Beiträge von AmSee13

    Nun hierzu auch noch meine Gedanken...


    Bei Neulingen sollte man glaube nicht so lange warten. Ich weiss noch, in der Suchtberatung hatte sie wohl aus Erfahrung die Sorge, das so ein Entschluss nicht lange hält, wenn man nicht sofort reagiert. "Halten Sie denn bis morgen durch?" - dann kanns oft schon vorbei sein.
    Ob dieses Forum hier überhaupt diesen Zweck erfüllen kann und sollte, stelle ich als Frage einfach mal so in den Raum, da ist das Andere vielleicht geeigneter, und ich sollte natürlich drüber schlafen können, klar. Das Problem ist, wenn man die Verantwortung völlig beim Andernen lässt, dann kann der ja auch in den Wald gehen, dazu sucht man sich im Normalfall ja keine Hilfe. Also das reine "Dein Problem" ist es nie. Man sagt ja den Leuten, dass sie Hilfe suchen sollen, und wenn sie schon wo fragen, so auf dem Zahnfleisch, dann wollen - und können - sie ja nicht erst ne Odysee machen.

    Ein Freund von mir sagt zu gewissen Dingen oder Angelegenheiten immer mal wieder, „Nice to have“, er meint damit, schön und gut, wenn es vorhanden ist, aber nicht unbedingt notwendig.
    Natürlich ist es gut und wünschenswert, dass ein Neuling hier zügig eine Antwort erhält, doch stellen sich dabei auch die Fragen, was machbar ist und welche Optionen ihm sonst noch offen stehen.

    Dieses Forum hier ist ein kleines, aber feines Forum. Es hat zwar viele Mitglieder, aber letztlich nur wenige sogenannte Aktivisten. Wenn du für dich das Gefühl hast, in eine Verantwortungsposition zu geraten, die du nicht füllen willst oder füllen kannst, dann läuft da etwas verkehrt.

    Dieses Forum ist eine Online-Selbsthilfegruppe und in dieser sollte es auch und gerade um dich gehen. Du solltest meines Erachtens hier finden, was DU für DICH brauchst, Selbsthilfe, und es sollte nicht dahin kommen, dass DU erfüllst und bedienst, was andere brauchen.

    Gewiss mag das Zeitfenster für einen Neuling ein kleines sein, aber grundsätzlich stehen ihm noch andere Möglichkeiten offen, wenn es ihm ernst ist. Das hier ist ein ziemlich niederschwelliges Angebot, weil es online und anonym ist, doch es gibt auch noch andere Online-Angebote und somit steht DU letztlich nicht wirklich in der Verantwortung in den anderen.

    In jenem anderen Forum zum Beispiel wird von den Alkoholikern für den offenen Bereich nur jemand freigeschaltet, der einen (möglichst ärztlich begleiteten) Entzug hinter sich hat, nüchtern ist und den Vorsatz hat, den Rest seines Lebens abstinent zu bleiben. Über kalten Entzug und kontrolliertes Trinken wird dort nicht diskutiert. Das hat dort gute Gründe und ich kann das Prinzip, das dahinter steht, gut nachvollziehen und auch mittragen. Es geht dort um Fordern und Fördern.

    Vom Prinzip kann jeder „in den Wald gehen“, das ist richtig, bis er das aber tatsächlich tut, geschieht eine ganze Menge und am Ende ist es eine Entscheidung, die er allein für sich trifft und die er sich dann auch nicht nehmen lassen will. - Ich habe mich mit diesem Thema, weil es mich selbst eine Weile beschäftigt hat - sehr viel auseinandergesetzt.

    Was Selbsthilfe bei Alkoholikern betrifft, hast du gewiss und definitiv mehr Erfahrung als ich, aber ich sehe das Ganze aus einer etwas anderen Perspektive und da spielen meine berufliche Ausbildung und Erfahrung, meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen im Umgang mit meinen eigenen Krankheiten und denen in meiner Familie und schließlich meine Erfahrungen und Beobachtungen in diesem und dem anderen Forum eine Rolle.

    Wem‘s wirklich ernst ist, der ist grundsätzlich in der Lage, sich hier UND anderswo Hilfe zu holen und es geschieht ja auch. Natürlich tut das gut, wenn man hier zügig eine Antwort erhält, aber das hier ist keine solche Suchtberatung, wie sie ja durchaus vor Ort aufgesucht werden kann und wo tatsächlich jemand mit entsprechender Ausbildung stundenweise vor Ort ist. Ich sehe die Verantwortung daher nicht bei mir und erfülle sie deshalb auch nicht, sondern ich antworte, wenn ich dazu gerade Zeit habe, mich angesprochen fühle, mir etwas dazu einfällt und ich mich grundsätzlich dazu in der Lage fühle.


    Zitat


    Kennst Du eigentlich das Sponsorentum bei AA? Das ist so eine Art Beelterung, wenn ich mir überlege, wie sich das Bild bei mir anfühlt. Ab nem gewissen Alter ist die Verantwortung ja auch als Entwicklungsstufe völlig normal. Vielleicht auch ab ner gewissen Trockenzeit oder Reifegrad, das war ja auch noch mal eine Art Emanzipation, ein Ablösungsprozess, eine Art zweites Erwachsenwerden.

    Ich habe davon gehört, ja, aber keine eigenen Erfahrungen damit gemacht. Das Prinzip scheint grundsätzlich interessant und hilfreich zu sein, ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass das mitunter auch überfordert. Nächtliche Anrufe meines Schützlings und so weiter wären für mich jedenfalls definitiv nichts.

    Was dir die Begleitung anderer auf ihrem Weg bedeutet und die positiven Spuren, die du hinterlassen hast, kann ich ganz gut nachvollziehen.

    Soweit erstmal meine Gedanken.

    Liebe Grüße
    AmSee

    Guten Morgen, @Orangina13 ,
    freue mich, dass du in den Dialog hier einsteigst. Schön, von dir zu lesen. :)

    Kann mit dem, was du schreibst, auch gut etwas für mich anfangen.
    In die rationale Distanz zu kommen, wenn ich emotional mal wieder in etwas drin stecke, tut auch mir gut. Nicht, dass dann der Verstand wieder so übernimmt wie früher, der Verstand, der keinen Zugang zu meinen Gefühlen hat, sondern ich meine die Perspektive, das mal nach Außen treten und von Außen betrachten. DAS empfinde ich mitunter als sehr hilfreich.
    Nicht, „Ich bin klein, traurig und mit Allem überfordert.“, sondern „Ich bzw. ein Teil von mir empfindet, dass er traurig, klein und mit Allem überfordert ist.“ Allein diese Formulierung lässt mich mitunter den notwendigen Abstand gewinnen, um mich nicht in meinen Emotionen zu verlieren.

    Liebe Grüße
    AmSee

    Guten Morgen, Susanne,
    ich bin sehr gerührt von deiner Antwort und ich danke dir, dass du dir darüber Gedanken gemacht hast und sie mir mitteilst. Und wieder bietet sich ein interessantes Gespräch an. Lächel.


    Du gibst mit Deinen Fragen dem Gegenüber Gelegenheit zum reden, ohne Druck, wie ich das sinngemäss verstanden habe, dann weisst Du, wie das hier gemeint ist.

    So habe ich das gemeint, ja. Und ich denke zu wissen, wie deine Antwort gemeint ist, und nehme den Dialog gerne auf.

    Zitat


    Könnte man an dem Tag mit Dir Witze reissen?

    Ja, klar, auch wenn ich traurig bin, geht das Leben doch irgendwie weiter, warum also nicht auch über einer guten Witz lachen?

    Bei mir war das mit der Familie anders, als du das bei dir erlebt hast. Ich erzähle mal ein bisschen von mir. Ich hatte ja nach dem Tod meines Vaters meine Familie verlassen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich dort nicht überleben würde. So wohnte ich erst bei einer anderen Frau und bin schließlich in ein Heim für Jugendliche umgezogen, die nicht mehr in ihrer Familie wohnen konnten. In der Zeit hatte ich so gut wie keinen Kontakt nach Hause.
    Zum Abitur hin und erst recht zu Beginn meines Studiums näherten wir uns wieder einander an und es wurde ein recht gutes Verhältnis. Etwas schwieriger wurde es wieder, als meine Mutter an Depressionen erkrankte. Ich übernahm da teilweise auch wieder die Rolle der Verantwortung, sorgte dafür, dass sie in eine Klinik ging, informierte mich über mögliche Medikamente und so weiter. Lernte aber irgendwann, meine Mutter einfach machen zu lassen. Wir haben viele, viele gute Gespräche geführt und sie war, wann immer ich sie brauchte, für mich da.
    Als ich dann selbst an Depressionen erkrankte und damit diese Krankheit von Innen kennenlernte, verstand ich mit einem Mal, was mit meiner Mutter war. Das hat unser Verhältnis zueinander noch weiter verändert. Mit einem Mal verstanden wir einander, da musste nichts mehr erklärt werden.
    Sie war schließlich ganz in die Nähe meiner Schwester gezogen, um ihren Enkeln nahe zu sein. Wenn’s wieder schlimm wurde mit ihrer Depression, kümmerte sich meine Schwester auf ihre Weise.
    Und dann kam nach einer Bypass-Operation in der Reha der Schlaganfall, der sie linksseitig völlig lähmte und zum Pflegefall machte. Weder meine Schwester noch ich hätten sie bei sich zuhause aufnehmen und pflegen können, so blieb meiner Mutter und auch uns nichts anderes übrig, als sie im Heim unterzubringen. Meine Schwester und meine Mutter entschieden, dass es ein Heim ganz in der Nähe meiner Schwester sein sollte.
    Der Zustand meiner Mutter war nicht gut, sie war voll bei Verstand und litt ganz fürchterlich unter ihrem neuen Zustand. Oft hat sie mich angefleht, ich solle sie doch mit zu mir nach Hause mitnehmen. Doch das ging nicht und ich hätte meiner Schwester, auch wenn die oft genug klagte, meine Mutter nicht wegnehmen können und dürfen.
    Lange Zeit litt ich darunter, weil ich glaubte, mehr für meine Mutter tun zu können und zu müssen. Eine Weile habe ich versucht, auch aus meinen 220 Kilometer Entfernung irgendwie für sie da zu sein, doch das ließ sich nicht aufrechterhalten und überforderte mich auch. Irgendwann akzeptierte ich, dass meine Mutter und meine Schwester so entschieden hatten, wie es war, und ich damit aus der Verantwortung tatsächlich raus war.
    Die Besuche bei meiner Mutter im Altenheim waren trotzdem sehr schwer für mich. Ich kämpfte trotz allem immer innerlich mit den Gefühlen von Scham, Hilflosigkeit und Ohnmacht und mit einer Form von Wut. Es hätte mehr für meine Mutter getan werden können.
    Ich habe sie sehr geliebt und ich hab sie in den letzten Jahren endlich verstehen können.
    Als ihre Zeit gekommen war, war ich darauf vorbereitet und ich bin zu ihr gefahren, um bei ihr zu sein und ihr den endgültigen Abschied zu erleichtern. Sie sollte in Frieden gehen können. Ich versicherte ihr, dass alles in Ordnung, alles geklärt ist und versicherte sie meiner Liebe. Sie schlief ein und entschlief im Laufe des nächsten Morgens.

    Ungelöste Probleme oder offene Rechnungen gibt es zwischen uns nicht mehr. Was wir klären konnten, haben wir geklärt.
    Ich rede tatsächlich manchmal mit ihr, aber es sind keine Streitgespräche, sondern ich erzähle ihr, was mir so durch den Kopf geht. Gestern habe ich mich mit dem letzten Bild von ihr, auf dem sie mich anstrahlt, es ist an ihrem letzten Geburtstag entstanden, vor eine Kerze gesetzt und mit ihr geredet. Hab ihr erzählt, wie es mir geht und so weiter. Das hat mir tatsächlich gut getan und es war irgendwie feierlich und würdig.

    Virtuelle Umarmungen empfinde ich nicht als übergriffig. Ich fühle, was dahinter steht, und nehme es dankbar an.

    Im September, genau einen Monat vor meinem Geburtstag, jährt sich ihr erster Todestag.
    Ich traure mit allem Drum und Dran, mit körperlichen Empfindungen, mit Tränen. Ich vermisse sie sehr und weiß zugleich, dass ihre Zeit einfach gekommen war und ich gehen lassen musste und auch konnte.
    Ich hoffe tatsächlich, dass wir uns eines Tages nach meinem Tod wiederbegegnen.

    Wenn solche Anlässe wie Tod und Beerdigung geschehen, sind wir in meiner kleinen Familie tatsächlich mal wirklich füreinander da. Emotional stocknüchtern geht’s da nicht ab, sondern ziemlich offen, ehrlich und auch emphatisch. Ansonsten ist das Verhältnis zwischen meiner Schwester und mir kein besonders gutes. Sie hat mich irgendwie aus ihrem Leben ausgeschlossen, erwartet unausgesprochen aber, dass ich mich ab und zu, nach ihr und ihrer Familie erkundige. Nach mir fragt sie nie und will da, so mein Eindruck, auch gar nichts von mir hören. Statusmeldungen bei WA guckt sie sich an, schreibt aber nie etwas dazu.

    Emotional war das für mich also gestern kein normaler Tag. Ich wusste vorher nicht, wie es mir gehen würde, war aber darauf vorbereitet, dass es mir nicht so gut gehen könnte. Ich wollte ihren Geburtstag irgendwie feierlich begehen, hatte zunächst aber keine zündende Idee. Meine Schwester hätte ich besucht, aber die hatte keine Zeit. Mein Mann ist gerade mit Motorrad und Zelt in Deutschland unterwegs - hab ihn selbst dazu ermutigt, weil ihm das richtig gut tut. Was also tun?
    Gestern stellte sich dann heraus, dass ich meine Gedanken und Gefühle mit jemandem teilen möchte, der sie kannte und mich versteht. Glücklicherweise hatte mein bester Freund, der mich vor einem Jahr auch zu meiner Mutter begleitet hat, weil ich die Fahrt dorthin alleine nicht mehr bewältigen konnte, Zeit für mich. Wir haben über alles Mögliche geredet u.a. auch über meine Mutter und meine Gefühle für sie. Es war gut für mich, dass er Zeit für mich hatte und ich nicht allein war. Die Zeit verging wie im Fluge und mir war leicht ums Herz, als ich wieder abfuhr.

    Das war jetzt ziemlich viel, aber vielleicht lernst du mich dadurch tatsächlich, wie gewünscht, etwas besser kennen.

    Liebe Grüße
    AmSee

    Oder hört sich das arg schräg an?

    Nur kurz (kann heute Abend nicht mehr. Heute wäre meine Mutter 75 Jahre alt geworden, es ging mir nicht gut heute, hab meinen besten Freund besucht, das hat mir gut getan, aber ich bin nun auch geschafft für heute.):

    Nein, hört sich für mich überhaupt nicht schräg an.
    Freut mich, dass das „Museum“ auch bei dir gut angekommen ist.

    LG AmSee


    ... ich bin das überhaupt nicht gewöhnt, dass man in der Kommunikation auch mal was liegen lassen kann. Und über nichts wird so gemosert, wie wenn nicht gleich die Antwort kommt.

    Das sollte hier aber anders sein.
    Auch, wenn ich zum Beispiel ziemlich schnell antworte, erwarte ich überhaupt nicht, dass mein Gegenüber gleich antwortet. Es sei denn, ich kenne das so von ihm oder ihr, dann kommt es vor, dass ich mal nachfrage, weil ich verstehen möchte.

    Mach also ganz so, wie es dir grad passt. Hier läuft nix weg...


    Moin Britt, ich hab immer sofort dahintergeguckt (doch instinktiv), wenn es um Machtverhältnisse ging und wenn mir nicht wegen mir selbst geholfen werden sollte, sondern darum mich an irgendwas anzupassen, was den Interessen Anderer diente. Oder wenn mir jemand was verkaufen wolte, was ich nicht wollte etc. Lehrer, die einfach nur wegen der Durchsetzung ihrer Autorität was wollten, aber mich nicht überzeugen konnten, keine Chance bei mir. Und diese ganzen Manipulationsdiskussionen habe ich eben da in den Verhören meiner Mutter und auch dann in diesem Jugendverein bereits geführt, und da war immer ich die, die vorn dran war.

    Auch da kommt mir was bekannt vor....
    Wenn ich von etwas nicht überzeugt war oder überzeugt werden konnte, hatte das auch bei mir keine Chance.

    Na, hier ist ja wieder was los. Grins.
    @ichso , Danke für deine Einschätzung. Ja, so fühlt es sich bei mir auch an. Tatsächlich „ich“ zu sein, bei mir zu sein, authentisch ist zu sein, ist mir sehr, sehr wichtig. Anders würde ich‘s nicht haben wollen und auch nicht aushalten. Wenn ich nicht hinter dem stehen würde, was ich schreibe, könnte ich nicht schreiben. Ich muss etwas erst rational und emotional begriffen haben, bevor ich mich äußere.

    Susanne
    Und wieder ist’s interessant, dich zu lesen. Hab bei nicht wenig, was du geschrieben hast, zustimmend genickt, nach dem Motto, kenne ich oder sehe ich auch so.
    Im Gegensatz zu dir habe ich viel Zeit, die ich füllen darf, wie’s mir gerade beliebt.
    Interessante Gespräche reizen mich eigentlich immer, es sei denn... naja, muss ich nicht näher ausführen.

    Eine solche Intelligenz-Bestie wie du war ich als Schülerin nicht oder zumindest trat ich nicht als solche in Erscheinung. Intelligent zweifellos, vielfältig begabt, viel zu „erwachsen“ für mein Alter, aber in der Schule eher still und bemüht darum, nicht aufzufallen.

    Ein Lehrer meinte mal sinngemäß zu mir, „Aus dir wird mal was ganz Großes.“ Hat mich lange Zeit beschäftigt, was ich denn werden sollte, um solchen Ansprüchen zu genügen. Hab sogar mal mit einer Klassenkameradin darüber diskutiert, was ich denn tun könnte, um einem solchen Anspruch zu genügen.
    Hat mich letztlich belastet, diese Anerkennung meines Lehrers, und auch überfordert. Hätte ich Botschafterin für die Bundesrepublik Deutschland werden sollen?

    Leichter gemacht hat es mir gewiss keiner meiner Lehrer. Obwohl sie teilweise wussten, was bei mir zuhause abging - dass z.B. mein Vater gestorben ist und ich danach nicht mehr zuhause wohnte und noch ein paar Mal umzog, haben sie gewiss mitgekriegt, es waren ja sogar Mitschüler und ein Lehrer von mir bei der Beerdigung - hat mich bis auf meinen alten Lateinlehrer niemals irgendjemand angesprochen, niemand mir Hilfe oder Unterstützung angeboten. Und ich wiederum bin auch nicht auf die Idee gekommen, mal jemand in meiner Schule anzusprechen.

    Ich musste dann nach der Schule einen anderen Weg gehen und habe ein Studium gewählt, um meine eigenen Fragen zu beantworten und um einer „Lehre“, die man mir in den Kopf gepflanzt hatte, von der ich aber das Gefühl hatte, dass daran etwas wesentlich und existentiell falsch ist, etwas entgegenzusetzen. Aus diesem Studium ergab sich dann ein Beruf, der gewiss nicht verkehrt war und den ich auch richtig gut gemacht habe, der mir aber erstens nicht die Berühmtheit verschaffte, die dem entsprach, was mein Lehrer mal über mich gesagt hatte, und der letztlich so gestaltet war, dass ich mit meinen Ansprüchen an mich selbst und meinen Prägungen, ausbrennen und kaputt gehen musste.


    Ich gehöre auch zu den sogenannten hochsensiblen Menschen, war mir dessen aber, bis ich schließlich richtig krank wurde, nicht bewusst, und ich bin auch so ein „zu viel“. Ich bin bunt, ziemlich bunt. Das ist mitunter eine ziemliche Herausforderung, doch inzwischen akzeptiere ich das und lerne beständig hinzu, damit besser umzugehen. Es zu wissen, hilft mir, wenn ich nicht so bunten oder aber ebenso bunten Menschen begegne. Es zu wissen, hilft mir, besser auf mich und meine Bedürfnisse und Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Ich verzweifle nicht mehr, wenn das „Fass“ mal wieder zu voll geworden ist, zwinge mich nicht mehr zu irgendetwas, wenn das „Fass“ gerade voll ist, bemühe mich grundsätzlich darum, das dass „Fass“ nicht mehr so voll wird und überläuft.


    Tja, und in den Wirrren des Erwachsenwerdens war ich auch überfordert und hilflos. Grade so Beziehungsanbahnung, vor mir hatten ja gleich alle Angst. Als da in mir so Gefühle aufstiegen, da wusste ich überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte. Da hilft nämlich die Genialität nix, da bräuchte man Instinkte. Aber jeder dachte ja, ich bin so intelligent, das muss ich doch wissen. Wie ja überhaupt immer ich alles wissen musste. Dabei wusste aber niemand so genau wie ich, das ich eben doch nicht alles weiss.

    Oh ja, kommt mir ziiiieeemlich bekannt vor. Eine Frau, bei der ich kurze Zeit wohnte, verlangte da von mir mal eine Antwort, als ich zum ersten Mal in meinem Leben verliebt war. Mann, was war ich da überfordert! Was und wie hätte ich darauf antworten sollen? Dummerweise hatte ich mich auch noch in jemand verliebt, der 17 Jahre älter war als ich und er sich merkwürdigerweise auch. Ich war 15 Jahre alt damals....
    Ich konnte doch grundsätzlich nicht mit Gefühlen umgehen, Gefühle waren gefährlich, Gefühle wurden verdrängt, allein im Verstand suchte ich meinen Halt. Und dann verliebe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben und dann auch nicht in einen Gleichaltrigen, sondern einen erwachsenen Mann. Ich wusste doch gar nicht, wie mir geschah, geschweige denn, wie ich damit umgehen sollte.
    Ich blieb damals allein mit meinem Problem. Da war niemand, mit dem ich darüber reden konnte. Der Jugend-Therapeut, zu dem man mich damals zwang, hinzugehen, sagte nur: „Dieser Mann ist zu alt für dich, such dir gleichaltrige Freunde.“ - Na toll, Danke für diesen Hinweis. Wusste ich damals schon, dass ein Mann, der 17 Jahre älter ist als ich, eigentlich zu alt für mich ist und in seiner Entwicklung und Lebenserfahrung mir weit voraus. Händchen halten war für mich das höchste, zu dem ich in der Lage war, und er träumte schon von Sex.... Hilfe! - Es ist auch nie dazu gekommen. Als ich ins Heim umzog, lernte ich endlich wirklich Gleichaltrige kennen und die nahmen mich unter ihre Fittiche. Von ihnen habe ich unendlich viel gelernt, für das ich ihnen noch heute dankbar bin, allerdings auch den ungesunden Umgang mit Alkohol.

    Mir war eigentlich immer bewusst, dass ich nicht alles weiß. Sokrates‘ Spruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ begleitet mich schon mein ganzes Leben.


    Viele Grüße
    AmSee


    Und das bringt mich zum letzten Teil deines Postings: Ich habe meinen jüngeren Anteilen am Anfang der Erkenntnis auch oft sachlich die Jahreszahl hingehalten. Schnell habe ich es wieder gelassen. Angemessen ist ja nicht so mein Ding. Und ich fühle mich auch viel lebendiger, wenn ich z.B. mit den Hausaufgabenkindern (mal kurz) laut quitsche: OMG! Wie süss ist das denn?? ;)

    Das mit den Jahreszahlen ist bei mir ganz neu, ich mache seit wenigen Wochen erst meine Erfahrungen damit und es sind bislang recht positive Erfahrungen. Überhaupt ist mir ja erst neu, mit meinen Inneren Anteilen in Dialog zu treten, ja, sie überhaupt erst zu identifizieren und kennenzulernen.

    Die „Kleine“, der ich letztens begegnet bin, hatte das ganze Drama erst noch vor sich, fühlte aber aufgrund entsprechender Erfahrungen schon ziemliche Angst und Überforderung. In der geführten Meditation hieß es, ich solle sie mit nach oben nehmen. Zunächst war ich skeptisch, ob das überhaupt richtig ist. Ich hab mich dann darauf eingelassen, wissend, dass ich jederzeit die Kontrolle habe. Und es war eine gute Erfahrung. Die „Kleine“ erfuhr so zwar, dass ihre Ängste berechtigt waren und es sogar noch schlimmer kam, als sie befürchtet hatte, aber das Wissen und der Trost, den sie von meinem „Erwachsenen Ich“ bekam, half ihr und tat ihr irgendwie gut. Sie ist jetzt bei mir und tatsächlich hilft ihr das und damit auch mir.

    Viele Grüße
    AmSee

    Hallo ichso,
    mit dem sogenannten „Helfersyndrom“ beschäftige ich mich auch schon eine Weile. Früher hatte ich das tatsächlich mal, heute treibt mich das eigentlich nicht mehr an.

    Was ist eigentlich ein „Helfersyndrom“ und aus welchem Bedürfnis handelt jemand, der ein solches befriedigen muss? - Früher nahm ich Menschen in Not wahr und MUSSTE ihnen einfach „helfen“. Ich fühlte mich für alles und jedes verantwortlich.

    Das ist inzwischen vorbei. Ich wende mich Menschen inzwischen nicht mehr zu, weil ich es MUSS, sondern weil‘s mich gerade interessiert, weil ich gerade Zeit habe, weil mir gerade eine Antwort einfällt.
    Wenn’s ihnen hilft, gut, dann freue ich mich natürlich für sie, wenn sie nichts mit dem anfangen können, was ich ihnen antworte, auch gut. Das berührt mich nicht mehr besonders, es sei denn ich werde irgendwie angegriffen. Keine Antwort kümmert mich auch nicht mehr so.

    Meine Perspektive hat sich geändert. Ich bin tatsächlich endlich auf dem Weg, Selbstwert und Selbstliebe ganz aus mir allein zu schöpfen und nicht mehr aus der Bestätigung und Wertschätzung von Außen. Bis dahin war es ein langer Weg und ich bin da auch längst nicht am Ende. Doch es fühlt sich schon jetzt ziemlich gut an.

    Auf dem anderen Weg habe ich versucht, ein Loch zu füllen, was sich nicht füllen lässt. Inzwischen - das habe ich auch Orangina13 so geantwortet, versuche ich nicht mehr, dieses Loch zu füllen. Es ist da, es ist ein Teil von mir und ich bemühe mich, diesen Teil als Teil von mir anzunehmen und entsprechend damit umzugehen.


    Liebe Grüße
    AmSee

    Zum Thema „Beratung“ bzw. „psychologische Beratung“:

    Ich habe das beruflich tatsächlich eine Weile gemacht und hab diesbezüglich auch eine Ausbildung genossen, aber das war keine Ausbildung zur „Therapeutin“.
    Hier im Forum aber mache ich keine „Beratung“ im eigentlichen Sinne. Das ist hier nicht der Ort und das Setting für solche „Beratung“, denn es ist ein Laienforum, in dem Betroffene anderen Betroffenen mit ihren eigenen Erfahrungen und ihren Kenntnissen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben versuchen. Es ist auch nicht meine Aufgabe und meine Rolle hier, solche „Beratung“ anzubieten, wie ich das gelernt habe.

    Ich habe im Laufe meiner Ausbildung ganz gut gelernt, Rollen zu trennen. Hier bin ich als selbst Betroffene unterwegs und antworte anderen Betroffenen völlig anders, als ich das als „Beraterin“ täte. Das in der Ausbildung erworbene Wissen nutze ich natürlich für mich selbst und es fließt gewiss auch hier und da mal in meine Antworten mit ein, aber „Beratung“ ist das nicht und auch keine „Hilftstherapie“.

    Guten Morgen, Susanne,
    da bin ich wieder.

    Ich hab den Eindruck, ich muss da mal was klarstellen. Ich antworte dir nicht, weil ich mich als eine Art „Hilfstherapeutin“ sehe - dazu hab ich gestern Abend schon etwas geschrieben - oder gar um ein Thema mit dir zu bearbeiten, sondern ich biete mich sozusagen als Gesprächspartnerin an, weil es mich interessiert, mich mit dir auszutauschen. Die Gespräche mit dir sind mitunter ziemlich interessant und anspruchsvoll, das reizt mich einfach.
    Manchmal wird es mir zu viel, wenn ich das Gefühl habe, in einen Schlagabtausch oder eine Verteidigungsposition zu geraten, weil ich eine andere Sprache zu sprechen scheine als mein Gegenüber, bei dem eventuell irgendwelche Verletzungen oder Prägung vorhanden sind, die ich nicht erwartet habe und irgendwie auch nicht verstehe.

    Ja, ich möchte dich gerne etwas besser verstehen, weil es mich reizt, mich mit dir zu unterhalten.

    Verstehe ich das richtig, dass mein Nachfragen dich an die „Verhöre“ deiner Mutter erinnert?
    Wenn ich bei etwas nachfrage, dann weil es mich interessiert, weil ich besser zu verstehen oder zumindest nachzuvollziehen versuche. Für mich gehört das in einen Dialog dazu, wenn ich nicht verstehe oder nachvollziehen kann, wie soll das Gespräch denn dann weiterlaufen? - „Problemlöserin“, ja das bin ich irgendwie auch und zwar schon gewesen, seit ich denken kann. Mich interessiert nicht das Problem an sich, sondern die Lösungen, die sich anbieten. Ich wage von mir zu behaupten, dass ich lösungsorientiert bin. Gute, machbare Lösungen zu finden, setzt bei mir positive Energien frei.

    Wenn du auf eine meiner Nachfragen keine Antwort weißt oder nicht antworten möchtest, musst du darauf gar nicht antworten.

    In manchen deiner Antworten auf meine Frage finde ich mich übrigens selbst wieder.


    ... mir gar die Hilfstherapeutin spielen.

    „Hilfstherapeutin“, lächel, nee echt nicht. ;) Gehört sowieso nicht hierher, kein Auftrag, keine entsprechende Ausbildung meinerseits und im Übrigen will ich das auch gar nicht.

    Ich werd dir noch antworten, aber nicht mehr heute. Hatte echt schönen Besuch, bin danach aber nur noch kaputt und müde, da „fließt“ nicht mehr viel.

    Grüße
    AmSee

    Guten Morgen, Susanne,
    ich lass dir mal ein paar Gedanken da. Gerne können wir’s übrigens so machen, wie wir gerade Zeit haben. Definitiv kein Druck bzw. Erwartung einer umgehenden Antwort.

    Was du über dich erzählt hast, ist sehr aufschlussreich für mich.
    Anders als ich bist du zwar in einem „stabilen“ Elternhaus aufgewachsen, mit ganz klaren Regeln, aber letztlich in einer Umgebung, die für die gesunde Entwicklung eines Kindes ziemlich feindlich war.
    Diese Umgebung hat dich immens geprägt und innerlich nicht gerade wenig verletzt.

    Sie erklärt deine „Härte“.
    Sie erklärt mir nicht gänzlich, warum du immer wieder in eine Rolle der Verantwortung gerätst, die du eigentlich gar nicht willst.
    Hier im Forum zum Beispiel bist du eine der ersten, die antwortet, und du antwortest viel. Zweifellos offenbarst du in deinen Antworten eine große Fachkompetenz.
    Doch, wie du schriebst, fühlt es sich bei dir teilweise so an, als hätte deine Platte einen Sprung. Ich frage mich, was dich antreibt, dennoch immer wieder „deine Platte“ spielen. - Ist es der Spruch deiner Großmutter und was dahinter steht, der dich irgendwie antreibt?


    Ich frage mich, welches Bedürfnis bei dir dahinter steht, das (nochmals? - du hast da so eine Erwähnung gemacht) aufzuschreiben und zu teilen.
    Möchtest du, dass wir (ich?) dich besser verstehen können, besser nachvollziehen können, warum du so bist, wie du bist?

    Ich frage mich auch, was es nun mit dir macht, es nochmals zu erzählen. Hat die Platte für dich auch hier einen Sprung?

    Möchtest du dich weiter über dieses Thema austauschen oder hast du eher Lust auf andere Themen, die dich derzeit interessieren?


    Viele Grüße
    AmSee

    In der Tat hast du einen anderen Werdegang gehabt als ich, meine Eltern waren tatsächlich anders als deine.

    Durchkämpfen musste ich mich trotzdem immer alleine und irgendwie war das auch selbstverständlich für mich, hab auch nicht um Hilfe gebeten. Keine Ahnung, warum. Weil ich keine bekommen hätte? Weil überdeutlich war, dass meine Eltern zu sehr mit sich selbst und ihren Problemen beschäftigt waren? Weil ich so rücksichtsvoll war, meine Eltern nicht noch zusätzlich mit meinen „Problemchen“ zu belasten?

    Geschlagen hab ich mich nie. Hat man mir frühzeitig abgewöhnt. „Sowas macht ein Mädchen nicht.“ „Denk daran, dass du stärker bist als deine kleine Schwester, du darfst sie nicht schlagen.“ Ich hab sie nie geschlagen, aber sie hat trotzdem geschrien, als wenn ich es hätte, und ich hab immer Ärger bekommen. Durchschaut hat meine Mutter das Spielchen meiner Schwester erst, als diese Jahre später vor meiner Mutter zu schreien anfing, obwohl meine Mutter ihr nichts getan hatte. Da war ich aber schon längst aus dem Haus.
    Wenn ich gewollt hätte, hatte ich mich prügeln können, stark genug wäre ich dafür gewesen, aber ich sah das nicht als Weg oder Möglichkeit für mich. Ich war jahrelang eine der Größten in jener Klasse und hab auch bei meinem Vater auf dem Bau mitgearbeitet, aber mich mit jemandem zu schlagen, hätte meine Situation in jener Schule auch nicht besser gemacht. Stattdessen bin ich anderen aus dem Weg gegangen und hab geschwiegen.

    Da du von sich nicht verstecken sprichst. Ich hab‘s echt versucht, aber irgendwie fiel ich immer auf. Sei es wegen meiner Körpergröße, sei es, wie ich redete. Ich wirkte ja so erwachsen....


    In jeder fremden Stadt werde ich von wildfremden Leuten angespochen, die annehmen, dass ich mich auskenne.

    Kommt mir ziiieemlich bekannt vor. ;)
    Ich muss außerdem noch so ein Schild auf der Stirn kleben haben: „Mir können Sie Ihre Probleme anvertrauen.“ oder „Brauchen Sie Hilfe?“ Ich muss da irgendwas an mir haben.

    In der Zeit, in der es mir richtig schlecht ging, hatte ich allerdings Ruhe. Zum einen, weil ich das Haus nicht verließ oder Menschenansammlungen und die Stadt allgemein mied, zum anderen, weil ich nur noch auf den Boden starrte, weil ich es anders nicht mehr ertragen konnte.

    In der Klinik sagte mir jemand, dem ich erzählte, dass ich gar nicht gesehen werden möchte: „Du fällst aber auf!“

    Hallo Susanne,
    kann dir gut folgen. Ja, ein Austausch könnte für uns beide durchaus interessant sein.

    Aufgeblasenes Ego kenne ich selbst nicht so von mir, auch nicht im alkoholisierten Zustand, ein Guru-Typ war ich (leider ;)) nie. Ich war immer zu anders und aufgrund meiner Angst vor weiteren Verletzungen zurückhaltend und auf Anpassung bedacht. Möglichst nicht auffallen, dann bemerkt dich keiner und dir tut auch keiner weh.
    Ich hab auf das, was mir widerfahren ist, anders reagiert als du, ich kam aber mit meiner Art und aufgrund meines Familienhintergrundes in keiner der neuen Klassen, in die ich aufgrund mehrerer Umzüge meiner Eltern geriet, an. In der dritten Klasse hatte das zum Beispiel damit zu tun, dass wir in einer ziemlich katholischen Gegend wohnten, meine Eltern aber unter der falschen Formel geheiratet hatten und wir demzufolge „Bastarde“ waren, mit denen, wie ich Jahre später erfuhr, mindestens ein Vater, Diakon in jener Gemeinde !, den Umgang verboten. An der weiterführenden Schule wurde ich von Mitschülern häufiger schikaniert, kommt leider in nicht so gut geführten Klassen vor.
    Ich hab deshalb die Einsamkeit gesucht, hab viel gelesen, war viel alleine spazierend und Rad fahrend in jener Gegend unterwegs.


    Ja, Alkoholismus ist eine hässliche Krankheit, das sehe ich wie du. „Härte“ und ggf. Provokation liegt mir trotzdem nicht und ich nehme auch wahr, dass sie nicht immer das rechte Mittel sind. Das bedeutet nicht, dass keine klaren Ansagen gemacht werden dürfen. In jenem - Du weißt schon - Forum werden klare Ansagen gemacht, mit angetrunkenen Nutzern wird nicht diskutiert, wer Alkoholiker ist, sich aber nicht dazu bekennt und beabsichtigt, den Rest seines Lebens abstinent sein zu wollen, wird nicht für den offenen Bereich freigeschaltet. Ich kann nachvollziehen, welchen Hintergrund das hat, und ich stehe grundsätzlich auch dahinter. Allerdings hätte ich selbst vor zehn Monaten keine Chance in jenem Forum gehabt.
    Hier in diesem Forum läuft das anders ab und ich finde das ok so. Beide Foren haben ihren ganz eigenen Reiz.

    Was das Wahrnehmen von Schwierigkeiten betrifft, so hat sich da bei mir irgendwie etwas verändert. Natürlich nehme ich Schwierigkeiten und mögliche Schwierigkeiten noch immer ziemlich gut wahr, aber mein Blick hat sich sehr viel mehr für Möglichkeiten, Chancen und Allgemein eine positive Betrachtungsweise geändert, weil ich mich stets bemühe, das Positive, was mir in meinem Leben oder auch im Leben von anderen begegnet, bewusst wahrzunehmen.
    Die große Welt da draußen finde ich mitunter zum Koxxen, was da zum Teil abgeht, macht mich traurig und fertig, deshalb schütze ich mich davor, lasse es nicht zu nah an mich herankommen und gehe auf notwendige Distanz. Informiert bin ich dennoch, denn auf dem einen oder anderen Weg bekommt man trotzdem noch ziemlich gut mit, was so abgeht.
    Für mich ist der bekannte Gelassenheitsspruch immer wichtiger geworden und, da ich (evangelisch) gläubig bin - nach einer kurzen atheistischen Phase - , bitte ich regelmäßig um diese Gelassenheit, diesen Mut und diese Weisheit.

    Keine Angst zu haben „ins Klo zu langen“ habe ich inzwischen anderweitig bei einem anderen privaten Thema gelernt. Nicht, dass ich da „hart“ wäre oder provokativ, nein, ich nutze mein Wissen, meine Erfahrungen, knallharte Fakten und meine Formulierungskompetenz und setze diese gegen ein ganz bestimmtes Arxxxxoch ein, um mich gegen ihn zu wehren und den Druck, den er macht, zurückzugeben. Früher hätte ich das nicht gekonnt, aber positiv durfte ich in den vergangenen Monaten bemerken, dass mein Kopf viel klarer und strukturierter ist, als noch zu Zeiten, als ich regelmäßig Alkohol getrunken habe. Früher musste ich Alkohol trinken, um das, was in meinem Kopf ist, überhaupt rausbringen zu können. Nicht, weil ich körperlich abhängig war, sondern weil das Chaos in meinem Kopf und das Hin und Her meiner Gedanken so überwältigend war, dass Alkohol da etwas Ruhe und Gelassenheit reinbrachte. Eine fürchterliche Zeit!
    Die Möglichkeiten, die ich heute im völlig nüchternen Zustand habe, sind einfach fantastisch. Und ich kann hinter allem stehen, was ich schreibe. Sehr angenehmes Gefühl!

    Grüße
    AmSee

    Hallo ichso,
    dann will ich deinem Wunsch mal nachkommen und dir hier in deinem Faden antworten.

    Ich hab gerade gelesen, was @Orangina13 dir in ihrem Faden geantwortet hat. Sie hat dort ganz gute Worte für das gefunden, was auch ich bei dir wahrnehme. Du wirkst auf mich entspannter, gelassener, offener.

    Bipolar zu sein ist meines Wissens nach nochmal eine größere Hausnummer als „nur“ depressiv zu sein. Die Tiefs sind schon nicht einfach, aber das andere Extrem habe ich zu meiner Erleichterung nur kurze Zeit erleben und fürchten müssen. Von daher kann ich nachvollziehen, was du meinst:


    Bei "ist der Ruf erst ruiniert" bin ich als Bipolare eher mal auf der Bremse.

    Ich hoffe, es kommt aber dennoch bei dir an, dass du dich wegen deines Handicaps nicht klein fühlen musst und „verschnupft“ sein musst. Es ist, wie es ist, Hauptsache, wir schaffen es, uns selbst zu lieben und zu akzeptieren und wenn’s zuweilen auch nur ein klitzekleines Bisschen ist.
    Natürlich würde ich liebend gern auf meine Handicaps (Depression und MS) verzichten, aber die Zeiten, in denen ich mich dafür geschämt habe, sind vorbei.
    Ich versuche mein Bestes aus meiner Lage zu machen und dazu gehört manchmal eben auch, meine Handicaps mit einem gewissen Humor zu nehmen.

    Liebe Grüße
    AmSee


    Es geht nicht um Stützstrümpfe, es geht darum, dass MenschInnen in Schubladen gesteckt werden, die evtl. altersbedingte Leiden haben.

    Ok, offenbar triggert dich da etwas.
    „Schubladen“ sehe ich an dieser Stelle nicht so. Ehrlich gesagt, das „Stecken in eine Schublade“ hätte ich persönlich eher in deinem Beitrag oben gesehen. Da sieht man mal wieder, wie wichtig der offene, gelassene Dialog ist und gegebenenfalls eine Rückfrage.

    Was die „Stützstrümpfe“ betrifft, so war und ist das für mich zum Beispiel ein humorvolles Beispiel für Themen, die u.U. gerade bei uns anliegen. Krankheitsbedingt habe ich zum Beispiel eine Behinderung, die mich am „normalen“ Leben nicht mehr so teilnehmen lässt, wie früher. Warum nicht in einem gewissen Rahmen mit gewissen Menschen, die’s interessiert, sich mit etwas fröhlichem Humor über Hilfsmittel austauschen, die uns das Leben erleichtern? Auch das kann einem selbst die Sache mit seinem Handicap etwas erleichtern. Wem das dann „too much“ ist, kann das ja kundtun, auch das kann eine Diskussion oder Sichtweise bereichern.

    Was die Spaltung in unserer Gesellschaft betrifft, so sehe ich das auch mit wachsendem Unwohlsein. Ich bitte nur zu bedenken: Es könnte sein, dass du mit deinem „Gegenwind“ Menschen triffst und verletzt, die in dieser Richtung gar nicht unterwegs waren. Daraus kann dann etwas entstehen, dass du gar nicht beabsichtigt hattest.