Lieber Just4Fun,
du fragst, warum man nicht auf das „vegane“ Schnitzel zurückgreifen sollte.
Die Sache ist die: Bist du nach etwas hinterher, das dem Original, das du so gerne mochtest, möglichst nahe kommt, oder gehst du auf Entdeckungsreise nach neuen, bislang unbekannten, aber durchaus bereichernden Möglichkeiten.
Wenn du dem „Original“ hinterher läufst und es nachzuahmen versuchst, so stellt sich die Frage, was der Vergleich, der wohl kaum ausbleibt, mit DIR macht und ob dir das wirklich gut tut. Kinderpunsch schmeckt, wie du geschrieben hast, nicht so geil wie Glühwein mit Rum. Wie fühlt sich das an, nicht das zu bekommen, was du so gerne mochtest?
Ich hab mich ja nun aus eigenem Interesse etwas näher mit der Neurobiologie der Sucht beschäftigt. Es ist offenbar nicht nur der Suchtstoff selbst, der auf unser Gehirn einwirkt und für die Ausschüttung bestimmter „Glückshormone“ sorgt, sondern bereits das ganze Drumherum. Und es kann alles Mögliche sein, was triggert.
Interessant wird’s dann, wie das Gehirn darauf reagiert, wenn die erwartete Wirkung nicht einsetzt, und DAS kann ziemlich unangenehm werden. Näheres findest du zum Thema z.B. hier, das Thema dort ist „Dopamin und Endorphin: Stoffe, die Süchtig machen“.
Natürlich kannst du dein Gehirn umprogrammieren, aber das sollte sehr bewusst erfolgen.
Bei den Erlebnissen, von denen du erzählt hast, habe ich mich auch gefragt, ob du dir dessen so bewusst bist, was du da tust, oder ob du deine Alkoholkrankheit sozusagen „auf die leichte Schulter nimmst“ und es einfach mit der Methode „try and error“ probierst.
In einem anderen Forum, das ich kenne, wäre dir von einem Stadionbesuch z.B. dringend abgeraten worden. Ich fand den Weg einiger Hartliner dort mitunter etwas zu rigide, kann aber inzwischen ganz gut nachvollziehen, was der Hintergrund dafür ist. Es ist nichts anderes als Selbstfürsorge.
Konfrontation ist neben Vermeidung durchaus ein gangbarer Weg auf dem Weg zu zufriedener Abstinenz, aber nach meiner eigenen Erfahrung und Beobachtung lässt sich so manches Risiko, gerade wenn man am Anfang steht, nicht weitreichend abschätzen.
Zum „veganen Schnitzel“:
Wie‘s der Zufall will, hab ich mich aus gesundheitlichen Gründen eine Weile vegan ernährt. Angeblich sollte diese Ernährungsweise nämlich meine MS-Erkrankung zum Stoppen bringen können. (Kann sie leider nicht und es gibt auch keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass sie‘s könnte.)
Ich hab kein’s von den veganen Schnitzeln (Hast du dir mal die Zutatenliste angesehen? :o) gegessen. Warum auch, wär ja doch kein Schnitzel. :grins:
Stattdessen hab ich herumprobiert, wie ich mit rein pflanzlichen Zutaten leckere Speisen zubereiten konnte. Das war eine sehr interessante Entdeckungsreise und ich hab dabei so manches schmackhafte Gemüse entdeckt, das ich vorher noch nicht kannte und jetzt meinen Speiseplan bereichert. 44.
Bezüglich Kinderpunsch:
Ich mache mir meinen alkoholfreien Punsch selbst, aber nicht um Glühwein (der für mich inzwischen übrigens nur noch unangenehm nach Fusel riecht) nachzuahmen, sondern um ein zur Saison passendes Getränk zu genießen.
Grundlage ist dafür entweder Apfelsaft oder Trauben-, Kirsch-, Pflaumen-, Johannisbeersaft gewürzt mit Zimtstangen, Nelken, Kardamom, Sternanis, Piment, Orangenschale.
- Mit diesem fürchterlichen Kinderpunsch gar nicht zu vergleichen. laugh2
Kurz und gut: Probier doch mal was ganz Anderes, Neues aus!
Alkoholfreies Bier trinke ich zum Beispiel ganz bewusst nicht. Ich hab das anfangs mal für eine mögliche Alternative gehalten, aber dann ist mir so nach dem zweiten oder dritten dieses ganz leicht wattige Gefühl im Kopf aufgefallen, das ich vom Alkohol her kannte und DAS wollte und will ich auf keinen Fall mehr in meinem Kopf haben.
Prima find ich übrigens deinen nächsten Schritt. Damit hast du dir ein mögliches Hintertürchen zugemacht, dich noch mehr befreit und dir überaus wertvolle Unterstützung geholt. Schon interessant, wie viel sie schon von deiner Heimlichkeit und deinem Problem wusste und wie erleichtert sie war, dass du’s erkannt hast und angegangen bist, nicht wahr?
Das dürfte für dich noch so eine spannende Entdeckung gewesen sein.
Beste Grüße
AmSee
P.S.: Empfehlen kann ich dir übrigens z.B. noch diesen Vortrag „Der Stau auf der A 61 - Rückfallprävention“ zum Anhören.