Hallo Just4Fun,
wie geht es dir inzwischen? Hast du weitere positive Erfahrungen, weiteres hilfreiches Wissen sammeln können? Das würde mich natürlich für dich freuen. 
Wie‘s der Zufall so will, habe ich mir in einem anderen Zusammenhang heute morgen mal wieder einen dieser Vorträge zum Anhören von Prof. Lindenmeyer angesehen, und zwar „Der Untergang der Titanik“. Ich weiß nicht, ob du den inzwischen auch schon gesehen hast, ansonsten könnte ich dir den auch empfehlen.
Du hattest mich darum gebeten, dir von den Unterschieden bei der Bewältigung von Nikotin- und Alkoholsucht zu erzählen, und ich hatte dir einen ganz deutlichen Unterschied genannt. Beim Ansehen dieses Vortrages zum Anhören trat MIR dieser Unterschied nochmals ganz deutlich vor Augen. Ob dir das wohl auch so geht? nixweiss0
Mit einem Mal einer Minderheit anzugehören und gegen den Mainstream zu handeln (handeln zu müssen), ist meines Erachtens eine Herausforderung, die wir bei der Bewältigung einer Nikotinsucht eben nicht auch noch bewältigen müssen. - Nicht, dass ich die Bewältigung einer Nikotinsucht klein reden möchte, ich hoffe, du verstehst mich da richtig.
Als ich vor zwei Jahren noch ganz am Anfang stand, hat mich die Omnipräsenz und Selbstverständlichkeit von Alkohol in unserer Gesellschaft nicht sonderlich interessiert. Wichtig war für mich da eigentlich nur, zu akzeptieren, DASS ich ein Alkoholproblem habe, und DASS kontrolliertes Trinken für mich keine Option mehr ist. In meinem Faden aus jener Zeit wird deutlich, WIE SEHR ich damit gerungen habe. Es sind fürchterlich lange Texte…. :rotwerd:
Erst später, so im Verlaufe des ersten Jahres, als die Corona bedingten Einschränkungen aufgehoben wurden und das gesellschaftliche Zusammenleben wieder aufgenommen werden konnte, wurde die Konfrontation mit der Allgegenwärtigkeit und Selbstverständlichkeit von Alkohol für mich völlig unerwartet zu einer Herausforderung:
Die Nachbarn luden zum Grillen ein und selbstverständlich wurde dort Alkohol konsumiert und zu vorgeschrittener Zeit der Schnaps auf den Tisch gebracht. Ein Ereignis, was für mich, wie mir schien, noch verhältnismäßig leicht zu verkraften war und mich nicht sonderlich getriggert hat. - Dachte ich…
Am nächsten Tag bekam mein Mann bei der Arbeit ein Schlemmerpaket geschenkt, in dem sich neben Aperol weitere alkoholhaltige Lebensmittel befanden. Als er nach Hause kam und mir freudig sein Geschenk zeigte, hat MICH dann diese Flasche Aperol mit ihrer intensiven orange Farbe mächtig getriggert. Und als ich ihm das sagte, dass ich damit nicht gut umgehen kann, reagierte mein Mann enttäuscht über meine Reaktion, weil er sich über das unerwartete Geschenk als Ganzes sehr gefreut hatte. - Seine Reaktion auf mich setzte wiederum mir zu und ich fühlte mich schlecht und wie ein Versager.
Am Abend musste ich meinen Mann und eine Kollegin dann zu einer Feier außerhalb fahren und während jener Autofahrt sprachen die zwei die ganze Zeit über die Getränke-Flat, die es auf jener Feier geben sollte, und wie sie diese auszunutzen gedächten und ordentlich abfeiern würden. Konnte ich noch irgendwie verkraften, dachte ich, aber insgeheim rumorte es ihn mir, weil ich bei Feiern früher auch kein Kind von Traurigkeit war. Und jetzt sollte das alles vorbei sein?
Kurz und gut, da kam auf einmal für mich völlig unerwartet so viel zusammen und die geballte Konfrontation mit der Allgegenwärtigkeit und Selbstverständlichkeit von Alkohol haute mich um, obwohl ich mich doch eigentlich für gefestigt und zufrieden abstinent hielt. Der Anfall von Suchtdruck, den ich an dem Abend erlebt hab, war überwältigend. Sowas wollte ich NIE WIEDER erleben müssen, auch wenn ich die Erfahrung hinzugewonnen hatte, dass ich sowas durchstehen kann.
Und dann gibt’s für MICH noch einen weiteren Unterschied, der mit meiner eigenen Geschichte mit meinem Vater zu tun hat. Eine Geschichte, die sich, wie ich inzwischen in diversen Erfahrungsberichten gelesen habe, in so vielen anderen Familien wiederholt hat und wiederholt. Bei der Bewältigung MEINER Alkoholsucht hat gerade DAS nach einer Weile der Abstinenz eine besonders große Rolle gespielt. Ich war nicht wie mein Vater, aber mir war klar, wohin ich auf dem besten Weg gewesen war. Was würde der Alkohol aus mir und meiner Familie machen, wenn ich rückfällig würde?
Rauchen ist ganz gewiss nicht harmlos, aber solche Geschichten wie die von meinem Vater und anderen habe ich von Menschen, die lediglich Nikotin rauchen, noch nicht vernommen.
Ob das bei dir auch eine Rolle spielt, weiß ich nicht und kann das auch nicht beurteilen. Dass es bei dir auch nicht gerade harmlos war, darauf deuten deine ersten Posts hin.
Freundliche Grüße
AmSee