Das Lachen kommt bei mir spontan, wenn ich den Witz erst erklären muss, ist es keiner mehr.
Ich hatte schon so eine Ahnung, worin da der Witz für dich liegt. Nur ging’s mir mit dem Video etwas anders. Bin da etwas zwiegespalten. Das hat mehrere Gründe.
Bei mir war es so, so lange ich uneingeschränkt Drogen konsumieren oder Saufen wollte, war ich mir mir selbst durchaus im Reinen. Mir hat es auch lange nichts ausgemacht, abgefuckt rumzulaufen, weil Spiesser bei uns einfach ein Schimpfwort war. Das Verbotene, das Bürgerschreckhafte, hatte ja erst mal was von einem Gegenentwurf. Das ging ja nur schief, weil mich der Gegenentwurf selbst ruinierte.
Ich war ja ebenfalls mit mir im Reinen und ich betrachte es eben auch so, dass es zu MEINEM Weg und MEINER Entwicklung irgendwie dazu gehörte, wobei ich ziemlich froh bin, nicht auch noch auf Drogen gekommen zu sein.
Das hat ja auch etwas mit Abgrenzung und seinen eigenen Weg Finden zu tun.
Zu Gegenentwurf und Spießer: Erinnerst du dich an diese köstliche Werbung mit Ingo Naujoks, in dem die Tochter sagt, „Wenn ich groß bin, möchte ich auch Spießer werden.“?
Musste dabei an einen lateinischen Spruch denken, der hier zwar nicht so richtig zutrifft, weil es um Erwachsene und nicht um Kinder geht, aber vielleicht ist nachvollziehbar, warum mir in diesem Zusammenhang dieser Spruch eingefallen ist. … Wann beginnen wir eigentlich wirklich, „Erwachsene“ zu sein?
ich hab mich bis heute noch nie damit beschäftigt, erwachsen sein zu wollen. Ich wollte 18 werden, damit mir meine Eltern nichts mehr vorschreiben konnten, ansonsten hätte es gerne so bleiben können. Darüber hinaus handle ich ziemlich hedonistisch und auch egoistisch, ich denke durchaus über die Konsequenzen meines Handelns nach, aber ich mache eigentlich nichts, weil "man es so macht". Meine stärkste Triebkraft ist immer noch, wie ich bei dem fühle, was ich mache.
Ich hab mich schon als 15-Jährige damit beschäftigt, erwachsen sein zu wollen. Ich litt so sehr unter unserer Familiensituation und darunter, nicht da raus kommen zu können, und ich litt unter meiner schulischen Situation mit meinen Mitschülern, aus der es ebenfalls kein Entkommen gab.
Ich erinnere mich an ein Gespräch kurz vor oder nach dem Tod meines Vaters, in dem ich sagte, dass ich das, was da in den nächsten Jahren noch vor mir liegt, am liebsten überspringen würde und gleich Anfang 40 sein wollte. Irgendwie verband ich damals wohl die Vorstellung damit, mit Anfang 40 aus allem/ dem Schlimmsten raus zu sein.
Als ich mit dem Saufen aufgehört hab, hatte ich sogar das Gefühl, ich brauch den Alkohol auch deswegen, weil ich im Normalleben schon zu erwachsen und kontrolliert bin, mir das aber gar nicht entspricht und ich das auch nicht sein will. Ich wollte es lernen, auch nüchtern wieder unernster und kindischer zu werden. Für mich war klar, ich lebe im Suff einen Teil von mir aus, den ich mich nüchtern nicht traue, weil ich nüchtern auch so ein komisches Selbstbild hatte, wie so ne Führungskraft und ein intelligenter Mensch zu sein hätte.
Im Nachhinein betrachtet hab ich u.a. auch deswegen getrunken, weil auch ich unter Alkoholeinfluss etwas ausleben konnte, was ich nüchtern nicht konnte, und weil ich Entspannung fand und der Innere Druck nachließ.
Ich wollte zwar erwachsen sein, die Kontrolle haben, den Überblick, alles richtig machen usw., zugleich hat mich mein Leben aber auch mächtig gefordert und überfordert. Dass es mich dermaßen überfordert hat, hat - das weiß ich heute und ich kenne sie inzwischen - mit den Ego-States zu tun, die sich aufgrund verschiedener traumatischer Erfahrungen in meiner Kindheit und Jugend in mir ergeben haben. Irgendetwas hat eigentlich immer getriggert und den einen oder anderen Ego-State an die Oberfläche geholt.
Unter Alkoholeinfluss lief nach meinem persönlichen Eindruck so Manches leichter. Bis es dann eben in der Zeit, bevor ich mich hier angemeldet habe, gekippt ist.
Dadurch, dass ich in der Therapie nun endlich das eine oder andere aufarbeiten darf, erlebe ich ein ganz neues Gefühl des Erwachsen-Seins. Schwer das zu beschreiben. Ich habe das Gefühl, endlich wirklich die Kontrolle haben, all das sein zu können, was ich schon immer wollte, das ausleben zu können, was ich eigentlich schon immer wollte, und meinen verletzten Ego-States das geben zu können, was sie wirklich brauchen. Es fühlt sich gut an, was jetzt möglich ist.
Letztens erst kam heraus, dass und warum ich mich eigentlich immer falsch gefühlt habe. Seit das herausgekommen ist, hat sich etwas in mir verändert und das gefällt mir sehr.
Inzwischen sehe ich das mit dem Erwachsen-Werden etwas differenzierter. Und mir geht’s dabei nicht darum, etwas zu tun, „weil man es so macht“. Das mache ich sowieso nicht, weil das, was „man so macht“ nicht unbedingt immer das Richtige oder Angemessene ist. Mein Vater brachte gerne diesen Spruch: „Tausende Fliegen können nicht irren, Scheiße ist gut.“
Ich tue das, was MIR und meinen Prinzipien, Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. Das ist eine ganz eigene Mischung aus Hedonismus, gesundem Egoismus und stoischer Ethik sowie christlichen Werten und Prinzipien.
Das, was hinter mir liegt, war eben Teil meines Weges und meiner Entwicklung. Und der Blödsinn, den ICH angestellt habe, hat mich auch nicht gerade wenig gelehrt, Schmerzhaftes, aber auch Humoriges.
Grüße
AmSee