Hallo Nina,
wieder erkenne ich mich in Vielem, was du von dir erzählst, wieder.
Ich habe ehrlich gesagt oft das Gefühl, ich trete auf der Stelle. Ich tappe so oft wieder in die alten Muster. Mir hilft es schon, das dann hinterher zu reflektieren, auch mit Anderen (Therapeutin, Partner), aber das verändert die Gefühle in der Situation nur sehr langsam. Es ist wirklich kein Scherz, wenn Therapeuten einem sagen, dass sowas Jahre dauert.
Ich kenne dieses Gefühl....
Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich häufig erst durch die anschließende Reflexion ein Stück weiter kam.
Wenn an der wissenschaftlichen Theorie der menschlichen Psyche wirklich was dran ist - und meine eigenen Erfahrungen widerlegen die Theorie nicht -, dann ist es auch kein Wunder, warum die Veränderung so schwer ist und Jahre dauert. Die gute Nachricht ist aber, es tut sich was!
Du sprichst von „Einfrieren“. Ich hab das anders kennengelernt. Bei mir war in bestimmten Situationen mein Verstand glasklar und der hat übernommen, Emotionen waren da herzlich wenig in mir zu spüren. Ich war nicht völlig emotionslos, aber aus der Rückschau kann das nur so ein Oberflächenprogramm gewesen sein. Die eigentlichen Emotionen kamen immer verspätet und zwar mit ungefähr drei Tagen Verspätung. Dann aber zuhause, alleine in der Stille, brachen die unvermittelt wie bei einem Vulkanausbruch aus mir heraus und überschwemmten und überforderten mich regelmäßig.
Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um daran etwas zu ändern. Mittlerweile ist es deutlich besser geworden und in der Regel bin ich auch gefühlsmäßig bei mir. Letztens hatte ich nochmals eine Situation (Trigger waren nicht meine Eltern), da kamen die Emotionen mit zwei Stunden Verspätung. Da hatte ich mich unabsichtlich überfordert. - Inzwischen weiß ich, was mich da getriggert hat, und habe neue Maßnahmen ergriffen, damit mir das nicht mehr passiert.
Ich kann deine Zerrissenheit gut nachvollziehen. Ich lese bei dir auch die Hoffnung heraus, dass deine Eltern doch nochmals so werden, wie du sie dir wünschst. Und jedes noch so kleine Zeichen nährt diese Hoffnung....
Alles, was du über dich erzählst, ist mir auch irgendwie so vertraut und es wird sehr wahrscheinlich noch mehr EKAs geben, denen es ähnlich geht.
Hast du dich schon mal umgesehen, ob es in deiner Gegend SHGs für EKAs gibt? Vielleicht wäre das was für dich?
Ich kann dir nur Mut machen, dich weiterhin auf dich zu besinnen, dich darin zu üben, „bei dir zu sein.“, dir deiner Grenzen bewusst zu werden und sie zu achten.
Was du bislang für dich tust, habe ich in ähnlicher Weise für mich getan. Nach meiner persönlichen Erfahrung waren das Schritte in die richtige Richtung.
Die Wahrscheinlichkeit, dass deine Eltern sich ändern und vom Alkohol Abstand nehmen, ist bei Allem, was du über sie erzählt hast, leider sehr gering. Es müsste sich in ihrem Denken bezüglich ihres Alkoholkonsums etwas verändern, es müsste ein Einsehen geschehen.
Ich selbst hab das bei mir nicht sehen wollen, hab das verharmlost, wurde ungehalten, wenn mein Mann mich auf meinen Konsum ansprach. ICH hatte das im Griff, glaubte ich.
Heute sehe ich das anders und meine Einstellung hat sich völlig geändert. Das lag aber daran, dass mir klar wurde, dass an meinem Konsum etwas nicht stimmte, und dass ich selbst mich ernsthaft mit meinem Problem auseinandersetzte.
DAS hätte mir niemand abnehmen können und ich hätte es als Bevormundung empfunden und abgelehnt, wenn sich da jemand - und hätte ich den noch so gern - eingemischt hätte.
Dass du Angst hast vor jedem Kontakt, kann ich nachvollziehen. Das ginge mir ähnlich. Ich habe das übrigens im Kontakt mit meiner Schwester noch immer, weil es mit ihr immer anders ist/war und ich häufig verletzt wurde. Ich wusste/weiß nie vorher, wie ich sie antreffe, und egal, was ich versuchte, wie viel Empathie und Entgegenkommen ich einsetzte, wenn sie wieder irgendwie merkwürdig drauf war, wurd‘s schmerzhaft für mich.
Du sprichst von dem Schmerz, der nie ganz weg geht.... Nein, er geht nie ganz weg. Doch du kannst lernen, damit zu leben, und lernen, das, was du für dich daraus gelernt hast, einzusetzen, du kannst lernen, ihn gewissermaßen zu einer deiner Stärken werden zu lassen. Ich habe mit meinem Therapeuten u.a. auch daran gearbeitet.
Herzliche Grüße
AmSee