Hallo habssatt,
Danke dir, dass du etwas mehr über dich schreibst, so kann zumindest ich mir eine genauere Vorstellung von dir machen und von dem, was dich so umtreibt.
Dass du das Projekt nun wegen verschiedener Stressfaktoren, die gerade anstehen, abgeblasen hast, klingt für mich danach, dass du dich zwar mit den Entzugsmedikamenten näher beschäftigt hast, weniger aber mit dem restlichen Drumherum.
Wie sehr solche „Kleinigkeiten“, wie du sie aufzählst, jemanden mit Depressionen überfordern können, weiß ich selbst krankheitsbedingt leider nur zu gut. Umso mehr aber frage ich mich, warum du dich mit deinem „ambulanten“ Entzug derart überforderst.
Nun war ich selbst nicht wegen eines Entzugs in der Klinik, sondern wegen Depressionen, die bei mir VOR dem Alkohol kamen, aber ich erinnere mich gut an den Schutz der sogenannten „Käseglocke“, den ich damals als ungeheuer hilfreich kennenlernte. Die Klinik selbst war nicht so besonders dolle und ich würde, falls das nochmals notwendig werden sollte, gewiss eine andere wählen, aber sie hat mir zu jenem bestimmten Zeitpunkt das Leben gerettet.
Ich empfinde es so dass eine Entgiftung nur möglich ist wenn alle Grundvoraussetzung wenigstens halbwegs in Ordnung sind.
Das ist ja der Vorteil der „Käseglocke“ eines Klinikaufenthalts, er sorgt für die notwendigen Grundvoraussetzungen.
Zum Entzug: Der körperliche Entzug ist das eine, viel interessanter, weil schwieriger, ist aber der psychische Entzug und genau dafür scheinen dir derzeit noch tragfähige Bewältigungsstrategien zu fehlen. Das würde jedenfalls erklären, weshalb dein Vorhaben zum zweiten Mal gescheitert ist. Und wenn du daran nicht wirklich etwas änderst, dürfte dein nächstes Vorhaben ab Mittwoch wieder auf ziemlich wackligen Beinen stehen.
Als ich vor über 20 Monaten meine Alkoholabhängigkeit erkannte und mit dem Trinken aufhörte, habe ich so Manches, was ich in all der Zeit, seit ich diese Depressionserkrankung habe, gelernt habe, zur Bewältigung nutzen können.
Du hast zwar den „Honeymoon“ des ersten Abstinenztages erlebt und überstanden, aber der allein hat noch nicht gereicht, um die auftretenden teilweise voraussehbaren „Kleinigkeiten“ zu überstehen.
Darf ich dich fragen, wie sich das für dich anfühlt, dass du dein Vorhaben auch dieses Mal nicht umsetzen konntest? Setzt dir das zu oder bist du erleichtert, dich heute nochmals mit Alkohol „beruhigen“ zu dürfen?
Beides dürfte nicht sonderlich gut für dich sein, weil es dich behindert.
Wie wäre es, wenn du dieses Mal einen anderen Weg gehst?
Da du dich eh von deiner Psychiaterin wegen „Depressionen“ hast krankschreiben lassen, könntest du mit ihr auch über einen Weg sprechen, ohne ein „Coming out“ einen Klinikaufenthalt auf dich nehmen zu können.
Und wegen „Coming out“: Denk mal darüber nach, dass du, wenn du bei deiner Arbeit wegen „Depressionen“ ausfällst, für deinen Arbeitgeber u.U. weitaus unberechenbarer bist, als wenn du das eigentliche Problem offenlegst.
Das heißt nicht, dass ich dir unbedingt zum „Coming out“ rate, das kannst letztlich nur du selbst ermessen, ob dir das Probleme einbringt oder deine Situation möglicherweise erleichtert.
Ich weiß nur, dass es reichlich Probleme einbringen kann, wenn man sein Alkoholproblem nicht in den Griff bekommt und der Arbeitgeber zufällig Wind davon bekommt.
Du kannst hier von Menschen lesen, die auf ein „Coming out“ überraschend positive Rückmeldungen bekommen haben.
Vielleicht prüfst du für dich diese Option einfach mal?
Die Beunruhigung wegen Diazepam kann ich wirklich verstehen, aber ich nehme das Zeug nur deswegen weil ich nicht Tiaprid sonstwie hochdosieren möchte. Denn in den Nebenwirkungen des Beipackzettels steht dass es den Herzrhythmus verändern kann und ich habe wirklich eine Phobie gegenüber speziell diesem Effekt, der natürlich auch während einer Entgiftung auftreten kann.
Wenn ich das richtig verstehe, hast du über genau diese Ängste nicht mit deiner Psychiaterin geredet. Genau das wäre aber wichtig für dich gewesen. In den sieben Jahren seit ich Medikamente nehmen muss, habe ich erlebt, wie mein Psychiater insbesondere dann, wenn ein Wechsel oder ein zusätzliches Medikament infrage kam, immer wieder die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Medikamenten abklärt und mit mir bespricht. Nun magst du dich etwas näher eingelesen haben, aber ich frage mich, warum du dich diesbezüglich nicht mit ihr, die schließlich eine Fachfrau für diese Dinge ist, besprichst und ihrer Kompetenz vertraust.
Gerade weil du alkoholabhängig bist, würde ich das Abhängigkeitspotential von Diazepam nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wenn das in einer Klinik so gemacht wird, ist das dennoch etwas anderes, als wenn du das zuhause auf Eigeninitiative machst und dann auch noch auf Zeugs vom Schwarzmarkt zurückgreifst. Ich kann ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, warum du ein derartiges Risiko eingehst, insbesondere da du sonst so reflektiert zu sein scheinst.
Wenn ich abstinent bin und auch wieder arbeite würde ich gerne hier wieder schreiben und berichten dürfen. Dass der Alltag überhaupt nicht einfach sein wird ist mir vollkommen klar. Die ganzen Assoziationen Arbeit > Feierabendbier sind wie eingefräste Automatismen. Und wie ist es mit im Sommer Freunde treffen? Wenn die dann alle eine Flaschenbier trinken? Natürlich wird das überhaupt nicht einfach.
Hauptproblem für mich ist der Umgang mit seelisch/psychisch stressigen Situationen. Auf die Arbeit beschränkt ist das noch halbwegs erträglich (obwohl ich mir da einen sehr krassen Job mit sozialen Interaktionen ausgesucht habe), aber selbst Besuche bei den mittlerweise greisen Eltern sind im Moment kaum vorstellbar ohne abends ein paar Glas Wein zu trinken.
Wie gut ein Leben ohne Alkohol laufen kann, hast du ja schon einmal erlebt, daher hast du schon eine Ahnung, worauf du dich freuen kannst. Du kannst hier gerne wieder schreiben. Auf deine Fragen können wir dir gewiss ein paar weiterhelfende Antworten geben.
Ich selbst bin inzwischen 20 Monate abstinent und bin mit meinem Alltag meistens (krankheitsbedingt manchmal nicht) ziemlich zufrieden. Alkohol spielt in meinem Leben überhaupt keine Rolle mehr und er fehlt mir auch ganz und gar nicht.
Wenn bei dir Depressionen die sekundäre Diagnose ist, dann dürfte für dich möglicherweise sogar die Aussicht bestehen, dass die im Laufe deiner Abstinenz weniger werden oder sogar ganz verschwinden. Ich würd‘s dir wünschen.
Zum Besuch einer SHG: Natürlich solltest du da nicht angetrunken aufschlagen, aber ich denke schon, dass du dich da hintrauen darfst. Überleg dir mal, was für eine überaus wertvolle Ressource du dir entgegen lässt, wenn du nicht hingehst.
Beste Grüße und gute Besserung
AmSee