Hallo Benutzername 44,
zunächst erstmal herzlich Willkommen in dieser Online-Selbsthilfegruppe. :welcome:
Kurz zu mir: Ich bin Ende 40, Erwachsene Tochter eines Alkoholikers (EKA), bin als Erwachsene selbst alkoholabhängig geworden und seit bald 1 1/2 Jahren trocken.
Ich weiß nicht was ich machen soll, um mich selbst zu schützen. Mir gehts oft schlecht deswegen. Was soll ich nur machen? Ich will auch diese ganzen negativen Empfindungen nicht empfinden. Ich bin echt ratlos.
Diese unterschiedlichen Gefühle, die du schilderst, sind auch mir wohl vertraut. Ebenso der Wunsch bzw. das Bedürfnis, sich schützen zu wollen, wie auch das schlechte Gewissen.
Zunächst einmal möchte ich dir sagen, dass an dir gar nichts verkehrt ist, auch wenn ein Teil von dir das vielleicht glauben mag. Diese negativen Empfindungen sind völlig in Ordnung und haben durchaus ihre Berechtigung, denn deine Mutter verhält sich nicht, wie man das von einem mündigen Erwachsenen, der eigentlich für sein eigenes Leben verantwortlich ist, erwarten sollte. Und sie ist dir in deiner Kindheit und Jugend nicht unbedingt immer die Mutter gewesen, die du und dein Bruder gebraucht hättet.
Ein Teil von dir ist sich dessen bewusst, dass da etwas nicht richtig ist, und hat sich früher dagegen gewehrt und wehrt sich auch noch heute.
Im Prinzip ist dir - so vermute ich aufgrund deiner Schilderung - das passiert, was vielen EKAs widerfahren ist. Es hat eine Art von Rollenumkehr stattgefunden, deine Mutter war nicht diejenige, die die Verantwortung übernommen hat, sondern du, das Kind, hast die Verantwortung übernommen. Aus deinen Zeilen lese ich heraus, dass du dir immer wieder von dir abverlangst, liebevolles Verständnis für deine Mutter zu haben. Im Prinzip das, was eine gute Mutter ihrem Kind entgegenbringt.
Gewiss ist deine Mutter krank, aber das entschuldigt eigentlich nicht, dass sie nicht selbst die Verantwortung für sich und für ihr Leben übernimmt. Du hast ganz richtig erkannt, dass du ihr das nicht abnehmen kannst.
Von daher darfst du durchaus wütend auf sie sein. Deine Mutter ist diejenige, die etwas ändern könnte, aber bislang ist sie ihrer Verantwortung für sich selbst offenbar nicht nachgekommen. Dass sie‘s nicht getan hat, liegt NICHT in deiner Verantwortung. Es ist IHR Leben und IHRE Verantwortung und jedes Mal, wenn sie zum Alkohol greift, trifft sie letztlich eine Entscheidung.
Ich schreibe dir das deshalb, weil wir Kinder aus alkoholkranker Familie uns sehr häufig schon von klein an in eine Verantwortung hinein entwickeln, die eigentlich nicht unsere ist und die uns völlig überfordert.
Da findet eine Prägung statt, die uns auch als Erwachsenen häufig das Leben schwer macht.
Auch wenn deine Mutter es nicht leicht in ihrem Leben hatte, so liegt es dennoch in IHRER Verantwortung jetzt als Erwachsene für sich zu sorgen.
In meinen Augen ist sie schwach, verlogen, heuchlerisch, egoistisch und einiges mehr.
Da ist ein Teil von dir, der richtig, richtig wütend auf deine Mutter ist. Und warum solltest du das denn nicht denken dürfen? Du hast sie doch beim Lügen erwischt, oder? Und handelt sie letztlich nicht egoistisch, wenn sie wieder Alkohol trinkt?
Gewiss hat es seine Gründe, warum sie in die Abhängigkeit hineingerutscht ist, und das ist eben die andere Seite, die du zum Teil auch kennst und weshalb ein anderer Teil von dir (tiefes) Mitgefühl für sie hat, aber - ich wiederhole mich - einem Teil von dir ist ziemlich bewusst, dass das nicht DEIN Problem ist.
Du fragst dich, was du tun kannst, um dich zu schützen. Das Wichtigste überhaupt ist, dass du dich um DICH und DEINE EIGENEN Bedürfnisse kümmerst. Wenn du nicht mit deiner Mutter reden möchtest, musst du das nicht. Kümmere dich eher um das, was DIR gut tun könnte. Dazu gehört meines Erachtens auch, dass du dir selbst deine negativen Empfindungen zugestehst und ihnen den Raum lässt, der ihnen zusteht. Im Grunde sind diese Empfindungen nämlich eigentlich gar nichts Schlechtes, sondern dienen eigentlich nur DEINEM Schutz.
Du darfst deine Mutter lieben und zugleich richtig wütend auf sie sein. Nur sie selbst kann etwas gegen IHRE Krankheit tun. Wenn sie das nicht tut, ist das IHRE Entscheidung, so traurig das auch ist. Zwingen kannst du sie dazu nicht. Mancher Alkoholiker schafft es heraus, wenn er seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht hat, mancher schafft es leider nicht.
Es ist immer schlimm, das mitanzusehen, aber das einzige, was man als Angehöriger dann tun kann, ist für sich selbst zu sorgen.
Ich hoffe, das hilft dir etwas weiter. Wenn du weitere Fragen hast, nur heraus damit.
Viele Grüße
AmSee