Liebe Trina,
Ich finde den Begriff "Vertrauen" hier irgendwie unpassend...ich finde keinen besseren, aber vertrauen brechen setzt voraus, dass man willentlich und geplant jemanden hintergeht. Bei einem Alkoholiker, der rückfällig wird, nicht dazu stehen will oder vor allem kann, finde ich es daher heikel von "lügen" zu sprechen wenn es ums nicht-erzählen geht. Ich versuche mich zu erklären...:
Ich bin selbst Alkoholikerin und hatte schon mit Rückfällen zu kämpfen, deshalb ist es meine persönliche Empfindung dazu, ich kann nicht sagen, ob das auch auf deinen Freund zutreffen kann. Oft ist es aber so, dass man auf Rückfälle nicht besonders stolz ist...Bei mir hatten sie zu regelrechter Selbsverurteilung geführt, Selbsthass ist ein starkes Wort, trifft aber bei mir in dem Falle zu. Ich fühlte mich als elende Versagerin, die es nicht hinbringt, nichts auf die Reihe bringt...damit musste ich zurecht kommen und das ist alles andere als einfach. Was hätte es für Folgen gehabt, wenn ich von meinem Rückfall auch noch anderen, auch dem besten Freund, davon erzählt hätte? Es hätte mich noch tiefer sinken lassen, die Schande wäre kaum zu toppen gewesen. Ich spreche hier von Gefühlen, wie ich die Situation erlebte. Mein Mann hatte die Rückfälle natürlich mitbekommen, wir leben ja zusammen. Es hat immer lange gedauert, bis er mich moralisch irgendwie wieder beisammen hatte und mir klar machen konnte, dass auch dies zur Krankheit dazu gehört (muss natürlich nicht!) und ich deswegen kein schlechterer Mensch bin.
Es ist also für so manchen schon schwierig genug damit selbst zurecht zu kommen, man fühlt sich in der Regel sch$$$ genug, es dann auch noch mit jemandem zu besprechen kann unüberwindbar sein. Dies als Vertrauensmissbrauch zu bezeichnen finde ich deshalb nicht sehr passend, denn die logische Reaktion ist doch, das eigene Leiden nicht noch zu vergrössern.
Ein anderer Grund des Verschweigens kann auch sein, dass man andere mit dem Wiederkonsum nicht belasten will oder eben eine Freundschaft nicht verlieren will...vor allem wenn man unter Druck steht, dass dies bei einem Rückfall passieren könnte. Meine Eltern zum Beispiel wissen nichts von meinen Rückfällen, es ist nicht nötig sie aus der Distanz unnötig zu belasten. Ich finde deshalb nicht, dass ich sie belüge.
Ich bin jetzt seit 10 Monaten rückfalllos, also nicht schon seit 2 Jahren trocken wie dein Freund. Ich bin auch nicht innerhalb von wenigen Wochen zum absolut top-glücklichen und ausgeglichenen Abstinenzler geworden...sowas braucht Zeit. Es ist manchmal immer noch schwierig Emotionen auszuhalten und andere Strategien zu finden. Als kampftrocken würde ich mich nicht bezeichnen, da ich durchaus ein glückliches Leben ohne Alkohol erstrebenswert und für möglich halte, ich bin aber auch realistisch genug um zu wissen, dass Veränderungen Geduld brauchen, vor allem in einer Gesellschaft die den Alkoholkonsum feiert...
Dies nur aus meiner Sicht, vielleicht kannst du Gemeinsamkeiten zu deinem Freund erkennen,
LG
Rina