Liebe Hanna,
auch ich möchte dich in unserer Online-Selbsthilfegruppe herzlich Willkommen heißen.
Wie gut, dass Gerchla dir mit seiner einfühlsamen Art schon etwas Entlastung schaffen konnte.
Auch ich möchte dir sagen, dass du nicht allein bist, und dass es sehr gut ist, dass du dir Hilfe gesucht hast. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie hilflos man sich als Angehörige fühlt, und wie leicht man sich in die Co-Abhängigkeit verstrickt aus Liebe und Verantwortungsgefühl.
Du hast wirklich für deine Schwester getan, was du nur konntest. Es ist das fürchterlich Traurige an der Sucht, dass nichts fruchtet, wenn der Süchtige nicht wirklich aussteigen will. Diese Erfahrung machen leider sehr, sehr, sehr viele Angehörige und es tut furchtbar weh und es macht auch wütend, mitanzusehen, wie der Mensch, dem man sich verbunden fühlt, sich sichtlich zugrunde richtet.
Ich selbst habe meinen Vater zugrunde gehen sehen, er wurde nur 43 Jahre alt. Die Zeit mit ihm hat meine Familie letztlich krank gemacht. Er hat immer wieder Versuche unternommen, der Sucht zu entkommen, aber aus irgendwelchen Gründen, die ich bis heute, 33 Jahre nach seinem Tod, nicht verstehen kann, ist er wieder und wieder und wieder abgestürzt.
Ich selbst, inzwischen Ende 40, bin schließlich alkoholabhängig geworden, begriffen habe ich das erst vor über acht Monaten und ich arbeite seither an meiner Trockenheit. Dazu gehört für mich auch, mich intensiv mit dieser Erkrankung zu beschäftigen und für MICH zu sorgen.
Deine Schwester zeigt keinerlei Anzeichen, dass sie mit dem Trinken aufhören will, und so, wie du sie schilderst, gibt es nichts, was du für sie tun kannst. Sie selbst lässt deine Hilfe auch gar nicht zu.
Daraus folgt, dass du letztlich wirklich nur für DICH sorgen kannst. Und du bemerkst ja selbst, was ihre Erkrankung mit dir macht.
Hilfreich ist da wirklich, sich mit anderen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder machen, auszutauschen. Das kann dir etwas Halt geben und es kann dir eine Hilfe sein, wenn du dich wieder in die Gedanken verstrickst, etwas tun zu müssen, und dabei Raubbau an dir selbst zu betreiben.
Gerchla spricht von „in Liebe loslassen“. Und da ist eine ganze Menge dran, so schwer das auch ist.
Ich selbst habe eine jüngere Schwester, ob sie bereits alkoholabhängig ist, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass sie und auch ihr Mann viel zu viel Alkohol trinken und ich weiß, dass sie ernsthafte Probleme hat. Gesund ist sie jedenfalls nicht. Besondere Sorgen mache ich mir in diesem Zusammenhang um ihre beiden Kinder. Ich liebe meine Schwester sehr und auch ihre beiden Kinder, aber sie stößt mich immer wieder von sich weg. Wie sie mit mir umgeht, tut mir furchtbar weh. Bislang hatte ich versucht, trotzdem für sie da zu sein, ich hab ihr auch gesagt, dass ich für sie da bin, wenn sie Hilfe braucht. Sie aber hat mir mehrfach deutlich gesagt, das sie meine Hilfe nicht will und nicht braucht.
Ich leide unter diesem Zustand, aber ich kann nichts tun. Besonders auch nicht, weil ich selbst krank bin, ich habe schwere Depressionen und MS.
Meine eigene Erkrankung hat mich aber auch gelehrt, dass ich für mich selbst sorgen muss und sogar darf. Ich habe eine Verantwortung für mich und ich habe inzwischen auch verinnerlicht, dass ich das wert bin. Ich bin durch das Leben in einer alkohohlkranken Familie innerlich sehr verletzt und geprägt worden. Auf mich selbst habe ich nie Rücksicht genommen, nicht Rücksicht nehmen können. Andere waren immer wichtiger als ich. Das hat schließlich dazu geführt, dass ich selbst schwer krank geworden bin.
Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen rate ich dir daher, für dich zu sorgen. Dazu gehört auch, mit deiner Schwester nur dann zu telefonieren, wenn du dich dazu in der Lage fühlst. Ich hab das für mich auch erst lernen müssen.
Wenn sie Hilfe braucht und annehmen möchte, wird sie sie gewiss von dir bekommen. Ob es dazu kommt? Wer weiß? Solange du ihr immer wieder abnimmst, was sie für sich tun sollte, wird sie nicht wirklich auf die Idee kommen, für sich selbst zu sorgen, aus verschiedenen Gründen.
Ihre Reaktionen auf deine Angebote sind mir von vielen anderen Erfahrungsberichten vertraut.
Was den Umgang mit Gefühlen betrifft, von dem Gerchla dir erzählt hat, kann ich auch noch etwas beitragen: Es hat seinen Grund, warum Gefühle auftreten. Nach meiner eigenen Erfahrung und Beobachtung wollen sie dir etwas mitteilen. Gefühle wegzudrängen oder als etwas Schlechtes abzutun, hilft nicht wirklich weiter. Unbeachtete, unbearbeitete Gefühle kommen irgendwo anders an die Oberfläche. Schlimmstenfalls kommt es zu Dissoziation und selbstverletzendem Verhalten.
Wut äußert sich zum Beispiel in Magenbeschwerden und anderswo. Ich hatte sehr oft Migräne, Rückenschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden.
Frag dich doch mal, was deine Wut dir mitteilen will und ob sie nicht vielleicht doch berechtigt ist.
Sie hat mit dem Gefühl von Ohnmacht und Enttäuschung zu tun, nicht wahr?
Frag dich, welchen Handlungsimpuls dein Gefühl Dir vorschlägt und ob dieser Handlungsimpuls angemessen ist. Wenn ja, gib ihm nach. Das kann Schreien im Wald sein oder mit einem geknoteten Handtuch aufs Bett einschlagen (da geht nix kaputt).
Sind es zwei Gefühle, die nicht gleichzeitig ausgelebt werden können, horch in dich hinein, welches das primäre Gefühl ist und gib dessen Handlungsimpuls nach, wenn er denn angemessen ist.
Gerne kannst du berichten, was funktioniert und was nicht. Davon können du und andere profitieren.
Wenn keine Zeit für ein Gefühl ist, verpacke ich das gedanklich in eine Schachtel oder eine Schublade und verspreche mir, meinem Inneren, dass ich mich damit beschäftige, wenn Zeit dafür ist. Das funktioniert bei mir inzwischen recht gut.
Herzliche Grüße
AmSee