Hallo Dialex,
du batest um klärende Gespräche.
Ich habe wirklich überlegt, ob ich dir noch schreiben soll, aber ich tu’s einfach mal. Wer weiß, wozu‘s gut ist?
Hast du dich schon mal näher mit einem solchen Forum wie diesem beschäftigt? Weißt du, wer da so aufschlägt und mit welchen Problemen?
Du hast dich von mir offensichtlich provoziert gefühlt. Etwas provokant war meine Antwort gewiss formuliert, aber das, was ich schrieb, war auf der Sachebene geschrieben, nicht auf der Beziehungsebene. Interessant und vielleicht sogar aufschlussreich ist, wie du meine Antwort verstanden hast.
Übrigens, woher hätte ich wissen sollen, was dein wirkliches Anliegen ist? In deiner Erstvorstellung habe ich davon nichts gefunden.
Damit du mich und meine Antwort etwas näher einschätzen kannst:
Ich bin w, 48 Jahre alt und habe die Alkoholkrankkeit etwa ab dem Alter von 5 Jahren recht intensiv bei meinem Vater, der immer und immer wieder rückfällig wurde (Krankhausaufenthalte, mehrere LZT) und schließlich, als ich 15 Jahre alt war, bei einem selbstverschuldeten Autounfall unter Alkohol- und Tabletteneinfluss im Alter von 43 Jahren starb. Das Leben in einer dysfunktionalen Familie hat mich nachhaltig geprägt. Ich habe zwar Abitur gemacht, studiert und erfolgreich einen guten Beruf ausgeübt, aber meine Vergangenheit hat mich schließlich eingeholt. Vor über zehn Jahren wurden bei mir mittelschwere Depressionen diagnostiziert. Die glaubte ich nach fünf Jahren ambulanter Therapie erfolgreich überwunden, aber ein halbes Jahr später brach alles über mir zusammen und ich musste stationär aufgenommen werden auf einer Station für Menschen mit Burnout und Depressionen. Dort blieb ich drei Monate, nach drei weiteren Monaten konnte ich meinen Beruf wiederaufnehmen. Zwei Jahre ging‘s mir gut, dachte ich, dann wurde im Sommer ´18 MS diagnostiziert und ein weiterer Schub führte zu monatelangen Schmerzen im ganzen Körper und zum erneuten massiven Ausbruch der Depression.
Zum Alkoholkonsum bin ich selbst im Jugendalter im Kontakt mit gleichaltrigen Jugendlichen gekommen. Bis vor einer Weile hielt ich meinen Konsum für normal. Bei Ausbruch meiner Depressionen und in der Zeit des Klinikaufenthalts und in den Monaten danach habe ich keinen Alkohol getrunken, es gab immer mal wieder Phasen der völligen Abstinenz. Doch irgendwie kam ich zum Alkohol zurück und schließlich begann mir mein Konsum allmählich zu entgleiten. Wie ich damit gerungen habe, weiterhin Alkohol trinken zu dürfen, kannst du meinem eigenen Faden entnehmen.
Durch die Auseinandersetzung mit den Antworten anderer hier, durch die Berichte anderer, Alkoholiker wie auch Angehöriger, begriff ich, was ich schon befürchtet hatte, aber nicht wahrhaben wollte: Ich bin psychisch vom Alkohol abhängig und muss daraus die Konsequenzen ziehen.
Ich finde es faszinierend, wie sich aus der Rückschau dann plötzlich eins zum anderen fügt und wie anders ich die Welt wahrnehme, seit ich für mich selbst begriffen habe, ein Alkoholproblem zu haben.
Du hattest den Eindruck, ich zitiere aus Fachliteratur und unterstelltest mir „über-therapiert“ zu sein. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, genauso wie ich vorher darüber nachgedacht habe, was ich antworte. Bin ich „über-therapiert“? - Keine Ahnung. Was bedeutet das überhaupt? Ich habe in meinem Leben sehr viel gesehen, schlimme Dinge, traurige Dinge, aber auch gute und schöne Dinge, habe viele verschiedene Bereiche menschlichen Lebens selbst durchlebt, viel auch durch andere gelernt und ja, ich bin seit über zehn Jahren wegen mittelschwerer bis schwerer Depression in psychotherapeutischer Behandlung. Ich werde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder in meinem Beruf oder irgendeinem anderen arbeiten können, ich werde wahrscheinlich niemals einer regelmäßigen ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen können, weil ich nie weiß, wie es mir am nächsten Tag geht, weil ich nur so für mein kleines Leben schauen kann, wie ich über die Runden komme. Ich habe ab und zu ganz miese Tage und Panikattacken. Doch ich jammere nicht, ich suche nach Lösungen und ich habe den Eindruck, dass die Therapie mich Stück für Stück weitergebracht hat. Ich lerne beständig hinzu. Bin ich jetzt „über-therapiert“? - Keine Ahnung? Zitiere ich aus Fachliteratur? - In meiner Antwort an dich jedenfalls nicht.
Ich bringe mich seit drei Monaten regelmäßig mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen in dieses Forum ein. Vielleicht kann ja der eine oder andere etwas damit anfangen. Wenn ja, gut, wenn nicht, auch gut.
Du und ich können uns über deine Ängste, über Rückfallgefährdung und Rückfälle austauschen, Erfahrungen habe ich wahrscheinlich genug. Für mich kommt es gewiss nicht mehr infrage, kontrolliert Alkohol zu trinken, dafür kenne ich mich gut genug. Möglich mag es gewiss sein, aber bislang habe ich hier im Forum von niemandem gelesen, dem es wirklich gelungen wäre, und auch sonst von niemandem gehört.
Hilft dir das weiter?
Vielleicht bin ICH ja auch die falsche Adresse für dich.
Viele Grüße
AmSee