darüber und ich hab ja auch selbst im nüchternen Zustand den einen oder anderen Alkoholisierten beim Diskutieren beobachten können.
    Ich bin immer wieder darüber erstaunt, wie man sich selbst (auch ich!!!) etwas vormachen kann und wie blind man sein kann bei der Rechtfertigung, dass Alkohol konsumieren harmlos und gesund sei.
    Einen besonderen Vorzug meiner Abstinenz sehe ich u.a. darin, dass ich mich nicht mehr schämen muss, am vorherigen Abend irgendwelchen „Schwachsinn“ von mir gegeben zu haben, zu dem ich nüchtern nicht mehr so ganz stehen kann.

    Was den inneren Richter betrifft und ob ich da besondere Tricks und Kniffe kenne, muss ich etwas überlegen, denn ich wende da eigentlich gar nicht mehr bewusst so etwas an. Ich kenne und empfehle häufiger den Trick, den du schon kennst, nämlich: Sich vorzustellen, man würde mit seiner besten Freundin oder seinem besten Freund sprechen und somit letztlich auch in Verhandlungen mit dem strengen Richter treten. Das ist es vielleicht auch, was ich verinnerlicht habe.
    Mir hilft sonst auch sehr gut die Vorstellung vom „Inneren Team“. Hast du davon schon mal gehört?
    Und dann gibt’s da noch folgende Vorschläge, die ich in einem Buch, das ich mir vor einer Weile gekauft habe, gefunden habe:
    1. Sammeln Sie Kritikersätze, um ihn überhaupt erstmal kennenzulernen und seine Macht zu identifizieren.
    2. Geben Sie Ihrem Kritiker Widerworte, schneiden Sie ihm kurz und frech das Wort ab oder verbieten Sie ihm einfach den Mund.
    3. Identifizieren Sie alte Elternsätze und Elterngebote.
    4. Lernen Sie, schädliche und hilfreiche Kommentare des Kritikers zu unterscheiden.
    Ansonsten gibt’s noch Tricks den wohlwollenden inneren Begleiter aufzubauen und zu stärken.


    Innerliches und äußerliches Ausflippen kenne ich übrigens auch ziemlich gut. Wenn man immer die Klappe hält, sich zurückhält, immer lieb und freundlich ist, weil man‘s einfach sein muss, alle negativen Gefühle, allen Frust bei sich behält, dann platzt man irgendwann unkontrolliert. Geschah mir immer dann, wenn ich mich unberechtigt kritisiert fühlte oder mir etwas unberechtigt unterstellt wurde und der Speicher gerade voll war......
    In der Regel habe ich immer das Weite gesucht, bevor ich explodieren musste. Nur wenn man mich zwang zu bleiben, bekam man den Magmastrom ab...
    Anfassen? - FASS MICH NICHT AN! 8)

    Viele Grüße
    AmSee

    Nun, ich war nicht bei der Suchtberatung und ich nehme für mich auch nicht in Anspruch Suchtberaterin sein zu können.
    Wenn ich hier antworte, dann beruht das immer nur auf meinen Erfahrungen und Gedanken und dem, was ich mir an Wissen erarbeitet habe.
    Mir hat es sowohl beim erfolgreichen Aufhören mit dem Rauchen, beim Ausstieg aus dem Trinken und bei der Bewältigung meiner Erkrankung sehr geholfen, mich genau zu beobachten und in mich hineinzuhorchen. Das habe ich in meinem eigenen Faden auch so erzählt:


    Ich bin von der Raucherei schließlich dadurch weggekommen, dass ich mich immer wieder genau beobachtet habe und in mich hineingehorcht habe. Manches war mir zwar vom Verstand her klar, aber ich hatte meine Gefühle und mein Belohnungszentrum unterschätzt. Bei den ersten Aufhörversuchen hörte ich mehr oder minder aus Vernunftgründen auf, glaubte aber, etwas zu verlieren. Ich scheiterte dann in gewissen Situationen, weil da der innere Druck, die Situation zu bewältigen und dabei funktionieren zu müssen, unerträglich war. Heute brauche ich keine Zigarette mehr, will nicht mehr rauchen und kann fast nicht mehr nachvollziehen, wie ich mir das antun konnte.

    Was ich hier im Forum immer wieder spannend finde, ist, wie viele Ansätze es gibt und wie mal der eine mal der andere besser oder überhaupt funktioniert.
    Ich nehme nicht für mich in Anspruch das Allheilmittel gefunden zu haben, ich biete nur mein Wissen und meine Erfahrungen an. Wenn jemand etwas damit anfangen kann, gut, wenn nicht, auch gut.