ich hab anders aufgehört als Du.
Zuerst fiel der Entschluss ganz alleine nachts im Bett.
Und für mich war es von Anfang an klar, wenn ich aufhöre, dann fange ich, zumindest so weit es reicht, nicht mehr damit an. Dafür hatte ich überhaupt niemanden gefragt. Klar, natürlich auch keine Entgiftung, sondern einfach nichts mehr getrunken, basta. Und hinterher drüber mosern bringt sowieso nichts.
So Themen wie Kontrollverlust und die ganze Theorie waren bei mir dafür gar nicht wichtig. Ich könnte mich bis heute fragen, ob ich jemals Kontrollverlust hatte, denn ich wollte mich ja bewusst besaufen, wenn ich das eben wollte. Hab ich in meinem Leben überhaupt jemals mehr getrunken, als insgeheim geplant? ich weiss es gar nicht mehr wirklich. Ich wusste nur, jetzt reichts mir.
Ist das denn letztlich so wichtig, dass es Unterschiede gibt, wie wir aufgehört haben?
Ich war längst noch nicht an den Punkt gelangt, an dem du warst. Als wir uns vor einem Jahr geschrieben haben, habe ich eine ganze Reihe von Ähnlichkeiten entdeckt und das hat mir geholfen, mich nicht länger selbst zu täuschen.
Sensibilisiert worden für die Problematik, Alkoholikerin zu sein, war ich ein paar Jahr vorher, als mir ein Mitpatient aus der Klinik, mit dem ich mich angefreundet hatte und selbst Alkoholiker war. Da hab ich das weit von mir gewiesen. Wie bitte? Ich Alkoholikerin? Nee, ich muss nicht trinken und, wenn ich trinke, dann nicht sooo viel.
Doch er hatte mich nachdenklich gemacht.
Ich hab über das Thema sogar mit meinem Arzt gesprochen, sah meinen Konsum aber lediglich als möglicherweise riskant.
Du sprichst den „Kontrollverlust“ an. - Was ist denn genau damit gemeint? - Bei mir verhielt es sich ähnlich, wie du das von dir beschreibst. Ich hab so viel getrunken, wie ich insgeheim wirklich wollte. Nur ein Glas zu trinken, hab ich mir lediglich aus Vernunftgründen vorgenommen, weil‘s ja immer hieß, dass mehr als ein Glas für eine Frau ungesund sei. Ehrlich, hab ich bei mir so nicht wahrgenommen. Ich hab ne Flasche Rotwein am Abend weggehauen und am nächsten Tag nix gemerkt, fühlte mich gesund.
Ich MUSSTE nicht trinken, ich konnte Pausen einlegen, ich konnte mir ein bestimmte Menge vornehmen und dann aufhören. Wenn’s mir reichte, hab ich aufgehört.
Dann aber kam es 2020 bei Vorbereitungen für Geburtstagsfeste u.ä. bei uns mehrfach vor, dass ich den Pegel, bei dem ich meine Tätigkeiten gut und leicht verrichten konnte, überschritt und statt Leichtigkeit nur noch Erschöpfung und Müdigkeit verspürte.
Inzwischen weiß ich, dass sogar wissenschaftlich untersucht worden ist und festgestellt worden ist, dass der Pegel, der als angenehm empfunden wird, nicht gehalten werden kann, selbst wenn die entsprechende Alkoholkonzentration im Blut genau eingehalten wird.
Ich wollte diese Leichtigkeit, ich brauchte diese Leichtigkeit, aber sie war immer sooooo flüchtig....
Vom Prinzip hab ich also die Kontrolle wohl nie wirklich verloren und dennoch: Was ich da in jenem Jahr und eigentlich schon im Jahr davor so nach und nach an mir beobachtete, beunruhigte mich zunehmend. Ich weiß gar nicht, wie oft ich diesen Online-Test zur Einschätzung meines Alkoholkonsums durchgeführt habe.
Ich hab das schon ein paar Jahre mit mir auszumachen versucht. Zwischendurch hatte ich das Thema sogar mal mit meinem Mann besprochen und das anschließend bitter bereut, weil der mich danach jedes Mal, wenn ich was trank, dafür - unberechtigt wie ich fand - kritisierte.
Tja, was genau ist an dem Punkt, an dem ich war, schon „Kontrollverlust“? - Als ich vor einem Jahr aufhören konnte, mich selbst zu täuschen, wurde mir klar, dass ich dabei war, die Kontrolle wirklich zu verlieren.
Ja, ich hatte noch die Wahl, im Gegensatz zu denen, die diese nicht mehr haben und trinken MÜSSEN.
Doch spielt das für mich und das Verständnis meiner eigenen Alkoholabhängigkeit keine Rolle.
Mir ist bewusst geworden, dass ich mich davon abhängig gemacht hab und dass es für mich nur noch einen Weg gibt: Keinen Alkohol mehr konsumieren.
Auf die Idee zur „Suchtberatung“ zu gehen, bin ich nicht gekommen. Da hin zu gehen, wäre ja ein Eingeständnis meinerseits gewesen.
Meine „Suchtberatung“ war tatsächlich dieses Forum hier.
Grüße
AmSee