Liebe Hanna,
vielen Dank für dein Mitgefühl mit mir. Ich denke, ich bin da inzwischen auf einem ziemlich guten Weg und das Leben nimmt ja nun einmal nicht immer die gerade Bahn, nicht wahr?
Entscheidend ist, was man für sich selbst daraus macht und dass man für sich selbst Verantwortung übernimmt. Ich selbst übernehme jedenfalls diese Verantwortung und interessiere mich für Lösungen, die zu MIR passen.
Du schreibst, dass du heute wieder irre hohen Blutdruck und Panikattacken hattest. Gab es dafür direkte Auslöser oder sind das verspätete Nachwirkungen von etwas?
Panikattacken sind mir vertraut, sie treten bei mir in der Regel auf, wenn ich eh schon recht angespannt bin und dann noch etwas oben drauf kommt.
Es gibt allerdings auch Trigger, die bei einer generalisierten Angststörung auftreten können. Bei solchen Menschen reicht zum Beispiel schon das Splittern von Glas.
Wie ist das bei dir?
Warum auch immer deine Schwester wieder dem Trinken angefangen hat, du musst wissen, wer trinken will, findet immer einen Grund. Und gerne wird die Schuld dafür dann anderen gegeben.
Das ist etwas, was sich in sehr vielen Erfahrungsberichten finden lässt.
Üblich ist übrigens auch, die wahre Menge zu verheimlichen.
Selbst wenn deine Schwester es in ihrem Leben schwerer hatte als du, kannst du das nicht dadurch wettmachen, dass du dich selbst „opferst“.
Was du über dich erzählst, klingt aber danach, dass du mehr von dir verlangst, als gesund für dich ist.
Du spürst, dass deine Depressionen wieder kommen und stellst sogar eine Verbindung zu der wieder auftretenden Alkohol-Erkrankung deiner Schwester her. Du fühlst dich gelähmt, schreibst du.
Ich sehe darin ein Zeichen: Deine Psyche spürt, dass du an deine Grenzen stößt und sie wehrt sich gegen die Überforderung. Denn egal, was du auch tust, deine Schwester lässt sich nicht helfen, sie weist dich sogar schroff ab und sie entscheidet sich für das Trinken.
Letztlich bist du ja auch gelähmt.
Ich hab selbst auch immer wieder gegen solche Windmühlen gekämpft. Erst, als ich Gelegenheit hatte, das mal von Außen zu betrachten, wurde mir bewusst, wie aussichtslos mein Kampf ist und warum mein Körper und meine Psyche mich schließlich gebremst haben.
Da erst konnte ich anfangen, mir das, was ich mir sozusagen auf die Schulter geladen hatte, von dieser herunter zu nehmen und ich konnte aufhören, gegen unüberwindliche Windmühlen anzukämpfen und anfangen, tatsächlich für mich zu sorgen.
Sich aus einer Verstrickung wie deiner zu lösen, geht nicht von jetzt auf gleich. Es hat ja schließlich auch eine ganze Weile gedauert, bis du da hineingeraten bist. Sich diesbezüglich Hilfe zu holen, ist völlig in Ordnung und sogar sinnvoll.
Dass du nun zu einer SHG vor Ort gehen willst, könnte tatsächlich so eine Hilfe sein. Vielleicht ergeben sich dadurch für dich auch noch weitere Möglichkeiten.
Du rufst deine Schwester täglich an, um dich zu versichern, dass sie nicht gefallen ist und hilflos in ihrer Wohnung liegt. Die Anrufe aber tun dir nicht wirklich gut.
Gibt’s keine anderen Möglichkeiten, wie gesichert werden könnte, dass deine Schwester Hilfe bekommen kann, falls sie fällt? - Meine Oma zum Beispiel, die trotz ihres Lungenkrebs bis zum Schluss in ihrer Wohnung leben konnte und auch ab und zu mal gefallen ist, hatte so einen Notfall-Knopf an einem Band um den Hals. Mit diesem konnte sie ggf. Hilfe rufen.
Hat deine Schwester einen Pflegegrad und somit Anspruch auf Hilfe?
Solche Dinge können angeleiert werden und ihr könnt euch diesbezüglich beraten lassen.
Wenn deine Schwester aber tatsächlich gar keine Hilfe will und sie noch in der Lage ist, einen freien Willen zu bilden, kannst du darüber unendlich traurig sein, aber letztlich nichts weiter tun, als auf für dich gesunden Abstand zu gehen.
In der Therapie habe ich den Unterschied gelernt zwischen Mitfühlen und Mitleiden. Mitfühlen ist in Ordnung, denn dann bleibe ich bei mir. Mitleiden gilt es zu vermeiden.
Herzliche Grüße
AmSee